Avantgardistisches Wiegenlied

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 18:
HATIS NOIT – ILLOGICAL LULLABY (2018)

Regelmäßigen Lesern dürften die Unregelmäßigkeiten aufgefallen sein: Ja, wir hier am Blog haben ordentlich mit dem Track der Woche zu kämpfen. Und so wird daraus nicht selten eher ein „Track der zwölf Tage“ oder „Track der zweieinhalb Wochen“.

Im Bewusstsein, dass unsere Zeitbudgets knapp und das Fleisch generell schwach ist, haben wir uns zwar eigentlich darauf verständigt, dass „fünf Zeilen reichen“. Aber der Ehrgeiz packt die Autoren dann doch jedes Mal aufs Neue – und auch ich merke gerade, dass sich mein heutiger Vorsatz „Diesmal wirklich nur fünf Zeilen“ schon jetzt nicht mehr ausgeht.

Sei’s drum, ich werde mich ausnahmsweise jedenfalls wirklich knapp halten: Schließlich weiß ich über den Track der Woche, „Illogical Lullaby“, eh so gut wie gar nix. Ich weiß nur, dass er erst seit nicht einmal einer Woche online ist (so flott war unser notorisch entschleunigter Blog noch nie!), dass ich ihn gestern rein zufällig beim Duschen auf Ö1 gehört habe (ja, ich höre beim Duschen manchmal Ö1) – und dass ich sofort gefangen war und wissen wollte: Wer ist das? Wer singt da?

Wer da singt, ist Hatis Noit, eine junge japanische Vokalistin, die inzwischen in London lebt. Wie den (bisher angenehm spärlichen) Informationen über die Künstlerin zu entnehmen ist, schöpft sie aus unterschiedlichsten Quellen – etwa aus dem höfischen Musikstil Gagaku, der in Japan seit dem 7. Jahrhundert gepflegt wird, generell aus buddhistischen Gesängen, zudem aus der Klangwelt der Gregorianischen und vergleichbaren Choräle, aus Avantgarde und Pop.

Das Ergebnis ist entrückt, ja fast überirdisch klingende Vokalmusik ohne erkennbaren Text (zugegeben, wenn es Japanisch wäre, wäre es für mich auch kein erkennbarer Text). Jedenfalls geht es hier ganz offenkundig um den Klang der Stimme, nicht um etwaige Inhalte, die sonst meist über Gesang transportiert werden. Worte werden hier zu Lauten, zu reiner Musik – und wir können uns endlich einmal ganz von der im Pop so verbreiteten Textfixierung lösen.

Mancher Hörer wird hier vielleicht an die erhebende Vokalmusik von Julianna Barwick denken, die bei uns am Blog ebenfalls schon einmal in einem Track der Woche präsentiert wurde, oder zum Beispiel an die experimentellen Klänge von Laurel Halo.

Zugleich spricht dieses avantgardistische Wiegenlied aber eine tiefer schlummernde Ebene in uns an: Der Titel „Illogical Lullaby“ trifft es perfekt: Jede Art von tranceartiger, hypnotisierender Musik hat ja irgendwie etwas Betäubendes, Einschläferndes, eben Schlafliedartiges an sich – und damit auch etwas Beruhigendes, Schützendes und mütterlich Tröstendes. Nicht umsonst hängen die lautmalerischen Wörter „Lullaby“ und „einlullen“ etymologisch zusammen. Und irgendwo zwischen Wachzustand und Traum lässt man dann (hoffentlich) auch die Regeln der Logik hinter sich.

„Illogical Lullaby“ (wie auch die zugehörige EP „Illogical Dance“) entstand in Zusammenarbeit mit den US-Experimentalelektronikern Matmos – was im Track ab ca. dreieinhalb Minuten besonders gut zu hören ist, wenn so etwas wie ein rudimentäres Beatgerüst einsetzt. Magisch!

Kontrollierte Ekstase

Konzertbericht: EDOM, Kulturfabrik Kufstein (KuFa-Bar), 2. März 2018

Für das Leben wie für die Musik gilt: Erwartungen sind eine seltsame Sache. Manchmal werden sie enttäuscht – und trotzdem (oder gerade deswegen?!) ist man am Ende glücklich und zufrieden. Mit Edom ist es mir gestern Abend in der Kulturfabrik genau so ergangen.

Nicht dass ich im Vorfeld viel über die Formation und die beteiligten Musiker gewusst hätte (ohne großes Vorwissen und damit möglichst unvoreingenommen in Konzerte zu gehen, empfinde ich oft sogar als Vorteil). Aber schon das Wenige, das ich wusste – es handelt sich hier um in New York ansässige Künstler aus dem Dunstkreis des Avantgardejazz-meets-Experimental-Noise-Meisters John Zorn und seiner „Radical Jewish Music“ – legte meine Erwartungen fest: Diese Musik würde lärmig und abstrakt klingen, sperrig und dissonant, schwer zugänglich und für ungeübte Ohren möglicherweise recht anstrengend.

Die Realität stellte sich dann ganz anders dar: Das Sounduniversum von Edom entpuppte sich als deutlich zugänglicher, „straighter“ und vor allem grooviger als erwartet. Mit anderen Worten: Eine völlig andere Klangbaustelle als das um maßgeschneiderte John-Zorn-Kompositionen kreisende Avantgarde-Projekt Abraxas, mit dem Bassist Shanir Ezra Blumenkranz und der aus Israel stammende Gitarrist Eyal Maoz schon zweimal in Kufstein zu Gast waren (beide Male habe ich unverzeihlicherweise versäumt). Blogkollege Johannes, der Abraxas erst kürzlich im Stromboli Hall erlebt hatte, bestätigte diesen Eindruck: Im direkten Vergleich klingen Edom ungleich zugänglicher und, ja, poppiger. Aber dazu kann Johannes hier bei Gelegenheit ja vielleicht selbst mehr erzählen …

Nur damit kein falscher Eindruck entsteht: Edoms wirbelnder Mix aus instrumentalem Avant-Rock, Fusion Jazz und jüdisch-nahöstlichen Klangfarben klingt immer noch laut, schräg und experimentell genug, um den Großteil der Middle-of-the-Road-Musikhörer zu verschrecken. Aber das Ergebnis ließ phasenweise eher an fast schon klassischen Psychedelic-, Space- oder Jam-Rock denken als an radikalen Avantgarde-Trancemetal.

Dazu trugen sicher vor allem die dominanten Synths des furiosen Tastenmanns Brian Marsella bei, die im Gesamtkontext vielleicht gewöhnungsbedürftig sein mochten – mich persönlich durch ihre atemlose Rasanz und pure Energie aber besonders elektrisierten.

 

Überhaupt, was für brillante, dabei uneitle Musiker! Statt ihre Virtuosität selbstverliebt zur Schau zu stellen, schienen alle in erster Linie fürs Kollektiv zu arbeiten und zu denken. Hier drängte sich niemand in den Vordergrund, erst recht nicht der nominelle und faktische Frontmann Eyal Maoz, der in seinem Auftreten wie bei seinen perlenden Gitarrenfiguren Understatement übte – und damit umso mehr zu beeindrucken wusste. In Summe hatte man den Eindruck von vier gleichberechtigten Frontmännern, die ineinandergriffen wie Zahnräder, aber eben nicht maschinenhaft, sondern leichtfüßig und elegant. Selbst Momente freier Improvisation (sofern solche für den Laien überhaupt zu erkennen sind) und lärmiger Ekstase wirkten stets kontrolliert und souverän – im positivsten Sinne.

Schön auch, die Kommunikation zwischen den Musikern zu beobachten: Ein kurzes Kopfnicken hier, ein kurzer Augenkontakt da, hin und wieder ein breites Grinsen oder zwei, drei kurze Sätze – und schon lief das Werkl wieder weiter wie geschmiert.

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Kalte Klänge für kalte Tage

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 17:
ERIC HOLM – STAVE (2014)

Wir haben temperaturtechnisch eine sehr ambivalente Woche hinter uns. Vor allem Mitte der Woche gab es Minusgrade jenseits der 20 trotz Sonnenschein, dann wieder beinahe T-Shirt-Wetter, schneidende Eiseskälte in der Emotionslandschaft jener Singles, die den Valentinstag etwas zu ernst nahmen, dahinschmelzende Herzen bei manch anderen, dahinschmelzender Schnee auf matschigen Gehsteigen, die anschließend erneut zugeschneit werden, dann wieder Sonne. Nach den momentanen paar Tagen angenehmer Schönwetter-Verschnaufpause schreiten wir schon wieder geradewegs der nächsten Kaltfront entgegen. Es wird also höchste Zeit für den passenden Soundtrack dazu.

Es gibt viele Mittel und Wege, wie man mit Musik den frostigen Tagen des Jahres Tribut zollen kann. Gewiss können entsprechende Songtexte innere Bilder von arktischem Schneetreiben hervorrufen, Samples von Schneetreiben oder ähnlichen eisigen Soundkulissen können ebenfalls für Kopfkino sorgen, aber in den meisten Fällen ist es eher die Musik an sich, welche widerspenstige Kälte ausstrahlt. Ganze Instrumente und ihre Klangfarben werden von Hörern als „warm“ oder eben „kalt“ erlebt und bezeichnet. Oft sind es harmonische, konsonante und organisch anmutende Klänge, die als warm beschrieben werden. Die Abwesenheit dieser Eigenschaften wirkt für die meisten Hörer als unterkühlt, auch wenn letzten Endes jeder Mensch Musik anders einschätzt und das musikalische Konsonanzempfinden für verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen ein wenig variiert. Auch Hörgewohnheiten spielen eine Rolle. Jemand, der öfters mit Musikrichtungen wie Noise, Drone oder Metal in Berührung kommt, hat vermutlich weniger Probleme, hinter den Wänden aus Verzerrung, Feedback und Störgeräuschen auch „warme“ Klänge ausfindig zu machen als andere Menschen.

Trotz aller Geschmacksfragen will ich hier stocksteif behaupten, dass dissonante, maschinell-industrielle und sterile Sounds unterkühlt wirken. Urban und entfremdet eben. Eine weitere Assoziationshilfe ist alles, was aus dem hohen Norden stammt. Denn Musiker, die aus kalten Gegenden mit wenigen bis teilweise gar keinen Sonnenstunden stammen, lassen dies sicher in ihre Zunft einfließen und können folglich ja nur dunklere Musik produzieren, oder? Ich weiß ja nicht.

Der Londoner Produzent Eric Holm hat es auf seinem Debutalbum „Andøya“ jedenfalls geschafft, sowohl das Maschinelle als auch das Nordisch-Winterliche zu verbinden, und das auf recht ungewöhnliche und innovative Art und Weise. Sämtliche Geräusche, die auf dem Album zu atmosphärischen und mysteriösen Dark Ambient Soundflächen verwandelt wurden, entstammen einem Kontaktmikrofon, welches Eric Holm an einem Telegrafenmast auf der titelgebenden nord-norwegischen Insel Andøya anheftete. Jene Masten verbinden offenbar eine Reihe alter militärischer Abhörstationen, und auch wenn (oder gerade weil) ich mit der Technik von Kontaktmikrofonen und Funkmasten nicht vertraut bin, erstaunt mich umso mehr, was für Geräusche diesem Prozess zu entnehmen sind und welch vielseitige industrielle Soundskulpturen ein versierter Produzent aus ihnen herauskitzeln kann. Die sechs Tracks auf „Andøya“ folgen alle einem recht linearen Aufbau, führen ein Soundmuster ein, welches im Verlauf an Detailtiefe und Intensität zunimmt und irgendwann wieder abschwillt. Doch jeder einzelne Track beherbergt andere Charakteristiken. Dem voluminösen, bis ins Unendliche widerhallenden Pochen von „Stave“ könnte man am ehesten noch einen organischen Soundursprung zuschreiben, überdimensionierte Klanghölzer oder dergleichen, wenn da nicht das statische Zischen und Rauschen wäre. In anderen Stücken sind es eher die tiefen Sub-Bässe, welche bedrohlich grollen und sich vor dem Hörer aufbäumen. Manchmal fühlt sich ein Track auch sehr elektronisch an, auditive Halluzinationen unter einem Hochspannungsmasten in der einsamen Prärie. Und das ominöse Fiepen des Rausschmeißers „Andøya“ könnten genauso gut ferne, verzerrte Streichinstrumente sein und lässt an klassische Lustmord-Alben denken.

Und auch, wenn das Ergebnis dieses nordischen Soundexperiments sehr gelungen ist und die Auseinandersetzung mit widerspenstigen Klängen generell etwas sehr Lohnendes haben kann, und auch wenn es sehr nett ist, für atmosphärische Musik auch das entsprechende Klima vor der Haustür zu haben, sehne ich jetzt trotzdem stabileren und wärmeren Tagen mit mehr Sonnenstunden entgegen.

 

Lass den Elch an dir vorübergehen. Ein neuer Song und neun weitere Gründe, warum das Erste Wiener Heimorgelorchester vielleicht meine österreichische Lieblingsband sind

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 16:
ERSTES WIENER HEIMORGELORCHESTER – DIE LETTEN WERDEN DIE ESTEN SEIN (2018)

Weil Blogautor Stefan Pletzer, seines Zeichens Obmann des Österreichischen Quizverbandes, chronisch „busy“ ist (wie wir in der Quizbranche sagen), springe ich mal wieder beim Track der Woche ein. Aber Steff wird zumindest indirekt präsent sein – denn kurioser- und völlig ungeplanterweise dreht sich dieser Bericht auch um den rätselhaften Themenkomplex Quiz.

Apropos rätselhaft: Das kreative Spiel mit der Sprache, mit ihren doppelten und dreifachen Böden, ihren Geheimgängen, Irrwegen und überraschenden Wendungen und nicht zuletzt mit ihrer klanglichen Qualität, hat gerade in der österreichischen Literatur und Popkultur eine lange Tradition: Diese reicht von Nestroy (mindestens) über hauptamtliche Experimentallyriker wie Ernst Jandl oder Friederike Mayröcker bis hin zum großen HC Artmann.

Bei Kabarettisten und Satirikern (Werner Pirchner, Ludwig Müller etc.) findet man die Lust an dadaistischen Wortspielen und bunter Lautmalerei genauso wie bei bekannten Bands, von Attwenger über diverse Rapformationen wie z. B. Texta bis hin zu den Superstars Bilderbuch, die gepflegte Doppelbödigkeit (Stichwort: Plansch, plunge …) ebenfalls zu schätzen wissen.

Aber niemand beherrscht das Um-die-Ecke-Singen, die Verbindung von Musik und Sprachspiel, von lautmalerischer Form und cleverem Inhalt, überzeugender als das Erste Wiener Heimorgelorchester (kurz: EWHO).

Das Quartett, das live – wie die humorvollen Söhne von Kraftwerk – hinter nerdigen Mini-Synthesizern und -Keyboards angewandten Bühnenstoizismus praktiziert, knöpft sich die Wörter und Silben gnadenlos vor, dreht und wendet, schüttelt und mixt sie, bis den Sprachbestandteilen am Ende selber ganz schwindlig im Kopf ist.

Bestes Beispiel ist die brandneue Single „die letten werden die esten sein“:
Zugegeben, die Herren vom Ersten Wiener Heimorgelorchester sind sicher nicht die Esten, äh, die Ersten, denen das titelgebende Wortspiel eingefallen ist. (Ich selbst wollte mir genau diesen Satz schon mehrfach als Teamnamen für das berühmt-berüchtigte Weltquiz merken. Genauso übrigens das Wortspiel „Wurst-Käs-Szenario“. Aber auch daraus hat das EWHO schon längst einen Song gemacht).

Die Ausgangsidee ist also vielleicht nicht ganz neu. Aber was die vier Wiener daraus machen, ist dafür umso origineller. Sie ziehen das Grundprinzip nämlich einen ganzen Song lang durch, lassen bei unterschiedlichsten Wörtern an entscheidender Stelle einen Buchstaben weg – und genießen die völlig neuen, oft verblüffenden inhaltlichen Assoziationen, die sich dadurch ergeben:

Im Himmel wie auf Eden. Lass den Elch an dir vorübergehen. Nutze jede noch so keine Chance. Man soll nicht mit den Wölfen Eulen. Und und und. Jede Zeile eine kleine Intelligenzperle.

Das zugehörige, minimalistische Video ist ein Musterbeispiel für songdienliche Ökonomie statt hohlem Gigantismus:

Und wen das noch nicht restlos überzeugt haben sollte: Hier sind neun weitere Gründe, warum man das Erste Wiener Heimorgelorchester einfach mögen muss: 

1.) Das EWHO leistet sprachliche Entwicklungs-Hilfe:
Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. In einem ihrer ebenfalls brandneuen Songs verhelfen die Heimorgler der Sprache ganz buchstäblich zur Entfaltung. Und dem in der Popkultur bisher sträflich vernachlässigten Themenkreis „Fische und Wasservögel“ zu einem meerchenhaften Auftritt:

2.) Das EWHO hat den vielleicht ungewöhnlichsten deutschsprachigen Politsong ever geschrieben:
Der schöne Satz „Widerstand ist Ohm“ ist (nach dem Sieg des EWHO beim FM4-Protestsongcontest 2009) zumindest in der heimischen Alternativszene zum geflügelten Wort geworden – und zeigt die ganze schillernde Fantasie der Band: Hier geht es gleichzeitig um elektrischen und politischen Widerstand (auf beide passt die geniale Formulierung: „Gegen den Strom“) und auf einer dritten Ebene auch noch um das meditative „Ommmmmmm“. Und das ist erst der Refrain!

Hier ein recht feiner, allerdings leider rein instrumentaler Remix:

Das unerreichte Original kann, nein MUSS man sich z. B. HIER anhören.

3.) Das EWHO hat das erste (und beste) Lied zum Thema Umlaute geschrieben:
Und das Ergebnis ist ohne Ubertreibung majestatisch, koniglich, legendar:

4.) Das EWHO sucht (und findet) den direkten Austausch mit Literaten:
Ob Ror Wolf, Clemens J. Setz oder, auf dem neuesten Album, Antonio Fian: Alle haben schon Texte für das literarische Orchester beigesteuert oder ihm zur Vertonung bereitgestellt. So unverkopft kann Lyrik klingen – und doch jede Menge Köpfchen haben. Vom EWHO würde ich mir sogar einen Gedichtband kaufen. Oh, es gibt ja tatsächlich einen!

5.) Vom EWHO stammt der vielleicht originellste Wien-Song ever:
Der heißt nicht etwa „Wien, wie es einmal war“ sondern „Wien, wie es zweimal war“. Im Wien, wie es das EWHO herbeihalluziniert – und hier darf ich einen alten Blogeintrag meinerseits re-zitieren – gibt es tatsächlich alles doppelt: zwei Stephansdome, zwei Donauströme, einen doppelten Lainzer Teich – „und der Vierfachadler hängt über Kaisergruft 1 und 2“. Klar, dass auch der Sänger bekennt: „Meine beiden Herzen und meine zwei Sinne gehören Wien“.

6.) Das EWHO hat ein ganzes Kraftwerk-Album gecovert:
Und sich bei diesem gewagten Versuch nicht nur nicht blamiert, sondern, im Gegenteil, lässige LoFi-Neudeutungen von Klassikern wie „Die Roboter“, „Spacelab“ und besonders „Die Mensch-Maschine“ zustande gebracht.

7.) Das EWHO hat der Hauptstadt von Liechtenstein ein musikalisches Denkmal gesetzt:
Einer beschaulich-konservativen Kleinstadt wie Vaduz eine verruchte, anrüchige Aura zu verleihen – und zugleich wenig popaffinen Ortsnamen wie Schaan, Nendeln oder Gamprin in einen Songtext zu verhelfen – ist große Kunst. Und einmal mehr ausgesprochen (!) Weltquiz-tauglich.

8.) Das EWHO hat den ultimativen Pubquiz-Panik-Song geschrieben:
Jeder Pubquizzer – und im Grunde jeder Mensch, der irgendwann einmal eine Prüfung ablegen musste – kennt das Quizäquivalent zur Angst vorm weißen Blatt, nämlich die Angst vorm schwarzen Loch, in dem plötzlich das gesamte im Hirn gespeicherte Wissen versickert zu sein scheint. Alle Begriffe, die sonst problemlos greifbar sind, haben das Weite gesucht. Man weiß auf einmal gar nichts mehr. Genau davon handelt „Alles ist vergessen“.

Und der Satz „Mir geht es wie dem … Dings bei der Frage der Sphinx“ wäre allein schon einen Nobelpreis wert!

9.) Ein Mitglied des EWHO hätte fast die Millionenshow gewonnen – und trägt den besten Quiznamen aller Zeiten:
Um das Ganze noch verblüffender zu machen – denn das wusste ich vor der Recherche für diesen Beitrag wirklich nicht -, möchte ich zum Schluss noch auf einen ganz direkten Konnex zwischen der Pubquizwelt und der Ersteswienerheimorgelorchesterwelt verweisen: Eines der Bandmitglieder trat 2017 als Kandidat bei der Millionenshow mit Armin Assinger auf und schaffte es bis zur Millionenfrage! (Die ich übrigens gewusst hätte – wenn ich auch nie so weit gekommen wäre). Am Ende waren es immerhin satte 300.000 Euro Preisgeld.

Und, um die Sache ein weiteres Mal zu toppen: Der betreffende Kandidat, Schriftsteller und EWHOler trägt den schönsten Quiznamen der Welt. Er heißt nämlich Daniel WISSER.

Eigentlich ein allzu naheliegendes Wortspiel. Aber eines, dass am Ende dieses Textes einfach sein muss.

Hier klingt’s nach Pisse!

Konzertbericht: PISSE (Support: JANÖSCH), PMK Innsbruck, 4/02/2018

Und da heißt es oft: Heutzutage sind keine Pionierleistungen mehr möglich, alles wurde schon irgendwann irgendwo von irgendwem gemacht. Ich kann mit Stolz den Gegenbeweis antreten: Zuerst zum Mullerlaufen in Thaur, abends dann zur radikalen Punksause in die PMK – diese bizarre sonntägliche Kombination hat in der Menschheitsgeschichte vor mir noch keiner vollbracht. Behaupte ich jetzt einfach mal.

Nicht, dass das eine besondere Leistung wäre. Aber außer einer gewissen Tendenz zur Anarchie, die beiden Veranstaltungen gemeinsam war, hätte der Kontrast definitiv nicht größer sein können – und die Schnittmenge (= ich) im Publikum praktisch nicht kleiner.

Den ohrenbetäubenden Aufakt (in der PMK, nicht beim Mullerlaufen) lieferten Janösch aus Innsbruck: Brutal geknüppelter Hardcore-Punk mit klanglichem Naheverhältnis zum Metal, wobei der Hauptunterschied in der Länge der Songs (niedrig) und dem Politgehalt (hoch) lag.

Für meinen persönlichen Geschmack war das Ganze – trotz politisch aufgeladener Sprachsamples – deutlich zu brachial und humorlos, dafür aber mit viel gerechtem Zorn gespielt, etwa gegen die „Bonzenstadt Innsbruck“ mit ihren Schlaf- und Alkoholverboten.

Wie sagte es der Ankündigungstext: „Subtil wie ein Faustschlag ins Gesicht“. Oder subtil wie das T-Shirt des Drummers, auf dem der in Tirol so populäre „Es gheat oanfach viel mehr gschmust/glesn etc.“-Spruch kurzerhand in „Es gheat oanfach viel mehr ogstochn“ geändert wurde. Das Publikum ging jedenfalls schon hier vorbildlich ab. So wie im Anschluss bei „Pisse“.

Pisse – schon mal ein exzellenter Name für eine Punkband. Und auch schon alles, was ich im Vorfeld über die Formation wusste. Jetzt ist das übrigens nicht viel mehr, denn Pisse scheinen jede Art von Hey-Wir-spielen-in-einer-Band-Getue oder Personenkult zu verabscheuen. Auch ihr Wikipedia-Eintrag macht das deutlich, wo unter „Aktuelle Besetzung“ Folgendes zu finden ist:

Gitarre, Gesang: Ronny
Schlagzeug: Ronny
E-Bass, Theremin: Ronny
Synthesizer: Ronny

Pisse, so viel ist noch in Erfahrung zu bringe, kommen aus Hoyerswerda in der Oberlausitz (Sachsen), ein Name, den man hierzulande höchstens mit brutalen Neonazi-Attacken in Verbindung bringt. Was man ansonsten noch wissen sollte: Pisse verfügen über gleich zwei Frontshouter (einer Typ asketischer Brillen-Nerd, einer Typ zorniger Wuschelkopf mit Tattoo und Muskelshirt). Und vor allem: Pisse impfen ihren harten „Minimalist Punk“ mit einer heilsamen Dosis schäbiger, jaulender, quietschender Elektronik.

Das klingt erfrischend und vital und verhindert, dass der zackige Deutschpunk ins allzu Brachiale und Martialische abgleitet – was gerade bei diesem Genre ja eine inhärente Gefahr darstellt (und mich persönlich oft ein wenig auf Distanz gehen lässt). Die fiesen Synthie-Klänge passen jedenfalls perfekt ins Klangbild, das sollten eigentlich (wieder) mehr Punkbands so machen. Fazit: Pisse fetzten live gewaltig, klangen mitreißend und energetisch – und genau das zählt bei Punk, mindestens so sehr wie die Message.

Wobei es bei Pisse an Messages erst recht nicht fehlt. Denn ihre eigentliche Stärke sind die Texte, die so sind wie ihre Songs: knapp, prägnant, hart auf den Punkt gebracht. Zu gleichen Teilen sloganhaft, illusionslos und hymnisch. Gewitzt, aber ganz weit weg von jedem Klamauk oder (schreckliches Wort!) Funpunk. Bela B. ist Fan – zurecht.

Eine Kostprobe gab es gleich zu Beginn mit „Alt sein“, einer gnadenlosen Senilitätsfantasie:

Ich möchte alt sein. / Mit einem Krückstock / Will ich einschlagen auf den Fahrkartenkontrolleur!
Und wenn ein Mädchen / Mich anlächelt / Dann ist’s mir gleich / Denn dieser Fisch laicht nicht mehr.

Zum Schluss erfährt der Song dann noch einen Dreh ins Surreale, wenn der Ich-Erzähler den Wunsch äußert, Enten zu füttern – mit Entenfutter, altem Brot und Liquid XTC.

Auch in „Drehtür“ wird die entsetzliche Trostlosigkeit metaphysisch überhöht, indem am Ende der Tod in Gestalt eines Pizzamanns erscheint. Davor heißt es, schmerzhaft präzise formuliert:

In der Drehtür des Lebens / Läufst du immer schön im Kreis / Eine tote Seele / Für die Ewigkeit.
Alles endet so / Wie es einst begann / Du liegst in deinem Bett / Und hast die Windeln an.“

Und später:
„Hier wurdest du gezeugt / hier wirst du sterben / In einem Bett von IKEA“.

Bumm! Das sitzt, das trifft den Nerv vieler Menschen, die sich wundern, warum sie in der Hochleistungs-/Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft einfach nicht so richtig glücklich werden wollen. Das Köpfenicken im Publikum hatte hier sicher nicht nur mit der Musik, sondern auch mit dem befreienden Gefühl zu tun, wenn jemand die eigene Befindlichkeit so auf den Punkt bringt, wie man es selber gerne schaffen würde.

Generell scheinen Pisse von wenig glamourösen Themen wie Alter, Krankheit und Wahnsinn geradezu besessen zu sein, etwa auch in „Ich bin der schönste Mann in der Nervenheilanstalt“ (übrigens von einem Album mit dem WTF-Titel „Mit Schinken durch die Menopause“). Auch im zackigen „Beerdigung“ treffen sie direkt in die Magengrube:

Domestizierte Langeweile / Die sie dir als Fun verkaufen / Tagsüber Selbstverwirklichung / Abends Cua Libre saufen / Tote bringt man nicht mehr um.

Ein weiteres Mal: Bumm!

Selbst erkennen darf man sich – auf welcher Seite des Spektrums auch immer – ebenso, wenn Pisse Mordfantasien auf einer Vernissage entwickeln, voller Zorn auf die an Sektflöten nuckelnden Bobos, deren Zunge „nach Arsch“ riecht – und zwar „von dem edlen Prinzen, der das alles hier bezahlt“.

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Reinhold Macks Erben

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 15
VULFPECK – DEAN TOWN (2016)

Beim aktuellen Track der Woche gibt die Bassline den Ton an, und zwar in „Dean Town“ von Vulfpeck. Joe Dart, die fleischgewordene Rhythmusmaschine, bedient hier den Fender-Bass und hebt die Basslinie in den Vordergrund, sie ist gleichzeitig Puls und Melodie des Tracks.

„In metronome factories, they use Joe Dart’s Dean Town bassline for timesetting and quality control.“
– YouTube-Kommentar zu „Dean Town“

Die Formation aus Michigan hat sich der tanzbaren Musik und den funky Grooves verschrieben, aber aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Ihre Helden sind Session-Musiker wie die Funk Brothers, die Hausband des Motown-Labels, wo mitunter Stevie Wonder und Michael Jackson produziert wurden, oder die Wrecking Crew, welche auf unzähligen Aufnahmen der 60er zu hören ist, u.a. auf dem Album „Pet Sounds“ von den Beach Boys. Die Band sieht sich dabei als Rhythmustruppe, spielt hauptsächlich instrumental, und bietet das Fundament für häufige Auftritte von Gastinstrumentalisten und -sängern.

Ihr größtes Vorbild dürfte jedoch Reinhold Mack sein, ein deutscher Produzent, welcher bei Electric Light Orchestra und Queen mitmischte. Vulfpeck quasi als „deutsche“ Version der klassischen amerikanischen Studio-Band.

„Talk about space, you could rent out the space between the kick drum and the snare drum in New York, for fifty-hundred dollars a month.“
– Jack Stratton (Vulfpeck) über Reinhold Macks Arrangement von „Another One Bites the Dust“

Doch Vulfpeck geben sich auch als Wissenschafter. Bis ins Detail werden Songs und Sounds studiert und zerlegt: Wieso groovt dieser eine Song bloß so? Im Videoformat „Holy Trinities“ wird den unbekannten Akteuren gehuldigt, jenen Musikern und Produzenten, welche oft hinter großen Studio-Produktionen stehen. Besonders zu empfehlen ist hier die Folge „Guitar“, in der Vulf Jack Stratton einen Dialog zwischen David Bowie und Chic-Urgestein Nile Rodgers zitiert.

Nile Rodgers: „David, do you think I made this too funky?“
David Bowie: „Nile darling, is there such a thing?“

Dabei wird es sich wohl um die Session zu „Let’s Dance“ gehandelt haben, der Bowie-Song wurde von Nile Rodgers produziert.

Wie oben zu erkennen, spielt der Humor eine sehr große Rolle in der Band. Ihre Live-Auftritte erinnern mitunter an Fernsehsendungen aus den 70ern wie etwa Midnight Special: Es wird viel posiert und dauernd kommentiert, Jack Stratton scheint eine kleine Plaudertasche zu sein.

Besonders möchte ich auch noch auf die Ästethik der Videoproduktionen hinweisen. Das ist etwas komisch, da ich an sich keine Musikvideos mag. Aber die von Vulfpeck mag ich: Meist sieht man die paar Herren in der Session, oft kommt noch eine komische Komponente dazu, wie z.B. bei „Cory Wong“, wo man zu den bewegten Bildern das Drehbuch lesen kann.

SWISH PAN: JOE bass fill

WOODY smiles. A common reaction to a great bass fill.

Ganz nebenbei entwickelte die Band bei einer Musikaufnahme-Software mit, um einen Sound mit dem richtigen Punch sicherzustellen, und kreierte eine eigene Schriftart (!). Ja, im Universum von Vulfpeck tut sich einiges.

Vielen Dank an dieser Stelle an meinen Bandkollegen Mex, welcher die Band vor Kurzem in einer längeren Autofahrt ausführlich präsentierte.

Jetzt aber genug, wir wollen diese elektrisierende Basslinie endlich hören!

Tiroler Magie, die auch international verzaubert

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 14
MOLLY – GLIMPSE (2017):

Fantastische Shoegaze/Dreampop/Post-Rock-Klänge – aus Tirol?? Die ungläubigen Fragezeichen kann man sich getrost sparen – wie ja überhaupt die Vorstellung, dass aufregende und innovative Musik nur in den großen Zentren der Popkultur entstehen könne, ziemlich borniert ist. Kreative Köpfe und spannende Entdeckungen gibt es schließlich überall.

Dennoch war auch ich beim ersten Hören überrascht, WIE gut das 2014 in einem Tiroler Probekeller formierte, inzwischen in Innsbruck und Wien beheimatete Duo Molly wirklich klingt – wie elegant und, im besten Sinne, abgeklärt und souverän.

„Glimpse“ heißt die jüngste, nunmehr dritte EP, die Anfang Dezember als limitiertes 12-Inch-Vinyl auf dem britischen Label Dalliance Recordings erschienen ist. „Glimpse“ heißt auch die A-Side, ein acht Minuten schwerer, kontrast- und spannungsreicher Brocken Musik, der Lars Andersson (Gesang, Gitarre) und Philipp Dornauer (Drums, Synthesizer) alle, nein: genau die richtigen Register ziehen lässt. Und der national wie international bereits beachtliche Resonanz gefunden hat.

Schon zum wiederholten Male Lob auf der US-Plattform Stereogum, Song des Tages auf der britischen Independent-Seite The Line of Best Fit, Features in deutschen Medien oder gar auf der Website des russischen Rolling Stone (ja, den gibt es tatsächlich): Keine Frage, das Talent von Molly spricht sich gerade ziemlich herum.

Hierzulande natürlich auch auf FM4: Dort waren die beiden nicht nur in den Jahrescharts bestens vertreten (Platz 56), sondern zuletzt z. B. auch Soundpark-Act des Monats samt Session im Studio2 und mehreren großen Features.

Auch internationale Liveshows haben Molly schon einige bestritten, darunter einen offenbar vielbeachteten Auftritt beim Showcase-Festival The Great Escape in Brighton oder auch eine erste Europatournee (u. a. im Vorprogramm von Xixa).

Der Blick in die Kommentarsektion der Videoportale, den man ansonsten bekanntlich eher vermeiden sollte, zeigt ebenfalls, dass die Musik der jungen Tiroler vielerorts begeisterte Hörer findet – von Brasilien bis zu den Philippinen, von China bis Honduras, im englischsprachigen Raum sowieso. Kurz gesagt: Eine beachtliche internationale Karriere scheint für Molly durchaus möglich.

Und womit? Mit Fug und Recht, wie u. a. der Track „Glimpse“ beweist. „Dreamy alpine airiness“ steht im Beipackzettel der Plattenfirma – und das trifft es nicht schlecht: Molly lassen ihre Musik atmen, statt in jugendlichem Ungestüm (btw, nichts gegen jugendliches Ungestüm!) zu viel auf einmal zu wollen. Sie nehmen sich Zeit und Raum, um Dramaturgie und Atmosphäre umso wirkungsvoller zu entfalten. Die Melodie schält sich so erst nach und nach aus dem Rauschen und Dröhnen, der sanft verhallte, verwehte Gesang setzt erst nach über zwei Minuten ein. Etwa zur Halbzeit nehmen Wucht und Dynamik spürbar zu, bis Molly das Stück in ein gewaltiges, düster lärmendes Finale münden lassen. Aus dem Lufthauch ist da längst ein Sturmwind geworden.

Dazu gibt es ein meditatives bis milde verstörendes Video mit dem einmalig-einzig-echten Mike Zangerl:

Wie fachgerecht Molly es verstehen, die genretypische Soundwand aus verwaschenen, Effektpedal-getriebenen Gitarren und Synthesizerflächen aufzuziehen, ist an sich schon beeindruckend – umso mehr aber, wenn man bedenkt, dass da eben nur zwei Musiker am Werk sind. Mit Anfang 20 noch dazu zwei sehr junge.

Auch die B-Seite der EP – mit „Time And Space“ und „Time And Space Pt. 2“ – weiß zu überzeugen. Wenn in es in Teil eins etwa nach mehr als dreieinhalb Minuten zum Bruch kommt und plötzlich sphärischer Gesang in hoher Tonlage einsetzt, denkt man nicht nur an Shoegaze-Genreväter wie Slowdive oder My Bloody Valentine, sondern mindestens ebenso sehr an  skandinavische Atmosphäriker wie Sigur Ros – die Molly ebenfalls als Einfluss nennen.

Die Wucht, mit der das alles daherkommt, etwa auch in der hymnischen, 2015 veröffentlichten Debütsingle „Sun, Sun, Sun“, hebt Molly auch wohltuend vom bisweilen etwas blutleer und akademisch anmutenden Post-Rock-Genre ab, während Laut-Leise-Dynamik und effektvolle Dramaturgie dafür sorgen, dass sie nie in allzu einförmiges Schuhestarren verfallen.

Apropos: Molly sind nicht nur Studiotüftler, sondern gelten auch und vor allem als tolle Liveband – als solche konnten sie, wie man liest, übrigens auch ihren jetzigen Labelboss überzeugen. Nachprüfen kann man diese wahrhaft hypnotisierende Qualität nun auch in einem 45-minütigen, in einer Tiroler Bogenschießarena zwischen Plastikbäumen und künstlichen Tieren aufgenommenen Konzertfilm. Nachprüfen sollte man das aber natürlich vor allem bei einem der Auftritte des Duos. Ich zumindest habe mir das fix vorgenommen.

2018 dürfte sich dafür hoffentlich doch die eine oder andere Gelegenheit eröffnen – heuer soll es nämlich nicht nur ein Debütalbum geben, sondern auch eine Europatournee. Go for it!

FOTONACHWEIS: NIKO HAVRANEK

Ein Stück Einfachheit

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 13:
OH SEES – NITE EXPO (2017):

Das Dasein als Garagenrockband stellt man sich oftmals so vor, wie der von ihnen produzierte Sound klingt: schnörkellos, geradeaus, unverkopft und nicht zuletzt sehr kurzweilig. Und auch, wenn Thee Oh Sees (alternativ auch einfach Oh Sees, The Oh Sees, The Ohsees, OCS, oder wie auch immer Mastermind John Dwyer und seine Mitstreiter gerade genannt werden wollen) sicher noch genug vom bewusst roh und wild gehaltenen Sound in ihrer Musik tragen, so ist die vielbeschäftige Band doch weit vom stereotypischen Vorstadt-Garagenprojekt entfernt.

Zum einen sind die Jungs bei weitem keine Teenager mehr und die Band existiert mittlerweile bereits seit mehr als 20 Jahren. In dieser stattlichen Laufbahn brachte das unermüdliche Kollektiv, wenn man den öfters mal wechselnden Musikerkreis rund um Dwyer so nennen will, sage und schreibe 19 Studioalben heraus. Zum anderen beschreibt „Garage Rock“ höchstens das Fundament und die Soundästhetik der Musik und wird der regelrechten Wundertüte an Genrespielereien und Ideen, die auf jedem ihrer Alben auf die Hörerschaft losgelassen werden, nur ansatzweise gerecht.

Auf dem aktuellen Album „Orc“ finden sich nicht selten schwere  Riffs, die am Metal-Territorium kratzen, Rücken an Rücken mit Synthesizern, welche die Gitarren entweder begleiten oder ihr völlig eigenes Retroding durchziehen. Droniges, zähflüssiges Gitarrengewaber wird von Streichinstrumenten begleitet, das Drummer-Doppelpack (!) entführt das Songgerüst und gibt es erst nach einem mehrminütigen Solopart wieder her, der dumpfe Bass reitet wellenartig auf und ab, bis selbst der Sänger nur noch ein in Delay getränktes Japsen hervorbringt. Oh ja, und Psychedelia! Das Album spart nicht mit diversen Facetten psychedelischer Musik, ob nun zeitgemäße Heavy Psych Jamparts oder auch direkt von krautig-kauzigen Bands der 60er und 70er entliehene Versatzstücke.

Aber trotz aller Verspieltheit, der Kern bleibt. Wenn nicht gerade völliger Virtuoso-Wahnsinn passiert, ist man im Garagensound daheim. Es scheint immer noch hauptsächlich darum zu gehen, Spaß zu haben, nicht lange zu fackeln und seine Ideen als Band zu realisieren. Spaß und Rückbesinnung auf einfachere Zeiten waren laut Pressetext auch Hauptgrund dafür, rund um Halloween ein sehr einfaches und verspieltes Musikvideo zum Song „Nite Expo“ zu veröffentlichen. „Imagination running wild and no thoughts of a heavy world.“

Track schön und gut, aber eigentlich handelt es sich hier eher um das Musikvideo der Woche. Jede Sekunde des von Alex Theodoropulos handgezeichneten Videos hat diesen „so bad it’s good“-Charme uralter Cartoonserien. Es ist irgendwie herrlich absurd, mit anzusehen, wie der Protagonist über die Länge des Songs hinweg einfach nur durch einen schier endlosen Tunnel stapft und mühelos ein plump und simpel animiertes Monster nach dem anderen zerschnetzelt. Und als würde man nicht ohnehin bereits kopfkratzend mit einer Mischung aus Belächeln, Unterhaltung und Verwirrtheit vor dem Bildschirm hocken und sich Gedanken um Sinn und Unsinn dieses farbenfrohen Monsterblutbads machen, wartet das Ende des Videos mit einem Outro auf, wo endgültig bei jedem entweder Fassungslosigkeit oder Gelächter eintreten dürfte.

Unabhängig davon, ob man dieses simple Video jetzt auf seine eigene Art und Weise charmant und unterhaltsam oder eben total bescheuert findet, darf man sich den Song und auch das dazugehörige Album gerne zu Gemüte führen.

Wagemutiger Post-Punk mit gewaltigem Suchtfaktor

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 12:
MISSION OF BURMA – NICOTINE BOMB (2004):

Österreich hat ein Rauchverbot, das nun doch nicht kommt. Kim Jong-un und Donald Trump haben Atombomben, die ihnen einen medienwirksamen Phallusvergleich ermöglichen. Doch Mission Of Burma haben etwas viel Besseres: eine Nikotinbombe!

„Nicotine Bomb“ stammt von ONoffON, jenem grandiosen Album, mit dem die einflussreiche Post-Punk-Band aus Boston 2004, 22 Jahre (!) nach ihrer letzten Studio-LP, triumphal zurückkehrten. Triumphal, was das Kritikerlob angeht, wohlgemerkt, denn eine kommerziell erfolgreiche Band waren Mission Of Burma nie.

Dafür eine umso einflussreichere: Mit ihrem rauen, dringlichen Sound, der die Wucht und Kompromisslosigkeit des Punk mit dem Gespür für betörende Popmelodien und dem Mut zu Lärm, Dissonanz und Experiment verband, zählen sie aus heutiger Sicht zu den wichtigsten Wegbereitern alternativer, innovativer Rockmusik überhaupt. Die Liste jener Bands und Künstler, die sich auf Mission Of Burma berufen (haben), ist lang, sie reicht von Jello Biafra bis Nirvana, von R.E.M. bis Sonic Youth, von Graham Coxon bis zu den Pixies, von Bob Mould über Yo La Tengo oder Guided By Voices bis hin zu Moby.

Hauptsongschreiber der Band, die ursprünglich nur von 1979 bis 1983 existierte und sich erst 2002 wieder zusammenfand (seither erschienen vier Studioalben), waren und sind Sänger und Gitarrist Roger Miller sowie Sänger und Bassist Clint Conley. Dazu kommen Schlagzeuger Peter Prescott und der hauptamtliche „Tape-Manipulator“ (!) und Soundingenieur Bob Weston, der diesen ungewöhnlichen, für den Burma-Sound eminent wichtigen Part (Tape-Effekte, Loops, Drones, Verfremdungen etc.) von Gründungsmitglied Martin Swope übernahm.

Conley ist laut Wikipedia eher der Mann für die eingängigeren, hymnischeren Nummern, er gilt quasi als die „hook machine“ der Band. Von ihm stammt neben dem größten Bandhit „(That’s When I Reach For My) Revolver“ eben auch das wunderbare „Nicotine Bomb“. Dieser Track ist mit seiner Kombination aus kantig-abstraktem Klangbild, unwiderstehlichen Harmonien und anspruchsvollen Lyrics („Vertical expression / horizontal desire“) geradezu ein prototypischer Burma-Song.

Live war bei Mission Of Burma von magischen Momenten bis hin zu furchtbar zähen Lärmorgien übrigens alles drin: „When they were good, they were very very good, but when they were bad, they were horrid“, schrieb der Kritiker Tristam Lozaw. Spannend war diese Band also immer!

Für mich persönlich führt an Mission Of Burma ohnehin kein Weg vorbei – schließlich steckt mein Spitzname ja im Bandnamen. Das hartnäckige Gerücht, Mission Of Burma hätten sich nach mir benannt, ist allerdings nicht haltbar – ebensowenig wie die Vermutung, meine Geburt im Jahr 1982 hätte sie zu ihrem fulminanten Debütalbum „Vs.“ inspiriert …

Zum Schluss bleibt mir nur noch die dringende Empfehlung, sich ins faszinierende Werk dieser Gruppe zu vertiefen. Und der fromme Wunsch, dass Blogkollege Stefan, seines Zeichens Österreichs bester Quizmaster, die – nach einer Gedenkplatte an einer Botschaft benannte – Formation einmal bei seinem fabelhaften Weltquiz bringen möge. Mission Of Burma und ich wären ihm sehr dankbar dafür!

Weitere Anspieltipps: (That’s When I Reach For My) Revolver, That’s How I Escaped My Certain Fate, Academy Fight Song, Weatherbox, (This Is Not A) Photograph, The Setup, The Enthusiast, Dirt, Careening With Conviction, Period, Dust Devil, What They Tell Me

Kinderchöre und Kurioses, Türkpop und Todescountry. Oder: Mit Udo Jürgens in der Disco! Chronologie eines laaangen Hörabends

Nennt es Faulheit. Trägheit. Den (gescheiterten) Versuch, über die Weihnachtsfeiertage den wochenlang aufgestauten Schlafmangel zu beheben. Auf jeden Fall habe ich meine vollmundige Ankündigung, den jüngsten – schön ausufernden – Hörabend bei mir zuhause rasch in einen – schön ausufernden – Beitrag zu verwandeln, bislang nicht wahr gemacht.

Doch im Sinne meines zweiteiligen Neujahrsvorsatzes (1. Du sollst mehr schreiben! 2. Und zwar nicht im Büro, kapiert?!) möchte ich diese Lücke hiermit füllen. Schließlich war es ein langer, geselliger und, wie ich finde, sehr vergnüglicher Musikabend – der hoffentlich nicht davon überschattet wurde, dass ich mich als kleiner Musikdiktator gebärdet und die Gäste womöglich etwas zu wenig an den „Play“-Button gelassen habe. Aber, hey!, dafür ist man schließlich Gastgeber – um den Besuchern den eigenen Geschmack aufs Auge drücken zu können ;-).

Musikalisch sind wir dabei, um es mal in Fußballkommentatorendeutsch zu sagen, „weite Wege gegangen“: Es gab Kuriositäten und Raritäten, elegante Übergänge und abenteuerliche Stilsprünge, Kinderchöre und Todescountry, Psychobelly und Udo Jürgens (!), Songtitel wie „Prisencolinensinainciusol“ und Bandnamen wie Kiss The Anus Of A Black Cat, aufschlussreiche Neuentdeckungen – und nicht zuletzt erste Einblicke in künftige Jahrescharts (die auf diesem Blog bekanntlich später erscheinen als irgendwo sonst in der nördlichen Hemisphäre).

Trotz meiner etwas schleißigen Mitschrift und des nicht unbeträchtlichen Konsums an (teilweise abgelaufenen) Bierspezialitäten – zwischen beiden Tatsachen besteht womöglich ein Zusammenhang – möchte ich versuchen, im Groben nachzuzeichnen, was an diesem Abend so alles „ging“:

Der Auftakt stand unter dem Motto „Kinderchor im Pop“, mit dem stillschweigenden Zusatz, dass damit NICHT die verzweifelten „Pop“versuche der bedauernswerten Wiener Sängerknaben gemeint sind. Stattdessen gab es Fallbeispiele für – meine – These, dass Musiker besonders gern bedrohliche oder krasse Aussagen in junge Münder legen, etwa bei These New Puritans, die Kinder von „Angriffen im September“ singen lassen („It was September / Holy really. / It was September / This is attack!“). Oder bei den Locas in Love, bei denen die Kleinen u. a. folgenden schönen Satz krähen: „Dieses verdammte Deutschland hat mich dazu getrieben!“

Mit der „Nature Anthem“ von Grandaddy gab es aber auch ein Liedbeispiel zu hören, in dem der Kinderchor für die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit, Unschuld und selbstverständlichen Naturverbundenheit der Kindheit steht. Und zugleich gab es damit den willkommenen Anlass, noch weiter in die Musik dieser tollen Band vorzudringen.

Kollege Stefan trat dabei den Beweis an, dass das komische „Pling“-Geräusch in Grandaddys formidabler Single „Now It’s On“ (ca. ab 1:19) genauso klingt, als wäre es dem Soundtrack zum Amiga-Computerspiel „Blood Money“ entsprungen:

Nach einem weiteren düsteren Kinderchor-Abstecher zu den Cramps ließ dann auch noch der Leinwandschönling (wie man früher gesagt hätte) Ryan Gosling mit Dead Man’s Bones die Goldkehlchen singen und die Zombies tanzen. PS: Und weil die kleinen Racker so herzig sind, wird es hier am Blog in Bälde einen eigenen Beitrag zum Themenkreis Kinderchor goes Pop/Rock/Grindcore geben. Großes Indianerehrenwort!

Vom Kindergarten ging es in der Folge schnurstracks zum nächsten Soundschwerpunkt in die Türkei und – weil man als Eurozentrist ja alles gern über einen Kamm schert – auch gleich in den „arabischen Raum“ und nach Westafrika. Die großartigen Moğollar entführten in die faszinierende, hierzulande weitgehend unbekannte Welt der türkischen Psychedelia (auch: Anadolu Rock), in der Rockmusik westlicher Prägung mit Rhythmen, Harmonien und Instrumenten aus der türkischen Volkskultur aufs Hypnotischste zusammenfand:

Wie aufregend solche musikalischen Grenzüberschreitungen klingen – die im autoritären politischen Klima dies- und jenseits des Bosporus wohl kostbarer denn je sind – beweisen auch neuere Formationen wie Baba Zula mit ihrem „Oriental Dub“ bzw. „Psychobelly“ (schließlich gibt’s bei den Konzerten auch leibhaftigen Bauchtanz!).

In der Folge führte die Reise über israelisch-jemenitische Klänge (A-WA) oder betörenden Tuareg-Blues (Tinariwen) bis zum malischen Großmeister Ali Farka Touré.

Der Schritt zu den amerikanischen Indie/Punk/Alternative-Country-Pionieren Camper Van Beethoven war dann nur scheinbar ein großer: Schließlich passt deren surrealer Politpop-Klassiker „Take The Skinheads Bowling“ heute (leider) ebenso gut ins politische Klima wie 1985. Und ihr schräger Zugriff auf Status Quo ist ebenfalls unwiderstehlich:

Apropos schräg: Die nächsten (mindestens) zwanzig Hörabend-Minuten gehörten einem US-Künstler, der seit Jahren verlässlich zwischen Genie und Wahnsinn, göttlichen (Dreampop-)Melodien, blöden Sprüchen und verstrahltem LoFi-Trash oszilliert, nämlich Ariel Pink, dem Syd Barrett für das 21. Jahrhundert. Mit „Dedicated To Bobby Jameson“ hat er gerade wieder einen überzeugenden Beweis seiner Klasse – und seiner Seltsamkeit – abgeliefert. Sunshine, wrapped in rainbows!

Wer Dreampop sagt, muss auch Shoegaze sagen. Und wer Shoegaze sagt, muss auch Slowdive sagen. Zumal die Legenden nach schlappen 22 Jährchen 2017 ein Comeback-Album veröffentlicht haben, wie ich an diesem Hörabend erfuhr – und noch dazu ein rundum gelungenes. Für mich nicht das letzte Aha-Erlebnis in dieser Langen Klangnacht!

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