Archiv des Autors: Michael Domanig

Musik zum Fürchten – Verstörendes für verstörende Zeiten

Düstere Nachrichten in Dauerschleife, Lockdown, soziale Abkapselung – und das Wetter ist gerade auch noch richtig scheiße. Wann, wenn nicht jetzt wäre also der richtige Zeitpunkt, an der eigenen Paranoia zu arbeiten, am besten mit ein wenig verstörender Musik?

Wie bei Filmen, Literatur und bildender Kunst stellt sich, das ist zumindest meine persönliche Einschätzung, auch in der Musik eine unheimliche, verstörende Wirkung tendenziell dann ein, wenn die Effekte dezent gesetzt werden, wenn die KünstlerInnen auf Atmosphäre bauen statt auf den akustischen Holzhammer, wenn sie geschickt mit den in uns allen angelegten Ängsten spielen.

In vielen Genres – von handelsüblichem Black Metal bis zum Horrorcore aus der Hip-Hop-Ecke – wird nicht nur bei der Schminke oft zu dick aufgetragen, sondern auch beim Sound, in einer Art Überwältigungsstrategie des Immer-härter-krasser-dunkler. Und auch bei den aktuell schwer angesagten schamanistischen Dark-(Neo-)Folk-Bands von Wardruna bis Heilung (die menschliche Knochen als Rhythmusinstrumente einsetzen und ihre Trommeln auch mal mit etwas Eigenblut weihen) ist es ein schmaler Grat zwischen erhabener Naturmystik und pathetischem Mummenschanz mit Fell und Hirschgeweih.

Wenn es um eine verstörende Atmosphäre geht, ist weniger oft mehr, sind die Andeutung und das Kopfkino oft weitaus wirkungsvoller als das allzu plakative Zeigen und Zurschaustellen. Hier nur einige sehr subjektiv gewählte Beispiele:

Paul Giovanni and Magnet – Maypole
Dass „Wickerman“ (der von 1973, bitte kein Wort über das unsägliche Remake mit Nicholas Cage) zu meinen absoluten Lieblingsfilmen EVER zählt, liegt zu einem nicht geringen Teil an den hypnotischen, sanft unheimlichen und gleichzeitig erhebend schönen Folksongs im Soundtrack. Neben „Maypole“ (mit dem heidnisch-frivolen Maitanz im Film, der den puritanischen Polizeiermittler genauso verstört wie das Publikum) lösen etwa auch „Corn Rigs“, „Gently Johnny“, „The Landlord’s Daughter“ oder „Willow’s Song“ verlässlich den selben wohligen (?) Schauer bei mir aus.

Throbbing Gristle – Hamburger Lady (live)
Das ist der erste und bislang einzige, nun ja, Song, den ich von den berüchtigten britischen Industrial/Noise-TerroristInnen kenne – aber er gibt, gerade in der Liveversion, sicher einen guten Einblick in die nachhaltig verstörende, abseitige Welt der Avantgardeformation rund um die gender-fluide, im Vorjahr verstorbene Genesis P-Orridge. Auch ohne Wissen um das Schicksal, das dem furchterregenden Text zugrunde liegen soll, ist das Ganze eine intensive Erfahrung, wenn man sich, am besten in ohrenbetäubender Lautstärke, darauf einlässt. Wie heftig das 1978 auf eine noch deutlich weniger abgestumpfte und übersättigte Hörerschaft gewirkt haben muss, lässt sich nur erahnen. Schon allein der bizarr neben der Spur liegende Jagdhorn-Ton gräbt sich jedenfalls tief ein.
Dass hier am Ende des Songs ganz leger die Band vorgestellt und mit dem Publikum geschäkert wird, macht den Gesamteindruck nur noch bizarrer …

Amnesia Scanner – AS Acá (feat. Lalita)
Ebenfalls erst heute zum ersten Mal gehört und gesehen: Das aus Finnland stammende Elektro-Duo Amnesia Scanner macht hier mit der Sängerin Lalita gemeinsame verstörende Sache, musikalisch wie auch visuell. Das klingt ein wenig nach Björk auf einem schlechten LSD-Trip oder, wie es in den Kommentaren treffend heißt: „This would be the track Shakira would record if she was possessed by a ghost from colonial times.“ Wüst verfremdeter, leiernder Avantgarde-Noise-Latin-Pop/R&B. Oder so.

Ähnlich fordernd-bizarr (und ja, durchaus ein wenig anstrengend) sind Amnesia Scanner übrigens auch bei Tracks wie „AS Tearless“ und „AS Going“ unterwegs, beide ebenfalls mit alptrauminduzierenden Videos ausgestattet. Dass Amnesia Scanner jedem (!) ihrer Tracks ihre Initialen voranstellen, verstärkt das irritierende Gesamtbild noch weiter.

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Nur die Frau im Mond schaut zu

Albumtipp: Moon Woman – Open Gates (2020)

Hätte mir vor bald 14 Monaten (um Gottes willen!) jemand gesagt, dass der mitreißende Auftritt von Kosmodrom aus Oberfranken und Moon Woman aus Tirol in der Jungen Talstation zu Innsbruck vorerst mein allerletztes Livekonzert sein würde, ich hätte sie oder ihn mindestens mit einem sorgenvollen Blick bedacht. Inzwischen ist das damals Unvorstellbare längst neue Normalität geworden – und wann Konzertabende oder Festivals wieder in gewohnter Form stattfinden können, steht weiter in den Sternen.

Wechseln wir also von den Sternen lieber gleich auf den Mond – und von geschlossenen Saal- und Clubtüren zu „Open Gates“, dem gleichnamigen, hoffnungsfroh betitelten Debütalbum von Moon Woman aus Innsbruck. Daniel Rieser (Gesang, Bass), Florian Ortner (E-Gitarre, Slidegitarre) und Rene Nussbaumer (Schlagzeug, Synths) haben die Pandemie nämlich bestens genützt, im Sommer 2020 binnen zwei Wochen ein Album mit acht Tracks in Eigenregie aufgenommen (bei zwei Nummern mit Unterstützung von Thomas Riesner an der Violine) und dieses gegen Jahresende ebenso autonom herausgebracht.

Als ein „Bier-aufmach-und-ganz-durchhör-Album“ bezeichnet die Band ihr Erstlingswerk selbst – und das trifft tatsächlich ins Schwarze. Mit seiner geschickten Dramaturgie und seinem Wechsel zwischen kompakten Tracks und Stücken, die sich viel Zeit zum gepflegten Ausfransen nehmen, eignet sich „Open Gates“ wirklich besonders dazu, in einem Zug gehört zu werden. Beim beschwörenden „Sun Chant“ (sehr schön gewählter Titel!) oder dem eröffnenden „Tiger and his warrior“ würde man sich im besten Sinne fast wünschen, dass sie noch länger dauern, während Moon Woman im Titelsong, bei „Western Territories“ oder dem finalen Dreizehnminüter „Eastern Lights“ ihren Psychedelic/Stoner/Heavy Blues-Sound in Ruhe in verschiedenste Richtungen wuchern lassen.

Was den Tracks bei allen Kontrasten gemeinsam ist: Trotz wuchtiger Riffs und zentnerschwerer Drums bleibt der Gesamtsound stets groovy, beweglich, luftig und leichtfüßig, was manch anderer, allzu verbissener und schwerfälliger Band in verwandten Genres abgeht. Trotzdem (oder gerade deshalb) verstehen es Moon Woman, stetig Spannung aufzubauen – und zwar ohne sie immer gleich voll ausbrechen zu lassen, manchmal sogar ohne sie überhaupt aufzulösen. Die jungen Musiker gönnen sich immer wieder Momente fast vollständiger Stille, nur um Schlagzeug, Bass, Gesang dann fast gemächlich wieder einsetzen und wachsen zu lassen. Nicht nur in diesem bewusst zurückhaltenden Ansatz lassen sie bisweilen an die gefeierten Psychedelic-Blueser All Them Witches denken. Was den düsteren Sprechgesang betrifft, sind, etwa in „Dance of the Komorebi“, auch Parallelen zu den Doors (im Sinne von „When The Music’s Over“ oder „The End“) nicht von der Hand zu weisen, auch wenn der Sound insgesamt natürlich in eine ganze andere Richtung weist.

Und diese Richtung liegt, wie schon der Bandname suggeriert, in der Weite, im Kosmischen und Sphärischen. Die Produktion ist angenehm reduziert, nie überladen. So entfaltet der Gesamtsound eine einlullende, fast beruhigende Qualität, auch wenn er wie in „Stray Dog“ oder dem dunklen „Eastern Lights“ mit seinen dramatischen Vocals und räudigen Synths volle Fahrt aufnimmt.

Fazit: „Open Gates“ ist ein willkommener, einladender Weg, um sich aus der Pandemie fortzuträumen – und weckt zugleich die Lust auf eine Rückkehr der Livemusik. Übrigens: Mit „Meeting at old valley station“ haben Moon Woman dem Baudenkmal der Jungen (Alten) Talstation der Hungerburgbahn, einer tollen Konzertlocation, sogar ein skizzenhaftes instrumentales Denkmal gesetzt. Und für Sommer plant das Trio eine Tour mit Kosmodrom durch Österreich und Bayern. Wär schön, wenn das klappt!

Hören kann und sollte man das Album in voller Länge HIER oder HIER. Und damit entlasse ich die geneigte Leserschaft mit mysteriösen Zeilen des Dichters Christian Morgenstern, die mir irgendwie sehr passend erscheinen:

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
„Ich bin des Weltalls dunkler Raum.“
Das Mondschaf. 

Bend it like Krankl – Fußball und Pop in Österreich

Aus dem internationalen (Club-)Fußballgeschehen habe ich mich schon vor vielen Jahren weitestgehend ausgeklinkt. Nicht nur aus Altersgründen (spätestens seit ich selber nicht mehr hobbymäßig kicke, kommt mir der TV-Konsum von Fußballspielen meist schal und sinnlos vor), sondern vor allem weil ich nicht mehr wirklich nachvollziehen kann, wie man heutzutage überhaupt noch „Fußballfan“ sein kann – zumindest Fan jener Handvoll internationaler Spitzenclubs, die die hohe Fußballwelt unter sich aufteilen.

Dafür müsste man nämlich auch Fan von internationalem Hardcorekapitalismus sein (selbstredend ohne gleichberechtigte Wettbewerbsvoraussetzungen, wie sie das Grundkonzept der Freien Marktwirtschaft zumindest theoretisch vorsähe, dafür mit jeder Menge Verzerrungen zugunsten der Großen), man müsste den Grundsatz „Wer das Gold hat, schafft an“ super finden und sich mit den gnadenlosen Selbstvermarktungs-, Selbstoptimierungs- und (sozialen) Bewertungstendenzen unserer Zeit, die im Fußball besonders krass hervortreten, einfach abfinden.

Sicher, das spielerische und athletische Niveau mag heute besser sein denn je, ethnische Diversität ist in praktisch allen Ligen zur Selbstverständlichkeit geworden – aber solche positiven Aspekte sind angesichts der zahlreichen Schattenseiten eines entfesselten Fußballökonomismus nur ein schwacher Trost.

Spannend – und auf den ersten Blick überraschend – ist, dass sich parallel zur Turbokapitalisierung des Fußballs in den letzten Jahren auch ein völlig anderer Trend abgezeichnet hat: jener zur Intellektualisierung (bisweilen wohl auch Überintellektualisierung) des Fußballs. Dass sich Schriftsteller, Historiker, Philosophen, Psychologen, Politologen oder Mathematiker (sorry, leider meistens immer noch Männer) ohne Ironie und intellektuelle Arroganz, sondern ernsthaft mit den vielen Dimensionen des Fußballs beschäftigen, ist längst Alltag. Und auch ein kritischer, alternativer, von Chauvinismus und Nationalismus befreiter Zugang zum Fußball, der Kreativität, Vielfalt und Humor feiert, ist heute von „11 Freunde“ bis „Ballesterer“ keine Seltenheit mehr. Man könnte sagen: Fußball ist endgültig als „Kultur“ akzeptiert.

Und natürlich ist Fußball längst auch Teil der Popkultur im engeren Sinn – mit besonders langer Tradition im Mutterland England (Gerry and the Pacemakers, Lightning Seeds, New Order, Nick Hornby, you name it). Aber auch in Österreich gingen und gehen (Pop-)Musik und Fußball(er) immer wieder Verbindungen ein – mal grottenschlecht, mal bizarr, mal augenzwinkernd, mal wirklich lässig.

Hier nun ein kleiner Auszug an markanten Beispielen ohne auch nur den leisesten Anspruch auf Vollständigkeit:

1. Gashtla – Computermusik [Krankl Kicks] (2021):
Brandneu und brillant. Ein Wiener Hip-Hop-Künstler, erfreulicherweise übrigens mit Kitzbüheler Wurzeln, glänzt mit wunderbaren Wortspenden von Hans Krankl, der uns seine (Musik-)Welt erklärt, vom 70er-Soul bis zum „Schlllager“. Das einzige, was der Nachtfalke nicht mag, ist „diese elektronische Musik, wos heit gspüd wead“. Dass Gashtla just daraus ein grandioses Stück „Computermusik“ baut, ist hintergründig, witzig – und groovig.

2. Johann K. – Lonely Boy (Niemand mag mi) (1986)
Das Kuriosum, dass Sportler selbst zum Mikro greifen, scheint in Österreich traditionell besonders verbreitet, von sangesfreudigen Fußballlegenden wie Herbert Prohaska (übrigens ein Freund und Kenner der Oper und generell des italienischen Liedguts) über das tieftraurige „Potscherte Lebn“ des tragischen Boxers Hans Orsolics (später schön gecovert von „Der Scheitel“) bis hin zu singenden Skistars wie Toni Sailer, Fritz Strobl (Fritz & the Downhill Gang), Rainer Schönfelder, Lizz Görgl und, natürlich, Hansi Hinterseer. Zu einer veritablen Austropopkarriere reichte es beim schon erwähnten Hans Krankl. Seine charmante Version des Paul-Anka-Songs „Lonely Boy“, bis 2019 bei den „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ im Einsatz, ist nur einer von mehreren Hits, beginnend mit „Rostige Flügel“ (zusammen mit Kottan’s Kapelle) bis hin zu „Jingle Bells“ (!).

3. Hans Krankl & Herbert Prohaska – Der Opitz und der Zwirschina (1990)
Und noch einmal Johann K., diesmal im Verbund mit Österreichs beliebtestem „Gute Nacht“-Sager Herbert Prohaska, der hier besonders beherzt, nun ja, singt. Ein schräges Zeitdokument, auch in Sachen Video (und Bartmode). Das Original ist übrigens, an nett-altmodischen Fußball-Austrizismen wie „Eisenbohnaschmäh“ unschwer zu erkennen, deutlich älter, es stammt von Gerhard Bronner und Peter Wehle aus dem Jahr 1957.
„Wir hom als klaane Gschroppn / Ein Ziel vor uns gesehen / Wir wollten sehr berühmt werd’n / und in der Zeitung steh’n / Egal, ob als Verbrecher oder Bundeskanzler gar / So wählten wir den Mittelweg und wurden Fußballstar.“ Zoing!

4. Kurt Razelli – Toni Polster Song (2014)
An Anton „Toni Doppelpack“ Polster kommt man in Sachen Fußball und Musik in Österreich keinesfalls vorbei. Die Palette reicht vom anzüglichen „Toni, lass es polstern“ an der Seite der Fabulösen Thekenschlampen (1997) (mit denkwürdigen Zeilen wie „Toni trifft den Doppelpack, Schlampen trinken Sechserpack“ oder „Der Strafraum ist mein Jagdrevier“ – „Komm, Toni, bitte jag mit mir„) über das jazzig-smoothe „Anton Polster du bist leiwand“ von DJ DSL (vulgo DJ Superleiwand, 1998) hin zu diesem Spoken-Word-Elektro-Track mit Kurt-Razelli-Qualitätssiegel. Merke: Rennen sollen die anderen, der echte Star steht da, wo er stehen muss. Nämlich vorne!

5. Kurt Razelli – Arnautovic Song (2012)
„Scheiße. Bitteschön.“ Einen sozusagen natürlichen Groove (und Schmäh) hat auch Marko Arnautovic. Hier übrigens mit feinem Feature von MC Schneckerl. Nur einer von mehreren gelungenen Razelli-Arnautovic-Tracks (man höre auch „Hey Boys“ oder den „Arnautovic Drama Song“ mit der konkurrenzlosen Zeile „Nimm mir alles, aber nimm mir nicht den Ball“).

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Später denn je: Die spätesten Jahrescharts der Welt, Ausgabe 2019 (Michael Domanig)

Ok, ich geb’s zu: Das mit 2020 … war ich. Zum Jahreswechsel 2019/20 hatte ich heftiges Zahnweh – und als abergläubischer Mensch habe ich das natürlich sofort als schlechtes Omen gedeutet. Zurecht, wie sich bald herausstellen sollte.

2020 war und ist also ein Drecksjahr, das man gedanklich am besten einfach überspringt. Was liegt also näher, als sich noch einmal dem Jahr 2019 zuzuwenden? Womit der elegante Übergang zu den Spätesten Jahrescharts der Welt® geschafft wäre, die heuer selbst für meine Verhältnisse unverzeihlich spät ausfallen. Aber 2020 war und ist leider auch arbeitstechnisch ein extrem anstrengendes Jahr und [weitere Ausflüchte bitte selbst einfügen].

Jedenfalls hat die Suche nach den 100 persönlichen Lieblingssongs des Jahres eine gewisse Ähnlichkeit zu Antigen-Massentests und Contact-Tracing: Man muss tausende negative Fälle überprüfen, um einige positive Fälle herauszufiltern – wobei positiv in diesem Fall wirklich positiv bedeutet. Ich hoffe, ich habe mich verständlich gemacht?

2020 never happened!

Tatsache ist, dass ich mich für die 2019er-Ausgabe durch so viel Musik, durch so viele Jahresbestenlisten gehört habe wie kaum je zuvor. Allein in meinem „Leider Nein“-Topf landeten am Ende über 700 Lieder, im Schüsselchen mit der Aufschrift „Wackelkandidaten“ fanden sich knapp 130 Songs wieder, die es knapp nicht in die Wertung geschafft haben. Und das Ergebnis? Aus meiner Sicht war 2019 insgesamt ein schwächerer Jahrgang, mit wenig Gedränge in den Top-20, dafür einem Überangebot im „Ja eh“-Bereich. Aber vielleicht projiziere ich hier nur das Jahr 2020 auf die unschuldige Musik des Vorgängerjahres?

Zu entdecken gab es trotzdem viel – traurige, gewitzte, mitreißende oder schlichtweg bizarre Musik – so dass das Ganze letztlich doch wieder die Mühe wert war, eh wie immer. Auffällig: Die globale Dominanz des Hip-Hop als führende neue Popkultur spiegelt sich in meiner Auswahl nur am Rande wieder, vielleicht sogar weniger als in anderen Jahren. Ausnahmeerscheinungen von Rico Nasty über Denzel Curry oder Tyler The Creator bis Dendemann lieferten zwar verlässlich, ansonsten habe ich raptechnisch leider sehr viel Mittelmäßiges und Ideenloses gehört, das bei mir einfach nicht zündet. Sorry, Pitchfork! Ebenfalls auffällig: Aus Österreich kam auch diesmal wieder besonders viel gute Musik. Sollte in der Popkultur, die seit jeher und zurecht auf nationale Grenzen pfeift, zwar keine Rolle spielen, freut mich aber trotzdem.

Und damit zur Liste samt Playlist und Kurzbeschreibung zu jedem Song. Viel Spaß!

1.) Purple Mountains – I Loved Being My Mother’s Son
Das Lied aus dem Jahr 2019, das mich am meisten erschüttert und berührt hat (sicher objektiv nicht der „beste“ Song), stammt von David Berman, der nur wenige Tage nach Erscheinen des Purple-Mountains-Debütalbums aus dem Leben geschieden ist. Nicht nur aus dieser Perspektive klingt dieses zurückhaltende Lied wie ein vertonter Abschiedsbrief an die Welt. Vor allem aber ist es eine zu Tränen rührende Liebeserklärung an die verstorbene Mutter.

2.) Billie Eilish – you should see me in a crown
Was die Musik von Wunderkind Billie Eilish (oh Gott, knapp halb so alt wie ich!) besonders reizvoll macht, ist der Minimalismus – klackernde Beats, fiese Störgeräusche, narkotisiertes Raunen, mehr braucht es nicht.

3.) Dendemann – Menschine
Um das Herzstück eines fantastischen, melodramatischen Samples der deutschen Sängerin Su Kramer baut Dendemann sein dringliches Statement gegen den allumfassenden „Work hard, play hard“-Selbstoptimierungswahn auf. „Schraube um Schraube, Zahn um Zahn / Bis das letzte Rad dreht“. Man wird länger denn je suchen müssen, um im sogenannten Deutschrap mehr Hirn, Witz und Sprachgefühl zu finden. 

4.) Jesca Hoop – Death Row
„Her music is like going swimming in a lake at night“: Besser als Tom Waits (!) kann man den wundersam prätentiösen Experimental-Folk von Jesca Hoop nicht beschreiben. Oder doch? Nochmals Tom Waits: „Like a four-sided coin“. Hier stecken mehr melodische und atmosphärische Ideen in einem Song als bei anderen Ideen in einem ganzen Album. Eine meiner Entdeckungen des Jahres 2019 – und dabei hat Hoop schon mindestens sieben Alben veröffentlicht (huch!).

5.) Xixa – The Code
Vor ein paar Jahren habe ich die „Mystic Desert Rock“-Formation um Grabesstimme Gabriel Sullivan in der PMK Innsbruck gesehen (hach, Livekonzerte!), seither sind sie nur noch zwingender geworden mit ihrem ausgeprägt kinematographischen, westernhaften, zum Glück ganz und gar nicht klischeefreien Klangkosmos.

6.) The New Pornographers – The Surprise Knock
Die New Pornographers aus Vancouver sind eine dieser Bands, über die ich kaum etwas weiß und auch nichts wissen muss – außer dass mir im Grunde jeder Song, den ich von ihnen kenne, gefällt. Dieser mitreißende Mix aus Power Pop und vielstimmigen Vokalharmonien trifft bei mir einfach einen Nerv im Hirn. Einen Glücksnerv!

7.) Billie Eilish – bury a friend
Ultrareduzierter, futuristischer ASMR-Flüsterpop mit Gruselfaktor – believe the hype (noch immer)!

8.) Michael Kiwanuka – Rolling
Klingt wie aus den 70ern – und wäre auch damals ein Instant-Klassiker gewesen. Heillos retro? Heilsam retro!

9.) Erstes Wiener Heimorgelorchester – Kurz
Das EWHO zählt seit Jahren zu meinen österreichischen Lieblingsbands – auch, weil ich ihr Faible für Sprachspiele teile. Für das Album „anderwo“ haben die Heimelektroniker Texte  deutschsprachiger Autoren vertont. Dieser hier stammt von Pia Hierzegger (die man besonders als Schauspielerin kennt) – und wird im traumhaft trashigen Elektrokleid zum besten Rausschmeißer-Song seit Langem. Quizfrage: Wer mir sagen kann, auf welche 90s-Eurotrash(?)-Nummer ab 2:13 min kurz angespielt wird (ich komm und komm nicht drauf), bekommt von mir eine Jumbopackung Soletti – und ein Glas Wein.

10.) Purple Mountains – Margaritas at the Mall
„How long can a world go on with no new word from God?“  Dave Bermans Bilanz: „We’re just drinking margaritas at the mall / That’s what this stuff adds up to after all.“ Resignative Theodizee, tieftraurig. 

11.) Bilderbuch – Frisbee
Ein Hit ab dem ersten Hörvorgang, ein Song, von dem man sich gerne nerven lässt, lebensfroh und sinnlich. Die Flacherdler haben doch recht!

12. Doja Cat – Won’t Bite ft. Smino
Apropos schön nervig: Doja Cat wurde heuer offenbar über TikTok zum Megastar. Ohne mir in Sachen Jugendkultur noch irgendeine Kompetenz anmaßen zu wollen – ich kannte sie mit diesem dreckigen „Ohrwaschlkräuler“ (wie es Voodoo Jürgens ausdrücken würde) schon vorher. 

13.) The Düsseldorf Düsterboys – Kaffee aus der Küche
Als hätten die Düsterboys (Mitglieder der nicht minder tollen Band International Music) die gepflegte Trostlosigkeit von Lockdown und Ausgangssperre vorausgesehen: „Ich hol den Kaffee aus der Küche / Hol die Kippen aus’m Schrank / Hol den Wein aus’m Keller / Und hau den Nagel in die Wand“. Apropos: Sie hätten heuer in Innsbruck spielen sollen – schönen Dank auch, Corona!

14.) MOLLY – The Fountain of Youth
Erhabener und erhebender Neo-Shoegaze/Psychedelic Rock/Dream Pop aus Tirol. Von internationaler Klasse – auch auf ihrem Debütalbum.

15.) Voodoo Jürgens – Kumma ned (feat. Louie Austen)
Eine altmodisch anmutende Strizzi- und Glücksspielgeschichte, die es schafft gleichzeitig zutiefst wienerisch und exotisch zu klingen. Ansa Woar!

16.) Temples – Context
Um es mal im, ähem, Internetslang zu sagen: I’m a simple man: I hear versponnenen Psychedelic-Pop mit grandiosen Melodiebögen, i hit like.  

17.) Soundwalk Collective with Patti Smith – Eternity (feat. Philip Glass & Sufi Group Of Sheikh Ibrahim)
Zufällig „Im Sumpf“ gehört, sofort gefesselt: Wenn das der repetitive Klang der Ewigkeit ist, bin ich dabei.

18.) Soundwalk Collective with Patti Smith – Bad Blood (feat. Philip Glass & Sufi Group Of Sheikh Ibrahim)
Und weil die Ewigkeit bekanntlich ziemlich lang dauert, braucht es mindestens eine Doppelportion Sufi-Trance.

19.) Yola – Faraway Look
Majestätischer, schwereloser Soul, produziert von Dan Auerbach (Black Keys) – durch und durch retro, mag sein, mir aber hundertmal lieber als slicker Plastik-R’n’B mit all der trostlosen vokalen, pardon my French, Weitwichserei.

20.) Sky Ferreira – Voices Carry
Eigentlich schon 2018 veröffentlicht, sollte aber 2020 auf einem Album erscheinen (das aus irgendwelchen Gründen noch immer nicht erschienen ist): Also geht Sky Ferreiras wunderbar unterkühltes Cover der mir restlos unbekannten 80s-Band „’Til Tuesday“ locker als 2019 durch. PS: Leider weder auf Spotify noch offiziell auf YouTube zu finden …

21.) Pixies – Silver Bullet
Auch wenn ich ihn hier stimmlich kaum wiedererkannt hätte: Frank Black/Black Francis versteht sich immer noch auf Dramatik und scharfe Laut-Leise-Kontraste. Wer hat’s erfunden?

22.) Altın Gün – Leyla
Halluzinogene türkische Psychedelik in der Tradition des leider weitgehend vergessenen Anadolu Rock – made in Holland. Wetten, dass die fromme türkische Staatsführung mit so etwas wenig Freude hat?

23.) Mattiel – Food for Thought
Die legitime Erbin von Nancy Sinatra? Hier kommt „klassisch“ von Klasse!

24.) Kahlenberg – Tennis
Der „Standard“ schreibt treffend von „Schnöselpunk“ – eine treffendere Musik-Satire über das Wohlstandsbürgertum aus den Nobelbezirken und seine Abgründe hat hierzulande seit den seligen Drahdiwaberl kaum einer hinbekommen. Dirty Penzing!

25.) Vampire Weekend – Sunflower (feat. Steve Lacy)
Vampire Weekend sind toll – vor allem, wenn sie mal aus dem allzu lieblichen Indieschmindieland ausbrechen und stattdessen mit leichtfüßigem Groove bezaubern. Wie hier.

26.) Blond – Thorsten
Der denkbar beste Song über Mansplaining: „Schön, dass es dich gibt / danke fürs Erklär’n / ich hab dich von Herzen lieb / ich kann noch so viel von dir lern’n“.

27.) Rico Nasty – Guap (LaLaLa)
Dass Rico Nasty wirklich das dickste Ding in der Hose hat (und sei es nur die Geldbörse), glaubt man ihr aufs Wort, wenn man ihren ultraaggressiven Vortrag hört.

28.) Earth – Cats on the Briar
Game of Drones: So hoch ist bei mir eine reine Instrumentalnummer noch selten gechartet – danke an den in Sachen hypnotischer Klang- und Lärmwelten immer hervorragend informierten Jo Hannes.

29.) Gewalt – Deutsch
Eine gnadenlosere Abrechnung mit nationalistischen Biedermännern und Brandstiftern habe ich seit Attwengers „kaklakariada“ im deutschsprachigen Raum nicht gehört: „Denk dir deinen Teil / Du Seelenloser, du Kleinkarierter, du Untertan / D-D-D-Deutsch!“

30.) Richard Hawley – My Little Treasures
Ich weiß nichts über Richard Hawley – außer, dass fast alle Songs, die ich von ihm bislang gehört habe, von zeitloser Schönheit und erhabener Melancholie sind. So wie dieses kleine dramaturgische Meisterwerk.

31.) Erstes Wiener Heimorgelorchester – Rund
Das sprachverliebt-verschrobene EWHO und der radikal antikonventionelle Autor Clemens J. Setz? Passt! „So rund war ich schon lang nicht mehr / Und werd’s auch nie mehr sein / Nicht mal am Ende rollt mich wer / Zu einer Kugel ein“. Notiz an Gehirn: Jetzt Setz lesen!

32.) Xixa – Osiris
Nicht nur Osiris lässt sich mit so großen, dunklen Melodien heraufbeschwören.  

33.) Dope Lemon – Hey You
Bedröhnt, betäubt, benebelnd. 

34.) Rico Nasty – Fashion Week
Nimmt Rico Nasty hier Materialismus und Markengeilheit, wie sie gerade auch im Hip-Hop notorisch sind, aufs Korn – oder feiert sie das Ganze ab? Wie auch immer, wer „Krischtschän Dior“ oder „Wärsatschie“ so schön dirty aussprechen kann, hat sowieso gewonnen.

35.) Aldous Harding – The Barrel
Delikater Independent-Folk mit einer Prise Exzentrik. Von der neuseeländisch-walisischen Songwriterin wird man hoffentlich noch einiges hören.

36.) Stefanie Schrank – Fabrik
Stefanie Schrank, die man von den tollen Locas in Love kennen könnte (jetzt „Mabuse“ hören!), betört hier mit traumwandlerischem Krautrock/Elektropop.

37.) King Gizzard & The Lizard Wizard – Perihelion
Space ist the place for the human race: Psychedelisches Rumgespinne, stets am Rand zur Selbstparodie – auf die am Fließband produzierenden Australier ist Verlass.

38.) MOLLY – As Years Go By
Molly sind nur zu zweit – was sie nicht daran hindert, besonders weiträumige Klangkathedralen zu zimmern, in denen die Melancholie frei atmen kann.

39.) Holly Herndon – Frontier
Phasenweise mögen Holly Herndons futuristische Vokalverfremdungen kopflastig und anstrengend klingen, hier aber entfalten sie ihre volle harmonische Wirkung: Menschine!

40.) The Specials – The Lunatics
„The lunatics have taken over the asylum“: Wenn man sich den Stand der (politischen) Dinge vor Augen hält, ist dieser Befund aus dem Jahr 1981 (das Original stammt von der Specials-Abspaltung „Fun Boy Three“) ungebrochen aktuell. Und die Specials lassen ihn auch angemessen frisch klingen.

41.) Kahlenberg – Zentralfriedhof
Zwischen Weltekel und Todessehnsucht: Der Zentralfriedhof ist als Wien-Klischee nicht totzukriegen – und feiert natürlich auch bei den formidablen Kahlenberg fröhliche Urständ.

42.) Xixa – Kvmbia Okvlt
Düsterer Grenzlandsound aus Arizona, der durch das leicht trashige Element sogar noch besser wird.

43.) Los Bitchos – Pista (Great Start)
Apropos Cumbia: Wenn diese jungen Damen aus London zur instrumentalen Surfrock-meets-Cumbia-Sause laden, will man natürlich dabei sein – ein echter Stimmungsaufheller!

44.) The New Pornographers – Falling Down the Stairs of Your Smile
„Falling down the stairs of your smile“ finde ich ein wunderschönes Sprachbild – und die New Pornographers finden dazu wie immer wunderschöne Harmonien.

45.) Tyler The Creator – Gone Gone / Thank You
In der zweiten Hälfte franst das Ganze für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr aus, bis dahin ist es aber das denkbar süßeste Stück Neo-Soul vom einstigen Horrorrap-Bürgerschreck.

46.) Omni – Sincerely Yours
Wikipedia führt Omni unter Post-Punk – ich fühle mich hier eher an schluffigen Slacker/Alternative Rock der 90er erinnert. Aufs Angenehmste!

47.) Jesca Hoop – Footfall to the Path
Der mystische Folk von Jesca Hoop entfaltet hier fast sakrale Qualitäten. 

48.) The Specials – Black Skin Blue Eyed Boys
Das Original hat Eddy Grant (of „Gimme Hope Jo’anna“ fame) vor 50 Jahren (!) mit seiner Band The Equals aufgenommen, vor der sich die nicht weniger legendären Specials hier verneigen. Die textliche Botschaft klingt heute noch so radikal und visionär wie zu Zeiten des Vietnamkriegs: „People won’t be black or white / The world will be half-breed“.

49.) Dope Lemon – Dope & Smoke
Drin ist, was draufsteht. Am halben Weg zwischen Entspannung und Narkose. Übrigens ein Projekt von Angus Stone, einer Hälfte des australischen Indiefolk-Duos Angus & Julia Stone.

50.) Panda Bear – Token
Fast drei Minuten muss man warten, ehe Panda Bear kurz die volle melodische Brillanz erreicht, die man von ihm erwarten darf. Aber der Rest ist auch nicht übel.

51.) Meat Puppets – Nine Pins
Seit sie mich mit einem würdevoll-berührenden Auftritt beim Primavera-Festival begeistert haben (aufrechte Haudegen unter lauter hippen jungen Auskennern auf und vor den Bühnen), bin ich den Meat Puppets – deren Klassiker mir allesamt unbekannt sind – gewogen. Vor allem, wenn sie so beschwingt-melancholischen Folkrock aufbieten.

52.) Black Mountain – Boogie Lover
Boogie Lover muss man für dieses schwer stampfende, dampfende Stück Psychedelic/Space Rock (zum Glück) keiner sein.

53.) Ian Noe – Between the Country
Gute Americana klingt zugleich uralt und zeitlos frisch. Ian Noe weiß, wie’s geht.

54.) Sinkane – Dépaysé
Völkerverbindende Botschaften, in ebenso grenzenlose Musik gekleidet: Der sudanesisch-britisch-amerikanische Multiinstrumentalist macht alles richtig.

55.) Aldous Harding – Zoo Eyes
Manchen mag Aldous Hardings Stimme hier phasenweise zu sehr das (männliche?) Bild von der verwunschenen Folk-Fee zu bedienen, aber wem solche Melodien einfallen, der – die! – hat recht. „It’s the greatest show on earth you shall receive.“

56.) Iorie & Arutani – De la Vida (Original Mix)
„Fluffy“ und „dreamy“ lese ich irgendwo über diesen Track. Mehr muss man gar nicht wissen.  (Wobei der „Original Mix“ auf YouTube der Version auf Spotify noch vorzuziehen ist).

57.) Sudan Archives – Glorious
Unerhört (!), eine solche Mischung aus Hip-Hop, funkigem R’n’B und dramatischem Geigenspiel.

58.) The Düsseldorf Düsterboys – Oh, Mama
„Wann kommst du / wann bist du wieder da? Übermorgen / oder nächstes Jahr?“ Der Klang des Wartens, die Kunst der Langsamkeit.

59.) Los Bitchos – The Link Is About To Die
Schmissiger Surfrock, perfekt geeignet, um sich in eine andere Wirklichkeit zu träumen.

60.) Jeffrey Lewis & The Voltage – Depression! Despair!
Jeffrey Lewis wurde einst zur sogenannten „Anti Folk“-Szene in New York gezählt – was in der LoFi-Produktion und dem lässig-nachlässigen Gesang noch anklingen mag. Ansonsten liegt hier eher alternativer Slacker-Punk vor – feine Sache.

61.) Michael Kiwanuka – Living In Denial
Die warmen Klangfarben ziehen einen sofort Jahrzehnte zurück, die Aussage zielt ins Heute. 

62.) The New Pornographers – Colossus of Rhodes
Und schon wieder dieser überschäumende Melodienreichtum! Der großartigen Neko Case könnte ich stundenlang zuhören.

63.) Aldous Harding – Treasure
Hier scheint sich die multitalentierte Aldous Harding fast ein bisserl zu viel Zeit zu lassen – und erzeugt am Ende gerade dadurch Spannung.

64.) SWMRS – Lose Lose Lose
Ich liebe die Energie des Punk, aber allzu formelhaften „Punkrock“ halte ich inzwischen schwer aus. SWMRS entgehen dieser Falle durch schiere Wucht und Energie, mit einem begrüßenswerten Hang zur Hysterie. 

65.) Vampire Weekend – Flower Moon (feat. Steve Lacy)
Okay, die schwelgerisch produzierten Hits sind eher zu Beginn des Vampire-Weekend-Albums „Father of the bride“ zu finden. Richtig interessant wird aber erst die zweite Hälfte, wo sich federleichte Petitessen wie diese finden.

66.) Amanda Palmer & Friends – Truganini (with Montaigne)  
Truganini war laut Wikipedia im 19. Jahrhundert „a woman widely considered to have been the last full-blooded Aboriginal Tasmanian“. Das Original stammt von den australischen Politrockern Midnight Oil, beim Cover spielt Amanda Palmer ihre bekannten Stärken (Piano-Pathos!) aus.

67.) Damon Locks/The Black Mountain Ensemble – Solar Power
Spirituelle Chormusik trifft auf Schnipsel aus politischen Reden und minimalistischen Jazz – das Ergebnis berührt nicht nur mit „Black Lives Matter“ im Hinterkopf.

68.) Corridor – Domino
Jangle-Gitarren, die irgendwann einfach durchgehen und davongaloppieren, klangvolle französische Lyrics, eine Spur Psychedelik – Montreals Independent-Szene (in der z. B. auch Arcade Fire zuhause sind) bietet immer wieder neue Entdeckungen.   

69.) Voodoo Jürgens – Ohrwaschlkräuler
Das nennt man dann wohl Metaebene: Mit seiner Ode an den Ohrwurm ist Voodoo Jürgens ein ebensolcher gelungen. 

70.) Richard Hawley – Alone
Im Video geht es offenbar um Fußball – aber als Stadionhymne für Sheffield Wednesday ist diese nostalgische Kostbarkeit denkbar ungeeignet.

71.) Adam Green – Cheating on a Stranger
An seinem Erfolgsrezept (zumindest in Europa war es das mal) aus bizarr-verschrobenen Texten und klassischer Crooner-Eleganz hat Adam Green seit vielen Jahren exakt gar nichts geändert – gut so!

72.) Chromatics – Whispers in the Hall
Vom Songtitel über das creepy Synth-Motiv bis zum verhallt-verwunschenen Gesang: Alles hier lässt an die Ästhetik eines Arthouse-Horrorfilms denken – wohliges Gruseln! 

73.) Mike Patton, Jean-Claude Vannier – Yard Bull
Bloggründer Dave plant einen Artikel unter dem klangvollen Motto „Crooner statt Corona“: Da müsste Mike Patton, der zwischen wüsten Metal-Growls und erhabenem Schmelz alles beherrscht, von Amts wegen einen Fixplatz bekommen Das hier lässt mich schon wieder an alte europäische Horrorfilme denken (vgl. Platz 72).

74.) Erstes Wiener Heimorgelorchester – Der ausgestorbene Astronaut
„Es gibt kein Tier, das Kanten gebiert“. Seltsamere Zeilen findet man in kaum einem Liedtext. Das Heimorgelorchester und Clemens J. Setz (Text) führen in die Zwergastronauten-Archäologie ein.

75.) Jeffrey Lewis & The Voltage – LPs
Der beste Song übers Plattensammeln. Voll Witz und brillanter Beobachtungen zur Dynamik des Musikmarktes, auf dem Vinyl binnen einiger Jahre vom Flohmarkt-Ramsch (wieder) zum schwarzen Gold wurde. Jeffrey Lewis‘ verblüffender Rat zum Schluss: Jetzt CDs kaufen! Denn: „Whatever people don’t want that‘s the time to get it …“ Danke an meinen alten Freund Peter für diesen Tipp.

76.) Temples – The Howl
„Raise you head up / Stamp your feet“ heißt es im mächtigen Refrain – und tatsächlich lädt dieser Stomper verdächtig zum Mitstampfen ein, kriegt dabei zum Glück aber gerade noch die Kurve vor der Abzweigung in Richtung allzu stumpf.

77.) Stefanie Schrank – Möbiusschleife
„Möbiusschleife“ ist ein sehr schönes Wort – und den Klang einer Möbiusschleife stelle ich mir genauso vor wie diesen sanft narkotisierenden Song. Innen wird oben, unten wird außen.

78.) Meat Puppets – Dusty Notes
Wer die Meat Puppets als einflussreiche Proto-Grunge-Helden abgespeichert hatte, wird an diesem abgebremsten Tex-Mex-Mariachi-Schlager vielleicht schwer zu schlucken haben – aber mir taugt’s!

79.) Jesca Hoop – All Time Low
„Michael outside / Looking in“: Woher Jesca Hoop wohl weiß, dass ich mir manchmal so vorkomme?

80.) The Raconteurs – Bored and Razed
Die Supergroup (sagt man das noch so?) um Jack White und Brendan Benson produziert unverdrossen dreckigen (Blues-)Rock. Solange ihnen solche Melodien einfallen, gerne.

81.) Caroline Polachek – Door
Es gibt einiges, was mich an diesem Song und seiner Ästhetik nervt – aber der fantastische Echokammer-Refrain öffnet tatsächlich eine Tür zu einer Tür zu einer Tür …

82.) Dendemann – Müde
Der Dendemann ist so müde, „dass Schafe mich zählen“ – und präsentiert sich trotzdem noch immer viel aufgeweckter, wacher und intelligenter als die Konkurrenz.

83.) Jessica Pratt – Crossing
„Quiet Signs“ hieß das jüngste Album der amerikanischen Songwriterin – und tatsächlich fällt diese Musik ganz und gar nicht mit der Tür ins Haus, sondern findet Anmut in Zurückhaltung.

84.) John Southworth – Obscurantism
Ungewöhnlicher Songwriter, ungewöhnliches Liedthema: John Southworth (oder sein Song-Ich) begegnet hier einem Doppelgänger, der seine Lieder singt und sogar seinen Namen geklaut hat. Daraufhin beschließt das Original, seine Musik noch unzugänglicher und damit fälschungssicher zu machen: „And from that day on / I made my song / Impossible to con / I made it bluer, obscurer / A shadow in the mirror / So no one could sing along“. Experiment gelungen?

85.) Sheer Mag – Steel Sharpens Steel
Klingt nach jener Art von HardRRRRAWK, die ich normalerweise gar nicht leiden kann. Aber irgendwie hat mir diese Nummer vom ersten Hören an Spaß gemacht.

86.) Sky Ferreira – Downhill Lullaby
Pitchfork schreibt von einem fünfeinhalbminütigen „goth-noir, chamber-pop piece—with strings!—that could have easily closed an episode of the revived Twin Peaks“. Vielleicht eine etwas zu ehrgeizige Vorgabe, aber die Richtung stimmt. Intensiv!

87.) Sleeper – Paradise Waiting
Klingt schwer nach 90er-Jahre-Alternative-Rock? Dürfte daran liegen, dass Sleeper im Alternative Rock bzw. Britpop der 90er-Jahre tatsächlich eine recht  große Nummer waren. Damals haben sie sich bei mir leider nicht vorgestellt – aber erfreulicherweise haben sie das jetzt nachgeholt

88.) The Divine Comedy – Norman and Norma
Kaum einer textet so gewitzt und elegant wie Neil Hannon – hier gibt es eine Beziehungsgeschichte im Zeitraffer. Mit Happy-End!

89.) Denzel Curry – Speedboat
Der energiegeladene Highspeed-Rapper aus Florida variiert hier gekonnt seinen Flow.

90.) Priests – Good Time Charlie 
DIY-Dance/Post-Punk? Was der Produktion an Nuancen fehlen mag, machen die Priests mit roher Energie wett. 

91.) Isobel Campbell – Runnin‘ Down A Dream
Einer meiner liebsten Tom-Petty-Songs, den die Schottin Isobel Campbell (ex- Belle and Sebastian, Duettpartnerin von Mark Lanegan) ebenso sanft wie souverän in ihre verträumten Klanggefilde überführt. 

92.) Dives – Chico
Mit ihrem lässig-räudigen Garagenpunk und Surfrock (oder eher Surfpunk und Garagenrock?) überzeugt die heimische All-female-Formation auch weiterhin, klare verbale Kante inklusive: „You’re way too comfortable with every word you say / I like it best when you keep your hands away“.

93.) These New Puritans – Where The Trees Are On Fire
Sperrig und geheimnisvoll wie eh und je: Das englische Duo bleibt denkbar unkommerziell.

94.) Weyes Blood – Something To Believe
Phasenweise übertreibt es Natalie Laura Mering alias Weyes Blood hier vielleicht in Sachen Theatralik – aber gegen den machtvollen Refrain ist kein Kraut gewachsen.

95.) Marry Waterson & Emily Barker – Perfect Needs
Im allerletzten Abdruck doch noch in die Charts gerutscht, weil sich ein Fixstarter („Lessleg“ von Charlie Cunningham) plötzlich als Eindringling aus dem Jahr 2015 entpuppte, der nur 2019 neu aufgelegt wurde. Aber dieses Stück Power-Pop samt feiner Background-Vocals hat es auch verdient.

96.) Du Blonde – Coffee Machine
Raue Punk-Energie und Verletzlichkeit finden bei der britischen Non-binary-Musikerin zu einem spannenden Ergebnis zusammen. 

97.) Sebadoh – see-saw
Die legendären LoFi-Pioniere verstecken wieder glänzende melodische Nuggets in einer bewusst trüben Produktion.

98.) DIIV – Blankenship
Keine Ahnung, wer oder was der „Blankenship“ im Titel und Refrain ist. Der gleichnamige Song wandert jedenfalls im weiten Feld zwischen Shoegaze, Postrock und Dream Pop.

99.) The Happy Sun – The House On Highland Avenue
Hymnisches Gun-Club-Cover. Ich dachte übrigens, die Band hieße „The Happy SOUND“ (was, zugegeben, ein selten dämlicher Bandname wäre) und konnte sie daher auf Spotify längere Zeit nicht orten … 

100.) Flying Lotus – Fire Is Coming feat. David Lynch
Ist das noch Musik? Oder eher eine Szene aus einem apokalyptischen Avantgarde-Hörspiel? David Lynch lyncht lynchesk herum, spricht Wörter wie „hose water“ unvergleichlich aus – und am Ende kommt das Feuer. Hat da jemand schon das Jahr 2020 vorausgeahnt?   

Am Tresen in der Telebar

Erster Quarantäne-Hörabend, 17. April 2020:

Die Quarantäne zwingt in allen Bereichen zu Experimenten – im Arbeitsleben (wenn man das Glück hat, noch ein solches zu haben), in Familie und Beziehung, beim Konsum und in der Freizeitgestaltung. Und auch unsere in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Hörabende machten aus dem Notstand eine Tugend und wagten sich gestern erstmals auf neues Terrain.

Wie ist gemeinsames Musikhören, bei dem man sich assoziativ von einem Song zum nächsten hangelt, ausführlich darüber quatscht und Bier trinkt, möglich, wenn jeder zuhause festsitzt? Ausgehen von dieser Frage entwickelte Kollege und Bloggründer Dave die Idee einer „Telebar“ –  und setzte diese auch gleich in die Tat um. Nach einigem Herumprobieren hatte er die technische Einrichtung und Mikrofonierung so hingekriegt, dass die Übertragung von Musik in anständiger Soundqualität per Skype möglich war (in meinem Fall zumindest dann, wenn ich während der Lieder das eigene Mikro stummschaltete – was eh besser ist, damit man nicht zu viel hineinplappert). Die Einrichtung eines privaten Streaming-Servers war in der kurzen Zeit übrigens nicht mehr möglich, soll für weitere Auflagen aber noch folgen – so waren wir vorerst auf kommerzielle Anbieter angewiesen.

Zu den technischen Details kann ich als Digital-Trottel leider keinerlei Auskunft geben. Umso gespannter war ich gestern Abend, ob und wie dieser neuartige Hörabend klappen würde. Fast auf die Minute genau fünf Stunden später, somit schon zu weit fortgeschrittener Stunde, stand fest: Experiment gelungen!

Auch wenn die Reisefreiheit noch auf unabsehbare Zeit eingeschränkt bleibt und viele Konzerthighlights in näherer Umgebung nicht zu den geplanten Terminen möglich sind (z. B. The Düsseldorf Düsterboys, Burial Hex oder das Heart of Noise-Festival in Innsbruck oder das erste Art of Solo-Festival in Kufstein; „doppelseufz“, um die Donald-Duck-Hefte zu zitieren) – eine musikalische Reise ist immer möglich. Die gestrige führte quer durch verdammt viele thematische Schwerpunkte und Genres: Soul und Blues, Punk und New Wave, Stoner-, Psychedelic und Garage Rock, Hip-Hop, Pop und Funk, Synthpop, AOR, Dream und Noise Pop, Country und Billig-Elektronik.

Die Telebar eröffnete auch endlich wieder die Möglichkeit, gemütlich ein paar Bierchen zu trinken, ohne sich für den unsozialen Alkoholkonsum in den eigenen vier Wänden vor sich selbst rechtfertigen (oder darüber Sorgen machen) zu müssen. Auch das Rauchverbot lässt sich in dieser Form der Bar ganz legal umgehen.

In diesem Sinne war es nur folgerichtig, dass zu Beginn des Abends der Schwerpunkt auf Musik lag, die sich textlich und musikalisch dem weiten Feld der legalen und weniger legalen Drogen widmet:
Den Auftakt machte der Klassiker „Rum & Coca Cola“ – sowohl in der Version der First Lady of Rockabilly, Wanda Jackson (produziert von Jack White), als auch im Original des trinidadischen Calypso-Sängers Lord Invader.

Ursprünglich handelte der Song übrigens – Hörabende bilden! – von der überhandnehmenden Prostitution auf Trinidad seit der Stationierung von amerikanischen GIs. Davon blieb in den „weißgewaschenen“ Versionen (z. B. auch jener der Andrew Sisters) freilich nichts übrig.
Auf Sambarock des Trio Mocoto aus Brasilien folgte das großartige Zigaretten-Duett von Princess Chelsea aus Neuseeland (das ich letztes Jahr bei einer Ausstellung zum Thema Rauchen entdeckt habe), gefolgt von der Wienerischen Version der Band Grant (die ich kurioserweise schon kannte, bevor ich vom Original wusste).

Weiter ging es mit dem kuriosen Novelty-Song „Smoke! Smoke! Smoke!“ (1947) von Tex Williams, der im Film „Thank You for Smoking“ an prominenter Stelle eingesetzt wird, mit Muddy Waters, der die Kombination von Champagner und Gras preist, und Drogen-Klassikern von Queens of the Stone Age und J.J. Cale. Atmosphärisch deckten die Songs eine ordentliche Bandbreite ab: denkbar betäubt und träge bei Dope Lemon aus Australien (stimmungsmäßig gefolgt von der formidablen Dusty Springfield), beschwingt bei Rosco Gordon, oder psychotisch bei den Horrorpunks von The Cramps.

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Verschlungene Stimmen, unerwartete Wendungen

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 34: OHMME – GHOST (2020)

So mühsam das krisenbedingte Daheimbleiben auch sein mag, es bietet – an entspannteren Tagen – zumindest die Chance auf Entdeckungen: sowohl in ansonsten sträflich vernachlässigten Winkeln, Kästen und Schubladen der eigenen Wohnung („Oha, Backerbsen aus dem vorigen Jahrhundert“) als auch auf musikalischem Feld.

Das Ziel, mit den spätesten Jahrescharts der Welt® heuer vielleicht doch einmal früher fertig zu werden, erweist sich zwar trotz Quarantäne als aussichtsloses Unterfangen (noch liegen ca. 13 A4-Seiten mit Songs aus dem Jahr 2019 vor mir, die ich mir zumindest einmal anhören möchte; zugegeben mit doppeltem Zeilenabstand). Aber das fast schon generalstabsmäßig geplante Musikhören führt doch immer wieder zu wunderbaren Entdeckungen – und sei es nur zufällig, sowie im Fall von OHMME.

Denn die Formation aus Chicago hatte ich auf keiner meiner Listen stehen, ihre wirklich noch brandneue Single „Ghost“ wurde mir ganz banal von YouTube vorgeschlagen (die Logarithmen funktionieren also, der Große Bruder hat meinen exquisiten Musikgeschmack erkannt ;-)). Aber oft (Achtung, Kalenderspruch!) sind die die Dinge, in die man irgendwie hineinstolpert, ohnehin die interessantesten. Jedenfalls war ich sofort, wie man neudeutsch so sagt, hooked und suchte nach weiteren Songs. Ein schlechter war nicht dabei.

OHMME sind im Kern ein Frauen-Duo, nämlich Sima Cunningham und Macie Stewart (ergänzt um Drummer Matt Carroll). Sie hießen früher – wohl gleich ausgesprochen – Homme, mussten den Namen aber offenbar ändern, übrigens nicht wegen Josh Homme of Queens-Of-The-Stone-Age-Fame, sondern wegen einer K-Pop-Formation gleichen Namens. Beide Künstlerinnen, die auch in diversen anderen Formationen ans Werk gehen, sind Multiinstrumentalistinnen, u. a. ausgebildete Pianistinnen. Bei OHMME steht – neben ausgeklügelten Vokalharmonien – aber die Gitarre mit ihren vielfältigen Klangfacetten im Fokus.

Experimentierfreude ist dabei oberstes Gebot – nicht umsonst sind die Musikerinnen Teil der Avantgarde-Jazz- und Improvisationsszene von Chicago. Doch diese Lust auf ungewöhnliche klangliche Wege koppeln OHMME mit gehörigem Pop-Appeal – und genau darin liegt ihre Stärke. Denn sie klingen nicht nur unerwartet, vielseitig und eigenständig, sondern auch eingängig.

„Ghost“ zeigt das souverän auf: Makelloser, majestätisch-optimistischer Harmoniegesang trifft da in kompakten dreieinhalb Minuten auf einen dreckig-treibenden Bass und jaulende, sanft dissonante Gitarrenfiguren. Man kann es nicht anders sagen: Ein Hit!

Etwas spröder, aber fast ebenso zwingend präsentiert sich das ebenfalls erst vor wenigen Wochen veröffentlichte „3 2 4 3“, das melancholisch und, vor allem in der zweiten Songhälfte, leicht sphärisch daherkommt.

Besonders eindrucksvoll geraten ist das bereits 2018 veröffentlichte, düstere „Grandmother“, das verhalten-folkig startet, nach einer Dreiviertelminute plötzlich auf einem feisten Blues-/Hardrock-Beat daherreitet, umgarnt von Gitarrenschlieren und harschen, kratzigen Feedbackschleifen, ehe sich wieder diese grandiosen, sakral anmutenden Vokalharmonien schmetterlingsgleich entfalten. Und die zentralen Zeilen „Grandmother (…) Who’s looking out for you?“ erfahren in der aktuellen Situation, in der alte und pflegedürftige Menschen schon seit Wochen ohne Besuch in Heimen ausharren, eine gespenstische neue Bedeutungsebene.

Es ist vor allem die Vielfalt an Klangfarben und Atmosphären, mit denen OHMME verblüffen: Mal klingen sie alternativrockig-rau wie PJ Harvey, mal kunstvoll-prätentiös wie Kate Bush (mit beiden werden sie immer wieder verglichen). Und dann plötzlich wieder ganz anders, etwa in „Icon“, das mich persönlich z. B. an tUnE-yArDs oder die Schwestern von CocoRosie denken lässt – an Künstlerinnen, die im Versuch, ihrem Genie möglichst viel Auslauf zu lassen, auch mal in Kauf nehmen, die Hörerschaft zu überfordern und zu nerven. Und das meine ich positiv!

Stimmlich erinnern OHMME bisweilen auch an eine aufgekratztere Eleanor Friedberger (Fiery Furnaces) und die Popkulturgeschichte haben sie natürlich sowieso intus (wie sie etwa mit dem B-52s-Cover „Give Me Back My Man“ beweisen). Aber sie bleiben dabei eben immer angenehm unberechenbar und auf elegante Weise widerspenstig.

„Water“ beispielsweise beginnt als straighter Alternative Rock, der auch Bands wie Sleater-Kinney gut zu Gesicht stehen würde, ehe OHMME mit avantgardistischen Vokalharmonien, die sich gegenseitig anstoßen wie Billardkugeln, wieder mal in eine ganze andere Richtung abbiegen.

Dass OHMME als wichtige Band der Independent-Szene von Chicago gelten, verwundert angesichts ihres überschießenden Talents nicht. Dass sie mit einflussreichen, dem Experiment ebenfalls nicht abgeneigten Chicagoer Bands wie den großen Wilco oder den Postrock-Säulenheiligen Tortoise gespielt haben, ebensowenig. Macie Stewart war früher aber auch Mitglied einer Hip-Hop-Formation („Kids These Days“), was die große musikalische Wandelbarkeit nur noch unterstreicht.

Das neue Album „Fantasize Your Ghost“ erscheint im Juni, ich werde es mir für die Jahrescharts 2020 (hüstel) auf jeden Fall fett markieren. Wie es mit der anschließend geplanten, ausgedehnten US-Tournee weitergeht (und wann es OHMME vielleicht sogar einmal nach Europa schaffen), ist derzeit – wie so vieles andere – leider nicht absehbar.

Weitere Anspieltipps (alle super!): 3 2 4 3, Wheel, Sentient Beings, Left Handed, At Night (Letzteres nur auf Spotify)

Kaffee, Küche, Kippen, Keller – Korona?

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 33: THE DÜSSELDORF DÜSTERBOYS – KAFFEE AUS DER KÜCHE (2019)

Pandemie, Quarantäne und Ausgangssperre: Darunter geht’s wohl nicht ab, damit sich hier am Blog mal wieder was bewegt und die altehrwürdige Kategorie des „Tracks der Woche“ (der letzte stammt, hüstel, aus dem Oktober 2019) eine so nicht mehr erwartete Rückkehr feiert. Dafür sogar eine dauerhafte? Man darf den Optimismus nicht verlieren!

Und nein, der aktuelle Track der Woche ist definitiv kein Corona-Track – schließlich stammt er schon aus dem Vorjahr. Und bietet textlich und musikalisch weder finstere Dystopien noch trotzige Durchhalteparolen oder leidenschaftliche Solidaritätsaufrufe. Trotzdem passt er irgendwie perfekt in die aktuelle Situation.

Ich hol den Kaffee aus der Küche / Ich hol die Kippen aus dem Schrank /
Ich hol den Wein aus dem Keller / Und hau den Nagel in die Wand.

Genau, das ist auch schon der komplette, so einfache wie vieldeutige Text (der in den Background-Vocals noch einmal in der dritten Person Einzahl gespiegelt wird). Wie er ursprünglich gemeint ist? Kein Ahnung. Vielleicht als Metapher für eine denkbar unglamouröse, prekäre Künstler-/Bohemien-Existenz? Für ärmlichen Hedonismus? Oder aber als Kritik an einer spießbürgerlich-biedermeierlichen „My home is my Castle“-Mentalität samt borniertem Heimwerkerdenken (so ähnlich wie in „Mach es nicht selbst“ von Tocotronic)?

Klar ist wie gesagt: Um Corona geht es hier. Und doch lassen die ultrareduzierten Lyrics und der emotionslose bis latent aggressive Vortrag genau die Bilder aufsteigen, die unseren aus den Fugen geratenen Alltag derzeit prägen: räumliche Beschränkung, Rückzug auf Routinen und die „einfachen Dinge“, sprich auf Konsum jeder Art, nicht zuletzt auch jenen von legalen Rauschmitteln. So dürfte es derzeit vielen ergehen – zumindest jenen, die so privilegiert sind, dass sie nicht täglich in Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen, Supermärkte oder öffentliche Verkehrsmittel eilen müssen, um unseren kollektiven Laden am Laufen zu halten. Von jenen, die ihren Job verloren haben oder zu verlieren drohen, wollen wir hier gar nicht reden.

Jedenfalls ist die Szenerie dieses Songs eng, klein, beschränkt, banal, denkbar weit weg von großen Themen und Gefühlen – und damit sehr passend für den Zustand einer Gesellschaft im Rückzugsmodus.

Musikalisch ist das Ganze hingegen ein verdammter (dabei stilistisch gar nicht so leicht zu schubladisierender) Ohrwurm, wie ihn in Deutschland derzeit kaum jemand besser hinbekommt als die Düsseldorf Düsterboys. Ok, höchstens noch International Music. Denn die Düsterboys Pedro Crescenti und Peter Rubel bilden auch zwei Drittel der letztgenannten Band, die 2018 mit „Die besten Jahre“ eines der, äh, besten Alben des Jahres abgeliefert haben.

Übrigens kommen die Finsterburschen gar nicht aus Düsseldorf, sondern aus Essen. Aber allein die Alliteration ist das Düsseldorf wert – und die musikgeschichtlichen Assoziationen, die im Namen mitschwingen, dürften wohl auch beabsichtigt sein. Schließlich ist Düsseldorf so etwas wie die heimliche Musikhauptstadt Deutschlands – von den Krautrockern Neu! und La Düsseldorf (sic!) über DAF (R.I.P.), Fehlfarben, Der Plan, KFC, Rheingold oder die, äh, Toten Hosen bis hin zur Antilopen Gang.

Im Mai hätten die Düsseldorf Düsterboys übrigens in der wunderbaren Jungen Talstation in Innsbruck auftreten sollen, ein Termin, den wohl nicht nur ich mir bereits dick und fett im Kalender angestrichen habe – und der unter den obwaltenden Umständen wohl kaum halten dürfte. Hoffentlich gilt hier wie bei so vielen anderen Dingen: aufgeschoben, nicht -gehoben.

Weitere Anspieltipps:
– Düsseldorf Düsterboys – Oh Mama, Messwein, Teneriffa, Meine Muse, Nenn mich Musik
– International Music – Für alles, Cool bleiben, Du Hund, Metallmädchen, Dein Daddy ist rich

Großer Weltraumbahnhof in der Talstation

Konzertbericht: KOSMODROM (GER), MOON WOMAN (AUT), Innsbruck, (Junge) Talstation, 18. Jänner 2020

Wie sagten schon die alten Japaner? Psychedelischer Rock ist ein Gericht, das man am besten live serviert.

Nachprüfen konnte man diese seit Jahrhunderten überlieferte Weisheit gestern Abend bei einem äußerst feinen Double-Feature an einem nicht minder feinen Veranstaltungsort, nämlich der ehemaligen Talstation der Innsbrucker Hungerburgbahn. Für mich war es der erste Konzertbesuch in dieser außergewöhnlichen Location, die in vielen reizvollen Details – von der „Kassa“-Aufschrift in historischer Typologie über dem nunmehrigen Ausschank bis zum Schriftzug „Aufgang zur Bahn“ am Eingang zum Konzertsaal – den Charme alter Zeiten atmet.

Ungleich jünger, nämlich offenbar in dieser Formation erst ein Säugling von ca. zwei Monaten, ist die Band, die den Abend eröffnete: Moon Woman nennt sich ein neues, in Innsbruck ansässiges Stoner-Rock-Trio, das in der von Beginn an prall gefüllten Talstation keine Spur von Nervosität zeigte, sondern einen ebenso erfrischenden wie sympathischen Auftritt hinlegte.

Der Wechsel zwischen eher langsamen, pochenden, düster-atmosphärischen Parts auf der einen und treibend-aggressiven Schlagzeug-Salven sowie, ähem, Powerriffs auf der anderen Seite sorgte für Spannung, dazu streute der Bassist hin und wieder eine wohldosierte Prise rhythmischen Sprechgesangs bei.

„Mia wissn söwa oft ned genau, wos ma do tan, owa es ist trotzdem geil“, meinte der Moon- Woman-Drummer irgendwann in jugendlichem Überschwang – und spielte damit auf den hohen Impro-Faktor im Gesamtsound an. Die Songs hätten noch nicht einmal Titel, ergänzte er später. Doch das Unfertige machte den Auftritt nur umso interessanter, vor allem weil Spiel- und Lebensfreude in jeder Sekunde mit Händen zu greifen (und natürlich zu hören) waren.

Von dieser Euphorie (und lässigem Understatement mit Ansagen wie: „Des worn etz zwoa Liada. Und etz spü ma no a por Liada“) ließ sich das Publikum dankbar mitreißen und feierte die junge Formation lautstark ab. Verdientermaßen!

Bei der Hauptband, dem Quartett Kosmodrom [= Weltraumbahnhof] aus Bayern, sprang der Funke erst allmählich, dafür aber umso nachhaltiger und heftiger über. Nicht nur in ihrem komplett anti-rockistischen Auftreten samt leise gemurmelter Ansagen zeigte sich die Band angenehm distanziert und unaufdringlich. Auch ihr rein instrumentaler Sound fällt nicht mit der Tür ins Haus, sondern setzt auf Spannungsaufbau, zurückgenommene Sequenzen und dann umso wirkungsvollere und wuchtigere Laut-Leise-Kontraste. Der Vergleich mit All Them Witches – einer Band, die Kosmodrom selbst als wichtige Inspiration nennen (neben Sungrazer oder The Entrance Band) – ist treffend: Denn wie bei den Amerikanern hat man auch bei Kosmodrom oft den Eindruck, am Fuße eines Vulkans zu stehen, der immer kurz vor der Eruption steht – aber nur manchmal ausbricht. Um dann umso eleganter zu fließen, oft in unerwartete Richtungen. 

Genau diese stetige Anspannung macht den psychedelischen Rock von Kosmodrom aus. Dazu kommt ein pulsierender Groove, der sich gewaschen hat und der Musik bisweilen eine Funkiness verleiht, die schwerfälligem Stoner Rock/Doom oft fehlt. Ja, allzu brachial klingt hier trotz vieler harter Passagen nichts, vielmehr herrscht eine Art Sanftes Gesetz, das für ein warmes und psychedelisch-einlullendes Klangbild sorgt. Nebel und süßer Rau(s)ch, den suggestive Visuals schön ergänzten.

(Anm.: Dank des stufenförmigen Aufbaus im Saal konnte sich daran auch wirklich jede(r) sattsehen. Warum baut man eigentlich nicht jede Konzertlocation so?)  

Und so flossen die Nummern fast unmerklich ineinander. In jeder der (seltenen) Pausen reagierte das Publikum euphorischer (bis hin zu Miniatur-Stagediving), am Ende gab es tosenden Applaus und laute Rufe nach Zugaben. Die Bayern, ihrerseits von Publikum und Location sichtlich begeistert, kamen dem natürlich gerne nach – hielten den Auftritt aber dennoch kompakt. Leaving the audience waiting for more – so geht das!

Fazit: Ein furioses Österreich-Debüt (!) für Kosmodrom. Und für mich persönlich ein erfreuliches Talstation-Debüt (den Auftritt der genialen österreichischen Band Vague im Vorjahr habe ich unverzeihlicherweise versäumt) – auch wenn ich garantiert unter den fünf bis zehn ältesten Menschen im Raum war und mir schön langsam Sorgen machen sollte. Dass ich den Hintergrund des „Paris Hilton @the Airport“-Schildes, das zwei vergnügte Zuschauer in die Luft hielten, nicht begreife, sollte angesichts dessen niemanden verwundern …

PS: Die Kosmodrom-Tonträger mit den wunderbar spacigen Titeln „Sonnenfracht“ und „Gravitationsnarkose“ kann man HIER anhören und kaufen. Do it!

PPS: Hier findet man wunderbare Konzertfotos von Benjamin Mader, die die Atmosphäre dieses tollen Abends (inklusive Auflegerei im Anschluss) stimmungsvoll einfangen.