Archiv des Autors: Michael Domanig

Musik, die für sich allein spricht

Festivalbericht: „The Art of Solo – 1. Internationales KlangFarben Musikfestival“,
29./30. April 2022, Kulturquartier Kufstein

Von Michael Domanig
(Fotos: Anton Horrer, Mike Litzko) 

„The Art of Solo“, die Kunst des Solierens, hat wohl jede/r von uns in den letzten rund 27 Monaten Pandemie in irgendeiner Form gepflegt. Nämlich in dem Sinn, dass wir wohl oder übel sehr viel mehr Zeit mit uns selbst verbringen mussten als gewohnt. Wir waren gewissermaßen unsere eigenen Alleinunterhalter – was auf Dauer freilich nur begrenzt Spaß macht. Und auch viele MusikerInnen sahen sich unfreiwillig auf sich selbst zurückgeworfen, mit meiner Meinung nach oft zweifelhaften Ergebnissen: Mir persönlich hingen die ganzen Solo-Akustik-Aufnahmen, Schlafzimmerproduktionen (gähn!) und Konzert-Livestreams schon zu den Ohren hinaus, lange bevor diese Welle ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Livekonzerte funktionieren eben wirklich nur LIVE, alles andere (auch das von mir stets kritisch gesehene Format des Livealbums) bleibt ein hohler, flacher und letztlich unbefriedigender Ersatz. Und damit komme ich nun zu „The Art of Solo“ im eigentlichen Sinne, nämlich zum gleichnamigen ersten internationalen Musikfestival des verdienstvollen Kufsteiner Kulturvereins KlangFarben. Dieses Festival – das pandemiebedingt mehrfach abgesagt und umgeplant werden musste – war für mich nämlich die erste größere Dosis Livemusik seit vielen Monaten.

Und schon der erste Abend (ich entschied mich nach einer langen Arbeitswoche spontan zum Festivalbesuch und konnte von Tag eins nur noch die letzten beiden Konzerte mitnehmen) machte klar, dass man für dieses kleine, aber feine Festival die musikalischen Scheuklappen so rasch wie möglich ablegen musste. Die Bandbreite an diesem Wochenende war nämlich enorm: zwischen den Stilen, zwischen Mainstream-Tauglichkeit und Avantgarde. Kontraste und Brüche bildeten eher die Regel als die Ausnahme. Die Tatsache, dass die KünstlerInnen solo, also allein auf der Bühne standen, bildete im Grunde die einzige inhaltliche Klammer. Und selbst dieses Reinheitsgebot wurde nicht vollständig eingehalten. Doch dazu später mehr …

Mein – verspäteter – Festivaleinstieg fiel fordernd und sperrig aus: Der namhafte, aus New York City stammende Multiinstrumentalist Jamie Saft brachte, zottelbärtig und durchgehend mit FFP2-Schutzmaske, improvisierte Klänge auf Keyboard und Hammond-Orgel zu Gehör. „Jazzig-vertrackt und mit viel Spielwitz“, befand Markus Stegmayr in der Kronenzeitung treffend – für Nicht-Kenner des freien Jazz wie mich freilich starker Tobak. Laut Aussage von Saft fanden dabei z. B. Motive von John Coltrane, Thelonius Monk oder Joni Mitchell zusammen, nicht selten in einem einzigen Track – mangels einschlägiger Hörerfahrung kann ich das nur so wiedergeben. Auch wenn mir einiges in diesem Set zu hoch war (und der ansonsten das ganze Wochenende über brillante Soundmix stellenweise übersteuert wirkte, speziell in den Basslagen) machte dieser Auftakt Lust auf mehr. Nicht zuletzt, weil es (sträflicherweise!) mein erster Besuch im bereits 2017 eröffneten Kulturquartier Kufstein war, einer wirklich sehr schönen, angenehmen und einladenden Location.

Den eigentlichen Festivalauftakt hatte ich freilich versäumt – den hatte am Nachmittag ebenfalls Mr. Saft besorgt, allerdings nicht im Kulturquartier, sondern auf der Heldenorgel, der, wie jedes Kufsteiner Schulkind weiß, „größten Freiluftorgel der Welt“®. Am Spieltisch im Festungsneuhof hatte der Amerikaner bereits 2019 einmal die Register und Manuale bedient. Seine erneute Begegnung mit der Mammutorgel ging leider wieder ohne mein Beisein in Szene – ebenso das anschließende Konzert von „?Alos“ (Stefania Alos Pedretti) aus Italien, die ihren experimentell-radikalen „Queer-Pagan-Doom-Avant-Metal“ ins Kulturquartier brachte. Dem Vernehmen nach war das Black-Metal-Ritual „The Chaos Awakening“ alles andere als leichte, dafür umso spannendere Kost. Den stilistisch denkbar anders gelagerten Auftritt von Sophie Abraham, als „stilwildernde Cellistin“ (Ö1) u. a. vom „radio.string.quartet“ bekannt, schaffte ich zeitlich leider ebensowenig, auch nicht das Solo des vielseitigen Tirolers Jochen Hampl.


Jamie Saft: Eröffnungskonzert auf der Heldenorgel; Video: KlangFarben Kulturverein

Ein weiterer Programmpunkt an diesem Abend entfiel kurzfristig, zugleich eine Erinnerung daran, dass es auf der Welt noch Anderes und Wichtigeres als Kunst und Kultur gibt: Statt zu seiner elektrisch verstärkten Laute muss der ukrainische Bandura-Virtuose Ivan Tkalenko laut Veranstalter derzeit in seinem Heimatland zu den Waffen greifen.

Wir Privilegierten konnten derweil in Kufstein gemütlich weitere Livemusik genießen – namentlich das Abschlusskonzert des ersten Abends mit Anneke van Giersbergen aus den Niederlanden. Im Gegensatz zu einigen deklarierten „Fanboys“ mittleren Alters im Publikum war mir die bekannte Sängerin, Musikerin und ehemalige Frontfrau der Metal/Progressive Rock-Formation „The Gathering“ kein Begriff. Und während einige ihrer auf Wikipedia genannten Kooperationen (etwa mit „Napalm Death“ oder der isländischen Folkformation „Árstíðir“) durchaus neugierig machten, schreckten mich andere Referenzen in ihrem umfangreichen Portfolio, wie etwa die Bombast-Metaller „Within Temptation“, ab.

In der praktischen Konzertsituation zeigte sich dann: Auch wenn die Soundwelt von Anneke van Giersbergen wirklich nicht unbedingt die meine ist (und ich Akustikgitarrensets sonst eher langweilig finde) – dieser erstaunlichen Stimme, diesem Charisma und der rundum sympathischen, magnetischen Ausstrahlung kann man sich (live) kaum entziehen. Die reduzierten, folkigen Nummern – etwa „Lo and Behold“ oder „Love You Like I Love You“ von van Giersbergens jüngstem Soloalbum – gefielen mir dabei am besten. Dazu gab es einiges aus dem Backkatalog (auch eine „The Gathering“-Nummer) und schöne Coverversionen von Kate Bush („Running Up That Hill“) oder Chris Cornell (die Audioslave-Nummer „Like A Stone“). Souverän und bestens gelaunt zeigte sich die Musikerin auch im Austausch mit dem Publikum – vom augenzwinkernden Tipp an die Kufsteiner, doch den neuen Italiener nebenan aufzusuchen, bis zum Dialog mit einem Fan im Publikum, der ihr bei der Aussprache eines griechischsprachigen Songtitels assistierte: „In every concert there’s someone from Greece in the audience“, stellte die Künstlerin erstaunt lachend fest.

Apropos ZuhörerInnen: Leicht zugängliche, dennoch sehr qualitätvolle und ungewöhnliche Auftritte wie dieser wären garantiert auch bei einem deutlich größeren Publikum bestens angekommen – auch bei BesucherInnen, die mit den experimentelleren Programmpunkten vielleicht weniger anfangen können. Selbst wenn ich angesichts der noch immer nicht ganz überwundenen Pandemie nichts gegen den vielen Freiraum in den Stuhlreihen einzuwenden hatte: Die engagierten Veranstalter hätten sich ein definitiv ein volles Kulturquartier verdient gehabt!

Diejenigen, die vor Ort waren, bereuten es jedenfalls nicht. Das galt für mich persönlich auch und sogar noch mehr für den Samstag, den zweiten (und letzten) Festivaltag:

Diesmal fand ich mich pünktlich zum nachmittäglichen Start ein – und zunächst nur mit drei oder vier anderen Anwesenden im Foyer des Kulturquartiers wieder. Das Festivalmotto „The Art of Solo“ war zu diesem Zeitpunkt fast wörtlich zu nehmen … Zum Glück wuchs das Publikum bis zum Abend doch noch an – und zum Glück ließ sich auch der Auftakt-Künstler nicht verdrießen. Im Gegenteil: Der großartige Tobias Ennemoser vulgo „TubAffinity“ verbreitete von Beginn an gute Laune – und schräge, fast surreale Vibes: Ein bärtiger Mann mit Tuba, der dem Rieseninstrument groovige Töne entlockt, diese mit knackig-billigen Technobeats garniert und mit bizarren Megaphon-Durchsagen abschmeckt? Das wäre an sich schon ein Ereignis. Wenn sich das Ganze dann noch auf Rollschuhen (!) abspielt – die TubAffinity als ehemaliger Eishockeyspieler ebenso gut beherrscht wie sein Instrument – dann fühlt man sich endgültig in einem alternativ-anarchischen Zirkus angekommen. Echt „wyld“, wie es die Bühnenfigur selbst ausdrücken würde.

Schade, dass der gebürtige Tiroler, der heute in Wien lebt (und schon mit Kleinkunstpreisen dekoriert wurde), wetterbedingt nicht durch die Stadt, etwa hinunter zum Fischergries, fahren konnte: Bei vielen PassantInnen wäre dieses wunderbar schräge, trashige Gesamtkunstwerk bestimmt auf Begeisterung (oder zumindest Verwunderung) gestoßen. So musste TubAffinity sich aufs Kulturquartier beschränken, wo er den ganzen Abend den hochsympathisch-dadaistischen, halsbrecherisch durch die Location kreisenden Pausenclown gab. Eine echte Bereicherung. Und ein Künstler, den man gerne bald wieder mit einem vollständigen Konzert-/Kabarettabend in Tirol erleben würde.


TubAffinity im Foyer des Kulturquartiers Kufstein; Video: KlangFarben Kulturverein

Auch das österreichische Gitarrenduo Markus Schlesinger und Carina Linder konnte wegen des trüben Regenwetters (bei freiem Eintritt) nicht vor, sondern nur im Kulturquartier spielen. Kaffeepausen-bedingt habe ich diesen Auftritt leider versäumt …

Für harte Brüche war jedenfalls auch am zweiten Festivaltag gesorgt: Anja Thaler servierte stimmgewaltigen Piano-(Indie-)Pop mit expressivem Gesang und eigenwilligen deutschsprachigen Texten, darunter etwa die Nummer „Dornenkranz“, mit der sie schon beim FM4-Protestsongcontest vertreten war. Auch hier galt für mich: Nicht mein Sound – aber eine Künstlerin, die sich auf der Bühne so öffnet, etwa in Liedern über den Krebstod ihrer Mutter oder über das Heranwachsen von Kindern, hat allen Respekt verdient.

Danach folgte wahrscheinlich mein persönliches Festivalhighlight – der eindringliche, intensive Auftritt der schwedischen Künstlerin Klara Andersson alias Fågelle: In ihrem experimentellen Set, auf halbem Weg zwischen Song und Soundinstallation, zwischen Noise und Pop, fanden Geräuschfetzen, kantige E-Gitarrenriffs, spärliche, harsche Beats und hypnotische Gesangslinien (ausschließlich auf Schwedisch!) gefühlt zu einem einzigen langen Track zusammen. Dazu bediente sich Fågelle einer Technik, die mich bei SolokünstlerInnen fast immer fasziniert: Live-Loops, bei denen auf der Bühne selbst produzierte Soundfragmente direkt gesampelt und in Echtzeit zu einem Klangpuzzle zusammengesetzt werden.

Später am Abend sollte sich dann auch der – musikalisch freilich völlig anders gelagerte, ungleich poppigere – Multiinstrumentalist Adam Ben Ezra einer solchen Technik bedienen. Wo jedoch der israelische Kontrabass-Virtuose und Showman aus seinen virtuosen Loops leicht zugängliche, groovige Nummern baute, blieb es bei Fågelle radikal und fragmentarisch. Songstrukturen waren nur in Ansätzen auszumachen, auf Publikumsanbiederung, Gelegenheiten für Zwischenapplaus und ähnlichen Schnickschnack verzichtete die Künstlerin komplett. Trotzdem oder gerade deshalb entfaltete ihr Auftritt eine starke Sogwirkung – ob Andersson nun Effektpedale bediente, die eigene Stimme verfremdete, die E-Gitarre mit dem Geigenbogen bearbeitete oder sich eine seltsame Schlinge um Hals und Stimmbänder legte.

Mit ihrer konzentrierten Forschungsarbeit im Soundlabor stellt die Künstlerin zugleich (noch immer) dominante Genderzuschreibungen im Musikgeschäft bloß, in denen Musikerinnen allzu oft auf ihre Stimme reduziert werden. Dabei ist das fast schon wissenschaftlich-technisch anmutende Soundtüfteln, Knöpfchendrehen und „Frickeln“ (wie die Deutschen sagen) längst keine Männerdomäne mehr. Immer wieder schwirrten mir beim Auftritt Namen von kompromisslosen Klangforscherinnen wie Pharmakon, Eartheater, der Schwedin Christine Owman oder auch Björk durch den Kopf – doch letztlich klingt Fågelle viel zu eigenständig für derartige Vergleiche. Fazit: Ein packender, im besten Sinn fremdartiger Auftritt, der auch deutlich größeren Veranstaltungsreihen wie dem Donaufestival oder dem Heart of Noise alle Ehre machen würde.

Während Fågelle sehr gut in die FM4-Avantgardesendung „Im Sumpf“ passen würde, stellten sich die nächsten zwei, nein eigentlich drei Auftritte wieder ganz anders dar: Sie waren, um bei der Radiometapher zu bleiben, viel eher im Ö1-Universum angesiedelt – und das meine ich rundum positiv: Mit dem Akkordeonisten Christian Bakanic und der Cellistin Marie Spaemann präsentierten sich zwei herausragende österreichische InstrumentalistInnen, zunächst jeweils mit einem kürzeren Soloset, dann als Duo. Damit verstießen sie zwar irgendwie gegen die „Regeln“ des Festivals – aber auf hochwillkommene, eindrucksvolle Weise.

Als erster bewies Christian Bakanic, welche erstaunliche Klangvielfalt im Akkordeon steckt, wenn man es, so wie er, bis in die feinste Nuancen und Zwischentöne hinein im Griff hat. Die Kunst des Solierens begleitet Bakanic schon ein Leben lang: Bis zum 14. Lebensjahr habe er im Südburgenland vor allem Volksmusik gespielt, erzählte er zwischendurch, auf jeder Geburtstagsfeier des Großvaters und anderer Verwandter musizierte er solo. Später studierte er dann Klassisches Akkordeon an der Kunstuni Graz. Diese Biographie deutet schon an, wie virtuos und leichtfüßig sich der Musiker zwischen verschiedenen Stilen bewegt – in Kufstein irgendwo zwischen Klassik, Jazz („Caravan“ streute er als Verneigung vor Duke Ellington ein) und Tango Nuevo. Auf einer Cajón (Kistentrommel) sitzend, bewies er wie nebenbei auch wunderbares Rhythmusgefühl.

Mindestens genauso beeindruckend dann der Auftritt von Marie Spaemann: Wie Bakanic gehört die Cello-Virtuosin einer jüngeren Generation von MusikerInnen an, die Genregrenzen scheinbar mühelos überwinden. Und das auf atemberaubendem technischem Niveau: Da wurde das Cello in Perfektion gezupft, gestrichen oder rhythmisch beklopft, als ob das die leichteste Übung wäre, da führte Spaemann – die auch hervorragend singt – mal eben J. S. Bach mit einem hebräischen Volkslied und arabischer Liebeslyrik zusammen, da klangen Soul, Jazz und Klassik plötzlich wie Geschwister. Genau wie bei Bakanic geriet all dies zum Glück nie zu gediegen oder kunsthandwerklich, sondern blieb immer eigensinnig und originell. Das Ganze zelebrierte Spaemann auf der Bühne übrigens tiefenentspannt-barfuß. Chapeau!

Als kongeniales Duo frönten Spaemann und Bakanic danach der gemeinsamen Liebe zum Tango (der laut Spaemann „lebensbejahend und traurig zugleich“ ist) oder gaben mit dem neuen Lied „Split“ eine Nummer über die tiefen gesellschaftlichen Spaltungen der letzten Jahre zum Besten. Besser aufeinander eingespielt kann man kaum sein, die beiden MusikerInnen harmonierten perfekt – auch im buchstäblichen Sinne bei herrlichem Harmoniegesang.

Eigentlich unterstütze ich ideologisch ja den niederschwelligen DIY-Ansatz des Punk – aber wenn man sein Instrument so toll beherrscht, ist das schon etwas Großartiges. Als Nichtmusiker kam ich mir nach den heftig beklatschten Auftritten von Frau Spaemann und Herrn Bakanic jedenfalls wie ein plumper Grobmotoriker vor …

Erst recht galt das nach dem fulminanten Abschlusskonzert mit Adam Ben Ezra: Denn das Instrument, das dieser multitalentierte israelische Musiker NICHT beherrscht, muss erst noch erfunden werden. „Tuba kann ich noch nicht“, meinte er nach dem Auftritt augenzwinkernd zu mir – in lobender Anspielung auf den bereits erwähnten „TubAffinity“, der gerade ein letztes Mal seine Runden drehte.

Adam Ben Ezras Hauptinstrument ist der mächtige Kontrabass. Und es gibt wohl keine Spieltechnik, die er auf diesem schon rein optisch Ehrfurcht gebietenden Instrument noch nicht ausprobiert (und zur Meisterschaft gebracht) hat: von Pizzicato- und Slaptechnik über den Einsatz verschiedener Bögen bis zur virtuosen Verwendung des „double bass“ als Percussioninstrument. Die Besonderheit: All diese Sounds – und noch ganz viele andere – baut der Musiker per technisch perfektionierter Loop-Technik live auf der Bühne zu Songs zusammen. Er legt Schicht auf Schicht, bis man irgendwann glauben könnte, statt eines Solisten stünde eine vier-, fünf- oder siebenköpfige Band auf der Bühne.

Und das macht Adam Ben Ezra nicht nur mit den Kontrabass-Motiven so: Vokale Phrasierungen, Beats und Riffs, Melodiebögen aus dem Keyboard und dem Fender-Rhodes-Piano, sogar Flötentöne: All das türmte er in Kufstein aufeinander, selbstverständlich ohne falsche Rücksicht auf irgendwelche Genrebegrenzungen. Eine Fassung von „Don’t Worry, Be Happy“ hatte da genauso Platz wie Flamenco-Ausflüge oder ein besonders mitreißender Reggae – „from the middle east“. Und sogar wenn es zwischendurch manchmal „too much“ wurde, Spaß machte das Ganze immer. Am besten gefielen mir persönlich die Nummern mit hebräisch-nahöstlichen Text- oder Soundeinflüssen und (wie bei Spaemann und Bakanic) die besonders groovigen, perkussiven Momente. Dass dabei jedes Detail glasklar hörbar blieb, spricht auch für die Soundtechniker im Kulturquartier.

Dazu präsentierte sich Adam Ben Ezra (nur echt mit Hut!) als exaltierter Showman und Performer – kein Wunder, dass ihm auch auf YouTube die Herzen und Klicks zufliegen. Dass er in Kufstein komplett „übernachtig“ angekommen war (nachdem sein Flug gecancelt worden war und er gerade noch den letzten Platz in einem Ersatzflieger ergattern konnte), spürte man keine Sekunde lang. Das Publikum ließ sich bereitwillig mitreißen, klatschte heftig (und erfolgreich) um Zugabe. Und Adam Ben Ezra brachte es zum Abschluss dieses vielfältigen Konzerttages auf den Punkt: „It wasn’t a full house today, but it felt like a full house.“

Dass ein so anspruchsvolles und liebevoll zusammengestelltes Programm nicht mit höheren Zuschauerzahlen belohnt wurde, bleibt ein Wermutstropfen. Davon sollten sich aber weder der Kulturverein KlangFarben um den unermüdlichen Mike Litzko beirren lassen noch die Kufsteiner Kulturpolitik – die außergewöhnliche Veranstaltungen wie diese hoffentlich auch künftig kräftig unterstützen wird!

Eine Stimme, erschütternd wie ein Erdbeben

Da muss schon jemand sterben, damit es hier am Blog mal wieder ein Lebenszeichen gibt …
Mit Mark Lanegan ist ein Künstler für immer verstummt, den man nicht nur seiner Stimmlage wegen in eine Reihe mit dem gewaltigen Johnny Cash oder ähnlichen (Über-)Größen stellen kann. Von „Grabesstimme“ mag man, so passend es sein mag, bei einem so traurigen Anlass nicht mehr schreiben.
Hier ein ganz persönlicher, schnell zusammengeschusterter Mini-Abschied in Form von fünf Songs mit Lanegan-Beteiligung.

1.) Screaming Trees – All I Know
Knietief im Grunge, hebt sich durch pure Stimmgewalt und Wucht von der oft zähen zeitgenössischen Masse ab.

2.) Queens Of The Stone Age – Hanging Tree
Für mich eigentlich die erste Begegnung mit dem dunklen Stimmwunder Lanegan. Das Album („Songs for the deaf“) habe ich seinerzeit, als Zivi und danach, in Dauerrotation gehört, auch wegen dieses Songs. „Verdamp lang her“ würden BAP (nicht Mark Lanegan) dazu wohl sagen.

3.) Christine Owman – Familiar Act (feat. Mark Lanegan)
Deutlich weniger bekannt, mindestens so schön: Ein nachtschwarzes Duett mit der Schwedin Christine Owman (die ich in Innsbruck vor Jahren bei einem großartigen Konzert erleben durfte), die Lanegan und Owman wie legitime Nachfolger von Lee Hazlewood und Nancy Sinatra klingen lässt.

4.) Chelsea Wolfe and Mark Lanegan – Flatlands
Eigentlich wollte ich hier das ebenfalls berückend schöne „Who built the road“ posten, das Lanegan an der Seite von Isobell Campbell (ehemals of „Belle and Sebastian“ fame) einmal mehr im „Schöne und das Biest“-Modus zeigt. Dann bin ich aber spontan über diese Kollaboration mit Schattenkünstlerin Chelsea Wolfe gestolpert, die mindestens genauso atmosphärisch geraten ist. „It’s never coming back“ – das stimmt nachdenklich.

5.) Mark Lanegan – Emperor
Auch in meinen Jahrescharts 2017 zu finden. Lanegan wandelte in seiner stimmlichen Naturgewalt bisweilen hart am Rande zur Selbstparodie. Aber vielleicht war er gerade dann am besten. Denn mit so einer Stimme würde selbst das Telefonbuch (für Jüngere, die nicht wissen, was das ist: bitte hier nachschlagen) zum erhebenden Erlebnis. RIP!

PS: Auch wenn das jetzt irrelevant sein mag: Mark Lanegan war im Frühjahr 2020 schwer an Corona erkrankt, er lag wochenlang im Koma und hatte nur das Glück im Unglück, damals in Irland (und nicht etwa den USA mit ihrem dysfunktionalen Gesundheitssystem) gewesen zu sein. Nur wieder mal als kleiner Hinweis für alle, die in den letzten beiden Jahren eh nur einen substanzlosen Hype um eine harmlose Grippe sahen.

Die allerletzten Jahrescharts – jetzt mit Bonusfeature!

Sind das hier wirklich meine letzten Jahrescharts? Es schaut fast danach aus. Nicht nur weil ich damit später dran bin denn je (unser peinlicher Claim „Die spätesten Jahrescharts der Welt“® dürfte bald ein realer Fall fürs Guinness-Buch der Rekorde werden), sondern auch weil es nach zehn Jahren (oh Gott, wohin ist die Zeit verschwunden?) und somit exakt 1000 Jahrescharts-Einträgen tatsächlich ein guter Zeitpunkt für einen Schlussstrich wäre.

Auf jeden Fall sind es die letzten Jahrescharts in der bisherigen Form. Die Grundmotivation für dieses Unterfangen war seinerzeit ja, sich mit möglichst viel aktueller Musik (jedweden Genres) zu konfrontieren, um am Puls der Zeit zu bleiben, nicht in den eigenen Hörgewohnheiten festzuwachsen, sondern im Kopf frisch zu bleiben, solange es möglich ist.

Geht man diesen Vorsatz einigermaßen systematisch an, heißt das in der Praxis, dass man sich durch unzählige Tipps und Bestenlisten hören sollte. In meinem Fall von Musikexpress über Pitchfork bis Der Standard, von Rolling Stone bis FM4, von Wolfgang Doebeling bis Katharina Seidler, von House of Pain bis Zündfunk. Dazu kommt natürlich jeder einzelne möglicherweise relevante Song, den man umgehend am Smartphone notiert, jedes potentiell interessante Album, das man in der Zeitung angestrichen, jeder Soundfetzen, den man mit Rasiercreme im Gesicht oder nach dem dritten Bier im Stammlokal eilig shazamisiert hat.

Jahrescharts zu erstellen, bedeutet also, ganze Listen abzuarbeiten, sozusagen Akkorde im Akkord zu hören. Und weil man natürlich nicht hinter sich selbst zurückfallen will, wird der (zeitliche) Aufwand von Jahr zu Jahr größer – und die Liste jedes Jahr noch später fertig.

Zahlt sich dieser Aufwand aus? Jein. Sind meine Top 100 dadurch stilistisch vielfältiger geworden? Möglich. Oder gar besser? Keine Ahnung.

Fakt ist: Mit dieser Methode hört man sich zwangsläufig durch viele, viele Sachen, die einen gar nicht wirklich interessieren, geschweige denn fesseln, berühren oder flashen – nur damit man „auch das abgedeckt hat“. Dabei sollte Musikhören nun wirklich alles sein, aber keine lästige Pflichterfüllung. Aber genau darauf kann es hinauslaufen, wenn man sich, wie ich im Fall der Jahrescharts 2020, durch weit über 1000 Titel hört, natürlich mehrfach, weil vieles beim ersten und zweiten Hören einfach durchflutscht und man nur ja nichts aus den Ohren verlieren will.


(Der Völler, von Georg Emanuel Opiz, 1804)

Wer kann und soll sich das alles anhören? Wer hat die Zeit dafür, wer Lust darauf? Gute Fragen, die uns sofort zur Art und Weise führen, wie die meisten von uns heute Musik konsumieren. Die These (nicht nur meine, sondern auch die wesentlich klügerer Köpfe): Totale Verfügbarkeit führt zu Übersättigung führt zu Gleichgültigkeit. Gerade beim Streamen ist dieses Risiko inhärent. Alles ist immer da, alles steht unterschiedslos nebeneinander. Und verliert damit an Reiz.

Genau das führte der deutsche Soziologe Hartmut Rosa kürzlich in einem Standard-Interview aus: Während man in der analogen Welt „stundenlang in Plattenläden nach der einen Schallplatte gesucht und sie dann wie einen Schatz nach Hause getragen, gehütet und gesammelt“ habe, seien heute auf Spotify 100 Millionen Musiktitel sofort abrufbereit. „Diese permanente Verfügbarkeit und Überforderung führt nun eher dazu, dass uns die Musik gleichgültig wird.“

Hinter dem Überangebot lauert also die Gefahr des musikalischen Relativismus, die Vorstellung, dass „mittlerweile eh alles gleich klingt“, was angesichts einer unendlich ausdifferenzierten Musiklandschaft natürlich ein atemberaubender Blödsinn ist. Aber so unrecht hatte Oscar Wilde wohl nicht, als er schrieb: „In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man möchte, und die andere ist, es zu bekommen.“

Um eines klarzustellen: Das hier soll keine verbitterte Zivilisationskritik sein; so alt bin ich (im Kopf) dann hoffentlich auch wieder nicht. Es wäre dumm, die Vorzüge des Streamings, den niederschwelligen Zugang zu faszinierenden Klängen aus allen Weltgegenden und Epochen, nicht zu nutzen. Aber: Man muss schon verdammt aufpassen, dass dabei die Magie nicht verloren geht.

Zugegeben, der Magieverlust hat natürlich vor allem mit der eigenen Abgeklärtheit bis Abstumpfung zu tun („Alles schon mal gehört, nur besser“), aber schon auch mit den Gesetzen des Mediums. Und natürlich mit dem problematischen Hang (Drang? Zwang?) zum Komplettismus. Wenn man sich selber einredet, nur ja nichts versäumen zu dürfen („Scheiße, das muss ich mir jetzt auch noch anhören“), ist das unter Garantie der beste Weg, sich den Spaß an der Musik zu verderben …

Hinzu kommt: Momentan ist nicht unbedingt ein goldenes Musikzeitalter. Gerade im sogennanten „Indie“-Bereich (worunter ich einmal grob alles von „alternativem“ Rock über Singer/Songwriterei bis Elektropop fasse) klingt vieles zwar recht nett, aber leider oft saft- und kraftlos. Gefällig, aber nicht zwingend. Ohne Punch, ohne Biss. Die Pandemie macht(e) das Ganze freilich nicht besser: Als direkte Folge der – zurecht – erzwungenen Vereinzelung erschien eine schier unüberschaubare Zahl an „intimen“, „innerlichen“, „reduzierten“ und „entschleunigten“ Aufnahmen, an Solo-Performances mit Akustikklampfe und/oder Notebook, die sich vor allem durch eins auszeichneten: Fadesse.

Genau das ist und war – und zwar auch schon vor der Pandemie – ein wenig das Problem mit Sendern wie FM4, speziell mit den Playlists unter Tag: Da ist noch immer viel Gutes und Schönes dabei, aber (zu) vieles, das eher nur dahinplätschert, zu brav und erwartbar daherkommt. (Ob das unter der neuen Senderchefin und dem neuen ORF-General besser wird, scheint angesichts schwer erträglicher Marketing-Statements wie „In seiner Ausrichtung als Jugendradio verfehlt FM4 sein Mission Statement und ist in der erreichten Zielgruppe zu spitz positioniert“ fraglich. FM4 braucht sicher eine Neuausrichtung und Verjüngung, aber bitte wieder mit mehr Ecken und Kanten, nicht mit weniger. Doch ich schweife ab …)

Auch im zeitgenössischen Hiphop geht mir momentan leider vieles bei einem Ohr rein, beim anderen wieder raus. Auch gut Produziertes (und gut produziert ist fast alles) wirkt oft beliebig und unfokussiert. Kann es sein, dass Hiphop mit dem endgültigen Durchbruch als global dominante Musikkultur in weiten Teilen an Frische und (musikalischer) Wucht eingebüßt hat?

Damit aber genug des Negativismus. Auf der Habenseite stehen bei allem Overkill und aller Überforderung auch mit Blick aufs Jahr 2020 wieder diverse schöne Entdeckungen. Mit beträchtlicher Bandbreite: Während die Nummer eins von Khruangbin klingt wie eine Vertonung von Adalbert Stifters „Sanftem Gesetz“ (vielleicht braucht es in Zeiten von Gereiztheit und Polarisierung einfach etwas Versöhnliches) und auch sonst viele Lieder in der Sammlung von Melancholie, Nostalgie und Weltflucht geprägt sind, gab es zuletzt auch auffällig viel Musik auf die Ohren, die im positiven Sinne politisiert, im positiven Sinne zornig ist.

Ob es nun um weibliches Empowerment geht (wie bei Fiona Apple oder Blackbird & Crow), um den Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus (wie bei SAULT, Run The Jewels oder Akne Kid Joe) oder um die Pandemie (wie bei gebenedeit), an Dringlichkeit und Sarkasmus fehlt es in all diesen Nummern wahrlich nicht. Die besten Zeilen lieferten dabei übrigens – alle YogalehrerInnen mögen mir verzeihen – Rocket Freudental auf Platz zwei ab:

„Um deine Schilddrüse zu heilen, muss der Energiestrom fließen. / Deshalb legt dir der Axel jetzt seine Hände auf den Wanst.“
ODER
„Weil der Peter schon geimpft ist, darf er nicht zur Masernparty. / Es ist die Energie unserer Natur, die meinem Kind die Kraft verleiht.“

In diesen Zeilen steckt alles, was man über 2020 (und 2021 und leider wohl auch 2022) mit den ganzen aggressiven Schwurblereien und all der offensiven Unvernunft wissen muss.

Und 2021, äh, lässt sich musikalisch sogar wieder um einiges besser an. Apropos: Damit das Ganze hier zumindest etwas mehr Aktualität aufweist, habe ich die Jahrescharts 2020 um einen kleinen, ungeordneten Streifzug durch das Jahr 2021 erweitert, in Gestalt von 25 Songs, die ich heuer gern gehört habe. Und die es vielleicht auch in die  Jahrescharts 2021 schaffen werden, falls es sie denn je geben sollte …

Der Vorsatz fürs neue (Musik-)Jahr ist jedenfalls klar: Den Anspruch auf Vollständigkeit (eh völlig lächerlich) aufgeben – lieber „a weng weniger“, wie Attwenger sagen -, dafür wieder mehr ganze Alben in Ruhe durchhören und die Freude an der Musik bewahren und zurückgewinnen.

Damit nun endlich zur Playlist, die 99 von 100 Titeln umfasst – alle bis auf Stigmata von Backxwash, das offenbar mit ungeklärten Samples zu kämpfen hat und das ich weiter unten verlinkt habe (ist schon allein wegen des heftigen EP-Covers lohnenswert, erst recht wegen des heftigen Songs). Damit die Spotify-Liste trotzdem 100 Songs hat, habe ich übrigens den kürzest- und bestmöglichen Füller eingefügt …

TOP 100 – 2020 (Michael Domanig):

1. Khruangbin – Pelota
2. Rocket Freudental – Ihr seid alle Yogalehrer
3. Smoke Fairies – Don’t You Want To Spiral Out Of Control?
4. Bruch – The Sinner
5. Shortparis – КоКоКо Cтруктуры не выходят на улицы
6. The Haden Triplets – Wayfaring Stranger
7. Anna Calvi – Swimming Pool (feat. Julia Holter) (Hunted Version)
8. Ohmme – Ghost
9. Porridge Radio – Lilac
10. Noga Erez – NO news on TV
11. Austra – Anywayz
12. IDLES – I Dream Guillotine
13. Fiona Apple – Heavy Balloon
14. Skylar Gudasz – Wichita Lineman
15. Backxwash – Stigmata
16. Amnesia Scanner – AS Acá (feat. Lalita)
17. Wire – Hung
18. Chris Lorenzo & The Streets – Take Me as I Am
19. William Basinski – Please, This Shit Has Got To Stop
20. The Sadies – The Most Despicable Man Alive
21. Best Coast – Rollercoaster
22. AKNE KID JOE – What AfD thinks we do …
23. 070 Shake – The Pines
24. Agnes Obel – Promise Keeper
25. Charlotte Brandi – Frieden
26. Melenas – Primer tiempo
27. Masha Qrella – Geister
28. Blackbird & Crow – The Witch That Could Not Be Burned
29. Katie Gately – Waltz
30. Sen Morimoto – Woof
31. Bruch – Bruch
32. All Them Witches – The Children of Coyote Woman
33. Torres – Last Forest
34. The Chap – Help Mother
35. Sufjan Stevens – Video Game
36. The Haden Triplets – Ozark Moon
37. Run The Jewels – Walking In The Snow
38. Hanni El Khatib – ALIVE
39. Porridge Radio – Sweet
40. Shadow Show – What Again Is Real?
41. Baxter Dury – I’m Not Your Dog
42. Soccer Mommy – yellow is the color of her eyes
43. Kevin Morby – Wander
44. Nicholas Lens & Nick Cave – Litany of the Forsaken
45. Mystery Jets – Petty Drone
46. Sparks – Self-Effacing
47. Bob Mould – Forecast of Rain
48. Wire – Off The Beach
49. The Jayhawks – Little Victories
50. Fiona Apple – Under The Table
51. SAULT – Hard Life
52. Westerman – Think I’ll Stay
53. Holy Motors – Matador
54. Ariel Sharratt & Mathias Kom – Rise Up Alexa
55. Melenas – No puedo pensar
56. Lonker See – Open & Close
57. Coriky – Say Yes
58. Porridge Radio – 7 Seconds
59. Khruangbin & Leon Bridges – Texas Sun
60. Pottery – Texas Drums Pt I & II
61. Elvis Perkins – See Monkey
62. Agnes Obel – Broken Sleep
63. Future Islands – For Sure
64. Einstürzende Neubauten – Grazer Damm
65. Run The Jewels – Ooh LA LA (feat. Greg Nice & DJ Premier)
66. Jason Isbell and the 400 Unit – Running with Our Eyes Closed
67. Melenas – 3 segundos
68. Steve Earle & The Dukes – Black Lung
69. Burna Boy – Onyeka (Baby)
70. Holy Motors – Country Church
71. Animal Collective – Piggy Knows
72. Tiña – Golden Rope
73. Wandl – Requiem (Erkennung)
74. Die Ärzte – ICH, AM STRAND
75. Lola Marsh – Darkest Hour
76. Sparks – Left Out In The Cold
77. Ohmme – Twitch
78. Austra – Mountain Baby (feat. Cecile Believe)
79. Fleet Foxes – Featherweight
80. Biig Piig – Feels Right
81. SAULT – Free
82. Khruangbin – So We Won’t Forget
83. R.A. The Rugged Man – Gotta Be Dope (feat. A-F-R-O and DJ Jazzy Jeff)
84. Ohmme – Flood Your Gut
85. Holy Motors – Endless Night
86. Skyway Man – Old Swingin‘ Bell
87. Earl Mobley – For You to Hide
88. King Hannah – Meal Deal
89. SAULT – Fearless
90. X – Cyrano DeBerger’s Back
91. Jeff Tweedy – A Robin or A Wren
92. Pearl Jam – Who Ever Said
93. Phoebe Bridgers – I Know The End
95. Smoke Fairies – Elevator
95. Earl Mobley – The Barrel
96. Saint Gallus Convention Tapes – Smokestack Lightnin‘
97. Kacy & Clayton and Marlon Williams – Light Of Love
98. Death Valley Girls – Under the Spell of Joy
99. gebenedeit – Die Viren sollen krepieren
100. Von Seiten der Gemeinde x Da Kessl – Be Prepared

Und hier als Bonus, völlig ungeordnet, 25 schöne Songs aus dem Jahr 2021:

2021 – ANSPIELTIPPS:
– Gashtla – Computermusik [Krankl Kicks]
– Danger Dan – Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt
– Noga Erez – Cipi
– Parquet Courts – Black Widow Spider
– CAT SFX – Upside Down
– Twin Shadow – Johnny & Jonnie
– Mogwai – Richie Sacramento
– Little Simz – I Love You, I Hate You
– Sophia Kennedy – Cat on My Tongue
– Attwenger – damlaung
– International Music – Insel der Verlassenheit
– Aldous Harding – Old Peel
– Cid Rim – Last Snow
– Yard Act – The Overload
– Courtney Barnett – Rae Street
– Goat Girl – Badibaba
– Kurt Vile – Run Run Run
– International Music – Misery
– Nation of Language – The Grey Commute
– Low – Days Like These
– Tocotronic – Ich tauche auf feat. Soap&Skin
– Monsterheart – EOTW (End Of The World)
– The Chills – Worlds Within Worlds
– Mogwai – Dry Fantasy
– Attwenger – a weng weniger

Musik zum Fürchten – Verstörendes für verstörende Zeiten

Düstere Nachrichten in Dauerschleife, Lockdown, soziale Abkapselung – und das Wetter ist gerade auch noch richtig scheiße. Wann, wenn nicht jetzt wäre also der richtige Zeitpunkt, an der eigenen Paranoia zu arbeiten, am besten mit ein wenig verstörender Musik?

Wie bei Filmen, Literatur und bildender Kunst stellt sich, das ist zumindest meine persönliche Einschätzung, auch in der Musik eine unheimliche, verstörende Wirkung tendenziell dann ein, wenn die Effekte dezent gesetzt werden, wenn die KünstlerInnen auf Atmosphäre bauen statt auf den akustischen Holzhammer, wenn sie geschickt mit den in uns allen angelegten Ängsten spielen.

In vielen Genres – von handelsüblichem Black Metal bis zum Horrorcore aus der Hip-Hop-Ecke – wird nicht nur bei der Schminke oft zu dick aufgetragen, sondern auch beim Sound, in einer Art Überwältigungsstrategie des Immer-härter-krasser-dunkler. Und auch bei den aktuell schwer angesagten schamanistischen Dark-(Neo-)Folk-Bands von Wardruna bis Heilung (die menschliche Knochen als Rhythmusinstrumente einsetzen und ihre Trommeln auch mal mit etwas Eigenblut weihen) ist es ein schmaler Grat zwischen erhabener Naturmystik und pathetischem Mummenschanz mit Fell und Hirschgeweih.

Wenn es um eine verstörende Atmosphäre geht, ist weniger oft mehr, sind die Andeutung und das Kopfkino oft weitaus wirkungsvoller als das allzu plakative Zeigen und Zurschaustellen. Hier nur einige sehr subjektiv gewählte Beispiele:

Paul Giovanni and Magnet – Maypole
Dass „Wickerman“ (der von 1973, bitte kein Wort über das unsägliche Remake mit Nicholas Cage) zu meinen absoluten Lieblingsfilmen EVER zählt, liegt zu einem nicht geringen Teil an den hypnotischen, sanft unheimlichen und gleichzeitig erhebend schönen Folksongs im Soundtrack. Neben „Maypole“ (mit dem heidnisch-frivolen Maitanz im Film, der den puritanischen Polizeiermittler genauso verstört wie das Publikum) lösen etwa auch „Corn Rigs“, „Gently Johnny“, „The Landlord’s Daughter“ oder „Willow’s Song“ verlässlich den selben wohligen (?) Schauer bei mir aus.

Throbbing Gristle – Hamburger Lady (live)
Das ist der erste und bislang einzige, nun ja, Song, den ich von den berüchtigten britischen Industrial/Noise-TerroristInnen kenne – aber er gibt, gerade in der Liveversion, sicher einen guten Einblick in die nachhaltig verstörende, abseitige Welt der Avantgardeformation rund um die gender-fluide, im Vorjahr verstorbene Genesis P-Orridge. Auch ohne Wissen um das Schicksal, das dem furchterregenden Text zugrunde liegen soll, ist das Ganze eine intensive Erfahrung, wenn man sich, am besten in ohrenbetäubender Lautstärke, darauf einlässt. Wie heftig das 1978 auf eine noch deutlich weniger abgestumpfte und übersättigte Hörerschaft gewirkt haben muss, lässt sich nur erahnen. Schon allein der bizarr neben der Spur liegende Jagdhorn-Ton gräbt sich jedenfalls tief ein.
Dass hier am Ende des Songs ganz leger die Band vorgestellt und mit dem Publikum geschäkert wird, macht den Gesamteindruck nur noch bizarrer …

Amnesia Scanner – AS Acá (feat. Lalita)
Ebenfalls erst heute zum ersten Mal gehört und gesehen: Das aus Finnland stammende Elektro-Duo Amnesia Scanner macht hier mit der Sängerin Lalita gemeinsame verstörende Sache, musikalisch wie auch visuell. Das klingt ein wenig nach Björk auf einem schlechten LSD-Trip oder, wie es in den Kommentaren treffend heißt: „This would be the track Shakira would record if she was possessed by a ghost from colonial times.“ Wüst verfremdeter, leiernder Avantgarde-Noise-Latin-Pop/R&B. Oder so.

Ähnlich fordernd-bizarr (und ja, durchaus ein wenig anstrengend) sind Amnesia Scanner übrigens auch bei Tracks wie „AS Tearless“ und „AS Going“ unterwegs, beide ebenfalls mit alptrauminduzierenden Videos ausgestattet. Dass Amnesia Scanner jedem (!) ihrer Tracks ihre Initialen voranstellen, verstärkt das irritierende Gesamtbild noch weiter.

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Nur die Frau im Mond schaut zu

Albumtipp: Moon Woman – Open Gates (2020)

Hätte mir vor bald 14 Monaten (um Gottes willen!) jemand gesagt, dass der mitreißende Auftritt von Kosmodrom aus Oberfranken und Moon Woman aus Tirol in der Jungen Talstation zu Innsbruck vorerst mein allerletztes Livekonzert sein würde, ich hätte sie oder ihn mindestens mit einem sorgenvollen Blick bedacht. Inzwischen ist das damals Unvorstellbare längst neue Normalität geworden – und wann Konzertabende oder Festivals wieder in gewohnter Form stattfinden können, steht weiter in den Sternen.

Wechseln wir also von den Sternen lieber gleich auf den Mond – und von geschlossenen Saal- und Clubtüren zu „Open Gates“, dem gleichnamigen, hoffnungsfroh betitelten Debütalbum von Moon Woman aus Innsbruck. Daniel Rieser (Gesang, Bass), Florian Ortner (E-Gitarre, Slidegitarre) und Rene Nussbaumer (Schlagzeug, Synths) haben die Pandemie nämlich bestens genützt, im Sommer 2020 binnen zwei Wochen ein Album mit acht Tracks in Eigenregie aufgenommen (bei zwei Nummern mit Unterstützung von Thomas Riesner an der Violine) und dieses gegen Jahresende ebenso autonom herausgebracht.

Als ein „Bier-aufmach-und-ganz-durchhör-Album“ bezeichnet die Band ihr Erstlingswerk selbst – und das trifft tatsächlich ins Schwarze. Mit seiner geschickten Dramaturgie und seinem Wechsel zwischen kompakten Tracks und Stücken, die sich viel Zeit zum gepflegten Ausfransen nehmen, eignet sich „Open Gates“ wirklich besonders dazu, in einem Zug gehört zu werden. Beim beschwörenden „Sun Chant“ (sehr schön gewählter Titel!) oder dem eröffnenden „Tiger and his warrior“ würde man sich im besten Sinne fast wünschen, dass sie noch länger dauern, während Moon Woman im Titelsong, bei „Western Territories“ oder dem finalen Dreizehnminüter „Eastern Lights“ ihren Psychedelic/Stoner/Heavy Blues-Sound in Ruhe in verschiedenste Richtungen wuchern lassen.

Was den Tracks bei allen Kontrasten gemeinsam ist: Trotz wuchtiger Riffs und zentnerschwerer Drums bleibt der Gesamtsound stets groovy, beweglich, luftig und leichtfüßig, was manch anderer, allzu verbissener und schwerfälliger Band in verwandten Genres abgeht. Trotzdem (oder gerade deshalb) verstehen es Moon Woman, stetig Spannung aufzubauen – und zwar ohne sie immer gleich voll ausbrechen zu lassen, manchmal sogar ohne sie überhaupt aufzulösen. Die jungen Musiker gönnen sich immer wieder Momente fast vollständiger Stille, nur um Schlagzeug, Bass, Gesang dann fast gemächlich wieder einsetzen und wachsen zu lassen. Nicht nur in diesem bewusst zurückhaltenden Ansatz lassen sie bisweilen an die gefeierten Psychedelic-Blueser All Them Witches denken. Was den düsteren Sprechgesang betrifft, sind, etwa in „Dance of the Komorebi“, auch Parallelen zu den Doors (im Sinne von „When The Music’s Over“ oder „The End“) nicht von der Hand zu weisen, auch wenn der Sound insgesamt natürlich in eine ganze andere Richtung weist.

Und diese Richtung liegt, wie schon der Bandname suggeriert, in der Weite, im Kosmischen und Sphärischen. Die Produktion ist angenehm reduziert, nie überladen. So entfaltet der Gesamtsound eine einlullende, fast beruhigende Qualität, auch wenn er wie in „Stray Dog“ oder dem dunklen „Eastern Lights“ mit seinen dramatischen Vocals und räudigen Synths volle Fahrt aufnimmt.

Fazit: „Open Gates“ ist ein willkommener, einladender Weg, um sich aus der Pandemie fortzuträumen – und weckt zugleich die Lust auf eine Rückkehr der Livemusik. Übrigens: Mit „Meeting at old valley station“ haben Moon Woman dem Baudenkmal der Jungen (Alten) Talstation der Hungerburgbahn, einer tollen Konzertlocation, sogar ein skizzenhaftes instrumentales Denkmal gesetzt. Und für Sommer plant das Trio eine Tour mit Kosmodrom durch Österreich und Bayern. Wär schön, wenn das klappt!

Hören kann und sollte man das Album in voller Länge HIER oder HIER. Und damit entlasse ich die geneigte Leserschaft mit mysteriösen Zeilen des Dichters Christian Morgenstern, die mir irgendwie sehr passend erscheinen:

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
„Ich bin des Weltalls dunkler Raum.“
Das Mondschaf. 

Bend it like Krankl – Fußball und Pop in Österreich

Aus dem internationalen (Club-)Fußballgeschehen habe ich mich schon vor vielen Jahren weitestgehend ausgeklinkt. Nicht nur aus Altersgründen (spätestens seit ich selber nicht mehr hobbymäßig kicke, kommt mir der TV-Konsum von Fußballspielen meist schal und sinnlos vor), sondern vor allem weil ich nicht mehr wirklich nachvollziehen kann, wie man heutzutage überhaupt noch „Fußballfan“ sein kann – zumindest Fan jener Handvoll internationaler Spitzenclubs, die die hohe Fußballwelt unter sich aufteilen.

Dafür müsste man nämlich auch Fan von internationalem Hardcorekapitalismus sein (selbstredend ohne gleichberechtigte Wettbewerbsvoraussetzungen, wie sie das Grundkonzept der Freien Marktwirtschaft zumindest theoretisch vorsähe, dafür mit jeder Menge Verzerrungen zugunsten der Großen), man müsste den Grundsatz „Wer das Gold hat, schafft an“ super finden und sich mit den gnadenlosen Selbstvermarktungs-, Selbstoptimierungs- und (sozialen) Bewertungstendenzen unserer Zeit, die im Fußball besonders krass hervortreten, einfach abfinden.

Sicher, das spielerische und athletische Niveau mag heute besser sein denn je, ethnische Diversität ist in praktisch allen Ligen zur Selbstverständlichkeit geworden – aber solche positiven Aspekte sind angesichts der zahlreichen Schattenseiten eines entfesselten Fußballökonomismus nur ein schwacher Trost.

Spannend – und auf den ersten Blick überraschend – ist, dass sich parallel zur Turbokapitalisierung des Fußballs in den letzten Jahren auch ein völlig anderer Trend abgezeichnet hat: jener zur Intellektualisierung (bisweilen wohl auch Überintellektualisierung) des Fußballs. Dass sich Schriftsteller, Historiker, Philosophen, Psychologen, Politologen oder Mathematiker (sorry, leider meistens immer noch Männer) ohne Ironie und intellektuelle Arroganz, sondern ernsthaft mit den vielen Dimensionen des Fußballs beschäftigen, ist längst Alltag. Und auch ein kritischer, alternativer, von Chauvinismus und Nationalismus befreiter Zugang zum Fußball, der Kreativität, Vielfalt und Humor feiert, ist heute von „11 Freunde“ bis „Ballesterer“ keine Seltenheit mehr. Man könnte sagen: Fußball ist endgültig als „Kultur“ akzeptiert.

Und natürlich ist Fußball längst auch Teil der Popkultur im engeren Sinn – mit besonders langer Tradition im Mutterland England (Gerry and the Pacemakers, Lightning Seeds, New Order, Nick Hornby, you name it). Aber auch in Österreich gingen und gehen (Pop-)Musik und Fußball(er) immer wieder Verbindungen ein – mal grottenschlecht, mal bizarr, mal augenzwinkernd, mal wirklich lässig.

Hier nun ein kleiner Auszug an markanten Beispielen ohne auch nur den leisesten Anspruch auf Vollständigkeit:

1. Gashtla – Computermusik [Krankl Kicks] (2021):
Brandneu und brillant. Ein Wiener Hip-Hop-Künstler, erfreulicherweise übrigens mit Kitzbüheler Wurzeln, glänzt mit wunderbaren Wortspenden von Hans Krankl, der uns seine (Musik-)Welt erklärt, vom 70er-Soul bis zum „Schlllager“. Das einzige, was der Nachtfalke nicht mag, ist „diese elektronische Musik, wos heit gspüd wead“. Dass Gashtla just daraus ein grandioses Stück „Computermusik“ baut, ist hintergründig, witzig – und groovig.

2. Johann K. – Lonely Boy (Niemand mag mi) (1986)
Das Kuriosum, dass Sportler selbst zum Mikro greifen, scheint in Österreich traditionell besonders verbreitet, von sangesfreudigen Fußballlegenden wie Herbert Prohaska (übrigens ein Freund und Kenner der Oper und generell des italienischen Liedguts) über das tieftraurige „Potscherte Lebn“ des tragischen Boxers Hans Orsolics (später schön gecovert von „Der Scheitel“) bis hin zu singenden Skistars wie Toni Sailer, Fritz Strobl (Fritz & the Downhill Gang), Rainer Schönfelder, Lizz Görgl und, natürlich, Hansi Hinterseer. Zu einer veritablen Austropopkarriere reichte es beim schon erwähnten Hans Krankl. Seine charmante Version des Paul-Anka-Songs „Lonely Boy“, bis 2019 bei den „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ im Einsatz, ist nur einer von mehreren Hits, beginnend mit „Rostige Flügel“ (zusammen mit Kottan’s Kapelle) bis hin zu „Jingle Bells“ (!).

3. Hans Krankl & Herbert Prohaska – Der Opitz und der Zwirschina (1990)
Und noch einmal Johann K., diesmal im Verbund mit Österreichs beliebtestem „Gute Nacht“-Sager Herbert Prohaska, der hier besonders beherzt, nun ja, singt. Ein schräges Zeitdokument, auch in Sachen Video (und Bartmode). Das Original ist übrigens, an nett-altmodischen Fußball-Austrizismen wie „Eisenbohnaschmäh“ unschwer zu erkennen, deutlich älter, es stammt von Gerhard Bronner und Peter Wehle aus dem Jahr 1957.
„Wir hom als klaane Gschroppn / Ein Ziel vor uns gesehen / Wir wollten sehr berühmt werd’n / und in der Zeitung steh’n / Egal, ob als Verbrecher oder Bundeskanzler gar / So wählten wir den Mittelweg und wurden Fußballstar.“ Zoing!

4. Kurt Razelli – Toni Polster Song (2014)
An Anton „Toni Doppelpack“ Polster kommt man in Sachen Fußball und Musik in Österreich keinesfalls vorbei. Die Palette reicht vom anzüglichen „Toni, lass es polstern“ an der Seite der Fabulösen Thekenschlampen (1997) (mit denkwürdigen Zeilen wie „Toni trifft den Doppelpack, Schlampen trinken Sechserpack“ oder „Der Strafraum ist mein Jagdrevier“ – „Komm, Toni, bitte jag mit mir„) über das jazzig-smoothe „Anton Polster du bist leiwand“ von DJ DSL (vulgo DJ Superleiwand, 1998) hin zu diesem Spoken-Word-Elektro-Track mit Kurt-Razelli-Qualitätssiegel. Merke: Rennen sollen die anderen, der echte Star steht da, wo er stehen muss. Nämlich vorne!

5. Kurt Razelli – Arnautovic Song (2012)
„Scheiße. Bitteschön.“ Einen sozusagen natürlichen Groove (und Schmäh) hat auch Marko Arnautovic. Hier übrigens mit feinem Feature von MC Schneckerl. Nur einer von mehreren gelungenen Razelli-Arnautovic-Tracks (man höre auch „Hey Boys“ oder den „Arnautovic Drama Song“ mit der konkurrenzlosen Zeile „Nimm mir alles, aber nimm mir nicht den Ball“).

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Später denn je: Die spätesten Jahrescharts der Welt, Ausgabe 2019 (Michael Domanig)

Ok, ich geb’s zu: Das mit 2020 … war ich. Zum Jahreswechsel 2019/20 hatte ich heftiges Zahnweh – und als abergläubischer Mensch habe ich das natürlich sofort als schlechtes Omen gedeutet. Zurecht, wie sich bald herausstellen sollte.

2020 war und ist also ein Drecksjahr, das man gedanklich am besten einfach überspringt. Was liegt also näher, als sich noch einmal dem Jahr 2019 zuzuwenden? Womit der elegante Übergang zu den Spätesten Jahrescharts der Welt® geschafft wäre, die heuer selbst für meine Verhältnisse unverzeihlich spät ausfallen. Aber 2020 war und ist leider auch arbeitstechnisch ein extrem anstrengendes Jahr und [weitere Ausflüchte bitte selbst einfügen].

Jedenfalls hat die Suche nach den 100 persönlichen Lieblingssongs des Jahres eine gewisse Ähnlichkeit zu Antigen-Massentests und Contact-Tracing: Man muss tausende negative Fälle überprüfen, um einige positive Fälle herauszufiltern – wobei positiv in diesem Fall wirklich positiv bedeutet. Ich hoffe, ich habe mich verständlich gemacht?

2020 never happened!

Tatsache ist, dass ich mich für die 2019er-Ausgabe durch so viel Musik, durch so viele Jahresbestenlisten gehört habe wie kaum je zuvor. Allein in meinem „Leider Nein“-Topf landeten am Ende über 700 Lieder, im Schüsselchen mit der Aufschrift „Wackelkandidaten“ fanden sich knapp 130 Songs wieder, die es knapp nicht in die Wertung geschafft haben. Und das Ergebnis? Aus meiner Sicht war 2019 insgesamt ein schwächerer Jahrgang, mit wenig Gedränge in den Top-20, dafür einem Überangebot im „Ja eh“-Bereich. Aber vielleicht projiziere ich hier nur das Jahr 2020 auf die unschuldige Musik des Vorgängerjahres?

Zu entdecken gab es trotzdem viel – traurige, gewitzte, mitreißende oder schlichtweg bizarre Musik – so dass das Ganze letztlich doch wieder die Mühe wert war, eh wie immer. Auffällig: Die globale Dominanz des Hip-Hop als führende neue Popkultur spiegelt sich in meiner Auswahl nur am Rande wieder, vielleicht sogar weniger als in anderen Jahren. Ausnahmeerscheinungen von Rico Nasty über Denzel Curry oder Tyler The Creator bis Dendemann lieferten zwar verlässlich, ansonsten habe ich raptechnisch leider sehr viel Mittelmäßiges und Ideenloses gehört, das bei mir einfach nicht zündet. Sorry, Pitchfork! Ebenfalls auffällig: Aus Österreich kam auch diesmal wieder besonders viel gute Musik. Sollte in der Popkultur, die seit jeher und zurecht auf nationale Grenzen pfeift, zwar keine Rolle spielen, freut mich aber trotzdem.

Und damit zur Liste samt Playlist und Kurzbeschreibung zu jedem Song. Viel Spaß!

1.) Purple Mountains – I Loved Being My Mother’s Son
Das Lied aus dem Jahr 2019, das mich am meisten erschüttert und berührt hat (sicher objektiv nicht der „beste“ Song), stammt von David Berman, der nur wenige Tage nach Erscheinen des Purple-Mountains-Debütalbums aus dem Leben geschieden ist. Nicht nur aus dieser Perspektive klingt dieses zurückhaltende Lied wie ein vertonter Abschiedsbrief an die Welt. Vor allem aber ist es eine zu Tränen rührende Liebeserklärung an die verstorbene Mutter.

2.) Billie Eilish – you should see me in a crown
Was die Musik von Wunderkind Billie Eilish (oh Gott, knapp halb so alt wie ich!) besonders reizvoll macht, ist der Minimalismus – klackernde Beats, fiese Störgeräusche, narkotisiertes Raunen, mehr braucht es nicht.

3.) Dendemann – Menschine
Um das Herzstück eines fantastischen, melodramatischen Samples der deutschen Sängerin Su Kramer baut Dendemann sein dringliches Statement gegen den allumfassenden „Work hard, play hard“-Selbstoptimierungswahn auf. „Schraube um Schraube, Zahn um Zahn / Bis das letzte Rad dreht“. Man wird länger denn je suchen müssen, um im sogenannten Deutschrap mehr Hirn, Witz und Sprachgefühl zu finden. 

4.) Jesca Hoop – Death Row
„Her music is like going swimming in a lake at night“: Besser als Tom Waits (!) kann man den wundersam prätentiösen Experimental-Folk von Jesca Hoop nicht beschreiben. Oder doch? Nochmals Tom Waits: „Like a four-sided coin“. Hier stecken mehr melodische und atmosphärische Ideen in einem Song als bei anderen Ideen in einem ganzen Album. Eine meiner Entdeckungen des Jahres 2019 – und dabei hat Hoop schon mindestens sieben Alben veröffentlicht (huch!).

5.) Xixa – The Code
Vor ein paar Jahren habe ich die „Mystic Desert Rock“-Formation um Grabesstimme Gabriel Sullivan in der PMK Innsbruck gesehen (hach, Livekonzerte!), seither sind sie nur noch zwingender geworden mit ihrem ausgeprägt kinematographischen, westernhaften, zum Glück ganz und gar nicht klischeefreien Klangkosmos.

6.) The New Pornographers – The Surprise Knock
Die New Pornographers aus Vancouver sind eine dieser Bands, über die ich kaum etwas weiß und auch nichts wissen muss – außer dass mir im Grunde jeder Song, den ich von ihnen kenne, gefällt. Dieser mitreißende Mix aus Power Pop und vielstimmigen Vokalharmonien trifft bei mir einfach einen Nerv im Hirn. Einen Glücksnerv!

7.) Billie Eilish – bury a friend
Ultrareduzierter, futuristischer ASMR-Flüsterpop mit Gruselfaktor – believe the hype (noch immer)!

8.) Michael Kiwanuka – Rolling
Klingt wie aus den 70ern – und wäre auch damals ein Instant-Klassiker gewesen. Heillos retro? Heilsam retro!

9.) Erstes Wiener Heimorgelorchester – Kurz
Das EWHO zählt seit Jahren zu meinen österreichischen Lieblingsbands – auch, weil ich ihr Faible für Sprachspiele teile. Für das Album „anderwo“ haben die Heimelektroniker Texte  deutschsprachiger Autoren vertont. Dieser hier stammt von Pia Hierzegger (die man besonders als Schauspielerin kennt) – und wird im traumhaft trashigen Elektrokleid zum besten Rausschmeißer-Song seit Langem. Quizfrage: Wer mir sagen kann, auf welche 90s-Eurotrash(?)-Nummer ab 2:13 min kurz angespielt wird (ich komm und komm nicht drauf), bekommt von mir eine Jumbopackung Soletti – und ein Glas Wein.

10.) Purple Mountains – Margaritas at the Mall
„How long can a world go on with no new word from God?“  Dave Bermans Bilanz: „We’re just drinking margaritas at the mall / That’s what this stuff adds up to after all.“ Resignative Theodizee, tieftraurig. 

11.) Bilderbuch – Frisbee
Ein Hit ab dem ersten Hörvorgang, ein Song, von dem man sich gerne nerven lässt, lebensfroh und sinnlich. Die Flacherdler haben doch recht!

12. Doja Cat – Won’t Bite ft. Smino
Apropos schön nervig: Doja Cat wurde heuer offenbar über TikTok zum Megastar. Ohne mir in Sachen Jugendkultur noch irgendeine Kompetenz anmaßen zu wollen – ich kannte sie mit diesem dreckigen „Ohrwaschlkräuler“ (wie es Voodoo Jürgens ausdrücken würde) schon vorher. 

13.) The Düsseldorf Düsterboys – Kaffee aus der Küche
Als hätten die Düsterboys (Mitglieder der nicht minder tollen Band International Music) die gepflegte Trostlosigkeit von Lockdown und Ausgangssperre vorausgesehen: „Ich hol den Kaffee aus der Küche / Hol die Kippen aus’m Schrank / Hol den Wein aus’m Keller / Und hau den Nagel in die Wand“. Apropos: Sie hätten heuer in Innsbruck spielen sollen – schönen Dank auch, Corona!

14.) MOLLY – The Fountain of Youth
Erhabener und erhebender Neo-Shoegaze/Psychedelic Rock/Dream Pop aus Tirol. Von internationaler Klasse – auch auf ihrem Debütalbum.

15.) Voodoo Jürgens – Kumma ned (feat. Louie Austen)
Eine altmodisch anmutende Strizzi- und Glücksspielgeschichte, die es schafft gleichzeitig zutiefst wienerisch und exotisch zu klingen. Ansa Woar!

16.) Temples – Context
Um es mal im, ähem, Internetslang zu sagen: I’m a simple man: I hear versponnenen Psychedelic-Pop mit grandiosen Melodiebögen, i hit like.  

17.) Soundwalk Collective with Patti Smith – Eternity (feat. Philip Glass & Sufi Group Of Sheikh Ibrahim)
Zufällig „Im Sumpf“ gehört, sofort gefesselt: Wenn das der repetitive Klang der Ewigkeit ist, bin ich dabei.

18.) Soundwalk Collective with Patti Smith – Bad Blood (feat. Philip Glass & Sufi Group Of Sheikh Ibrahim)
Und weil die Ewigkeit bekanntlich ziemlich lang dauert, braucht es mindestens eine Doppelportion Sufi-Trance.

19.) Yola – Faraway Look
Majestätischer, schwereloser Soul, produziert von Dan Auerbach (Black Keys) – durch und durch retro, mag sein, mir aber hundertmal lieber als slicker Plastik-R’n’B mit all der trostlosen vokalen, pardon my French, Weitwichserei.

20.) Sky Ferreira – Voices Carry
Eigentlich schon 2018 veröffentlicht, sollte aber 2020 auf einem Album erscheinen (das aus irgendwelchen Gründen noch immer nicht erschienen ist): Also geht Sky Ferreiras wunderbar unterkühltes Cover der mir restlos unbekannten 80s-Band „’Til Tuesday“ locker als 2019 durch. PS: Leider weder auf Spotify noch offiziell auf YouTube zu finden …

21.) Pixies – Silver Bullet
Auch wenn ich ihn hier stimmlich kaum wiedererkannt hätte: Frank Black/Black Francis versteht sich immer noch auf Dramatik und scharfe Laut-Leise-Kontraste. Wer hat’s erfunden?

22.) Altın Gün – Leyla
Halluzinogene türkische Psychedelik in der Tradition des leider weitgehend vergessenen Anadolu Rock – made in Holland. Wetten, dass die fromme türkische Staatsführung mit so etwas wenig Freude hat?

23.) Mattiel – Food for Thought
Die legitime Erbin von Nancy Sinatra? Hier kommt „klassisch“ von Klasse!

24.) Kahlenberg – Tennis
Der „Standard“ schreibt treffend von „Schnöselpunk“ – eine treffendere Musik-Satire über das Wohlstandsbürgertum aus den Nobelbezirken und seine Abgründe hat hierzulande seit den seligen Drahdiwaberl kaum einer hinbekommen. Dirty Penzing!

25.) Vampire Weekend – Sunflower (feat. Steve Lacy)
Vampire Weekend sind toll – vor allem, wenn sie mal aus dem allzu lieblichen Indieschmindieland ausbrechen und stattdessen mit leichtfüßigem Groove bezaubern. Wie hier.

26.) Blond – Thorsten
Der denkbar beste Song über Mansplaining: „Schön, dass es dich gibt / danke fürs Erklär’n / ich hab dich von Herzen lieb / ich kann noch so viel von dir lern’n“.

27.) Rico Nasty – Guap (LaLaLa)
Dass Rico Nasty wirklich das dickste Ding in der Hose hat (und sei es nur die Geldbörse), glaubt man ihr aufs Wort, wenn man ihren ultraaggressiven Vortrag hört.

28.) Earth – Cats on the Briar
Game of Drones: So hoch ist bei mir eine reine Instrumentalnummer noch selten gechartet – danke an den in Sachen hypnotischer Klang- und Lärmwelten immer hervorragend informierten Jo Hannes.

29.) Gewalt – Deutsch
Eine gnadenlosere Abrechnung mit nationalistischen Biedermännern und Brandstiftern habe ich seit Attwengers „kaklakariada“ im deutschsprachigen Raum nicht gehört: „Denk dir deinen Teil / Du Seelenloser, du Kleinkarierter, du Untertan / D-D-D-Deutsch!“

30.) Richard Hawley – My Little Treasures
Ich weiß nichts über Richard Hawley – außer, dass fast alle Songs, die ich von ihm bislang gehört habe, von zeitloser Schönheit und erhabener Melancholie sind. So wie dieses kleine dramaturgische Meisterwerk.

31.) Erstes Wiener Heimorgelorchester – Rund
Das sprachverliebt-verschrobene EWHO und der radikal antikonventionelle Autor Clemens J. Setz? Passt! „So rund war ich schon lang nicht mehr / Und werd’s auch nie mehr sein / Nicht mal am Ende rollt mich wer / Zu einer Kugel ein“. Notiz an Gehirn: Jetzt Setz lesen!

32.) Xixa – Osiris
Nicht nur Osiris lässt sich mit so großen, dunklen Melodien heraufbeschwören.  

33.) Dope Lemon – Hey You
Bedröhnt, betäubt, benebelnd. 

34.) Rico Nasty – Fashion Week
Nimmt Rico Nasty hier Materialismus und Markengeilheit, wie sie gerade auch im Hip-Hop notorisch sind, aufs Korn – oder feiert sie das Ganze ab? Wie auch immer, wer „Krischtschän Dior“ oder „Wärsatschie“ so schön dirty aussprechen kann, hat sowieso gewonnen.

35.) Aldous Harding – The Barrel
Delikater Independent-Folk mit einer Prise Exzentrik. Von der neuseeländisch-walisischen Songwriterin wird man hoffentlich noch einiges hören.

36.) Stefanie Schrank – Fabrik
Stefanie Schrank, die man von den tollen Locas in Love kennen könnte (jetzt „Mabuse“ hören!), betört hier mit traumwandlerischem Krautrock/Elektropop.

37.) King Gizzard & The Lizard Wizard – Perihelion
Space ist the place for the human race: Psychedelisches Rumgespinne, stets am Rand zur Selbstparodie – auf die am Fließband produzierenden Australier ist Verlass.

38.) MOLLY – As Years Go By
Molly sind nur zu zweit – was sie nicht daran hindert, besonders weiträumige Klangkathedralen zu zimmern, in denen die Melancholie frei atmen kann.

39.) Holly Herndon – Frontier
Phasenweise mögen Holly Herndons futuristische Vokalverfremdungen kopflastig und anstrengend klingen, hier aber entfalten sie ihre volle harmonische Wirkung: Menschine!

40.) The Specials – The Lunatics
„The lunatics have taken over the asylum“: Wenn man sich den Stand der (politischen) Dinge vor Augen hält, ist dieser Befund aus dem Jahr 1981 (das Original stammt von der Specials-Abspaltung „Fun Boy Three“) ungebrochen aktuell. Und die Specials lassen ihn auch angemessen frisch klingen.

41.) Kahlenberg – Zentralfriedhof
Zwischen Weltekel und Todessehnsucht: Der Zentralfriedhof ist als Wien-Klischee nicht totzukriegen – und feiert natürlich auch bei den formidablen Kahlenberg fröhliche Urständ.

42.) Xixa – Kvmbia Okvlt
Düsterer Grenzlandsound aus Arizona, der durch das leicht trashige Element sogar noch besser wird.

43.) Los Bitchos – Pista (Great Start)
Apropos Cumbia: Wenn diese jungen Damen aus London zur instrumentalen Surfrock-meets-Cumbia-Sause laden, will man natürlich dabei sein – ein echter Stimmungsaufheller!

44.) The New Pornographers – Falling Down the Stairs of Your Smile
„Falling down the stairs of your smile“ finde ich ein wunderschönes Sprachbild – und die New Pornographers finden dazu wie immer wunderschöne Harmonien.

45.) Tyler The Creator – Gone Gone / Thank You
In der zweiten Hälfte franst das Ganze für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr aus, bis dahin ist es aber das denkbar süßeste Stück Neo-Soul vom einstigen Horrorrap-Bürgerschreck.

46.) Omni – Sincerely Yours
Wikipedia führt Omni unter Post-Punk – ich fühle mich hier eher an schluffigen Slacker/Alternative Rock der 90er erinnert. Aufs Angenehmste!

47.) Jesca Hoop – Footfall to the Path
Der mystische Folk von Jesca Hoop entfaltet hier fast sakrale Qualitäten. 

48.) The Specials – Black Skin Blue Eyed Boys
Das Original hat Eddy Grant (of „Gimme Hope Jo’anna“ fame) vor 50 Jahren (!) mit seiner Band The Equals aufgenommen, vor der sich die nicht weniger legendären Specials hier verneigen. Die textliche Botschaft klingt heute noch so radikal und visionär wie zu Zeiten des Vietnamkriegs: „People won’t be black or white / The world will be half-breed“.

49.) Dope Lemon – Dope & Smoke
Drin ist, was draufsteht. Am halben Weg zwischen Entspannung und Narkose. Übrigens ein Projekt von Angus Stone, einer Hälfte des australischen Indiefolk-Duos Angus & Julia Stone.

50.) Panda Bear – Token
Fast drei Minuten muss man warten, ehe Panda Bear kurz die volle melodische Brillanz erreicht, die man von ihm erwarten darf. Aber der Rest ist auch nicht übel.

51.) Meat Puppets – Nine Pins
Seit sie mich mit einem würdevoll-berührenden Auftritt beim Primavera-Festival begeistert haben (aufrechte Haudegen unter lauter hippen jungen Auskennern auf und vor den Bühnen), bin ich den Meat Puppets – deren Klassiker mir allesamt unbekannt sind – gewogen. Vor allem, wenn sie so beschwingt-melancholischen Folkrock aufbieten.

52.) Black Mountain – Boogie Lover
Boogie Lover muss man für dieses schwer stampfende, dampfende Stück Psychedelic/Space Rock (zum Glück) keiner sein.

53.) Ian Noe – Between the Country
Gute Americana klingt zugleich uralt und zeitlos frisch. Ian Noe weiß, wie’s geht.

54.) Sinkane – Dépaysé
Völkerverbindende Botschaften, in ebenso grenzenlose Musik gekleidet: Der sudanesisch-britisch-amerikanische Multiinstrumentalist macht alles richtig.

55.) Aldous Harding – Zoo Eyes
Manchen mag Aldous Hardings Stimme hier phasenweise zu sehr das (männliche?) Bild von der verwunschenen Folk-Fee zu bedienen, aber wem solche Melodien einfallen, der – die! – hat recht. „It’s the greatest show on earth you shall receive.“

56.) Iorie & Arutani – De la Vida (Original Mix)
„Fluffy“ und „dreamy“ lese ich irgendwo über diesen Track. Mehr muss man gar nicht wissen.  (Wobei der „Original Mix“ auf YouTube der Version auf Spotify noch vorzuziehen ist).

57.) Sudan Archives – Glorious
Unerhört (!), eine solche Mischung aus Hip-Hop, funkigem R’n’B und dramatischem Geigenspiel.

58.) The Düsseldorf Düsterboys – Oh, Mama
„Wann kommst du / wann bist du wieder da? Übermorgen / oder nächstes Jahr?“ Der Klang des Wartens, die Kunst der Langsamkeit.

59.) Los Bitchos – The Link Is About To Die
Schmissiger Surfrock, perfekt geeignet, um sich in eine andere Wirklichkeit zu träumen.

60.) Jeffrey Lewis & The Voltage – Depression! Despair!
Jeffrey Lewis wurde einst zur sogenannten „Anti Folk“-Szene in New York gezählt – was in der LoFi-Produktion und dem lässig-nachlässigen Gesang noch anklingen mag. Ansonsten liegt hier eher alternativer Slacker-Punk vor – feine Sache.

61.) Michael Kiwanuka – Living In Denial
Die warmen Klangfarben ziehen einen sofort Jahrzehnte zurück, die Aussage zielt ins Heute. 

62.) The New Pornographers – Colossus of Rhodes
Und schon wieder dieser überschäumende Melodienreichtum! Der großartigen Neko Case könnte ich stundenlang zuhören.

63.) Aldous Harding – Treasure
Hier scheint sich die multitalentierte Aldous Harding fast ein bisserl zu viel Zeit zu lassen – und erzeugt am Ende gerade dadurch Spannung.

64.) SWMRS – Lose Lose Lose
Ich liebe die Energie des Punk, aber allzu formelhaften „Punkrock“ halte ich inzwischen schwer aus. SWMRS entgehen dieser Falle durch schiere Wucht und Energie, mit einem begrüßenswerten Hang zur Hysterie. 

65.) Vampire Weekend – Flower Moon (feat. Steve Lacy)
Okay, die schwelgerisch produzierten Hits sind eher zu Beginn des Vampire-Weekend-Albums „Father of the bride“ zu finden. Richtig interessant wird aber erst die zweite Hälfte, wo sich federleichte Petitessen wie diese finden.

66.) Amanda Palmer & Friends – Truganini (with Montaigne)  
Truganini war laut Wikipedia im 19. Jahrhundert „a woman widely considered to have been the last full-blooded Aboriginal Tasmanian“. Das Original stammt von den australischen Politrockern Midnight Oil, beim Cover spielt Amanda Palmer ihre bekannten Stärken (Piano-Pathos!) aus.

67.) Damon Locks/The Black Mountain Ensemble – Solar Power
Spirituelle Chormusik trifft auf Schnipsel aus politischen Reden und minimalistischen Jazz – das Ergebnis berührt nicht nur mit „Black Lives Matter“ im Hinterkopf.

68.) Corridor – Domino
Jangle-Gitarren, die irgendwann einfach durchgehen und davongaloppieren, klangvolle französische Lyrics, eine Spur Psychedelik – Montreals Independent-Szene (in der z. B. auch Arcade Fire zuhause sind) bietet immer wieder neue Entdeckungen.   

69.) Voodoo Jürgens – Ohrwaschlkräuler
Das nennt man dann wohl Metaebene: Mit seiner Ode an den Ohrwurm ist Voodoo Jürgens ein ebensolcher gelungen. 

70.) Richard Hawley – Alone
Im Video geht es offenbar um Fußball – aber als Stadionhymne für Sheffield Wednesday ist diese nostalgische Kostbarkeit denkbar ungeeignet.

71.) Adam Green – Cheating on a Stranger
An seinem Erfolgsrezept (zumindest in Europa war es das mal) aus bizarr-verschrobenen Texten und klassischer Crooner-Eleganz hat Adam Green seit vielen Jahren exakt gar nichts geändert – gut so!

72.) Chromatics – Whispers in the Hall
Vom Songtitel über das creepy Synth-Motiv bis zum verhallt-verwunschenen Gesang: Alles hier lässt an die Ästhetik eines Arthouse-Horrorfilms denken – wohliges Gruseln! 

73.) Mike Patton, Jean-Claude Vannier – Yard Bull
Bloggründer Dave plant einen Artikel unter dem klangvollen Motto „Crooner statt Corona“: Da müsste Mike Patton, der zwischen wüsten Metal-Growls und erhabenem Schmelz alles beherrscht, von Amts wegen einen Fixplatz bekommen Das hier lässt mich schon wieder an alte europäische Horrorfilme denken (vgl. Platz 72).

74.) Erstes Wiener Heimorgelorchester – Der ausgestorbene Astronaut
„Es gibt kein Tier, das Kanten gebiert“. Seltsamere Zeilen findet man in kaum einem Liedtext. Das Heimorgelorchester und Clemens J. Setz (Text) führen in die Zwergastronauten-Archäologie ein.

75.) Jeffrey Lewis & The Voltage – LPs
Der beste Song übers Plattensammeln. Voll Witz und brillanter Beobachtungen zur Dynamik des Musikmarktes, auf dem Vinyl binnen einiger Jahre vom Flohmarkt-Ramsch (wieder) zum schwarzen Gold wurde. Jeffrey Lewis‘ verblüffender Rat zum Schluss: Jetzt CDs kaufen! Denn: „Whatever people don’t want that‘s the time to get it …“ Danke an meinen alten Freund Peter für diesen Tipp.

76.) Temples – The Howl
„Raise you head up / Stamp your feet“ heißt es im mächtigen Refrain – und tatsächlich lädt dieser Stomper verdächtig zum Mitstampfen ein, kriegt dabei zum Glück aber gerade noch die Kurve vor der Abzweigung in Richtung allzu stumpf.

77.) Stefanie Schrank – Möbiusschleife
„Möbiusschleife“ ist ein sehr schönes Wort – und den Klang einer Möbiusschleife stelle ich mir genauso vor wie diesen sanft narkotisierenden Song. Innen wird oben, unten wird außen.

78.) Meat Puppets – Dusty Notes
Wer die Meat Puppets als einflussreiche Proto-Grunge-Helden abgespeichert hatte, wird an diesem abgebremsten Tex-Mex-Mariachi-Schlager vielleicht schwer zu schlucken haben – aber mir taugt’s!

79.) Jesca Hoop – All Time Low
„Michael outside / Looking in“: Woher Jesca Hoop wohl weiß, dass ich mir manchmal so vorkomme?

80.) The Raconteurs – Bored and Razed
Die Supergroup (sagt man das noch so?) um Jack White und Brendan Benson produziert unverdrossen dreckigen (Blues-)Rock. Solange ihnen solche Melodien einfallen, gerne.

81.) Caroline Polachek – Door
Es gibt einiges, was mich an diesem Song und seiner Ästhetik nervt – aber der fantastische Echokammer-Refrain öffnet tatsächlich eine Tür zu einer Tür zu einer Tür …

82.) Dendemann – Müde
Der Dendemann ist so müde, „dass Schafe mich zählen“ – und präsentiert sich trotzdem noch immer viel aufgeweckter, wacher und intelligenter als die Konkurrenz.

83.) Jessica Pratt – Crossing
„Quiet Signs“ hieß das jüngste Album der amerikanischen Songwriterin – und tatsächlich fällt diese Musik ganz und gar nicht mit der Tür ins Haus, sondern findet Anmut in Zurückhaltung.

84.) John Southworth – Obscurantism
Ungewöhnlicher Songwriter, ungewöhnliches Liedthema: John Southworth (oder sein Song-Ich) begegnet hier einem Doppelgänger, der seine Lieder singt und sogar seinen Namen geklaut hat. Daraufhin beschließt das Original, seine Musik noch unzugänglicher und damit fälschungssicher zu machen: „And from that day on / I made my song / Impossible to con / I made it bluer, obscurer / A shadow in the mirror / So no one could sing along“. Experiment gelungen?

85.) Sheer Mag – Steel Sharpens Steel
Klingt nach jener Art von HardRRRRAWK, die ich normalerweise gar nicht leiden kann. Aber irgendwie hat mir diese Nummer vom ersten Hören an Spaß gemacht.

86.) Sky Ferreira – Downhill Lullaby
Pitchfork schreibt von einem fünfeinhalbminütigen „goth-noir, chamber-pop piece—with strings!—that could have easily closed an episode of the revived Twin Peaks“. Vielleicht eine etwas zu ehrgeizige Vorgabe, aber die Richtung stimmt. Intensiv!

87.) Sleeper – Paradise Waiting
Klingt schwer nach 90er-Jahre-Alternative-Rock? Dürfte daran liegen, dass Sleeper im Alternative Rock bzw. Britpop der 90er-Jahre tatsächlich eine recht  große Nummer waren. Damals haben sie sich bei mir leider nicht vorgestellt – aber erfreulicherweise haben sie das jetzt nachgeholt

88.) The Divine Comedy – Norman and Norma
Kaum einer textet so gewitzt und elegant wie Neil Hannon – hier gibt es eine Beziehungsgeschichte im Zeitraffer. Mit Happy-End!

89.) Denzel Curry – Speedboat
Der energiegeladene Highspeed-Rapper aus Florida variiert hier gekonnt seinen Flow.

90.) Priests – Good Time Charlie 
DIY-Dance/Post-Punk? Was der Produktion an Nuancen fehlen mag, machen die Priests mit roher Energie wett. 

91.) Isobel Campbell – Runnin‘ Down A Dream
Einer meiner liebsten Tom-Petty-Songs, den die Schottin Isobel Campbell (ex- Belle and Sebastian, Duettpartnerin von Mark Lanegan) ebenso sanft wie souverän in ihre verträumten Klanggefilde überführt. 

92.) Dives – Chico
Mit ihrem lässig-räudigen Garagenpunk und Surfrock (oder eher Surfpunk und Garagenrock?) überzeugt die heimische All-female-Formation auch weiterhin, klare verbale Kante inklusive: „You’re way too comfortable with every word you say / I like it best when you keep your hands away“.

93.) These New Puritans – Where The Trees Are On Fire
Sperrig und geheimnisvoll wie eh und je: Das englische Duo bleibt denkbar unkommerziell.

94.) Weyes Blood – Something To Believe
Phasenweise übertreibt es Natalie Laura Mering alias Weyes Blood hier vielleicht in Sachen Theatralik – aber gegen den machtvollen Refrain ist kein Kraut gewachsen.

95.) Marry Waterson & Emily Barker – Perfect Needs
Im allerletzten Abdruck doch noch in die Charts gerutscht, weil sich ein Fixstarter („Lessleg“ von Charlie Cunningham) plötzlich als Eindringling aus dem Jahr 2015 entpuppte, der nur 2019 neu aufgelegt wurde. Aber dieses Stück Power-Pop samt feiner Background-Vocals hat es auch verdient.

96.) Du Blonde – Coffee Machine
Raue Punk-Energie und Verletzlichkeit finden bei der britischen Non-binary-Musikerin zu einem spannenden Ergebnis zusammen. 

97.) Sebadoh – see-saw
Die legendären LoFi-Pioniere verstecken wieder glänzende melodische Nuggets in einer bewusst trüben Produktion.

98.) DIIV – Blankenship
Keine Ahnung, wer oder was der „Blankenship“ im Titel und Refrain ist. Der gleichnamige Song wandert jedenfalls im weiten Feld zwischen Shoegaze, Postrock und Dream Pop.

99.) The Happy Sun – The House On Highland Avenue
Hymnisches Gun-Club-Cover. Ich dachte übrigens, die Band hieße „The Happy SOUND“ (was, zugegeben, ein selten dämlicher Bandname wäre) und konnte sie daher auf Spotify längere Zeit nicht orten … 

100.) Flying Lotus – Fire Is Coming feat. David Lynch
Ist das noch Musik? Oder eher eine Szene aus einem apokalyptischen Avantgarde-Hörspiel? David Lynch lyncht lynchesk herum, spricht Wörter wie „hose water“ unvergleichlich aus – und am Ende kommt das Feuer. Hat da jemand schon das Jahr 2020 vorausgeahnt?   

Am Tresen in der Telebar

Erster Quarantäne-Hörabend, 17. April 2020:

Die Quarantäne zwingt in allen Bereichen zu Experimenten – im Arbeitsleben (wenn man das Glück hat, noch ein solches zu haben), in Familie und Beziehung, beim Konsum und in der Freizeitgestaltung. Und auch unsere in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Hörabende machten aus dem Notstand eine Tugend und wagten sich gestern erstmals auf neues Terrain.

Wie ist gemeinsames Musikhören, bei dem man sich assoziativ von einem Song zum nächsten hangelt, ausführlich darüber quatscht und Bier trinkt, möglich, wenn jeder zuhause festsitzt? Ausgehen von dieser Frage entwickelte Kollege und Bloggründer Dave die Idee einer „Telebar“ –  und setzte diese auch gleich in die Tat um. Nach einigem Herumprobieren hatte er die technische Einrichtung und Mikrofonierung so hingekriegt, dass die Übertragung von Musik in anständiger Soundqualität per Skype möglich war (in meinem Fall zumindest dann, wenn ich während der Lieder das eigene Mikro stummschaltete – was eh besser ist, damit man nicht zu viel hineinplappert). Die Einrichtung eines privaten Streaming-Servers war in der kurzen Zeit übrigens nicht mehr möglich, soll für weitere Auflagen aber noch folgen – so waren wir vorerst auf kommerzielle Anbieter angewiesen.

Zu den technischen Details kann ich als Digital-Trottel leider keinerlei Auskunft geben. Umso gespannter war ich gestern Abend, ob und wie dieser neuartige Hörabend klappen würde. Fast auf die Minute genau fünf Stunden später, somit schon zu weit fortgeschrittener Stunde, stand fest: Experiment gelungen!

Auch wenn die Reisefreiheit noch auf unabsehbare Zeit eingeschränkt bleibt und viele Konzerthighlights in näherer Umgebung nicht zu den geplanten Terminen möglich sind (z. B. The Düsseldorf Düsterboys, Burial Hex oder das Heart of Noise-Festival in Innsbruck oder das erste Art of Solo-Festival in Kufstein; „doppelseufz“, um die Donald-Duck-Hefte zu zitieren) – eine musikalische Reise ist immer möglich. Die gestrige führte quer durch verdammt viele thematische Schwerpunkte und Genres: Soul und Blues, Punk und New Wave, Stoner-, Psychedelic und Garage Rock, Hip-Hop, Pop und Funk, Synthpop, AOR, Dream und Noise Pop, Country und Billig-Elektronik.

Die Telebar eröffnete auch endlich wieder die Möglichkeit, gemütlich ein paar Bierchen zu trinken, ohne sich für den unsozialen Alkoholkonsum in den eigenen vier Wänden vor sich selbst rechtfertigen (oder darüber Sorgen machen) zu müssen. Auch das Rauchverbot lässt sich in dieser Form der Bar ganz legal umgehen.

In diesem Sinne war es nur folgerichtig, dass zu Beginn des Abends der Schwerpunkt auf Musik lag, die sich textlich und musikalisch dem weiten Feld der legalen und weniger legalen Drogen widmet:
Den Auftakt machte der Klassiker „Rum & Coca Cola“ – sowohl in der Version der First Lady of Rockabilly, Wanda Jackson (produziert von Jack White), als auch im Original des trinidadischen Calypso-Sängers Lord Invader.

Ursprünglich handelte der Song übrigens – Hörabende bilden! – von der überhandnehmenden Prostitution auf Trinidad seit der Stationierung von amerikanischen GIs. Davon blieb in den „weißgewaschenen“ Versionen (z. B. auch jener der Andrew Sisters) freilich nichts übrig.
Auf Sambarock des Trio Mocoto aus Brasilien folgte das großartige Zigaretten-Duett von Princess Chelsea aus Neuseeland (das ich letztes Jahr bei einer Ausstellung zum Thema Rauchen entdeckt habe), gefolgt von der Wienerischen Version der Band Grant (die ich kurioserweise schon kannte, bevor ich vom Original wusste).

Weiter ging es mit dem kuriosen Novelty-Song „Smoke! Smoke! Smoke!“ (1947) von Tex Williams, der im Film „Thank You for Smoking“ an prominenter Stelle eingesetzt wird, mit Muddy Waters, der die Kombination von Champagner und Gras preist, und Drogen-Klassikern von Queens of the Stone Age und J.J. Cale. Atmosphärisch deckten die Songs eine ordentliche Bandbreite ab: denkbar betäubt und träge bei Dope Lemon aus Australien (stimmungsmäßig gefolgt von der formidablen Dusty Springfield), beschwingt bei Rosco Gordon, oder psychotisch bei den Horrorpunks von The Cramps.

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