Avantgardistisches Wiegenlied

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 18:
HATIS NOIT – ILLOGICAL LULLABY (2018)

Regelmäßigen Lesern dürften die Unregelmäßigkeiten aufgefallen sein: Ja, wir hier am Blog haben ordentlich mit dem Track der Woche zu kämpfen. Und so wird daraus nicht selten eher ein „Track der zwölf Tage“ oder „Track der zweieinhalb Wochen“.

Im Bewusstsein, dass unsere Zeitbudgets knapp und das Fleisch generell schwach ist, haben wir uns zwar eigentlich darauf verständigt, dass „fünf Zeilen reichen“. Aber der Ehrgeiz packt die Autoren dann doch jedes Mal aufs Neue – und auch ich merke gerade, dass sich mein heutiger Vorsatz „Diesmal wirklich nur fünf Zeilen“ schon jetzt nicht mehr ausgeht.

Sei’s drum, ich werde mich ausnahmsweise jedenfalls wirklich knapp halten: Schließlich weiß ich über den Track der Woche, „Illogical Lullaby“, eh so gut wie gar nix. Ich weiß nur, dass er erst seit nicht einmal einer Woche online ist (so flott war unser notorisch entschleunigter Blog noch nie!), dass ich ihn gestern rein zufällig beim Duschen auf Ö1 gehört habe (ja, ich höre beim Duschen manchmal Ö1) – und dass ich sofort gefangen war und wissen wollte: Wer ist das? Wer singt da?

Wer da singt, ist Hatis Noit, eine junge japanische Vokalistin, die inzwischen in London lebt. Wie den (bisher angenehm spärlichen) Informationen über die Künstlerin zu entnehmen ist, schöpft sie aus unterschiedlichsten Quellen – etwa aus dem höfischen Musikstil Gagaku, der in Japan seit dem 7. Jahrhundert gepflegt wird, generell aus buddhistischen Gesängen, zudem aus der Klangwelt der Gregorianischen und vergleichbaren Choräle, aus Avantgarde und Pop.

Das Ergebnis ist entrückt, ja fast überirdisch klingende Vokalmusik ohne erkennbaren Text (zugegeben, wenn es Japanisch wäre, wäre es für mich auch kein erkennbarer Text). Jedenfalls geht es hier ganz offenkundig um den Klang der Stimme, nicht um etwaige Inhalte, die sonst meist über Gesang transportiert werden. Worte werden hier zu Lauten, zu reiner Musik – und wir können uns endlich einmal ganz von der im Pop so verbreiteten Textfixierung lösen.

Mancher Hörer wird hier vielleicht an die erhebende Vokalmusik von Julianna Barwick denken, die bei uns am Blog ebenfalls schon einmal in einem Track der Woche präsentiert wurde, oder zum Beispiel an die experimentellen Klänge von Laurel Halo.

Zugleich spricht dieses avantgardistische Wiegenlied aber eine tiefer schlummernde Ebene in uns an: Der Titel „Illogical Lullaby“ trifft es perfekt: Jede Art von tranceartiger, hypnotisierender Musik hat ja irgendwie etwas Betäubendes, Einschläferndes, eben Schlafliedartiges an sich – und damit auch etwas Beruhigendes, Schützendes und mütterlich Tröstendes. Nicht umsonst hängen die lautmalerischen Wörter „Lullaby“ und „einlullen“ etymologisch zusammen. Und irgendwo zwischen Wachzustand und Traum lässt man dann (hoffentlich) auch die Regeln der Logik hinter sich.

„Illogical Lullaby“ (wie auch die zugehörige EP „Illogical Dance“) entstand in Zusammenarbeit mit den US-Experimentalelektronikern Matmos – was im Track ab ca. dreieinhalb Minuten besonders gut zu hören ist, wenn so etwas wie ein rudimentäres Beatgerüst einsetzt. Magisch!

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