Erster unter den Letzten. Meine heillos späten Jahrescharts 2017 – Michael Domanig (mit Playlist)

ERSTER!
Das wollte ich an dieser Stelle eigentlich, wie beim Wettrennen in Kinderzeiten, hämisch ausrufen. Denn wundersamerweise ist es mir diesmal gelungen, die Jahrescharts früher in trockene Tücher zu bringen als meine geschätzten Blog-Mitautoren.

Doch dann fiel mein Blick auf die Datumsanzeige im rechten Eck meines Notebooks: Um Himmels willen, 21. Juli 2018!
Und wir reden hier ja nicht etwa von den Halbjahrescharts 2018 – für die wir ebenfalls schon reichlich spät dran wären -, sondern von den Jahrescharts 2017 …

„Die spätesten Jahrescharts der Welt“: Das ist hier aufm Blog schon fast so etwas wie ein Claim – und ja, es ist ein verdammt schlechter Claim, den man heuer noch dazu mit dem Untertitel „Noch nie waren sie so spät wie jetzt“ versehen müsste. Denn tatsächlich haben wir einen neuen Negativrekord aufgestellt.

Doch bevor ich mich in selbstmitleidigen (wenn auch auf Tatsachen basierenden) Ausschweifungen darüber ergehe, dass ich „einfach viel zu selten zum Musikhören komme und wenn dann nur unter Zeitdruck und das geht ja schon mal gar nicht und sowieso und überhaupt“, führe ich lieber ein paar gute Gründe an, warum es heuer noch länger gedauert hat als in den Jahren zuvor. Denn die gibt es!

Zum einen war es diesmal wirklich ein besonders langwieriger und zäher Ausleseprozess, bis am Ende wieder 100 Lieder im „Fixstarter“-Töpfchen und gut 500 andere im „Leider nein“-Kröpfchen gelandet sind. Denn auch wenn Pauschalurteile über die unendlichen Weiten des Pop (ein Begriff, dessen Definition letztlich in seiner Undefinierbarkeit liegt) unzulässig sind, habe ich zumindest für den kleinen Ausschnitt der aktuellen alternativen Popkultur, mit dem ich mich auseinandersetze, folgenden Eindruck gewonnen:

Vieles ist sehr gut, sehr vieles gut, noch viel mehr zumindest toll produziert, Kulturpessimismus völlig fehl am Platz. Absolute Standout-Tracks – im Sinne von modernen Instant-Klassikern – waren in diesem Jahrgang aber eher rar gesät. Während ich somit für die Chartsplätze von ca. 30 bis 80 diesmal locker 100 oder 150 Anwärter gehabt hätte (deutlich mehr als in früheren Jahren), hab ich mich bei den Top 20 so schwer getan wie nie.

Der zweite triftige Grund für die Verspätung der Verspätung der Verspätung war unser Besuch beim Primavera-Festival in Barcelona Ende Mai bis Anfang Juni diesen Jahres (und ja, irgendwann kommen meine Berichte von den restlichen Festivaltagen auch noch, großes Indianerehrenwort – allerspätestens 2023!).

Denn wie jedes Jahr spielte bei diesem betörenden Monster von einem Festival ein erklecklicher Teil meiner potentiellen Jahrescharts-BewerberInnen auf – und die Livekonzerte boten eine letzte willkommene Entscheidungshilfe. Das galt naturgemäß besonders für Wackelkandidaten: Während etwa die Pseudohipster von Starcrawler und leider auch der sympathische Rostam nach unterirdischen Livedarbietungen endgültig aus dem Jahrescharts-Kader flogen, schafften es z. B. die wunderbaren Damen von Ibeyi noch hinein, ebenso Cari Cari mit ihrem reduzierten, The-Kills-artigen Sound, den ich bizarrerweise erst in Barcelona bewusst wahrgenommen habe – obwohl es sich hier um eine österreichische Band handelt …

Doch auch in deutlich luftigeren Chartshöhen gab es durch das Primavera noch entscheidende Veränderungen: So musste ich Cigarettes After Sex nach einem sound- und stimmungstechnisch schwer enttäuschenden, letztlich fürchterlich faden Konzert trotz ihrer traumhaften Songs fast zwangsläufig noch ein paar Plätze hinabstufen (was ihnen herzlich wurscht sein wird). Umgekehrt sind z. B. Slowdive, die Sparks oder Charlotte Gainsbourg nach magischen, elektrisierenden Auftritten noch ein paar Sprossen die Chartsleiter hinaufgewandert. Entscheidend is aufm Platz!

Davon abgesehen nur noch ein paar allgemeine Aspekte, die mir beim Wühlen durch die zahllosen Schichten und Verwerfungen des Pop-Jahrgangs 2017 aufgefallen sind:

– Frauen geben den Ton an. Die kreativste, originellste, zwingendste und dringlichste Musik kam 2017 erneut sehr, sehr oft von Künstlerinnen unterschiedlichster geographischer und stilistischer Herkunft. Darunter waren (ein Blick auf die Top5 reicht) zahlreiche mir bisher unbekannte Namen wie die deutsch-amerikanische Alleskönnerin Sophia Kennedy, die kompromisslosen englischen Country-Punks von Goat Girl, Österreichs höchsteigene Autotune-Queen Mavi Phoenix oder etwa Noga Erez aus Israel, Mo Kenney aus Kanada, Kelly Lee Owens aus Wales oder Susanne Sundfør aus Norwegen.

Aber auch international schon lange etablierte Künstlerinnen wie z. B. die US-Amerikanerinnen Aimee Mann, Amanda Palmer oder Alela Diane sorgten verlässlich für großartige neue Musik. Und dabei haben die allerorts gefeierten Songs von Jahresregentinnen wie Lorde oder St. Vincent bei mir gar nicht den Weg in die Charts gefunden …

– Durchgehend überzeugende Alben waren selten. Über die volle Albumlänge hinweg die Spannung aufrechtzuerhalten, ist für Musiker sicher von jeher wahnsinnig schwierig (zumal die Aufmerksamkeitsspanne des durchschnittlichen Hörers durch die Viele-viele-bunte-Smarties-Welt von YouTube und Spotify nicht eben zugenommen haben dürfte). 2017 ist dieses Kunststück aus meiner Sicht u. a. der schon erwähnten Sophia Kennedy, Stephin Merritts nicht minder genialen Magnetic Fields (sogar über fünf Alben hinweg!), den begnadeten Jammerern von Flotation Toy Warning, Ariel Pink oder den Mountain Goats sehr gut gelungen.

Bei vielen anderen, an sich tollen Künstlern und Bands haben sich auf Albumlänge hingegen doch oft erhebliche Längen eingeschlichen. Mir persönlich ist es 2017 etwa mit Feist, den Fleet Foxes, alt-J oder sogar den von mir hochgeschätzten Grizzly Bear (deren jüngstes Album natürlich trotzdem viel Qualität hat) so ergangen. Wobei: War das jemals grundlegend anders? Waren die meisten Alben nicht immer schon zu lang? Und sind Singles/Einzelsongs nicht das wahre Medium des Pop, heute mehr denn je?

– Hip-Hop ist 2017 eher an mir vorbeigegangen. Ausgerechnet in jenem Jahr, in dem Hip-Hop in den US-Charts erstmals Rock als meistgehörtes Genre abgelöst hat (als einflussreichste Jugendkultur hat er das ohnehin schon lange getan), konnte mich nur relativ wenig aus dieser Ecke des Universums wirklich überzeugen. Ob Vince Staples, Cardi B oder z. B. auch die jüngste Run The Jewels: Klingt alles fett, hat fast immer einen eindrucksvollen (oder etwa im Fall von Yung Hurns Cloud-Rap zumindest ungewöhnlichen) Flow – doch die wirklich zwingenden Samples, Beats, Hooks und Refrains, die Hip-Hop für mich spannend machen, konnte ich nur selten entdecken. Aber vermutlich habe ich die richtigen Pretiosen einfach nur überhört: Ich hoffe, die Kollegen Steff und Johannes können da in ihren Jahrescharts aushelfen!

– Aus Österreich kam auch 2017 viel großartige Musik – abseits von Wanda und Bilderbuch. Ultramoderne R&B/Hip-Hop/Urban-Klänge von Mavi Phoenix, Dreampop und Surfrock von Crush oder DIVES, cleverer Mundart-Rap von Kreiml & Samurai oder die NDW-Wiedergänger FLUT, die mit ihren zackigen Synthie-Ohrwürmern in den 80ern womöglich ganz groß herausgekommen wären: Die Bandbreite spannender zeitgenössischer Musik aus Österreich ist und bleibt erfreulich groß. Dass Wanda mittlerweile nur noch auf Ö3 laufen und plötzlich auch meinen Bürokollegen ein Begriff sind oder Bilderbuch auch schon mal spannender geklungen haben, ist da leicht zu verschmerzen.

Und was mich – jenseits jedes kleinkarierten Lokalpatriotismus – besonders freut: Auch zwei  höchst gegensätzliche Tiroler Bands bereichern diesmal die Jahrescharts: MOLLY gleich zweimal mit ihrem süchtig machenden, meisterlich arrangierten Shoegaze, und Von Seiten der Gemeinde mit feinen Samples aus den tiefsten Tiefen der Lokalberichterstattung.

So, bevor es nun endlich ans Eingemachte in Form der Rangliste geht, noch ein kleines Geständnis: Ein, zwei Mal habe ich beim Datum der Songs wieder geschwindelt – diesmal sogar bei der Nummer zwei der Charts. Schließlich ist Goat Girls bitterböser Zweiminüter „Scum“ schon 2016 als Single erschienen. Aber ihn damals schon vor die Lauscher zu bekommen, war für mich schlicht unmöglich. Und vor allem passt diese zornige Abrechnung mit Renationalisierung, Abschottung, Brexit, allgemeiner Engstirnigkeit und aggressiver Dummheit leider nur allzu gut ins Jahr 2017. Oder auch 2018.

How can an entire country be so fucking thick? Hold tight to your pale ales / Bite off your nationalist nails / We’re coming for you, please do fear / You scum aren’t welcome here …

Und: Im Grunde ist es ja völlig zweitrangig, wann genau ein bestimmter Song oder Track nun erschienen ist, solange er nur etwas in uns auslöst. In diesem Sinne ist es, so glaube ich, doch wieder eine hörenswerte Songsammlung geworden. Jetzt bleibt mir nur noch zu hoffen, dass sich viele von euch die Spotify-Playlist (ganz unten zu finden!) oder zumindest Ausschnitte davon anhören und ein paar schöne Entdeckungen machen werden. Über Feedback freue ich mich wie immer sehr!

 

JAHRESCHARTS 2017 – MICHAEL DOMANIG

    1. Sophia Kennedy – Something Is Coming My Way
    2. Goat Girl – Scum
    3. Cosmo Sheldrake – Come Along
    4. Goat Girl – Cracker Drool
    5. Mavi Phoenix – Aventura
    6. MOLLY – Glimpse
    7. FLUT – Sterne
    8. Cigarettes After Sex – Apocalypse
    9. Benjamin Clementine – God Save the Jungle
    10. Ariel Pink – Bubblegum Dreams
    11. The Sadies – The Elements Song
    12. The Magnetic Fields – ’75: My Mama Ain’t
    13. Sophia Kennedy – William by the Windowsill
    14. Das Lunsentrio – Das letzte Edelweiß
    15. Benjamin Clementine – Jupiter
    16. The New Pornographers – High Ticket Attractions
    17. The Magnetic Fields – ’69: Judy Garland
    18. Jordan Klassen – Dominika
    19. Kendrick Lamar – DNA.
    20. FLUT – Linz bei Nacht
    21. Cigarettes After Sex – Each Time You Fall In Love
    22. Robert Plant – Carry Fire
    23. Adrian Crowley – Unhappy Seamstress
    24. Ariel Pink – Dedicated to Bobby Jameson
    25. Aimee Mann – Goose Snow Cone
    26. Belle & Sebastian – We Were Beautiful
    27. The Magnetic Fields: ’92: Weird Diseases
    28. Crush – Please Me
    29. Kodak Black – Tunnel Vision
    30. Kane Strang – My Smile Is Extinct
    31. Slowdive – Sugar for the Pill
    32. Declan McKenna – Humongous
    33. Superorganism – Something For Your M.I.N.D.
    34. King Gizzard & The Lizard Wizard – Crumbling Castle
    35. MGMT – Little Dark Age
    36. Matias Aguayo & The Desdemonas – Nervous
    37. LeVent – Rabbits
    38. Noga Erez – Off the Radar
    39. alt-J – Pleader
    40. Morissey – Spent The Day in Bed
    41. Sparks – Missionary Position
    42. Mo Kenney – Unglued
    43. Nick Garrie – The Moon and the Village
    44. The Flaming Lips – There Should Be Unicorns
    45. LOT – Was für ein Life
    46. Alela Diane – Émigré
    47. The Magnetic Fields: ’73: It Could Have Been Paradise
    48. Mark Lanegan – Emperor
    49. Flotation Toy Warning – The Moongoose Analogue
    50. Amanda Palmer & Edward Ka-Spel – The Clock at the Back of the Cage
    51. Susanne Sundfør – The Sound of War
    52. The Mountain Goats – Rain in Soho
    53. Dan Croll – Away From Today
    54. John Maus – Touchdown
    55. Grizzly Bear – Wasted Acres
    56. L’Impératrice – Erreur 404
    57. Lali Puna – The Bucket
    58. The Mountain Goats – We Do It Different on the West Coast
    59. Sophia Kennedy – A Bug on a Rug in a Building
    60. Liars – No Tree No Branch
    61. Von Wegen Lisbeth – Wenn du tanzt
    62. Ariel Pink – Dreamdate Narcissist
    63. The Sadies – Another Season Again
    64. Ghostpoet – Freakshow
    65. Das Lunsentrio – Im Goldenen Hahn (Bumm Bumm Bumm Bumm / Bamm Bamm Bamm Bamm)
    66. John Maus – Teenage Witch
    67. Flotation Toy Warning – King of Foxgloves
    68. Kelly Lee Owens – Throwing Lines
    69. LCD Soundsystem – call the Police
    70. Grizzly Bear – Mourning Sound
    71. MOLLY – Time and Space
    72. DIVES – Shrimp
    73. The New Pornographers – Whiteout Conditions
    74. Las Robertas – Sun Haze
    75. Die Buben im Pelz feat. Voodoo Jürgens – Geisterstadt der lebenden Toten
    76. Toothless feat. The Staves – The Sirens
    77. Tamikrest – Wainan Adobat
    78. First Breath After Coma – Salty Eyes
    79. King Gizzard & The Lizard Wizard – Rattlesnake
    80. Fionn Regan – Babushka-Yai Ya
    81. Ibeyi – Away Away
    82. The National – The System Only Sleeps in Total Darkness
    83. Fleet Foxes – If You Need To, Keep Time On Me
    84. Kreiml & Samurai feat. Monobrother – Wiener
    85. Charlotte Gainsbourg – Deadly Valentine
    86. Wand – Bee Karma
    87. All Them Witches – Bulls
    88. Dead Cross – Seizure and Desist
    89. The Magnetic Fields – ’67: Come Back as a Cockroach
    90. Kelly Lee Owens feat. Jenny Hval – Anxi.
    91. The Molochs – Charlie’s Lips
    92. Cari Cari – Nothing’s Older Than Yesterday
    93. Temples – Oh the Saviour
    94. Thunder Jackson – Guilty Party
    95. Jim White – Long Long Day
    96. Témé Tan – Ça Va Pas La Tête?
    97. Django Django – Tic Tac Toe
    98. IDLES – Mother
    99. Waxahatchee – Never Been Wrong
    100. Von Seiten der Gemeinde – Graukas drau

Verstummte Zombiefrauen, bedröhnte Gospelsongs, alte Helden und junge Heldinnen. Primavera Sound Festival, Tag eins

Festivalbericht: Primavera Sound, Parc del Fòrum, Barcelona, 30. Mai 2018:

Primavera Sound Festival in Barcelona! Das bedeutet (mindestens) vier Tage totaler audiovisueller Reizüberflutung, umgeben von der atemberaubenden zeitgenössischen Architektur des Messegeländes Parc del Forum und zehntausenden Musikfreaks, Checkern und Hipstern aus aller Welt. Das bedeutet die Qual der Wahl, weil oft auf drei oder vier Bühnen gleichzeitig KünstlerInnen spielen, die man alle verdammt gern gesehen hätte. Es bedeutet den Luxus (oder Irrsinn?), auch mal Weltstars links liegen zu lassen, um sich stattdessen irgendeinen Geheimtipp auf einer der kleineren Bühnen zu genehmigen. Und es bedeutete für uns heuer auch etwas protzige, ähem, goldene, räusper, VIP-Armbänder um unsere Handgelenke. Bling bling!

Moment mal!, wird die sozialkritische, linksliberale Leserschaft hier gleich einwenden. VIP?! Geht’s noch? Habt ihr zu viel Geld? Und vor allem: Ist das noch Rock ’n‘ Roll? Oder doch schon eher die Kapitulation vor dem eigenen Alter? Was kommt als nächstes – Champagner und Horsd’œuvre vor dem Konzert?

Dazu kann man nur sagen: Stimmt, 400 Euro für einen Festivalpass sind echt verdammt viel Geld. Aber auch sehr gut investiertes Geld! Denn man kann sich damit viele der – zumindest aus meiner Sicht – recht mühsamen und unnötigen Nebenerscheinungen eines Festivals ersparen: zum Beispiel das endlose Anstehen an Bier- und Essensständen, die Rückenschmerzen nach Stunden ohne geeignete Sitzmöglichkeit oder die aussichtslose Suche nach den befreundeten Festivalbesuchern („Treff ma ins um hoiwe zwoa vor der Hauptbühne, i steh links bei dem komischen Scheinwerfer oder wos des is“ – „Do is koa Scheinwerfer“) …

Nein, die Vorteile der güldenen Bling-Bling-Bänder sind nicht vom Handgelenk zu weisen: Dazu zählen u. a. ein eigener Einlass, eine Art „Priority Boarding“, am Festivalgelände und bei den zwei größten Bühnen, so dass man ganz vorne rein kann (zugegeben, das habe ich zu meiner Schande viel zu wenig ausgenützt – aber meine Lieblingskünstler auf dem Festival haben großteils nicht dort gespielt), eigene „Pro“-Bereiche, an denen stets ausreichend gemütlicher Sitzplätze zur Verfügung standen (bei mir zwickt es spätestens nach drei Konzerten ohne Sitzpause leider in Rücken und Knie – jaja, ich bin ein alter Sack!) und eigene Getränkestände ohne Schlangen, dafür aber mit absolut fairen Preisen (das Bier um ehrliche 2,50, Wasser noch deutlich günstiger). Und zugleich gab es immer einen sicheren Treffpunkt, wenn wir fünf IndividualistInnen uns mal wieder in alle Himmelsrichtungen zerstreut hatten.

Klingt nach Gated Community? Ja, aber in dem Fall hatte ich ehrlich gesagt nichts dagegen …

So, jetzt aber endlich zur Musik: Nachdem wir am Dienstagabend (dem Anreisetag für die meisten von uns) eine Clubshow mit den Postrockern The Sea & Cake ausgelassen hatten (Burger statt Kuchen war auch nicht schlecht), kamen die ersten Takte Musik, die wir am Festival hörten, von der katalanischen Formation Holy Bouncer: Die sind mir trotz ihres durchaus ansprechenden und gefälligen Retro-Psychedelic-(Soft)Rocks aber deutlich weniger im Gedächtnis geblieben als das direkt darauffolgende Konzert …

Die Soundqualität sollte sich auf diesem Festival leider bei einer Reihe von Künstlern als Problem herausstellen (während sie bei anderen absolut göttlich war, dazu später mehr) – aber was bei Starcrawler passierte (oder eben nicht passierte), stellte alles andere in den Schatten.
Kollege Steff hatte schon im Vorfeld prophezeit, dass es sich hier um eine austauschbare Band handeln dürfte, „die in zwei Jahren sowieso keiner mehr kennt“ und die ihren guten Slot (später Nachmittag am ersten richtigen Festivaltag) nur durch irgendwelche undurchschaubaren Plattenfirmen- und Promoter-Deals bekommen habe. Da hat er wohl recht (auch wenn die Gruppe aus L.A. von Ryan Adams produziert wurde und Größen von Shirley Manson bis Elton John sich als Fans des angeblichen „next big thing“ geoutet haben). Aber mit „I Love L.A.“ haben Starcrawler immerhin einen rotzigen, fetzigen Indie-Rock-Hit im Repertoire, den ich gerne gehört hätte.

Doch daraus wurde leider nichts. Denn in den ersten 15 bis 20 Minuten war von der exaltierten Sängerin Arrow de Wilde nämlich leider nichts zu hören. Und zwar buchstäblich: NICHTS. Die bedauernswerte Dame war nicht etwa zu leise gemischt, sondern sie war überhaupt nicht gemischt. Umso lauter gemischt waren dafür leider die schaurig-schiefen Background-Vocals des Bassisten (oder wer immer das war), der somit die einzigen erkennbaren Gesangsparts lieferte. Na gut, einen Meter vor der Bühne hätte man vielleicht irgendeinen Laut von Mrs. de Wilde vernehmen können, aber ansonsten: Silent Karaoke.

Was schon beim Auftritt einer Schülerband unangenehm wäre, schien hier – auf einer riesigen Bühne und vor einer doch erklecklichen Zuhörer(?)zahl – niemand von der Band oder den Soundmenschen zu bemerken. Nicht einmal mehrere Fans, die sich demonstrativ zu den Mischern am Soundpult umdrehten und ihnen den Mittelfinger zeigten (!), konnten daran zunächst etwas ändern. Und all das bei einer Band, die einzig und allein von ihrer Sängerin vor dem totalen Mittelmaß bewahrt werden könnte!

Der anfangs fehlende – und auch danach kaum wahrnehmbare – Gesang wirkte umso bizarrer, als die spindeldürre Arrow zugleich eine expressive Zombie-Vogelscheuchen-Show abzog, sich auf der Bühne herumwälzte, sich mit Kunstblut beschmierte und noch einige andere Moves vollführte, die wohl Gefährlichkeit (oder so) signalisieren sollten. In Summe ein sehr, sehr befremdlicher Auftakt!

Danach folgte zum Glück rasch der erste große Festivalhöhepunkt: Spiritualized live und exklusiv mit Orchester und Chor, noch dazu im „Auditori Rockdelux“, einem grandiosen Konzertsaal, der den Besuch allein schon gerechtfertigt hätte.

Um dort hineinzukommen, brauchte man zunächst jedoch Extrakarten, die zwar äußerst billig (2 Euro), dafür aber natürlich streng begrenzt waren. Und wir hatten absolut unterschätzt, welche Zugkraft die englische Spacerock/Psychedlic-Kultband – die im Grunde nur aus ihrem Mastermind Jason Pierce vulgo J. Spaceman besteht – auch heute noch oder erst recht wieder besitzt. Und so stellte sich heraus, dass die laaaaange, aus vielen, vielen Windungen bestehende Menschenschlange nicht etwa jene für die Festivalbänder war (und schon gar nicht jene für die VIP-Bänder), sondern eben die für Spiritualized. Mindestens eine Stunde in der prallen Sonne – und diverse bange Momente (würde der Ticketschalter direkt vor unserer Nase zugeknallt werden?) – galt es zu überstehen, bis wir die begehrten Karten endlich in Händen hielten. Manch ein Hardcore-Fan dürfte hingegen zu spät gekommen sein.

Der Aufwand – inklusive erneutem Anstehen vor dem und hektischem Platzbesetzen im Auditori – hat sich aber mehr als ausgezahlt. In seinen besten Momenten (und davon gab es viele) war dieses Konzert nämlich mehr als ein Konzert: ein absolut überwältigendes Gesamterlebnis.

Musikalisch wirkten Pierces kosmische Kompositionen in dieser besonderen Darreichungsform wie eine Mischung aus bedröhntem Psychedelic Rock und schwerelosem Gospel – es steckt tatsächlich ein erstaunlich großer „Spiritual“-Anteil in Spiritualized. Kurios wirkt das höchstens auf den ersten Blick, eigentlich passt es sogar sehr gut zusammen: Schließlich geht es sowohl bei psychedelischer Musik als auch bei Gospel um das Streben nach irgendeiner Art von Himmel, nach Entgrenzung und Erlösung. Es sind letztlich zwei verschiedene musikalische Wege mit dem selben Ziel.

Das Orchester und der größtenteils weibliche Chor waren dabei die idealen Wegbegleiter, sie trugen die schon im Original oft choral und orchestral angelegten Arrangements stellenweise perfekt. Chor und Orchester mögen in der Popmusik häufig nur Effekthascherei und schmückendes Beiwerk sein, der Versuch, in elitäre „Hochkultur“-Kreise vorzustoßen – hier war das eine vollkommen schlüssige, eindrucksvolle Umsetzung. Nicht umsonst platzierte sich Pearce bescheiden am rechten Bühnenrand und überließ dem Orchester den Platz im Zentrum.

Am besten gefiel mir persönlich freilich das rein instrumentale Doppelpack aus „Born, Never Asked“ (im Original offenbar von der berühmten Laurie Anderson) und „Electric Mainline“ – eine einzige berauschende, euphorisierende Lärmlawine. Weitere Höhepunkte waren der gigantische Gospel „Shine A Light“, „I Think I’m In Love“, das fast schon (zu?) ausgelassene „Soul On Fire“ und natürlich das wohl bekannteste Stück, „Ladies and Gentleman, We Are Floating in Space“, der Titelsong des legendären 1997er-Albums. Wobei sich Pearce und der Chor ausgerechnet hier anfangs eher im Weg zu stehen schienen. Es wurde dann aber doch noch eine großartige Nummer – samt wunderschön eingewobenen Zeilen aus „Can’t Help Falling in Love!“

Dazu gab es eine atemberaubende, offenbar auf totale Überwältigung abzielende visuelle Show, wie zumindest ich sie noch nie erlebt habe – ein Gesamtkunstwerk aus pulsierendem Stroboskop-Licht (das alleine schon ausgereicht hätte, mich in Trance und Epileptiker in Panik zu versetzen), atmosphärischer Bühnenbeleuchtung und suggestiven Visuals von Wolken, Sternen und Sternenwolken. Dazu kamen noch die ganz individuellen Farbfetzen, die der eigene Sehapparat als Reaktion auf das visuelle Dauerfeuer entwickelte – selbst mit geschlossenen Augen gab es kein Entkommen. In Summe war das stellenweise ein wirklich magischer Trip, frei nach dem Albumtitel von Pierces früherer Band Spacemen 3: „Taking Drugs To Make Music To Take Drugs To“. Nur, dass das hier zum Glück ganz ohne gefährliche Rauschmittel funktionierte.

Dass das überwältigende Niveau nicht durchgehend gehalten werden konnte (mir wurde es ab und zu ein wenig ZU gospelig) und bei den eher simpel gestrickten Lyrics von Pearce die Grenze zur Banalität bisweilen nicht mehr weit entfernt ist – geschenkt. Ein erhebender, prägender Abend war es allemal! (Nur schade, dass es seitens des Primavera Festivals ausgerechnet von diesem Ereignis keine offiziellen Aufnahmen zu geben scheint?!)

Für einen wunderbaren Ausklang am Festivalgelände sorgten dann die von mir sehr geschätzten Belle and Sebastian aus Schottland: Sie brachten ihren fein ziselierten, delikaten Gitarrenpop perfekt auf die große Apple-Music-Bühne – und bewiesen, dass „leichtfüßig“ rein gar nichts mit „leichtgewichtig“ zu tun hat.

Angeführt vom blendend gelaunten und disponierten Sänger Stuart Murdoch, der einen lässigen, sexy Frontmann abgab, und der nicht minder großartigen Violinistin und Sängerin Sarah Martin, setzte es einen tollen Mix aus neuen Songs (das wunderbare „We Were Beautiful“ schafft es als Späteinsteiger sicher noch in meine Jahrescharts 2017) und dem erstaunlich reichen Fundus an Bandklassikern wie „I’m A Cuckoo“, „Perfect Couples“, „The Boy With The Arab Strab“, „Judy And The Dream of Horses“ oder „Legal Man“.

All das wurde von den Schotten hochsympathisch, unglaublich souverän und vor allem wunderbar locker dargeboten – auch und gerade, als zu „Sukie In The Graveyard“ begeisterte Mädels und später, gendergerecht, Typen aus dem Publikum auf die Bühne geholt wurden, um dort mit Murdoch ausgelassen das Tanzbein zu schwingen. Auch aus der Distanz des VIP-Areals betrachtet, versprühte das einfach extrem viel gute Laune – genau das Richtige zu dieser fortgeschrittenen Stunde!

Mit „The Party Line“ (aus meinen Jahrescharts 2015, falls das irgendwen interessiert) folgte als zweite Zugabe dann auch noch der optimale Rausschmeißer zum Mithüpfen und Mitsingen. Die wunderbare Leichtigkeit des Seins!

Weit weniger leicht waren unsere kollektiven Beine und Augenlider dann gegen halb drei Uhr morgens in der Sala Apolo in der Innenstadt von Barcelona, wo wir dennoch mit freudiger Erwartung auf die Clubshow „unserer“ Mavi Phoenix warteten. Mit Lokalstolz hat das wenig zu tun – der hat immer etwas Lächerliches und Problematisches an sich, erst recht bei etwas definitionsgemäß so Globalem wie der Popkultur. Aber ich freue mich doch, dass zurzeit (eigentlich schon seit einigen Jahren) so viel gute und vielfältige Musik aus Österreich kommt. Und ich war ehrlich gespannt, wie sich die junge Sängerin mit den syrischen Wurzeln bei ihrem Barcelona-Debüt schlagen würde!

Nun, nach dem ohrenbetäubenden Set der russischen Underground-Elektronikerin Kedr Livanskiy, bejubelt von einem prall gefüllten Saal, fiel zunächst einmal auf, dass der Sound bei Mavi deutlich leiser (zu leise?!) – und der Raum deutlich weniger voll war. Doch mit selbstbewusster Bühnen- und toller Stimmpräsenz machte die Künstlerin (nur begleitet von einem Typ an den Reglern) das sofort wett. Sie kredenzte ein dichtes, unterhaltsames Set ohne Durchhänger, bei dem man sich wirklich so fühlte, wie es in der 500 Seiten starken „Bibel“, die man als VIP ins Nikolaussackerl gesteckt bekam, beschrieben wurde: „like going on a safari in the universe of contemporary urban music“.

(Foto: Stefan Pletzer)

Ob brandneue Nummern wie „Bite“, „Love Longtime“ oder das heftig beklatschte „Yellow“ (bei dem mir die Vocoder-Effekte im Refrain dann doch etwas zu sehr nach dem dunklen Eurodance-Zeitalter klingen; aber gut, die Jungen stehen halt gerade voll auf Autotune) – ein potentieller Hit folgte dem nächsten. Das großartige „Janet Jackson“ widmete Mavi Phoenix dann tatsächlich Janet Jackson, der sie, wie sie erzählte, seinerzeit sogar ein E-Mail mit der Bitte um Zusammenarbeit geschrieben hatte. (Anm.: Liebe Janet, du solltest dir die Sache vielleicht doch noch einmal überlegen – in Sachen Cool- und Freshness könntest du hier inzwischen einiges lernen!). Zum Abschluss wartete dann natürlich das noch tollere „Avventura“, das weit über Österreich (und, ähem, meine Jahrescharts) hinaus zum Smashhit geworden zu sein scheint. Shove it up your … eh scho wissen.

Am Ende waren trotz der frühen Morgenstunde wieder deutlich mehr Zuhörer am Parkett als zu Beginn des Konzerts – bestes Zeugnis dafür, dass es ein gelungener Auftritt war. Wie es Mavi Phoenix tags darauf bei einem weiteren Konzert auf der ungleich größeren Pitchfork-Bühne ergangen ist, konnte ich bis jetzt leider nicht herausfinden. Ich bin mir aber sicher, dass sie auch dort einige neue Fans gewonnen hat.

(Foto: Stefan Pletzer)

Für uns ging damit ein intensiver erster Tag zu Ende. Wobei die richtig langen, anstrengenden Tage erst noch kommen sollten – mit zu erwartenden Highlights, erfreulichen Überraschungen, aber auch einigen ziemlich heftigen Enttäuschungen. Also: Stay tuned!

Lieber gut geklaut als schlecht erfunden

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 24:
THE DAMNED – LIFE GOES ON (1982)

Lasst uns kurz über eine Situation reden, von der ich mit standfester Überzeugung behaupten möchte, dass sie bestimmt nicht nur mir regelmäßig widerfährt. Irgendwo setzt im Hintergrund dieses eine Bassgitarrenriff ein, das jedem Menschen  der westlichen Welt geläufig sein sollte. Und trotzdem, auch nach gefühlt tausendmaligem Hören, frage ich mich für einen ganz kurzen Moment, bevor sich die ganze Sache sehr schnell aufklärt: „Ist das jetzt ‚Under Pressure‘ oder ‚Ice Ice Baby‘?“ Spielt die Eckkneipe meines Vertrauens jetzt den zeitlosen Rock-Klassiker von Queen und David Bowie oder doch die sieben Jahre jüngere, auf eine seltsame Art ebenfalls zeitlose HipHop-Nummer von Vanilla Ice, in der ein Sample des Basslaufs vom Queen-Song die Basis bildet? Je nach Alter/Generation, Geschmack, musikalischer Sozialisation oder Trash-Schmerzgrenze dürfte man geprimt sein, instinktiv zuerst entweder an das eine oder das andere Lied denken zu müssen.

Schnitt, Szenenwechsel. In meiner WG kann es des Öfteren ein wenig lauter werden, aber eher selten auf musikalische Art. Zumindest war das bis vor kurzem so, aber in letzter Zeit greift ein Mitbewohner wieder vermehrt zur Gitarre. Am häufigsten schallt derzeit das Eingangsriff von Nirvanas „Come as You Are“ durch die Gänge. Und jedes Mal, wenn ich diese Melodie höre, muss ich immer zuerst an den Song „Eighties“ von Killing Joke denken, welcher dem Nirvana-Song acht Jahre vorausgeht. Die Ähnlichkeit der beiden Gitarrenmelodien entging der Musikwelt damals nicht und löste rund um die Veröffentlichung des Nirvana-Songs einige Kontroversen aus. Sowohl der Fall Queen vs. Vanilla Ice als auch der Fall Nirvana vs. Killing Joke sind interessante und recherchierenswerte Geschichten voller widersprüchlicher Aussagen, offener Fragen und Ambiguitäten, die jeder für sich nachlesen kann und auf die ich jetzt nicht unbedingt im Detail eingehen muss.

Jedenfalls habe ich meinen Mitbewohner auf besagte Ähnlichkeit hingewiesen und er war doch recht erstaunt über dieses nette Stück Musiktrivia. Ich staunte aber ebenfalls nicht schlecht, als ich die ganze Thematik daraufhin nochmal nachlesen wollte und auf etwas stieß, was mir neu war: Noch zwei Jahre älter als der Killing Joke Song ist ein Stück der britischen (Post-)Punker The Damned namens „Life Goes On“, welches wieder mit exakt jener Gitarrenmelodie beginnt. Während solche Debatten über Ähnlichkeiten in Songs öfters auftauchen, kann man hier fast schon nicht mehr von „Ähnlichkeiten“ sprechen. Bandmitglieder von Killing Joke streiten jedoch ab, den Song vorher gekannt zu haben. Unterm Strich habe ich durch diese ganze Geschichte jedenfalls ein Lied kennengelernt, welches sich mit seiner melancholisch-verträumten Ader direkt in mein Ohr und Herz eingenistet hat und innen weiterrotiert, wenn ich die Repeat-Funktion schon längst deaktiviert habe.

Abschließend noch eine weitere Kuriositätenperle obendrauf: Die norwegische Gothic Rock Band Garden of Delight bediente sich 1984 auf „22 Faces“ ebenfalls bei besagter Eingangsmelodie. Somit sind wir schon bei drei (bzw. vier) Songs aus dieser Ära mit demselben Riff angelangt. Und wenn man tief genug gräbt stößt man gewiss auch auf weitere Beispiele. Vielleicht sind der Leserschaft sogar einige bekannt?

Auf zu neuen Ufern

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 23:
NICK LOWE – TOKYO BAY (2018)

Der Jesus of Cool tut sich mit einer Lucha-Libre-maskierten Backing-Band zusammen? Was ist denn jetzt los?

Nick Lowe produzierte die ersten paar Elvis-Costello-Alben und ist selbst seit einer halben Ewigkeit als Pub-Rock- und Power-Pop-Künstler unterwegs. Den Titel Jesus of Cool verlieh er sich selbst gleich mit seinem ersten Album (1978). Mein erster Kontakt war der Song „So It Goes“, später habe ich aber „Heart of the City“ als meinen Favoriten entdeckt. Sein bekanntester Hit dürfte aber wohl doch „Cruel to be Kind“ sein, die Nähe zum wunderbaren Elvis Costello ist hier besonders gut hörbar.

Und jetzt zur zweiten Komponente.

Die Instrumental-Band Los Straitjackets ist hauptsächlich in einschlägigen Surf-Rock-Kreisen bekannt. Sie wurde bereits vor der Post-Pulp-Fiction-Surf-Musik-Welle gegründet (puh, das war jetzt aber nicht schlecht), hat sich gleich wieder getrennt und dann in der Post-Pulp-Fiction-Ära „reunited“ – und übt ihr Handwerk am liebsten in Anzügen und Lucha Libre-Masken aus. Ab und zu ist Band um Frontmann Daddy-O Grande auch mit anderen Künstlern unterwegs, eine für mich bis jetzt leider noch nicht ganz so prickelnde Erfahrung, vielleicht mit der Ausnahme einer Aerobic-DVD (!) mit den World Famous Pontani Sisters, einer Burlesque-Tanz-Gruppe.

Das ändert sich aber mit diesem Jahr: Los Straitjackets sind jetzt nämlich die Backing-Band von Nick Lowe – und zusammen spielen sie Skiffle …
Das wird kurios, aber über Lonnie Donegan, den King of Skiffle, gibt es mal gesondert eine Abhandlung. Ich find’s jedenfalls stark. Der Text zum offiziellen YouTube-Video meint: „Nick shows that he’s still the Jesus of Cool and isn’t afraid to rock the boat“ – und das finde ich recht passend.

Sixteen Miles High. Oder: So muss Cover!

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK(S) DER WOCHE, # 22:
THE BYRDS – EIGHT MILES HIGH (1966)
HÜSKER DÜ – EIGHT MILES HIGH (1984)

Was macht eine gute Coverversion aus? Irgendein kluger Kopf, der von einem anderen klugen Kopf im Musikexpress zitiert wurde (wo ich wohl nicht ganz so kluger Kopf das Ganze dann gelesen habe), meinte einmal sinngemäß, eine gute Coverversion müsse entweder ganz nahe am Original sein oder aber völlig anders klingen.

Tatsächlich zeichnen sich viele mäßige bis schlechte Coverversionen (und daran herrscht nun wahrlich kein Mangel) dadurch aus, dass sie entweder einzelne Aspekte des Original besonders (über)betonen oder aber meinen, unbedingt ein bestimmtes Einzelelement hinzufügen zu müssen. Das resultiert dann oft in zusätzlichem Pathos, „kraftvollerem“ oder „souligerem“ Gesang, fetteren Gitarren, dickerer Produktion oder dem Einfügen von ein paar unmotivierten Beats. Und am Ende merkt man dann nur allzu oft, dass auf diese Weise dem Original rein gar nichts hinzugefügt wurde.

Ein Paradebeispiel für eine höchst gelungene Coverversion, die eindeutig aus Kategorie zwei stammt (= klingt völlig anders), soll im Rahmen des heutigen Tracks der Woche präsentiert werden. Aber zuerst ein paar Worte zum Original:

Denn „Eight Miles High“ (1966) von den Byrds ist in vielfacher Hinsicht ein bemerkenswerter Track. So gilt er vielen als eines der ersten – wenn nicht DAS erste einflussreiche – Beispiel für das bis heute vielgeliebte und wirkmächtige Genre des Psychedelic Rock (wobei zugleich, vor allem in den Gesangsharmonien, auch die Verwurzelung im zeittypischen Folk-Rock noch sehr deutlich zu spüren ist). Generell handelt es sich hier um einen jener kostbaren Songs, die tatsächlich exemplarisch für ihre Zeit stehen – in diesem Fall für das allgemeine Streben nach neuen Erfahrungen, für die Suche nach unbekannten Klangwelten, für das Interesse an anderen Kulturkreisen, für einen musikalischen Entdeckerdrang, für ein globales „Kalifornien“-Feeling, das mit Geographie nur wenig zu tun hat. Ach ja, und natürlich auch für die bewusstseinserweiternden Drogen – was der Nummer einst sogar einen Radiobann in den USA bescherte.

Ganz konkret manifestierte sich diese Neue Offenheit (um mal ein griffiges Schlagwort zu kreieren) im Fall von „Eight Miles High“ in den ungewöhnlichen Klangfarben, die auf die Pophörer der damaligen Zeit wirklich unerhört und revolutionär gewirkt haben müssen: Zentralen Einfluss auf die Arrangements übten nachgewiesenermaßen der modale, futuristische Jazz von John Coltrane und die Musik des indischen Sitar-Gurus Ravi Shankar aus – beide liefen damals im Tourbus von Gene Clark, Jim (= Roger) McGuinn und David Crosby auf heavy rotation. In „Eight Miles High“ versuchte McGuinn unter anderem, das freitönende Saxofonspiel von Coltrane auf seiner 12-saitigen Rickenbacker-Gitarre nachzuempfinden – was besonders im ikonischen, grandios disharmonischen Solo zum Tragen kommt. (Auf der B-Seite „Why“ wiederum sollte die Gitarre wie eine Sitar klingen, hat mir Wikipedia erzählt).

Zusammen mit den im selben Atemzug anspielungsreichen UND mystischen Lyrics (die von einem Flug der Byrds nach England und ihren dortigen Tourerlebnissen inspiriert waren; die erwähnte „rain grey town known for its sound“ ist das London zu Zeiten der British Invasion) ergibt das einen der schönsten und zugleich rätselhaftesten Songs der Hippie-Ära.

Live wurde das Lied, auch das zeittypisch, gerne in ausufernde, bis zu 15 Minuten lange Jams überführt, zu denen es sich bestimmt wunderbar allerlei fantasieanregendes bzw. -benebelndes Zeug rauchen und einschmeißen ließ. Als Beispiel möge die folgende, schon aus der Post-Hippie-Ära stammende Instrumentalversion (1970) dienen, die die Byrds auf der Höhe ihrer hypnotisierenden Meisterschaft zeigt: virtuos, aber zum Glück nicht pompös.

Trotzdem kann man angesichts des endlosen Gejammes auch irgendwie nachvollziehen, wieso gut ein halbes Jahrzehnt später fast zwangsläufig die Punk-Revolution in den USA und danach in England ausbrechen musste, was sie angetrieben hat, warum es nach der psychedelischen Revolution dringend eine neue brauchte: hart und laut, direkt und brachial, bitter und bissig, (mindestens acht) Meilen weit entfernt vom Summer of Love.

Kinder dieses schäbigen, zugleich befreienden Punk-Spirit waren auch Hüsker Dü, 1979 in St. Paul, Minnesota, formiert – und heute weithin als eine der bedeutendsten 80er-Jahre-Bands zwischen Hardcore Punk, Noise Rock und dem aufkeimenden Alternative Rock anerkannt.

1984 legten Bob Mould, Grant Hart und Greg Norton eine atemberaubende Neudeutung von „Eight Miles High“ vor: die Gitarren verzerrt und übersteuert, Moulds Gesang urschreiartig herausgebrüllt und kaum zu verstehen, die Produktion rau und lo-fi, die Energie roh und wild, der Gesamteindruck jener von Verzweiflung und einer emotionalen Intensität, die fast alles, was sich heute „emotional“ nennt (oder vor ein paar Jahren gar „Emo“ schimpfte), nur als selbstmitleidiges, hohles Gepose entlarvt.

Dass Hüsker-Dü-Hörer offenbar sensible, intelligente Menschen sind (ähnlich wie Mastermind Bob Mould selbst, der bis heute tolle Soloalben abliefert), zeigt sich übrigens sogar in den Kommentaren auf YouTube, deren Lektüre in diesem Fall ausnahmsweise lohnenswert ist. Zur kongenialen Coverversion von „Eight Miles High“ heißt es dort unter anderem:

Somehow this burst of noise captures the emotion of this tune so well.

A way more realistic take on the drug issue. Not everyone has good trips. This is the king god hell version of a BAD trip.

Just the primal screaming in it sums it up for me. I think Bob also has had an issue with the whole „Summer of Love“ thing …

Auch hierzu möchte ich euch noch eine feine Liveversion (1987) ans Herz respektive Ohr legen. Mit dem ungleich klareren Gesang ist sie freilich schon näher am Alternative Rock ihrer Zeit als am Lofi-Noise der „Studioversion“. Aber Hüsker Dü hatten eben immer auch ein Herz für große Melodien unter all dem Lärm. Und vielleicht ist die ganze vielbeschworene ideologische Gegnerschaft zwischen „Hippies“ und „Punks“ ohnehin eine sehr gestrige Betrachtungsweise. Am Ende zählt ja doch nur, dass Musik etwas in uns berührt und auslöst. Klinge ich jetzt wie ein Hippie?

Doch das letzte Wort soll einmal mehr einem YouTube-Nutzer gehören, der im Bezug auf Hüsker Düs alles mit- und niederreißende „Eight Miles High“-Version lakonisch meint:

As covers go this pretty much covers it!

Von drahtig bis sphärisch. Zwei Wege zur Euphorie

Konzertberichte: KREISKY (Support: TRACKER), 13. April 2018, PMK Innsbruck
MOLLY, 19. April 2018, Die Bäckerei, Innsbruck

Zwei österreichische Bands, die auf Y enden, zwei euphorisierende Konzertabende. Das war es aber auch schon wieder mit den Gemeinsamkeiten zwischen den Auftritten von Kreisky und Molly in Innsbruck. Und das liegt nicht nur an der unterschiedlichen getränketechnischen Ausgestaltung dieser Abende meinerseits (einmal Bier – oje, zuviel; einmal Gingerbeer – ui, zu scharf), sondern manifestierte sich natürlich vor allem auf der musikalischen und atmosphärischen Ebene.

Kreisky begeisterten in der PMK mit ihrem gleichermaßen eigenwilligen wie eigenständigen Sound irgendwo zwischen Post-Punk und noisigem Rock, bei dem mir gleich eine ganze Reihe von Adjektiven durch den Kopf schießt: drahtig und schlank, (scharf-)kantig und zackig, fiebrig und quecksilbrig, glasklar und kühl, niemals aber schwerfällig und „heavy“. Der provokante Titel des aktuellen Albums, „Blitz“, bringt das Ganze eigentlich bestens auf den Punkt.

Das größte Pfund, mit dem Kreisky wuchern können, ist genauso drahtig und schlank wie ihr Sound – nämlich Sänger Franz Adrian Wenzl: Er ist nicht nur ein Texter mit hohem Wiedererkennungswert, der sich herzlich wenig um übliche Vorgaben in Sachen Reim und Rhythmik schert und gerne ungelenk und abgehackt über die Verszeile hinausstolpert, sondern zugleich auch ein grandioser Frontmann. Und „grandios“ ist hier durchaus auch im Sinne von überheblich gemeint: Denn in Zeiten, in denen sich allzu viele Musiker „authentisch“, „bodenständig“ und „normal“ geben – und dabei meist nur langweilig, gefällig und bieder sind -, tritt Wenzl mit gesunder, erfrischender Arroganz vor sein Publikum.

Ob als sexy tänzelnder Gockel, als bitterböser, verbitterter Zyniker (als der er in den Texten häufig auftritt) oder als am Kabarett geschulter Conférencier zwischen den Songs (es handelt sich hier immerhin um den leibhaftigen „Austrofred“) – der Mann hatte sein Publikum von Anfang an fest im Griff. Und Kreisky waren an diesem Abend in der restlos ausverkauften und entsprechend proppenvollen PMK sowieso die richtige Band am richtigen Ort. Bier und Schweiß flossen in Strömen, das bestens gelaunte Publikum ließ sich nur allzu gerne mitreißen.

An mitreißenden Songs, die gerade für die Livesituation wie gemacht scheinen, mangelt es bei Kreisky ja wirklich nicht. Zu den Höhepunkten – in einem Set ohne Ausfälle – zählten die tragikomische neue Versager-Hymne „Veteranen der vertanen Chance“ (in der Wenzl die Lottozahlen inklusive Zusatzzahl aufzählt – die Quittung zum Lottoschein hat der Ich-Erzähler selbstverständlich verloren), das textlich wie musikalisch unerbittliche „Vandalen“ („Wir sind alle Kannibalen / Wir sind alle keine Menschen mehr / Wir sind alle Vandalen / Wir sind viel zu junge Mädchen“), das vergleichsweise fast schon melancholisch-sanfte „Pipelines“ und natürlich das schneidende, gallige „Asthma“, das von meinem Schreibclub-Kollegen und Konzertgenossen Klippo erfolgreich eingefordert wurde. Eine giftigere Abrechnung mit der oder dem Ex wurde hierzulande noch nicht geschrieben:

„Und du wirst es nicht glauben / Aber seit du fort bist / Ist mein Asthma so gut wie verschwunden / Ist mein Asthma weg“.

„Ich habe oft gesagt, ich mag dich so wie du bist / Aber du musstest dich ja verändern / Von mir aus hättest du dich nicht verändern müssen / Verbessert hast du dich dadurch nämlich nicht“.

Mindestens genauso gut und ebenso gnadenlos – brandneue Songs wie „Ein braves Pferd“ (der sarkastische Refrain „Ich bin ein braves Pferd“ zierte übrigens auch die aktuelle T-Shirt-Kollektion am Merch-Stand) oder das mit schäbigen Synthies unterfütterte „Ein Depp des 20. Jahrhunderts“, in dem das lyrische Ich mit dem unaufhaltsamen Verschwinden von Gegenständen, Gewissheiten und Gewohnheiten hadert, letztlich also mit dem Altern und dem bitteren Gefühl, dass früher alles schöner und einfacher war und einen die Realität längst überholt, die Welt schon lange abgehängt hat:

„Und Autos und Rauchen und Fernsehen und CD-Sammlungen / das ist alles weg / Der Lärm und die Mädchen und unser ganzes schönes Europa / Das ist alles weg. Jetzt stehe ich da / Ein Depp des 20. Jahrhunderts“.

Serviert werden diese schwer bekömmlichen Botschaften, in denen das Persönliche und das Gesellschaftlich-Politische unauflöslich zusammenkleben, aber eben in knackigen, kurzen, hochenergetischen Vitaminbomben von Songs – und der Effekt ist letztlich ein tröstlicher und euphorisierender.

Dass das in der PMK so besonders gut klappte (und es sich Kreisky sogar leisten konnten, Weltnummern wie „Selbe Stadt, anderer Planet“ zu spritzen), war sicher auch ein Verdienst von Tracker, die an diesem Abend eigentlich keine Vorband, sondern ebenbürtiger Opening-Act waren. Auch bei ihrem Auftritt war es schon knallvoll, auch hier forderte das Publikum am Ende begeistert Zugaben ein.

Mit seinem sperrigen, kantigen, zugleich treibenden und konzisen Gitarrensound irgendwo zwischen Stoner Rock, Grunge und psychedelisch-experimentellen Spinnereien im Geiste von, zum Beispiel, „King Gizzard & The Lizard Wizard“ passte das Tiroler Trio sogar noch besser zu Kreisky, als ich im Vorfeld gedacht hätte.

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Tierlieb

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 21:
ANIMAL COLLECTIVE – CUCKOO, CUCKOO (2007)

Einem ambitionierten Quiz-Spieler und -Master sollten derlei Fauxpässe nicht passieren:

Letztens entdeckte ich in Vorbereitung einer Frage einen Live-Mitschnitt einer britischen Benefiz-Sendung aus dem Jahr 2013, in dem die ehemaligen (?) Take-That-Mitglieder Gary Barlow und Robbie Williams ihre Cover-Version von Barry Manilows Klassiker „Could It Be Magic“ sangen – und zwar gemeinsam mit Barry Manilow am Flügel. Ich dachte: „Sicher, der gute Barry sieht ein bisschen wie geschmolzenes Plastik aus oder wie der Formwandler Odo, wenn er sich sehr lang nicht mehr in seinen flüssigen Zustand verwandelt hatte, aber so schlimm, dass er schon wenige Jahre später sterben musste, sieht er nun auch wieder nicht aus.“

Hä? Sterben? Barry Manilow tot? Nein, ihr habt nichts verpasst. Mein Fehler. Beim Wikipedisieren entdeckt.

Wie konnte es aber sein, dass ich den „Copacabana“-Sänger Six Feet Under wähnte? Er war doch jüngst irgendwann mal in den Medien. Und wenn alternde Musikstars, die ewig keinen Hit mehr hatten, noch einmal in den Schlagzeilen auftauchen, dann ist die Wahrscheinlichkeit erdrückend hoch, dass sie gerade das Zeitliche gesegnet hatten. Doch Manilow war nicht gestorben, er hatte sich einfach nur geoutet! You don’t say.

Bei „Could It Be Magic“ ist Manilow „nur“ Co-Songschreiber neben dem polnischen Klassik-Nationalschatz Frédéric Chopin. Der hatte mit dem „Prelude in C Minor, Opus 28, Number 20“ (Griffiger Songtitel!) die Basis für Manilows Schmonzette geliefert. Fehlt nur noch, dass Robbie eines Hit-verlassenen Tages einmal „I like Chopin“ nachsingt.

Musikalisch viel näher liegt mir ein anderes Beispiel eines Werks aus der Klassik, das die Basis für einen modernen Song geliefert hatte und mir ebenfalls bei einer Quiz-Recherche unterkam. Dabei war „Cuckoo Cuckoo“ vom Animal Collective aus dem Meilenstein „Strawberry Jam“ schon in meinen 2007er-Jahrescharts in den Top 10. Dass das durchgehende Sample aus Franz Liszts „Liebestraum“ stammte, schoss mir aber erst bei einem langen, meditativen Nachmittags-Spaziergang vor einem Weltquiz, bei dem ungarische Komponisten die musikalische Untermalung bildeten. Enjoy.

Musik mit Bart. Von Reifenspuren, Fensterhebern und bekifften Riesen

Konzertbericht: BART BUDWIG, Die Bäckerei, Innsbruck, 14. März 2018:

„Entscheidend is‘ auf’m Platz“, lautet eine gern zitierte Weisheit des Duisburger Fußballspielers und -trainers Alfred „Adi“ Preißler. Und die lässt sich bisweilen auch gut auf die Welt der Popmusik übertragen: Entscheidend is‘ auf der Bühne.

Natürlich gibt es Musik, die gerade auf dem Plattenteller oder im Kopfhörer ihre volle Stärke und Tiefe entfaltet (und sich live vielleicht gar nicht so subtil, raffiniert oder detailreich darstellen lässt). Aber in vielen Fällen ist halt doch das Liveerlebnis der Konserve vorzuziehen – so auch im Falle des US-amerikanischen Sängers, Gitarristen und Trompeters Bart Budwig.

„Sabai“ heißt sein vor wenigen Wochen erschienenes, insgesamt sechstes Album – benannt nach einer Hütte tief in den Wäldern des nordöstlichen Oregon. Dort, in der Einsamkeit der sogenannten Eagle Cap Wilderness, schrieb er seine Songs, begleitet – so lassen es der Presstext und die eigene Fantasie vermuten – vom heimeligen Knacken des Kaminfeuers, umgeben von rauschenden Wäldern, von Wind, Wasser, Erde und vor allem großer Stille. Aufgenommen wurde das Ganze binnen zwei Tagen, mit einem einzigen Mikrofon, wie Budwig selbst erzählt.

Das Ergebnis sind unaufdringliche bis unspektakuläre, reduzierte und – mangels Abwechslung im Arrangement – bisweilen etwas einförmige Songs, die bei mir persönlich bei Vorabhören keinen tieferen Eindruck hinterließen.

Doch, wie gesagt, was zählt, is‘ auf’m Platz, nich‘ auf Platte.
Und hier bestätigte sich einmal mehr die Regel, dass man sich von Vorab-Höreindrücken nicht zu sehr beeinflussen – und schon gar nicht vom Besuch eines Konzerts abhalten lassen sollte. Sonst kann man ganz schön viel versäumen – in diesem Fall einen wirklich schönen Konzertabend mit einem höchst sympathischen und talentierten Sänger und Songschreiber. Einen Abend, der weitaus spannender und mitreißender wurde, als ich es erwartet hatte.

(Copyright: Vivre Arts)

Ich bin nicht unbedingt der größte Fan von Alben und Konzertabenden der Marke „Nur ein Mann und seine akustische Gitarre“. Wenn bei Konzerten von „stripped-down arrangements“ oder „unplugged, intimate versions“ die Rede ist, bedeutet das für mich manchmal einfach nur, dass da ein bisschen wenig passiert.

Aber davon war bei Bart Budwigs zweitem Innsbruck-Auftritt eh nie die Rede – und allein mit seiner Gitarre stand er auch nicht auf der Bühne. Vielmehr konnte er in Gestalt von John Nuhn auf einen äußerst versierten und nicht minder sympathischen musikalischen Begleiter bauen, der den Stehbass kompetent zupfte und klopfte und zudem ganz wunderbare Backing-Vocals beisteuerte. Und auch Bart Budwig selbst – ein aus dem dünn besiedelten, gebirgigen Idaho stammender, inzwischen im progressiven Oregon lebender Waldschrat – erwies sich als toller, ausdrucksstarker und überraschend wandlungsfähiger Sänger mit einem Gespür für starke Melodien.

Gerade in den Refrains erklang sein Gesang oft glasklar und hell, so dass man sich bisweilen etwa an die frühen Fleet Foxes erinnert fühlen konnte, zugleich natürlich an klassischen Alternative Country. Eine ganz große Stärke war dabei eben – auch im Vergleich zur „Konserve“ – der phasenweise geradezu himmlische Harmoniegesang der beiden. „Das können sie wirklich, die Amis“, meinte Kollege Dave mit anerkennendem Augenzwinkern.

Deutlich wurde auch, dass Budwig tief in der genretypischen Tradition des Geschichtenerzählens verwurzelt ist. Es sind einfache, aber prägnante Geschichten, in denen als Leitthema immer wieder das Spannungsfeld zwischen Heimweh und Fernweh oder, weiter gefasst, zwischen Ankommen und Abschied nehmen, aufscheint – für einen Künstler, der so wie Budwig mindestens das halbe Jahr fern der Heimat durch kleine Clubs tingelt, ein naheliegendes Sujet. Auch die Frage, wie sich unter solchen Umständen tragfähige Beziehungen aufbauen, halten und gestalten lassen, schimmerte immer wieder durch. (Dass so ein Tourleben kräftezehrend und anstrengend ist, konnte man zwischen den Zeilen ebenfalls herauslesen: John Nuhn erwähnte gegen Ende, dass er nur zwei Tage nach dem Innsbruck-Konzert schon wieder daheim in Idaho an der Uni erwartet werde.)

Inhaltlich wie musikalisch war die Bandbreite an diesem Abend beachtlich: Einige der Songs wiesen erstaunlich viele Brüche und Wechsel auf, mit komplexeren Dramaturgien, als man anfangs vielleicht geglaubt hätte. Der Grundton war dabei teils melancholisch und emotionell, letztlich aber doch harmonisch und optimistisch. Von den Abgründen, von der schonungslosen Härte und Düsternis, wie sie in vielen guten Country-Songs lauern – man denke nur an Townes Van Zandt oder natürlich den späten Johnny Cash – war hier nur wenig zu merken.

Budwig mag es vielmehr, von den scheinbar kleinen Dingen und Momenten zu erzählen – was bei anderen Sängern vielleicht spießig und allzu gefällig wirken würde, hier aber durchaus stimmig war. Zumal Budwig seine Lyrics auch mit lakonischem Humor würzt, etwa in einem Song über starken Kaffee und starke Gefühle:

„You got me drinkin‘ strong coffee / And I know it’s bad for my health.“

Dass Budwig zuletzt, wie er an einer Stelle erzählte, sehr viel Motown-Soul gehört habe, war zwar nicht wirklich herauszuhören. Aber die bescheidene, zugleich gestelzte Anmoderation eines offenbar Soul-beeinflussten Liedes gelang immerhin sehr charmant: „This one is hopefully from the groovier realm …“

Zwischendurch griff Budwig auch ein paar Mal zur Trompete, nicht zuletzt als Verneigung vor dem großen Miles Davis. Woher das hin und wieder punktgenau einsetzende Tamburin kam – wahrscheinlich wurde es einfach vom Mischer eingespielt – konnten wir als Zuhörer hingegen nicht klären. Na gut, wir haben uns auch gar nicht um Aufklärung bemüht. Und die Vorstellung eines „mystery tambourine“ ist eh viel schöner!

Hin und wieder verfiel Budwig in eine Art Talking Blues – oder in diesem Fall eher Talking Folk oder Talking Country -, was sehr gut zu seiner Art des Geschichtenerzählens passt. In einer anrührenden Anekdote erinnerte er sich zum Beispiel an ein Erlebnis aus seiner Kindheit, als er mit seinem Vater eine Straße überqueren wollte und fast überfahren worden wäre. Die Reifenspuren am Asphalt hätten sich für immer in sein Gedächtnis eingeprägt, meinte er.

Skurril und surreal war dagegen die – besonders schwungvoll dargebotene – Geschichte einer laaangen Autofahrt bei brütender Hitze. So heiß sei es im Fahrzeuginneren gewesen, dass der Kaffee im Becherhalter zu kochen begann, prahlte Budwig, „and the cigarette lit itself“. Von einer funktionierenden Lüftung war natürlich keine Rede – und er als Fahrer habe die Fenster einfach nicht herunterbekommen. Daher die titelgebende Aufforderung an die Begleiterin:

„Sarah, roll down my window / I can’t make it on my own …“

Merke: Es gibt kein Thema, über das man keinen Song schreiben könnte.

Besonders anrührend gelang auch die Liveversion von „Captain, Dreamer“: Laut Budwig ist dieser Song von riesigen Frachtschiffen inspiriert, die vor der US-Westküste anlegen, deren Besatzung aber oft nicht amerikanischen Boden betreten dürfe. In genau diese beklemmende Lage versetzt sich Budwig hier – und gewinnt ihr einfache, aber umso poetischere Zeilen ab:

„Always homeless / but never free / Lost at shore / And lost at sea“.

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Frühjaarsputz

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 20:
A.A.L. (AGAINST ALL LOGIC) – SOME KIND OF GAME (2018)

Es gibt Leute, die in ihren Zwanzigern immer noch einigermaßen planlos durch das Leben streifen, nicht wirklich einem ambitionierten Ziel entgegenstreben oder einfach einem roten Biografiefaden folgen, sondern einfach nur versuchen, den Alltag zu meistern und dabei nicht alles völlig falsch zu machen. Und es gibt Leute wie Nicolas Jaar. Der in New York geborene Sohn chilenischer Eltern ist aktuell knackige 28 Jahre alt und hat im vergangenen Jahrzehnt so einige Nischen alternativer Musik mitgestaltet, unter verschiedenen Pseudonymen und Projekten mehrere Referenzalben unter das Volk gebracht und sich eine treue Fangemeinde erarbeitet, die wohl genauso bunt ist wie sein Output.

Nicolas Jaar

Als seine erste EP veröffentlicht wurde, war Jaar gerade mal 17 Jahre alt, und das drei Jahre später erschienene Debutalbum „Space Is Only Noise“ erntete in allen erdenklichen Fanzirkeln und Magazinen Lob und Anerkennung und erklomm dementsprechend in vielen Jahrestoplisten respektable Topränge. Bereits zu diesem Zeitpunkt war es nicht leicht, die Musik mit schmissigen Genrebezeichnungen und Kunstbegriffen akkurat zu definieren. Unorthodoxe Samplequellen, Querverweise und Kreuzungen mit anderen Genres stehen seit jeher an der Tagesordnung. Auf der Tanzfläche stampft House, in der Lounge pfeifen stilvoll Downtempo und Soul durch die Whiskeygläser, und „Space Is Only Noise“ klemmt irgendwo in der Mitte zwischen den Stühlen fest.

Die Begriffe „Ambient Pop“ oder „Art Pop“ funktionieren bei solchen Sachen auch immer, wenn die Musik beizeiten sehr catchy ist, sich aber sowohl der Radiotauglichkeit als auch einem Fixplatz innnerhalb ausdefinierter Schubladen vehement verwehrt. Auch das 2016 erschienene „Sirens“ ist eine Collage aus diffusen Ambient-Teppichen, kontrastierenden Synth-Punk- und Kraut-Anleihen Marke Suicide, in Unterwasser-Dub-Produktion versteckten Versatzstücken lateinamerikanischer Musik, deren Benennung ich mir gar nicht erst zutraue, et cetera.

Zwischen den beiden Veröffentlichungen schrieb Jaar unter anderem auch noch „Pomegranates“, ein alternativer Soundtrack zum sowjetischen bzw. armenischen Film „Die Farbe des Granatapfels“ aus 1969. Das bekannteste seiner Projekte dürfte allerdings Darkside sein, ein Kollaborationsprojekt mit dem Multi-Instrumentalisten Dave Harrington. Auf „Psychic“ werden Jaars bunte Klangmalereien mit ebenso vielseitigem Gitarrenspiel ergänzt und erhalten eine sehr funkige Note, die den Mitwippfuß ordentlich in die Gänge kommen lässt, nicht selten ist aber auch ein ordentlicher psychedelischer Einschlag spürbar.

In welche waghalsigen Gefilde führt diese Entwicklung? Was erwartet den neugierigen Freund experimentierfreudiger Musik? Na eingängiger, tanzbarer, lebensfroher und frische herausgeputzter Deep House, eh klar. Statt dem Avantgarde-Feuilleton (oder zusätzlich dazu?) wird die Disco erobert. Wie bitte, das ist gegen jegliche Logik? Dann passt’s ja. Unter dem Namen A.A.L. (Against All Logic), einem bis vor kurzem relativ unbekannten Nebenprojekt Jaars, veröffentlichte er vor wenigen Wochen „2012 – 2017“, eine Ansammlung von Tanzflächenhymnen, die es in sich haben. Weiterlesen →

Secret Rocks Medical World

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 19:
RAMONES – SHEENA IS A PUNK ROCKER (1977)

Ich glaub, ich war noch keine 16 Jahre alt, als ich zum ersten Mal die Ramones im Fernsehen sah. Ich war auf der Stelle begeistert, da ich mir nicht erklären konnte, wie man so schnell in die Seiten hauen konnte. Wie machen die das, wie zur Hölle kann man so schnell spielen? Jeans, Lederjacken, Beatles-Haarschnitt und Mickey-Mouse-T-Shirt, und dann noch diese Posen! Keine Ahnung mehr, wie die Sendung hieß, aber den Song habe ich mir bis heute gemerkt: Sheena Is A Punk Rocker! Ich war jedenfalls auf der Stelle ein Fan.

„One, two, three, four!“
– Dee-Dee Ramone, vor jedem (!) Ramones-Song

Der eigentliche Grund für die heutige Auswahl ist ein kürzlicher Trip nach Berlin. Das weltweit einzige Ramones-Museum steht in Berlin-Kreuzberg, da ist ein Besuch natürlich Pflicht. Doch warum ausgerechnet in Berlin?

Dee Dee Ramone, Bassist der Ramones, war ein GI-Kind und lebte bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr in Berlin, was wohl auch auch der Grund sein dürfte, wieso die Stadt oft in den Texten der Band referenziert wird. Mir war das jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt.

Zudem war Dee Dee auch medizinisch innovativ, was folgendes Fundstück aus dem Museum bezeugt.

Ramones Discover Eternal Youth

Und damit haben wir unsere heutige Ramones-Trivia-Runde schon wieder abgeschlossen, es bleibt nur noch zu sagen: Hey, ho! Let’s go!