41. Marteria – Kids (2 Finger an den Kopf)
Eine Eigenschaft, die viele gute Popsongs auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, eine Stimmung, ein Lebensgefühl oder eine gesellschaftliche Situation so prägnant einzufangen, dass ellenlange soziologische und psychologische Studien überflüssig werden. Marteria ist mit „Kids“ genau so ein Song gelungen.
Der ehemalige U17-Nationalspieler und nunmehrige Erstliga-Rapper thematisiert darin die zunehmende Verspießerung und Boboisierung, die das einstmals rebellische, partywütige und hedonistische Berlin erfasst hat (und sicher nicht nur Berlin). Marteria findet für diese Verbürgerlichungstendenzen geniale Reime und Sprachbilder:
„Silbernes Besteck – goldener Retriever“ ODER: „Alle mähen Rasen / putzen ihre Fenster / jeder ist jetzt Zahnarzt / keiner ist mehr Gangster.“
All die Leute, die nur noch nach Schweden fahren würden, anstatt wie früher „Malle zu machen“, die überall auf der Gästeliste stehen und die Bayern lieben würden, sie alle, so Materia, „leben kleine Träume / verbrenn’ die großen Pläne.“ Im Grunde ist es ein resignierter, trauriger Befund, zu dem der Rapper hier kommt: „Was all die andern starten / sieht wie ‘ne Landung aus.“
Wer aufpasst, findet in „Kids“ übrigens auch Anspielungen auf Marterias eigenes Werk („Endboss“) und auf Superstar M.I.A.: Der herrlich-nervige „Peng, peng, peng, peng“-Refrain erinnert nämlich stark an deren Welthit „Paper Planes“.
42. Young Fathers – Sister
Wenn „schwarze“ und „weiße“ Musiktraditionen unkontrolliert aufeinanderprallen, kommt oft etwas besonders Spannendes heraus – so wie bei den Young Fathers, einem Alternative-Hip-Hop-meets-Experimentalrock-Trio aus Glasgow (mit liberianischen, nigerianischen und schottischen Wurzeln).
Im Schmelztiegel von „Sister“ landen Sprechgesang, martialisches Getrommel und Gesangslinien, die an afrikanische Ritualgesänge denken lassen. Wie sie diese Elemente neben- und übereinanderlegen, erinnert an große Genresprenger wie TV On The Radio.
43. Arctic Monkeys – Do I Wanna Know?
Die drei Fragezeichen-Songs – „R U Mine?“, Why’d You Only Call Me When You’re High?“ und der Albumopener „Do I Wanna Know?“ – sind die besten auf „AM“. Das Groovige, Spannungs- und Geheimnisvolle steht den Monkeys gut zu Gesicht und passt hier auch zur Botschaft des Songs: „(…) the nights were mainly made for saying things that you can’t say tomorrow day“. Ein Händchen für eingängige Strophen/Bridges und hymnische Refrains haben die Affen sowieso.


