Archiv des Autors: Michael Domanig

Wundertüte statt Wurlitzer

Konzertbericht: Dandy Warhols, Poolbar-Festival Feldkirch, 16. Juli 2014

Woran merkt man als Musikfan, dass man älter wird? Zum Beispiel daran, dass man sich immer öfter dabei ertappt, wie man mäßig interessante Konzertanekdoten aus grauer Vorzeit zum Besten gibt, die in der Regel folgendermaßen beginnen: „Als ich die Band X beim Festival Y im Jahr Z gesehen habe …“.

Also, liebe Kinder, das war so: Als ich die Dandy Warhols im Jahre 2003 bei Rock am Ring gesehen habe, waren sie gerade am Höhepunkt ihrer Popularität. Leider kann ich mich nur noch an exakt drei unzusammenhängende Einzelheiten erinnern: 1.) Ich habe nur die letzten paar Minuten des Konzerts erlebt – und mich darüber ziemlich geärgert (weil die Band einen super Eindruck machte). 2.) Die Dandys hatten damals einen – oder mehrere (?) – fetzige Bläser auf der Bühne. 3.) Die Frisur von Sänger Courtney Taylor-Taylor (ich glaube eine Art Irokesenschnitt) war durch und durch furchtbar.

Jetzt, über zehn Jahre später (f… – ZEHN Jahre!), bot sich endlich die Möglichkeit, das Versäumte nachzuholen – noch dazu in der wunderbaren Poolbar zu Feldkirch. Doch im Vorfeld stellte sich eine bange Frage: Bringen’s die Dandy Warhols überhaupt noch? Schließlich hatten sie seit Jahren keine nennenswerten Hits mehr (na gut, das ist vielleicht keine Kategorie ;-)), von ihren letzten zwei, drei, vier Alben hat man hierzulande nicht einen Ton mitbekommen, im Grunde waren und sind sie ziemlich vom Radar.

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Ich war also gespannt: Würden sie die Jahrtausendwende-Nostalgieschiene fahren und nur ein vorhersehbares Greatest-Hits-Programm servieren? Oder würden sie ihr Publikum, im Gegenteil, mit viel zu vielen Nummern von ihren letzten Alben quälen, wo die meisten doch nur auf die großen Hits warten? Um es gleich vorwegzunehmen: Beide sorgenvollen Annahmen wurden in der bestens gefüllten, leicht saunaartigen Poolbar widerlegt.

Denn die Dandys spielten eine bestens ausbalancierte Mischung aus bekannten, weniger bekannten und gänzlich unbekannten Nummern. Von ihrer durchaus ansehnlichen Zahl an (Alternative-)Hits waren fast alle zu hören (vielleicht mit Ausnahme von „Everyday Should Be A Holiday“ oder „Smoke It“), so zum Beispiel „We Used To Be Friends“ (gleich am Anfang), „Not If You Were The Last Junkie on Earth“ (mit dem legendären Refrain: „Heroin is so passé“), das wunderschöne „You Were The Last High“ (auf Platte mit Evan Dando von den Lemonheads eingesungen), das mitreißende „Get Off“ (eines der Highlights) und natürlich die zu Tode gespielte Hipster-Hymne „Bohemian Like You“ (die sich gar nicht so leicht zu Tode spielen lässt, weil sie trotz allem ein verdammt guter Popsong bleibt).

Daneben bot der Abend aber auch viel Futter für echte Dandys-Kenner (zu denen ich mich nicht unbedingt zählen würde) – vom halluzinierenden Opener „Be-In“ über die frühe Single „Ride“ bis hin zu Albumtracks wie „Solid“ oder „Everyone Is Totally Insane“. Das klang dann – und damit dürften viele im Publikum nicht gerechnet haben – oft schwer psychedelisch und phasenweise recht experimentell. Besonders das verstörende „I Love You“ wurde zu einer wild ausufernden, hypnotisierenden Improvisation ausgewalzt.

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„Scheiß da nix, no fait da nix“ oder: Von der Schönheit des Unberechenbaren

Konzertbericht: Howe Gelb, Astnersaal Wörgl, 21. Juni 2014

Die Entscheidung gegen das Match Deutschland vs. Ghana war nicht einfach – aber sie war goldrichtig. Denn die Paarung Howe Gelb vs. Astnersaal war einfach noch viel reizvoller. Die atmosphärische Musik des Waldschrats – korrigiere: Wüstenschrats – aus Tucson, Arizona, erschien mir schon im Vorfeld wie gemacht für den charaktervollen, elegant verwelkten Wörgler Ballsaal. Und so war es dann auch.

Der verdienstvolle Kulturverein SPUR. holt schon seit Jahren großartige Musik abseits des Hauptstroms nach Wörgl, unermüdlich und eigensinnig – von feinen österreichischen Musikern wie Gustav, Son Of The Velvet Rat oder Der Nino aus Wien bis hin zu ausgewählten internationalen Künstlern (Phil Shoenfelt, Al de Loner, Marianne Dissard …). Mit dem einzigen Österreich-Konzert von Howe Gelb konnten die Veranstalter rund um Obmann Günther Moschig diesmal aber einen besonders schönen Fang an Land ziehen.

Schön war auch schon das Vorprogramm:  Den jungen Songwriter Gabriel Sullivan, ebenfalls aus Arizona, kannte ich schon vom rundum empfehlenswerten Album „Tucson. A Country Rock Opera“ (2012), für das Howe Gelb sein loses Kollektiv Giant Sand zu Giant Giant Sand aufgestockt hatte. Sullivan singt eines der schönsten Lieder auf dieser Scheibe, den vollendeten TexMex-Country-Schmachtfetzen „The Sun Belongs To You“ (zu finden auch in meinen Jahrescharts für 2012).

In Wörgl war dieser Song leider nicht zu hören, dafür aber eine Reihe ähnlich stimmungsvoller, melancholischer Nummern, von Sullivan mit grabestiefer Stimme à la Tom Waits oder Johnny Cash vorgetragen (wie Letzterer war auch Sullivan ganz in stilvolles Schwarz gekleidet).

Sullivan hat laut eigenen Angaben den Neujahrsvorsatz gefasst, jeden Tag einen Song zu schreiben (nicht unbedingt zur Freude von Nachbarn und Freundin). Ergebnisse dieses laufenden Schaffensprozesses waren in Wörgl ebenso zu hören wie Songs von einem in Bälde erscheinenden Album, die Sullivan in Aarhus mit dänischen Musikern aufgenommen hat.

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Genau diese dänischen Musiker enterten nach ein paar Sullivan’schen Solonummern auf einmal die Bühne: Drummer Peter Dombernowsky und Bassist Nikolaj Heyman (beide von der Band The DeSoto Caucus, die kürzlich auch in Innsbruck zu erleben war) und Maggie Björklund an der Pedal Steel (sie hat schon mit Jack White, Calexico und vielen anderen gespielt). Mit dieser exzellenten Begleitung – sie bildete an diesem Abend auch Howe Gelbs Band –  brachte Sullivan unter anderem eine atmosphärisch dichte Version von Bruce Springsteens „The Ghost of Tom Joad“ zu Gehör.

Beim letzten Song der Vorgruppe stand dann plötzlich ein weiterer Typ auf der Bühne, mit ergrautem Vollbart, „Good Luck“-Schildkappe und leicht abwesendem Blick. Für eine gefühlte Ewigkeit hantierte er mit Verstärkerkabeln und Gitarren herum, um den von ihm gekaperten Song dann mit schneidenden E-Gitarren-Soli kunstvoll gegen die Wand zu fahren: Man sieht schon, Howe Gelb schert sich wenig um die Konventionen eines Rockkonzerts.

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Doch wenn er – mit sonorer Hall-Stimme und leicht ironischem, wissendem Grinsen – das „green grass of home“ heraufbeschwört, „Welcome to the desert“ singt oder erzählt „She Caught the Katy (And Left Me a Mule To Ride)“  (ein Bluesklassiker von Taj Mahal), dann hat man sofort die passenden Bilder im Kopf. Gelbs stimmliches Spektrum mag begrenzt sein, sein Ideenreichtum und sein verschrobenes Charisma sind es nicht.

Dem Wörgler Publikum kredenzte er einen schönen Mix aus Songs von seinem neuen Soloalbum „The Coincidentalist“ (die ihren unspektakulären, kargen Charme live voll entfalteten) und herrlichen Giant Sand- bzw. Giant Giant Sand-Nummern.  Bei „Vortexas“ vermisste man Will Oldham (der im Original mitsingt) kaum, beim hitzeflimmernden „Forever and a Day“ (ebenfalls in meinen 2012er-Charts zu finden ;-)) fehlten eigentlich nur noch die Mariachi-Bläser zum totalen Glück:

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Vom Dröhnen der Drohnen. Oder: Männer, die auf Mac-Books starren

Heart of Noise-Festival, Stadtsäle Innsbruck, Tag eins (6. Juni 2014)

Die vierte Auflage des Heart of Noise-Festivals – die erste, die ich zumindest einen Tag lang genießen durfte – widerlegt gleich zwei Annahmen: Erstens: Es gibt in Österreich keine liebevoll kuratierten, alternativen Festivals. (Ein Missstand, auf den Bloggenosse Steff gerne hinweist). Zweitens: In Tirol gibt es überhaupt keine brauchbaren Musikfestivals.

Wahr ist vielmehr: Die Organisatoren des „Heart of Noise 2014“ haben nicht nur ein kompromissloses, forderndes Programm denkbar weit weg vom Festival-Mainstream zusammengestellt (ähnlich wie das Donaufestival in Krems, das bei mir auch schon länger auf der Liste steht), sondern sich auch sonst viel einfallen lassen, um gängige Hör- und Sehgewohnheiten zu durchbrechen.

Das zeigte sich schon beim erstaunlichen Beginn dieses Festivaltages in den Innsbrucker Stadtsälen: Eine ferngesteuerte, leuchtende Quadrocopter-Drohne glitt, einer fliegenden Untertasse gleich, durch den riesigen Raum und schwebte unwirklich im Gegenlicht, untermalt von minutenlangen, magengrubenaufwühlenden Drones aus großen Verstärkerwänden. Der mögliche tiefere Sinn – eine Drohne (engl. drone) wird von einem mächtigen maschinellen Bassbrummen (engl. ebenfalls drone!) begleitet – wurde mir erst jetzt beim Schreiben klar. Aber auch ohne solche hintersinnigen Gedankenspiele war das einfach ein Wahnsinnsauftakt!

Apropos Wahnsinn: Schon bei den ersten Künstlern – dem Produzenten Chris Douglas vulgo Dalglish und dem Visual-Spezialisten Dave Gaskarth – wurde klar: Hier werden keine Gefangenen gemacht. Musik ist beim Heart of Noise-Festival als intensive körperliche Erfahrung zu verstehen, ganz wie es der Titel des Festivals verspricht: Die Lautstärke war ohrenbetäubend, die subsonischen Bassfrequenzen ließen die ganze Magen- und Bauchgegend ungesund vibrieren, ebenso die Stühle unterm Hintern (zu diesem Zeitpunkt war der Stadtsaal noch bestuhlt). Ein Wunder, dass es hier – so weit ich weiß – zu keinen Herzinfarkten (oder zumindest zu spontanen Darmentleerungen) kam …

Chris Douglas aus San Francisco gilt als einer der Vorväter der sogenannten Intelligence Dance Music (IDM), er hat mit einschlägigen Elektronik-Größen wie Autechre, Underground Resistance und Boards of Canada zusammengearbeitet. Die Musik seines Projekts Dalglish wird im Festivalbooklet mit Wörtern wie „labyrinthisch“, „alptraumhaft“ oder „sinister“ beschrieben. Da kann man so stehenlassen. Zu hören war ein kompromissloser Mix aus Doom-Drones, Noise-Schlieren, Interferenzen und anderen Störgeräuschen, Maschinenkreischen und Dissonanzen: Anstrengend? Sicher. Aber auch lohnend, wenn man sich einfach voll darauf einlässt.

Das gilt auch für die atemberaubenden Visuals von Dave Gaskarth, die in Innsbruck ihre Uraufführung erlebten. Wellen, Kreise, Kugeln, Spiralen, menschliche Umrisse, seidig schimmernde Texturen (besonders schön!), verschwommene Bilder kämpfender Körper, Abstraktes und Konkretes: Auch ohne Drogen wurde man sofort voll hineingezogen. Die visuelle Ebene spielt beim Heart of Noise überhaupt eine zentrale, mindestens gleichberechtigte Rolle: Nicht nur, weil es relativ fad ist, wenn man nerdigen Männern dabei zuschaut, wie sie in ihre Mac-Books starren, sondern weil es den Festivalmachern und den Künstlern um eine Rundumerfahrung, sozusagen um ein totales Erlebnis zu gehen scheint.

Wie so was ungefähr klingt (vom Innsbruck-Auftritt ist leider nichts online), zeigt ein hier verfügbarer Dalglish-Mix oder der folgende kurze Ausschnitt vom Roskilde-Festival, bei dem halt diverse Dimensionen (pure Lautstärke, Bass, Visuals) fehlen:

Die Herz-Rhythmus-Störungen, die mich schon einige Tage vor dem Festival geplagt hatten, freuten sich jedenfalls über so viel Zuwendung. Mit einem Herzschrittmacher sollte man sich einen Heart of Noise-Besuch auf jeden Fall zweimal überlegen.

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Dieser Umsturz war keine Massenbewegung

Konzertbericht: THE COUP, Kulturfabrik Kufstein, 21. Mai 2014

Stell dir vor, es ist Revolution und keiner geht hin: „The Coup“ – mit Hunderttausenden YouTube-Klicks und rappelvollen Venues von Paris bis Budapest durchaus eine große Nummer im globalen Hip-Hop- und Funk-Underground – gaben in Kufstein ihr einziges (!) Österreich-Konzert. Ein echter (und sicher nicht billiger) Coup, der den Konzertveranstaltern vom unermüdlichen Kulturverein KlangFarben da gelungen war. Und trotzdem fanden sich in der Kulturfabrik wieder einmal nur ein paar Dutzend Zuschauer ein. Auch wenn die Werbemaßnahmen insgesamt eher bescheiden waren (vielleicht in der Hoffnung auf die Macht der Mundpropaganda) – das kann es doch wirklich nicht sein!

Von den weisen Menschen, die gekommen waren, dürfte jedenfalls keine und keiner den Konzertbesuch bereut haben: Denn das Hip-Hop/Funk/Agitprop-Kollektiv aus dem kalifornischen Oakland legte – dem schwachen Publikumszuspruch (und einigen kleineren Soundproblemen) zum Trotz – eine elektrisierende, energiegeladene Show hin, wie man sie auch in viel größeren Städten nicht alle Tage zu sehen bekommt.

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Die heimische Vorband „Jeez“ (die an diesem Abend unter dem seltsamen Namen „Trippin‘ Species“ firmierte) erwies sich mit ihrem groovigen Space-Rock – geprägt von George von Stadens psychedelischen Keyboardeffekten – im Nachhinein als durchaus passende Wahl. Denn auch „The Coup“ klangen phasenweise überraschend rocklastig: Bei ihrem unorthodoxen Mix aus Rap, Funk und schweren Riffs musste man mitunter gar an (weniger brachiale) Rage Against The Machine oder Bad Brains denken.

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Rapper Boots Riley – im klassischen Black-Power-Look mit Afro und mächtigen Koteletten – erwies sich als begnadeter Frontmann und wahres Energiebündel. Als gestandener Politaktivist weiß er außerdem auch, wie man klassenkämpferische, emanzipatorische Botschaften unters Partyvolk bringt, ohne oberlehrerhaft und verkrampft zu wirken: nämlich mit Humor und geschmeidigen Grooves. Es gelte, die eigene Umwelt aktiv zu verändern, meinte er an einer Stelle, denn sonst sei es wie auf einer Party, auf der alle tanzen – und nur man selbst steht an der Wand und schaut zu:  „In that case you haven’t even been to the party“.

Auch Selbstironie weiß Riley geschickt und gewitzt einzusetzen: Auf die Feststellung, wie wichtig es sei, echte demokratische Kontrolle über die eigenen Produktionsmittel und die Warenproduktion im Allgemeinen zu erlangen, folgte bruchlos das Eingeständnis: „We just became musicians, because we are too lazy to work.“

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Die spinnen, die Finnen!

Konzertbericht: Death Hawks, Sahara Surfers & Tracker, Kulturfabrik Kufstein, 17. Mai 2014

„Psychedelisch (zusammengesetzt aus altgriech. ψυχη psychḗ – ‚Seele‘ und δῆλος dẽlos – ‚offenkundig, offenbar‘) bezeichnet einen durch den Konsum bestimmter Drogen (sogenannter Psychedelika), aber auch mittels geistiger und ritueller Praktiken (etwa Trancetanz oder Meditation) erreichbaren veränderten Bewusstseinszustand. Dieser zeichnet sich unter anderem durch eine Aufhebung der Grenzen zwischen dem Ich und der Außenwelt aus, wodurch es zu spirituellen Erlebnissen und Erfahrungen von Alleinheit kommen kann. In diesem Zusammenhang spricht man oft auch von einer Bewusstseinserweiterung.“

Soweit Wikipedia. Eine wichtige Quelle psychedelischer Erfahrung lässt das allwissende Lexikon hier aber eher unter den Tisch fallen: Musik. Dabei gehört das „hypnotische“, „halluzinogene“ Element – also die Möglichkeit, sich komplett in Klangwelten fallen zu lassen und alles Andere auszublenden – aus meiner Sicht zu den wichtigsten Eigenschaften von Musik (egal ob es sich nun um eine Mozart-Sinfonie, LSD-vernebelten Psychedelic Rock oder repetitive Elektronik handelt).

Ein schönes Beispiel für die hypnotisierende Wirkung von Musik konnte man sich kürzlich in der KuFa Kufstein genehmigen. Der verdienstvolle Verein Kulturfabrik hatte gleich drei Bands eingeladen, die für Rockmusik der ausufernd-psychedelischen Art stehen.

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Wenn der Tellerrand zu hoch ist

Konzertbericht: „Guano Padano“ & „Free Nelson Mandoomjazz“, Kulturfabrik Kufstein, 24. April 2014

„Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“: Dieses (abseits seiner leicht agrarfeindlichen Note)bestens bewährte Sprichwort trifft nirgendwo mehr zu als im kulturellen Bereich.  Warum die meisten Leute gerade bei Musik so schwer dazu bewegen sind, sich auch einmal auf etwas Neues und Unbekanntes einzulassen – während es ihnen z. B. beim Essen oder Reisen inzwischen gar nicht mehr „exotisch“ genug sein kann –, dieses Rätsel konnte ich bis jetzt noch nicht ergründen.

Aus meiner lokaljournalistischen Erfahrung weiß ich jedenfalls: Was die Leute nicht kennen, das ignorieren sie. Komplett. Wenn wir versuchen, vier oder fünf Frei(!)karten für Konzerte abseits des Mainstreams zu verlosen, haben wir in der Regel größte Schwierigkeiten, sie überhaupt loszuwerden (auch für grandiose Bands wie Haight-Ashbury oder namhafte Künstler wie zuletzt etwa Anne Clark). Aber wehe, wir verlosen Einkaufsgutscheine, Skipässe oder Tickets für Hansi Hinterseer – dann glühen die Leitungen und die Briefträger müssen Sonderschichten einlegen.

Warum wagen so wenige Leute den Blick über den akustischen Tellerrand? Liegt es an der medialen Übersättigung des zum „Konsumenten“ degradierten Musikhörers? An der Angst vor dem Unbekannten? Was kann man schon verlieren, wenn man auf das Konzert einer unbekannten Band geht?  Schlimmstenfalls ein paar Euro und einen Abend, den man sonst wahrscheinlich vor dem Fernseher verbracht hätte. Gewinnen kann man viel mehr: aufregende Erfahrungen, neue Einblicke, unerhörte Klangerlebnisse.

Hinzu kommt, dass das „Risiko“, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen, heute ohnehin geringer ist denn je, YouTube, Spotify und Co. sei Dank. (Dank?). Richtig hohen Blutdruck bekomme ich übrigens dann, wenn sich dieselben Leute, die den Arsch nicht hochkriegen, dann lauthals beschweren, dass „bei uns eh nichts los ist“. So geht’s nicht!

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Die Scheuklappen-Mentalität vieler Konzertbesucher (oder Eben-Nicht-Konzertbesucher) trifft vor allem kleine Veranstalter, die sich zeitlich und finanziell oft voll verausgaben, um aufregende, ungewöhnliche Künstler zu uns nach Tirol zu holen. Jüngstes Beispiel: die „Artparty“ in der Kulturfabrik Kufstein mit zwei hochinteressanten jungen Bands, veranstaltet vom Kulturverein KlangFarben. Dieser umtriebige Verein ist seit dem Vorjahr redlich darum bemüht, spannende Künstler im weiten Feld zwischen Avantgarde-/Experimentalrock, Jazz und wagemutigen Freistilklängen nach Kufstein zu holen – allzu oft leider fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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Auf der Suche nach dem Dub

Konzertbericht: Dub Trio & The Little White Bunny, PMK, Innsbruck, 8. April 2014

„Da war mir gestern eindeutig zu wenig Dub im Dub Trio“: So lakonisch brachte es Bloggenosse Dave am Tag nach dem Konzert per Facebook auf den Punkt – und postete trotzig ein Video des jamaikanischen Dub-Hohepriesters King Tubby (den die drei New Yorker als einen ihrer zentralen Einflüsse nennen). Und auch wenn mir der Auftritt insgesamt nicht schlecht gefallen hat – ganz Unrecht hat Kollege Obwaller nicht.

Es gab sie durchaus, die dubbigen, trippigen, halluzinogenen Passagen, in denen eine düstere Grundstimmung, experimentelle Gitarrenklänge und Trance-artige Rhythmen aus der Echokammer auf originelle Weise zusammenfanden – phasenweise klang das sogar wirklich atemberaubend.

Insgesamt war der Dub-Trio-Cocktail dann aber doch zu metallhaltig, zumindest für meinen Geschmack. Statt gehörschädigender Lautstärke (die auch mit Ohrenschutz grenzwertig war) und diversen eher konventionell klingenden Metal-Riffs hätte ich lieber noch mehr von diesen hypnotisierenden Drum- und Gitarreneffekten gehört, von mir aus auch von den Hörspiel-artigen Zwischensequenzen.

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Kurze Songs, ewige Freundschaft

Konzertbericht: Mike Watt & The Missingmen / Guess What / L’Oeillere, PMK Innsbruck, 1. April 2014

In „We jam econo“, einer spannenden und berührenden Doku über die einflussreiche kalifornische (Post)Punk-/Hardcore-/Experimental-/Politband Minutemen, die im Vorfeld dieses Innsbrucker Konzertabends zu sehen war, gibt es einen besonders schönen Moment: Mike Watt, Bassist und einer der beiden gleichberechtigten Songschreiber der Minutemen, erinnert sich an die Aufnahmen zum 1983er-Album „What Makes a Man Start Fires?“ und speziell an den Song „The Anchor“.

Denn: „It’s our first song where we go over two minutes, it’s two minutes and five seconds or so“. Um sich zu vergewissern, blättert Watt kurz im Booklet nach und stellt dann überrascht fest: „No, it’s two thirty. Phew! That’s our opus …“

Ein vielsagendes Statement:  Denn obwohl der Bandname „Minutemen“ nichts mit der Länge der Songs zu tun hat (er ist vielmehr eine Anspielung auf die gleichnamige Miliz aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und ein Seitenhieb auf eine rechtsextreme, reaktionäre Gruppe der 60er Jahre, die sich ebenfalls so nannte), passt er auch in dieser Hinsicht: Denn die Songs der Minutemen waren nicht nur explosiv, zornig und rasant, sondern vor allem wahnsinnig kurz. „What Makes a Man Start Fires?“ enthält 18 Songs – und dauert nicht einmal 27 Minuten. Auf „The Punchline“ von 1981 dauert der längste Song 1:18 Minuten, der kürzeste ist schon nach dreißig Sekunden vorbei!

Wie damals aufgenommen wurde, beschreibt Spot, einer der Produzenten der Minutemen, in der Doku: „Let’s forget about this multitrack stuff, let’s just set it up and do it live to two-track. You know, one take, bam!, it’s done. You‘re mixing it while you’re playing it – and that’s what we did“.

So kurz und ereignisreich wie ihre Songs war auch die Karriere der Formation aus San Pedro: Doch zwischen 1980 und 1985 hinterließen die Minutemen nicht nur viel Musik, sondern auch bleibenden Eindruck. Das machen prominente Weggefährten aus den 80ern in der Doku deutlich: Von Lee Ranaldo (Sonic Youth) über Henry Rollins bis hin zu J.Mascis (Dinosaur Jr.), von Jello Biafra (Dead Kennedys) bis Flea von den Chili Peppers äußern sich viele zentrale Figuren der amerikanischen Punk- und Alternative-Bewegung höchst positiv über die Minutemen.

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Meine hundert Lieblingslieder 2013 – Platz 1 bis 20

Bevor es losgeht, ein paar kurze charttechnische Anmerkungen:

a) Die Jahrescharts in der Übersicht und als Spotify-Playlist gibt es hier, (praktisch) alle Lieder sind im Folgenden aber auch einzeln verlinkt, sehenswerte Videos direkt eingebettet.

b) März mag reichlich spät für einen Jahresrückblick sein – aber seriöserweise ist es einfach nicht früher möglich ;-). Denn im Jänner muss man erst einmal die Konkurrenz-Jahrescharts von Rolling Stone bis Pitchfork, von Musikexpress bis FM4 studieren und sich danach einen groben Überblick über all das verschaffen, was die Musiklabels vor Weihnachten noch so rausgeblasen haben. Bis man auch nur in einen kleinen Teil der interessanten Sachen reingehört hat, ist es locker Mitte Februar. Und dann geht erst das komplizierte Auswahlverfahren los …

c) Ich habe mich diesmal regelrecht dazu gezwungen, so viel aktuelle Musik zu hören wie noch nie. Am Ende habe ich mich noch einmal durch ca. 350 Songkandidaten gewühlt, um die 100 schönsten herauszufiltern – was alles andere als leicht war. Denn auch wenn Musikpessimisten das anders sehen: Es gibt heutzutage extrem viel gute Musik in fast allen (Sub-)Genres.

d) Auffällig ist aber auch: Diesmal war es besonders schwer, aus den vielen sehr guten Songs noch einmal die zehn oder zwanzig (vermeintlich) besten auszuwählen. Die ersten acht oder neun Plätze hätten allesamt Nummer eins sein können. Und weiter unten wird die Dichte nicht kleiner. Aber: Es kann halt nur hundert geben.

e) Letzte Randbemerkung: Meine Top Ten stammen heuer fast ausnahmslos von vergleichsweise unbekannten Künstlern. Für mich zeigt das: Aufregende Musik „fließt“ heute mehr denn je abseits des trägen Mainstreams.

So, jetzt aber …

1. John Grant – Blackbelt
Knochentrocken, textlich wie musikalisch, präsentiert sich John Grant auf dieser perfekten Elektropop-Nummer, fett produziert vom isländischen Elektroniker Birgir Þórarinsson vulgo Biggi Veira (den man von der Band GusGus kennen könnte). Denn genau dort, in der erstaunlich regen Musikszene von Reykjavík, ist der US-Amerikaner Grant zwischenzeitlich gelandet.

„Blackbelt“ ist eine beißende Abrechnung mit der – oder im Fall von John Grant eher: dem – Ex. Dieser wird nicht nur als Träger des schwarzen Gürtels in „BS“ (also „bullshit“) attackiert, sondern kriegt es auch sonst ironisch-elegant um die Ohren:

„You got really good taste / you know how to cut ‘n‘ paste“ ODER „You got really nice clothes / bet you didn’t pay for those“ ODER „You think you can school me in semantics / I wouldn’t recommend that, baby / I see through your antics“. Das sitzt.

Und ein schönes Fremdwort lernt man in diesem Lied auch noch: „callipygian“, abgeleitet aus dem Altgriechischen (vom Namen einer Aphroditestatue in Syrakus), bedeutet so viel wie „having beautifully shaped buttocks“. Doch das ist auch das einzig Positive, was der Sänger über den Adressaten des Songs zu sagen weiß …

Über welche Bandbreite John Grant verfügt, zeigt die musikalisch und lyrisch komplett anders geartete Nummer sechs dieser Charts. Kaum zu glauben, dass es sich hier um denselben Künstler handelt.

 

2. Tomorrow’s World – Drive

Eines der Geheimnisse von Musik liegt im Geheimnisvollen. Das mag nach einem Pleonasmus klingen, ist heute aber wohl zutreffender denn je: Denn während man in Prä-Wikpedia/YouTube/Shazam-Zeiten ewig darüber rätseln konnte, ob man diese oder jene Textzeile wohl richtig verstanden hat, wie eine Musikerin oder ein Musiker wohl aussehen mag, hat man heute vor allem eines: too much information.

Keine Frage, die totale Verfügbarkeit ist angenehm, aber ich finde, sie beraubt die Musik doch einer ihrer wichtigsten Qualitäten: ihrer mystischen, quasi unerklärlichen Dimension. ich wusste nicht, welche Musiker hinter dem Projektnamen stecken und woher sie kommen.

Inzwischen weiß ich: Tomorrow’s World sind Jean-Benoît Dunckel, eine Hälfte des mittlerweile ziemlich abgetauchten Elektropopduos „Air“ aus Frankreich, und Lou Hayter, ehemals Keyboarderin der Londoner Dancepunk/Synthpop-Formation „New Young Pony Club“ (NYPC).

Mit seinem herrlich unterkühlten, geheimnisvollen Retro-Elektronik-Charme erinnert mich „Drive“ aber weniger an „Air“ als etwa an die großartige britische Elektropop-Gruppe Ladytron („Playgirl“, „Bluejeans“). Und eines steht fest: Selbst wenn ich von Tomorrow’s World nie wieder etwas hören sollte – beim Songtitel „Drive“ werde ich in Zukunft nicht nur an R.E.M. denken …

 

3. Agnes Obel – The Curse

Eine weitere tolle Künstlerin, über die ich erfreulich wenig weiß. Agnes Obel stammt aus Dänemark, lebt in Berlin (wer nicht?) und nennt – wenn man einer beliebten Online-Enzyklopädie glauben darf – Musiker wie Roy Orbison, Joni Mitchell und PJ Harvey, französische Komponisten wie Debussy, Ravel oder Satie, aber auch Edgar Allan Poe oder Alfred Hitchcock als Einflüsse. Letzteren schätzt sie für seinen rätselhaften Stil, seine anspruchsvolle, zugleich aber extrem simple Ästhetik. Dasselbe könnte man auch über Frau Obel selbst sagen.

„The Curse“ klingt skandinavisch karg, um nicht zu sagen nackt: Nur Obels ausdrucksvolle Stimme (im schwebenden Refrain von nicht minder schönen Backgroundvocals unterstützt), ein wenig Cello (das genau die richtige Menge an Dramatik einbringt) und perlende Pianotöne. Klingt fast schon nach Neo-Klassik, erinnert aber auch an grandiose skandinavische Kolleginnen wie Maria Solheim, Anna Ternheim oder Christine Owman. So lässt man sich gerne verfluchen.

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Meine hundert Lieblingslieder 2013 – Platz 21 bis 40

21. Ólöf Arnalds – A Little Grim

Glückliches Island! Nicht einmal halb so viele Einwohner wie Tirol (ca. 320.000) und dennoch eine in Vielfalt und Qualität kaum fassbare Musik- (und Literatur- und Kunst-)Szene. Zu ihr zählen auch der hochgelobte junge Neoklassik-Künstler Ólafur Arnalds – und seine nicht minder begabte Cousine Ólöf.

Diese Dame ist mir erstmals 2010 mit dem mystischen, auf Isländisch gesungenen Stück „Svif Birki“ untergekommen. „A Little Grim“ von ihrem neuen, erstmals komplett auf Englisch eingesungenen Album ist genauso schön: Ein fast überirdisch dahinschwebender Refrain, gebettet auf ein karges, folkiges Fundament. Und vor allem diese Stimme, „somewhere between a child and an old woman“, wie keine Geringere als Björk es so treffend formuliert. Magisch!

 

22. China Rats – N.O.M.O.N.E.Y.
Quasi das Kontrastprogramm zur Nummer 21: Rasanter, großmäuliger, räudig produzierter Punk, so britisch wie Fish & Chips. Natürlich kennt man das seit den Sex Pistols und Buzzcocks, aber man hört es immer wieder gern. Vor allem wenn es so energiegeladen daherkommt wie hier. In diesem Sinne: „Take me to the money machine!“

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