Archiv der Kategorie: Allgemein

Auf zu neuen Ufern

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 23:
NICK LOWE – TOKYO BAY (2018)

Der Jesus of Cool tut sich mit einer Lucha-Libre-maskierten Backing-Band zusammen? Was ist denn jetzt los?

Nick Lowe produzierte die ersten paar Elvis-Costello-Alben und ist selbst seit einer halben Ewigkeit als Pub-Rock- und Power-Pop-Künstler unterwegs. Den Titel Jesus of Cool verlieh er sich selbst gleich mit seinem ersten Album (1978). Mein erster Kontakt war der Song „So It Goes“, später habe ich aber „Heart of the City“ als meinen Favoriten entdeckt. Sein bekanntester Hit dürfte aber wohl doch „Cruel to be Kind“ sein, die Nähe zum wunderbaren Elvis Costello ist hier besonders gut hörbar.

Und jetzt zur zweiten Komponente.

Die Instrumental-Band Los Straitjackets ist hauptsächlich in einschlägigen Surf-Rock-Kreisen bekannt. Sie wurde bereits vor der Post-Pulp-Fiction-Surf-Musik-Welle gegründet (puh, das war jetzt aber nicht schlecht), hat sich gleich wieder getrennt und dann in der Post-Pulp-Fiction-Ära „reunited“ – und übt ihr Handwerk am liebsten in Anzügen und Lucha Libre-Masken aus. Ab und zu ist Band um Frontmann Daddy-O Grande auch mit anderen Künstlern unterwegs, eine für mich bis jetzt leider noch nicht ganz so prickelnde Erfahrung, vielleicht mit der Ausnahme einer Aerobic-DVD (!) mit den World Famous Pontani Sisters, einer Burlesque-Tanz-Gruppe.

Das ändert sich aber mit diesem Jahr: Los Straitjackets sind jetzt nämlich die Backing-Band von Nick Lowe – und zusammen spielen sie Skiffle
Das wird kurios, aber über Lonnie Donegan, den King of Skiffle, gibt es mal gesondert eine Abhandlung. Ich find’s jedenfalls stark. Der Text zum offiziellen YouTube-Video meint: „Nick shows that he’s still the Jesus of Cool and isn’t afraid to rock the boat“ – und das finde ich recht passend.

Sixteen Miles High. Oder: So muss Cover!

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK(S) DER WOCHE, # 22:
THE BYRDS – EIGHT MILES HIGH (1966)
HÜSKER DÜ – EIGHT MILES HIGH (1984)

Was macht eine gute Coverversion aus? Irgendein kluger Kopf, der von einem anderen klugen Kopf im Musikexpress zitiert wurde (wo ich wohl nicht ganz so kluger Kopf das Ganze dann gelesen habe), meinte einmal sinngemäß, eine gute Coverversion müsse entweder ganz nahe am Original sein oder aber völlig anders klingen.

Tatsächlich zeichnen sich viele mäßige bis schlechte Coverversionen (und daran herrscht nun wahrlich kein Mangel) dadurch aus, dass sie entweder einzelne Aspekte des Original besonders (über)betonen oder aber meinen, unbedingt ein bestimmtes Einzelelement hinzufügen zu müssen. Das resultiert dann oft in zusätzlichem Pathos, „kraftvollerem“ oder „souligerem“ Gesang, fetteren Gitarren, dickerer Produktion oder dem Einfügen von ein paar unmotivierten Beats. Und am Ende merkt man dann nur allzu oft, dass auf diese Weise dem Original rein gar nichts hinzugefügt wurde.

Ein Paradebeispiel für eine höchst gelungene Coverversion, die eindeutig aus Kategorie zwei stammt (= klingt völlig anders), soll im Rahmen des heutigen Tracks der Woche präsentiert werden. Aber zuerst ein paar Worte zum Original:

Denn „Eight Miles High“ (1966) von den Byrds ist in vielfacher Hinsicht ein bemerkenswerter Track. So gilt er vielen als eines der ersten – wenn nicht DAS erste einflussreiche – Beispiel für das bis heute vielgeliebte und wirkmächtige Genre des Psychedelic Rock (wobei zugleich, vor allem in den Gesangsharmonien, auch die Verwurzelung im zeittypischen Folk-Rock noch sehr deutlich zu spüren ist). Generell handelt es sich hier um einen jener kostbaren Songs, die tatsächlich exemplarisch für ihre Zeit stehen – in diesem Fall für das allgemeine Streben nach neuen Erfahrungen, für die Suche nach unbekannten Klangwelten, für das Interesse an anderen Kulturkreisen, für einen musikalischen Entdeckerdrang, für ein globales „Kalifornien“-Feeling, das mit Geographie nur wenig zu tun hat. Ach ja, und natürlich auch für die bewusstseinserweiternden Drogen – was der Nummer einst sogar einen Radiobann in den USA bescherte.

Ganz konkret manifestierte sich diese Neue Offenheit (um mal ein griffiges Schlagwort zu kreieren) im Fall von „Eight Miles High“ in den ungewöhnlichen Klangfarben, die auf die Pophörer der damaligen Zeit wirklich unerhört und revolutionär gewirkt haben müssen: Zentralen Einfluss auf die Arrangements übten nachgewiesenermaßen der modale, futuristische Jazz von John Coltrane und die Musik des indischen Sitar-Gurus Ravi Shankar aus – beide liefen damals im Tourbus von Gene Clark, Jim (= Roger) McGuinn und David Crosby auf heavy rotation. In „Eight Miles High“ versuchte McGuinn unter anderem, das freitönende Saxofonspiel von Coltrane auf seiner 12-saitigen Rickenbacker-Gitarre nachzuempfinden – was besonders im ikonischen, grandios disharmonischen Solo zum Tragen kommt. (Auf der B-Seite „Why“ wiederum sollte die Gitarre wie eine Sitar klingen, hat mir Wikipedia erzählt).

Zusammen mit den im selben Atemzug anspielungsreichen UND mystischen Lyrics (die von einem Flug der Byrds nach England und ihren dortigen Tourerlebnissen inspiriert waren; die erwähnte „rain grey town known for its sound“ ist das London zu Zeiten der British Invasion) ergibt das einen der schönsten und zugleich rätselhaftesten Songs der Hippie-Ära.

Live wurde das Lied, auch das zeittypisch, gerne in ausufernde, bis zu 15 Minuten lange Jams überführt, zu denen es sich bestimmt wunderbar allerlei fantasieanregendes bzw. -benebelndes Zeug rauchen und einschmeißen ließ. Als Beispiel möge die folgende, schon aus der Post-Hippie-Ära stammende Instrumentalversion (1970) dienen, die die Byrds auf der Höhe ihrer hypnotisierenden Meisterschaft zeigt: virtuos, aber zum Glück nicht pompös.

Trotzdem kann man angesichts des endlosen Gejammes auch irgendwie nachvollziehen, wieso gut ein halbes Jahrzehnt später fast zwangsläufig die Punk-Revolution in den USA und danach in England ausbrechen musste, was sie angetrieben hat, warum es nach der psychedelischen Revolution dringend eine neue brauchte: hart und laut, direkt und brachial, bitter und bissig, (mindestens acht) Meilen weit entfernt vom Summer of Love.

Kinder dieses schäbigen, zugleich befreienden Punk-Spirit waren auch Hüsker Dü, 1979 in St. Paul, Minnesota, formiert – und heute weithin als eine der bedeutendsten 80er-Jahre-Bands zwischen Hardcore Punk, Noise Rock und dem aufkeimenden Alternative Rock anerkannt.

1984 legten Bob Mould, Grant Hart und Greg Norton eine atemberaubende Neudeutung von „Eight Miles High“ vor: die Gitarren verzerrt und übersteuert, Moulds Gesang urschreiartig herausgebrüllt und kaum zu verstehen, die Produktion rau und lo-fi, die Energie roh und wild, der Gesamteindruck jener von Verzweiflung und einer emotionalen Intensität, die fast alles, was sich heute „emotional“ nennt (oder vor ein paar Jahren gar „Emo“ schimpfte), nur als selbstmitleidiges, hohles Gepose entlarvt.

Dass Hüsker-Dü-Hörer offenbar sensible, intelligente Menschen sind (ähnlich wie Mastermind Bob Mould selbst, der bis heute tolle Soloalben abliefert), zeigt sich übrigens sogar in den Kommentaren auf YouTube, deren Lektüre in diesem Fall ausnahmsweise lohnenswert ist. Zur kongenialen Coverversion von „Eight Miles High“ heißt es dort unter anderem:

Somehow this burst of noise captures the emotion of this tune so well.

A way more realistic take on the drug issue. Not everyone has good trips. This is the king god hell version of a BAD trip.

Just the primal screaming in it sums it up for me. I think Bob also has had an issue with the whole „Summer of Love“ thing …

Auch hierzu möchte ich euch noch eine feine Liveversion (1987) ans Herz respektive Ohr legen. Mit dem ungleich klareren Gesang ist sie freilich schon näher am Alternative Rock ihrer Zeit als am Lofi-Noise der „Studioversion“. Aber Hüsker Dü hatten eben immer auch ein Herz für große Melodien unter all dem Lärm. Und vielleicht ist die ganze vielbeschworene ideologische Gegnerschaft zwischen „Hippies“ und „Punks“ ohnehin eine sehr gestrige Betrachtungsweise. Am Ende zählt ja doch nur, dass Musik etwas in uns berührt und auslöst. Klinge ich jetzt wie ein Hippie?

Doch das letzte Wort soll einmal mehr einem YouTube-Nutzer gehören, der im Bezug auf Hüsker Düs alles mit- und niederreißende „Eight Miles High“-Version lakonisch meint:

As covers go this pretty much covers it!

Von drahtig bis sphärisch. Zwei Wege zur Euphorie

Konzertberichte: KREISKY (Support: TRACKER), 13. April 2018, PMK Innsbruck
MOLLY, 19. April 2018, Die Bäckerei, Innsbruck

Zwei österreichische Bands, die auf Y enden, zwei euphorisierende Konzertabende. Das war es aber auch schon wieder mit den Gemeinsamkeiten zwischen den Auftritten von Kreisky und Molly in Innsbruck. Und das liegt nicht nur an der unterschiedlichen getränketechnischen Ausgestaltung dieser Abende meinerseits (einmal Bier – oje, zuviel; einmal Gingerbeer – ui, zu scharf), sondern manifestierte sich natürlich vor allem auf der musikalischen und atmosphärischen Ebene.

Kreisky begeisterten in der PMK mit ihrem gleichermaßen eigenwilligen wie eigenständigen Sound irgendwo zwischen Post-Punk und noisigem Rock, bei dem mir gleich eine ganze Reihe von Adjektiven durch den Kopf schießt: drahtig und schlank, (scharf-)kantig und zackig, fiebrig und quecksilbrig, glasklar und kühl, niemals aber schwerfällig und „heavy“. Der provokante Titel des aktuellen Albums, „Blitz“, bringt das Ganze eigentlich bestens auf den Punkt.

Das größte Pfund, mit dem Kreisky wuchern können, ist genauso drahtig und schlank wie ihr Sound – nämlich Sänger Franz Adrian Wenzl: Er ist nicht nur ein Texter mit hohem Wiedererkennungswert, der sich herzlich wenig um übliche Vorgaben in Sachen Reim und Rhythmik schert und gerne ungelenk und abgehackt über die Verszeile hinausstolpert, sondern zugleich auch ein grandioser Frontmann. Und „grandios“ ist hier durchaus auch im Sinne von überheblich gemeint: Denn in Zeiten, in denen sich allzu viele Musiker „authentisch“, „bodenständig“ und „normal“ geben – und dabei meist nur langweilig, gefällig und bieder sind -, tritt Wenzl mit gesunder, erfrischender Arroganz vor sein Publikum.

Ob als sexy tänzelnder Gockel, als bitterböser, verbitterter Zyniker (als der er in den Texten häufig auftritt) oder als am Kabarett geschulter Conférencier zwischen den Songs (es handelt sich hier immerhin um den leibhaftigen „Austrofred“) – der Mann hatte sein Publikum von Anfang an fest im Griff. Und Kreisky waren an diesem Abend in der restlos ausverkauften und entsprechend proppenvollen PMK sowieso die richtige Band am richtigen Ort. Bier und Schweiß flossen in Strömen, das bestens gelaunte Publikum ließ sich nur allzu gerne mitreißen.

An mitreißenden Songs, die gerade für die Livesituation wie gemacht scheinen, mangelt es bei Kreisky ja wirklich nicht. Zu den Höhepunkten – in einem Set ohne Ausfälle – zählten die tragikomische neue Versager-Hymne „Veteranen der vertanen Chance“ (in der Wenzl die Lottozahlen inklusive Zusatzzahl aufzählt – die Quittung zum Lottoschein hat der Ich-Erzähler selbstverständlich verloren), das textlich wie musikalisch unerbittliche „Vandalen“ („Wir sind alle Kannibalen / Wir sind alle keine Menschen mehr / Wir sind alle Vandalen / Wir sind viel zu junge Mädchen“), das vergleichsweise fast schon melancholisch-sanfte „Pipelines“ und natürlich das schneidende, gallige „Asthma“, das von meinem Schreibclub-Kollegen und Konzertgenossen Klippo erfolgreich eingefordert wurde. Eine giftigere Abrechnung mit der oder dem Ex wurde hierzulande noch nicht geschrieben:

„Und du wirst es nicht glauben / Aber seit du fort bist / Ist mein Asthma so gut wie verschwunden / Ist mein Asthma weg“.

„Ich habe oft gesagt, ich mag dich so wie du bist / Aber du musstest dich ja verändern / Von mir aus hättest du dich nicht verändern müssen / Verbessert hast du dich dadurch nämlich nicht“.

Mindestens genauso gut und ebenso gnadenlos – brandneue Songs wie „Ein braves Pferd“ (der sarkastische Refrain „Ich bin ein braves Pferd“ zierte übrigens auch die aktuelle T-Shirt-Kollektion am Merch-Stand) oder das mit schäbigen Synthies unterfütterte „Ein Depp des 20. Jahrhunderts“, in dem das lyrische Ich mit dem unaufhaltsamen Verschwinden von Gegenständen, Gewissheiten und Gewohnheiten hadert, letztlich also mit dem Altern und dem bitteren Gefühl, dass früher alles schöner und einfacher war und einen die Realität längst überholt, die Welt schon lange abgehängt hat:

„Und Autos und Rauchen und Fernsehen und CD-Sammlungen / das ist alles weg / Der Lärm und die Mädchen und unser ganzes schönes Europa / Das ist alles weg. Jetzt stehe ich da / Ein Depp des 20. Jahrhunderts“.

Serviert werden diese schwer bekömmlichen Botschaften, in denen das Persönliche und das Gesellschaftlich-Politische unauflöslich zusammenkleben, aber eben in knackigen, kurzen, hochenergetischen Vitaminbomben von Songs – und der Effekt ist letztlich ein tröstlicher und euphorisierender.

Dass das in der PMK so besonders gut klappte (und es sich Kreisky sogar leisten konnten, Weltnummern wie „Selbe Stadt, anderer Planet“ zu spritzen), war sicher auch ein Verdienst von Tracker, die an diesem Abend eigentlich keine Vorband, sondern ebenbürtiger Opening-Act waren. Auch bei ihrem Auftritt war es schon knallvoll, auch hier forderte das Publikum am Ende begeistert Zugaben ein.

Mit seinem sperrigen, kantigen, zugleich treibenden und konzisen Gitarrensound irgendwo zwischen Stoner Rock, Grunge und psychedelisch-experimentellen Spinnereien im Geiste von, zum Beispiel, „King Gizzard & The Lizard Wizard“ passte das Tiroler Trio sogar noch besser zu Kreisky, als ich im Vorfeld gedacht hätte.

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Musik mit Bart. Von Reifenspuren, Fensterhebern und bekifften Riesen

Konzertbericht: BART BUDWIG, Die Bäckerei, Innsbruck, 14. März 2018:

„Entscheidend is‘ auf’m Platz“, lautet eine gern zitierte Weisheit des Duisburger Fußballspielers und -trainers Alfred „Adi“ Preißler. Und die lässt sich bisweilen auch gut auf die Welt der Popmusik übertragen: Entscheidend is‘ auf der Bühne.

Natürlich gibt es Musik, die gerade auf dem Plattenteller oder im Kopfhörer ihre volle Stärke und Tiefe entfaltet (und sich live vielleicht gar nicht so subtil, raffiniert oder detailreich darstellen lässt). Aber in vielen Fällen ist halt doch das Liveerlebnis der Konserve vorzuziehen – so auch im Falle des US-amerikanischen Sängers, Gitarristen und Trompeters Bart Budwig.

„Sabai“ heißt sein vor wenigen Wochen erschienenes, insgesamt sechstes Album – benannt nach einer Hütte tief in den Wäldern des nordöstlichen Oregon. Dort, in der Einsamkeit der sogenannten Eagle Cap Wilderness, schrieb er seine Songs, begleitet – so lassen es der Presstext und die eigene Fantasie vermuten – vom heimeligen Knacken des Kaminfeuers, umgeben von rauschenden Wäldern, von Wind, Wasser, Erde und vor allem großer Stille. Aufgenommen wurde das Ganze binnen zwei Tagen, mit einem einzigen Mikrofon, wie Budwig selbst erzählt.

Das Ergebnis sind unaufdringliche bis unspektakuläre, reduzierte und – mangels Abwechslung im Arrangement – bisweilen etwas einförmige Songs, die bei mir persönlich bei Vorabhören keinen tieferen Eindruck hinterließen.

Doch, wie gesagt, was zählt, is‘ auf’m Platz, nich‘ auf Platte.
Und hier bestätigte sich einmal mehr die Regel, dass man sich von Vorab-Höreindrücken nicht zu sehr beeinflussen – und schon gar nicht vom Besuch eines Konzerts abhalten lassen sollte. Sonst kann man ganz schön viel versäumen – in diesem Fall einen wirklich schönen Konzertabend mit einem höchst sympathischen und talentierten Sänger und Songschreiber. Einen Abend, der weitaus spannender und mitreißender wurde, als ich es erwartet hatte.

(Copyright: Vivre Arts)

Ich bin nicht unbedingt der größte Fan von Alben und Konzertabenden der Marke „Nur ein Mann und seine akustische Gitarre“. Wenn bei Konzerten von „stripped-down arrangements“ oder „unplugged, intimate versions“ die Rede ist, bedeutet das für mich manchmal einfach nur, dass da ein bisschen wenig passiert.

Aber davon war bei Bart Budwigs zweitem Innsbruck-Auftritt eh nie die Rede – und allein mit seiner Gitarre stand er auch nicht auf der Bühne. Vielmehr konnte er in Gestalt von John Nuhn auf einen äußerst versierten und nicht minder sympathischen musikalischen Begleiter bauen, der den Stehbass kompetent zupfte und klopfte und zudem ganz wunderbare Backing-Vocals beisteuerte. Und auch Bart Budwig selbst – ein aus dem dünn besiedelten, gebirgigen Idaho stammender, inzwischen im progressiven Oregon lebender Waldschrat – erwies sich als toller, ausdrucksstarker und überraschend wandlungsfähiger Sänger mit einem Gespür für starke Melodien.

Gerade in den Refrains erklang sein Gesang oft glasklar und hell, so dass man sich bisweilen etwa an die frühen Fleet Foxes erinnert fühlen konnte, zugleich natürlich an klassischen Alternative Country. Eine ganz große Stärke war dabei eben – auch im Vergleich zur „Konserve“ – der phasenweise geradezu himmlische Harmoniegesang der beiden. „Das können sie wirklich, die Amis“, meinte Kollege Dave mit anerkennendem Augenzwinkern.

Deutlich wurde auch, dass Budwig tief in der genretypischen Tradition des Geschichtenerzählens verwurzelt ist. Es sind einfache, aber prägnante Geschichten, in denen als Leitthema immer wieder das Spannungsfeld zwischen Heimweh und Fernweh oder, weiter gefasst, zwischen Ankommen und Abschied nehmen, aufscheint – für einen Künstler, der so wie Budwig mindestens das halbe Jahr fern der Heimat durch kleine Clubs tingelt, ein naheliegendes Sujet. Auch die Frage, wie sich unter solchen Umständen tragfähige Beziehungen aufbauen, halten und gestalten lassen, schimmerte immer wieder durch. (Dass so ein Tourleben kräftezehrend und anstrengend ist, konnte man zwischen den Zeilen ebenfalls herauslesen: John Nuhn erwähnte gegen Ende, dass er nur zwei Tage nach dem Innsbruck-Konzert schon wieder daheim in Idaho an der Uni erwartet werde.)

Inhaltlich wie musikalisch war die Bandbreite an diesem Abend beachtlich: Einige der Songs wiesen erstaunlich viele Brüche und Wechsel auf, mit komplexeren Dramaturgien, als man anfangs vielleicht geglaubt hätte. Der Grundton war dabei teils melancholisch und emotionell, letztlich aber doch harmonisch und optimistisch. Von den Abgründen, von der schonungslosen Härte und Düsternis, wie sie in vielen guten Country-Songs lauern – man denke nur an Townes Van Zandt oder natürlich den späten Johnny Cash – war hier nur wenig zu merken.

Budwig mag es vielmehr, von den scheinbar kleinen Dingen und Momenten zu erzählen – was bei anderen Sängern vielleicht spießig und allzu gefällig wirken würde, hier aber durchaus stimmig war. Zumal Budwig seine Lyrics auch mit lakonischem Humor würzt, etwa in einem Song über starken Kaffee und starke Gefühle:

„You got me drinkin‘ strong coffee / And I know it’s bad for my health.“

Dass Budwig zuletzt, wie er an einer Stelle erzählte, sehr viel Motown-Soul gehört habe, war zwar nicht wirklich herauszuhören. Aber die bescheidene, zugleich gestelzte Anmoderation eines offenbar Soul-beeinflussten Liedes gelang immerhin sehr charmant: „This one is hopefully from the groovier realm …“

Zwischendurch griff Budwig auch ein paar Mal zur Trompete, nicht zuletzt als Verneigung vor dem großen Miles Davis. Woher das hin und wieder punktgenau einsetzende Tamburin kam – wahrscheinlich wurde es einfach vom Mischer eingespielt – konnten wir als Zuhörer hingegen nicht klären. Na gut, wir haben uns auch gar nicht um Aufklärung bemüht. Und die Vorstellung eines „mystery tambourine“ ist eh viel schöner!

Hin und wieder verfiel Budwig in eine Art Talking Blues – oder in diesem Fall eher Talking Folk oder Talking Country -, was sehr gut zu seiner Art des Geschichtenerzählens passt. In einer anrührenden Anekdote erinnerte er sich zum Beispiel an ein Erlebnis aus seiner Kindheit, als er mit seinem Vater eine Straße überqueren wollte und fast überfahren worden wäre. Die Reifenspuren am Asphalt hätten sich für immer in sein Gedächtnis eingeprägt, meinte er.

Skurril und surreal war dagegen die – besonders schwungvoll dargebotene – Geschichte einer laaangen Autofahrt bei brütender Hitze. So heiß sei es im Fahrzeuginneren gewesen, dass der Kaffee im Becherhalter zu kochen begann, prahlte Budwig, „and the cigarette lit itself“. Von einer funktionierenden Lüftung war natürlich keine Rede – und er als Fahrer habe die Fenster einfach nicht herunterbekommen. Daher die titelgebende Aufforderung an die Begleiterin:

„Sarah, roll down my window / I can’t make it on my own …“

Merke: Es gibt kein Thema, über das man keinen Song schreiben könnte.

Besonders anrührend gelang auch die Liveversion von „Captain, Dreamer“: Laut Budwig ist dieser Song von riesigen Frachtschiffen inspiriert, die vor der US-Westküste anlegen, deren Besatzung aber oft nicht amerikanischen Boden betreten dürfe. In genau diese beklemmende Lage versetzt sich Budwig hier – und gewinnt ihr einfache, aber umso poetischere Zeilen ab:

„Always homeless / but never free / Lost at shore / And lost at sea“.

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Secret Rocks Medical World

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 19:
RAMONES – SHEENA IS A PUNK ROCKER (1977)

Ich glaub, ich war noch keine 16 Jahre alt, als ich zum ersten Mal die Ramones im Fernsehen sah. Ich war auf der Stelle begeistert, da ich mir nicht erklären konnte, wie man so schnell in die Seiten hauen konnte. Wie machen die das, wie zur Hölle kann man so schnell spielen? Jeans, Lederjacken, Beatles-Haarschnitt und Mickey-Mouse-T-Shirt, und dann noch diese Posen! Keine Ahnung mehr, wie die Sendung hieß, aber den Song habe ich mir bis heute gemerkt: Sheena Is A Punk Rocker! Ich war jedenfalls auf der Stelle ein Fan.

„One, two, three, four!“
– Dee-Dee Ramone, vor jedem (!) Ramones-Song

Der eigentliche Grund für die heutige Auswahl ist ein kürzlicher Trip nach Berlin. Das weltweit einzige Ramones-Museum steht in Berlin-Kreuzberg, da ist ein Besuch natürlich Pflicht. Doch warum ausgerechnet in Berlin?

Dee Dee Ramone, Bassist der Ramones, war ein GI-Kind und lebte bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr in Berlin, was wohl auch auch der Grund sein dürfte, wieso die Stadt oft in den Texten der Band referenziert wird. Mir war das jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt.

Zudem war Dee Dee auch medizinisch innovativ, was folgendes Fundstück aus dem Museum bezeugt.

Ramones Discover Eternal Youth

Und damit haben wir unsere heutige Ramones-Trivia-Runde schon wieder abgeschlossen, es bleibt nur noch zu sagen: Hey, ho! Let’s go!

Avantgardistisches Wiegenlied

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 18:
HATIS NOIT – ILLOGICAL LULLABY (2018)

Regelmäßigen Lesern dürften die Unregelmäßigkeiten aufgefallen sein: Ja, wir hier am Blog haben ordentlich mit dem Track der Woche zu kämpfen. Und so wird daraus nicht selten eher ein „Track der zwölf Tage“ oder „Track der zweieinhalb Wochen“.

Im Bewusstsein, dass unsere Zeitbudgets knapp und das Fleisch generell schwach ist, haben wir uns zwar eigentlich darauf verständigt, dass „fünf Zeilen reichen“. Aber der Ehrgeiz packt die Autoren dann doch jedes Mal aufs Neue – und auch ich merke gerade, dass sich mein heutiger Vorsatz „Diesmal wirklich nur fünf Zeilen“ schon jetzt nicht mehr ausgeht.

Sei’s drum, ich werde mich ausnahmsweise jedenfalls wirklich knapp halten: Schließlich weiß ich über den Track der Woche, „Illogical Lullaby“, eh so gut wie gar nix. Ich weiß nur, dass er erst seit nicht einmal einer Woche online ist (so flott war unser notorisch entschleunigter Blog noch nie!), dass ich ihn gestern rein zufällig beim Duschen auf Ö1 gehört habe (ja, ich höre beim Duschen manchmal Ö1) – und dass ich sofort gefangen war und wissen wollte: Wer ist das? Wer singt da?

Wer da singt, ist Hatis Noit, eine junge japanische Vokalistin, die inzwischen in London lebt. Wie den (bisher angenehm spärlichen) Informationen über die Künstlerin zu entnehmen ist, schöpft sie aus unterschiedlichsten Quellen – etwa aus dem höfischen Musikstil Gagaku, der in Japan seit dem 7. Jahrhundert gepflegt wird, generell aus buddhistischen Gesängen, zudem aus der Klangwelt der Gregorianischen und vergleichbaren Choräle, aus Avantgarde und Pop.

Das Ergebnis ist entrückt, ja fast überirdisch klingende Vokalmusik ohne erkennbaren Text (zugegeben, wenn es Japanisch wäre, wäre es für mich auch kein erkennbarer Text). Jedenfalls geht es hier ganz offenkundig um den Klang der Stimme, nicht um etwaige Inhalte, die sonst meist über Gesang transportiert werden. Worte werden hier zu Lauten, zu reiner Musik – und wir können uns endlich einmal ganz von der im Pop so verbreiteten Textfixierung lösen.

Mancher Hörer wird hier vielleicht an die erhebende Vokalmusik von Julianna Barwick denken, die bei uns am Blog ebenfalls schon einmal in einem Track der Woche präsentiert wurde, oder zum Beispiel an die experimentellen Klänge von Laurel Halo.

Zugleich spricht dieses avantgardistische Wiegenlied aber eine tiefer schlummernde Ebene in uns an: Der Titel „Illogical Lullaby“ trifft es perfekt: Jede Art von tranceartiger, hypnotisierender Musik hat ja irgendwie etwas Betäubendes, Einschläferndes, eben Schlafliedartiges an sich – und damit auch etwas Beruhigendes, Schützendes und mütterlich Tröstendes. Nicht umsonst hängen die lautmalerischen Wörter „Lullaby“ und „einlullen“ etymologisch zusammen. Und irgendwo zwischen Wachzustand und Traum lässt man dann (hoffentlich) auch die Regeln der Logik hinter sich.

„Illogical Lullaby“ (wie auch die zugehörige EP „Illogical Dance“) entstand in Zusammenarbeit mit den US-Experimentalelektronikern Matmos – was im Track ab ca. dreieinhalb Minuten besonders gut zu hören ist, wenn so etwas wie ein rudimentäres Beatgerüst einsetzt. Magisch!

Kontrollierte Ekstase

Konzertbericht: EDOM, Kulturfabrik Kufstein (KuFa-Bar), 2. März 2018

Für das Leben wie für die Musik gilt: Erwartungen sind eine seltsame Sache. Manchmal werden sie enttäuscht – und trotzdem (oder gerade deswegen?!) ist man am Ende glücklich und zufrieden. Mit Edom ist es mir gestern Abend in der Kulturfabrik genau so ergangen.

Nicht dass ich im Vorfeld viel über die Formation und die beteiligten Musiker gewusst hätte (ohne großes Vorwissen und damit möglichst unvoreingenommen in Konzerte zu gehen, empfinde ich oft sogar als Vorteil). Aber schon das Wenige, das ich wusste – es handelt sich hier um in New York ansässige Künstler aus dem Dunstkreis des Avantgardejazz-meets-Experimental-Noise-Meisters John Zorn und seiner „Radical Jewish Music“ – legte meine Erwartungen fest: Diese Musik würde lärmig und abstrakt klingen, sperrig und dissonant, schwer zugänglich und für ungeübte Ohren möglicherweise recht anstrengend.

Die Realität stellte sich dann ganz anders dar: Das Sounduniversum von Edom entpuppte sich als deutlich zugänglicher, „straighter“ und vor allem grooviger als erwartet. Mit anderen Worten: Eine völlig andere Klangbaustelle als das um maßgeschneiderte John-Zorn-Kompositionen kreisende Avantgarde-Projekt Abraxas, mit dem Bassist Shanir Ezra Blumenkranz und der aus Israel stammende Gitarrist Eyal Maoz schon zweimal in Kufstein zu Gast waren (beide Male habe ich unverzeihlicherweise versäumt). Blogkollege Johannes, der Abraxas erst kürzlich im Stromboli Hall erlebt hatte, bestätigte diesen Eindruck: Im direkten Vergleich klingen Edom ungleich zugänglicher und, ja, poppiger. Aber dazu kann Johannes hier bei Gelegenheit ja vielleicht selbst mehr erzählen …

Nur damit kein falscher Eindruck entsteht: Edoms wirbelnder Mix aus instrumentalem Avant-Rock, Fusion Jazz und jüdisch-nahöstlichen Klangfarben klingt immer noch laut, schräg und experimentell genug, um den Großteil der Middle-of-the-Road-Musikhörer zu verschrecken. Aber das Ergebnis ließ phasenweise eher an fast schon klassischen Psychedelic-, Space- oder Jam-Rock denken als an radikalen Avantgarde-Trancemetal.

Dazu trugen sicher vor allem die dominanten Synths des furiosen Tastenmanns Brian Marsella bei, die im Gesamtkontext vielleicht gewöhnungsbedürftig sein mochten – mich persönlich durch ihre atemlose Rasanz und pure Energie aber besonders elektrisierten.

 

Überhaupt, was für brillante, dabei uneitle Musiker! Statt ihre Virtuosität selbstverliebt zur Schau zu stellen, schienen alle in erster Linie fürs Kollektiv zu arbeiten und zu denken. Hier drängte sich niemand in den Vordergrund, erst recht nicht der nominelle und faktische Frontmann Eyal Maoz, der in seinem Auftreten wie bei seinen perlenden Gitarrenfiguren Understatement übte – und damit umso mehr zu beeindrucken wusste. In Summe hatte man den Eindruck von vier gleichberechtigten Frontmännern, die ineinandergriffen wie Zahnräder, aber eben nicht maschinenhaft, sondern leichtfüßig und elegant. Selbst Momente freier Improvisation (sofern solche für den Laien überhaupt zu erkennen sind) und lärmiger Ekstase wirkten stets kontrolliert und souverän – im positivsten Sinne.

Schön auch, die Kommunikation zwischen den Musikern zu beobachten: Ein kurzes Kopfnicken hier, ein kurzer Augenkontakt da, hin und wieder ein breites Grinsen oder zwei, drei kurze Sätze – und schon lief das Werkl wieder weiter wie geschmiert.

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Kalte Klänge für kalte Tage

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 17:
ERIC HOLM – STAVE (2014)

Wir haben temperaturtechnisch eine sehr ambivalente Woche hinter uns. Vor allem Mitte der Woche gab es Minusgrade jenseits der 20 trotz Sonnenschein, dann wieder beinahe T-Shirt-Wetter, schneidende Eiseskälte in der Emotionslandschaft jener Singles, die den Valentinstag etwas zu ernst nahmen, dahinschmelzende Herzen bei manch anderen, dahinschmelzender Schnee auf matschigen Gehsteigen, die anschließend erneut zugeschneit werden, dann wieder Sonne. Nach den momentanen paar Tagen angenehmer Schönwetter-Verschnaufpause schreiten wir schon wieder geradewegs der nächsten Kaltfront entgegen. Es wird also höchste Zeit für den passenden Soundtrack dazu.

Es gibt viele Mittel und Wege, wie man mit Musik den frostigen Tagen des Jahres Tribut zollen kann. Gewiss können entsprechende Songtexte innere Bilder von arktischem Schneetreiben hervorrufen, Samples von Schneetreiben oder ähnlichen eisigen Soundkulissen können ebenfalls für Kopfkino sorgen, aber in den meisten Fällen ist es eher die Musik an sich, welche widerspenstige Kälte ausstrahlt. Ganze Instrumente und ihre Klangfarben werden von Hörern als „warm“ oder eben „kalt“ erlebt und bezeichnet. Oft sind es harmonische, konsonante und organisch anmutende Klänge, die als warm beschrieben werden. Die Abwesenheit dieser Eigenschaften wirkt für die meisten Hörer als unterkühlt, auch wenn letzten Endes jeder Mensch Musik anders einschätzt und das musikalische Konsonanzempfinden für verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen ein wenig variiert. Auch Hörgewohnheiten spielen eine Rolle. Jemand, der öfters mit Musikrichtungen wie Noise, Drone oder Metal in Berührung kommt, hat vermutlich weniger Probleme, hinter den Wänden aus Verzerrung, Feedback und Störgeräuschen auch „warme“ Klänge ausfindig zu machen als andere Menschen.

Trotz aller Geschmacksfragen will ich hier stocksteif behaupten, dass dissonante, maschinell-industrielle und sterile Sounds unterkühlt wirken. Urban und entfremdet eben. Eine weitere Assoziationshilfe ist alles, was aus dem hohen Norden stammt. Denn Musiker, die aus kalten Gegenden mit wenigen bis teilweise gar keinen Sonnenstunden stammen, lassen dies sicher in ihre Zunft einfließen und können folglich ja nur dunklere Musik produzieren, oder? Ich weiß ja nicht.

Der Londoner Produzent Eric Holm hat es auf seinem Debutalbum „Andøya“ jedenfalls geschafft, sowohl das Maschinelle als auch das Nordisch-Winterliche zu verbinden, und das auf recht ungewöhnliche und innovative Art und Weise. Sämtliche Geräusche, die auf dem Album zu atmosphärischen und mysteriösen Dark Ambient Soundflächen verwandelt wurden, entstammen einem Kontaktmikrofon, welches Eric Holm an einem Telegrafenmast auf der titelgebenden nord-norwegischen Insel Andøya anheftete. Jene Masten verbinden offenbar eine Reihe alter militärischer Abhörstationen, und auch wenn (oder gerade weil) ich mit der Technik von Kontaktmikrofonen und Funkmasten nicht vertraut bin, erstaunt mich umso mehr, was für Geräusche diesem Prozess zu entnehmen sind und welch vielseitige industrielle Soundskulpturen ein versierter Produzent aus ihnen herauskitzeln kann. Die sechs Tracks auf „Andøya“ folgen alle einem recht linearen Aufbau, führen ein Soundmuster ein, welches im Verlauf an Detailtiefe und Intensität zunimmt und irgendwann wieder abschwillt. Doch jeder einzelne Track beherbergt andere Charakteristiken. Dem voluminösen, bis ins Unendliche widerhallenden Pochen von „Stave“ könnte man am ehesten noch einen organischen Soundursprung zuschreiben, überdimensionierte Klanghölzer oder dergleichen, wenn da nicht das statische Zischen und Rauschen wäre. In anderen Stücken sind es eher die tiefen Sub-Bässe, welche bedrohlich grollen und sich vor dem Hörer aufbäumen. Manchmal fühlt sich ein Track auch sehr elektronisch an, auditive Halluzinationen unter einem Hochspannungsmasten in der einsamen Prärie. Und das ominöse Fiepen des Rausschmeißers „Andøya“ könnten genauso gut ferne, verzerrte Streichinstrumente sein und lässt an klassische Lustmord-Alben denken.

Und auch, wenn das Ergebnis dieses nordischen Soundexperiments sehr gelungen ist und die Auseinandersetzung mit widerspenstigen Klängen generell etwas sehr Lohnendes haben kann, und auch wenn es sehr nett ist, für atmosphärische Musik auch das entsprechende Klima vor der Haustür zu haben, sehne ich jetzt trotzdem stabileren und wärmeren Tagen mit mehr Sonnenstunden entgegen.

 

Lass den Elch an dir vorübergehen. Ein neuer Song und neun weitere Gründe, warum das Erste Wiener Heimorgelorchester vielleicht meine österreichische Lieblingsband sind

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 16:
ERSTES WIENER HEIMORGELORCHESTER – DIE LETTEN WERDEN DIE ESTEN SEIN (2018)

Weil Blogautor Stefan Pletzer, seines Zeichens Obmann des Österreichischen Quizverbandes, chronisch „busy“ ist (wie wir in der Quizbranche sagen), springe ich mal wieder beim Track der Woche ein. Aber Steff wird zumindest indirekt präsent sein – denn kurioser- und völlig ungeplanterweise dreht sich dieser Bericht auch um den rätselhaften Themenkomplex Quiz.

Apropos rätselhaft: Das kreative Spiel mit der Sprache, mit ihren doppelten und dreifachen Böden, ihren Geheimgängen, Irrwegen und überraschenden Wendungen und nicht zuletzt mit ihrer klanglichen Qualität, hat gerade in der österreichischen Literatur und Popkultur eine lange Tradition: Diese reicht von Nestroy (mindestens) über hauptamtliche Experimentallyriker wie Ernst Jandl oder Friederike Mayröcker bis hin zum großen HC Artmann.

Bei Kabarettisten und Satirikern (Werner Pirchner, Ludwig Müller etc.) findet man die Lust an dadaistischen Wortspielen und bunter Lautmalerei genauso wie bei bekannten Bands, von Attwenger über diverse Rapformationen wie z. B. Texta bis hin zu den Superstars Bilderbuch, die gepflegte Doppelbödigkeit (Stichwort: Plansch, plunge …) ebenfalls zu schätzen wissen.

Aber niemand beherrscht das Um-die-Ecke-Singen, die Verbindung von Musik und Sprachspiel, von lautmalerischer Form und cleverem Inhalt, überzeugender als das Erste Wiener Heimorgelorchester (kurz: EWHO).

Das Quartett, das live – wie die humorvollen Söhne von Kraftwerk – hinter nerdigen Mini-Synthesizern und -Keyboards angewandten Bühnenstoizismus praktiziert, knöpft sich die Wörter und Silben gnadenlos vor, dreht und wendet, schüttelt und mixt sie, bis den Sprachbestandteilen am Ende selber ganz schwindlig im Kopf ist.

Bestes Beispiel ist die brandneue Single „die letten werden die esten sein“:
Zugegeben, die Herren vom Ersten Wiener Heimorgelorchester sind sicher nicht die Esten, äh, die Ersten, denen das titelgebende Wortspiel eingefallen ist. (Ich selbst wollte mir genau diesen Satz schon mehrfach als Teamnamen für das berühmt-berüchtigte Weltquiz merken. Genauso übrigens das Wortspiel „Wurst-Käs-Szenario“. Aber auch daraus hat das EWHO schon längst einen Song gemacht).

Die Ausgangsidee ist also vielleicht nicht ganz neu. Aber was die vier Wiener daraus machen, ist dafür umso origineller. Sie ziehen das Grundprinzip nämlich einen ganzen Song lang durch, lassen bei unterschiedlichsten Wörtern an entscheidender Stelle einen Buchstaben weg – und genießen die völlig neuen, oft verblüffenden inhaltlichen Assoziationen, die sich dadurch ergeben:

Im Himmel wie auf Eden. Lass den Elch an dir vorübergehen. Nutze jede noch so keine Chance. Man soll nicht mit den Wölfen Eulen. Und und und. Jede Zeile eine kleine Intelligenzperle.

Das zugehörige, minimalistische Video ist ein Musterbeispiel für songdienliche Ökonomie statt hohlem Gigantismus:

Und wen das noch nicht restlos überzeugt haben sollte: Hier sind neun weitere Gründe, warum man das Erste Wiener Heimorgelorchester einfach mögen muss: 

1.) Das EWHO leistet sprachliche Entwicklungs-Hilfe:
Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. In einem ihrer ebenfalls brandneuen Songs verhelfen die Heimorgler der Sprache ganz buchstäblich zur Entfaltung. Und dem in der Popkultur bisher sträflich vernachlässigten Themenkreis „Fische und Wasservögel“ zu einem meerchenhaften Auftritt:

2.) Das EWHO hat den vielleicht ungewöhnlichsten deutschsprachigen Politsong ever geschrieben:
Der schöne Satz „Widerstand ist Ohm“ ist (nach dem Sieg des EWHO beim FM4-Protestsongcontest 2009) zumindest in der heimischen Alternativszene zum geflügelten Wort geworden – und zeigt die ganze schillernde Fantasie der Band: Hier geht es gleichzeitig um elektrischen und politischen Widerstand (auf beide passt die geniale Formulierung: „Gegen den Strom“) und auf einer dritten Ebene auch noch um das meditative „Ommmmmmm“. Und das ist erst der Refrain!

Hier ein recht feiner, allerdings leider rein instrumentaler Remix:

Das unerreichte Original kann, nein MUSS man sich z. B. HIER anhören.

3.) Das EWHO hat das erste (und beste) Lied zum Thema Umlaute geschrieben:
Und das Ergebnis ist ohne Ubertreibung majestatisch, koniglich, legendar:

4.) Das EWHO sucht (und findet) den direkten Austausch mit Literaten:
Ob Ror Wolf, Clemens J. Setz oder, auf dem neuesten Album, Antonio Fian: Alle haben schon Texte für das literarische Orchester beigesteuert oder ihm zur Vertonung bereitgestellt. So unverkopft kann Lyrik klingen – und doch jede Menge Köpfchen haben. Vom EWHO würde ich mir sogar einen Gedichtband kaufen. Oh, es gibt ja tatsächlich einen!

5.) Vom EWHO stammt der vielleicht originellste Wien-Song ever:
Der heißt nicht etwa „Wien, wie es einmal war“ sondern „Wien, wie es zweimal war“. Im Wien, wie es das EWHO herbeihalluziniert – und hier darf ich einen alten Blogeintrag meinerseits re-zitieren – gibt es tatsächlich alles doppelt: zwei Stephansdome, zwei Donauströme, einen doppelten Lainzer Teich – „und der Vierfachadler hängt über Kaisergruft 1 und 2“. Klar, dass auch der Sänger bekennt: „Meine beiden Herzen und meine zwei Sinne gehören Wien“.

6.) Das EWHO hat ein ganzes Kraftwerk-Album gecovert:
Und sich bei diesem gewagten Versuch nicht nur nicht blamiert, sondern, im Gegenteil, lässige LoFi-Neudeutungen von Klassikern wie „Die Roboter“, „Spacelab“ und besonders „Die Mensch-Maschine“ zustande gebracht.

7.) Das EWHO hat der Hauptstadt von Liechtenstein ein musikalisches Denkmal gesetzt:
Einer beschaulich-konservativen Kleinstadt wie Vaduz eine verruchte, anrüchige Aura zu verleihen – und zugleich wenig popaffinen Ortsnamen wie Schaan, Nendeln oder Gamprin in einen Songtext zu verhelfen – ist große Kunst. Und einmal mehr ausgesprochen (!) Weltquiz-tauglich.

8.) Das EWHO hat den ultimativen Pubquiz-Panik-Song geschrieben:
Jeder Pubquizzer – und im Grunde jeder Mensch, der irgendwann einmal eine Prüfung ablegen musste – kennt das Quizäquivalent zur Angst vorm weißen Blatt, nämlich die Angst vorm schwarzen Loch, in dem plötzlich das gesamte im Hirn gespeicherte Wissen versickert zu sein scheint. Alle Begriffe, die sonst problemlos greifbar sind, haben das Weite gesucht. Man weiß auf einmal gar nichts mehr. Genau davon handelt „Alles ist vergessen“.

Und der Satz „Mir geht es wie dem … Dings bei der Frage der Sphinx“ wäre allein schon einen Nobelpreis wert!

9.) Ein Mitglied des EWHO hätte fast die Millionenshow gewonnen – und trägt den besten Quiznamen aller Zeiten:
Um das Ganze noch verblüffender zu machen – denn das wusste ich vor der Recherche für diesen Beitrag wirklich nicht -, möchte ich zum Schluss noch auf einen ganz direkten Konnex zwischen der Pubquizwelt und der Ersteswienerheimorgelorchesterwelt verweisen: Eines der Bandmitglieder trat 2017 als Kandidat bei der Millionenshow mit Armin Assinger auf und schaffte es bis zur Millionenfrage! (Die ich übrigens gewusst hätte – wenn ich auch nie so weit gekommen wäre). Am Ende waren es immerhin satte 300.000 Euro Preisgeld.

Und, um die Sache ein weiteres Mal zu toppen: Der betreffende Kandidat, Schriftsteller und EWHOler trägt den schönsten Quiznamen der Welt. Er heißt nämlich Daniel WISSER.

Eigentlich ein allzu naheliegendes Wortspiel. Aber eines, dass am Ende dieses Textes einfach sein muss.

Hier klingt’s nach Pisse!

Konzertbericht: PISSE (Support: JANÖSCH), PMK Innsbruck, 4/02/2018

Und da heißt es oft: Heutzutage sind keine Pionierleistungen mehr möglich, alles wurde schon irgendwann irgendwo von irgendwem gemacht. Ich kann mit Stolz den Gegenbeweis antreten: Zuerst zum Mullerlaufen in Thaur, abends dann zur radikalen Punksause in die PMK – diese bizarre sonntägliche Kombination hat in der Menschheitsgeschichte vor mir noch keiner vollbracht. Behaupte ich jetzt einfach mal.

Nicht, dass das eine besondere Leistung wäre. Aber außer einer gewissen Tendenz zur Anarchie, die beiden Veranstaltungen gemeinsam war, hätte der Kontrast definitiv nicht größer sein können – und die Schnittmenge (= ich) im Publikum praktisch nicht kleiner.

Den ohrenbetäubenden Aufakt (in der PMK, nicht beim Mullerlaufen) lieferten Janösch aus Innsbruck: Brutal geknüppelter Hardcore-Punk mit klanglichem Naheverhältnis zum Metal, wobei der Hauptunterschied in der Länge der Songs (niedrig) und dem Politgehalt (hoch) lag.

Für meinen persönlichen Geschmack war das Ganze – trotz politisch aufgeladener Sprachsamples – deutlich zu brachial und humorlos, dafür aber mit viel gerechtem Zorn gespielt, etwa gegen die „Bonzenstadt Innsbruck“ mit ihren Schlaf- und Alkoholverboten.

Wie sagte es der Ankündigungstext: „Subtil wie ein Faustschlag ins Gesicht“. Oder subtil wie das T-Shirt des Drummers, auf dem der in Tirol so populäre „Es gheat oanfach viel mehr gschmust/glesn etc.“-Spruch kurzerhand in „Es gheat oanfach viel mehr ogstochn“ geändert wurde. Das Publikum ging jedenfalls schon hier vorbildlich ab. So wie im Anschluss bei „Pisse“.

Pisse – schon mal ein exzellenter Name für eine Punkband. Und auch schon alles, was ich im Vorfeld über die Formation wusste. Jetzt ist das übrigens nicht viel mehr, denn Pisse scheinen jede Art von Hey-Wir-spielen-in-einer-Band-Getue oder Personenkult zu verabscheuen. Auch ihr Wikipedia-Eintrag macht das deutlich, wo unter „Aktuelle Besetzung“ Folgendes zu finden ist:

Gitarre, Gesang: Ronny
Schlagzeug: Ronny
E-Bass, Theremin: Ronny
Synthesizer: Ronny

Pisse, so viel ist noch in Erfahrung zu bringe, kommen aus Hoyerswerda in der Oberlausitz (Sachsen), ein Name, den man hierzulande höchstens mit brutalen Neonazi-Attacken in Verbindung bringt. Was man ansonsten noch wissen sollte: Pisse verfügen über gleich zwei Frontshouter (einer Typ asketischer Brillen-Nerd, einer Typ zorniger Wuschelkopf mit Tattoo und Muskelshirt). Und vor allem: Pisse impfen ihren harten „Minimalist Punk“ mit einer heilsamen Dosis schäbiger, jaulender, quietschender Elektronik.

Das klingt erfrischend und vital und verhindert, dass der zackige Deutschpunk ins allzu Brachiale und Martialische abgleitet – was gerade bei diesem Genre ja eine inhärente Gefahr darstellt (und mich persönlich oft ein wenig auf Distanz gehen lässt). Die fiesen Synthie-Klänge passen jedenfalls perfekt ins Klangbild, das sollten eigentlich (wieder) mehr Punkbands so machen. Fazit: Pisse fetzten live gewaltig, klangen mitreißend und energetisch – und genau das zählt bei Punk, mindestens so sehr wie die Message.

Wobei es bei Pisse an Messages erst recht nicht fehlt. Denn ihre eigentliche Stärke sind die Texte, die so sind wie ihre Songs: knapp, prägnant, hart auf den Punkt gebracht. Zu gleichen Teilen sloganhaft, illusionslos und hymnisch. Gewitzt, aber ganz weit weg von jedem Klamauk oder (schreckliches Wort!) Funpunk. Bela B. ist Fan – zurecht.

Eine Kostprobe gab es gleich zu Beginn mit „Alt sein“, einer gnadenlosen Senilitätsfantasie:

Ich möchte alt sein. / Mit einem Krückstock / Will ich einschlagen auf den Fahrkartenkontrolleur!
Und wenn ein Mädchen / Mich anlächelt / Dann ist’s mir gleich / Denn dieser Fisch laicht nicht mehr.

Zum Schluss erfährt der Song dann noch einen Dreh ins Surreale, wenn der Ich-Erzähler den Wunsch äußert, Enten zu füttern – mit Entenfutter, altem Brot und Liquid XTC.

Auch in „Drehtür“ wird die entsetzliche Trostlosigkeit metaphysisch überhöht, indem am Ende der Tod in Gestalt eines Pizzamanns erscheint. Davor heißt es, schmerzhaft präzise formuliert:

In der Drehtür des Lebens / Läufst du immer schön im Kreis / Eine tote Seele / Für die Ewigkeit.
Alles endet so / Wie es einst begann / Du liegst in deinem Bett / Und hast die Windeln an.“

Und später:
„Hier wurdest du gezeugt / hier wirst du sterben / In einem Bett von IKEA“.

Bumm! Das sitzt, das trifft den Nerv vieler Menschen, die sich wundern, warum sie in der Hochleistungs-/Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft einfach nicht so richtig glücklich werden wollen. Das Köpfenicken im Publikum hatte hier sicher nicht nur mit der Musik, sondern auch mit dem befreienden Gefühl zu tun, wenn jemand die eigene Befindlichkeit so auf den Punkt bringt, wie man es selber gerne schaffen würde.

Generell scheinen Pisse von wenig glamourösen Themen wie Alter, Krankheit und Wahnsinn geradezu besessen zu sein, etwa auch in „Ich bin der schönste Mann in der Nervenheilanstalt“ (übrigens von einem Album mit dem WTF-Titel „Mit Schinken durch die Menopause“). Auch im zackigen „Beerdigung“ treffen sie direkt in die Magengrube:

Domestizierte Langeweile / Die sie dir als Fun verkaufen / Tagsüber Selbstverwirklichung / Abends Cua Libre saufen / Tote bringt man nicht mehr um.

Ein weiteres Mal: Bumm!

Selbst erkennen darf man sich – auf welcher Seite des Spektrums auch immer – ebenso, wenn Pisse Mordfantasien auf einer Vernissage entwickeln, voller Zorn auf die an Sektflöten nuckelnden Bobos, deren Zunge „nach Arsch“ riecht – und zwar „von dem edlen Prinzen, der das alles hier bezahlt“.

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