Archiv der Kategorie: Allgemein

Reinhold Macks Erben

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 15
VULFPECK – DEAN TOWN (2016)

Beim aktuellen Track der Woche gibt die Bassline den Ton an, und zwar in „Dean Town“ von Vulfpeck. Joe Dart, die fleischgewordene Rhythmusmaschine, bedient hier den Fender-Bass und hebt die Basslinie in den Vordergrund, sie ist gleichzeitig Puls und Melodie des Tracks.

„In metronome factories, they use Joe Dart’s Dean Town bassline for timesetting and quality control.“
– YouTube-Kommentar zu „Dean Town“

Die Formation aus Michigan hat sich der tanzbaren Musik und den funky Grooves verschrieben, aber aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Ihre Helden sind Session-Musiker wie die Funk Brothers, die Hausband des Motown-Labels, wo mitunter Stevie Wonder und Michael Jackson produziert wurden, oder die Wrecking Crew, welche auf unzähligen Aufnahmen der 60er zu hören ist, u.a. auf dem Album „Pet Sounds“ von den Beach Boys. Die Band sieht sich dabei als Rhythmustruppe, spielt hauptsächlich instrumental, und bietet das Fundament für häufige Auftritte von Gastinstrumentalisten und -sängern.

Ihr größtes Vorbild dürfte jedoch Reinhold Mack sein, ein deutscher Produzent, welcher bei Electric Light Orchestra und Queen mitmischte. Vulfpeck quasi als „deutsche“ Version der klassischen amerikanischen Studio-Band.

„Talk about space, you could rent out the space between the kick drum and the snare drum in New York, for fifty-hundred dollars a month.“
– Jack Stratton (Vulfpeck) über Reinhold Macks Arrangement von „Another One Bites the Dust“

Doch Vulfpeck geben sich auch als Wissenschafter. Bis ins Detail werden Songs und Sounds studiert und zerlegt: Wieso groovt dieser eine Song bloß so? Im Videoformat „Holy Trinities“ wird den unbekannten Akteuren gehuldigt, jenen Musikern und Produzenten, welche oft hinter großen Studio-Produktionen stehen. Besonders zu empfehlen ist hier die Folge „Guitar“, in der Vulf Jack Stratton einen Dialog zwischen David Bowie und Chic-Urgestein Nile Rodgers zitiert.

Nile Rodgers: „David, do you think I made this too funky?“
David Bowie: „Nile darling, is there such a thing?“

Dabei wird es sich wohl um die Session zu „Let’s Dance“ gehandelt haben, der Bowie-Song wurde von Nile Rodgers produziert.

Wie oben zu erkennen, spielt der Humor eine sehr große Rolle in der Band. Ihre Live-Auftritte erinnern mitunter an Fernsehsendungen aus den 70ern wie etwa Midnight Special: Es wird viel posiert und dauernd kommentiert, Jack Stratton scheint eine kleine Plaudertasche zu sein.

Besonders möchte ich auch noch auf die Ästethik der Videoproduktionen hinweisen. Das ist etwas komisch, da ich an sich keine Musikvideos mag. Aber die von Vulfpeck mag ich: Meist sieht man die paar Herren in der Session, oft kommt noch eine komische Komponente dazu, wie z.B. bei „Cory Wong“, wo man zu den bewegten Bildern das Drehbuch lesen kann.

SWISH PAN: JOE bass fill

WOODY smiles. A common reaction to a great bass fill.

Ganz nebenbei entwickelte die Band bei einer Musikaufnahme-Software mit, um einen Sound mit dem richtigen Punch sicherzustellen, und kreierte eine eigene Schriftart (!). Ja, im Universum von Vulfpeck tut sich einiges.

Vielen Dank an dieser Stelle an meinen Bandkollegen Mex, welcher die Band vor Kurzem in einer längeren Autofahrt ausführlich präsentierte.

Jetzt aber genug, wir wollen diese elektrisierende Basslinie endlich hören!

Tiroler Magie, die auch international verzaubert

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 14
MOLLY – GLIMPSE (2017):

Fantastische Shoegaze/Dreampop/Post-Rock-Klänge – aus Tirol?? Die ungläubigen Fragezeichen kann man sich getrost sparen – wie ja überhaupt die Vorstellung, dass aufregende und innovative Musik nur in den großen Zentren der Popkultur entstehen könne, ziemlich borniert ist. Kreative Köpfe und spannende Entdeckungen gibt es schließlich überall.

Dennoch war auch ich beim ersten Hören überrascht, WIE gut das 2014 in einem Tiroler Probekeller formierte, inzwischen in Innsbruck und Wien beheimatete Duo Molly wirklich klingt – wie elegant und, im besten Sinne, abgeklärt und souverän.

„Glimpse“ heißt die jüngste, nunmehr dritte EP, die Anfang Dezember als limitiertes 12-Inch-Vinyl auf dem britischen Label Dalliance Recordings erschienen ist. „Glimpse“ heißt auch die A-Side, ein acht Minuten schwerer, kontrast- und spannungsreicher Brocken Musik, der Lars Andersson (Gesang, Gitarre) und Philipp Dornauer (Drums, Synthesizer) alle, nein: genau die richtigen Register ziehen lässt. Und der national wie international bereits beachtliche Resonanz gefunden hat.

Schon zum wiederholten Male Lob auf der US-Plattform Stereogum, Song des Tages auf der britischen Independent-Seite The Line of Best Fit, Features in deutschen Medien oder gar auf der Website des russischen Rolling Stone (ja, den gibt es tatsächlich): Keine Frage, das Talent von Molly spricht sich gerade ziemlich herum.

Hierzulande natürlich auch auf FM4: Dort waren die beiden nicht nur in den Jahrescharts bestens vertreten (Platz 56), sondern zuletzt z. B. auch Soundpark-Act des Monats samt Session im Studio2 und mehreren großen Features.

Auch internationale Liveshows haben Molly schon einige bestritten, darunter einen offenbar vielbeachteten Auftritt beim Showcase-Festival The Great Escape in Brighton oder auch eine erste Europatournee (u. a. im Vorprogramm von Xixa).

Der Blick in die Kommentarsektion der Videoportale, den man ansonsten bekanntlich eher vermeiden sollte, zeigt ebenfalls, dass die Musik der jungen Tiroler vielerorts begeisterte Hörer findet – von Brasilien bis zu den Philippinen, von China bis Honduras, im englischsprachigen Raum sowieso. Kurz gesagt: Eine beachtliche internationale Karriere scheint für Molly durchaus möglich.

Und womit? Mit Fug und Recht, wie u. a. der Track „Glimpse“ beweist. „Dreamy alpine airiness“ steht im Beipackzettel der Plattenfirma – und das trifft es nicht schlecht: Molly lassen ihre Musik atmen, statt in jugendlichem Ungestüm (btw, nichts gegen jugendliches Ungestüm!) zu viel auf einmal zu wollen. Sie nehmen sich Zeit und Raum, um Dramaturgie und Atmosphäre umso wirkungsvoller zu entfalten. Die Melodie schält sich so erst nach und nach aus dem Rauschen und Dröhnen, der sanft verhallte, verwehte Gesang setzt erst nach über zwei Minuten ein. Etwa zur Halbzeit nehmen Wucht und Dynamik spürbar zu, bis Molly das Stück in ein gewaltiges, düster lärmendes Finale münden lassen. Aus dem Lufthauch ist da längst ein Sturmwind geworden.

Dazu gibt es ein meditatives bis milde verstörendes Video mit dem einmalig-einzig-echten Mike Zangerl:

Wie fachgerecht Molly es verstehen, die genretypische Soundwand aus verwaschenen, Effektpedal-getriebenen Gitarren und Synthesizerflächen aufzuziehen, ist an sich schon beeindruckend – umso mehr aber, wenn man bedenkt, dass da eben nur zwei Musiker am Werk sind. Mit Anfang 20 noch dazu zwei sehr junge.

Auch die B-Seite der EP – mit „Time And Space“ und „Time And Space Pt. 2“ – weiß zu überzeugen. Wenn in es in Teil eins etwa nach mehr als dreieinhalb Minuten zum Bruch kommt und plötzlich sphärischer Gesang in hoher Tonlage einsetzt, denkt man nicht nur an Shoegaze-Genreväter wie Slowdive oder My Bloody Valentine, sondern mindestens ebenso sehr an  skandinavische Atmosphäriker wie Sigur Ros – die Molly ebenfalls als Einfluss nennen.

Die Wucht, mit der das alles daherkommt, etwa auch in der hymnischen, 2015 veröffentlichten Debütsingle „Sun, Sun, Sun“, hebt Molly auch wohltuend vom bisweilen etwas blutleer und akademisch anmutenden Post-Rock-Genre ab, während Laut-Leise-Dynamik und effektvolle Dramaturgie dafür sorgen, dass sie nie in allzu einförmiges Schuhestarren verfallen.

Apropos: Molly sind nicht nur Studiotüftler, sondern gelten auch und vor allem als tolle Liveband – als solche konnten sie, wie man liest, übrigens auch ihren jetzigen Labelboss überzeugen. Nachprüfen kann man diese wahrhaft hypnotisierende Qualität nun auch in einem 45-minütigen, in einer Tiroler Bogenschießarena zwischen Plastikbäumen und künstlichen Tieren aufgenommenen Konzertfilm. Nachprüfen sollte man das aber natürlich vor allem bei einem der Auftritte des Duos. Ich zumindest habe mir das fix vorgenommen.

2018 dürfte sich dafür hoffentlich doch die eine oder andere Gelegenheit eröffnen – heuer soll es nämlich nicht nur ein Debütalbum geben, sondern auch eine Europatournee. Go for it!

FOTONACHWEIS: NIKO HAVRANEK

Ein Stück Einfachheit

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 13:
OH SEES – NITE EXPO (2017):

Das Dasein als Garagenrockband stellt man sich oftmals so vor, wie der von ihnen produzierte Sound klingt: schnörkellos, geradeaus, unverkopft und nicht zuletzt sehr kurzweilig. Und auch, wenn Thee Oh Sees (alternativ auch einfach Oh Sees, The Oh Sees, The Ohsees, OCS, oder wie auch immer Mastermind John Dwyer und seine Mitstreiter gerade genannt werden wollen) sicher noch genug vom bewusst roh und wild gehaltenen Sound in ihrer Musik tragen, so ist die vielbeschäftige Band doch weit vom stereotypischen Vorstadt-Garagenprojekt entfernt.

Zum einen sind die Jungs bei weitem keine Teenager mehr und die Band existiert mittlerweile bereits seit mehr als 20 Jahren. In dieser stattlichen Laufbahn brachte das unermüdliche Kollektiv, wenn man den öfters mal wechselnden Musikerkreis rund um Dwyer so nennen will, sage und schreibe 19 Studioalben heraus. Zum anderen beschreibt „Garage Rock“ höchstens das Fundament und die Soundästhetik der Musik und wird der regelrechten Wundertüte an Genrespielereien und Ideen, die auf jedem ihrer Alben auf die Hörerschaft losgelassen werden, nur ansatzweise gerecht.

Auf dem aktuellen Album „Orc“ finden sich nicht selten schwere  Riffs, die am Metal-Territorium kratzen, Rücken an Rücken mit Synthesizern, welche die Gitarren entweder begleiten oder ihr völlig eigenes Retroding durchziehen. Droniges, zähflüssiges Gitarrengewaber wird von Streichinstrumenten begleitet, das Drummer-Doppelpack (!) entführt das Songgerüst und gibt es erst nach einem mehrminütigen Solopart wieder her, der dumpfe Bass reitet wellenartig auf und ab, bis selbst der Sänger nur noch ein in Delay getränktes Japsen hervorbringt. Oh ja, und Psychedelia! Das Album spart nicht mit diversen Facetten psychedelischer Musik, ob nun zeitgemäße Heavy Psych Jamparts oder auch direkt von krautig-kauzigen Bands der 60er und 70er entliehene Versatzstücke.

Aber trotz aller Verspieltheit, der Kern bleibt. Wenn nicht gerade völliger Virtuoso-Wahnsinn passiert, ist man im Garagensound daheim. Es scheint immer noch hauptsächlich darum zu gehen, Spaß zu haben, nicht lange zu fackeln und seine Ideen als Band zu realisieren. Spaß und Rückbesinnung auf einfachere Zeiten waren laut Pressetext auch Hauptgrund dafür, rund um Halloween ein sehr einfaches und verspieltes Musikvideo zum Song „Nite Expo“ zu veröffentlichen. „Imagination running wild and no thoughts of a heavy world.“

Track schön und gut, aber eigentlich handelt es sich hier eher um das Musikvideo der Woche. Jede Sekunde des von Alex Theodoropulos handgezeichneten Videos hat diesen „so bad it’s good“-Charme uralter Cartoonserien. Es ist irgendwie herrlich absurd, mit anzusehen, wie der Protagonist über die Länge des Songs hinweg einfach nur durch einen schier endlosen Tunnel stapft und mühelos ein plump und simpel animiertes Monster nach dem anderen zerschnetzelt. Und als würde man nicht ohnehin bereits kopfkratzend mit einer Mischung aus Belächeln, Unterhaltung und Verwirrtheit vor dem Bildschirm hocken und sich Gedanken um Sinn und Unsinn dieses farbenfrohen Monsterblutbads machen, wartet das Ende des Videos mit einem Outro auf, wo endgültig bei jedem entweder Fassungslosigkeit oder Gelächter eintreten dürfte.

Unabhängig davon, ob man dieses simple Video jetzt auf seine eigene Art und Weise charmant und unterhaltsam oder eben total bescheuert findet, darf man sich den Song und auch das dazugehörige Album gerne zu Gemüte führen.

Wagemutiger Post-Punk mit gewaltigem Suchtfaktor

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 12:
MISSION OF BURMA – NICOTINE BOMB (2004):

Österreich hat ein Rauchverbot, das nun doch nicht kommt. Kim Jong-un und Donald Trump haben Atombomben, die ihnen einen medienwirksamen Phallusvergleich ermöglichen. Doch Mission Of Burma haben etwas viel Besseres: eine Nikotinbombe!

„Nicotine Bomb“ stammt von ONoffON, jenem grandiosen Album, mit dem die einflussreiche Post-Punk-Band aus Boston 2004, 22 Jahre (!) nach ihrer letzten Studio-LP, triumphal zurückkehrten. Triumphal, was das Kritikerlob angeht, wohlgemerkt, denn eine kommerziell erfolgreiche Band waren Mission Of Burma nie.

Dafür eine umso einflussreichere: Mit ihrem rauen, dringlichen Sound, der die Wucht und Kompromisslosigkeit des Punk mit dem Gespür für betörende Popmelodien und dem Mut zu Lärm, Dissonanz und Experiment verband, zählen sie aus heutiger Sicht zu den wichtigsten Wegbereitern alternativer, innovativer Rockmusik überhaupt. Die Liste jener Bands und Künstler, die sich auf Mission Of Burma berufen (haben), ist lang, sie reicht von Jello Biafra bis Nirvana, von R.E.M. bis Sonic Youth, von Graham Coxon bis zu den Pixies, von Bob Mould über Yo La Tengo oder Guided By Voices bis hin zu Moby.

Hauptsongschreiber der Band, die ursprünglich nur von 1979 bis 1983 existierte und sich erst 2002 wieder zusammenfand (seither erschienen vier Studioalben), waren und sind Sänger und Gitarrist Roger Miller sowie Sänger und Bassist Clint Conley. Dazu kommen Schlagzeuger Peter Prescott und der hauptamtliche „Tape-Manipulator“ (!) und Soundingenieur Bob Weston, der diesen ungewöhnlichen, für den Burma-Sound eminent wichtigen Part (Tape-Effekte, Loops, Drones, Verfremdungen etc.) von Gründungsmitglied Martin Swope übernahm.

Conley ist laut Wikipedia eher der Mann für die eingängigeren, hymnischeren Nummern, er gilt quasi als die „hook machine“ der Band. Von ihm stammt neben dem größten Bandhit „(That’s When I Reach For My) Revolver“ eben auch das wunderbare „Nicotine Bomb“. Dieser Track ist mit seiner Kombination aus kantig-abstraktem Klangbild, unwiderstehlichen Harmonien und anspruchsvollen Lyrics („Vertical expression / horizontal desire“) geradezu ein prototypischer Burma-Song.

Live war bei Mission Of Burma von magischen Momenten bis hin zu furchtbar zähen Lärmorgien übrigens alles drin: „When they were good, they were very very good, but when they were bad, they were horrid“, schrieb der Kritiker Tristam Lozaw. Spannend war diese Band also immer!

Für mich persönlich führt an Mission Of Burma ohnehin kein Weg vorbei – schließlich steckt mein Spitzname ja im Bandnamen. Das hartnäckige Gerücht, Mission Of Burma hätten sich nach mir benannt, ist allerdings nicht haltbar – ebensowenig wie die Vermutung, meine Geburt im Jahr 1982 hätte sie zu ihrem fulminanten Debütalbum „Vs.“ inspiriert …

Zum Schluss bleibt mir nur noch die dringende Empfehlung, sich ins faszinierende Werk dieser Gruppe zu vertiefen. Und der fromme Wunsch, dass Blogkollege Stefan, seines Zeichens Österreichs bester Quizmaster, die – nach einer Gedenkplatte an einer Botschaft benannte – Formation einmal bei seinem fabelhaften Weltquiz bringen möge. Mission Of Burma und ich wären ihm sehr dankbar dafür!

Weitere Anspieltipps: (That’s When I Reach For My) Revolver, That’s How I Escaped My Certain Fate, Academy Fight Song, Weatherbox, (This Is Not A) Photograph, The Setup, The Enthusiast, Dirt, Careening With Conviction, Period, Dust Devil, What They Tell Me

Kinderchöre und Kurioses, Türkpop und Todescountry. Oder: Mit Udo Jürgens in der Disco! Chronologie eines laaangen Hörabends

Nennt es Faulheit. Trägheit. Den (gescheiterten) Versuch, über die Weihnachtsfeiertage den wochenlang aufgestauten Schlafmangel zu beheben. Auf jeden Fall habe ich meine vollmundige Ankündigung, den jüngsten – schön ausufernden – Hörabend bei mir zuhause rasch in einen – schön ausufernden – Beitrag zu verwandeln, bislang nicht wahr gemacht.

Doch im Sinne meines zweiteiligen Neujahrsvorsatzes (1. Du sollst mehr schreiben! 2. Und zwar nicht im Büro, kapiert?!) möchte ich diese Lücke hiermit füllen. Schließlich war es ein langer, geselliger und, wie ich finde, sehr vergnüglicher Musikabend – der hoffentlich nicht davon überschattet wurde, dass ich mich als kleiner Musikdiktator gebärdet und die Gäste womöglich etwas zu wenig an den „Play“-Button gelassen habe. Aber, hey!, dafür ist man schließlich Gastgeber – um den Besuchern den eigenen Geschmack aufs Auge drücken zu können ;-).

Musikalisch sind wir dabei, um es mal in Fußballkommentatorendeutsch zu sagen, „weite Wege gegangen“: Es gab Kuriositäten und Raritäten, elegante Übergänge und abenteuerliche Stilsprünge, Kinderchöre und Todescountry, Psychobelly und Udo Jürgens (!), Songtitel wie „Prisencolinensinainciusol“ und Bandnamen wie Kiss The Anus Of A Black Cat, aufschlussreiche Neuentdeckungen – und nicht zuletzt erste Einblicke in künftige Jahrescharts (die auf diesem Blog bekanntlich später erscheinen als irgendwo sonst in der nördlichen Hemisphäre).

Trotz meiner etwas schleißigen Mitschrift und des nicht unbeträchtlichen Konsums an (teilweise abgelaufenen) Bierspezialitäten – zwischen beiden Tatsachen besteht womöglich ein Zusammenhang – möchte ich versuchen, im Groben nachzuzeichnen, was an diesem Abend so alles „ging“:

Der Auftakt stand unter dem Motto „Kinderchor im Pop“, mit dem stillschweigenden Zusatz, dass damit NICHT die verzweifelten „Pop“versuche der bedauernswerten Wiener Sängerknaben gemeint sind. Stattdessen gab es Fallbeispiele für – meine – These, dass Musiker besonders gern bedrohliche oder krasse Aussagen in junge Münder legen, etwa bei These New Puritans, die Kinder von „Angriffen im September“ singen lassen („It was September / Holy really. / It was September / This is attack!“). Oder bei den Locas in Love, bei denen die Kleinen u. a. folgenden schönen Satz krähen: „Dieses verdammte Deutschland hat mich dazu getrieben!“

Mit der „Nature Anthem“ von Grandaddy gab es aber auch ein Liedbeispiel zu hören, in dem der Kinderchor für die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit, Unschuld und selbstverständlichen Naturverbundenheit der Kindheit steht. Und zugleich gab es damit den willkommenen Anlass, noch weiter in die Musik dieser tollen Band vorzudringen.

Kollege Stefan trat dabei den Beweis an, dass das komische „Pling“-Geräusch in Grandaddys formidabler Single „Now It’s On“ (ca. ab 1:19) genauso klingt, als wäre es dem Soundtrack zum Amiga-Computerspiel „Blood Money“ entsprungen:

Nach einem weiteren düsteren Kinderchor-Abstecher zu den Cramps ließ dann auch noch der Leinwandschönling (wie man früher gesagt hätte) Ryan Gosling mit Dead Man’s Bones die Goldkehlchen singen und die Zombies tanzen. PS: Und weil die kleinen Racker so herzig sind, wird es hier am Blog in Bälde einen eigenen Beitrag zum Themenkreis Kinderchor goes Pop/Rock/Grindcore geben. Großes Indianerehrenwort!

Vom Kindergarten ging es in der Folge schnurstracks zum nächsten Soundschwerpunkt in die Türkei und – weil man als Eurozentrist ja alles gern über einen Kamm schert – auch gleich in den „arabischen Raum“ und nach Westafrika. Die großartigen Moğollar entführten in die faszinierende, hierzulande weitgehend unbekannte Welt der türkischen Psychedelia (auch: Anadolu Rock), in der Rockmusik westlicher Prägung mit Rhythmen, Harmonien und Instrumenten aus der türkischen Volkskultur aufs Hypnotischste zusammenfand:

Wie aufregend solche musikalischen Grenzüberschreitungen klingen – die im autoritären politischen Klima dies- und jenseits des Bosporus wohl kostbarer denn je sind – beweisen auch neuere Formationen wie Baba Zula mit ihrem „Oriental Dub“ bzw. „Psychobelly“ (schließlich gibt’s bei den Konzerten auch leibhaftigen Bauchtanz!).

In der Folge führte die Reise über israelisch-jemenitische Klänge (A-WA) oder betörenden Tuareg-Blues (Tinariwen) bis zum malischen Großmeister Ali Farka Touré.

Der Schritt zu den amerikanischen Indie/Punk/Alternative-Country-Pionieren Camper Van Beethoven war dann nur scheinbar ein großer: Schließlich passt deren surrealer Politpop-Klassiker „Take The Skinheads Bowling“ heute (leider) ebenso gut ins politische Klima wie 1985. Und ihr schräger Zugriff auf Status Quo ist ebenfalls unwiderstehlich:

Apropos schräg: Die nächsten (mindestens) zwanzig Hörabend-Minuten gehörten einem US-Künstler, der seit Jahren verlässlich zwischen Genie und Wahnsinn, göttlichen (Dreampop-)Melodien, blöden Sprüchen und verstrahltem LoFi-Trash oszilliert, nämlich Ariel Pink, dem Syd Barrett für das 21. Jahrhundert. Mit „Dedicated To Bobby Jameson“ hat er gerade wieder einen überzeugenden Beweis seiner Klasse – und seiner Seltsamkeit – abgeliefert. Sunshine, wrapped in rainbows!

Wer Dreampop sagt, muss auch Shoegaze sagen. Und wer Shoegaze sagt, muss auch Slowdive sagen. Zumal die Legenden nach schlappen 22 Jährchen 2017 ein Comeback-Album veröffentlicht haben, wie ich an diesem Hörabend erfuhr – und noch dazu ein rundum gelungenes. Für mich nicht das letzte Aha-Erlebnis in dieser Langen Klangnacht!

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Going out with a bang: Ein buchstäbliches Samplefeuerwerk!

Um es in guter alter und höchst kreativer journalistischer Tradition zu sagen: Wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu und Silvester steht vor der Tür. In unseren Breitenkreisen bedeutet das für die meisten Leute, dem über die Weihnachtstage angefressenen Winterspeck zusätzlich noch ordentliche Mengen Alkohol beizumengen, sich Vorsätze für mindestens 365 Tage zu machen, welche höchstens 14 Tage anhalten, und diesen Schritt in das eher kurzlebige neue Leben mit Böllern, Raketen und allen anderen Wundern der Pyrotechnik zu feiern. Man kann zu Feuerwerk stehen, wie man will, und es gibt sicher genug, was man daran scharf kritisieren kann, von Umweltverschmutzung bis hin zu in Panik versetzten Haus- und Wildtieren. Aber schön anzusehen sind sie, darauf lasse ich nichts kommen.

Zusätzlich zum optischen Aspekt sind Feuerwerke aber auch ein akustisches Phänomen. Raketen pfeifen, quietschen, prasseln, knallen, sie explodieren scharf und unmittelbar oder dumpf und als vielfaches Echo widerhallend. Ebenso vielfältig sind die möglichen Assoziationen zu diesem Geräuschtumult, vom nostalgischen Schwelgen an unvergessliche Abende mit den Liebsten bis hin zu Analogien zu Kriegs- und Schlachtenlärm. Die meisten Leute dürften aber eher feierliche Assoziationen zum Thema Feuerwerke haben, und auch die Musikwelt bedient sich dieser Bilder und Stimmungen gerne.

Songs, in deren Songtiteln oder -Texten sich Verweise auf die wohl ästhetischste Art der Geldverbrennung finden, gibt es zur Genüge. Ich persönlich denke sofort an den entsprechenden Song von Animal Collective, oder an die Band Explosions in the Sky, welche als instrumentale Truppe zwar schlecht über Feuerwerke singen können, diese aber stets im Bandnamen mittragen. Die meisten anderen denken wohl als erstes an den Song von Katy Perry, und ich weiß jetzt schon, dass er mich nun den restlichen Tag über als Ohrwurm verfolgen wird. Die Liste könnte man unendlich fortsetzen, und für Interessierte bietet das Internet auch bereits einige Auflistungen von Songs mit „Fireworks“ im Titel. Aber in welchen Songs sind Feuerwerke auch tatsächlich enthalten? Tracks, in denen das Raketengetöse als Sample zu hören ist, sind schon etwas schwerer zu finden, aber nichts desto trotz gibt es einige nette Beispiele und jenen Stücken ist auch dieser Artikel hier gewidmet. Allerdings: Nicht jeder der  gezeigten Tracks schmiegt sich passend in eine feierliche Silvesterplaylist ein und manche Stücke dürften für einige sogar regelrecht ohrenfeindlich sein – wie es für manche Leute eben auch bei echten Knallkörpern der Fall ist.

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Vom Hundertsten ins Tausendste. Oder: Die geballte Macht der Assoziation. Zwei Hörabende

Wie kommt man von Schweizer Elektropop zu Noiserock aus Berlin? Oder vom Black Rebel Motorcycle Club zu Suzanne Vega? Vom vertrackten Avantgarde-Hardcorepunk von Nomeansno zu einer bizarren Ösi-Version von „White Rabbit“? Oder von sphärischem Dreampop zu Wolfgang Ambros und wieder retour?

Sehr einfach: So etwas geht nur bei einem Hörabend in geselliger Runde, also ab zwei Musiknerds aufwärts. Denn das menschliche Gehirn geht schon bei jedem Einzelnen seltsame Wege. Wenn aber mehrere Musikenthusiasten zusammensitzen und das Bier ebenso frei fließt wie die Gedanken, dann greift sie erst so richtig, die geheimnisvolle Macht der Assoziation. Dann kommt man vom Hundertsten ins Tausendste und vielleicht irgendwann wieder zurück zum Ersten. Oder auch nicht.

Ausgerüstet mit jeder Menge Vinyl, CDs, Spotify, YouTube und, ja, hin und wieder sogar einer Musikkassette reist man munter durch die Jahrzehnte und Stile – und lässt sich am besten einfach treiben. Wie so etwas ablaufen kann, zeigen die folgenden Aufzeichnungen der zwei jüngsten Hörabende bis -nächte im gastlichen Heim von Bloggründer Dave.

Sollte die Protokollführung da und dort Lücken aufweisen oder die Reihenfolge bisweilen etwas durcheinander geraten sein, bitte ich, gnädig darüber hinwegzusehen – schließlich wird das Mitschreiben mit steigendem Durst nicht gerade einfacher. Aber hier gilt, was schon Faith No More wussten: Oh it’s a dirty job / but someone’s gotta do it.

Hörabend am 1. Dezember 2017:
Die musikalische Reise führte zunächst „Von Bullerbü nach Babylon“ – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Kollege Dave hat nach dem vorhergehenden Hörabend, bei dem wir zufällig über das großartige „Hubschraubereinsatz“ von Foyer des Arts gestolpert waren (da hatte das lästige Autoplay von YouTube endlich mal sein Gutes), nicht lange gefackelt und sich den dazugehörigen Albumklassiker aus meinem Geburtsjahr 1982 gleich auf Vinyl besorgt. Beim Hören zeigte sich, dass die Avantgarde/Trashpop/Dada-Band rund um den Dichter Max Goldt neben ultraschrägen NDW-Experimenten auch düstere New Wave/Postpunk-Sounds beherrschte („Olympia“). Und bei Songtiteln wie „Familie und Beatmusik“ kommt sowieso große Freude auf.

Weiter ging es in die Schweiz zu den Elektro-Pionieren Yello rund um den schmierig-eleganten Schnauzbartträger Dieter Meier. Dass die berühmte Auftrittsmelodie, zu der der Duffman bei den Simpsons sein mit Bierdosen umgürtetes Becken rhythmisch vor und zurück schiebt („Oh Yeah“), aus ihrer Feder stammt, war mir ebenso neu wie die Tatsache, dass diese Band bis heute verdammt frisch klingt.

Über den psychedelischen Wahnsinn von King Gizzard & The Lizard Wizard und die eleganten Tame Impala arbeiteten wir uns schrittweise Richtung Hard- und Bluesrock vor, etwa zur heute völlig obskuren britischen Hardrock-Formation Stray (eine Entdeckung aus der Obwaller’schen Vinyl-Schatzkiste, die offenbar vor den Ohren des Vaters keine Gnade fand) bis hin zu aktuellen Formationen, die keine einschlägiges Sound- und Bühnenklischee auslassen (Rival Suns oder The Weight aus Österreich).

Nach der ersten Rauchpause, die ich mit Folk- und Psychedelic-Klängen vom sehr schönen neuen Rolling-Stone-Sampler übertauchte (Tony, Caro & John, Nick Garrie) gab Hausherr Dave (Hashtag: „Do hatt i aa a Plottn dazua …“) Einblick bzw. Einhör in seine umfangreichen Bestände aus den Haupt-, Neben- und Nebennebenstraßen der Rockgeschichte, von Hank Davis bis Roky Erickson. Alleskönner Chuck Prophet wurde mit Green-on-Red und Solowerken gewürdigt, ehe der mir zuvor gänzlich unbekannte Mel Tormé aufzeigte, was unter klassischer Jazz-Crooner-Eleganz zu verstehen ist.

Der Übergang zu Nomeansno (auch schon Fixstarter beim Hörabend zuvor) hätte nicht abrupter ausfallen können. Aber, hey!, sanfte Übergänge gibt’s bei den kanadischen Noise/Hardcore/Progressive-Punk/Mathrock-Genies erst recht nicht. Dafür aber atemberaubende Stil-, Takt- und Stimmungswechsel und eine ungezügelte, raue Energie, die einen auch beim wiederholten Hören jedes Mal umbläst. (Nur über die Frage, ob die Bässe und Rhythmen bei Nomeansno nun doch irgendwie „funky“ klingen oder nicht, konnte sich die Zuhörer-Runde bis zum Schluss nicht einigen …)

Weiter ging die muntere Fahrt mit kräftigem Rock von Neuseeland (The Datuns) bis Österreich (Baguette), beim Runterkommen half u. a. der 70er-Jahre-R’n’B von Creative Source. Nach dem theatralischen Voodoo-Wahnsinn von Screamin‘ Jay Hawkins (von Hörabend-Teilnehmer Joe treffend als „ein schizophrener Zirkusdirektor auf Acid“ charakterisiert) ging es in die nächste Rauchpause, in der ich mir verführerische französische Elektro-Chansons von L’Imperatrice oder auch rauen Postpunk von meinen alten Helden Mission Of Burma gönnte – und schon mal den Weg für das amerikanische Folkrock-Wunderkind Kevin Morby freimachte.

In der Folge wurden u. a. unerwartete musikalische Parallelen zwischen dem Black Rebel Motorcycle Club und der großen Songwriterin Suzanne Vega deutlich, ehe es mit Black Crack und Justice Hahn besonders düster und räudig-schön wurde.

Die Wendungen wurden in Folge immer schräger, wie es halt so ist, wenn man „under the influence“ durch die Musikgeschichte rast: Da liegen der Soundtrack zum Dennis-Hopper-Film „The Hot Spot“ – mit Giganten wie John Lee Hooker, Miles Davis und Taj Mahal – und das wüste Gitarre-Schlagzeug-Inferno des deutschen Noise-Duos Dÿse plötzlich nur noch einen Häuserblock voneinander entfernt. Da biegt unvermittelt Ska-Pionier Prince Buster um die Ecke – und an der nächsten Kreuzung tauchen dann auf einmal die New Yorker Alternative-Hip-Hop-Helden A Tribe Called Quest auf, nur um umgehend wieder von Gitarrenmeister Jeff Beck abgelöst zu werden, der sich vor Stevie Wonder verneigt …

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Hung Like a Horse. Oder: Wie Josh Homme die Kassandrarufe verstummen ließ

Konzertbericht: QUEENS OF THE STONE AGE (Support: BRONCHO), Zenith München, 10/11/2017

Die Vorzeichen vor diesem Konzertabend waren denkbar ungünstig. Da war zum einen der jüngste Queens-of-the-Stone-Age-Auftritt in Wien, der zwar von meinem Kumpel Peter gelobt, im „Standard“ aber total verrissen wurde, vor allem was die offenbar unterirdische Soundqualität angeht. Dann war da die Halle, das riesige Zenith in München. Dass dieses ein klang- und stimmungstechnisch harter Boden sein kann, hatte ich bei den von mir hochverehrten Eels erlebt, die sich dort 2013 redlich mühen mussten, bis der Funke übersprang.

Vor allem aber waren die ersten Eindrücke vom neuen QOTSA-Album „Villains“ ziemlich enttäuschend. Weder die erste Single „The Way You Used to Do“ noch „The Evil Has Landed“ blieben mir, trotz mehrerer Durchläufe, im Gedächtnis haften – und wenn, dann als eher blass und blutleer. Dass diesmal mit Mark Ronson ein Mainstream-Produzent hinter den Reglern saß, bekannt für seine Arbeiten mit Amy Winehouse, Christina Aguilera, Lily Allen, Robbie Williams, Bruno Mars oder Lady Gaga, wurde von Puristen, die QOTSA ohnehin schon seit Jahren Ausverkauf vorwerfen, ebenfalls scharf kritisiert. Angesichts der teils schwachbrüstigen Drumsounds, die an die Stelle der sonst so donnernden Rhythmussektion traten, teilweise durchaus zu Recht.

Die Vorband schien dann erst recht wie ein böses Omen: Statt eine von zigtausenden jungen, spannenden (Desert/Stoner/Experimental/Psychedelic/Noise/Elektro-)Rockbands auf diesem Planeten zu verpflichten, entschied sich irgendwer (Josh Homme? Die Booking-Agentur? Satan?) für die Parodie einer („Indie“-)Rockband: Bei „Broncho“ aus Oklahoma war nicht ein einziger eigenständiger, origineller Gedanke festzustellen: der Sänger ein hopsender Pseudohippie in wallendem Gewand und mit enervierend quengeliger Stimme; in jedem Song hysterisches Gekiekse und ab und an ein paar Feedback-Schleifen, die wohl Leidenschaft und Gefährlichkeit signalisieren sollten, aber höchstens unfreiwillig komisch wirkten; dazwischen einige abgeschmackte „Shalala“-Chöre und, besonders befremdlich, ein paar zusammenhanglose „Tequila, Tequila“-Rufe am Anfang und Ende des Sets. Wenn es so um die Rockmusik insgesamt bestellt wäre, dann wäre sie tatsächlich am Ende. Selten hat eine halbe Stunde länger gedauert – der schlechte Wortwitz „Bronchostop!“ möge mir als Apothekerkind da erlaubt sein.

Wenn eine Vorband in erster Linie die Aufgabe hat, Lust auf die Hauptband zu machen, dann kann man in diesem Fall nur sagen: Übung gelungen – wenn auch anders als geplant. Jedenfalls ließ der extrem schwammige, breiige und konturlose Sound aus der Anlage diesbezüglich auch für Queens of the Stone Age Schlimmes erwarten.

Doch so wie sich das Album „Villains“ bei näherem Reinhören doch nicht als Totalausfall erweist, zerstreute sich auch die Befürchtung, es könnte ein Konzertabend zum Vergessen werden, rasch. Denn Frontriese Josh Homme und seine aktuelle Bandbesetzung mit Troy Van Leeuwen, Dean Fertita (beide Gitarre), Michael Shuman (Bass) und Jon Theodore (Schlagzeug) legten – nach langer Pause und entsprechend gespannter Erwartung in der Halle – gleich gewaltig los.

Der Einstieg in die Setlist fiel überraschend aus: Statt mit mehreren neuen Songs zu starten und eventuell gleich die Stimmung zu bremsen, legten QOTSA ausgerechnet mit dem eher obskuren „If I Had a Tail“ vom Vorgänger „…Like Clockwork“ los – worauf Kollege Philipp im Vorfeld noch scherzhaft getippt hatte. Es folgten „Monsters in the Parasol“ vom Durchbruchalbum „Rated R“ und das mächtige „My God Is the Sun“. Der Sound war stellenweise nicht perfekt, aber fett und druckvoll, die Stimmung in der Halle sofort am Kochen. Es wurde gedrängt, geschubst und bald auch vereinzelt gecrowdsurft. Das bleib auch beim wuchtigen „Villains“-Opener „Feet Don’t Fail Me“ und bei „The Way You Used to Do“ so. Gerade letzterer Song, da waren sich im Freundeskreis alle einig, funktionierte live ungleich besser als auf Platte/im Radio/auf Spotify.

In manchen Momenten merkte man da, dass die im Zusammenhang mit dem neuen Album oft genannten Disco- und Dance-Einflüsse (Josh Homme hat immer wieder sein Interesse an Tanzmusik dieser Art bekundet) durchaus reizvoll klingen können. Und so überraschend oder weit hergeholt sind diese Soundzutaten ja auch gar nicht: Schließlich haben sich QOTSA schon immer dadurch ausgezeichnet, dass sie das bisweilen zackig-steife, martialisch-maskuline bis stumpfsinnige Genre des harten Rock mit einem Groove aufluden, der zugleich sexy und gefährlich klingt – und durchaus auch etwas mit Rhythmen aus elektronischer Musik oder Hip-Hop zu tun hat. Die vielstrapazierte Bezeichnung „Stoner Rock“ habe ich bei QOTSA nie allzu treffend gefunden, für mich ist das harte Rockmusik mit einer Extraportion Groove.

Zunächst setzte sich die Setlist mindest ebenso zwingend fort: mit dem lärmigen „You Think I Ain’t Worth a Dollar, but I Feel Like a Millionaire“ vom epochalen „Songs for the Deaf“-Album und dem glühend heiß servierten Hitblock aus „No One Knows“ (mit Spezialeinlage von Ex-Mars-Volta-Drummer Jon Theodore) und „The Lost Art of Keeping a Secret“. Spätestens da war die Stimmung im restlos ausverkauften Zenith am, Entschuldigung, Zenith – und man verlor die Kumpels in den Massen endgültig aus den Augen.

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Kosmischer Klanggottesdienst. Oder: Von der Geborgenheit im Lärm

Konzertbericht: Acid Mothers Temple & the Melting Paraiso U.F.O. (Support: Dirty Fences), PMK Innsbruck, 30. September 2017

Wenn am Tag danach die Ohren pfeifen, bedeutet das normalerweise nur, dass der Rezensent mal wieder zu blöd war, auf Ohropax zurückzugreifen. Doch es gibt Konzertabende, an denen man das „Pfeifen danach“ quasi als notwendige, ja unausweichliche Konsequenz in Kauf nimmt – Abende, an denen Ohropax nicht einmal dann in Frage kämen, wenn man ausnahmsweise mal daran gedacht hätte, sie einzupacken. Gestern war ein solcher Abend.

Für einen vergleichsweise bodenständigen, dafür umso energetischeren Auftakt sorgten die Dirty Fences aus New York, die geradlinigen, schnörkellosen Garagenrock mit beträchtlicher Oktanzahl nach Tirol mitgebracht hatten. Die Rasanz und Vitalität DER New Yorker Punkband, nämlich der Ramones, schimmerte hier stetig durch, nicht nur wegen eines Schlagzeugers im Tommy-Ramone-Gedächtnislook, der die Songs im Blitzkrieg-Bop-Tempo einzählte: 1, 2, 3, 4 – und dann direkt auf die Zwölf (wie unsere nördlichen Nachbarn es vielleicht beschreiben würden).

Dazu setzte es eine fette – nicht nur vom anwesenden Chef des Downtown Sound Record Stores begeistert zur Kenntnis genommene – Dosis Power Pop (generell ein sträflich unterschätztes Genre, wie ich finde) mit wunderbarem Harmoniegesang, an dem alle vier Bandmitglieder mitwirkten. Andere Passagen ließen wiederum eher an frühen (Proto-)Metal denken. Kurz gesagt: Das Rad wurde hier nicht neu erfunden, aber ganz wunderbar zum (Rock ’n‘)Rollen gebracht.

Mit Anmoderationen wie „This next song is Teen Angel from our new album Teen Angel“ und unmittelbar darauf „This next song is Goodbye Love from our new album Goodbye Love“ vermittelten die Dirty Fences ebenfalls den Eindruck, dass im Leben nicht immer alles so furchtbar kompliziert sein muss. Dazu passte auch, dass sich die restlichen Zwischenansagen der Band vor allem um den (vom Publikum nicht erfüllten) Wunsch nach Marihuana drehten. Und so herrschte am Ende trotz versagter Zugabe das, was nach einer feinen Vorband immer herrschen sollte: gute Laune nämlich.

Auf das, was nun folgen sollte, wurde man mit dem knackig-kurzen Set der Dirty Fences inhaltlich freilich denkbar schlecht vorbereitet – nämlich auf den jenseits herkömmlicher Zeit- und Raumgrenzen existierenden kosmischen Freakout mit dem japanischen Avantgarde-Psychedelic-Rock-Kollektiv Acid Mothers Temple.

Rund um den Zentralplaneten namens Acid Mothers Temple kreist eine verwirrende Vielzahl an verschiedensten Inkarnationen, Veröffentlichungen und Kollaborationen. Die greifbarste und wichtigste Manifestation sind dabei aber „Acid Mothers Temple & the Melting Paraiso U.F.O.“. Und gleich vorweg: Deren denkwürdiger Auftritt in Innsbruck gestaltete sich deutlich weniger knallig, grell und forciert-krass, als der ausufernde Bandname, das abgedrehte Artwork und durchgeknallte Albentitel wie „Does the Cosmic Shepherd Dream of Electric Tapirs?“ oder „Astrorgasm from the Inner Space“ (mich) im Vorfeld vermuten ließen. Auch um billige Schauwerte ging es hier – trotz eines Bandmitglieds im schäbigen Transvestitenlook und eindrucksvoller Kopf- und Gesichtsbehaarung bei den anderen – in keinster Weise. Vielmehr war es allem sonischen Wahnsinn zum Trotz ein würdevoller, majestätischer Auftritt, getragen von grenzenloser Hingabe und geradezu heiligem Ernst.

„Heilig“ war überhaupt ein Wort, das mir an diesem Abend ständig durch den (musikalisch) benebelten Kopf schwirrte. Denn Acid Mothers Temple tragen das „Temple“ nicht ohne Grund im Namen – das „Konzert“ war im Endeffekt eher so etwas wie ein Gottesdienst. Freilich einer, der auch für Atheisten voll zugänglich war.

Das begann schon beim Bühnen-Habitus der beiden (gefühlten) Frontmänner Kawabata Makoto und Higashi Hiroshi, die ihre kunstvollen Beschwörungen des Lärmgotts stoisch, entrückt und ehrfurchtgebietend wie Hohepriester oder Zen-Meister zelebrierten, verborgen hinter geheimnisvoll wallendem Haupt- und Barthaar. Auch inmitten des kosmischen Klangsturms, den er selbst entfesselt hatte, selbst im dichtesten Nebel aus verfremdeten Gitarrensounds wirkte Makoto stets kühl und beherrscht. Und wenn Higashi sich über seinen Roland-Synthesizer beugte oder hin und wieder gravitätisch in sein Theremin griff (by the way, more theremin!), machte das ohnehin den Eindruck, als würde er mit geweihten liturgischen Geräten hantieren.

Und auch wenn es ein Klischee sein mag: Ich persönlich hatte das Gefühl, als würde durch die dichten, narkotisierenden Lärmschwaden stets eine Art von fernöstlicher Spiritualität durchschimmern, gewissermaßen ein Streben nach Entäußerung, Selbstaufgabe und (bewusstem) Kontrollverlust, der Wunsch nach mystischem Aufgehen in etwas Größerem, Kollektivem und Kosmischem.

Trotz alledem – und das machte diesen Auftritt so großartig – herrschte hier nie auch nur ein Hauch von esoterischer Gefälligkeit oder Räucherstäbchenalarm, das Klangbild war in keiner Sekunde zu gediegen und lieblich. Im Gegenteil: Das entfesselte, extrem druckvolle Schlagzeug und Basslinien wie aneinanderreibende Kontinentalplatten sorgten für eine gewaltige, festungsartige Basisstation, von der aus die Trips in fremde Klanguniversen umso eindrucksvoller gelangen.

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Helden von heit (und gestern). 42 Alternativen zum Austropop

42. Das ist bekanntlich die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

Ganz so groß ist die Reichweite der folgenden 42 Songs, eine kleine Auswahl meiner persönlichen Lieblingslieder aus Österreich, vielleicht nicht. Aber sie zeigt doch auf, was Popmusik in und aus Österreich abseits der indiskutablen Austropop-Schublade alles sein kann. (Und dient mir zugleich als Pubquiz-Playlist. Aber das ist eine andere Geschichte).