HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 27: DAVE ALVIN & JIMMIE DALE GILMORE – DOWNEY TO LUBBOCK (2018)
Ich kann mich noch an den Abend erinnern, als ich zum ersten mal das Zombie-Slasher-Roadmovie „From Dusk Till Dawn“ gesehen habe. Die Titelsequenz ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Nach einem missglückten Stopp beim Schnapsladen steigen die Gangster-Brüder Seth und Richie Gecko streitend wieder in ihren staubigen Schlitten ein, während die Bude hinter ihnen in Flammen aufgeht. Welch ein furioser Einstieg! Der Ältere fährt, Seth drückt aufs Gas und der Titelsong „Dark Knight“ ertönt. Er gibt den Ton für den gesamten weiteren Film vor.
Der Name der Band, „The Blasters“, hat sich mir gleich eingeprägt, lange war mir aber nur dieser eine Song bekannt. Erst Jahre später, passenderweise in einem Innsbrucker Kellerlokal, hörte ich wieder einen Song in diese Richtung, eine stampfende Coverversion des Bob Dylan-Klassikers „Highway 61 Revisited“ – und zwar von Dave Alvin. Bald hatte ich herausgefunden, dass Dave Alvin Gitarrist der Blasters war und ich habe begonnen, mehr Blasters und Dave Alvin mit seiner Band The Guilty Ones zu hören. Später brachte sich Blog-Kollege Michael dann noch mit dem Album „Common Ground“ von Dave & Phil Alvin ein, einer Sammlung von Big-Bill-Broonzy-Coverversionen, interpretiert von Dave Alvin mit Bruder Phil, ebenfalls Teil der Blasters. Nebenbei gab es noch viel andere Musik zu entdecken, die ähnlich auf mich wirkte: Jason & The Scorchers, Green On Red,Roky Erickson und Justice Hahn sind einige meiner Favoriten.
Alle genannten Bands teilen die wahre Liebe zu den klassischen Ami-Genres: Country, Rockabilly, Folk, Roots Rock. Jedoch werden nicht nur Klassiker zum Besten gegeben oder seichte Nachahmungen produziert, im Vergleich zu den Originalen wirkt alles etwas roher und oft fetziger und gröber. Sie sind Fans der alten Schule, hatten den überzüchteten Schmalz-Country der 70er- und 80er-Jahre satt, und revitalisierten die in Jahre gekommene Cowboy-Musik mit einer ordentlichen Portion Punk-Attitüde, ähnlich wie es zur selben Zeit die Ramones mit Rock’n’Roll- und Pop-Songs machten. Der Cow Punk war geboren!
Doch nun zum eigentlichen Track der Woche: „Downey to Lubbock“ vom gleichnamigen Album. Hier tut sich Dave Alvin mit Jimmie Dale Gilmore zusammen, der mir durch ein herausragendes Townes Van Zandt-Cover bekannt ist. In Gilmores Version von „White Freight Liner Blues“ wird das Getöse auf dem Highway nicht durch die Fidel nachgeahmt, sondern durch eine höllisch schnelle E-Gitarre und Lapsteel. So haucht er dem Song wiederum Lebendigkeit ein, ohne die Grundstimmung abzuändern.
Die Kombination Alvin/Gilmore macht Sinn, ein Roots-Rock-Album von zwei Veteranen – und das im Jahr 2018. Alles etwas ruhiger als in der wilden alten Zeit, aber gekonnt fetzig und keineswegs altbacken kommt der Album-Opener „Downey to Lubbock“ daher. Die Seele der Musik ist dieselbe, auch wenn sich das Gewand verändert hat.
Viel Spaß!
Weitere Anspieltipps:
The Blasters – Boomtown (Non Fiction, 1983)
Green On Red – Hair of the Dog (Gas Food Lodging, 1985)
Jason & The Scorchers – Lost Highway (Lost & Found, 1985)
Roky Erickson – Don’t Slander Me (Clear Night for Love, 1985)
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 26:
NIRVANA – VERY APE (1993)
Bereits in meinem letzten Track der Woche spielten Nirvana eine nicht unwesentliche Rolle. Einige Monate später (ja, ich war sehr, sehr schreibfaul) stolpere ich über die nächste Kuriosität rund um die Band. Kurios auch deshalb, weil ich die Band eigentlich nur äußerst selten bewusst höre und auch keine starke Meinung zu ihrer Musik habe, weder in die eine noch in die andere Richtung. Aber einen Bogen um deren Klänge, Mythen und Anekdoten zu machen ist eh so oder so unmöglich, wie sich erneut zeigte. Aber ich greife vor.
Die Versuchung war groß, diesen Beitrag „Gut geklaut ist besser als schlecht erfunden, Teil 2“ zu nennen, aber eigentlich geht es nicht um Klauen. Es geht um Sampling. Nur ewiggestrige Puristen würden es heutzutage noch wagen, Sampling grundsätzlich als Ideendiebstahl zu bezeichnen. Nicht wenige der besten und prägendsten Werke zeitgenössischer Musikgenres leben von kreativer Samplingarbeit. Und oft muss es auch buchstäblich nervenaufreibende Arbeit sein, bekannte wie auch irrsinnig obskure Samplequellen in einem neuen Kontext zu positionieren oder sie teilweise bis zur Unkenntlichkeit zu verzerren. Augenscheinlich irrelevante Sekundenbruchteile werden zum tragenden Fundament eines neuen Songs, Gesangspassagen fungieren plötzlich als Percussion, uralte fremdartige Folklore schleicht sich ent-fremdet (sic!) via weltbekannter Pophits in westliche Gehörgänge, alles ist möglich.
Hier noch ein kleines Stück Musik-Trivia, das mittlerweile lange schon kein Geheimnis mehr und vielen Leuten bekannt ist. Ich zeige und erzähle es trotzdem immer wieder gerne. Die britischen Blues-Rocker von Stretch waren von 1974 bis 1979 aktiv und in dieser kurzlebigen Karriere waren sie zwar sehr fleißig und produzierten unter anderem vier Studioalben, ihr einziger wirklicher Erfolg blieb jedoch die Single „Why Did You Do It?“ aus dem Debutalbum „Elastique“. In 2011, also beachtliche 32 Jahre nach der Auflösung, versuchten sie es erneut mit dem bezeichnenden Albumtitel „Unfinished Business“, erneut mit mäßigem Erfolg, trotz einer Neuauflage von „Why Did You Do It?“. In der Zwischenzeit – und davon gab es wie gesagt reichlich – vergriff sich allerdings auch eine weitere Person am Originalmaterial, und zwar kein Geringerer als Gigi D’Agostino. Man beachte in der Originalversion die Gesangspassage ab 2:31. Nicht die ganze Passage, die ersten zwei Sekunden reichen eigentlich schon. Und hier gibt‘s des Rätsels Lösung, falls die Nostalgiebombe nicht schon längst einschlug. Genau sowas meinte ich in der Einleitung mit kreativem Sampling und originellem Quellenmaterial.
Die Story an sich war mir schon lange bekannt, aber die beiden einzelnen Songs waren es noch länger. Und genau darum geht es hier, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen und eine total bekannte Samplequelle nicht schon längst als solche erkannt zu haben. Und vielleicht ist das folgende Stück Musik-Trivia sogar wesentlich bekannter als das von gerade eben und ich stand bloß mein ganzes bisheriges Leben lang mächtig auf der Leitung, jedenfalls kommen wir nun zurück zu Nirvana. 1993 erschien ihr letztes Studioalbum „In Utero“, und mittig eingebettet zwischen mehreren Kulthits findet sich dort auch der Song „Very Ape“. Rotzige zwei Minuten mit nicht minder rotzfrechem Text. Fast exakt ein Jahr später sollte dessen Eingangsriff auf einer der bekanntesten Big Beat Scheiben aller Zeiten gesampled werden:
Im Gegensatz zur ersten Anekdote kann man hier vielleicht nicht von der am kreativsten und cleversten implementierten Samplingarbeit aller Zeiten sprechen. Aber gerade deshalb ist es ein totales Rätsel, wie diese Sache jahrelang unbemerkt an mir vorübergehen konnte, obwohl ich vor allem die dutzenden, teilweise sehr guten Remixe vom The Prodigy Track extrem oft gehört habe. Ich wiederhole die Schlussworte meines letzten Tracks der Woche: Wenn man tief genug gräbt stößt man gewiss auch auf weitere Beispiele. Vielleicht sind der Leserschaft sogar einige bekannt?
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 25: DER NINO AUS WIEN – UNENTSCHIEDEN GEGEN RIED (2018)
Fußball und Musik – das ist nicht unbedingt eine fruchtbare Beziehung.
Dabei sind sich die Kickerei und die alternative Popkultur heute wahrscheinlich näher denn je. Längst hat das Thema Fußball Kreise erreicht, die sich jenseits aller negativen Begleiterscheinungen des Weltsports Nummer eins (Rassismus, Nationalismus, Kommerz, Korruption, Katar) intensiv mit Fußballkultur auseinandersetzen. Und zwar mit Humor und Enthusiasmus, aber ohne den intellektuellen Dünkel und die Verachtung, mit der man dem Phänomen früher im (Hoch-)Kulturmilieu oft begegnete.
Alternative Fußballmagazine wie 11 Freunde und Ballesterer oder auch die Fußballanalysen von Martin Blumenau auf FM4 mögen als deutschsprachige Beispiele für diesen Paradigmenwechsel genügen. In England stehen sich Pop- und Fußballnerds ohnedies schon viel länger nahe (Paradebeispiel Nick Hornby, der beides in Personalunion verkörpert).
Und es ist auch nicht so, dass im Kontext von Fußball grundsätzlich keine gute Musik vorkommen würde: Die Soundtracks zur FIFA-Computerspielreihe präsentieren sich beispielsweise schon seit den fernen Tagen, als ich mich noch für Games (und Vereinsfußball) interessiert habe, stets spannend, weltoffen und am Puls der Zeit. Die 19er-Ausgabe enthält z.B. Tracks von so formidablen KünstlerInnen wie Courtney Barnett, Gorillaz, Jungle, Death Cab For Cutie, den Crystal Fighters, Bob Moses, den Young Fathers oder Childish Gambino. Passt!
Umso erstaunlicher ist es, dass es nach wie vor sehr wenige brauchbare Lieder über das Thema Fußball selbst gibt. Dazu muss man nur in die Stadien hineinzuhören: Dort dominieren – so weit ich das noch mitbekomme – bis heute stumpf stampfender Stadionrock (der Begriff kommt nicht von ungefähr), patriotischer Befindlichkeitsschlager oder, wenn man an die Sprechchöre denkt, (mehr oder) weniger gelungene Verballhornungen von Klassikern der Popgeschichte.
Mich würde z. B. nach wie vor interessieren, was Jack White eigentlich darüber denkt, dass sein Riff zu „Seven Nation Army“ auf seltsamen Wegen zu einem DER globalen Fußball-Schlachtgesänge wurde. Ein AMI und Fußball, das geht aus Sicht des Durchschnittsfans ja eigentlich gar nicht zusammen! Interessieren würde mich außerdem, ob Welthits wie „Yellow Submarine“ oder „Those Were The Days“ von den Fans nach wie vor dazu herangezogen werden, die sexuelle Orientierung des gegnerischen Spielmachers in Frage zu stellen oder die unterlegene Mannschaft zum „nach Hause geh’n“ aufzufordern.
Witzig-absurde Adaptionen wie die Umdichtung des 90er-Jahre-Eurotrash-Klassikers „Freed from Desire“ von GALA auf „Will Grigg’s on Fire“ durch die sangesfreudigen nordirischen Fans („Will Grigg’s on fire / Your defence is terrified“ …) bleiben leider nach wie vor die Ausnahme von der stumpfsinnigen Regel.
Noch zweifelhafter sind die Ergebnisse eigentlich nur, wenn Fußballer sich bemüßigt fühlen, selbst zum Mikrofon zu greifen. Und da muss man gar nicht mal an die kroatischen Kicker denken, die heuer zusammen mit dem rechtsextremen Rocker Thompson sangen und abfeierten. Auch die, ähem, historischen Auftritte von Franz Beckenbauer oder gar dem Chor der österreichischen Sportreporter (sic!) sind mit Worten wie „jenseitig“ am besten beschrieben (aber zumindest irgendwie lustig, was man von Thompson nun wirklich nicht behaupten kann). „Nachtfalke“ Hans Krankl alias Johann K. zählt in der Zunft der singenden Fußballer jedenfalls noch zu den Höhepunkten.
Die sogenannten WM- und EM-„Hymnen“ wiederum zeichnen sich vor allem durch ihre absolute Austauschbarkeit und Harmlosigkeit aus – und sind schneller wieder vergessen, als man „abseitsverdächtig“ sagen kann. „Live it Up“, anyone?
Am ehesten kann man sich hier vielleicht noch an die (auch recht nervige und seither mehrfach recycelte) Sportfreunde-Stiller-Nummer „’54, ’74, ’90, 2006“ erinnern, die immerhin von echter Leidenschaft für die Thematik zeugte. Die Sportis tragen ihr Interesse an Athletik schließlich schon im Bandnamen – und der Titel ihres (noch durchaus coolen) Debütalbums „So wie einst Real Madrid“ (2000) spricht ebenso für sich. Genau wie der Name einer weiteren Band von Sportfreunde-Drummer Florian Weber: Bolzplatz Heroes. Ach ja, und einen weiteren Fußballhit namens „Ich, Roque“ (feat. den paraguayischen Kicker Roque Santa Cruz) hatten die Stillers auch. (Danke an Julian D. für die Erinnerung).
Aber wo bleiben nun die WIRKLICH guten Fußball-Lieder? Außer dem ebenso unverwüstlichen wie offensichtlichen „Three Lions (Football’s Coming Home)“ der englischen Alternative-Band The Lightning Seeds oder dem kitschverdächtigen „You’ll Never Walk Alone“ von Gerry and the Pacemakers (ebenfalls aus Liverpool) fällt einem da spontan nicht viel ein. Vielleicht noch der deutsche Rapper Marteria/Marsimoto, in seiner Jugend selbst deutscher Nationalkicker, der immer wieder für Sport- und Fußballmetaphern gut ist, derzeit etwa im Hit „Champion Sound“ gemeinsam mit Casper.
Das einzige wirklich coole Lied über Fußball, das ich bis vor Kurzem kannte, stammt von der französischen Formation Mickey 3D und dreht sich um den (mir unbekannten) ehemaligen holländischen Fußballstar Nicolas „Johnny“ Rep, der u. a. gemeinsam mit Michel Platini bei St. Etienne kickte – wie auch dem mitreißenden Kommentatorensample im Song zu entnehmen ist.
Doch jetzt gibt es endlich ein weiteres, rundum gelungenes Lied über das, ähem, runde Leder! Der Song stammt aus Österreich, genauer gesagt von Der Nino aus Wien, und trägt den ziemlich großartigen Titel „Unentschieden gegen Ried“, der eigentlich schon alles aussagt.
Hier geht es nicht um die große, glitzernde, von Pathos und Drama erfüllte Fußballwelt, nicht um die Champions League, ja nicht einmal um die Europa League, sondern um den deutlich weniger glamourösen (Fußball-)Alltag in den Untiefen der Heimat: „Eierkick“, „Wiener Liga“, raunzende Altfans, die „Hearst spü eahm, gib eahm, renn a bissl schnölla mitm Boi“ brüllen und zugleich dem „Ogerl“ oder dem „Kurtl Jara“ nachtrauern – das ist der Stoff, aus dem dieses Lied gemacht ist.
Schon im wunderbaren „Praterlied“ hatte Nino genau diese Form der Alltagspoesie perfektioniert: Leberkas, Dosenfisch und „Gösserbier“, beim Nah & Frisch erworben – so etwas erzählt einfach viel mehr über das tägliche Leben in Österreich als irgendwelche geschraubt-pathetischen Texte über große Gefühle. Und Ninos Fußball-Affinität wurde darin auch schon deutlich, u. a. in der perfekt ins Kreuzeck gezirkelten Zeile „Zhaus spüst ab bissl FIFA und valierst“. Der Alltag ist halt meistens eher Regionalliga als Champions League – deshalb heißt er ja Alltag.
Genau diesem tristen Alltag Witz und, ja, auch Würde abzugewinnen, gelingt Nino in „Unentschieden gegen Ried“ ein weiteres Mal – und ein richtiger Ohrwurm ist das Ganze obendrein. Auch auf die Gefahr hin, nun fünf Euro ins Phrasenschwein werfen zu müssen, bleibt mir als Matchbericht nur Folgendes zu sagen: ein Volltreffer!
Protokoll des Hörabends vom 24. & 25. August 2018:
Noch stehen die leeren Flaschen und Gläser am Tisch, noch sind die Chipsbrösel nicht eingesaugt – und schon ist das (hoffentlich halbwegs vollständige) Protokoll des eben zu Ende gegangenen, gleichermaßen geselligen wie unterhaltsamen Hörabends online. Und da soll noch eine/r sagen, unser Blog wäre so langsam und schwerfällig … Das hier hat ja fast schon Live-Ticker-Qualität!
Und weil die Bandbreite eines solchen laaaangen Musikabends immer wieder erstaunlich und im Nachhinein kaum greifbar ist (diesmal reichte die Palette von den Fifties bis 2018, von Wien bis Wales, von Brasilien bis Nigeria, vom Al-Bano-&-Romina-Power-Cover bis hin zum hawaiianischen Tearjerker) gibt es die Songliste diesmal sogar in saubere Themenblöcke geordnet. Dem Autor dieser Zeilen war es ein Volksfest! (Nur dass auf Volksfesten leider nie eine solche Playlist laufen wird).
Zu hören war:
Schlecht Gelauntes von der Insel:
IDLES – Mother
IDLES – Well Done
Goat Girl – Cracker Drool
Goat Girl – Scum
Sleaford Mods – I Can Tell
Hefner – The Day That Thatcher Dies
Blur – Parklife
Mclusky – To Hell With Good Intentions
Future of the Left – The Real Meaning Of Christmas
The Fall – How I Wrote ‚Elastic Man‘
Noise-Rock, Indie und österreichische Polit-Satire aus den 80ern:
Half Japanese – Deadly Alien Spawn
Half Japanese – Put Some Sugar On It
Half Japanese – Sugarcane
Half Japanese – Day And Night
Violent Femmes – American Music
Violent Femmes – Do You Really Want To Hurt Me?
Violent Femmes – Gone Daddy Gone
Drahdiwaberl – Mad Cat Sadie
Drahdiwaberl – Psychoterror
Drahdiwaberl – Jeanny Part 13
Drahdiwaberl – Stechschrittmambo
Violent Femmes – America Is
Himmlische Vokalharmonien:
Beach Boys – God Only Knows
Beach Boys – You Still Believe In Me
Beach Boys – Do It Again
Beach Boys – Little Deuce Coupe
Commander Cody And His Lost Planet Airman – Hot Rod Lincoln
Teenage Fanclub – I Need Direction
Teenage Fanclub – Don’t Look Back
Deep Throat Choir – Be OK
Simian Mobile Disco feat. Deep Throat Choir – Hey Sister
The Bees – Horseman
R.E.M. – Moral Kiosk
R.E.M. – West Of The Fields
Fleet Foxes – White Winter Hymnal
La Luz – Mean Dream
Little Eva – The Locomotion
Aktuelles und Kurioses aus 2017 & 2018:
Cari Cari – Mapache
Cari Cari – Nothing’s Older Than Yesterday
Cari Cari – White Line Fever
Lali Puna – The Bucket
(Kings Of Leon – The Bucket)
Das Lunsentrio – Im Goldenen Hahn (Bumm Bumm Bumm Bumm / Bamm Bamm Bamm Bamm) [Al Bano Carrisi & Romina Power-Cover]
Das Lunsentrio – Das letzte Edelweiss
Quer durchs globale Gemüsebeet – deutscher Elektro-Punk, österreichischer Postpunk, US-amerikanische Jazz/Funk/Disco-Grooves, afrobrasilianische Jazz/Funk/Soul-Sounds, nigerianischer Funk/Elektro/Afrobeat-Frohsinn:
Komplikations – The City
Kreisky – Ein Depp des 20. Jahrhunderts
Kreisky – Veteranen der vertanen Chance
Idris Muhammad – Could Heaven Ever Be Like This [da hat Jamie XX den Refrain von „Loud Places“ geklaut!]
Ed Motta – Dried Flowers
William Onyeabor – Good Name
William Onyeabor – Fantastic Man
Rausschmeißer, von kurios über klassisch und brandneu bis hawaiianisch-nostalgisch:
Jürgen Dose – Todesfalle Haushalt
Rocko Schamoni – Der Mond
International Music – Cool bleiben
Buddy Merrill – Beyond The Reef
Ein schöner Augusttag nimmt seinen hundsgewöhnlichen Lauf. Könnte es einen besseren Zeitpunkt geben, um sich an den PC zu hocken und eine 100 Einträge umfassende Liste aus 2017 erschienenen Songs in absteigender empfundener Qualität zusammenzustellen? Die Antwort auf diese auffallend spezifische Frage: vielleicht. So oder so habe ich genau das vorhin gemacht. Weil mir halt einfach danach war, bestimmt nicht, um zu teaminternen Jahrescharts beizutragen. Das wäre jetzt doch total unangebracht und unverlangt weil viel zu spät und sowieso.
Weitere Ausführungen zu diesem Unterfangen finden sich unter der Liste, zuerst geht’s aber ans Eingemachte:
And So I Watch You From Afar – All I Need Is Space
Saagara – Daydream
Clams Casino – Kali Yuga
Paul Plut – Klatsch
Ulver – Transverberation
Vince Staples – Crabs in a Bucket (Feat. Bon Iver & Kilo Kish)
Protomartyr – My Children
Mount Eerie – Real Death
Broken Social Scene – Vanity Pail Kids
Fever Ray – Red Trails
Cristobal and the Sea – Smadness
Whoredom Rife – Beyond the Skies of God
Amenra – Children of the Eye
James Holden & The Animal Spirits – Pass Through the Fire
Converge – I Can Tell You About Pain
Vince Staples – BagBak
Fleet Foxes – If You Need to, Keep Time on Me
Broken Social Scene – Protest Song
And So I Watch You From Afar – Mullally
Rødhåd – Target Line (feat. Vril)
Ibeyi – Away Away
Exquirla – El grito del padre
Idles – White Privilege
Godspeed You! Black Emperor – Bosses Hang
Hammock – I Would Give My Breath Away
Slowdive – Sugar for the Pill
Hällas – The Golden City of Semyra
Zugezogen Maskulin – Was für eine Zeit
Acress – X22RME
Grave Pleasures – Mind Intruder
James Holden & The Animal Spirits – Thunder Moon Gathering
Ninos Du Brasil – Condenado por un Idioma Desconhecido
Blanck Mass – The Rat
Laurel Halo – Jelly
Full of Hell – Trumpeting Extasy
Japandroids – In a Body Like a Grave
Kendrick Lamar – DNA.
Forest Swords – Raw Language
Jlin – Never Created, Never Destroyed
Oh Sees – Nite Expo
Kirin J. Callinan – S. A. D.
Kairon; IRSE! – Llullaillaco
James Holden & The Animal Spirits – Each Moment Like the First
Laurel Halo – Do U Ever Happen
Yves Tumor – Limerence
King Gizzard and the Lizard Wizard – Rattlesnake
Propagandhi – Adventures in Zoochosis
Cristobal and the Sea – Uma Voz
Protomartyr – The Chuckler
Von Seiten der Gemeinde – Schnåps
Restless Leg Syndrome – Rooted
Idles – Mother
Protomartyr – Here Is the Thing
FLUT – Linz bei Nacht
Yaeji – Drink I’m Sippin On
Ulver – So Falls the World
Paul Plut – Lärche
Hällas – Star Rider
Vince Staples – Party People
Von Seiten der Gemeinde – Provincetown Girl
Slowdive – Slomo
The National – The System Only Dreams in Total Darkness
Wolves in the Throne Room – Born From the Serpent’s Eye
Yaeji – Raingurl
Carbon Based Lifeforms – Accede
Zugezogen Maskulin – Teenage Werwolf
Fever Ray – Plunge
Casper – Keine Angst (feat. Drangsal)
Queens of the Stone Age – The Way You Used to Do
Témé Tan – Ça Va Pas La Tête?
Restless Leg Syndrome – Trippin‘
Zugezogen Maskulin – Der müde Tod
Ninos Du Brasil – A Magia do Rei II
Ride – All I Want
Yung Hurn – Ok Cool
Slowdive – No Longer Making Time
Yaeji – Noonside
Morrissey – I Spent the Day in Bed
Auch ich als in letzter Zeit leider sehr schreibfaul gewordener Mensch (legitime Ausreden dafür gibt es tatsächlich, müssen an dieser Stelle aber nicht breitgetreten werden) komme um einige Fußnoten zu dieser Auswahl nicht herum.
Man sieht den Charts meine Alben des Jahres deutlich an. Ich könnte Seiten damit füllen, im Bezug auf den Output von Idles, Forest Swords und Slowdive Superlative und überschwängliche Zuneigungsbekundungen aneinanderzureihen, sind deren Scheiben doch so oft in meinem Player rotiert wie lange nichts mehr. Am liebsten hätte ich aus diesen Alben 90% der Tracks in die Liste geklatscht, aber das wäre ja auch irgendwo fad.
Im Grunde genommen trifft auch für letztes Jahr wieder zu, was ich damals zum vorletzten Jahr schon so ähnlich beschrieben hatte: Da ich privat fast ausschließlich ganze Alben höre mache ich mir relativ wenig Gedanken darüber, welche meiner liebsten Tracks auch für sich alleine ihre volle Wirkung entfalten und welche davon „nur“ ein schönes Puzzleteil sind, das erst eingebettet im Gesamtmotiv seinen vorhergesehenen Zweck erfüllt. Von daher ist das Erstellen solch einer Liste jedes Mal ein spannendes Unterfangen, und erneut fehlen einige meiner liebsten Interpreten des Jahres, weil sie halt keine Hits schreiben.
Zum Beispiel waren Eluviums „Shuffle Drones“ eine extrem interessante Erfahrung. 23 kurze, perfekt ineinander übergehende Drone-Stücke, für die unendliche Zufallswiedergabe konzipiert. Die Songtitel aneinandergefügt sind gleichzeitig quasi die Gebrauchsanleitung: „Simply put, the suggested manner of listening to this work is to isolate the collection and to randomize the play pattern on infinite repeat — thus creating a shuffling drone orchestration. The intent is to create a body of work specifically designed for and in disruption of modern listening habits and to suggest something peaceful, complex, unique, and ever-changing. Thank You.” Aber so etwas hat halt in einer Liste der besten Songs keinen Platz.
Ein anderes Highlight – und neben Slowdive mein persönliches Comeback des Jahrzehnts – hat Kompakt-Labelchef Wolfgang Voigt mit seinem Hauptprojekt Gas abgeliefert. „Narkopop“ ist erneut die monolithische Mischung aus Naturaufnahmen, Samples klassischer Musik und stoisch pulsierenden (Ambient) Techno-Strukturen geworden, die schon vor der Jahrtausendwende so perfekt funktionierte. Auch die Schweizer von Schammasch weigern sich, verdauliche und wohlportionierte Songhäppchen zu basteln, haben dafür aber meine EP des Jahres aufgenommen und zeigen auf „The Maldoror Chants: Hermaphrodite“ in einem fließend ineinander übergehenden Soundkontinuum, wie Black Metal, ritueller Tribal Ambient und alle dazwischen liegenden Mischformen und Spielarten 2017 zu klingen haben. Der anscheinend im Internet und Meme-Universum wohnende Neil Cicierega hat im vergangenen Jahr die Messlatte in Sachen Mash-Ups neu adjustiert. Sorry Girl Talk. Aber irgendwie hätte es sich falsch angefühlt, diesen BastardisierungendesMusikgeschehens Rangplätze auf der Liste zu vergeben. Andere Highlights aus 2017, die sich dem Song-Format entzogen, waren der sphärische Ambient Techno, den Vril mit „Anima Mundi“ auf 2 ausufernde, nicht näher betitelte Tape-Hälften gebannt hat, sowie die tieftraurige akustische Begräbnisprozession, welche das 80-Minuten-Monstrum „Mirror Reaper“ von Bell Witch darstellt.
Umgekehrt haben es auch einige Singles auf die Liste geschafft, deren Alben entweder nicht zünden konnten oder ich nicht einmal kenne, weil ich ja trotzdem hin und wieder bei musikbegeisterten Freunden unterkomme oder hin und wieder auch Radio höre(n muss), primär die „großen“ Indie-Sender des deutschsprachigen Raums, und dort halt doch nicht ausschließlich Blödsinn läuft. Von dem her vielen Dank an die liebe öffentlich-rechtliche Rundfunklandschaft.
Das war ja eigentlich ein kurzweiliges Verfangen. Vielleicht wiederhole ich das nächstes Jahr wieder, vielleicht sogar einige Monate früher. Einfach so. Vielleicht.
Man muss das Positive an verzögerten Jahrescharts sehen, auch wenn es fast acht Monate sind. Die Lieder erhalten die notwendige Zeit, um gut abzuhängen, zu reifen und sich zu entfalten. Genauso wie man einen aufregenden Traum in der ersten Euphorie nicht sofort nach dem Aufwachen in ein Drehbuch für einen Film verwandeln sollte, brauchen auch Songs eine gewisse Reflektionsphase, die jedenfalls länger als die anfängliche Verliebtheit dauern sollte. Was sind schon acht Monate. Tatsächlich arbeite ich an einem „Love Longtime“-Chartsprojekt, das die besten Lieder der Jahre zwischen 1961 und 2060 abbilden soll. Hoffe, damit 2068 fertig zu werden.
Aber nun erstmal zu 2017.
1 LCD SOUNDSYSTEM „how do you sleep?“
Die beste Band der Welt hat ihren Tod gefaked. Aber genauso wie diese Netflix-Comedian, die ihre Karriere nach ihrem besten Programm, bei dem sie ihren Abschied verkündete, nun doch nicht beendet, weil es ungeahnten Erfolg hatte, musste sich wohl auch James Murphy irgendwann die Frage stellen: „Bin ich lieber ein Heuchler oder ein Dummkopf?“. Dann doch lieber Heuchler. Sowas Ähnliches dürfte Murphy in „how do you sleep?“ auch seinem ehemaligen, aber im Unfrieden geschiedenen Weggefährten Tim Goldsworthy vom ehemals gemeinsamen DFA-Projekt in diesem Neun-Minuten-Epos unterstellen, wenn man sich Textzeilen wie „You warned me about the cocaine – Then dove straight in“ ansieht. LCD Soundsystem haben diesen Song bei ihren Tour-Auftritten zum 2017er-Album „American Dream“ monatelang nicht gespielt – es könnten acht gewesen sein – um dem Song die notwendige Zeit zu geben, bei den Fans zu reifen. Na bitte. Heute steht fest: Es wird ein Fixstern in den Sets der New Yorker.
2 P.O.S. „Faded“
Justin Vernon von Bon Iver singt da mit.
3 PORTUGAL. THE MAN „Feel It Still“
Die großartigsten Künstler sind ja wohl jene, die Mainstream und Hardcore-Kritiker vereinen. Shakespeare, Mozart, Michael Jackson. Sowas in der Art. „Feel It Still“ mochte doch jeder. Und viele liebten es.
4 THE XX „Dangerous“
Kein Sample offenbar. Jamie xx ist einer der größten Produzenten unserer Tage.
5 SLOWDIVE „Slomo“
Spät-Meisterwerk.
6 TRAILS AND WAYS „Happiness“
Eigentlich von 2017, aber ich hab’s damals vergessen 🙂
7 SPOON „Hot Thoughts“ (David Andrew Sitek Remix)
Der Produzent und Bandmitglied von TV on the Radio veredelt einen der vielen tollen Tracks aus dem gleichnamigen Album, eines der besten von 2017.
8 THE XX „Replica“
9 NOEL GALLAGHER’S HIGH FLYING BIRDS „Dead In the Water“ (Live at RTE 2FM Studios, Dublin)
Wir wollen alle hoffen und beten, dass Liam seinen großen Bruder nie mehr weichklopft und es keine Oasis-Reunion geben wird. Während Liam sich mittlerweile seine Songs – kommerziell offenbar gar nicht so unerfolgreich – vorkauen und füttern lässt, macht Noel zumindest in seinen hellsten Momenten immer noch große Kunst. Lass den Deppen twittern.
11 FOUR TET „LA Trance“
12 GEOWULF „Drink Too Much“
13 ARCADE FIRE „Electric Blue“
Das „Everything Now“-Album wurde teilweise arg und tendentiell eher zurecht verrissen, weil es vor allem im Titeltrack stellenweise dann doch ein bisschen zu viel Abba war. Songs wie „Chemistry“ sind ihrer sogar gänzlich unwürdig. Aber gänzlich verkehrt haben es Arcade Fire auf dem Album natürlich trotzdem nicht gemacht.
14 GHOSTPOET „Freakshow“
15 THE WAR ON DRUGS „Up All Night“
16 LCD SOUNDSYSTEM „Tonite“
Sehr Bowie-ish.
17 GRIZZLY BEAR „Three Rings“
Der Grammy ist es wieder nicht geworden. Aber die Musik-Historie wird dennoch auf Grizzly Bears Seite sein.
21 WOLF ALICE „Beautifully Unconventional“
22 THE WAR ON DRUGS „Pain“
23 IBEYI feat. MESHELL NDEGOCHELLO „Transmission/Michaelion“
24 FLUT „Linz bei Nacht“
Die 80er waren auch in Oberösterreich zu was gut.
25 ALT-J „Deadcrush“
26 CHARLOTTE GAINSBOURG „Deadly Valentine“
27 BECK „Dreams“
28 !!! „Throttle Service“
29 ALICE MERTON „No Roots“
30 WANDA „Columbo“
Das dritte Album beinhaltet viele unerträgliche Filler, aber eben auch drei sehr gute Songs. Damit stechen sie in Österreich trotz immer stärker werdender Konkurrenz immer noch die meisten anderen Bands aus.
31 GRIZZLY BEAR „Losing All Sense“
32 IBEYI „Away Away“
33 MAVI PHOENIX „Janet Jackson“
34 YUNG HURN „Ok Cool“
35 SPOON „Do I Have to Talk You Into It“
36 BISHOP BRIGGS „River“
37 ARCADE Fire „Peter Pan“
38 GRIZZLY BEAR „Wasted Acres“
39 CHROMATICS „Shadow“ (Last Dance of the Night Club Edit)
40 BILDERBUCH „I <3 Stress“
41 FAREWELL DEAR GHOST „Pink Noise“
42 MAVI PHOENIX „Aventura“
43 LCD SOUNDSYSTEM „Oh Baby“
44 SLOWDIVE „Falling Ashes“
45 LORDE „Green Light“
46 THE HORRORS „Press Enter to Exit“
47 GORILLAZ feat. D.R.A.M. „Andromeda“ (Purple Disco Machine Remix)
48 MGMT „Little Dark Age“
49 SPOON „Whisperi’lllistentohearit“
50 DAN CROLL „Away From Today“
51 NOEL GALLAGHER’S HIGH FLYING BIRDS „Holy Mountain“
52 FOUR TET „Planet“
53 BLANCK MASS „Hive Mind“
54 THEE OH SEES „Plastic Plant“
55 NIHILS „Put Your Back Together“
56 ALT-J „3WW“
57 ARCADE FIRE „Creature Comfort“
58 GORILLAZ feat. JAMIE PRINCIPLE & ZEBRA KATZ „Sex Murder Party“
59 STARS „Hope Avenue“
60 WANDA „Ich sterbe“
61 PHARRELL WILLIAMS „Yellow Light“
62 SOULWAX „Is It Always Binary?“
63 CIGARETTES AFTER SEX „Each Time You Fall In Love“
64 MUSE „Dig Down“
65 ARCADE FIRE „I Give You Power“
66 POWERNERD feat. DREAMHOUR „Marathon“
67 DAN CROLL „Swim“
68 THE NATIONAL „Day I Die“
69 RUN THE JEWELS feat. TUNDE ADEBIMPE „Thieves! (Screamed the Ghost)“
70 !!! „NRGQ“
71 THE WAR ON DRUGS „Thinking Of A Place“
72 HUNDRED WATERS „Parade“
73 PERFUME GENIUS „Run Me Through“
74 ELBOW „Little Fictions“
75 !!! „The One 2“
76 DEATH FROM ABOVE „Holy Books“
77 SPOON „Can I Sit Next To You“
78 JOE GODDARD „Lose Your Love“
79 ST. VINCENT „Pills“
80 SPACE ECHO „Rainbow Power“
81 BILDERBUCH „Bungalow“
82 POND „Colder Than Ice“
83 GORILLAZ feat. KALI UCHIS „She’s My Collar“
84 KELELA „LMK“
85 NICK MURPHY „Medication“
86 EVERYTHING EVERYTHING „Can’t Do“
87 SOPHIA KENNEDY „Build Me A House“
88 DESTROYER „Tinseltown Swimming In Blood“
89 PORTUGAL. THE MAN „Live In the Moment“
90 RUN THE JEWELS „Talk To Me“
91 MURA MASA feat. CHARLI XCX „1 Night“
92 GRIZZLY BEAR „Mourning Sound“
93 WANDA „0043“
94 FIL BO RIVA „Franzis“
95 ALT-J „In Cold Blood“
96 FEVER RAY „Plunge“
97 SYLVAN ESSO „Radio“
98 KENDRICK LAMAR feat. RIHANNA „LOYALTY.“
99 QUEENS OF THE STONE AGE „The Way You Used To Do“
100 THE NEW PORNOGRAPHERS „High Ticket Attractions“
ERSTER!
Das wollte ich an dieser Stelle eigentlich, wie beim Wettrennen in Kinderzeiten, hämisch ausrufen. Denn wundersamerweise ist es mir diesmal gelungen, die Jahrescharts früher in trockene Tücher zu bringen als meine geschätzten Blog-Mitautoren.
Doch dann fiel mein Blick auf die Datumsanzeige im rechten Eck meines Notebooks: Um Himmels willen, 21. Juli 2018!
Und wir reden hier ja nicht etwa von den Halbjahrescharts 2018 – für die wir ebenfalls schon reichlich spät dran wären -, sondern von den Jahrescharts 2017 …
„Die spätesten Jahrescharts der Welt“: Das ist hier aufm Blog schon fast so etwas wie ein Claim – und ja, es ist ein verdammt schlechter Claim, den man heuer noch dazu mit dem Untertitel „Noch nie waren sie so spät wie jetzt“ versehen müsste. Denn tatsächlich haben wir einen neuen Negativrekord aufgestellt.
Doch bevor ich mich in selbstmitleidigen (wenn auch auf Tatsachen basierenden) Ausschweifungen darüber ergehe, dass ich „einfach viel zu selten zum Musikhören komme und wenn dann nur unter Zeitdruck und das geht ja schon mal gar nicht und sowieso und überhaupt“, führe ich lieber ein paar gute Gründe an, warum es heuer noch länger gedauert hat als in den Jahren zuvor. Denn die gibt es!
Zum einen war es diesmal wirklich ein besonders langwieriger und zäher Ausleseprozess, bis am Ende wieder 100 Lieder im „Fixstarter“-Töpfchen und gut 500 andere im „Leider nein“-Kröpfchen gelandet sind. Denn auch wenn Pauschalurteile über die unendlichen Weiten des Pop (ein Begriff, dessen Definition letztlich in seiner Undefinierbarkeit liegt) unzulässig sind, habe ich zumindest für den kleinen Ausschnitt der aktuellen alternativen Popkultur, mit dem ich mich auseinandersetze, folgenden Eindruck gewonnen:
Vieles ist sehr gut, sehr vieles gut, noch viel mehr zumindest toll produziert, Kulturpessimismus völlig fehl am Platz. Absolute Standout-Tracks – im Sinne von modernen Instant-Klassikern – waren in diesem Jahrgang aber eher rar gesät. Während ich somit für die Chartsplätze von ca. 30 bis 80 diesmal locker 100 oder 150 Anwärter gehabt hätte (deutlich mehr als in früheren Jahren), hab ich mich bei den Top 20 so schwer getan wie nie.
Der zweite triftige Grund für die Verspätung der Verspätung der Verspätung war unser Besuch beim Primavera-Festival in Barcelona Ende Mai bis Anfang Juni diesen Jahres (und ja, irgendwann kommen meine Berichte von den restlichen Festivaltagen auch noch, großes Indianerehrenwort – allerspätestens 2023!).
Denn wie jedes Jahr spielte bei diesem betörenden Monster von einem Festival ein erklecklicher Teil meiner potentiellen Jahrescharts-BewerberInnen auf – und die Livekonzerte boten eine letzte willkommene Entscheidungshilfe. Das galt naturgemäß besonders für Wackelkandidaten: Während etwa die Pseudohipster von Starcrawler und leider auch der sympathische Rostam nach unterirdischen Livedarbietungen endgültig aus dem Jahrescharts-Kader flogen, schafften es z. B. die wunderbaren Damen von Ibeyi noch hinein, ebenso Cari Cari mit ihrem reduzierten, The-Kills-artigen Sound, den ich bizarrerweise erst in Barcelona bewusst wahrgenommen habe – obwohl es sich hier um eine österreichische Band handelt …
Doch auch in deutlich luftigeren Chartshöhen gab es durch das Primavera noch entscheidende Veränderungen: So musste ich Cigarettes After Sex nach einem sound- und stimmungstechnisch schwer enttäuschenden, letztlich fürchterlich faden Konzert trotz ihrer traumhaften Songs fast zwangsläufig noch ein paar Plätze hinabstufen (was ihnen herzlich wurscht sein wird). Umgekehrt sind z. B. Slowdive, die Sparks oder Charlotte Gainsbourg nach magischen, elektrisierenden Auftritten noch ein paar Sprossen die Chartsleiter hinaufgewandert. Entscheidend is aufm Platz!
Davon abgesehen nur noch ein paar allgemeine Aspekte, die mir beim Wühlen durch die zahllosen Schichten und Verwerfungen des Pop-Jahrgangs 2017 aufgefallen sind:
– Frauen geben den Ton an. Die kreativste, originellste, zwingendste und dringlichste Musik kam 2017 erneut sehr, sehr oft von Künstlerinnen unterschiedlichster geographischer und stilistischer Herkunft. Darunter waren (ein Blick auf die Top5 reicht) zahlreiche mir bisher unbekannte Namen wie die deutsch-amerikanische Alleskönnerin Sophia Kennedy, die kompromisslosen englischen Country-Punks von Goat Girl, Österreichs höchsteigene Autotune-Queen Mavi Phoenix oder etwa Noga Erez aus Israel, Mo Kenney aus Kanada, Kelly Lee Owens aus Wales oder Susanne Sundfør aus Norwegen.
Aber auch international schon lange etablierte Künstlerinnen wie z. B. die US-Amerikanerinnen Aimee Mann, Amanda Palmer oder Alela Diane sorgten verlässlich für großartige neue Musik. Und dabei haben die allerorts gefeierten Songs von Jahresregentinnen wie Lorde oder St. Vincent bei mir gar nicht den Weg in die Charts gefunden …
– Durchgehend überzeugende Alben waren selten. Über die volle Albumlänge hinweg die Spannung aufrechtzuerhalten, ist für Musiker sicher von jeher wahnsinnig schwierig (zumal die Aufmerksamkeitsspanne des durchschnittlichen Hörers durch die Viele-viele-bunte-Smarties-Welt von YouTube und Spotify nicht eben zugenommen haben dürfte). 2017 ist dieses Kunststück aus meiner Sicht u. a. der schon erwähnten Sophia Kennedy, Stephin Merritts nicht minder genialen Magnetic Fields (sogar über fünf Alben hinweg!), den begnadeten Jammerern von Flotation Toy Warning, Ariel Pink oder den Mountain Goats sehr gut gelungen.
Bei vielen anderen, an sich tollen Künstlern und Bands haben sich auf Albumlänge hingegen doch oft erhebliche Längen eingeschlichen. Mir persönlich ist es 2017 etwa mit Feist, den Fleet Foxes, alt-J oder sogar den von mir hochgeschätzten Grizzly Bear (deren jüngstes Album natürlich trotzdem viel Qualität hat) so ergangen. Wobei: War das jemals grundlegend anders? Waren die meisten Alben nicht immer schon zu lang? Und sind Singles/Einzelsongs nicht das wahre Medium des Pop, heute mehr denn je?
– Hip-Hop ist 2017 eher an mir vorbeigegangen. Ausgerechnet in jenem Jahr, in dem Hip-Hop in den US-Charts erstmals Rock als meistgehörtes Genre abgelöst hat (als einflussreichste Jugendkultur hat er das ohnehin schon lange getan), konnte mich nur relativ wenig aus dieser Ecke des Universums wirklich überzeugen. Ob Vince Staples, Cardi B oder z. B. auch die jüngste Run The Jewels: Klingt alles fett, hat fast immer einen eindrucksvollen (oder etwa im Fall von Yung Hurns Cloud-Rap zumindest ungewöhnlichen) Flow – doch die wirklich zwingenden Samples, Beats, Hooks und Refrains, die Hip-Hop für mich spannend machen, konnte ich nur selten entdecken. Aber vermutlich habe ich die richtigen Pretiosen einfach nur überhört: Ich hoffe, die Kollegen Steff und Johannes können da in ihren Jahrescharts aushelfen!
– Aus Österreich kam auch 2017 viel großartige Musik – abseits von Wanda und Bilderbuch. Ultramoderne R&B/Hip-Hop/Urban-Klänge von Mavi Phoenix, Dreampop und Surfrock von Crush oder DIVES, cleverer Mundart-Rap von Kreiml & Samurai oder die NDW-Wiedergänger FLUT, die mit ihren zackigen Synthie-Ohrwürmern in den 80ern womöglich ganz groß herausgekommen wären: Die Bandbreite spannender zeitgenössischer Musik aus Österreich ist und bleibt erfreulich groß. Dass Wanda mittlerweile nur noch auf Ö3 laufen und plötzlich auch meinen Bürokollegen ein Begriff sind oder Bilderbuch auch schon mal spannender geklungen haben, ist da leicht zu verschmerzen.
Und was mich – jenseits jedes kleinkarierten Lokalpatriotismus – besonders freut: Auch zwei höchst gegensätzliche Tiroler Bands bereichern diesmal die Jahrescharts: MOLLY gleich zweimal mit ihrem süchtig machenden, meisterlich arrangierten Shoegaze, und Von Seiten der Gemeinde mit feinen Samples aus den tiefsten Tiefen der Lokalberichterstattung.
So, bevor es nun endlich ans Eingemachte in Form der Rangliste geht, noch ein kleines Geständnis: Ein, zwei Mal habe ich beim Datum der Songs wieder geschwindelt – diesmal sogar bei der Nummer zwei der Charts. Schließlich ist Goat Girls bitterböser Zweiminüter „Scum“ schon 2016 als Single erschienen. Aber ihn damals schon vor die Lauscher zu bekommen, war für mich schlicht unmöglich. Und vor allem passt diese zornige Abrechnung mit Renationalisierung, Abschottung, Brexit, allgemeiner Engstirnigkeit und aggressiver Dummheit leider nur allzu gut ins Jahr 2017. Oder auch 2018.
How can an entire country be so fucking thick? Hold tight to your pale ales / Bite off your nationalist nails / We’re coming for you, please do fear / You scum aren’t welcome here …
Und: Im Grunde ist es ja völlig zweitrangig, wann genau ein bestimmter Song oder Track nun erschienen ist, solange er nur etwas in uns auslöst. In diesem Sinne ist es, so glaube ich, doch wieder eine hörenswerte Songsammlung geworden. Jetzt bleibt mir nur noch zu hoffen, dass sich viele von euch die Spotify-Playlist (ganz unten zu finden!) oder zumindest Ausschnitte davon anhören und ein paar schöne Entdeckungen machen werden. Über Feedback freue ich mich wie immer sehr!
JAHRESCHARTS 2017 – MICHAEL DOMANIG
Sophia Kennedy – Something Is Coming My Way
Goat Girl – Scum
Cosmo Sheldrake – Come Along
Goat Girl – Cracker Drool
Mavi Phoenix – Aventura
MOLLY – Glimpse
FLUT – Sterne
Cigarettes After Sex – Apocalypse
Benjamin Clementine – God Save the Jungle
Ariel Pink – Bubblegum Dreams
The Sadies – The Elements Song
The Magnetic Fields – ’75: My Mama Ain’t
Sophia Kennedy – William by the Windowsill
Das Lunsentrio – Das letzte Edelweiß
Benjamin Clementine – Jupiter
The New Pornographers – High Ticket Attractions
The Magnetic Fields – ’69: Judy Garland
Jordan Klassen – Dominika
Kendrick Lamar – DNA.
FLUT – Linz bei Nacht
Cigarettes After Sex – Each Time You Fall In Love
Robert Plant – Carry Fire
Adrian Crowley – Unhappy Seamstress
Ariel Pink – Dedicated to Bobby Jameson
Aimee Mann – Goose Snow Cone
Belle & Sebastian – We Were Beautiful
The Magnetic Fields: ’92: Weird Diseases
Crush – Please Me
Kodak Black – Tunnel Vision
Kane Strang – My Smile Is Extinct
Slowdive – Sugar for the Pill
Declan McKenna – Humongous
Superorganism – Something For Your M.I.N.D.
King Gizzard & The Lizard Wizard – Crumbling Castle
MGMT – Little Dark Age
Matias Aguayo & The Desdemonas – Nervous
LeVent – Rabbits
Noga Erez – Off the Radar
alt-J – Pleader
Morissey – Spent The Day in Bed
Sparks – Missionary Position
Mo Kenney – Unglued
Nick Garrie – The Moon and the Village
The Flaming Lips – There Should Be Unicorns
LOT – Was für ein Life
Alela Diane – Émigré
The Magnetic Fields: ’73: It Could Have Been Paradise
Mark Lanegan – Emperor
Flotation Toy Warning – The Moongoose Analogue
Amanda Palmer & Edward Ka-Spel – The Clock at the Back of the Cage
Susanne Sundfør – The Sound of War
The Mountain Goats – Rain in Soho
Dan Croll – Away From Today
John Maus – Touchdown
Grizzly Bear – Wasted Acres
L’Impératrice – Erreur 404
Lali Puna – The Bucket
The Mountain Goats – We Do It Different on the West Coast
Sophia Kennedy – A Bug on a Rug in a Building
Liars – No Tree No Branch
Von Wegen Lisbeth – Wenn du tanzt
Ariel Pink – Dreamdate Narcissist
The Sadies – Another Season Again
Ghostpoet – Freakshow
Das Lunsentrio – Im Goldenen Hahn (Bumm Bumm Bumm Bumm / Bamm Bamm Bamm Bamm)
John Maus – Teenage Witch
Flotation Toy Warning – King of Foxgloves
Kelly Lee Owens – Throwing Lines
LCD Soundsystem – call the Police
Grizzly Bear – Mourning Sound
MOLLY – Time and Space
DIVES – Shrimp
The New Pornographers – Whiteout Conditions
Las Robertas – Sun Haze
Die Buben im Pelz feat. Voodoo Jürgens – Geisterstadt der lebenden Toten
Toothless feat. The Staves – The Sirens
Tamikrest – Wainan Adobat
First Breath After Coma – Salty Eyes
King Gizzard & The Lizard Wizard – Rattlesnake
Fionn Regan – Babushka-Yai Ya
Ibeyi – Away Away
The National – The System Only Sleeps in Total Darkness
Fleet Foxes – If You Need To, Keep Time On Me
Kreiml & Samurai feat. Monobrother – Wiener
Charlotte Gainsbourg – Deadly Valentine
Wand – Bee Karma
All Them Witches – Bulls
Dead Cross – Seizure and Desist
The Magnetic Fields – ’67: Come Back as a Cockroach
Festivalbericht: Primavera Sound, Parc del Fòrum, Barcelona, 30. Mai 2018:
Primavera Sound Festival in Barcelona! Das bedeutet (mindestens) vier Tage totaler audiovisueller Reizüberflutung, umgeben von der atemberaubenden zeitgenössischen Architektur des Messegeländes Parc del Forum und zehntausenden Musikfreaks, Checkern und Hipstern aus aller Welt. Das bedeutet die Qual der Wahl, weil oft auf drei oder vier Bühnen gleichzeitig KünstlerInnen spielen, die man alle verdammt gern gesehen hätte. Es bedeutet den Luxus (oder Irrsinn?), auch mal Weltstars links liegen zu lassen, um sich stattdessen irgendeinen Geheimtipp auf einer der kleineren Bühnen zu genehmigen. Und es bedeutete für uns heuer auch etwas protzige, ähem, goldene, räusper, VIP-Armbänder um unsere Handgelenke. Bling bling!
Moment mal!, wird die sozialkritische, linksliberale Leserschaft hier gleich einwenden. VIP?! Geht’s noch? Habt ihr zu viel Geld? Und vor allem: Ist das noch Rock ’n‘ Roll? Oder doch schon eher die Kapitulation vor dem eigenen Alter? Was kommt als nächstes – Champagner und Horsd’œuvre vor dem Konzert?
Dazu kann man nur sagen: Stimmt, 400 Euro für einen Festivalpass sind echt verdammt viel Geld. Aber auch sehr gut investiertes Geld! Denn man kann sich damit viele der – zumindest aus meiner Sicht – recht mühsamen und unnötigen Nebenerscheinungen eines Festivals ersparen: zum Beispiel das endlose Anstehen an Bier- und Essensständen, die Rückenschmerzen nach Stunden ohne geeignete Sitzmöglichkeit oder die aussichtslose Suche nach den befreundeten Festivalbesuchern („Treff ma ins um hoiwe zwoa vor der Hauptbühne, i steh links bei dem komischen Scheinwerfer oder wos des is“ – „Do is koa Scheinwerfer“) …
Nein, die Vorteile der güldenen Bling-Bling-Bänder sind nicht vom Handgelenk zu weisen: Dazu zählen u. a. ein eigener Einlass, eine Art „Priority Boarding“, am Festivalgelände und bei den zwei größten Bühnen, so dass man ganz vorne rein kann (zugegeben, das habe ich zu meiner Schande viel zu wenig ausgenützt – aber meine Lieblingskünstler auf dem Festival haben großteils nicht dort gespielt), eigene „Pro“-Bereiche, an denen stets ausreichend gemütlicher Sitzplätze zur Verfügung standen (bei mir zwickt es spätestens nach drei Konzerten ohne Sitzpause leider in Rücken und Knie – jaja, ich bin ein alter Sack!) und eigene Getränkestände ohne Schlangen, dafür aber mit absolut fairen Preisen (das Bier um ehrliche 2,50, Wasser noch deutlich günstiger). Und zugleich gab es immer einen sicheren Treffpunkt, wenn wir fünf IndividualistInnen uns mal wieder in alle Himmelsrichtungen zerstreut hatten.
Klingt nach Gated Community? Ja, aber in dem Fall hatte ich ehrlich gesagt nichts dagegen …
So, jetzt aber endlich zur Musik: Nachdem wir am Dienstagabend (dem Anreisetag für die meisten von uns) eine Clubshow mit den Postrockern The Sea & Cake ausgelassen hatten (Burger statt Kuchen war auch nicht schlecht), kamen die ersten Takte Musik, die wir am Festival hörten, von der katalanischen Formation Holy Bouncer: Die sind mir trotz ihres durchaus ansprechenden und gefälligen Retro-Psychedelic-(Soft)Rocks aber deutlich weniger im Gedächtnis geblieben als das direkt darauffolgende Konzert …
Die Soundqualität sollte sich auf diesem Festival leider bei einer Reihe von Künstlern als Problem herausstellen (während sie bei anderen absolut göttlich war, dazu später mehr) – aber was bei Starcrawler passierte (oder eben nicht passierte), stellte alles andere in den Schatten.
Kollege Steff hatte schon im Vorfeld prophezeit, dass es sich hier um eine austauschbare Band handeln dürfte, „die in zwei Jahren sowieso keiner mehr kennt“ und die ihren guten Slot (später Nachmittag am ersten richtigen Festivaltag) nur durch irgendwelche undurchschaubaren Plattenfirmen- und Promoter-Deals bekommen habe. Da hat er wohl recht (auch wenn die Gruppe aus L.A. von Ryan Adams produziert wurde und Größen von Shirley Manson bis Elton John sich als Fans des angeblichen „next big thing“ geoutet haben). Aber mit „I Love L.A.“ haben Starcrawler immerhin einen rotzigen, fetzigen Indie-Rock-Hit im Repertoire, den ich gerne gehört hätte.
Doch daraus wurde leider nichts. Denn in den ersten 15 bis 20 Minuten war von der exaltierten Sängerin Arrow de Wilde nämlich leider nichts zu hören. Und zwar buchstäblich: NICHTS. Die bedauernswerte Dame war nicht etwa zu leise gemischt, sondern sie war überhaupt nicht gemischt. Umso lauter gemischt waren dafür leider die schaurig-schiefen Background-Vocals des Bassisten (oder wer immer das war), der somit die einzigen erkennbaren Gesangsparts lieferte. Na gut, einen Meter vor der Bühne hätte man vielleicht irgendeinen Laut von Mrs. de Wilde vernehmen können, aber ansonsten: Silent Karaoke.
Was schon beim Auftritt einer Schülerband unangenehm wäre, schien hier – auf einer riesigen Bühne und vor einer doch erklecklichen Zuhörer(?)zahl – niemand von der Band oder den Soundmenschen zu bemerken. Nicht einmal mehrere Fans, die sich demonstrativ zu den Mischern am Soundpult umdrehten und ihnen den Mittelfinger zeigten (!), konnten daran zunächst etwas ändern. Und all das bei einer Band, die einzig und allein von ihrer Sängerin vor dem totalen Mittelmaß bewahrt werden könnte!
Der anfangs fehlende – und auch danach kaum wahrnehmbare – Gesang wirkte umso bizarrer, als die spindeldürre Arrow zugleich eine expressive Zombie-Vogelscheuchen-Show abzog, sich auf der Bühne herumwälzte, sich mit Kunstblut beschmierte und noch einige andere Moves vollführte, die wohl Gefährlichkeit (oder so) signalisieren sollten. In Summe ein sehr, sehr befremdlicher Auftakt!
Danach folgte zum Glück rasch der erste große Festivalhöhepunkt: Spiritualized live und exklusiv mit Orchester und Chor, noch dazu im „Auditori Rockdelux“, einem grandiosen Konzertsaal, der den Besuch allein schon gerechtfertigt hätte.
Um dort hineinzukommen, brauchte man zunächst jedoch Extrakarten, die zwar äußerst billig (2 Euro), dafür aber natürlich streng begrenzt waren. Und wir hatten absolut unterschätzt, welche Zugkraft die englische Spacerock/Psychedlic-Kultband – die im Grunde nur aus ihrem Mastermind Jason Pierce vulgo J. Spaceman besteht – auch heute noch oder erst recht wieder besitzt. Und so stellte sich heraus, dass die laaaaange, aus vielen, vielen Windungen bestehende Menschenschlange nicht etwa jene für die Festivalbänder war (und schon gar nicht jene für die VIP-Bänder), sondern eben die für Spiritualized. Mindestens eine Stunde in der prallen Sonne – und diverse bange Momente (würde der Ticketschalter direkt vor unserer Nase zugeknallt werden?) – galt es zu überstehen, bis wir die begehrten Karten endlich in Händen hielten. Manch ein Hardcore-Fan dürfte hingegen zu spät gekommen sein.
Der Aufwand – inklusive erneutem Anstehen vor dem und hektischem Platzbesetzen im Auditori – hat sich aber mehr als ausgezahlt. In seinen besten Momenten (und davon gab es viele) war dieses Konzert nämlich mehr als ein Konzert: ein absolut überwältigendes Gesamterlebnis.
Musikalisch wirkten Pierces kosmische Kompositionen in dieser besonderen Darreichungsform wie eine Mischung aus bedröhntem Psychedelic Rock und schwerelosem Gospel – es steckt tatsächlich ein erstaunlich großer „Spiritual“-Anteil in Spiritualized. Kurios wirkt das höchstens auf den ersten Blick, eigentlich passt es sogar sehr gut zusammen: Schließlich geht es sowohl bei psychedelischer Musik als auch bei Gospel um das Streben nach irgendeiner Art von Himmel, nach Entgrenzung und Erlösung. Es sind letztlich zwei verschiedene musikalische Wege mit dem selben Ziel.
Das Orchester und der größtenteils weibliche Chor waren dabei die idealen Wegbegleiter, sie trugen die schon im Original oft choral und orchestral angelegten Arrangements stellenweise perfekt. Chor und Orchester mögen in der Popmusik häufig nur Effekthascherei und schmückendes Beiwerk sein, der Versuch, in elitäre „Hochkultur“-Kreise vorzustoßen – hier war das eine vollkommen schlüssige, eindrucksvolle Umsetzung. Nicht umsonst platzierte sich Pearce bescheiden am rechten Bühnenrand und überließ dem Orchester den Platz im Zentrum.
Am besten gefiel mir persönlich freilich das rein instrumentale Doppelpack aus „Born, Never Asked“ (im Original offenbar von der berühmten Laurie Anderson) und „Electric Mainline“ – eine einzige berauschende, euphorisierende Lärmlawine. Weitere Höhepunkte waren der gigantische Gospel „Shine A Light“, „I Think I’m In Love“, das fast schon (zu?) ausgelassene „Soul On Fire“ und natürlich das wohl bekannteste Stück, „Ladies and Gentleman, We Are Floating in Space“, der Titelsong des legendären 1997er-Albums. Wobei sich Pearce und der Chor ausgerechnet hier anfangs eher im Weg zu stehen schienen. Es wurde dann aber doch noch eine großartige Nummer – samt wunderschön eingewobenen Zeilen aus „Can’t Help Falling in Love!“
Dazu gab es eine atemberaubende, offenbar auf totale Überwältigung abzielende visuelle Show, wie zumindest ich sie noch nie erlebt habe – ein Gesamtkunstwerk aus pulsierendem Stroboskop-Licht (das alleine schon ausgereicht hätte, mich in Trance und Epileptiker in Panik zu versetzen), atmosphärischer Bühnenbeleuchtung und suggestiven Visuals von Wolken, Sternen und Sternenwolken. Dazu kamen noch die ganz individuellen Farbfetzen, die der eigene Sehapparat als Reaktion auf das visuelle Dauerfeuer entwickelte – selbst mit geschlossenen Augen gab es kein Entkommen. In Summe war das stellenweise ein wirklich magischer Trip, frei nach dem Albumtitel von Pierces früherer Band Spacemen 3: „Taking Drugs To Make Music To Take Drugs To“. Nur, dass das hier zum Glück ganz ohne gefährliche Rauschmittel funktionierte.
Dass das überwältigende Niveau nicht durchgehend gehalten werden konnte (mir wurde es ab und zu ein wenig ZU gospelig) und bei den eher simpel gestrickten Lyrics von Pearce die Grenze zur Banalität bisweilen nicht mehr weit entfernt ist – geschenkt. Ein erhebender, prägender Abend war es allemal! (Nur schade, dass es seitens des Primavera Festivals ausgerechnet von diesem Ereignis keine offiziellen Aufnahmen zu geben scheint?!)
Für einen wunderbaren Ausklang am Festivalgelände sorgten dann die von mir sehr geschätzten Belle and Sebastian aus Schottland: Sie brachten ihren fein ziselierten, delikaten Gitarrenpop perfekt auf die große Apple-Music-Bühne – und bewiesen, dass „leichtfüßig“ rein gar nichts mit „leichtgewichtig“ zu tun hat.
Angeführt vom blendend gelaunten und disponierten Sänger Stuart Murdoch, der einen lässigen, sexy Frontmann abgab, und der nicht minder großartigen Violinistin und Sängerin Sarah Martin, setzte es einen tollen Mix aus neuen Songs (das wunderbare „We Were Beautiful“ schafft es als Späteinsteiger sicher noch in meine Jahrescharts 2017) und dem erstaunlich reichen Fundus an Bandklassikern wie „I’m A Cuckoo“, „Perfect Couples“, „The Boy With The Arab Strab“, „Judy And The Dream of Horses“ oder „Legal Man“.
All das wurde von den Schotten hochsympathisch, unglaublich souverän und vor allem wunderbar locker dargeboten – auch und gerade, als zu „Sukie In The Graveyard“ begeisterte Mädels und später, gendergerecht, Typen aus dem Publikum auf die Bühne geholt wurden, um dort mit Murdoch ausgelassen das Tanzbein zu schwingen. Auch aus der Distanz des VIP-Areals betrachtet, versprühte das einfach extrem viel gute Laune – genau das Richtige zu dieser fortgeschrittenen Stunde!
Mit „The Party Line“ (aus meinen Jahrescharts 2015, falls das irgendwen interessiert) folgte als zweite Zugabe dann auch noch der optimale Rausschmeißer zum Mithüpfen und Mitsingen. Die wunderbare Leichtigkeit des Seins!
Weit weniger leicht waren unsere kollektiven Beine und Augenlider dann gegen halb drei Uhr morgens in der Sala Apolo in der Innenstadt von Barcelona, wo wir dennoch mit freudiger Erwartung auf die Clubshow „unserer“ Mavi Phoenix warteten. Mit Lokalstolz hat das wenig zu tun – der hat immer etwas Lächerliches und Problematisches an sich, erst recht bei etwas definitionsgemäß so Globalem wie der Popkultur. Aber ich freue mich doch, dass zurzeit (eigentlich schon seit einigen Jahren) so viel gute und vielfältige Musik aus Österreich kommt. Und ich war ehrlich gespannt, wie sich die junge Sängerin mit den syrischen Wurzeln bei ihrem Barcelona-Debüt schlagen würde!
Nun, nach dem ohrenbetäubenden Set der russischen Underground-Elektronikerin Kedr Livanskiy, bejubelt von einem prall gefüllten Saal, fiel zunächst einmal auf, dass der Sound bei Mavi deutlich leiser (zu leise?!) – und der Raum deutlich weniger voll war. Doch mit selbstbewusster Bühnen- und toller Stimmpräsenz machte die Künstlerin (nur begleitet von einem Typ an den Reglern) das sofort wett. Sie kredenzte ein dichtes, unterhaltsames Set ohne Durchhänger, bei dem man sich wirklich so fühlte, wie es in der 500 Seiten starken „Bibel“, die man als VIP ins Nikolaussackerl gesteckt bekam, beschrieben wurde: „like going on a safari in the universe of contemporary urban music“.
(Foto: Stefan Pletzer)
Ob brandneue Nummern wie „Bite“, „Love Longtime“ oder das heftig beklatschte „Yellow“ (bei dem mir die Vocoder-Effekte im Refrain dann doch etwas zu sehr nach dem dunklen Eurodance-Zeitalter klingen; aber gut, die Jungen stehen halt gerade voll auf Autotune) – ein potentieller Hit folgte dem nächsten. Das großartige „Janet Jackson“ widmete Mavi Phoenix dann tatsächlich Janet Jackson, der sie, wie sie erzählte, seinerzeit sogar ein E-Mail mit der Bitte um Zusammenarbeit geschrieben hatte. (Anm.: Liebe Janet, du solltest dir die Sache vielleicht doch noch einmal überlegen – in Sachen Cool- und Freshness könntest du hier inzwischen einiges lernen!). Zum Abschluss wartete dann natürlich das noch tollere „Avventura“, das weit über Österreich (und, ähem, meine Jahrescharts) hinaus zum Smashhit geworden zu sein scheint. Shove it up your … eh scho wissen.
Am Ende waren trotz der frühen Morgenstunde wieder deutlich mehr Zuhörer am Parkett als zu Beginn des Konzerts – bestes Zeugnis dafür, dass es ein gelungener Auftritt war. Wie es Mavi Phoenix tags darauf bei einem weiteren Konzert auf der ungleich größeren Pitchfork-Bühne ergangen ist, konnte ich bis jetzt leider nicht herausfinden. Ich bin mir aber sicher, dass sie auch dort einige neue Fans gewonnen hat.
(Foto: Stefan Pletzer)
Für uns ging damit ein intensiver erster Tag zu Ende. Wobei die richtig langen, anstrengenden Tage erst noch kommen sollten – mit zu erwartenden Highlights, erfreulichen Überraschungen, aber auch einigen ziemlich heftigen Enttäuschungen. Also: Stay tuned!
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 24:
THE DAMNED – LIFE GOES ON (1982)
Lasst uns kurz über eine Situation reden, von der ich mit standfester Überzeugung behaupten möchte, dass sie bestimmt nicht nur mir regelmäßig widerfährt. Irgendwo setzt im Hintergrund dieses eine Bassgitarrenriff ein, das jedem Menschen der westlichen Welt geläufig sein sollte. Und trotzdem, auch nach gefühlt tausendmaligem Hören, frage ich mich für einen ganz kurzen Moment, bevor sich die ganze Sache sehr schnell aufklärt: „Ist das jetzt ‚Under Pressure‘ oder ‚Ice Ice Baby‘?“ Spielt die Eckkneipe meines Vertrauens jetzt den zeitlosen Rock-Klassiker von Queen und David Bowie oder doch die sieben Jahre jüngere, auf eine seltsame Art ebenfalls zeitlose HipHop-Nummer von Vanilla Ice, in der ein Sample des Basslaufs vom Queen-Song die Basis bildet? Je nach Alter/Generation, Geschmack, musikalischer Sozialisation oder Trash-Schmerzgrenze dürfte man geprimt sein, instinktiv zuerst entweder an das eine oder das andere Lied denken zu müssen.
Schnitt, Szenenwechsel. In meiner WG kann es des Öfteren ein wenig lauter werden, aber eher selten auf musikalische Art. Zumindest war das bis vor kurzem so, aber in letzter Zeit greift ein Mitbewohner wieder vermehrt zur Gitarre. Am häufigsten schallt derzeit das Eingangsriff von Nirvanas „Come as You Are“ durch die Gänge. Und jedes Mal, wenn ich diese Melodie höre, muss ich immer zuerst an den Song „Eighties“ von Killing Joke denken, welcher dem Nirvana-Song acht Jahre vorausgeht. Die Ähnlichkeit der beiden Gitarrenmelodien entging der Musikwelt damals nicht und löste rund um die Veröffentlichung des Nirvana-Songs einige Kontroversen aus. Sowohl der Fall Queen vs. Vanilla Ice als auch der Fall Nirvana vs. Killing Joke sind interessante und recherchierenswerte Geschichten voller widersprüchlicher Aussagen, offener Fragen und Ambiguitäten, die jeder für sich nachlesen kann und auf die ich jetzt nicht unbedingt im Detail eingehen muss.
Jedenfalls habe ich meinen Mitbewohner auf besagte Ähnlichkeit hingewiesen und er war doch recht erstaunt über dieses nette Stück Musiktrivia. Ich staunte aber ebenfalls nicht schlecht, als ich die ganze Thematik daraufhin nochmal nachlesen wollte und auf etwas stieß, was mir neu war: Noch zwei Jahre älter als der Killing Joke Song ist ein Stück der britischen (Post-)Punker The Damned namens „Life Goes On“, welches wieder mit exakt jener Gitarrenmelodie beginnt. Während solche Debatten über Ähnlichkeiten in Songs öfters auftauchen, kann man hier fast schon nicht mehr von „Ähnlichkeiten“ sprechen. Bandmitglieder von Killing Joke streiten jedoch ab, den Song vorher gekannt zu haben. Unterm Strich habe ich durch diese ganze Geschichte jedenfalls ein Lied kennengelernt, welches sich mit seiner melancholisch-verträumten Ader direkt in mein Ohr und Herz eingenistet hat und innen weiterrotiert, wenn ich die Repeat-Funktion schon längst deaktiviert habe.
Abschließend noch eine weitere Kuriositätenperle obendrauf: Die norwegische Gothic Rock Band Garden of Delight bediente sich 1984 auf „22 Faces“ ebenfalls bei besagter Eingangsmelodie. Somit sind wir schon bei drei (bzw. vier) Songs aus dieser Ära mit demselben Riff angelangt. Und wenn man tief genug gräbt stößt man gewiss auch auf weitere Beispiele. Vielleicht sind der Leserschaft sogar einige bekannt?