HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 7.1: JULIANNA BARWICK – THE HARBINGER
Schall ist nicht nur für Musikliebhaber ein interessantes Medium. Julianna Barwick entwickelte bereits als Kind eine Faszination dafür. Zunächst sang sie acapella in Chorgruppen und experimentierte damals schon in jeder freien Minute mit ihrer Stimme. In Kirchenschiffen oder auch einem großen ausgehöhlten Baumstamm auf dem Grundstück ihrer Eltern (nach dem auch ihr drittes Album „The Magic Place“ benannt ist) begeisterten sie dann die ewig widerhallenden Klänge und Echos, die später ihre Musik kennzeichnen sollten.
Im Grunde genommen ist Barwicks Musik recht simpel und besteht zum überwiegenden Großteil aus ihrer Stimme, die sie mit ihrer Boss RC-50 Loop Station manipuliert und multipliziert, und so Schicht und Schicht übereinander legt, bis die einzelnen Teile ein anmutiges bis mysteriöses großes Ganzes ergeben. Der Ursprung dieser Klänge – ihre Stimme – ist manchmal klar hörbar, auch wenn man so gut wie nie tatsächliche Wörter erkennen kann, oft ist sie aber auch bis zur Unkenntlichkeit im eigenen Reverb und dem der anderen Soundebenen ertränkt. Und wie die meisten Chöre ist auch dieser de facto Ein-Frau-Chor nicht an eine bestimmte Jahreszeit oder dergleichen gebunden. Und trotzdem assoziiere ich speziell ihr viertes Album „Nepenthe“ mit Weihnachtsstimmung, dem ersten Schneefall und all den anderen frühwinterlichen Dingen, für die das Album eigentlich nie konzipiert war. Jedes Mal, wenn sich diese Zeit des Jahres und die dazugehörige Stimmung langsam aber sicher nähert, wird Nepenthe aufgelegt. Dass jener Track des Albums, der diese Assoziation für mich am meisten beinhaltet, ausgerechnet „The Harbinger“ – sprich „Vorbote“ oder „Vorläufer“ – heißt, ist dabei ein schöner Zufall.
Konzertbericht: Fuzzman & The Singin Rebels, Weekender Club Innsbruck, 2. Dezember 2016
Schlager hat in der alternativen Popkultur einen denkbar schlechten Ruf. Er gilt als schmierig, verlogen, kommerziell, konformistisch und reaktionär. Und das völlig zu Recht. Jede einzelne Sekunde der einschlägigen Schlagerparaden im TV bestätigt die Vorurteile.
Doch da ist noch eine andere Dimension im Schlager – im guten Schlager wohlgemerkt (und ja, den gibt es). Gerade in den (über)großen Gefühlen und Melodien des Schlagers, in seiner Befreiung von jedem Coolness-Zwang, in seiner emotionalen Rückhaltlosigkeit kann sich etwas Bewegendes, Tiefes und Wahrhaftiges verbergen. Guter, richtig verstandener Schlager geht volles (Gefühls-)Risiko, lässt nichts übrig, wohinter man sich verstecken kann. Diese Art von Schlager kann, wie zum Beispiel auch gute Countrymusik aus den USA, beinhart, tieftraurig und voller Abgründe sein. Ja, im Schlager lässt sich in besonderen Momenten vielleicht sogar ein utopisches Element, die Illusion (?) einer besseren Welt, entdecken.
Genau dieses utopische, letztlich irgendwie politische Element hat auch der Kärntner Herwig Zamernik, besser bekannt als Fuzzman sowie als Mitglied der Klagenfurter Popmelancholiker Naked Lunch, im Schlager aufgespürt. Und sich, statt halbe Sachen zu machen, gleich kopfüber ins Genre hineingestürzt. Das wurde auch im Weekender-Keller zu Innsbruck, Endstation einer Kurztournee, die Fuzzman und seine Singin Rebels zuvor nach Wien, Berlin, Leipzig oder Zürich geführt hatte, von der ersten Sekunde an deutlich. An diesem Abend setzte es nämlich nicht alibihalber ein, zwei Schlager, sondern praktisch ein reines Schlagerprogramm – wenn auch eines mit einer Vielzahl an Falltüren und unerwarteten Wendungen.
Bereits rein äußerlich war die Band – die man auf dem Tourplakat mehr oder weniger erhaben auf Haflingern einreiten sieht – ein absoluter Genuss: Vier Männer in den sogenannten besten Jahren, mit Schlaghosen (im Fall des Frontmanns natürlich ganz in Weiß gehalten), offenen Hemden, wehenden 70er-Jahre-Mähnen und Bärten, die von der Geschmackspolizei eigentlich längst verboten wurden.
Immer wieder wurde das bestens geölte Quartett zudem vom unvergleichlichen „Pfleger Mike“ verstärkt – Begleitmusiker, Merchandise-Beauftragter und aufopfernde Pflegekraft in Personalunion. „Schließlich“, so Fuzzman, „sind wir nicht mehr die Jüngsten“. Mit Rotzbremse und Haarvorhang machte Pfleger Mike jedenfalls den Eindruck, als wäre er gerade einem windigen 70er-Jahre-Softporno oder der letzten Folge von „Soko Donau“ entsprungen. Das galt optisch auch für Allzweckwaffe Richard Klammer (Schlagzeug, Trompete und Chorgesang), den Fuzzman mit den Worten „100 Kilo purer Sex“ vorstellte, mit der Ergänzung versehen, dass so „auch der Titel unserer Weihnachtssingle“ lautet.
Man sieht schon, an diesem Abend gab es viel zu lachen. Aber mit dem Schlager meinen es Fuzzman und seine singenden Aufständischen dennoch ernst. Sie greifen das Genre zwar mit Ironie und Augenzwinkern auf, aber ohne jeden Zynismus, also ohne das Genre aus der ach-so-coolen Independent-Ecke heraus vorzuführen und lächerlich zu machen. Ihre Form von Schlager ist zwar doppelbödig, verzichtet aber, so widersprüchlich das klingen mag, zugleich auf Netz und doppelten Boden. Das muss man erst einmal zustande bringen!
Käsige Synthie-Sounds, Zupfbass, Beserlschlagzeug, soulige Männerchöre, hemmungsloser Harmoniegesang: Alles, was scheinbar gar nicht geht, geht auf einmal doch, wenn man sich erst einmal vom Coolness-Diktat gelöst hat. Mit anderen Worten: Fuzzman und die Singin Rebels spielen die scheinbar uncoolste Musik des Planeten, verbunden mit dem scheinbar uncoolsten Outfit – und den entsprechenden Gesangsposen und Tanzeinlagen -, sie tun das aber so selbstverständlich und souverän, dass es am Ende doch wieder verdammt cool wirkt.
Konzertbericht: 4 hours with Seven That Spells and Jastreb, Q-West Kufstein, 18. November 2016
“Beyond. We are the dogs of the western Jazz society looking for dope. Modern, aggressive psychedelic wall of sound incorporating polymetrics and occasional Viking funeral rites; hailing from the 23rd century where rock is dead, Seven That Spells returned in time where it’s still possible to change the tragic course of the boring history.” Wer bei dieser Selbstbeschreibung nicht sofort hellhörig wird, lebt nicht in meiner Welt. Seven That Spells verstehen sich offenbar als zeitreisende Heroen und geben ihr Bestes, um auf den Bühnen und Plattentellern der Gegenwart Riffwände zu errichten, die so geschichtsträchtig und gleichzeitig so ahistorisch im Sinne von zeitlos sind, dass jene dystopische, rocklose Zukunft nie eintreten wird. Nicht alle Helden tragen Maske oder Umhang, manchmal tut es auch eine Gitarre.
Am vergangenen Freitag durfte die Menschheit wieder hautnah mitansehen, wie der Trupp seiner ehrenvollen Mission und Vision nachgeht. Der Kulturverein KlangFarben lud die Band rund um Mastermind Niko „The Last Lord of Atlantis“ Potočnjak ins Kufsteiner Q-West ein. Zu Seven That Spells gesellt sich an diesem Abend noch deren Nebenprojekt Jastreb hinzu. Dessen Kurzbeschreibung liest sich nicht weniger wahnsinnig: “Hailing from 13th century, these mystical troubadours failed to destroy the Earth in an apocalyptic event gone horribly awry. After this failure, making music seemed the only way to get cosmic redemption and women. By opening a diabolical rift and traveling to the future, they escaped the Catholic inquisition and are now getting ready for a second attempt at the aforementioned apocalyptic event.”
Eine gespaltene Persönlichkeit in Bandform. Die eine Seite destruktiv und aus der fernen Vergangenheit stammend, die andere aus der fernen Zukunft und mit ausschließlich guten Absichten im Gepäck, so prallen sie in der Gegenwart aufeinander. Wieso sollte man sich auch mit einer zweistündigen Tour de Force durch die verdrogte Welt aus okkultem Kraut- und Space Rock zufriedengeben, wenn diese mit (fast) demselben Personal auch vier Stunden dauern kann?
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 6:
FUTURE OF THE LEFT – IN A FORMER LIFE (2016)
Was ist die richtige musikalische Therapie für Post-Trump-Wahldepression und Prähoferitis? Wie hat Musik in einer Zeit zu klingen, in der AfD, Le Pen, Putin oder Erdogan die Schlagzeilen – und leider nicht nur diese – beherrschen?
Nun, sie sollte hart und schnell sein, aggressiv und zornig, räudig und krass. Oder, um es kürzer zu sagen: Sie sollte klingen wie Future of the Left.
Die wütenden Waliser – Nachfolgeband der nicht minder schlecht gelaunten Mclusky – zählen seit Jahren zu meinen absoluten Favoriten im weiten (Schlacht-)Feld zwischen Hardcore, Noise Rock und kantigem LoFi. Das hier ist die beste Musik, um Kristallvasen zu Bruch zu schlagen, das Smartphone gegen die Wand zu schleudern und mal so richtig zu randalieren (zumindest gedanklich).
Front-Psychotiker Andy „Falco“ Falkous („Sänger“ ist für den Herrn ein unzureichender Begriff) kann nicht nur schimpfen wie ein walisischer Rohrspatz, nicht nur ätzen wie Schwefelsäure, nein, er schüttelt so nebenbei auch die besten Songtitel der Welt auf dem Ärmel.
Bei Mclusky hießen die Songs beispielsweise „The Difference Between You and Me Is That I’m Not on Fire“, „Lightsabre Cocksucking Blues“, „To Hell With Good Intentions“ oder „Alan Is a Cowboy Killer“ – und waren meistens genau so gut wie ihre Titel.
Future of the Left legten mehr als würdig nach – mit Rabiatperlen wie „Throwing Bricks at Trains“, „The Hope That House Built“ (sic!), „You Need Satan More Than He Needs You“, „Sheena Is A T-Shirt Salesman“ oder „The Real Meaning of Christmas“.
„The Peace & Truce of Future of the Left“ heißt nun der jüngste, einmal mehr hochgradig sarkastisch betitelte Albumstreich. Auch die Tracks tragen natürlich wieder schöne, T-Shirt taugliche Namen, darunter „The Limits of Battleships“ oder der Zungenbrecher „If AT&T Drank Tea What Would BP Do“.
Dazu spuckt Falco wieder Gift und Galle, wie man es wohl nur auf den Straßen und in den Spelunken von Cardiff lernt – man lausche nur brachialen Krachern wie „Back When I Was Brilliant“ (mit tonnenschweren When-The-Levee-Breaks-Gedächtnisdrums und einem zwingenden Chorus im Finale) oder dem brutal-abgehackten „Reference Point Zero“.
Besonders bizarr geht es aber in „In A Former Life“ zur Sache, das allem Anschein nach von einem Typen handelt, der wechselweise als Pekinese von Prinz Paul, als Gigolo von Queen Anne, als dauerschwangerer Mann oder als Benzintank von Ron Pearlman wiedergeboren wird … „In a former life / everyone was a performer“, heißt es im Refrain. Und damit sind wir auf einmal wieder direkt bei Donald Trump. Oder doch nicht?
Denn wovon der Song tatsächlich handelt, bleibt offen. Hier geht Aristoteles ins Kino, Marie Curie kauft probiotisches Joghurt – und die Fruchtwechselwirtschaft scheint endgültig gescheitert. Mit einem Wort: Hä??
Worum es inhaltlich nun wirklich geht, ist aber ohnehin zweitrangig. Die pure Wucht, der sprühende Sarkasmus, die befreiende Energie des Punk und die Kompromisslosigkeit des Noise Rock sprechen für sich, fressen sich durch die Gitterstäbe und machen den Weg frei für neue Gedanken. Katharsis!
Mit anderen Worten: Diese Musik springt einen an wie ein tollwütiger Hund – von dem man nur allzu gerne gebissen werden möchte. Und wenn ihr es immer noch nicht glaubt, dann probiert mal das hier (natürlich in voller Lautstärke). Ihr werdet euch danach besser fühlen, versprochen!
Konzertbericht: Marianne Dissard, ZONE Wörgl, 7. Oktober 2016
Weit über fünf Jahre (mein Gott!) sind seit dem letzten Tirol-Besuch von Madame Marianne Dissard ins Land gezogen. Damals durfte ich für ein mittlerweile längst beerdigtes Unterländer Lokalmedium vom großartigen Auftritt der französisch-amerikanischen Sängerin berichten. Ein Auftritt, der seinerzeit im – Achtung Selbstzitat aus dem Jahr 2011 – „dafür atmosphärisch und akustisch wie geschaffenen“ Wörgler Astnersaal in Szene ging.
Dieser charaktervolle Ballsaal in der „Alten Post“ mit seinen viel zu hohen Wänden, dem überdimensionalen Kronleuchter, den geheimnisvoll schimmernden Spiegeln, kurz: all der herrlichen Patina stand diesmal wegen einer anstehenden Theaterpremiere leider nicht zur Verfügung. Aber auch im etwas prosaischeren Ersatzquartier, dem sympathischen Jugendzentrum ZONE Wörgl, wurde es ein wunderbarer, intimer Abend.
Für Marianne Dissard und ihre aktuelle, formidable All-female-Band war es vermutlich das kleinste, am schwächsten besuchte Konzert der laufenden Europatournee, für die unermüdlichen Veranstalter vom Wörgler Kulturverein SPUR. finanziell bestimmt kein lohnender Abend. Aber für die circa zehn zahlenden Zuschauer war es ein umso schöneres Wohnzimmerkonzert.
„Cibola Gold“ heißt die aktuelle Compilation, die Marianne Dissard mit im Tourneegepäck hat. Sie versammelt dreizehn zentrale Lieder, nein, excusez-moi, Chansons aus fünf Alben der Jahre 2008 bis 2015. Cibola ist, wie Wikipedia zu vermelden weiß, eine der sagenhaften Sieben Städte aus Gold, die spanische Eroberer des 16. Jahrhunderts im heutigen Südwesten der USA vermuteten.
Marianne Dissard selbst hat ihre Goldene Stadt eindeutig in Tucson, Arizona, gefunden, wo sie gut zwei Jahrzehnte lang lebte – und wohin sie nun, nach einem längeren Parisaufenthalt, auch wieder zurückgekehrt ist. Die überschaubare, aber umso lebendigere Alternativ-Szene der 500.000-Einwohner-Stadt in der Wüste ist jenes fruchtbare Biotop, in dem Dissard aufblühte, an der Seite von wild wuchernden Gewächsen wie Giant Sand und Calexico, in Symbiose mit verschiedenen Musikergenerationen vom legendären Howe Gelb bis hin zu Gabriel Sullivan und Brian Lopez, die heuer mit ihrer Band „Xixa“ aufhorchen ließen.
In Tucson entwickelte Dissard ihren bis heute einzigartigen Sound, eine betörende Mischung aus melancholischen Chansons, hitzeflirrendem Wüsten-Folk und mitreißendem, bisweilen durchaus rauem und krachigem Alternative Rock. Auch in Wörgl verfehlten diese „Desert noir chansons“, von Dissard mit dunkler, sinnlich-mysteriöser Stimme vorgetragen, ihre Wirkung nicht. Immer wieder ertappte man sich beim Wunsch, endlich doch noch Französisch zu lernen, um in die geheimnisvollen Geschichten auch inhaltlich eintauchen zu können. Aber manchmal ist es ja fast noch schöner, wenig bis gar nichts zu verstehen.
Dissard erwies sich dabei nicht nur als charismatische und elektrisierende Bühnenkünstlerin, sondern zeigte auch viel Humor: Statt etwa das Publikum lange darum zu bitten, doch weiter nach vorne zu kommen, zog sie ihm einfach Tisch und Stuhl unter Bierbecher und Hintern weg – aber auf sehr charmante Weise. Auch wenn Frau Dissard Fläschchen zum Seifenblasenmachen austeilt, denkt man gar nicht daran, sich zu widersetzen. Und ein Italiener mit coolem Sonic-Youth-T-Shirt durfte und musste, mit gestrengem Blick dazu aufgefordert, sogar neben der Sängerin am Bühnenrand Platz nehmen: „It’s a love song. He’s Italian, so he won’t mind“.
Mit punkig geschnittenem Top, Plastik-Minirock, Gardinen- bzw. Teppich-artigen Hosen und jeder Menge Glitter auf der Brust setzte Dissard auch optische Akzente. Gegen Ende kam dann sogar ein glitzernder Motorradhelm zum Einsatz – vielleicht ja auch als Hommage an die Tiroler Surf-Rock-Institution Dave & The Pussies, die zu einem Drittel im Publikum vertreten war 😉 …
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 5:
THE BURNING HELL – FUCK THE GOVERNMENT, I LOVE YOU (2016)
Endlich mal lebensnahe Lyrics: Was macht man, wenn man auf einer Party eine neue Flamme kennenlernt, aber nicht weiß, welcher der Sätze, die gerade gleichzeitig durch den übervollen Raum schwirren (1. „Pass the wine“, 2. „Fuck the Government“, 3. „I love you“), nun von ihr kam?
Ganz einfach: Man antwortet sicherheitshalber auf alle drei Sätze: „But I could not be sure, which one had come from you: So I passed you the wine, and said: ‚Yes, fuck the government, I love you too'“ …
Die sympathischen – äußerlich allen Hipster-Klischees entsprechenden – Musikanten, die im Duett von dieser wunderbar bizarren, schicksalshaften Partybegegnung erzählen (angeblich autobiographisch fundiert!), heißen Ariel Sharratt und Mathias Kom, ihre – nach allem was man so hört generell sehr humorvolle und originelle – Band trägt den schönen, weil irreführenden Namen The Burning Hell.
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 4:
THE DIVINE COMEDY – CATHERINE THE GREAT (2016)
Eine Band, die sich nach Dantes „Göttlicher Komödie“ benannt hat – immerhin eines der bedeutendsten literarischen Werke der Weltgeschichte – widmet sich Katharina der Großen (1729-1796), immerhin eine der bekanntesten Machthaberinnen der Weltgeschichte? Das Ergebnis könnte prätentiös, aufgeblasen, ganz und gar schrecklich klingen – in Wahrheit klingt es aber unwiderstehlich leichtfüßig und höchst unterhaltsam.
The Divine Comedy sind im Grunde ja gar keine Band. Es handelt sich dabei letztlich um das Ein-Mann-Projekt des genialen Nordiren Neil Hannon, umgesetzt mit einer ganzen Armada an wechselnden MistreiterInnen. Nun hat Hannon mit „Foreverland“ nach sechs Jahren ein neues Divine-Comedy-Album vorgelegt – mit „Catherine The Great“ als erster Single.
Und man muss es sagen: Wenn man dieses Lied gehört hat, möchte man die Große Katharina sofort kennenlernen – aber natürlich nicht die echte Kaiserin, sondern nur jene aus dem Song. Denn Hannon charakterisiert diese Dame mit den vielleicht besten und witzigsten Zeilen, die ich im Popjahr 2016 (das zugegebenermaßen bisher leider ziemlich an mir vorbeigerauscht ist) gehört habe:
„She could dictate what went on anywhere“, heißt es da im Hinblick auf die Machtfülle der Monarchin, und dann, mindestens so wichtig: „She had great hair“. Generell wird hier ausgefallen gedichtet: „Brainier“ auf „Lithuania“ zu reimen, ohne dass es an allen Ecken und Enden kracht, das muss man erst einmal bringen („There were few brainier / Just ask the king of Lithuania“.)
Und wer bei folgenden Versen nicht zumindest breit grinsen muss, hat definitiv keinen Sinn für Humor:
„With her military might / She could defeat anyone that she liked / And she looked so bloody good on a horse / That they couldn’t wait / For her to invade / Catherine the Great“
Serviert wird das Ganze in einem durchaus opulenten orchestralen Arrangement, zugleich aber so fein ziseliert und unaufdringlich, dass es keineswegs überladen, sondern wunderbar luftig daherkommt. Einfacher formuliert: ein verdammter Ohrwurm!
Elegant, theatralisch, exzentrisch, ironisch, dandyesk und – sorry für das Klischee – „very british“ sind weitere Adjektive, die einem hier durch den Kopf schießen. Von herkömmlichem „Britpop“ (dem The Divine Comedy in den 90ern bisweilen zugerechnet wurden) ist das denkbar weit entfernt, ebenso von verschwitztem Rock ’n‘ Roll (womit um Gottes Willen rein gar nichts gegen verschwitzten Rock ’n‘ Roll und auch nicht gegen Britpop gesagt werden soll).
Aber das hier kommt eben aus einer ganz anderen Tradition, ist, wie im jüngsten „Musikexpress“ nachzulesen, eher französischen Chansons der 50er oder der legendären US-Songwriter-Werkstatt Rodgers und Hammerstein geschuldet. Wir reden hier also von einer Prä-Rock-n-Roll-Ära bzw. einer Tradition jenseits des Blues (womit um Gottes Willen rein gar nichts gegen den Blues gesagt werden soll, im Gegenteil).
Neil Hannon ist ein typischer Kritikerliebling. Den ganz großen kommerziellen Durchbruch hat er nie geschafft, trotz mittlerweile elf Alben und einer Vielzahl an Nebenprojekten von Filmmusik über Werbung bis Oper und diversen Kollaborationen, etwa mit dem durchaus geistesverwandten US-Kollegen Ben Folds.
Wobei: „Foreverland“ ist, soweit das heute noch irgendeine Aussagekraft besitzt, durchaus beachtlich „gechartet“: Top Ten im UK und Irland, sogar in den Schweizer und den Ö3 (!)-Charts wurden The Divine Comedy gesichtet. Für diese Welt besteht also durchaus noch Hoffnung …
Ja, die Welt ist ist bunt und vielfältig – und die von Neil Hannon ganz besonders. Sagt man jedenfalls – ich selbst bin ja absoluter Neuling im Divine-Comedy-Land. Aber das soll sich nun ändern. Denn mit jemandem, der Zeilen wie die folgenden schreibt (aus der zweiten „Foreverland“-Single „How Can You Leave Me On My Own“), sollte man sich auf alle Fälle näher auseinandersetzen:
„When you leave, I become a dickhead / A bad-smelling, couch-dwelling dickhead / I drink too many cups of tea and eat too many biscuits / I think about going out, decide not to risk it / I look at naked ladies cause I’m too weak to resist it / when you leave“.
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 3:
LUDWIG HIRSCH – KOMM, GROSSER SCHWARZER VOGEL (1979)
Nein, leicht verdauliche Kost fürs Autofahrer-„Radio“ ist ein fast siebenminütiges Lied zum Thema Todessehnsucht natürlich nicht. Aber dass sich Ö3 seinerzeit das Verbot auferlegt hat, Ludwig Hirschs nachtschwarzes Chanson „Komm, großer schwarzer Vogel“ nach 22 Uhr zu spielen – aus Angst, dass es die Hörerschaft in den Selbstmord treiben könnte – ist schon eine besonders bizarre Fußnote der österreichischen Popgeschichte.
Die reichlich primitive Vorstellung, dass Menschen wegen eines Liedes (oder eines Films oder eines Computerspiels) Selbstmord begehen (oder Amok laufen oder einen Terroranschlag verüben) würden, mag zwar heute immer noch weit verbreitet sein. Aber dass ein staatliches Radio deswegen ein Sendeverbot verhängt, wäre heute wohl kaum noch vorstellbar.
Wobei: Kaum vorstellbar wäre andererseits auch, dass es ein Lied wie „Komm, großer schwarzer Vogel“ heute überhaupt jemals auf Ö3 schaffen würde, allein schon wegen der wenig formatradiotauglichen Länge und der alles andere als Ö3-Wecker-tauglichen Atmosphäre des Songs. Aber das ist eine andere Geschichte …
Dass sich die Radiomacher gerade wegen dieses Liedes solche Sorgen machten, mag umso bizarrer erscheinen, als es im Werk von Ludwig Hirsch vor morbiden und makabren Songs ja nur so wimmelt. Das Besondere – und besonders Verstörende – am „Schwarzen Vogel“ dürfte wohl gewesen sein, dass dieses Lied nicht nur traurig, sondern auf seltsame Weise zugleich sehr fröhlich ist: Denn es beschreibt die Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod, auf eine Welt der neuen Erkenntnisse, der grenzenlosen Freiheit und des Glücks tatsächlich in den strahlendsten Farben, ja geradezu euphorisch:
„I wer‘ singen, i wer‘ loch’n, i wer‘ „des gibt’s ned“ schrei’n / I wer‘ endlich kapieren, i wer‘ glücklich sein!“
Der Tod wird im Text ganz klar als Erlösung beschrieben, als sehnlich erwartete Befreiung vom Schmerz: Dem sinnbildlichen Schwarzen Vogel wird Zucker aufs Fensterbrett gestreut, der Ich-Erzähler bittet ihn darum, ihm mit seinem „feichtn koidn Schnobi“ die „wunde, haaße Stirn“ zu kühlen. Und am Ende, als er den Vogel erblickt, flüstert er nur noch bewundernd: „Mein Gott, wie schön du bist …“ Dazu wird auch die anfangs getragene Musik, ca. ab Minute fünf, regelrecht euphorisch, steigert sich bis zur Ekstase.
Diese Vorstellung mag vielen Menschen, die an Depressionen oder anderen schweren Krankheiten leiden, Angehörige oder Freunde verloren haben und über Selbstmord nachdenken, tatsächlich aus der Seele sprechen.
Dass Ludwig Hirsch, der an Lungenkrebs litt, 2011 selbst aus dem Leben schied, lässt sich beim Hören dieses Liedes natürlich nur schwer ausblenden – von direkten Rückschlüssen vom Leben eines Künstlers auf sein Werk und umgekehrt sollte man aber als Musikhörer aber generell Abstand nehmen. Und bei Ludwig Hirsch ganz besonders: Denn er war vor allem ein Geschichtenerzähler, der, als gelernter Schauspieler, gern in verschiedenste Charaktere schlüpfte, häufig auch als Ich-Erzähler. Mit anderen Worten: Seine Lieder waren nicht zuletzt Rollenspiele – und wohl gerade deshalb so effektiv.
Zum anderen handeln, wie gesagt, sehr viele seiner Lieder direkt oder indirekt vom Tod, sind mal melancholisch, mal schwarzhumorig, mal einfach bitterböse, oft augenzwinkernd makaber – der gebürtige Steirer war eben doch ein echter Wiener. Und stand damit in einer großen schwarzen Tradition, die von Nestroy bis zum unerreichten Georg Kreisler reicht, der 2011 übrigens nur zwei Tage vor Ludwig Hirsch verstarb.
Was man sich als heutiger Hörer wünschen würde: Dass Hirsch – den man zwar eher mit Leonard Cohen als mit Johnny Cash vergleichen könnte – noch lange gelebt und wie Cash seinen Rick Rubin getroffen hätte. Nicht wenige seiner Nummern, speziell aus den 80er Jahren, sind leider zeittypisch hemmungslos überproduziert. Reduziert auf spärliche Arrangements und diese unverwechselbare Sprechgesangsstimme, könnte man sie sich besonders schön und intensiv vorstellen. Aber auch so wird Ludwig Hirsch als sensibler, kritischer und nachdenklicher österreichischer Poet und Liedermacher in Erinnerung bleiben.
Seine Farbe war dabei – Klischee hin oder her – stets dunkelgrau, wie es Hirsch selbst in einem Interview aus dem Jahr 2008 auf den Punkt brachte: „eine Mischung aus dem Blau der Donau und dem schwarzen Wiener Humor.“
Hier noch eine eindrucksvolle, zurückhaltende Livedarbietung des „Schwarzen Vogels“ aus dem Jahr 1993:
Weitere Anspieltipps: Spuck den Schnuller aus, I lieg am Ruck’n, Das Geburtstagsgeschenk, Der Herr Haslinger, Hobellied, Marmor, Stein & Eisen bricht, Schutzengerl
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 2:
V/A – TRAIN KEPT A-ROLLIN‘ (1951-1965)
Eines meiner bevorzugten Bandformate ist das Power Trio, meist bestehend aus Schlagzeuger, Bassist und Gitarrist, wobei einer noch den Sänger-Part übernimmt. Man muss immer ein wenig kompensieren, alles ist ein weniger rauer und rudimentärer. Der zum Sänger auserkorene Musikant muss unfreiwillig zwischen genauerem Gesang und fetzigerer Instrumentenbedienung abwägen, während des Gitarrensolos steht der Rhythmusgruppe kein zweiter Gitarrist oder Keyboarder zur Seite, jeder muss ein wenig mehr herausholen als eigentlich vorgesehen.
Ein paar klassische Vertreter wären da Cream, Rory Gallagher, die Jimi Hendrix Experience, auch Motörhead startete – und endete dann auch – als Power Trio. Alles sollte man sich mal zu Gemüte führen, doch ganz besonders möchte ich The Pirates empfehlen, den Rest der Band Johnny Kidd & The Pirates, welcher sich einige Jahre nach dem Tod des Frontmanns reformierte und eben als Trio weiterspielte. Im Gegensatz zu den anderen wurden sie nicht so bekannt und lebten eher auf der Pub-Bühne, wo sie mit ihrer erstaunlichen (!) Live-Performance für Furore sorgten.
Im Repertoire der Band befanden sich einstige Johnny-Kidd-Hits wie „Shakin‘ All Over“ oder „Please Don’t Touch“, einige Eigenkompositionen und ein Haufen Material aus den guten alten 50ern. Chef Mick Green war ein fanatischer Fan von Rockabilly-Pionier Johnny Burnette, und daher durften „Lonesome Train“ und „Honey Hush“ auch nicht im Programm fehlen.
Prototypisch war die Entwicklung der Pirates: Man orientiert sich an ein paar eigenen Favorites, spielt nach, baut um, irgendwann gibt’s eine Handvoll eigener Songs, und dann steht man noch ein paar Jahrzehnte als Inspirationsquelle für heranwachsende Generationen von Musikanten bereit. Die Inspiration für Mick Green und seine Pirates war eben Johnny Burnette, und die Pirates dienten mit ihrem drahtigen Sound wiederum als Vorlage für Wilko Johnson, welcher später mit Dr. Feelgood und Ian Dury & The Blockheads die britische Musikszene unsicher machte.
„Train Kept A-Rollin'“ ist der bekannteste Song von Johnny Burnette, und war nicht nur eine Ideenquelle für die Pirates, sondern auch für viele andere. Hier ein paar herausragende Stationen im Werdegang des Tracks „Train Kept A-Rollin'“. (The Pirates fehlen hier leider, da nur wenig Live-Material von ihnen frei verfügbar ist):
TINY BRADSHAW (1951)
Tiny Bradshaw schrieb den Song und nahm ihn als erster mit seiner Jump-Blues-Kapelle auf. Der Jump Blues war eine Vorstufe des Rock’n’Roll, aus großen Orchestern wurden kleinere Formationen, meist nur mit einem kleinen Bläsersatz, dafür immer mit lautem Gesang und fetzigen Saxophonsolos. Ab und zu wurde auch schon die Gitarre als Soloinstrument verwendet. Bradshaws Version lebt vom hüpfenden Rhythmus, Call-And-Response-Gesang und dem obligatorischen Sax-Solo.
JOHNNY BURNETTE & THE ROCK’N’ROLL TRIO (1956)
https://www.youtube.com/watch?v=ufzRV3xspYA
Die wohl wichtigste Version von „Train Kept A-Rollin'“, welche oft fälschlicherweise als Original bezeichnet wird, stammt von Johnny Burnette. Mit seinem hektischen, fieberhaften Gesang kämpft Burnette gegen das prägnante Gitarrenriff an, welches erstmals mit angezerrtem Sound daherkommt – und angetrieben wird durch einen holpernden Backbeat von Stehbass und Schlagzeug.
THE YARDBIRDS (1965)
Dem Nährboden der Yardbirds sind einige Große entsprungen: Eric Clapton, Jeff Beck sowie Jimmy Page und John Paul Jones – die letzteren beiden wurden später zuerst als New Yardbirds und dann als Kern von Led Zeppelin bekannt – waren alle zuerst bei den Yardbirds tätig. Und ihre Version unseres Tracks der Woche wird oft als möglicher Geburtstermin des Heavy Metal gehandelt. Wem der gefällt, der sollte sich auch noch die Variante auf Aerosmiths zweitem Album zu Gemüte führen.
SCREAMING LORD SUTCH (1965?)
Zu guter Letzt die Version, die ich persönlich knapp hinter der Burnette-Version, vielleicht je nach Stimmung sogar auch mal an die erste Position, reihen würde. Screaming Lord Sutch, der Schrecken von London, vergriff sich auch an „Train Kept A-Rollin'“. Und siehe da: Jetzt kommen die Bläser wieder, wenn auch alles etwas trashiger als beim Original. Dem Garagen-Punk-Helden King Khan dürfte der Song wohl auch mal zu Gehör gekommen sein …
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 1:
SEX PISTOLS – ANARCHY IN THE UK (1976)
Zu behaupten, die Sex Pistols hätten den Punk erfunden (was bis heute immer wieder zu lesen ist), wäre musikhistorisch ungefähr so korrekt wie die Aussage, die Beatles (oder auch Elvis Presley oder Peter Alexander oder Norbert Hofer) hätten den Rock ’n‘ Roll erfunden.
Fakt ist und bleibt jedoch: Die Sex Pistols (und The Clash und The Damned und The Adverts und wie die großen und weniger großen britischen Punkbands der ersten Welle alle heißen mögen) machten aus der Musik und Geisteshaltung von – im Regelfall drogensüchtigen oder anderweitig randständigen – New Yorker Außenseitern und dem Erbe rabiater Proto-Punk- und Pubrock-Bands, die schon seit den 60er Jahren ihr raues Unwesen trieben, eine kulturelle und gesellschaftliche Massenbewegung von nachhaltigem globalem Einfluss.
Rock wurde plötzlich wieder schnell und direkt, dreckig und provokant, aufregend und rebellisch. Und die Eltern hatten endlich wieder Angst um ihre Kinder. Das komplexe, umständliche, satte und selbstzufriedene Kunsthandwerk der Progressive-Rock- und Stadion-Saurier war auf einmal wie weggeblasen, der radikale Grundgedanke des „Anyone can do it“ mündete in zahllose Band-, Fanzine- und Labelgründungen, finanzielle und intellektuelle Hemmschwellen schwanden. Punk war also vor allem auch eine strukturelle, ökonomische Revolution.
Und selbst wenn die Sex Pistols letztlich nur ein spuckendes, rotziges, grölendes, billige Drogen schluckendes Vehikel des genialen Marketingstrategen Malcolm McLaren gewesen sein sollten: Sie zählten zur Speerspitze dieser bahnbrechenden Entwicklung. Ja, sie waren selbst wie ein früher Punksong: wild, räudig und allzu schnell vorbei.
Die epochale Debütsingle der Pistols, das hämische, unterschwellig bedrohliche „Anarchy In The UK“, erblickte, unglaublich, aber wahr, vor 40 Jahren das Licht der Welt. Und Bassist Glen Matlock feiert heute, am 27. August 2016, seinen 60. Geburtstag.
40 Jahre? 60 Jahre??
Ist der frühe Punk alt geworden? Ist er heute nur noch ein kurioses Museumsstück? Wer „Anarchy In The UK“ hört, wird rasch vom Gegenteil überzeugt: Zynische, nihilistische und zugleich unglaublich energiegeladene Zeilen wie „Don’t know what I want, but I know how to get it“ bleiben für die Ewigkeit. Und die primitive musikalische Urgewalt ebenso.