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Himmelwärts (mit Störfeuer)

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 11:
FLOTATION TOY WARNING – KING OF FOXGLOVES (2017)

Auch so etwas, was man viel öfter tun sollte: Einfach mal in den Laden gehen und ein Album kaufen. Ganz altmodisch: Ohne zu wissen, was einen erwartet, ohne alles gleich zu Tode zu wikipedisieren, ohne die Bewertungen bei Pitchfork oder die Kommentare unter den YouTube-Videos zu lesen. Ja, das geht!

Was mich im Fall von Flotation Toy Warning neugierig gemacht hat: Schönes Cover-Artwork, ein komischer, höchstens mal im Vorbeigehen aufgeschnappter Bandname und mein Faible für lange, skurrile Songtitel, die ich an Künstlern wie Mclusky („The Difference Between Me and You Is That I’m Not on Fire“), Future of the Left („Sheena Is a T-Shirt Salesman“) oder Shabazz Palaces („Swerve…the Reeping of All That Is Worthwhile (Noir Not Withstanding)“) schätze.

Diesbezüglich wird man von Flotation Toy Warning mit Monstertiteln wie „Due To Adverse Weather Conditions All of My Heroes Have Surrendered“, „When the Boat Comes Inside Your House“ oder „Driving Under the Influence of Loneliness“ bestens bedient.

Entscheidend für den Kauf war aber, so viel sei eingestanden, vor allem der Cover-Aufkleber, der die neue Scheibe Freunden von Bands wie den Flaming Lips oder den von mir sehr gemochten Grandaddy ans Herz bzw. Ohr legt. Wobei sich diese Querverweise beim praktischen Hören dann gar nicht unbedingt als zutreffend erwiesen. Tatsächlich ist „The Machine That Made Us“ – das sage und schreibe 13 Jahre (!) nach dem Debütalbum von Flotation Toy Warning erschienen ist – stilistisch äußerst schwer zu schubladisieren. „Neo-psychedelia, chamber pop, space rock, dream pop, noise pop, indie pop, experimental rock, ambient pop, indie rock“ hat Wikipedia im Angebot – und damit ist man in etwa so schlau wie vorher. Und das ist erfreulich!

Denn hier greift nicht sofort der notorische „Klingt wie … / Erinnert mich an …“-Reflex. Dazu klingen Flotation Toy Warning zu eigenartig, zu „quirky“, wie der Brite vielleicht sagen würde. Ja genau, britische Exzentrik ist hier in jedem Song spürbar: Schwelgerische Melodien mit lustvoll leidendem Chorgesang treffen auf fast schon altmodische Folk-Grandezza, filigrane bis opulente, aber zum Glück nie überladene Arrangements paaren sich mit einer Neigung zum abwegigen Experiment.

Phasenweise ist „The Machine That Made Us“ eine Platte, über die man sich auch so richtig schön ärgern kann: In „Everything That is Difficult Will Come to an End“ – das mit den schönen Zeilen „I don’t have much time, none of us really do / So I’m fucked if I’ll be spending it with you“ beginnt – taucht zum Beispiel mittendrin unvermittelt ein schleifend-bohrend-quietschendes elektronisches Störgeräusch auf. Für noch enervierendere Dissonanzen ist in „I Quite Like It When He Sings“ gesorgt, das eigentlich mit besonders herrlichen, delikaten Harmonien betört. Diese werden jedoch – und zwar bis zum bitteren Ende – mit einem windschiefen Gesangssample konfrontiert, bei dem man irgendwie an ein paar Besoffene denken muss, die sich mit einem Heliumballon im Aufnahmestudio eingesperrt haben.

Fast wirkt es in solchen Momenten so, als würden Flotation Toy Warning ihrer eigenen Fähigkeit, wunderbare Melodien zu schreiben, nicht über den Weg trauen – und ihre Songs absichtsvoll über den Haufen schießen. Kurz: Sie machen es einem nicht leicht. Aber vielleicht bleibt ihre Musik genau deshalb hängen.

Am eindrucksvollsten sind möglicherweise trotzdem jene Momente, in denen sich die Band voll von ihrer eigenen Melodieseligkeit/-trunkenheit mitreißen lässt – etwa im elektronisch grundierten, mit Beatbox-Rhythmus und herzzereißendem Harmoniegesang versehenen „To Live For Longer Slides“ oder dem fast 13-minütigen Schlussstück „The Moongoose Analogue“: Da entfaltet der „Du-du-du-du-du-du, du-du-dududu“-Chorus eine sanfte, aber umso hynpnotischere Sogkraft – und tieftraurige Zeilen wie „There will be no ‚forever‘ / There will be no ‚til the end of time‘ / Not much, but that much / Is clear to me“ klingen seltsamerweise fast tröstlich.

Besonders schön ist aber das vergleichsweise einfache und geradlinige „King of Foxgloves“, in dem Flotation Toy Warning kein Störfeuer, keine Brüche, keine irritierenden Umwege und Abzweigungen brauchen – hier herrscht ungebrochene Schönheit. Wobei der Song trotzdem sehr raffiniert und gekonnt gebaut ist: Die himmelsstrebenden Harmonien und fein ziselierten Gitarrenläufe, die dann doch irgendwie an die großen Grandaddy denken lassen, stehen in einem reizvollen Kontrast mit dem robusten elektronischen Beat – und doch fügt sich alles organisch zusammen. Kurz gesagt: Ein Song, dessen Schönheit sich nicht aufdrängt, sondern nach und nach entdeckt werden will.

Gibst du uns weitere Anspieltipps? Sehr gern. Probiert es mit „Controlling the Sea“, „To Live For Longer Slides“ und „The Moongoose Analogue“.

Wenn mir das hier gefällt – was könnte mir dann sonst noch gefallen? Hmmm, gar nicht so einfach. Ich musste aus irgendeinem Grund am ehesten an urbritische Sonderlinge und Einzelgänger wie den großen Kevin Ayers, Syd Barrett oder die mir ansonsten völlig unbekannte, deutlich leichtfüßigere (und wohl auch leichtgewichtigere) One-Man-Band „The Voluntary Butler Scheme“ denken, von der ich mir irgendwann mal ein Album gekauft habe.

Letzte Frage: Seit eurem letzten Track der Woche sind über fünf Monate (sic!) vergangen. Geht’s noch??
Äääääh. (Verlegenes Gemurmel). Wir geloben Besserung!

Die spätesten Jahrescharts der Welt – jetzt erst recht!

VON MICHAEL DOMANIG

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wenn das stimmt, ist dem HIT-The-Bassline-Blog die einschlägige Höchststrafe sicher. Denn musikalische Jahresbestenlisten mit größerer Verspätung als die unseren wird man nirgends finden – selbst wenn Jahrescharts-Debütant Johannes die seinen schon am 2. Juni (und damit für die Verhältnisse dieses Blogs in geradezu atemberaubendem Tempo) vorgelegt hat.

Warum man sich unsere persönlichen Top 100 und die dazugehörigen Spotify-Playlists (siehe unten) trotzdem zu Gemüte führen sollte? Weil 2016 ein ausgesprochen spannendes und facettenreiches Musikjahr war, das an den meisten Hörern ohnehin viel zu schnell vorbeigerauscht ist. Und weil gute Musik ja nicht gleich an Qualität verliert, nur weil ein paar Monate vergangen sind.

Soviel zu den alljährlichen Ausreden. Und nun zu ein paar Beobachtungen, was meine persönliche Lieblingsmusik 2016 betrifft:

Zuallererst sticht ins Ohr, dass ein Großteil der – meiner Ansicht nach – besten und relevantesten Songs auch 2016 von Musikerinnen stammten, seien es nun Solokünstlerinnen oder Bands bzw. Projekte, in denen Frauen den Ton angeben. PJ Harvey, Agnes Obel, Prince Rama: Sie würden bei mir auch die Albencharts anführen. Neue, (mir) bisher noch unbekannte Stimmen (OY, Deep Throat Choir, Goat, Tuff Love, Tacocat) wussten ebenso zu überzeugen wie erfahrene Sängerinnen (Lucinda Williams, Marianne Dissard). Und geniale, gewitzte Songschreiberinnen à la Courtney Barnett oder Regina Spektor können scheinbar ohnehin nichts falsch machen.

In Summe stammen mehr als die Hälfte meiner Top 20 von Musikerinnen oder female fronted bands. Und Namen wie Sophia Kennedy deuten schon jetzt drauf hin, dass dies auch in den Jahrescharts 2017 wieder der Fall sein könnte.

Was weiters auffällt: Diverse Nummern, die sanft an der Kitschgrenze entlangschrammen (case.lang.veirs, Bat for Lashes, Cullen Omori …), hatten bei mir diesmal ziemlich gute Chancen. Hat das mit der Weltlage zu tun? Mit der persönlichen psychologischen Großwetterlage? Ist die Suche nach einlullenden, melancholischen Melodien letztlich eine Form von Weltflucht?

Zumindest letztere Frage würde ich mit einem klaren Ja beantworten. Der sogenannte Eskapismus ist meine Meinung nach generell eines vom Wichtigsten und Wertvollsten, was Musik erreichen kann. Das hat nichts mit Realitätsverweigerung oder Nichts-ändern-wollen zu tun – aber gute Musik zeichnet sich eben vor allem dadurch aus, dass man darüber die Zeit (und die Außenwelt) vergisst. Und das ist oft verdammt viel wert.

Apropos Zeit: „Catherine The Great“ von The Divine Comedy, meine – bei den Bloglesern sicher nicht unumstrittene – Nummer eins, könnte mit ihrer klassischen Eleganz und ihren nostalgisch-schwelgerischen Harmonien gut und gerne auch in den 50er Jahren oder gar in der Prä-Rock-n-Roll-Ära entstanden sein (wäre da nicht der saukomische, skurril-postmoderne Text). Klar, das klingt natürlich alles andere als progressiv oder avantgardistisch. Aber: Kein anderes Lied hatte ich in den letzten Monaten so oft im Ohr, im Hirn und auf den Lippen wie diesen perfekten kleinen Popsong – und das zählt für mich am meisten.

Als eine etwas anders gelagerte Ausdrucksform des Eskapismus könnte man übrigens auch eine ganze Reihe von ausufernd-hypnotischen, sanft narkotischen bis unheilvoll dröhnenden Nummern nennen, die sich in den Jahrescharts ebenfalls wiederfinden (Mamiffer, Esben & The Witch, The Swans, King Gizzard, Black Mountain, Goat).

Ganz und gar nicht eskapistisch, sondern meist sehr direkt und oftmals explizit politisch kam 2016 der (US-)Hip-Hop daher, der auch in der Liste des Blog-Kollegen Johannes auffällig stark vertreten ist. Rap als soziopolitisches Sprachrohr erlebt in brisanten Zeiten wie diesen offenbar eine starke Renaissance. Musikalisch klangen dabei nicht nur die erfahrenen, experimentierfreudigen Alternative-Hip-Hopper (A Tribe Called Quest, De La Soul, Aesop Rock …) erfreulich frisch, sondern zum Teil auch der kommerzielle Mainstream-Rap (Macklemore & Ryan Lewis, Rae Sremmurd etc.).

Apropos Texte: Generell gilt zwar It’s the music, stupid!, textliche Inhalte sind im Grunde zweitrangig. Aber 2016 war auf jeden Fall ein Jahr der besonders starken Botschaften, der äußerst gewitzten bis pointierten Texte, zumindest aber der bemerkenswerten Zeilen, die im Kopf bleiben. Also habe ich in der untenstehenden Top-100-Liste bei einem Großteil der Songs markante, zitierfähige oder poetische Textzeilen angegeben (soweit mir diese zugänglich bzw. verständlich waren, Patzer oder Hörfehler nicht ausgeschlossen).

Abschließend, bevor es dann endlich ans Eingemachte geht, noch ein paar Worte zur seltsamen Aufgabe des Listenerstellens, des Songs-nach-ihrer-Güte-Reihens. Ich habe mich darüber kürzlich mit Bloggründer Dave unterhalten, der mit unverhohlener Skepsis in etwa Folgendes fragte: „Kannst du wirklich sagen, dass Platz 20 besser ist als Platz 25 – oder Platz 80? Ist das nicht total willkürlich??“

Ich wies diese ketzerischen Zweifel natürlich kategorisch zurück. Inzwischen bin ich mir aber nicht mehr ganz so sicher: Denn verglichen mit den vergangenen Jahren ist es mir diesmal wirklich deutlich schwerer gefallen, die Lieder zu reihen – sogar die Top 10. Die Plätze 2 bis 6 könnten im Grunde auch in jeder beliebigen anderen Reihenfolge angeordnet sein, auch die Nummern zwischen ca. Platz 10 und ca. Platz 30 gefallen mir diesmal alle in etwa gleich gut.

Und was können wir daraus schließen (abgesehen von einer besorgniserregenden Entscheidungsschwäche meinerseits)? Hat es zuletzt wenig Herausragendes gegeben? Oder eher doch sehr viel Gutes? Die Antwort auf diese Frage hängt vom Grad des eigenen Kulturpessimismus ab – die folgende Liste sollte aber doch sehr viele klangvolle Entscheidungshilfen bereithalten:

TOP 100 SONGS 2016 – MICHAEL DOMANIG:

1. The Divine Comedy – Catherine The Great
With her military might / She could defeat anyone that she liked / And she looked so bloody good on a horse / They couldn’t wait / For her to invade / Catherine The Great

2. Of Montreal – Let‘s Relate
Amalgam, I think that you’re great / Let’s relate!

3. OY – Space Diaspora
We’re paralleled into universe / Residents of new times

4. Agnes Obel – Familiar
Our love is a ghost that the others can’t see

5. PJ Harvey – Near The Memorials To Vietnam And Lincoln
At the refreshments stand / A boy throws out his hands / As if to feed the starlings / But really he throws nothing / It’s just to watch them jump

6. Deep Throat Choir – Be OK
Wasn’t even listening / but now your voice is all that I can hear / Wanna be surrounded by the noises and the beats that keep you near

7. Sleaford Mods – I Can Tell
I just hope, I just hope everything / Gets pulled apart and pushed

8. A Tribe Called Quest – We The People
All you black folks, you must go / All you Mexicans, you must go / And all you poor folks, you must go / Muslims and gays, boy, we hate your ways

9. Voodoo Jürgens – Heite grob ma Tote aus
Heite samma stoiz auf uns / Wir finden sicha no an Grund / Waun kana klatscht, gebn wir Applaus/ Weil heite grob ma Tote aus

10. Prince Rama – Fake Til You Feel
You are calm, you are cool / 100 percent collected / Fake, fake til you feel

11. Lucinda Williams – Ghosts Of Highway 20
Run down motels and faded billboards / Used cars for sale and rusty junkyards / This two lane blacktop will never let me / Let go of the ghosts along highway twenty

12. Marianne Dissard – In The Aeroplane Over The Sea
And one day we will die / And our ashes will fly / From the aeroplane over the sea / But for now we are young / Let us lay in the sun / And count every beautiful thing we can see

13. Case/lang/veirs – Delirium
The smell upon your skin is fireworks

14. Goat – Goatfuzz
Now words are nothing

15. Teleman – Düsseldorf
Don’t you want to know why I left you there / All alone on the carousel spinning away?

16. PJ Harvey – The Orange Monkey
When I returned I ran to meet / The monkey, but his face had changed / He stood before me on two feet / The track was now a motorway

17. Tacocat – FDP
So tired, so spent / Functioning at ten percent / What ever you need / Have to ask me next week

18. Tuff Love – Duke
Our sad ambitions always tinged with fear

19. Beyond The Wizard’s Sleeve – Door To Tomorrow
She opens the door to tomorrow / Through scented fields I did follow

20. Black Mountain – Florian Saucer Attack
Florian saucer attack, it’s over / Zero one data, one two, one two / Calculated dreams, graphs and numbers / Zero one data, one two, one two

21. Agnes Obel – Trojan Horses
These bare bones are made of glass / See through to the marrow as they pass

22. Parquet Courts – Human Performance
I know exactly where I was when I / First saw you the way I see you now

23. Courtney Barnett – Three Packs A Day
That MSG tastes good to me / I disagree with all your warnings / It can’t be true that they use glue / To keep the noodles stuck together

24. Prince Rama – Fantasy
Crimson waters / Calls from another land

25. Der Nino aus Wien – Praterlied
Bis öfe kaufst beim Nah & Frisch / An Leberkas und Dosenfisch / Dazua vielleicht a Gösserbier / Dann redn di die Madln an / Du sagst naa und gehst wieder ham / Zhaus spüst a bissl FIFA und valiast

26. Stick in the Wheel – Bows Of London
And he made a fiddle out of her breastbone / Hey hey the grinding / Sound would pierce the heart of a stone / By the bonny bonny bows of London

27. Billy Bragg & Joe Henry – The L & N Don’t Stop Here Anymore
I was born and raised in the mouth of the Hazard Hollow / With the coal cars rollin‘ and rumblin‘ past my door / Now they’re standing in a rusty row of empties / Cause the L & N don’t stop here anymore

28. Aesop Rock – Kirby
Cold met a cat lady in a parking lot / She got the heroes of tomorrow in a cardboard box /
And probably hoarding 40 more in the corners of Fort Knox

29. The Burning Hell – Men Without Hats
And so I discovered another world of music / Where the kids are alright just like The Who said / You count to four and then play the one or two chords you sort of know / Where ‚Hey ho, let’s go‘ is a legitimate chorus / And you can search the stacks and thumb the thesaurus / But there’s no synonym for rock & roll

30. Vague – Vacation
We need to float, when we’re in time

31. Mamiffer – Flower Of The Field II
It’s time I let you go to nowhere

32. The Burning Hell – Fuck The Government, I Love You
‚Pass the wine, fuck the government, I love you‘ / Three statements overheard at once in a crowded room / But I could not be sure which one had come from you / So I passed you the wine and said: ‚Yes, fuck the governmen, I love you too‘

33. Angel Olsen – Shut Up Kiss Me
A love so real that it can be ignored / It’s all over baby blue / I’m still yours / I’m still yours

34. A Tribe Called Quest – Solid Wall Of Sound
Like marauders on a mission / When we killin‘ dancehalls

35. Jackie Lynn – Chicken Picken
Up north, downtown / The only real deal is in the soulside / Come on and take a ride

36. Fritz Helder – Force Of Nature
Nikkei, Nasdaq, Hang Seng, Dow Jones / Watching all the money pile up compounds

37. Lucy Dacus – I Don’t Wanna Be Funny Anymore
Is there room in the band? / I don’t need to be the front man / If not, then I’ll be the biggest fan

38. Cass McCombs – Run Sister Run
My sister’s a Queen, she ain’t no concubine / Don’t call my sister no concubine, she is the Mother of Creation / Who are you? / Who are you to call her a concubine?

39. Jim James – Same Old Lie
But nothing is more difficult than changing what’s been comfortable

40. On Dead Waves – California
There’s no wave, there’s no wave, there’s no wave in the world / That will keep crushing my body like you do, girl

41. Mamiffer – Mara
?

42. Macklemore & Ryan Lewis – Buckshot (feat. KRS-One & DJ Premier)
Just copped that new Boot Camp tape / The neighbors keep complaining ‘bout too much bass / Bang, bang, let me do my thing / Give me two cans and you gon’ know my name!

43. Regina Spektor – Small Bill$
He had spent it all on chips and Coca-Cola / He had spent it all on chocolate and vanilla / He had spent it all and didn’t even feel it

44. John Carpenter – Angel’s Asylum

45. Xiu Xiu – Falling
Don’t let yourself be hurt this time

46. Swans – The Glowing Man
Joseph is standing behind my back / Joseph is digging his hands in my chest / Joseph is drinking the light in my lung / Joseph is moving his tongue in my neck / Joseph is riding a vein in my head / Joseph is cutting my arm on his bed / Joseph is making my body fly / Joseph is me and you are a liar!

47. Stick In The Wheel – Seven Gypsies
What care I for me goosefeather bed / With the sheet turned down so bravely-O? / For tonight I will sleep in the cold barren shed /All along with seven of the gypsies-O

48. Rykarda Parasol – Valborg’s Eve
Arise! Dab sleep from your eyes / Make way for strange times / Advance to the sky!

49. Preoccupations – Degraded
Degrade into / A fraction of yourself

50. Fuzzman & The Singin‘ Rebels feat. MGV Obermillstatt – Für eine Handvoll Gras
Geh doch nach Denver, rauch dich ein, wirst seh’n, das tut dir gut / Für eine Handvoll Gras, ein bisschen Peace & Love

51. Kevin Morby – I Have Been To The Mountain
I have been to the mountain / And I have walked on his shore / I have seen / But I can’t see him no more

52. The Divine Comedy – The Pact
This is our pact / This is the treaty that we’ve signed / What one may lack / The other party will provide / And everyone must know / You mess with one, you mess with both / And together we’ll beat the bastards back / This is our pact

53. Esben And The Witch – Sylvan
Come with me / To the place / Where the walls are weak / Come with me!

54. Julianna Barwick – Same
?

55. Agnes Obel – Golden Green
It’s coming at, it’s coming at, it’s coming at my heart / To spoil my soul with fire

56. Gurr – Walnuss
Schau mal weg, ich zieh‘ mich aus / Bevor du’s weißt, hab ich mich ausgetauscht / Wir nehmen teil an der Belanglosigkeit

57. Bankz & Steelz – Wild Season (feat. Florence Welch)
I stay alone, skipped a stone / From the known to the unknown/ Feeding fires, spinning tires, getting even

58. PJ Harvey – The Ministry of Defence
Broken glass / A white jawbone / Syringes, razors / A plastic spoon / Human hair / A kitchen knife / And a ghost of a girl / Who runs and hides / Scratched in the wall in / Biro pen / This is how / The world will end

59. Valina – 500 Million Hooligans
500 million hooligans / In front of my own door / 500 million citizens / What are they looking for?

60. A Tribe Called Quest – Whateva Will Be
Are you amused by our struggles? / The English that’s broken? / The weed that I’m smokin‘? / The guns that I’m totin‘? / The drugs that I’m sellin‘? / No need for improvement / Fuck you and who you think I should be / Forward movement

61. King Gizzard & The Lizard Wizard – People-Vultures
People-vultures / God approaches / Final hearing / What else have I got left to spew down?

62. Die Heiterkeit – Pop & Tod
Der gleiche Ort, die gleiche Stelle / Der gleiche Platz, die gleiche Schwelle / Es ist ein anderes Lied

63. Wilco – If I Ever Was A Child
And I cry like a window pane

64. Leonard Cohen – You Want It Darker
Hineni, hineni / I’m ready, my Lord

65. David Bowie – Girl Loves Me
Where the fuck did Monday go?

66. PJ Harvey – The Community of Hope
And here’s the one sit-down restaurant / In Ward Seven, nice / OK, now this is just drug town, just zombies / But that’s just life / In the Community of Hope

67. Greenleaf – A Million Fireflies
And I just fall in line / Under a million fireflies

68. Barns Courtney – Glitter & Gold
Do you walk in the meadow of spring? / Do you talk to the animals? / Do you hold their lives from a string? / Do you ponder the manner of things / In the dark?

69. Xixa – Shift And Shadow
To the left are all the things that glow / Blood and fame in the night

70. On Dead Waves – Blue Inside
Well, I believe that you roam free /So why do you keep on haunting me?

71. Andrea Schroeder – Kingdom
This is our kingdom / A kingdom without crowns / This is our kingdom / We’re the phantoms of our towns

72. Rae Sremmurd – Black Beatles (feat. Gucci Mane)
Smoke in the air, binge drinking / They lose it when the DJ drops the needle

73. Xiu Xiu – Laura Palmer’s Theme

74. Yukno – Zu meinen Göttern
Herzlich willkommen, komm schenk dir ein / Wir trinken gegen ‘s Alleinesein

75. Radical Face – Everything Costs
Face pressed into your hands / Couldn’t tell if you were crying or laughing / They both sound the same

76. The Handsome Family – Gold
The Stop ’n‘ Go’s closed / The coyotes they moan / And the wind’s rolling beer cans down the street / But the sun’s sinking down, spilling gold on the ground

77. The Coral – Connector
We come together, then we come apart

78. Wovenhand – The Hired Hand
He command the grave and sea / Give up your dead, oh, give up your dead

79. Beyond The Wizard’s Sleeve – Delicious Light

80. Violent Femmes – I Could Be Anything
I’ll fight the fearful dragon / I’ll kill him with my sword / I always fight big dragons / Especially when I’m bored

81. PJ Harvey – Chain Of Keys
Imagine what / Imagine what her eyes have seen / We ask but she / We ask but she won’t let us in

82. The Goon Sax – Boyfriend
And if I had a boyfriend / I’d tell him I care / And if I had a boyfriend / Well I’d cut his hair

83. Matthew E. White – Cool Out (feat. Natalie Prass)
If you were here now, I wouldn’t mind / That would be okay, baby, that would be fine

84. De La Soul – Memory of … (US) (feat. Estelle & Pete Rock)
Cause it’s so easy to fall / Back to the memory of / And it’s easy to recall the good and fall into place / But you’re not easy to love / I love the memory of …

85. Calypso Rose – Abatina
(They) said she she wanted to marry above her / All she want was someone to love her

86. Future Of The Left – Back When I Was Brilliant
I can verify that your purchase is important to us / Our company and our values / Policy is not a comment / But in your case I will make an exception

87. Justice – Stop
So many nights / So many memories

88. Boys Forever – Voice In My Head
Everything’s easy when you’re sleeping

89. Swans – Finally, Peace
Your glorious mind (Your glory is mine)

90. The Chemical Brothers – Wide Open (feat. Beck)
I’m wide open / But don’t I please you anymore? / You’re slipping away from me / You’re drifting away from me

91. Ryley Walker – The Roundabout
And you cry like you’ve never seen water / Come to think of it / I think my dad wanted a daughter

92. Cullen Omori – Synthetic Romance
Well hey hey hey, you know / Love like a sinking stone

93. Ty Segall – Candy Sam
Pick me up / I am done / Candy’s gone / No more fun

94. Sampha – Blood On Me
I swear they smell the blood on me / I hear them coming for me

95. Michael Kiwanuka – Black Man In A White World
I’m in love but I’m still sad / I’ve found peace but I’m not glad / All my nights and all my days / I’ve been trying the wrong way

96. Bat For Lashes – Sunday Love
She’s in my bedroom / Now I can’t fight

97. Franz Fuexe – Kaunst da denga
Es waaß a jeds Kind und a jeda oide Mau / Wann de Fuexe aufspün, ham aa de Nochborn wos davau

98. Car Seat Headrest – Fill In The Blank
If I were split in two I would just take my fists / So I could beat up the rest of me

99. Granada – Palmen am Balkon
I brauch ka Jesolo / Und ka Lig-nano / I brauch kan Strand / Denn i bin eh am Sand

100. Iggy Pop – Paraguay
Wild animals they do / Never wonder why / Just do what they goddamn do

Die spätesten Jahrescharts des Universums Teil 2(017) – Die Rückkehr

Wahnsinn ist es definitiv. Ob es dennoch Methode hat und ob sich Shakespeare beim Schreiben von Hamlet solch ein Spätzündertum wie das unsere ausmalen konnte, sei dahingestellt. Zu dieser Extraportion Langsamkeit und Prokrastination passt Faulheit wie die Faust aufs Auge, deshalb übernehme ich direkt die Kernaussage vom Vorjahr: Während seriöse Musikjournalisten allerorten schon an ihren Halbjahresbestenlisten 2017 feilen (wir schreiben seit zwei Tagen schließlich schon Juni!), kommt der Spätzünder-Blog HIT The Bassline JETZT mit den Top-100 für 2016 ums Eck …

An legitime Ausreden glaubt hier schon lange keiner mehr, stattdessen also lieber ein paar Worte zur Musikauswahl, die das längst vergangene Jahr so hergab. Ein Musikjahr, dessen Geschichten und Geschehnisse gefühlt so stark von Verlust geprägt waren wie kaum ein Jahr zuvor. Kaum ein Monat ohne Schläge in die Magengrube in Form von Todesfällen namhafter bis legendärer Akteure des globalen Musikgeschehens, und nicht bloß bei Bowie und Cohen passierte es nur kurze Zeit nach Erscheinen neuen Materials des Künstlers. Ein Umstand, der viele Neuerscheinungen – und auch solche, die sonst vielleicht nicht ganz so viel Beachtung gefunden hätten – in ein völlig eigenes Licht tauchte. Und damit auch ein Umstand, den man unmöglich ausblenden kann, wenn man sich der ohnehin irgendwo seltsamen Aufgabe annimmt, Musik in eine Rangliste zu stopfen.
Für mich persönlich war es ein Jahr voller Gegensätze. Während der Entdeckergeist nicht nachließ und wie jedes Jahr ein paar Schritte mehr in Richtung abstrakter, experimenteller Musik gewagt wurden, habe ich gleichzeitig auch mehr gefälligere, poppigere Sachen gehört als sonst. Ersteres ist in den Charts hier nicht wirklich ersichtlich, da diese Musikrichtungen meist eher nicht auf Songbasis funktionieren, letzteres hat hier aber definitiv Spuren hinterlassen.

In dem Sinne war es für mich auch sehr interessant, zum ersten Mal eine Topliste aus Songs zu erstellen. Ich klaube schon jahrelang meine Favoriten des vergangenen Jahres zusammen, aber eigentlich immer als Albumcharts. Die Herangehensweise beim Zusammenstellen der Lieblingssongs war überraschend anders. Man wird sich erst bewusst, welche Alben echte „Album-Alben“ sind, deren Songs sich erst im Kontext entfalten und für sich alleine nicht viel Aussagekraft besitzen. Deshalb ist von einigen meiner Lieblingsalben kein Stück in der Liste vertreten. Umgekehrt finden sich dort aber auch Lieder aus Alben wieder, die es niemals in meine eigentlichen Bestenlisten schaffen würden.

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Chris, der Polizistentöter. Meine drei Lieblingssongs von Chris Cornell

Aus gegebenem, traurigem Anlass statt eines Nachrufs hier einfach drei meiner persönlichen Lieblingslieder von Chris Cornell:

3.) Ty Cobb:
Ein kleines Meisterstück in Sachen Dramaturgie, das Soundgarden nicht von ihrer zähflüssigen Hardrock-Seite (die natürlich ebenfalls nicht zu verschmähen ist) zeigt, sondern von ihrer rasanten, konfrontativen, punkig-energiegeladenen Seite. Schließlich war „Grunge“ (sofern man diesen von den maßgeblichen Bands selbst immer kritisch gesehenen Schubladenbegriff überhaupt verwenden will) vor allem eines: harter Rock, gespielt und wiederbelebt im Geiste des Punk.

Das Lied stammt vom sträflich unterschätzten, für lange Zeit letzten Soundgarden-Album „Down on the Upside“ (1996), das mit Songs wie Rhinosaur, Blow Up the Outside World, Burden in My Hand, Never Named, No Attention, Overfloater, An Unkind, Boot Camp und vor allem dem unsterblichen Eröffnungslied Pretty Noose (siehe unten) eine Großtat nach der anderen bereithält. Damals ging das Album vergleichsweise eher unter – nach dem Tod von Kurt Cobain war der große Grunge-Hype schon wieder vorbei. Was diese Scheibe nur umso magischer (und sympathischer) schillern lässt.

Ein Album, das mehr Energie freisetzt als ein TGV – oder eine Boeing (auch aus Seattle).

Der titelgebende Ty Cobb war übrigens ein ebenso berühmter wie umstrittener amerikanischer Baseballspieler. Als Teenager in Vor-Wikipedia-Zeiten war ich allerdings fest davon überzeugt, Ty Cobb wäre eine bewusste Verballhornung von „Die, Cop!“ – und hielt den Song folglich lange für eine Anti-Polizei-Hymne, etwa im Sinne des beliebten Sprayer-Kürzels ACAB … Ach, süßer, naiver Vogel Jugend!

2.) Pillow of Your Bones:
Chris Cornells Solokarriere hatte ihre Höhen und Tiefen (das von Timbaland produzierte Album „Scream“ war für viele Rockisten der ultimative Sündenfall), auch die Alternative-Rock-Supergroup Audioslave hatte glühende Befürworter und Gegner. Doch dieses düster glänzende Juwel vom ersten Cornell-Soloalbum „Euphoria Morning“ ist über jeden Zweifel erhaben.

1.) Pretty Noose:
Was soll man dazu noch sagen? Eines meiner absoluten Lieblings-Musikstücke EVER, das mich in genau jener jugendlichen Lebensphase erreichte, in der man von Musik vielleicht stärker und bewusster geprägt wird als jemals davor und danach, in der man einfach hungriger und empfänglicher ist als später, weniger abgestumpft und abgeklärt. Bis heute weiß ich genau, dass dieses Lied Track Nummer 13 auf der Soundgarden-Compilation „A-Sides“ war, meinem ersten Berührungspunkt mit dieser tollen Band.

And I don’t like / What you got me hanging from

PS: Ja, die Jahrescharts (2016!) kommen auch noch … But first things first.

Showdown im Weirdo Canyon

Festivalreport: Roadburn 2017, 20.-23. April

Unter etwas offeneren Anhängern extremer Musik gibt es weltweit wohl kaum ein Event, das mehr zelebriert und zum Kult hocherkoren wird, als das jährlich in Tilburg stattfindende Roadburn Festival. Jeden April pilgern Leute aus aller Welt in die Niederlande, um sich eine halbe Woche lang der sorgfältig kuratierten Mischung aus allen möglichen Ecken extremer Gitarrenmusik, psychedelischen Klangwelten, (Post-)Industrial und anderen alternativen Spielarten hinzugeben. Eine Besonderheit des Festivals sind die vielen exklusiven Spezialgigs, in denen Bands beispielsweise Full Album Sets ihrer alten Klassiker zum Besten geben, ihr Material in abgewandelter Form präsentieren, oder gemeinsam mit Szenekollegen die Bühne entern. Und dieses Jahr wollten einige Kollegen und ich nicht mehr nur neiderfüllt auf überschwängliche Reports und Lineups starren, sondern selbst live dabei sein, also starteten wir einen Roadtrip gen Holland. Ein Wochenende wie dieses hat gewiss auch verdient, dass man darüber berichtet, also komme ich um einen kurzen (ich ahne, dass es dann doch etwas ausladend werden wird) Festivalreport nicht herum – wackelige Handykamerabilder inklusive.

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Wörgl? Graz? Amerika!

Konzertbericht: Son of the Velvet Rat, Astnersaal Wörgl (Hotel Alte Post), 8. April 2017

Man mag ja zur Globalisierung stehen, wie man will. Aber in der Popkultur ist sie seit jeher eine Tatsache, wenn nicht sogar eine grundlegende Voraussetzung. Ohne internationalen Austausch, ohne wechselseitige Inspiration, ohne den Blick über den Tellerrand gäbe es keine vitale Popkultur. Vielleicht sind Globalisierung und Pop sogar ein und dasselbe Phänomen.

Und das digitale Zeitalter macht hier vieles möglich, was vor ein paar Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wäre. Zum Beispiel, dass der kulturelle Austausch bzw. die Globalisierung auch wieder in die Gegenrichtung verläuft – wenn zum Beispiel uramerikanische Musik von steirischen (!) Musikern quasi in die USA reimportiert wird. Und dort, im Mutterland, mittlerweile auch deutlich wahrgenommen und gewürdigt wird.

Georg Altziebler, Frontmann der Grazer Band Son of the Velvet Rat, die auf Einladung des Kulturvereins SPUR. kürzlich schon zum vierten Mal in Wörgl zu Gast war, lebt das, was man heute zusammenfassend meist als „Americana“ bezeichnet, mit vollem Herzen und grenzenloser Leidenschaft, wahrscheinlich leidenschaftlicher als viele amerikanische Musiker selbst. Das betrifft nicht nur die Musik, sondern auch den ganzen sie umgebenden Mythen-Kosmos voll Wüstenstaub, sengender Sonne, endlosen Highways und all den großen und kleinen Schicksalen und Gefühlen, die diesen Kosmos bevölkern. Es ist ein Mythos, der im Grunde größer ist als die Realität selbst – und genau darin liegt sein unerschöpflicher Reiz.

Altziebler hat sich diesem Kosmos mit Haut und Haaren verschrieben. Das jüngste SotVR-Album „Dorado“ (noch so ein mythisch aufgeladener Begriff) wurde in den USA mit amerikanischen Musikern aufgenommen. Produziert hat das Ganze niemand Geringerer als Joe Henry, der etwa für seine Grammy-geadelte Kooperation mit dem späten Solomon Burke („Don’t Give Up On Me“) bekannt wurde. Zuletzt, 2016, hat Henry mit dem großen englischen Polit-Folk-Barden Billy Bragg ein ergreifendes Album mit „Field Recordings From The Great American Railroad“ eingespielt, aufgenommen in Bahnhöfen und an Bahnstationen. Auch die Eisenbahn, die ein schier endloses, vielfältiges Land durchzieht, ist ja so ein großer – inzwischen leider ziemlich verkümmerter – amerikanischer Mythos.

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Altziebler und Familie leben inzwischen sogar einen Teil des Jahres in den USA, haben dort auch intensiv getourt – und beweisen, dass Americana nicht zwingend von Amerikanern gemacht werden muss, um zu überzeugen. Vielleicht braucht es – wie so oft – sogar den Blick von außen, um dieses reiche kulturelle Erbe und seine andauernde Aktualität richtig wahrzunehmen und auf die Amerikaner zurückzuspiegeln. In diesem Sinne äußert sich jedenfalls auch Joe Henry in den Liner Notes zu „Dorado“:

„I sometimes believe that as sprawling and confused as our national character has become, it requires a foreigner to actually make sense and whole cloth of its particular alchemy – to see it clearly, as if from the fire tower high above us.“

Generell heimsen SotVR inzwischen nicht nur in Österreich regelmäßig großes Kritikerlob ein, sondern auch in der amerikanischen Alt(ernative-)Country- und Folk-Szene. So erzählte die Hohepriesterin des Genres, die große Lucinda Williams, in einem Interview auf Stereo Subversion:

„There’s a band from Austria of all places who we heard here. It’s a husband and wife team called Son of the Velvet Rat. He’s got this great sexy, gravelly voice. (…) It’s beautiful melodies and sort of this Nick Drake, Mark Lanegan kind of thing. I freaked out when I saw them at this little place called the Hotel Cafe.“

Mit Lucinda Williams haben SotVR übrigens auch schon zusammengearbeitet, ebenso mit dem ehemaligen Wilco-Schlagzeuger Ken Coomer, der zwei Alben produzierte, oder mit dem grimmigen Genie Kristof Hahn (Swans, Les Hommes Sauvages, Justice Hahn). Kein Zweifel, SotVR sind längst angekommen.

Bestens angekommen (hey, was für ein eleganter Übergang!) ist die Band auch im Wörgler Astnersaal, dessen altehrwürdiger, in die Jahre gekommener, schäbig-eleganter Charme wunderbar mit dem Folk Noir von SotVR korrespondierte.

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Zuvor hatten The Tiptoes aus Graz (Bild oben) in Duo-Formation schön sanft auf den Konzertabend eingestimmt. Sängerin Miriam Bichler hat eine (wunder-)volle Indiepop-Stimme, von der man sich gerne hypnotisieren lässt. Nur mit akustischer Gitarrenbegleitung klang das Ganze auf Dauer dann aber doch ein klein wenig gleichförmig, man hätte sich zwischendurch gewünscht, die vollständige Band zu hören (ich persönlich bin generell kein großer Fan von Akustik-/Unplugged-Formaten). Dennoch ein wirklich feiner Auftakt, der vom aufmerksamen Publikum geradezu euphorisch beklatscht wurde.

Welche Vorzüge eine vollständige Bandbesetzung in puncto Wucht und Facettenreichtum haben kann, bewies im Anschluss die Hauptband: Denn obwohl Son of the Velvet Rat bisweilen als das „Projekt“ von Georg Altziebler wahrgenommen werden, sind sie in Wirklichkeit eine komplette, bestens eingespielte und „geölte“ Liveband, die zu vielerlei Stimmungen, Tempi und Klangfarben fähig ist.

Na gut, Altzieblers aufgerauhte Bassstimme, die an einen verletzlicheren Johnny Cash oder einen waidwunden Tom Waits denken lässt, steht natürlich schon im Mittelpunkt des SotVR’schen Klangbildes. Und es ist seine große Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit, die Abwesenheit jeglicher „cooler“ Ironie, die viel vom Reiz und der Würde dieser Songs ausmacht. (Nicht umsonst wird im Zusammenhang mit SotVR gerne auf das traurige Countrygenie Townes van Zandt verwiesen). Aber dass es so ein abwechslungsreicher und vielschichtiger Konzertabend wurde, lag nicht an Altzieblers Stimme – die zwar markant und eindrucksvoll, aber nicht unbedingt allzu wandlungsfähig ist -, sondern in erster Linie an der äußerst kompetenten Band.

Da ist zunächst Altzieblers Frau Heike Binder zu nennen, die am Keyboard und an der Ziehharmonika vielfältige Akzente setzte und wunderbare Background Vocals beisteuerte. Die reizvolle Kombination aus dunklem Brummbass und einer hellen, leichtfüßigeren weiblichen Stimme wird ja spätestens seit Lee Hazlewood und Nancy Sinatra im Pop immer wieder gern genommen (siehe Mark Lanegan und Isobel Campbell uvm.).

Zu den feinen Vokalharmonien trugen bisweilen auch die anderen drei Musiker bei: Multiinstrumentalist Kolja Radenkovic, der funkelnde Gitarrensoli, flirrende Mandolinenklänge und – besonders schön – vereinzelte Vitaminschübe aus der Trompete bereithielt; der wunderbare Schlagzeuger Michael Willmann, der dem Gesamtsound eine unerwartete Wucht und Dynamik gab; und der stoische Bassist Albrecht Klinger. Sie alle bewegten sich mit großer Sicherheit zwischen elegischen Countryklängen, Chansons und aufgeräumtem Folkrock.

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Am besten waren Son of the Velvet Rat an diesem Abend – aus meiner Sicht – immer dann, wenn sie als Band so richtig ins Schwingen kamen, zwischendurch auch einmal das Tempo anzogen und manchmal sogar wild und laut wurden. Da merkte man dann, dass zu Altzieblers Einflüssen zum Beispiel auch die Country-Punks von Dead Moon zählen sollen. Zwischen treibenden und zugleich verspielten Rhythmen, pulsierenden Trompetenstößen und Altzieblers gelegentlichen Mundharmonika-Soli (in Bob-Dylan-Manier schön rau und schneidend gespielt) war immer wieder große Spielfreude zu spüren. Und die entlockte auch dem sehr ernst und asketisch wirkenden Altziebler mehrfach ein breites Grinsen.

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Verloren in den Wäldern

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK(S) DER WOCHE, # 10:
SYD BARRETT – OCTOPUS (1970) & XIU XIU – LAURA PALMER’S THEME (2016)

Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich derzeit wieder einmal ganz in Twin Peaks zu Hause bin. In meiner absoluten und uneingeschränkten Lieblingsfernsehserie, die mit ihrem Mix aus schrägem Humor und abgründigem Psychohorror, aus Surrealismus und Seifenoper nach wie vor einzigartig dasteht, von den skurrilen, aber vielschichtigen und komplexen Charakteren ganz zu schweigen.

Ja, wahrscheinlich liegt es an dieser Serie, in der die alten, dunklen Wälder des amerikanischen Nordwestens, die Schönheiten und unsagbaren Abgründe, die darin zu finden sind, eine so zentrale Rolle spielen, dass mir dieser Tage immer wieder folgende Zeilen durch den Kopf gehen:

Isn’t it good to be lost in the wood? / Isn’t it bad so quiet there, in the wood?

Es gibt wohl keine schönere Metapher für die gleichermaßen erhebende wie verstörende Ausstrahlung und Wirkung des Waldes (die schon die Romantiker so faszinierte) als diese Zeilen von Syd Barrett. Sie stammen aus „Octopus“, der vielleicht bekanntesten Nummer von Barretts erstem Soloalbum „The Madcap Laughs“.

Die dunklen Wälder, in denen man sich – gerne und dann doch wieder ungern – verliert, stehen hier (wie zwanzig Jahre später in Twin Peaks) natürlich auch für menschliche (Grenz-)Erfahrungen und Seelenzustände oder auch für das Un(ter)bewusste an sich. Zugleich bilden sie eine perfekte, fast hellseherische Metapher für Barretts eigenes bewegtes und bewegendes Leben. Für seinen Weg vom gefeierten, blendend aussehenden, allseits angehimmelten Sixties-Popstar und Übervater der Psychedelic zum tragischen, desorientierten Opfer von LSD und anderen Drogen.

Es ist ein Weg, der in seiner Radikalität nicht nur tragisch, sondern irgendwie auch beeindruckend war: Barrett zog sich Ende der 70er Jahre völlig aus der Öffentlichkeit zurück und wieder bei seiner Mutter in Cambridge ein – und zwar, nach einem kurzen Zwischenspiel in London 1982, für immer. Die 80 Kilometer von London nach Cambridge legte er zu Fuß zurück. Was folgte, war ein Leben in völliger Privatheit und Abgeschiedenheit. „Syd“ Barrett nahm wieder seinen Geburtsnamen Roger an, widmete sich dem Malen und Gärtnern, kämpfte mit schweren Erkrankungen und verstarb 2006.

Das Werk, das er hinterlassen hat, schimmert wie der fast schon klischeehafte „verrückte Diamant“, als den ihn seine früheren Kollegen von Pink Floyd verewigten. Apropos Pink Floyd: Wer die Briten für ihre spätere Progrock-Gigantomanie und schulmeisterliche Ernsthaftigkeit fürchtet, sollte sich schleunigst auf Entdeckungsreise durch ihr Frühwerk begeben: Denn die frühen, ganz klar vom grenzgenialen Barrett geprägten Floyd sind auch heute noch eine echte Offenbarung.

Wer das nicht glauben will, der höre psychedelisch-verschrobene Meisterstücke wie „See Emily Play“ (bis heute eine meiner absoluten Lieblingsnummern EVER), „Lucifer Sam“, „Arnold Layne“, „Astronomy Domine“ oder „Bike“ – und staune. Und auch auf Barretts Soloalben „The Madcap Laughs“ und „Barrett“ (beide 1970) finden sich viele seltsam schimmernde Perlen wie „Golden Hair“, „Swan Lee“, „Gigolo Aunt“, „Long Gone“, „Baby Lemonade“ oder „Wined and Dined“. Zerfahrene, verspulte, oft unfertig und skizzenhaft wirkende Stücke – und gerade deshalb besonders faszinierend.

Bei Barrett fanden Versatzstücke aus unterschiedlichsten Genres und Ären zusammen, die aus heutiger Sicht schon immer wie füreinander gemacht schienen: urbritische Versponnenheit und Verschrobenheit, psychedelische Traumwelten, mystischer Britfolk, befreiender Rock ’n‘ Roll, unheimliche Kinder- und Märchenbücher. Das Schöne, Erhabene und das Abgründige sind die zwei Pole, die das Schaffen von Syd Barrett so aufregend machen – genau wie die Serie Twin Peaks.

Apropos Twin Peaks: David Lynch (selbst ein großer Wahnsinniger) und Mark Frost kehren heuer, nach über 25 Jahren, mit einer dritten Staffel der Serie zurück. Was davon zu erwarten ist, weiß keiner – mindestens aber ein Scheitern auf hohem, bizarrem Niveau. (Das wäre ja auch schon was!). Schon vor der Rückkehr der Serie hat sich die US-Experimentalpop-Band Xiu Xiu mit einem ganz wesentlichen Aspekt von Twin Peaks auseinandergesetzt, nämlich – erraten! – mit der Musik.

Die Scores von Angelo Badalamenti, David Lynchs kongenialem Haus- und Hofkomponisten, und die sphärisch-unwirklichen Gesangsnummer der großen Julee Cruise sind in ihrer Kombination aus gänzlich ironiefreier Romantik, Melancholie und unterschwelliger Bedrohung im Grunde unerreichbar und unantastbar. Xiu-Xiu-Mastermind Jamie Stewart und seine Band haben sich dennoch an die heikle Aufgabe gemacht, diese überirdisch schöne Musik neu zu interpretieren.

Das Ergebnis ist ein dunkel brodelndes Gebräu aus düster-atmosphärischer Elektronik und verstörend-verstörtem Queercore, mit sinistren Noise-Einsprengseln, die wie David Pfister von FM4 ganz richtig schrieb, „den Schönklang der Kompositionen dann noch klarer strahlen lassen“. Xiu Xiu Plays The Music Of Twin Peaks (so heißt das 2016 erschienene Album) ist mehr als nur eine würdige Hommage an Badalamenti und Lynch. Es ist ein eigenständiger, eindrucksvoller Trip in die dunklen Wälder.

Frühjahrsputz in Finnland

Review: Kairon; IRSE! – Ruination

Auf der Suche nach schräger, andersartiger und Konventionen systematisch missachtender Musik landet man meist sehr schnell in Japan. Dass aus dem Land, das der Welt Dinge wie Hentai, Kanchō, Dakimakura, Yaeba-Zahnoperationen und Robotertoiletten offenbart hat, auch auffällige bis sonderliche Musiktrends stammen, ist nicht verwunderlich. Dass es mit Finnland auch in Europa einen kleinen Hotspot für etwas speziellere Klänge gibt, schon eher. Gerade jenes Land also, dessen Einwohnern man eher eine distanzierte, unterkühlte Mentalität zuschreibt. Und dennoch findet man gerade dort einen Fundus an herrlich unkonventionellen Musiknischen, Humppa mal ganz außen vor gelassen. Beispielsweise ist „Suomisaundi“ eine freiere, experimentellere Form des (für viele Menschen bereits in seiner herkömmlichen Form sehr kuriosen) Psytrance. Das Funk neu interpretierende, Synthesizer-lastige Subgenre „Skweee“ hat seinen Ursprung ebenfalls im kühlen Nordosten. Und mit „New Weird Finland“ existiert auch eine finnische Antwort auf die im Umfeld des (Freak-) Folk beheimatete kulturelle Strömung des „New Weird America“.

Das in Szenekreisen sehr geschätzte finnische Label Svart Records beherbergt viele Spielarten alternativer, experimenteller und schwerwiegender Gitarrenmusik und bietet neben internationalen Bands auch vielen dieser etwas spezielleren Gruppen aus heimischen Landen eine Heimat. Eine dieser Bands ist das aus dem eher spärlich bewohnten Westen Finnlands stammende Quartett Kairon; IRSE!. Ja, die Satzzeichen gehören so. Hinter diesem kryptischen Namen wartet ein nur schwer in Genreschubladen zu stopfender Sound auf, der verschiedene Strömungen psychedelischer, improvisatorischer, verträumter und progressiver Musik in sich vereint. Nachdem ihr erster Release, welcher vom schrillen Falsettgesang abgesehen noch aus recht gewöhnlichem Post-Rock bestand, noch unter sämtlichen Radaren durchrutschte, konnte der Nachfolger „Ujubasajuba“ 2014 bereits die Gunst einiger Blogs und Reviewplattformen erspielen und einen kleinen Internethype auslösen. Die dynamische Hochzeit von reverbgetränktem Shoegaze, stilbetontem bis kakophonischem Saxophonspiel und satten Post-Rock-Riffsalven mit dem bereits erwähnten grellen wie gewöhnungsbedürftigen Gesang, war und ist aber auch jeden Hype wert. Der Großteil von Ujubasajubas Songstrukturen beruht auf krautrockiger Repetition mit kontinuierlich aufeinander aufbauenden Elementen und die so heranwachsenden Monotoniemonolithen muten weniger wie ein verkopft in Theoriearbeit ausgetüfteltes Studioalbum und eher wie eine im positivsten Sinne aus den Fugen geratene Jamsession an, was dem eh schon beflügelten Langspieler zusätzliche Leichtfüßigkeit verleiht.

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Betörend und verstörend: Die Schönheit der Verfremdung

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 9:
AGNES OBEL – FAMILIAR (2016)

Das Instrument der Verfremdung ist in der Kunst ein gern gewähltes Mittel: von Bert Brecht, der damit Illusionen auf der Bühne zerstören wollte (V-Effekt), bis zur digitalen Bildbearbeitung von heute, die, ganz im Gegenteil, fast perfekte Illusionen ermöglicht.

Und auch in der populären Musik sind Verfremdungseffekte allgegenwärtig, ob sie nun per Effektpedal, Computerprogramm oder auf anderem Wege erzielt werden. Als besonders ergiebig und wirkungsvoll erweist sich dabei seit jeher das Bearbeiten und Verfremden der menschlichen Stimme: Zwischen billigen Autotune-Effekten („Beliiieve“ von Cher) und ausgefuchsten (Live-)Loop-Experimenten, bei denen Künstler ihre Stimmen tausendfach vervielfältigen, verzerren und modulieren, tut sich hier ein unendlich weites Feld auf.

Besonders schön, geradezu gespenstisch schön, gelingt die stimmliche Verfremdung in unserem Track der Woche – der ausgerechnet den Titel „Familiar“ trägt. Er stammt von Agnes Obel, einer großartigen dänischen Musikerin, die derzeit, wie die halbe musizierende Menschheit, von Berlin aus tätig ist. Ihr drittes Album heißt „Citizen of Glass“ (2016) – und begeistert mit einer tatsächlich fast gläsernen Klarheit und Eleganz.

Eine in mehrfacher Hinsicht traumhafte, aus der Zeit gefallene, fast sakrale Aura umgibt Songs wie „Trojan Horses“, „Stretch Your Eyes“ oder „Golden Green“. Obels Stimme klingt dabei wunderbar sphärisch, ätherisch und melancholisch, nach dunklem Dreampop – aber es ist ein Dreampop ganz ohne Gitarrenwände, weißes Rauschen oder unterkühlte Elektronik.

Stattdessen greift die Pianistin zu allerlei eher selten gehörten Tasteninstrumenten wie Mellotron, Spinett oder Celesta, lässt Cello und Violine unterschwellige Dramatik verbreiten oder setzt mit dem Trautonium, einem wenig bekannten Synthesizer-Vorläufer aus den 1930er Jahren, dezent retrofuturistische Akzente. Obels größter Trumpf sind aber stets die delikaten, versponnen-folkigen Vokalharmonien.

Für den geisterhaft schönen Refrain der ersten Single „Familiar“ hat Obel allem Anschein nach einen Gastsänger engagiert. Aber wer ist das bloß? Und: Wieso steht der geheimnisvolle Herr nicht in den Albumcredits? Nun, ganz einfach: Es handelt sich um Agnes Obel selbst. Sie tritt hier in einen Dialog mit ihrer eigenen Stimme, die aber so verfremdet wurde, dass sie wie eine Männerstimme klingt. Sie singt also quasi ein Duett mit sich selbst als Mann. Klingt verstörend? Ja, vor allem aber betörend.

„Our love is a ghost that the others can’t see“, heißt es hier – wobei Form und Inhalt nicht besser zusammenpassen könnten.

Dass der Großmeister der filmischen Verfremdung, David Lynch (der als Musiker übrigens auch ganz stark auf bizarr verfremdete Stimmen setzt), ein erklärter Fan von Agnes Obel ist, dürfte angesichts dieser Mischung kaum überraschen. Sollte aber als weiterer Ansporn dienen, in diese seltsame, fremde Welt einzutauchen.

Ein Tor (zurück) in die Zukunft

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 8:
BEYOND THE WIZARD’S SLEEVE – DOOR TO TOMORROW (2016)

Narkotisch. Hypnotisch. Halluzinogen. Psychedelisch. Wie auch immer man diese ganz spezielle Eigenschaft von Musik nennen möchte – die darin besteht, dass man bis über beide Ohren in sie eintauchen, die Außenwelt ausblenden und ein subjektives Zeiterlebnis genießen kann, das mit der real vergangenen Zeit nicht übereinstimmt -, sie zählt zweifelsohne zu den wichtigsten Qualitäten im Pop. Realitätsflucht im positivsten Sinn.

Genau diese Erfahrung ermöglicht „The Soft Bounce“, das formidable Debütalbum des englischen Psychedelic-Electronica-Duos Beyond The Wizard’s Sleeve. Dieses Gespann besteht aus Erol Alkan, seines Zeichens Londoner Star-DJ, -Produzent und -Remixer türkisch-zypriotischer Herkunft, und dem Musiker und Produzenten Richard Norris, den man (ich nicht) zum Beispiel von der House/Dance-Formation The Grid kennen könnte.

„Wizard’s Sleeve“ ist, so behauptet zumindest das Urban Dictionary, ein vulgärer Slangausdruck für Vagina, zugleich verweist der Bandname aber natürlich auf die magische, überirdische Dimension dieser Musik. „Beyond The Wizard’s Sleeve“ machen klassische psychedelische Musik, aber mit den Mitteln moderner, ausgefuchster, „fetter“ Produktionstechnik. Britische 60s-Psychedelia trifft hier auf Acid House und Balearic Beat. Verhallte Vocals (von durchwegs großartigen GastsängerInnen), verwaschene Gitarren und wahlweise wabernde, schwebende oder zirkulierende Synthieflächen – alles fließt zu einem bunt schillernden Strom zusammen.

Laut Liner Notes versteht sich „The Soft Bounce“ als „trip album in the widest sense“: Das Wort Trip wird hier also vielfältig gedeutet – als Reise (etwa ans Meer), als Drogentrip ins Unbekannte, aber auch in der Bedeutung von „to trip“, also im Sinne von stolpern und plötzlich umfallen. Zugleich funktioniert das Album, wenig überraschend, wie ein genau durchdachtes DJ-Set oder Mixtape, mit elegant fließenden Übergängen und raffinierten Spannungsbögen. „It contains pleasure and pain, doubt and transcendence, and it ends somewhere that is different from where you started„, verspricht das Booklet. Und womit? Mit Recht.

Das Spektrum reicht vom gleichermaßen pumpenden wie sphärischen Auftakt mit „Delicious Light“ – getragen von den einlullenden Dreampop-Vocals der irischen Musikerin Hannah Peel – über den düsteren Psychedelic Rock von „Iron Age“ (hier singt Blaine Harrison von den hochsympathischen Mystery Jets) bis hin zum Titelsong mit seinen hypnotisierenden Drumpatterns und abermals wunderbar gehauchten Vocals von Hannah Peel.

Im programmatischen Schlusstrack „Third Mynd“ wird das Erlebnis des Trips (Stichwort: Synästhesie, also Klänge, die man plötzlich auch sehen kann etc.) sehr schön, wenn auch nicht ganz klischeefrei in Worte gefasst. Kreise, Spiralen, Springbrunnen aus Farbe, pure Schönheit und bodenlose Abgründe, alles ist da …

„It was ecstasy / and it was horrible“ (…) „Suddenly I was aware that the colours were the music“ (…) „This is how one ought to see“.

Die (teils modulierte) Sprechstimme gehört hier übrigens niemand Geringerem als dem Musikjournalisten und Autor Jon Savage, der mit „England’s Dreaming“ das, so sagt man, definitive Buch zu den Sex Pistols und dem britischen Punk im Allgemeinen geschrieben hat. Gleichzeitig ist der Mann aber ein Fan berauschender und berauschter Psychedelia – und zeigt so, dass sich die musikhistorischen Gräben zwischen Psychedelic Rock (den aufrechte Punks eigentlich als bedröhntes, Patschuli-geschwängertes Hippie-Gedöns ablehnen müssten) und Punk (den aufrechte Hippies eigentlich als zynische, nihilistisch-brutale Unmusik verachten müssten) spielend überwinden lassen. Zumindest dann, wenn man sich nicht von Genreschubladen und -Feindschaften, sondern einzig von der Liebe zu schöner, bewegender, befreiender Musik leiten lässt.

Apropos: Der schönste Song auf „The Soft Bounce“ ist aus meiner Sicht „Door To Tomorrow“, wunderbar gesungen von Euros Child, ehemals Sänger der walisischen Psychedelic-Folk-Formation Gorky’s Zygotic Mynci.

Das „Door To Tomorrow“ erweist sich dabei eher als eine Tor in die Vergangenheit, konkret in die goldene Ära der Psychedelik, also die mittleren bis späten 60er Jahre. Die im Text besungene Emily ist ein direkter Querverweis auf „See Emily Play“ (1967), einen der schönsten, betörendsten und geheimnisvollsten Songs von Pink Floyd – ein Kleinod aus jenen rundum empfehlenswerten Anfangstagen, als dort noch der große Wahnsinnige Syd Barrett am Steuer war, also aus der Ära vor der Gigantomanie und bleischweren Ernsthaftigkeit. Kaum ein Song bewegt sich so traumwandlerisch zwischen der unbeschwert-naiven und der abseitigen, unheimlichen Dimension des Psychedelischen wie dieser. Was natürlich auch den Herren Alkan und Norris nicht entgangen ist.

Auch auf „Emily Small“ (ebenfalls 1967 erschienen) von der heute weitgehend vergessenen Spät-Sixties-/Psychedelic-Band The Piccadilly Line weisen die musikhistorisch bestens bewanderten Elektroniker hier hin. (Danke, Liner Notes!)

Fazit: Der Trip von und mit „Beyond The Wizard’s Sleeve“ führt durch (drogen-)nebelverhangene, bisweilen dunkel-romantische Gefilde, es bleibt aber durchwegs ein sanfter, sonniger Ausflug. Für schlechte Trips oder gar Horrortrips gibt es andere Adressen. Wer sich aber dem eisigen, dunklen Winter durch ein wenig psychedelische Realitätsflucht entziehen will, ist hier genau richtig!

PS: „Door To Tomorrow“ wird sich definitiv auch in meinen Jahrescharts für 2016 wiederfinden. Aber das ist eine andere, unendliche Geschichte …