Archiv der Kategorie: Allgemein

REDNECKS DO IT BETTER! Country-Blues mit Zigarrenschachtel, Mistkübel und brennenden Waschbrettern

Konzertbericht: Reverend Peyton’s Big Damn Band, Schloss Büchsenhausen, Innsbruck, 5. August 2016

Die (Konzert-)Abende, an denen man sich einfach überraschen lässt, sind oft die besten.
Wobei an diesem speziellen Abend schon die (kargen) Eckdaten klarmachten, dass da eigentlich nichts schiefgehen konnte: „Reverend Peyton’s Big Damn Band live und openair im Schloss Büchsenhausen“.

Das weckte die Neugier gleich in mehrfacher Hinsicht. Schließlich kannte man Schloss Büchsenhausen als eindrucksvollen Blickfang auf dem Weg zum Alpenzoo und vielleicht von der einen oder anderen Vernissage. Aber als Konzertlocation?

Auch von Reverend Peyton’s Big Damn Band hatte man noch nie gehört – aber aus Erfahrungswerten stand schon im Vorfeld fest: Ein Reverend im Bandnamen – oder als Beiname – ist ein Qualitätssiegel, garantiert im Regelfall Ekstase, Glut und Wahnsinn, vom Reverend Al Green über Reverend Horton Heat oder Reverend Beatman bis hin zur Reverend Shine Snake Oil Company.

Und wenn sich eine Formation samt Reverend dann auch noch „Big Damn Band“ nennt, obwohl sie nur aus drei Personen besteht, dann scheint endgültig klar: Das wird ein unterhaltsamer Abend! Und er wurde sogar noch viel unterhaltsamer als erwartet.

Reverend Peyton’s Big Damn Band stammt aus dem ländlichen Indiana, also vom platten Land – und das ist für ihre Art von Musik sicher nicht die schlechteste Voraussetzung: Denn die „Big Damn Band“ spielt urwüchsigen, rustikalen Country Blues, zum Glück aber alles andere als verstaubt-museal, sondern mit der Energie eines Dampfhammers, also rau, krachig und immer frontal in your face. Kurz: Musik, die von irgendwelchen tranigen, braven, „erwachsenen“ Blues(rock)abenden nicht weiter entfernt sein könnte.

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Die Band, die in Innsbruck den vorletzten Stopp ihrer Europa-Tournee hinlegte (vor dem Finale im Chelsea zu Wien) besteht aus drei optisch wie musikalisch gleichermaßen grandiosen Figuren:

Frontmann Reverend Peyton, vom Herrn mit allen Eigenschaften eines unzähmbaren Bühnentiers gesegnet, präsentierte sich nicht im Talar, sondern standesgemäß als Hillbilly mit Hosenanzug, Waldzausel-Bart und mächtigen Oberarmen samt Maiskolben-Tattoo. Er präsentierte sich aber vor allem als Naturgewalt: mit mächtiger Bluesstimme, allerlei Hochgeschwindigkeitsgriffen, coyotengleich jaulenden Slide-Einlagen und erstaunlichen Fähigkeiten an der dreisaitigen Zigarrenschachtel-Gitarre (!).

Übrigens: Wenn man den uralten Stil des Country-Blues (dessen Wurzeln im frühen 20. Jahrhundert liegen) spiele „and you’re doin‘ it right“, dozierte der Reverend, dann ersetze der Daumen den Bassisten. Um es mit Bezug auf den Namen unseres kleinen Blogs zu formulieren: This man hits the bassline with his thumb. Und wie!

Sicher, der zwiespältige Begriff „virtuos“ kam einem da des Öfteren in den Sinn. Aber beim Reverend geriet die virtuose Technik nie zum eitlen Selbstzweck (eitel auch im Sinne der barocken Bedeutung des Wortes, also „vergeblich“ oder „sinnlos“). Er stellte sie stets in den Dienst des bissigen, wuchtigen, dabei stets schlanken und punktgenau getroffenen Gesamtsounds.

Aber am schönsten erklärte es der Mann selbst, in einer der mitreißendsten Nummern dieses mitreißenden Abends: Immer wieder werde er gefragt, wie zur Hölle er es bloß geschafft habe, so gut Gitarre zu spielen. Nun, ganz einfach: Auf der Veranda natürlich! Wo auch sonst?

„How did I get so good? / Well, let me explain / Got so good on the front porch / I’m front porch trained“.

Für Highlights am laufenden Band sorgte auch die Gattin des Reverends, Breezy Peyton, eine wahre Königin an einem viel zu selten gehörten Instrument – dem Waschbrett (!). Ausgestattet mit coolen Spezialhandschuhen, holte sie aus der mikrofonierten, standesgemäß mit der Aufschrift „Breezy“ versehenen Waschrumpel (samt Tragegurt!) die fetzigsten Reibe-und Ratter-Ryhthmen heraus, die sich denken lassen, oder setzte mit dem lässig geschüttelten Tambourin genau die richtigen Akzente.

Dazu sorgte sie mit ihrem Harmoniegesang für Extra-Drive bei den Refrains oder auch mal für dieses spezielle Country-Flair, wie man es beispielsweise aus „Jackson“ von Johnny Cash und June Carter kennt.

Mit geblümtem Kleid, roten Stiefeln und gestrengen Blicken auf die langzottigen Männer im Publikum – denen sie am Ende gar mit dem Tamburin Köpfe und Hintern versohlte – bot Breezy nebenbei auch noch eine höchst amüsante Bühnenshow. Und als sie das Waschbrett am Ende in Brand steckte (!) und hinter dem Kopf spielte (!!), muss auch Jimi Hendrix im Rockhimmel ein dickes „Gefällt mir!“ über die Lippen gekommen sein.

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Tucson und Tirol, Wüstensand und Psychedelia

Konzertbericht: Xixa und Tracker, PMK Innsbruck, 29. Juli 2016:

ACHTUNG, DIESER BEITRAG ENTHÄLT GROSSARTIGE KONZERTFOTOGRAFIE VON PATRICK NORDPOL UND MOE MOESSINGER. TAUSEND DANK DAFÜR!

Es war ein lauer Sommerabend. Und ein LAUTER Sommerabend (vor allem für unbelehrbare Ohrenschutzverweigerer wie mich). Der musikalische Desert Trip, zu dem die Reiseveranstalter vom Kulturverein lovegoat am Freitag in den Wüstenschuppen (wüsten Schuppen) PMK luden, war aber vor allem eines: schwer psychedelisch.

Dafür sorgte bereits zum Auftakt das formidable Trio TRACKER aus Tirol. „Experimenteller, psychotischer Desert Rock, schön unsauber und kantig gespielt“, schrieb ich im Mai 2014 in einem Beitrag für das mittlerweile längst verblichene Popkultur-Fachmagazin „Wörgler & Kufsteiner Rundschau“, nachdem ich „Tracker“ bei einem schrägen Konzertabend mit den „Sahara Surfers“ (ebenfalls aus Tirol) und den verpeilten „Death Hawks“ aus Finnland in der Kulturfabrik Kufstein erlebt hatte.

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Und dieses Urteil trifft es nach wie vor gar nicht so schlecht. Wobei mir diesmal eher Begriffe wie Experimentalrock, Noise Rock oder eben Psych(edelic) Rock durch den Kopf geschwirrt sind, nicht unbedingt das doch eher beengende Label Desert Rock.

Immer wieder musste ich auch an die experimentierfreudigeren Spielarten des Alternative Rock der 90er (und späten 80er Jahre) denken: Bei „Tracker“ gibt es zum Beispiel groß angelegte Refrains, die allerdings unter metertiefen Lärmschlieren begraben werden, wie man das von „My Bloody Valentine“ und anderen Shoegazern kennt. Oder auch von LoFi-Pionieren wie „Sebadoh“. Bei den kantigen, leiernden, synthetischen Gitarrensounds wiederum schauen „Sonic Youth“ um die Ecke. Und auch gelegentliche elektronische Störgeräusche tragen dazu bei, dass das Gesamtergebnis bei „Tracker“ nie zu sauber und gediegen klingt.

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Kurz gesagt: Ein Sound, wie man ihn heutzutage nicht mehr allzu oft hört – erst recht nicht aus lokalem Anbau. Und auch wenn nicht jedes Experiment aufgehen mag, nicht jede Abzweigung zum Ziel führt – spannend und herausfordernd zu hören ist es immer. Schön, dass es raue, harte Klänge aus Tirol gibt, die weder stumpf noch schwerfällig klingen. Mein vorgezogener Wunsch ans Rock-Christkind lautet daher: Bitte bring uns in den nächsten Jahren mehr frisch und wagemutig klingende Tiroler Bands wie „Tracker“ – und lass dafür ein paar nicht ganz so interessante Thrash- und Death-Metal-Formationen zu Hause. Danke!

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Meine Einschätzung, dass „Tracker“ als Support für die Hauptband vielleicht nicht ganz passend gewählt waren – zu brachial, zu rau, die falsche Art von „Wüstenrock“ – erwies sich in der Folge als weitgehend unbegründet. Denn XIXA aus Tucson, Arizona, die schön spät (erst gegen 23.30 Uhr) die Bühne übernahmen, erwiesen sich insgesamt als deutlich härter, dunkler und lauter als erwartet. Mit anderen Worten: Im Soundcocktail, den die Band selbst als „Psych Cumbia Rock“ bezeichnet, war der Psychedelic-Rock-Anteil um einige Zentiliter größer als die Zutaten aus der lateinamerikanischen Tanzmusik.

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Die Großen 15 von 2015

Und das sind sie also: die offiziellen HIT the Bassline Jahrescharts 2015, kombiniert aus den Wertungen von Michael Domanig und Stefan Pletzer.

1 Courtney Barnett „Pedestrian at best“ (174 Punkte)
2 Wanda „Meine beiden Schwestern“ (169)
3 Tame Impala „Let it happen“ (161)
4 Action Bronson „Easy Rider“ (150)
5 Kurt Vile „Pretty pimpin'“ (144)
6 Faith no more „Matador“ (140)
7 ANOHNI „4 Degrees“ (133)
8 Django Django „First Light“ (132)
9 Panda Bear „Tropic of Cancer“ (123)
10 Courtney Barnett „Nobody really cares if you don’t go to the Party“ (120)
11 Ezra Furman „Restless Year“ (119)
12 Best Coast „Heaven sent“ (117)
13 Hot Chip „Huarache Lights“ (100)
14 Grimes „Kill v. Maim“ (99)
15 Django Django „Vibrations“ (98)

Noch spätere Jahrescharts

Aber hey, fertig waren sie früher. Nur nicht veröffentlicht. In aller Kürze:

1 Hot Chip „Huarache Lights“

Wunderte mich, dass ich „Huarache Lights“ nicht öfter in 2015er-Jahrescharts entdeckte. In meinen Augen haben Alexis Taylor, Joe Goddard & Co. mehr als zehn Jahre lang auf genau diesen quintessentiellen Hot Chip-Song hingearbeitet. Ein Best of aus „Motion Sickness“ (#57 meiner Jahrescharts 2012), „Boy from School“ (#86 2006), „How do you do“ (#77 2012) und vor allem „Ready for the Floor“ (2008), das ich völlig unerklärlicherweise in meinen Jahrescharts 2008 missachtete. Produktion in Perfektion und wie so oft bei Hot Chip wird der Song mit jeder Sekunde noch voluminöser und besser. Ich habe zwar keine Ahnung, was Huarache Lights sein sollen, aber Why Make Sense?

2 Grimes „Kill V. Maim“

Bringen wir das gleich hinter uns: Grimes kann nicht singen. Zumindest nicht rumhüpfen und live singen gleichzeitig. Zumindest nicht richtig. Aber macht nichts! „Art Angels“ ist das beste Album des Jahres 2015, da gibt es keine Diskussion. Das hier soll wohl aus der Perspektive von Al Pacino in Der Pate 2 geschrieben sein, „außer dass er ein Vampir ist, zwischen den Geschlechtern wechselt und durch das All fliegt“, sagt Grimes. Wie Sie wünschen, Frau Boucher.

3 Tame Impala „Let it happen“

Es scheiden sich die Geister betreffend der 7:46-Länge von „Let it happen“. Manche sagen, es braucht jede Sekunde davon. Ich sage, drei Minuten kürzer wäre es meine Nummer eins. Man braucht sich übrigens nicht bemühen, die Lyrics zu verstehen, da steht nämlich selbst bei genius.com nur „(Gibberish)“. Auch nett: Der Soulwax-Remix (Platz 42).

4 Noel Gallagher’s High Flying Birds „Ballad of the mighty I“

Oasis zu sprengen war sicherlich eine der besseren und längst fälligen Entscheidungen Noel Gallaghers. Ich hoffe, es dauert noch möglichst lang bis zur unabwendbaren Reunion, denn Noels zweites Solo-Album „Chasing yesterday“ war noch ein Hauseck besser als das Debüt. Auf dem bizarren Twitter-Feed von Bruder Liam – er passt eigentlich besser zu den „Shameless“-Gallaghers – mag er nur noch als Kartoffel auftauchen, aber wen kümmert das. Einer der größten Songwriter der letzten 25 Jahre hat seine Stellung zementiert.

5 HEALTH „Life“

HEALTH goes Pop. Das fand nicht jeder so cool, ich hingegen schmelze dahin.

6 Courtney Barnett „Pedestrian at best“

„Give me all your money, and I’ll make some origami, honey.“ Hahahahaha.

7 Eau Rouge „Golden Nights“

Ja, das ist eben das Pech, wenn man eine deutsche Band ist und kein Pitchfork hat, das einen zu Fame pusht. Vielleicht dann beim zweiten Album!

8 CL „Hello Bitches“

Das ist also die koreanische M.I.A.. Was auch immer „Eongdeongi ppangppangppang / Namjadeureun Time Time Time / Nae ipsul nyamnyamnyam / Eodilgadeun dangdangdang“ heißen soll, es klingt tight! 😉

9 Action Bronson „Easy Rider“

„‚Easy Rider‘ is one of the best things I’ve ever created in my life. It’s a beautiful song.“ #isso

10 Tocotronic „Ich öffne mich“

Jetzt gibt’s diese Band seit gefühlt 200 Jahren, in meine Jahrescharts hatte es aber bisher als einziger Song „Sag alles ab“ aus dem Jahr 2007 geschafft (#23). „Jackpot“ hätte es wohl im Jahr 1999 geschafft, aber ich fand die Video-Version nirgends. Wird ihnen auch egal sein. „Ich öffne mich“ ist also jetzt offiziell mein Lieblings-Tocotronic-Song. Ich kann mich erinnern, Blumfelds „Testament der Angst“ musste man fast heimlich hören, um kein „Was hörst denn DU da?!?“ von ungebetenen Türöffnern zu riskieren. Man konnte ihnen nicht widersprechen. Zu „Ich öffne mich“ kann man getrost bedingungslos stehen.

11 Major Lazer feat. DJ Snake & Mö „Lean on“
12 Bilderbuch „Willkommen im Dschungel“
13 Algiers „Irony.Utility.Pretext“
14 Wanda „Stehengelassene Weinflaschen“
15 Raury „God’s Whisper“
16 Noel Gallagher’s High Flying Birds „The right Stuff“
17 Leftfield feat. Channy Leaneagh „Bilocation“
18 Wanda „Das wär schön“
19 Cymbals eat Guitars „Chambers“
20 Noel Gallagher’s High Flying Birds „Riverman“
21 Miike Snow „Heart is full“
22 Hot Chip „Started right“
23 Everything everything „Distant Past“
24 Jon Hopkins „I remember“
25 Tame Impala „The less I know the better“
26 Wolf Alice „Moaning Lisa Smile“
27 Viet Cong „Death“
28 Grimes „Realiti“
29 Wanda „Meine beiden Schwestern“
30 Jamie xx „Gosh“
31 Miguel „The Valley“
32 HEALTH „Flesh World (UK)“
33 Missy Elliott feat. Pharrell Williams „WTF (Where they from)“
34 !!! „Freedom ’15“
35 Julia Holter „Sea calls me home“
36 Carnival Youth „Octopus“
37 HEALTH „Stonefist“
38 Grimes feat. Janelle Monae „Venus Fly“
39 Justin Bieber „Sorry“
40 Hot Chip „Huarache Lights“ (Soulwax Remix)
41 Wanda „Bussi Baby“
42 Tame Impala „Let it happen“ Soulwax Remix)
43 Odesza feat. Monsoonsiren „Memories that you call“
44 Roisin Murphy „Evil Eyes“
45 Faith no more „Matador“
46 Wanda „Jelinek“
47 Waxahatchee „Breathless“
48 Panda Bear „Butcher Baker Candlestick Maker“
49 Hayden James „Something about us“
50 Tame Impala „Past Life“
51 Panda Bear „Tropic of Cancer“
52 Leftfield feat. Sleaford Mods „Head and Shoulders“
53 Kurt Vile „Pretty pimpin'“
54 Grimes „Artangels“
55 Jamie xx feat. Romy „Loud Places“
56 My Morning Jacket „Believe (Nobody knows)“
57 The new Pornographers „You tell me where“
58 ANOHNI „4 Degrees“
59 Daughter „Numbers“
60 !!! „Gonna Guetta Stomp“
61 The Chemical Brothers feat. Beck „Wide open“
62 Grimes „Easily“
63 My Morning Jacket „Tropics (Erase Traces)“
64 Best Coast „Heaven sent“
65 Ibeyi „River“
66 M.I.A. „Borders“
67 My Morning Jacket „Spring (Among the Living)“
68 Future Islands „The Chase“
69 Django Django „First Light“
70 Sleater Kinney „Surface Envy“
71 Carly Rae Jepsen „Run away with me“
72 Unknown Mortal Orchestra „Can’t keep checking my Phone“
73 Beirut „No no no“
74 Ezra Furman „Restless Year“
75 Grimes „Flesh without Blood“
76 Waxahatchee „La Loose“
77 Blur „Lonesome Street“
78 Young Fathers „Feasting“
79 St. Germain „Real Blues“
80 Courtney Barnett „Nobody really cares if you don’t go the Party“
81 Dan Croll „From nowhere“
82 Beirut „Gibraltar“
83 !!! „Til the Money runs out“
84 Modest Mouse „Lampshades on Fire“
85 Faith no more „Rise of the Fall“
86 Algiers „But she was not flying“
87 Best Coast „California Nights“
88 Death Cab for Cutie „Black Sun“
89 My Morning Jacket „Big Decisions“
90 Decemberists „Make it better“
91 Justin Bieber feat. Diplo & Skrillex „Where are ü now“
92 Beach House „All your Yeahs“
93 The Dodos „Precipitation“
94 HEALTH „Drugs exist“
95 Neon Indian „Annie“
96 Young Fathers „Shame“
97 Foals „London Thunder“
98 Dan Deacon „Feel the Lightning“
99 José Gonzalez „Leaf off – The Cave“
100 Battles „The Yabba“

Die spätesten Jahrescharts des Universums

von Michael Domanig

„Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“. So könnte man, frei nach Hamlet, die (Un-)Art und Weise beschreiben, wie hier am Blog – und das schon fast traditionsgemäß – mit der Veröffentlichung der hauseigenen Jahrescharts verfahren wird: Während seriöse Musikjournalisten allerorten schon an ihren Halbjahresbestenlisten 2016 feilen (wir schreiben in zwei Tagen schließlich schon den 30. Juni!), kommt der Spätzünder-Blog HIT The Bassline JETZT mit den Top-100 für 2015 ums Eck …

An Ausreden für diese groteske Verspätung mangelt es, das hat ebenfalls schon Tradition, auch diesmal nicht: Ich selbst kann ins Treffen führen, dass ich in den letzten eineinhalb Jahren berufsbedingt so wenig Musik gehört (und so wenige Konzerte besucht) habe wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Und Musikhören unter Zeitdruck ist ungefähr so schön, lohnend und gesund wie Essen im Gehen oder Fernsehen im Büro. Also hat sich die Sache in die Länge gezogen wie ein Kaugummi.

Das knappe Zeitbudget hat sich auf die Jahrescharts also definitiv ausgewirkt – aber vielleicht nicht ausschließlich negativ: Denn während in manchen Jahren am Ende 300 oder 400 Songs in der engeren Auswahl standen, waren diesmal bald nicht viel mehr als die geforderten hundert Nummern übrig. Die allerdings haben den Sprung in die Charts allemal verdient: Schließlich ist es ihnen gelungen, mich kraft ihrer zwingenden Melodien und/oder fesselnden Atmosphäre schon nach ein paar Hörversuchen zu überzeugen. Allzu ausufernde, fordernde Experimental-/Avantgarde-/Noise-/Elektro-Klänge, in die man sich erst „reinhören“ muss, hatten diesmal dagegen eher schlechte Karten …

Zugleich habe ich mich diesmal der raffinierten – nach meinem Blog-Kollegen benannten – Stefan-Pletzer-Schummelmethode® bedient und in die Jahrescharts 2015 auch ein paar Songs eingeschmuggelt, die streng genommen schon 2014 erschienen, mir aber erst 2015 unter die Ohren gekommen sind (Trail of Dead, First Aid Kit). Der gnädige Jahreschartsgott möge es mir verzeihen!

Doch nun, um die Spannung nicht ins Unerträgliche zu steigern (Achtung, feine Ironie, nach einem halben Jahr), darf ich sie endlich präsentieren, die einmalig-einzig-echten …

Jahrescharts 2015:

1. Django Django – First Light
2. Courtney Barnett – Nobody Really Cares If You Don’t Go to the Party
3. Django Django – Vibrations
4. Wanda – Meine beiden Schwestern
5. Kurt Vile – Pretty Pimpin
6. Seasick Steve – Summertime Boy
7. Blur – Pyongyang
8. Courtney Barnett – Elevator Operator
9. Ezra Furman – Restless Year
10. ILoveMakonnen ft. Migos – Whip It (Remix)
11. Anohni – 4 Degrees
12. Die Buben im Pelz – Venus im Pelz
13. Sleater-Kinney – A New Wave
14. Ghost – Cirice
15. On Dead Waves – Blackbird
16. John Grant ft. Tracey Thorn – Disappointing
17. Faith No More – Matador
18. Django Django – High Moon
19. Courtney Barnett – Debbie Downer
20. My Morning Jacket – In Its Infancy (The Waterfall)
21. Best Coast – Heaven Sent
22. Courtney Barnett – Pedestrian At Best
23. U.S. Girls – Sororal Feelings
24. Deichkind – Like mich am Arsch
25. Dan Mangan & Blacksmith – Vessel
26. David Bowie – Blackstar
27. Lower Dens – To Die in L.A.
28. Panda Bear – Tropic Of Cancer
29. Django Django – Reflections
30. … And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Outsider
31. Blur – New World Towers
32. Car Seat Headrest – Something Soon
33. Jeanne Added – A War Is Coming
34. Ghost – Majesty
35. FFS – Johnny Delusional
36. Ezra Furman – Lousy Connection
37. Sufjan Stevens – Fourth of July
38. Tame Impala – Let It Happen
39. Faith No More – Sunny Side Up
40. PINS – Molly
41. A-WA – Habib Galbi
42. Monk Parker – Sadly Yes
43. Action Bronson – Easy Rider
44. … And You Will Know Us By The Trail Of Dead – A Million Random Digits
45. … And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Lie Without a Liar
46. First Aid Kit – My Silver Lining
47. Django Django – Shot Down
48. José Gonzalez – Leaf Off / The Cave
49. Peaches – Light in Places
50. Catastrophe & Cure – The Shore
51. Die Buben im Pelz – Tiaf wia a Spiagl
52. Oscar – Stay
53. Kolinsky Konspiracy – Spell
54. Fat White Family – Whitest Boy on the Beach
55. Death Cab For Cutie – Black Sun
56. Karin Park – Look What You’ve Done
57. Ra Ra Riot ft. Rostam Batmanglij – Water
58. Fijuka – Ca Ca Caravan
59. Rainer von Vielen – Wir kümmern uns
60. Ghostpoet – Off Peak Dreams
61. Courtney Barnett – Aqua Profunda!
62. Bob Moses – Tearing Me Up (Radio Edit)
63. M.I.A. – Borders
64. Chastity Belt – Time to Go Home
65. Calexico – Tapping On The Line
66. Sufjan Stevens – Should Have Known Better
67. Low – No Comprende
68. Beach House – Space Song
69. The Wharves – NAZ
70. Worried Man & Worried Boy – Grezn
71. Sleater-Kinney – No Anthems
72. The Staves – Black & White
73. Mischkultur – Fliagn
74. Deichkind – Denken Sie groß
75. Jamie XX ft. Romy – Loud Places
76. The Bohicas – Red Raw
77. Belle & Sebastian – The Party Line
78. Eagles Of Death Metal – Silverlake (K.S.O.F.M.)
79. Joanna Newsom – Leaving the City
80. Will Butler – Anna
81. Clara Luzia – Cosmic Bruise
82. My Morning Jacket – Like A River
83. Wanda – Mona Lisa der Lobau
84 Everything Everything – No Reptiles
85. Hidden Charms – Dreaming of Another Girl
86. Modest Mouse – Lampshades on Fire
87. Robyn Hitchcock & Emma Swift – Follow Your Money
88. Luke Lambheart – Two By Two
89. Robert Forster – Let Me Imagine You
90. Faith No More – Separation Anxiety
91. Matthew E. White – Rock & Roll Is Cold
92. DJ Koze – XTC
93. Ibeyi – Ghosts
94. HeCTA – Sympathy For The Auto Industry
95. The Bohicas – Swarm
96. HVOB – Cool Melt
97. Algiers – Irony. Utility. Pretext.
98. Ratatat – Abrasive
99. The Grubby Mitts – The Mountain & I
100. Titus Andronicus – Dimed Out

Und hier gibt’s die Charts auf die Ohren:

PS: NICHT auf Spotify und damit auch nicht in obiger Playlist zu finden, sind lediglich:

– Trail of Dead mit „Outsider“ (dieses kongeniale Ramones-Cover war exklusiv auf einem „Musikexpress“-Sampler zu finden)

– Joanna Newsom mit „Leaving the City“ (die Göttin des seltsamen Folk hat Spotify als „cynical and musician-hating system“ gebrandmarkt: „(…) it’s set up in a way that they can just rob their artists, and most of their artists have no way to fight it“)

– Robyn Hitchcock & Emma Swift mit „Follow Your Money“ (das gibt’s dafür hier in einer großartigen Liveversion).

PPS: Welche Ausreden Blog-Genosse Stefan Pletzer, der seine Jahrescharts dem Vernehmen nach schon seit Mai oder so beisammen hat (Streber!), für seine Säumigkeit vorbringen wird, erfahren Sie in der nächsten Folge unseres Charts-Krimis. Also, bleiben Sie dran!!

Blumen, die im Dunkeln wachsen

Konzertbericht: The Tiger Lillies, PMK Innsbruck, 13. April 2016:

Cabaret (bitte mit C!), Circus (bitte mit zwei C!) und Kuriositätenkabinett: Das sind, ganz grob gesagt, die Pole, zwischen denen die Tiger Lillies aus England wuchern und gedeihen – obwohl oder gerade weil es sich dabei bekanntermaßen um Orte handelt, an denen eher selten die Sonne scheint.

Kurz gesagt: Die Tiger Lillies mögen es dunkel. Insofern war es also durchaus passend, dass sie ihr jüngstes Innsbruck-Gastspiel nicht ins manches Mal allzu gediegene Treibhaus, sondern in die angemessen räudige PMK führte.

Die Bezugspunkte des Trios sind klar abgesteckt: Sie lieben das Theatralische (nicht umsonst haben sie beispielsweise Büchners Woyzeck vertont), sie lieben die schäbige Songkunst von Brecht/Weill und generell die dekadenten Zwanzigerjahre, hier natürlich vor allem das morbide Flair der Weimarer Republik – eine (mythisch aufgeladene) Ära, für die sich von Tom Waits über die Dresden Dolls bis hin zu Marilyn Manson bekanntlich viele Künstler aus dem angloamerikanischen Raum begeistern.

Varieté und Vaudeville, Schwarze Romantik und Schwarze Pädagogik (man denke nur an die vielbeachtete Struwwelpeter-Bearbeitung der Tiger Lillies) oder die herrlich makabren, grotesken Zeichnungen des US-Illustrators Edward Gorey (meist angesiedelt im Viktorianischen/Edwardianischen Zeitalter) schwirren ebenso durchs Referenzuniversum von Frontmann Martyn Jacques, dem Kopf und einzig verbliebenen Gründungsmitglied der Lillies.

Serviert wird das alles zum Glück nicht allzu historisierend und brav, sondern mit anarchischer Punk-Attitüde – was gut zusammenpasst, schließlich haben sich Teile der Punkszene von Anfang an für Außenseiter und Freaks, für das Abseitige, Schmutzige und Monströse interessiert. (Nicht umsonst wurzelt ja auch die Gothic-Bewegung ursprünglich im Punk – was heute gerne übersehen wird). Die entsprechenden optischen Zutaten bei den Tiger Lillies sind grelle weiße Schminke, dunkle Augenringe und schön schiache Hüte. Fein abgeschmeckt wird das Ganze mit schwarzem britischem Humor.

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Das Ergebnis ist eine sehr, sehr künstliche, irgendwie sehr, sehr europäische Musik (wenn es so etwas gibt), die mit ihrem Konzept(album)-Charakter ebenso sehr in der „Hochkultur“ – deppertes Wort, ich weiß – wie in der (alternativen) Popkultur zuhause ist, also ebenso sehr auf Ö1 wie auf FM4. Dass die Tiger Lillies gerade in Österreich sehr gut ankommen (und auch auf ihren Touren immer wieder dort ankommen), verwundert dabei nicht. Schließlich neigt ja auch der Österreicher an sich gerne zur Theatralik und zum Morbiden.

Inhaltlich umkreisen die Songs der Tiger Lillies bevorzugt die Abgründe des menschlichen Daseins: Sie spielen in üblen Kaschemmen und dunklen Kanälen (das Stichwort „gutter“ taucht gleich in einer Reihe von Songs auf), werden von Säufern und Freaks, Mördern und Mutterhassern, Prostituierten und Perversen bevölkert, drehen sich um Blasphemie und billigen Alkohol (also „sin“ und „gin“), um „midgets with full body hair“ und Sodomie („Vagina In The Sky“ handelt etwa, so weit ich das verstanden habe, von der unglücklichen Beziehung des Ich-Erzählers zu einer Giraffe). Tod und Teufel sind dabei natürlich Stammgäste – schon das erste Lied des Abends verkündete: „My Baby’s Dead“.

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Im Land der psychedelischen Schamanen

Konzertbericht: THE OSCILLATION (UK) & HARTAL! (ITA), PMK Innsbruck, 26. März 2016

Aaaah, endlich wieder Livemusik! Ein Gefühl, das ich wirklich vermisst habe. Denn kaum zu glauben, aber wahr: Für mich war der Doppelschlag am Samstag in der PMK der erste Konzertabend des Jahres – dafür aber gleich ein sehr bemerkenswerter.

Hauptverantwortlich dafür war die junge Formation Hartal! (nur echt mit Ausrufezeichen!) aus Italien (Verona, Vicenza, Forlì), die sich als echte Entdeckung entpuppte:

Auf den Plakaten wurde die Band mit dem – für mich sehr vielversprechenden – Label „Post Punk“ beworben, was sich in der Realität zwar als irreführend, aber dennoch keineswegs als enttäuschend erwies. „Post Punk“ war bei Hartal! aus meiner (akustischen) Sicht jedenfalls maximal in Spurenelementen wahrzunehmen – in der düsteren Grundstimmung, in der experimentellen Ausrichtung, vielleicht auch in einigen punkig-noisigen Ausbrüchen, die im höheren Tempobereich angesiedelt waren. Ansonsten schwebte an diesem Abend aber vor allem ein schillerndes Wort durch den (Klang-)Raum: Psychedelik.

Der werte Schreibclub-Kollege Klippo Kraftwerk nannte das Soundgebräu „psychedelischen Stoner Rock“ – und damit lag er sicher nicht ganz falsch. Ich selbst fühlte mich angesichts der hypnotisierenden, repetitiven, sich langsam steigernden Strukturen dagegen immer wieder an elektronische Musik erinnert (auch wegen der zwei zentral platzierten, face-to-face aufgestellten Keys/Synthies, an denen sich die beiden Frontmänner zu schaffen machten).

Beeindruckend, ja phasenweise überwältigend war, abseits von allen Genrebegriffen, jedenfalls der sehr dicht gewobene, intensive Gesamtsound: psychedelische Lärmschlieren, filigrane bis brachiale Gitarrenklänge, treibende Bassläufe, wuchtige Rockdrums und hin und wieder kehliger „Gesang“, der sich gaaaanz tief im Mix, in der Wall of Sound versteckte – wie ein zusätzliches Instrument, das Klangfarben hinzufügte, statt sich in den Vordergrund zu drängen.

Eine weitere Besonderheit waren Trommel und Becken, die gleich neben den Synthies postiert waren. Auf sie wurde von beiden Sängern (die auch Schellenkranz und Maracas schüttelten) mit besonderer Inbrunst eingedroschen – was dem Gesamterlebnis nicht nur weitere Sounddetails hinzufügte, sondern auch eine erhebliche optische Dynamik brachte.

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Überhaupt, diese Dynamik! Stellenweise hatte man den Eindruck, dass sich Hartal! selbst in kollektive Trance spielten – wobei der Funke dank der grandiosen Spannungsbögen (oft mit kathartischem Höhepunkt) auch aufs Publikum übersprang.

Da wurde das Konzert (nicht zuletzt auch wegen der schieren Länge der Songs, nein eher: Tracks) dann richtiggehend rauschhaft, rituell, schamanistisch. Dieses letzte Wort habe ich im direkten Gespräch mit der Band nach dem Konzert übrigens gleich mehrfach angebracht – und damit offenbar ganz gut getroffen, welche Wirkung ihnen tatsächlich vorschwebt. Ok, vielleicht waren sie auch nur so nett zu mir, weil ich ihnen ein T-Shirt abgekauft habe …

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Die schlechtesten Songs aller Zeiten? Eine subjektive Auswahl

Was ist das Geheimnis eines richtig schlechten Songs? Gibt es dafür so etwas wie objektive Kriterien? Eine Art Katastrophenkatalog, eine musikalische „Geht gar nicht“-Liste? Wohl kaum.

Musikalische Inkompetenz ist – zumindest aus meiner Sicht, der ich nichts vom Musikhandwerk verstehe und nicht einmal Noten lesen kann – keinesfalls der alleinige Maßstab: Zum einen sind viele meiner Lieblingssongs (von Punk bis Experimentalmusik) ganz offensichtlich mit sehr beschränktem musikalischem und produktionstechnischem Können entstanden, machen das aber über ihre Dringlichkeit, ihre Originalität, ihre Wucht und ihre Chuzpe locker wieder wett.

Zum anderen zählen für mich viele handwerklich perfekt gemachte Songs – man denke nur an Musical-Arien, „virtuose“ Rrrrrockmusik oder überladene Dicke-Eier-Arrangements aller Art – zum Unterträglichsten, was die Popkultur zu bieten hat.

Was ist es also, das einen fürchterlichen Song so fürchterlich macht? Ist es seine pure Penetranz? Quasi seine aufdringliche Art? Sein quälender Ohrwurmcharakter? Ist es die Situation, in der man ihn hört/hören muss (etwa, wenn man am Arbeitsplatz zu dauerhaftem Ö3-Konsum gezwungen wird oder vergleichbare Beispiele angewandter Folter)? Sind es vor allem subjektive, persönliche Faktoren?

Gesichert ist zumindest, dass die stete Wiederholung nervtötender Songs ihren Nervigkeitsfaktor potenziert. Mir persönlich ging und geht es zum Beispiel so mit „Get Lucky“ – objektiv betrachtet ein perfekter, nach allen Regeln der Kunst produzierter Popsong. Was die Sache nur noch schlimmer macht.

Wie bei schlechten Filmen muss man wohl auch bei schlechter Musik grundsätzlich zwischen Liedern unterscheiden, die so schlecht sind, dass sie schon wieder gut sind (weil sie so sympathisch/unterhaltsam/erfrischend anders sind) und jenen schlechten Songs, die einfach nur eines sind: schlecht.

Zur ersten Kategorie zählt zum Beispiel das legendäre „Philosopy Of The World“ (1969) von der unvergleichlichen All-female-Band The Shaggs aus den USA. Hier fügen sich musikalische Unbedarftheit und eine geradezu unwirkliche Schrägheit zu Outsider Art von geradezu hypnotischer Qualität. Das Wort „grenzgenial“ passt hier einmal wirklich:

In Zusammenhang mit der kanadischen Band Nickelback wird man das Wort „grenzgenial“ dagegen eher selten hören. Dafür sind Chad Kroeger und seine Spießgesellen bei vielen Worst-of-Listen ganz weit oben. Denn Nickelback (deren erste Hitsingle „How You Remind Me“ ich als Spät-Teenager damals gar nicht sooo scheiße fand) bringen einfach verdammt viele Zutaten mit, die einen grottigen Song ausmachen: schlechtes Pathos, gepressten RAWK-Gesang und peinliche Setzkasten-Lyrics, die vor abgeschmackten Bildern nur so strotzen:

„And our time apart / like knives in my heart“ ODER „All I need is you / Come please I’m callin‘ / And oh I scream for you“ ODER „I miss it now / I can’t believe it / So hard to stay / Too hard to leave it“

Was bei Nickelback strafverschärfend hinzukommt: Sie kochen ihr Süppchen immer nach demselben Rezept, was unvermeidlich zur Folge hat, dass JEDER ihrer Songs gleich klingt. Wahrscheinlich will man die Zielgruppe der Ö3-Hörer dieser Welt nicht beim Autofahren oder Im-Stau-Stehen erschrecken.

Wobei: Wenn sich Nickelback dann doch einmal von den gewohnten Schablonen entfernen, ist das Ergebnis fast noch schlimmer. Besonders, wenn sie im Video dann auch noch einen auf Selbstironie machen. Brrrr …

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Wham dich doch selbst! Akustischer Selbstschutz für die Weihnachtszeit

Weihnachten – das ist jene Zeit im Jahr, wo sich die Menschen kulinarisch und musikalisch noch Härteres zumuten als sonst: Karpfen, Kokosbusserln und Chris Rea. Weihnachtsgänse, Vanillekipferln und War is over. Und in Kärnten spielte ein besonders lustiger Regionalradio-„DJ“ gleich volle zwei Stunden lang „Last Christmas“ – was auf einem typischen Glühkindlmarkt eh niemandem auffallen würde, dafür aber einige Rückschlüsse auf den Kärntner Humor und den Zustand der österreichischen Privatradios im Allgemeinen zulässt.

Mit einem Wort: Es sind harte Zeiten, für den Magen und für die Ohren. Als Therapie helfen da nur ein paar rasch verabreichte, hochdosierte akustische Vitaminstöße (die entweder dem schon fast wieder abgelaufenen Musikjahr 2015 entstammen oder mir zumindest erst heuer untergekommen sind). Meine Jahrescharts 2015 gibt’s dann wie gewohnt in zwei bis drei Jahren. Hoffentlich …

1. Sleater-Kinney – A New Wave

Stichwort Jahrescharts: Da werden sich Sleater-Kinney, einst Heldinnen der Riot-Grrrl-Bewegung, nun rrreaktivierte Riot-Ladies, ganz bestimmt wiederfinden. Denn besser haben die verehrungswürdige Carrie Brownstein (die man auch aus der rundum genialen Hipster-Satireserie Portlandia kennen könnte und sollte) und ihre Bandkolleginnen nie geklungen.

2. Ezra Furman – Restless Year
Stichwort besser denn je: Das gilt auch für Ezra Furman aus Chicago: Wer den Mann nur von seinem FM4-Hit „Take off your sunglasses“ kennt und als typisches Indie-Schmindie-Hipster-Leichtgewicht abgespeichert hat, könnte falscher nicht liegen. Gerade live – und zuletzt auch auf seinen Platten – ist Mr. Furman eine einzige wilde Energieeruption, nachzuprüfen übrigens am 24. Februar 2016 im Weekender Club zu Innsbruck, wo ich ihn bereits 2014 erleben durfte, bei einem der besten Konzerte der letzten Jahre.

Mit „Restless Year“ und „Lousy Connection“ hat Furman heuer zwei meisterliche Singles vorgelegt. Manisch, panisch, hysterisch, psychotisch und absolut mitreißend. Ach ja, geblümte Kleider und Lippenstift trägt der Furman Ezra live auch ganz gerne.

3. FFS – Piss off
Stichwort geschminkte Männer in Frauenkleidern. Dieses Phänomen nennt man gemeinhin auch: Glamrock. Womit sehr elegant der Bogen zu den Sparks gespannt wäre: Die Helden des exaltierten Elektro-Glam, schon seit den frühen 70ern einschlägig tätig, haben sich mit den Nachgeborenen von Franz Ferdinand auf ein Packl g’haut (beide Bands sind Fans der jeweils anderen Formation) und heuer als FFS ein allseits hochgelobtes Album von der Leine gelassen.

„Unterproduziert“ kann man das Ganze zwar nicht unbedingt nennen, aber den Spaß, den die Bands beim Aufnehmen ganz offenbar hatten, hört man in jeder Sekunde. Und wer auf einem Kollabo-Album einen augenzwinkernden Battle-Song namens „Collaborations Don’t Work“ unterbringt, hat sowieso alles richtig gemacht.

4. Adult Books – In Love Again
Stichwort alles richtig gemacht: Das gilt auch für die Adult Books aus Kalifornien. Vom verruchten Bandnamen bis zum zeitlos-geradlinigen Punksound stimmt hier jede Zutat im Gesamtrezept. [Danke für den Tipp an den wertkonservativen Rockisten Wolfgang Doebeling und seine feine Sendung. Und für den Hinweis auf die Sendung wiederum ein kräftiges Vagöt’s God an Kollegen Phil]. Das Label der Erwachsenenbücher bezeichnet deren Sound übrigens als „surf thrillpop“. Äh, okay.

5. Culturcide – They’re not the world
Stichwort schwierige Genrezuordnung: Für die berühmt-berüchtigte Formation Culturcide aus Houston, Texas (sic!), sind die meisten gängigen Stilschubladen definitiv zu eng. Ist das experimenteller Punk? Ist das trashiger Elektro-Noise? Ist das musikalische Leichenschändung?

Auf jeden Fall war das, was Culturcide auf ihrem 1986er-Album „Tacky Souvenirs of Pre-Revolutionary America“ angerichtet haben, seiner Zeit weit voraus: In bester Guerilla-Punk-Manier wurden da fremde (und schöne!) Songs von David Bowie bis Bruce Springsteen gekapert und mit billigstem Equipment dekonstruiert, radikal umgedeutet. Ohne jeden Respekt, dafür mit umso sarkastischerem und konsumkritischerem Humor. Und all das natürlich, ohne die Künstler um Erlaubnis zu fragen (die sie eh nie erteilt hätten).

Das Ergebnis dieser feindlichen Übernahme nimmt die Medienkritik von „maschek“ ebenso vorweg wie den Bastard-Pop der Nullerjahre oder den unverschämten „Shred“-Gedanken.

Und schon zwanzig Jahre vor dem nicht minder genialen DJ Koze vulgo Adolf Noise hatten Culturcide die Idee, dem millionenschweren, selbstzufriedenen, scheinheiligen „USA for Africa/Live Aid/you name it“-Benefizkitsch eine sarkastische, sozialkritische Ohrfeige zu verabreichen.

Womit natürlich nichts gegen Idealismus und soziales Engagement gesagt sein soll, im Gegenteil. Aber gerade zu Weihnachten, wo sich alle wieder einmal in steuerschonender Wohltätigkeit überbieten (besonders die, die sich ansonsten durch gelebte Gleichgültigkeit und Ellbogentechnik auszeichnen), tut diese Attacke im Geiste des Punk einfach verdammt wohl.

„There comes a time / when rockstars beg for cash (…) and they think they’re the greatest gift of all. (…) They’re not the world / they’re not the children / they’re just bosses and bureaucrats / and rock ’n‘ roll has-beens. (…) If children are starving / let ‚em drink Pepsi. (…) There’s a choice we’re never given: to run our own lives. / Without it, your better day is just a better lie.“

In diesem Sinne: Frohes Fest!

Lou Reed, sing uns ein Wienerlied!

Konzertbericht: Die Buben im Pelz, PMK Innsbruck, 5. Dezember 2015:

Allein für den Mut (man könnte auch sagen: die Frechheit) gebührt ihnen größter Respekt: Die Buben im Pelz – im Kern bestehend aus den beiden im FM4-Universum kreisenden Musikern und Journalisten Christian Fuchs und David Pfister – haben sich mit The Velvet Underground & Nico aus dem Jahr 1967 eines der einflussreichsten und aufregendsten Debütalben der Musikgeschichte vorgeknöpft, ein düsteres Wunderwerk des Underground (!), das von Punk über Gothic bis Noiserock so ziemlich alle wüsten Subkulturen vorweggenommen und Tabuthemen wie harte Drogen oder Sadomasochismus dauerhaft in der Popkultur verankert hat. Und das mitten im Summer of Love.

Diesen gewaltigen Brocken also haben sich die Buben im Pelz aufgeladen und von den schäbigsten Seitenstraßen New Yorks all the way nach Wien geschleppt, wo die Velvets mit ihrer zwischen Euphorie, Melancholie und Todessehnsucht oszillierenden Musik grundsätzlich bestens aufgehoben sind. Und diesen Transfer haben Pfister/Fuchs noch dazu verdammt gut hingekriegt.

Die wohl berühmteste Ich-wart-auf-den-Dealer-und-er-kommt-nicht-Hymne aller Zeiten, I’m waiting for the man, haben sie etwa von der Lexington Avenue zum Schwedenplatz verlegt. Der schwarz gekleidete Pusher mit spitzem Schuhwerk und Strohhut trägt in Wien „Nike-Bock in Weiß“ und „Adidas-Gwandl“. Oder: Die vom magischen Eisengel Nico Päffgen gegebene Femme Fatale wird bei den Buben zur „feschn Funsn“. Kurz gesagt: eindrucksvolle, stimmige Nachdichtungen, die – wie schon beim (ideologisch und personell) verwandten Projekt Neigungsgruppe Sex, Gewalt & gute Laune – auch musikalisch überzeugen. Alles in allem eine herrliche Heiligenschändung, respektvoll und respektlos zugleich, trashig und doch elegant.

Die „Welt“ hat das Album Die Buben im Pelz & Freundinnen (das statt der berühmten, abziehbaren Warhol-Banane eine ebenfalls abziehbare Wurst am Plattencover zeigt) bereits im Juni zu einem der Alben des Jahres erhoben. Deutschland kriegt von österreichischer Musik derzeit ja generell nicht genug. Und auch in meinen bescheidenen Jahrescharts werden sich die Buben bestimmt wiederfinden.

Die Erwartungen ans Livekonzert waren also durchaus hoch – zumal die PMK mit ihrem kantigen CBGB-Charme im Grunde den perfekten Rahmen für einen wilden Velvet-versus-Wienerlied-Abend bietet.

Umso größer zunächst die Enttäuschung beim Eröffnungssong „Schwedenplatz“: Übersteuerter, breiiger, schlampig austarierter Sound, schlecht eingestellte Mikros (was sich auch im weiteren Verlauf des Abends nur bedingt bessern sollte), sehr laut und dennoch seltsam schwachbrüstig und blutleer. Das wunderschöne, leichtfüßige Sonntag Morgn zündete unter diesen Umständen überhaupt nicht, auch Femme Fatale und vor allem There She Goes Again wurden soundtechnisch trotz aller Hingabe komplett in den Sand gesetzt. Als Zuhörer stellte sich daher zunächst leider vor allem ein Wunsch ein: „Her mit am Bier“, wie es in der (später noch zu hörenden) Neigungsgruppen-Version der Babyshambles-Großtat Fuck Forever heißt.

Doch auch ohne Bier wurde es danach rasch viel besser: Tiaf wia a Spiagl (I’ll Be Your Mirror) gelang Fuchs und Pfister im sanften Zwiegesang einfach wunderbar und berührend.

Ein Höhepunkt auch die grandiose Version des abgrundtiefen, nachtschwarzen S/M-Dramas Venus In Furs (mit dem die Velvets übrigens schon damals eine Brücke von New York nach Österreich schlugen, Stichwort Leopold von Sacher-Masoch). Den stoischen, hypnotisierenden, fast schon maschinenhaften Todesrhythmus von Steh(!)Drummer Ralph Wakolbinger hätte wohl auch die legendäre Moe Tucker nicht besser hinbekommen.

Ansonsten gelangen – genau konträr zu meinen Erwartungen – gerade die lauten, krachigen Rock-/Protopunk-Nummern deutlich besser als die ruhigen, atmosphärischen Momente. Das galt allen voran für das treibende Renn Renn Renn (Run Run Run, eh kloa) oder David Pfisters wüste, rohe, überraschend weit vom Original entfernte Deutung von Lou Reeds offen drogenverherrlichender Weltnummer Heroin.

Bei den Zwischenmoderationen erwiesen sich Pfister und Fuchs als sympathische, gewitzte Rampensauen – egal ob sie „Bruchware von Manner“ (in Form von Schokonikoläusen) an die Zuschauer verteilten, sich augenzwinkernd mit „Reiß ma’s o, Buaschn!“ anfeuerten oder kleine Touranekdoten zum Besten gaben: So habe man ihnen bei einem Konzerttermin (wohl als Anspielung auf „Venus im Pelz“) im Backstage-Bereich eine Ausgabe von „50 Shades of Grey“ hinterlegt. Oder könnte das Buch von einer anderen österreichischen Band dort abgelegt worden sein – und wenn ja von welcher?, fragte Pfister ins Publikum. Die Antwort „Von Wanda!“ kommentierte er höchst schlagfertig: „Nein, bei Wanda liegt backstage höchstens ein Bilderbuch“.

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