Ein schöner Augusttag nimmt seinen hundsgewöhnlichen Lauf. Könnte es einen besseren Zeitpunkt geben, um sich an den PC zu hocken und eine 100 Einträge umfassende Liste aus 2017 erschienenen Songs in absteigender empfundener Qualität zusammenzustellen? Die Antwort auf diese auffallend spezifische Frage: vielleicht. So oder so habe ich genau das vorhin gemacht. Weil mir halt einfach danach war, bestimmt nicht, um zu teaminternen Jahrescharts beizutragen. Das wäre jetzt doch total unangebracht und unverlangt weil viel zu spät und sowieso.
Weitere Ausführungen zu diesem Unterfangen finden sich unter der Liste, zuerst geht’s aber ans Eingemachte:
JAHRESCHARTS 2017 – JOHANNES SCHNEIDER
https://open.spotify.com/user/%21nterloper/playlist/3HJE6T2HrhKszIygNSnx6v?si=r9_FEJzBRE-gkBTrSPJcaQ
- Godspeed You! Black Emperor – Anthem for No State
- Slowdive – Don’t Know Why
- Blanck Mass – Please
- Idles – 1049 Gotho
- Ulver – Rolling Stone
- Forest Swords – Panic
- Paul Plut – Grat
- Amenra – A Solitary Reign
- Cristobal and the Sea – Goat Flokk
- Forest Swords – War It
- Amnesia Scanner – AS Truth
- Idles – Benzocaine
- Arca – Desafío
- Actress – Blue Window
- Fleet Foxes – Cassius, –
- Hällas – Repentance
- Xiu Xiu – Wondering
- (Dolch) – Siren
- Forest Swords – Exalter
- Propagandhi – Lower Order (A Good Laugh)
- Blanck Mass – Silent Treatment
- Converge – Under Duress
- And So I Watch You From Afar – All I Need Is Space
- Saagara – Daydream
- Clams Casino – Kali Yuga
- Paul Plut – Klatsch
- Ulver – Transverberation
- Vince Staples – Crabs in a Bucket (Feat. Bon Iver & Kilo Kish)
- Protomartyr – My Children
- Mount Eerie – Real Death
- Broken Social Scene – Vanity Pail Kids
- Fever Ray – Red Trails
- Cristobal and the Sea – Smadness
- Whoredom Rife – Beyond the Skies of God
- Amenra – Children of the Eye
- James Holden & The Animal Spirits – Pass Through the Fire
- Converge – I Can Tell You About Pain
- Vince Staples – BagBak
- Fleet Foxes – If You Need to, Keep Time on Me
- Broken Social Scene – Protest Song
- And So I Watch You From Afar – Mullally
- Rødhåd – Target Line (feat. Vril)
- Ibeyi – Away Away
- Exquirla – El grito del padre
- Idles – White Privilege
- Godspeed You! Black Emperor – Bosses Hang
- Hammock – I Would Give My Breath Away
- Slowdive – Sugar for the Pill
- Hällas – The Golden City of Semyra
- Zugezogen Maskulin – Was für eine Zeit
- Acress – X22RME
- Grave Pleasures – Mind Intruder
- James Holden & The Animal Spirits – Thunder Moon Gathering
- Ninos Du Brasil – Condenado por un Idioma Desconhecido
- Blanck Mass – The Rat
- Laurel Halo – Jelly
- Full of Hell – Trumpeting Extasy
- Japandroids – In a Body Like a Grave
- Kendrick Lamar – DNA.
- Forest Swords – Raw Language
- Jlin – Never Created, Never Destroyed
- Oh Sees – Nite Expo
- Kirin J. Callinan – S. A. D.
- Kairon; IRSE! – Llullaillaco
- James Holden & The Animal Spirits – Each Moment Like the First
- Laurel Halo – Do U Ever Happen
- Yves Tumor – Limerence
- King Gizzard and the Lizard Wizard – Rattlesnake
- Propagandhi – Adventures in Zoochosis
- Cristobal and the Sea – Uma Voz
- Protomartyr – The Chuckler
- Von Seiten der Gemeinde – Schnåps
- Restless Leg Syndrome – Rooted
- Idles – Mother
- Protomartyr – Here Is the Thing
- FLUT – Linz bei Nacht
- Yaeji – Drink I’m Sippin On
- Ulver – So Falls the World
- Paul Plut – Lärche
- Hällas – Star Rider
- Vince Staples – Party People
- Von Seiten der Gemeinde – Provincetown Girl
- Slowdive – Slomo
- The National – The System Only Dreams in Total Darkness
- Wolves in the Throne Room – Born From the Serpent’s Eye
- Yaeji – Raingurl
- Carbon Based Lifeforms – Accede
- Zugezogen Maskulin – Teenage Werwolf
- Fever Ray – Plunge
- Casper – Keine Angst (feat. Drangsal)
- Queens of the Stone Age – The Way You Used to Do
- Témé Tan – Ça Va Pas La Tête?
- Restless Leg Syndrome – Trippin‘
- Zugezogen Maskulin – Der müde Tod
- Ninos Du Brasil – A Magia do Rei II
- Ride – All I Want
- Yung Hurn – Ok Cool
- Slowdive – No Longer Making Time
- Yaeji – Noonside
- Morrissey – I Spent the Day in Bed
Auch ich als in letzter Zeit leider sehr schreibfaul gewordener Mensch (legitime Ausreden dafür gibt es tatsächlich, müssen an dieser Stelle aber nicht breitgetreten werden) komme um einige Fußnoten zu dieser Auswahl nicht herum.
Man sieht den Charts meine Alben des Jahres deutlich an. Ich könnte Seiten damit füllen, im Bezug auf den Output von Idles, Forest Swords und Slowdive Superlative und überschwängliche Zuneigungsbekundungen aneinanderzureihen, sind deren Scheiben doch so oft in meinem Player rotiert wie lange nichts mehr. Am liebsten hätte ich aus diesen Alben 90% der Tracks in die Liste geklatscht, aber das wäre ja auch irgendwo fad.
Im Grunde genommen trifft auch für letztes Jahr wieder zu, was ich damals zum vorletzten Jahr schon so ähnlich beschrieben hatte: Da ich privat fast ausschließlich ganze Alben höre mache ich mir relativ wenig Gedanken darüber, welche meiner liebsten Tracks auch für sich alleine ihre volle Wirkung entfalten und welche davon „nur“ ein schönes Puzzleteil sind, das erst eingebettet im Gesamtmotiv seinen vorhergesehenen Zweck erfüllt. Von daher ist das Erstellen solch einer Liste jedes Mal ein spannendes Unterfangen, und erneut fehlen einige meiner liebsten Interpreten des Jahres, weil sie halt keine Hits schreiben.
Zum Beispiel waren Eluviums „Shuffle Drones“ eine extrem interessante Erfahrung. 23 kurze, perfekt ineinander übergehende Drone-Stücke, für die unendliche Zufallswiedergabe konzipiert. Die Songtitel aneinandergefügt sind gleichzeitig quasi die Gebrauchsanleitung:
„Simply put, the suggested manner of listening to this work is to isolate the collection and to randomize the play pattern on infinite repeat — thus creating a shuffling drone orchestration. The intent is to create a body of work specifically designed for and in disruption of modern listening habits and to suggest something peaceful, complex, unique, and ever-changing. Thank You.”
Aber so etwas hat halt in einer Liste der besten Songs keinen Platz.
Ein anderes Highlight – und neben Slowdive mein persönliches Comeback des Jahrzehnts – hat Kompakt-Labelchef Wolfgang Voigt mit seinem Hauptprojekt Gas abgeliefert. „Narkopop“ ist erneut die monolithische Mischung aus Naturaufnahmen, Samples klassischer Musik und stoisch pulsierenden (Ambient) Techno-Strukturen geworden, die schon vor der Jahrtausendwende so perfekt funktionierte. Auch die Schweizer von Schammasch weigern sich, verdauliche und wohlportionierte Songhäppchen zu basteln, haben dafür aber meine EP des Jahres aufgenommen und zeigen auf „The Maldoror Chants: Hermaphrodite“ in einem fließend ineinander übergehenden Soundkontinuum, wie Black Metal, ritueller Tribal Ambient und alle dazwischen liegenden Mischformen und Spielarten 2017 zu klingen haben. Der anscheinend im Internet und Meme-Universum wohnende Neil Cicierega hat im vergangenen Jahr die Messlatte in Sachen Mash-Ups neu adjustiert. Sorry Girl Talk. Aber irgendwie hätte es sich falsch angefühlt, diesen Bastardisierungen des Musikgeschehens Rangplätze auf der Liste zu vergeben. Andere Highlights aus 2017, die sich dem Song-Format entzogen, waren der sphärische Ambient Techno, den Vril mit „Anima Mundi“ auf 2 ausufernde, nicht näher betitelte Tape-Hälften gebannt hat, sowie die tieftraurige akustische Begräbnisprozession, welche das 80-Minuten-Monstrum „Mirror Reaper“ von Bell Witch darstellt.
Umgekehrt haben es auch einige Singles auf die Liste geschafft, deren Alben entweder nicht zünden konnten oder ich nicht einmal kenne, weil ich ja trotzdem hin und wieder bei musikbegeisterten Freunden unterkomme oder hin und wieder auch Radio höre(n muss), primär die „großen“ Indie-Sender des deutschsprachigen Raums, und dort halt doch nicht ausschließlich Blödsinn läuft. Von dem her vielen Dank an die liebe öffentlich-rechtliche Rundfunklandschaft.
Das war ja eigentlich ein kurzweiliges Verfangen. Vielleicht wiederhole ich das nächstes Jahr wieder, vielleicht sogar einige Monate früher. Einfach so. Vielleicht.