Wilde Jugend

Heute tritt Miley Cyrus bei „Schlag den Raab“ auf. Frau Cyrus kenne ich nicht sehr gut, die Trash-Medien verfolge ich bestenfalls sporadisch, trotzdem habe ich mitbekommen, dass es da wohl irgendwas gab bei den MTV Video Awards.

Sex in Popmusik? Skandal! Angedeuteter Geschlechtsverkehr auf der Bühne? Wo kommen wir denn da hin!? Und vor allem:

Mit Miley Cyrus, Robin Thickes Hit „Blurred Lines“ und damit zusammenhängend und darüberhinausgehend mit Geschlechterrollen in der Popkultur beschäftigt sich ein schöner Artikel in der „Financial Times“. Dieser kommt zum Schluss, dass die „Popcharts weiterhin eine Festung männlicher Anmaßung“ seien. Und warum auch nicht, es war ja schließlich immer so, wenngleich vielleicht nicht immer so plakativ vor Millionenpublikum dargestellt wie von Thicke und Cyrus. Ganze Karrieren wurden darauf aufgebaut. Weiterlesen →

Die Krux mit dem Alter…

inkl. Konzert-Kritik: JAMES & THESE NEW PURITANS, Haldern-Pop-Festival, 9. August 2013

Ich gebe es ja zu: Ich bin verklemmt, verbohrt, alles andere als offen. Dessen bin ich mir auf dem diesjährigen Haldern-Pop-Festival mal wieder bewusst geworden. Eigentlich liebe ich ja nahezu jede Form von Musik, so verschieden sie auch sein mag: Indie, Elektro, Noise, Pop; selbst pathetischer Orchestermusik bin ich nicht abgeneigt. Und doch gibt es etwas, was ich absolut nicht leiden kann: Weiterlesen →

(Kr)Ach, zum Teufel damit! Sechs satanische Lieder

Nein, es liegt nicht daran, dass ich in den letzten Tagen das mystische Waldviertel durchstreift habe, auf der (teils vergeblichen) Suche nach grotesken Granitblöcken, die schaurige Namen wie Teufelsstein, Teufelsbettstatt, Opferstein oder dergleichen tragen. Die Idee, einen kleinen Text über die Rolle des Teufels in der Popmusik zu schreiben, hatte ich schon länger – schließlich ist der Antichrist dort ein Dauerbrenner (einmal abgesehen davon, dass Rock ‘n‘ Roll vielen Sittenwächtern anfangs wirklich als Teufelsmusik galt).

Mithilfe von WikiTube und Youpedia wäre es sicher kein Problem gewesen, mindestens 666 Songs zu diesem Thema zu finden – aber diese Mühe soll sich ein anderer machen. Ich werde den Teufel tun und begnüge mich mit sechs exemplarischen Liedern, in denen dem Leibhaftigen mit höchst unterschiedlichen textlichen und musikalischen Mitteln zu Leibe gerückt wird.

1.) The Rolling Stones – Sympathy For The Devil (1968)

Im vielleicht bekanntesten Teufelssong von allen tritt der Beelzebub als Ich-Erzähler auf und stellt sich gleich als ein eleganter Mann von Welt vor: „I’m a man of wealth and taste“. Und als Wanderer durch Zeit und Raum: Er brachte Pontius Pilatus dazu, seine Hände in Unschuld zu waschen und Jesus zum Tode am Kreuz zu verurteilen; er hatte bei der Ermordung der Zarenfamilie und somit bei der Russischen Revolution die Finger mit im Spiel – „Anastasia (Romanowa, die jüngste Zarentochter, Anm.) screamed in vain“; er war im Blitzkrieg der Nazis als Panzergeneral am Morden beteiligt; ebenso zog er, Jahrhunderte früher, bei den religiösen Konflikten in Europa die Fäden; und auch die Polithoffnungen John F. und Robert F. hat er  – haben wir? – am Gewissen: „I shouted out: Who killed the kennedys? When after all it was you and me“.

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M83 sind die neuen Queen

Als Soundtrack der Trophäenübergabe beim Europäischen Supercup ließ die UEFA „Outro“ von M83 in Endlos-Schleife laufen. Den Song hatte sich vorher schon Red Bull für eine Werbung unter den Nagel gerissen (und ja, auch Persil. uiui 🙁 ). „We are the Champions“ hat langsam aber sicher ausgedient.

Unfassbar, welche Resonanz das M83-Album „Hurry up we’re dreaming“ auch zwei Jahre nach Release noch erhält. „Midnight City“ war der Hipster-Hit des Jahres 2011, Mastermind Anthony Gonzalez durfte einen Tom Cruise-Film scoren und jetzt also Supercup-Finale vor Trillionen Zusehern. Wohlverdient.

Ob eine ähnliche Reise auch den Fuck Buttons bevorsteht? Die belieferten potentiell eine Milliarde Menschen über den von Underworld konzipierten Soundtrack zur Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele von London 2012. Tatsächlich hatte ich schon im Dezember 2009 getwittert:

Fuck Buttons – „Olympians“ ist das „Chariots of Fire“ (Vangelis) des nächsten Jahrzehnts, sollte die Hymne von Olympia in Vancouver werden.

Es wurde dann eben London zwei Jahre später, aber macht gar nichts 🙂

Die Fuck Buttons spielen am 27. September live in der Innsbrucker pmk! Ich hab sie bereits im Mai beim Primavera in Barcelona gesehen und verspreche: Es wird ein großer Abend, ganz sicher.

Inspired by …

Gerade als US-Open-Seitenwechsel-Programm gehört, die alte Single von Breakbot.


Ok, konnte natürlich nicht sein. Aber wenn sie wirklich Breakbot gespielt hätten, es hätte wohl trotzdem jeder gedacht, es wäre das Mars-Männchen.


Ganz schön dreist. Vor allem wenn man liest, wie Breakbot die Hintergründe erklärt:

“To those who think that it’s just a coincidence, or that “we are both inspired by the same artists”, let me just tell you that Bruno asked my label if he could cover “Baby I’m yours” a few months ago and we said no. Then he recorded “treasure”. To be perfectly honest, I’m not mad at all, if anything I am rather flattered that someone selling millions of mp3s is interested in my music.”

Und so nebenbei hat „Baby I’m yours“ durch die ganze Debatte mittlerweile auch schon mehr als 8 Millionen YouTube-Views.

Ich mag beide Songs nicht besonders. Ganz anders bei Six by Sevens „IOU Love“ aus dem Jahr 2002.


Die haben wohl auch nicht bei The Church nachgefragt, als sie eine Quasi-1:1-Kopie von deren 80er-Jahre-Song „Under the Milky Way“ anfertigten.


Gefragt, ob sich das nicht ein wenig ähnlich anhört und er The Church denn wenigstens einen Songwriting-Credit zubilligte, antwortete Six by Seven-Sänger Chris Olley in einem Interview:

„Yes, It’s a carbon copy…..a hommage…and erm no, I think we will wait for them to phone us!!“

Schön! Es muss ja nicht immer eine Komplett-Cover-Version sein. Kann aber gerne, wie in diesem Fall.

Warum Punk doch nicht vor die Hunde geht

Konzertkritik: The Stitches, PMK, Innsbruck, 22. August 2013:

„Nazi Dogs?? Du gehst doch nicht etwa auf ein Rechtsrock-Konzert?“, meinte ein guter Kumpel skeptisch, als ich ihm von meinem Vorhaben erzählte, mir ein punkiges Double-Feature im PMK zu genehmigen, bei dem neben den „Stitches“ aus den USA eben auch eine Formation dieses Namens auftreten sollte – die noch dazu aus Deutschland kommt.

Aber nur die Ruhe: Abgesehen davon, dass der Konzertort PMK natürlich für eine glasklar antifaschistische und emanzipatorische Gesinnung bürgt – und abgesehen davon, dass Rechtsextreme nie die Selbstironie hätten, sich selbst als „Nazihunde“ zu bezeichnen (obwohl die Nazis ja durchaus ein Faible für Hunde hatten) – kam der Auftritt ohnehin nicht zustande. Schade, ich persönlich hätte mich auf „snotty ’77 Punk“ gefreut, und ich glaube, auch Blogollege (=Blogkollege) Dave hätte nichts dagegen gehabt.

Als kurzfristiger Ersatz für die Support-Hunde sprang verdienstvollerweise die Gruppe „Just Busina$$“ aus dem Tiroler Unterland ein, deren stark emotionshaltiges Hardcore-/Metalcore-Gebräu mir persönlich dann aber doch zu brachial und humorlos schmeckte.

Dafür gab es als Hauptgang ein klassisches, wunderbares Punk(rock)-Menü: frisch zubereitet, heiß gekocht und äußerst flott serviert: The Stitches, vier – wie sich nach dem Konzert erwies, hochsympathische – Kalifornier, vermittelten von der ersten Sekunde an das Gefühl, dass es hier um etwas geht, dass sie sich die Seele (oder zumindest verdammt viel Schweiß) aus dem Leib spielen wollen. Kaum ein Song länger als drei Minuten, dafür jeder Refrain ein „Battle Call“, in bester The Clash-Manier zeitgleich in zwei Mikros gebrüllt (was übrigens auch optisch verdammt viel hermacht).

stitches eins

Mit Mike Lohrman (dem Krawattenträger links im Bild) verfügen „The Stitches“ über einen idealen Seventies-Punk-Frontmann: angemessen psychotisch und unberechenbar, mit einer Stimme wie Johnny Rotten und einer Zahnlücke wie aus dem Lehrbuch. Wobei die Unberechenbarkeit natürlich bis zu einem gewissen Grad kalkuliert sein dürfte: Obwohl dem Sänger während der ersten drei Songs circa fünfmal der Mikroständer von der Bühne purzelte, lehnte er jede Alkohol-Anbiederung aus dem Publikum ab. Wahrscheinlich war er nicht einmal wirklich betrunken.

Was ich wesentlich wichtiger finde: Der Mann hat sich auch mit der Ideologie des Punk auseinandergesetzt – und die geht bekanntlich über rein musikalische Merkmale hinaus (meine These ist ja, dass es in jeder Musikrichtung Punks gibt): Es sei, meinte Lohrman, als das Innsbrucker Publikum noch etwas Respektabstand zur Bühne wahrte, ein Grundgedanke des „streetstyle rock“, also des Punk, dass es zwischen Band und Publikum keine Trennlinie gebe.

Das mag zwar etwas übertrieben sein (totale Egalität ist auch im Punk utopisch), aber dennoch wurde fortan fleißig Pogo getanzt, so dass typische Zweite-Reihe-Besucher wie ich ihre wohlverdiente Dosis an Bierduschen und (hoffentlich unabsichtlichen) Schlägen aufs Brillengestell erhielten.

Den Stitches-Drummer schien all das nicht weiter zu beschäftigen. Seelenruhig trommelte er seinen Stiefel herunter, in einem schlichten weißen Kurzarmhemd, mit dem er locker auch als Gebrauchtwagenhändler oder Geographielehrer durchgegangen wäre. Understatement – auch das kann Punk sein.

 

Suuns.

Konzert-Kritik: Suuns, Treibhaus Innsbruck,15. August 2013

Jeder bis auf Filter und Barrett Strong weiß: The best things in life are free. Liebe, Sex – zumindest hat mich selbst Tony Soprano nicht davon überzeugen können, dass er bezahlt was taugen könnte -, Freunde, Familie, usw.

Und weil auch das Konzert der Suuns im Treibhaus gratis war, verschlug es mich auf Martins Empfehlung dorthin. Blicke sagen manchmal mehr als 1000 Worte und nicht erwiderte Blicke oft noch mehr, und so wich ich dem Mann mit dem Klingelbeutel geschickt aus, was so viel heißen sollte wie: „Sorry, ziemlich pleite :/ …“

Ich kannte vorher nichts dieser kanadischen Band, las nur einige (positive) Reviews. Beliebt ist daher immer das „Klingt wie …“-Spiel, das sich mir während des Konzerts unweigerlich aufdrängte. Der Sänger klingt wie der Sänger von Clinic, die Rhythmus-Section könnte auch von Holy Fuck – auch Kanadier – stammen, nur mit wem Clinic und Holy Fuck ein Album aufgenommen haben könnten, der diesen düsteren, harten Lärm reinbrachte – darauf kam ich nicht.

Eine kurze Google-Suche (suuns clinic) brachte Erfolg, denn irgendwo hatte das „Klingt wie …“-Spiel schon mal jemand mit den Suuns gespielt. HEALTH! Ja, das passt doch. Clinic+Holy Fuck+HEALTH = Suuns. Und weil ich alle diese Bands mag, konnte ich auch dem Suuns-Konzert einiges abgewinnen. Martin meinte zwar etwas in die Richtung, es wäre nicht das erste und wahrscheinlich das letzte Mal gewesen, dass er sich über ein Konzert in Innsbruck massiv aufregen muss, aber das bezog sich ausschließlich auf den Sound im Treibhaus-Turm – übrigens geschätzt 80 Besucher – als auf die Band, die er schon beim Haldern Festival kurz zuvor gesehen hatte und ausgezeichnet fand und findet.

Und jetzt werde ich mir mal ein paar Suuns-Songs auf Spotify suchen. The best things in life …

ORF. WIE ICH.

Wer mich kennt, weiß ja, dass ich ein notorischer Verteidiger des vielgescholtenen Staats-Rundfunks bin. Und deshalb lobe ich ihn bei jeder Gelegenheit. Zum Beispiel, wenn er mir den schönsten Musikmoment des Tages beschert, indem er im Abspann des an sich völlig uninteressanten zweiten Formel-1-Trainings zum Großen Preis von Belgien diesen belgischen „Klassiker“ spielt. Den Sebastian-Remix von „Fool for Love“ von Das Pop. Haudrauf-Elektro, yaaaaaaaaaaaay!

Wochenend-Playlist

Letzten Samstag feierte mein guter Freund Jürgen seinen 30er. Er bat mich – wohlwissend, dass ich das ohnehin wahnsinnig gern mach -, die Feier zu bespielen und eine personalisierte Playlist zusammenzustellen.

Jürgen ist Classic-Rock-Fan mit einem Hang zum Pompösen. Zu seinen Facebook-Likes zählen Queen, Muse, Bruce Springsteen, Arcade Fire, Neil Young und Mumford and Sons. Auf Letztere habe ich übrigens verzichtet, weil ich sie nicht ausstehen kann 🙂 Die knapp zehneinhalbstündige Playlist – etwa von 16:30 bis 03:00 – möchte ich hiermit gerne mit Euch teilen.

Jürgen selbst erlebte die Musik übrigens nur bis etwa zwei Stunden vor dem Ende mit, aber das ist eine andere Geschichte.

1. Ventures – Apache (3:05)
2. The Meters – Cissy Strut (3:06)
3. Booker T. & The Mg’s – Green Onions (2:57)
4. Muddy Waters – Mannish Boy (2:58)
5. Steppenwolf – The Pusher (5:48) Weiterlesen →

Wie viel Musik passt in drei Tage?

Diese Frage stellt sich natürlich bei jedem größeren Musikfestival. Doch beim heurigen Primavera Sound Festival in Barcelona war sie besonders virulent. Schließlich will man als Musikfreund, der an die 200 Euro für einen vollen Festivalpass abgelegt hat, möglichst viele unvergessliche Konzerterlebnisse in die wenigen verfügbaren Stunden packen.

Dies erfordert umso größeren Einsatz, als es dem Festivalbesucher beim Primavera unmöglich ist, nach dem Motto Klasse statt Masse vorzugehen (d. h. man konzentriert sich in Ruhe auf einige Highlights), denn es bietet Jahr für Jahr Klasse in Masse. Und gerade heuer war das Line-up fast schon obszön gut – auch nachdem einige wunderbare Künstler (Sixto Rodriguez, Fiona Apple, Foxygen, Band of Horses) kurzfristig absagen mussten. Primavera, das bedeutet für den unersättlichen Musikfan also auch: Jammern auf allerhöchstem Niveau.

PRIMAVERA, TAG EINS (Do., 23. Mai): Sympathisch bis erhaben
Geschafft! Die Schlange vor dem Eingang (so lang wie die Chinesische Mauer, nur mit deutlich mehr Windungen) ist bewältigt, das Festivalband baumelt ums Handgelenk – und wider Erwarten schaffen wir es sogar noch rechtzeitig zu Tame Impala, die sich soeben anschicken, die riesenhafte Heineken-Bühne neben dem Riesenrad mit ihrem hypnotisierenden Rock zu beschallen. Begleitet wird der sympathisch-bodenständige Auftritt der Australier von passenden, bunt blitzenden Visuals. Die Zukunft des Rock kann ich hier zwar nicht heraushören, dafür aber einen grandiosen Teil seiner Vergangenheit, namentlich 60s-Psychedelia und stampfenden Hardrock. Und ich bleibe dabei: Sänger Kevin Parker klingt phasenweise verdammt nach John Lennon. Alles in allem ein feiner Festivaleinstieg.

Gleich weiter zu Dinosaur Jr.: Die Alternative-/Grunge-Urväter gefallen mir diesmal (auf der gewaltigen Primavera-Bühne) wesentlich besser als beim Southside-Festival 2005: (…)

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