Wilde Jugend

Heute tritt Miley Cyrus bei „Schlag den Raab“ auf. Frau Cyrus kenne ich nicht sehr gut, die Trash-Medien verfolge ich bestenfalls sporadisch, trotzdem habe ich mitbekommen, dass es da wohl irgendwas gab bei den MTV Video Awards.

Sex in Popmusik? Skandal! Angedeuteter Geschlechtsverkehr auf der Bühne? Wo kommen wir denn da hin!? Und vor allem:

Mit Miley Cyrus, Robin Thickes Hit „Blurred Lines“ und damit zusammenhängend und darüberhinausgehend mit Geschlechterrollen in der Popkultur beschäftigt sich ein schöner Artikel in der „Financial Times“. Dieser kommt zum Schluss, dass die „Popcharts weiterhin eine Festung männlicher Anmaßung“ seien. Und warum auch nicht, es war ja schließlich immer so, wenngleich vielleicht nicht immer so plakativ vor Millionenpublikum dargestellt wie von Thicke und Cyrus. Ganze Karrieren wurden darauf aufgebaut.

90 Prozent der Popsongs, so zitiert der Artikel eine Studie der State University of New York von 2009, drehen sich um das Thema Sex.

Vor ein paar Tagen las ich die VH1-Zusammenstellung der „10 Songs you didn’t know were about private parts“. Hätte sich Lana del Rey vorher überlegen müssen, dass sie über Courtney Loves Vagina singt, als sie beschloss, Nirvanas „Heart shaped Box“ zu covern?

”Broken hymen of your highness I’m left back/
Throw down your umbilical noose so I can climb right back”

Aber vielleicht entfachte sich die Aufregung im bekannt prüden Amerika ja auch daran, dass man Frau Cyrus nicht als Erwachsenen-Sexsymbol, sondern eher noch als Kinderstar Hannah Montana abgespeichert hat.

Na hoffentlich sind unter denjenigen, die sich da aufregen, keine Fans von R. Kelly, Elvis Presley, Marvin Gaye, Aerosmith, Jerry Lee Lewis oder gar Led Zeppelin. Wer möchte sich deren „Whole Lotta Love“ („Gonna give you my Love, gonna give you every Inch of my Love“) mit dem Gedanken im Kopf anhören, dass Gitarrist Jimmy Page einst das 14-jährige Teen-Model Lori Maddox 18 Monate lang in seinem Hotelzimmer versteckt haben soll, nachdem er sie in einem Magazin entdeckt und, wie soll man sagen, sich in sie verknallt hatte? DAS ist ein Skandal, aber doch nicht die Frau Cyrus.

Mehr Geschichten dieser Art übrigens in VH1s „15 Most Scandalous Relationships in Music History“.

Die Musikwelt – natürlich nicht nur im Pop-Bereich – ist männerdominiert. Zwar mag es derzeit eine Anhäufung von weiblichen Stars in den vorderen Plätzen der Charts geben, hinter denen stecken aber meist auch wieder männliche Songschreiber, Produzenten, Manager. Es ist noch immer „a man’s world“. Nicht nur in der Musik. So feminin Serien wie „Sex and the City“ und „Desperate Housewives“ rüberkommen, die Showrunner – Darren Star bei „Sex and the City“, Marc Cherry bei „Desperate Housewives“ – sind männlich. Schwul, aber männlich. Und die vorerst letzte Kränkung für die Frauenbewegung: Sogar hinter der ukrainischen Feministengruppe Femen steckt ein Mann. Jetzt weiß man auch, warum die immer nackt waren.

Nun, der Trend darf natürlich trotzdem nicht darüber hinwegtäuschen, dass es da draußen noch immer eine große Zahl großartiger unabhängiger KünstlerINNEN gibt, und mit einem Beispiel lyrischer und musikalischer Schönheit möchte ich Euch zurücklassen. Es sind schon wieder Daughter und Frontfrau Elena Tonra, die da wundervoll singt:

„And if you’re still breathing, you’re the lucky ones
‚Cause most of us are heaving through corrupted lungs
Setting fire to our insides for fun
Collecting names of the lovers that went wrong

We are the reckless,
We are the wild youth
Chasing visions of our futures
One Day we will reveal the truth
That One will die before he gets there“

Also bitte, wenn da nicht mal Miley Cyrus als „Wild Youth“ vor unserem geistigen Auge durch die Gegend tanzt … 🙂

9 Gedanken zu „Wilde Jugend

  1. mission

    Ja, eine strukturelle Dominanz von Männern gibt es in der Musikbranche und den verwandten Szenen (Vertrieb, Musikjournalismus, Blogs :-)) sicher noch, künstlerisch würde ich das aber nicht mehr so sehen.

    Die Zeiten der wirklich ferngesteuerten weiblichen Künstlerinnen (siehe 50s-Girlgroups oder ähnliches) sind großteils vorbei – und selbst da lag der wesentliche künstlerische Beitrag meiner Meinung nach bei den Frauen vorne auf der Bühne und nicht bei den männlichen „Genies“ im Hintergrund.

    Dass der Feminismus von Femen Männerphantasien bedient, war schon vor diesen Enthüllungen klar. Unbequem sind sie für die Machthaber trotzdem, sonst würden sie ja nicht verfolgt. Und Körperlichkeit kann ja durchaus provozieren/erschrecken, dass weiß man nicht erst seit Charlotte Roche, sondern in Österreich zum Beispiel schon seit Valie Exports „Tapp- und Tastkino“ oder „Aktionshose: Genitalpanik“.
    http://en.wikipedia.org/wiki/Valie_Export

    Apropos, hier noch ein Lied über „private parts“ (der zugehörige Sampler wurde – leider – von einem Mann kompiliert):
    http://www.youtube.com/watch?v=FByYp8V-biE

    Antworten
  2. Martin Gronau

    hmm.. da sowohl Sex als auch Sexismus ziemlich populäre Massenphänomene sind, ist es ja eigentlich nur konsequent, dass sie auch in den verschiedensten Spielarten ‚populärer Musik‘ so intensiv verarbeitet werden. Das Problem ist nur, wie man damit umgehen soll..?! Hmm.., schwierig. Selbst der hier vielleicht äußerbare Wunsch nach mehr BloggerINNEN in unseren Kreise wäre ja auch nur als Ausdruck einer/unserer männlich-sexistischen Sehnsucht nach ‚Frauen mit Musikleidenschaft und -geschmack‘ deutbar. Ähnlich ambivalent erscheint mir sogar der Verweis auf die wunderbaren DAUGHTER . Oben wird deren Frontfrau Elena Tonra ja als Beispiel einer vermeintlich nicht-sexualisierten „unabhängigen Künstlerin“ vorgestellt, die lauter „lyrische und musikalische Schönheit“ produziert. Die implizite Aussage ist dabei: „Seht ihr, wenigstens ein paar tolle Musikerinnen gibt es ja doch!“ Die Frage ist nun: Wenn DAUGHTER musikalisch so für sich stehen (also allein aus ihrer „künstlerischen Schönheit“ ihren Charme gewinnen), was haben sie dann in einem Sex/Sexismus-Thread zu suchen? Geht daraus nicht doch hervor, dass sich einfach nur die sexuellen Sehnsüchte des geneigten Indie-Musik-Fans gewandelt haben? also: weg von nackt-extrovertierten Disney-Girlies (über die man sich nun lustig machen kann), hin zu „unabhängigen“, „kreativen“, „leidenschaftlichen“, „bescheidenen“, „süßen“ wie „reifen“ Musikerinnen, die sodann auch noch als „selbstbewusste“ Frontfrauen für die „Schönheit“ der hinter ihnen stehenden (Männer)Bands sorgen? Die auch hierin spürbare Sehnsucht männlicher (!) Musikfans nach (hübschen! und selbstbestimmten!) „Frauen mit Musikleidenschaft“ erinnert mich doch sehr an die „Idealfrauen“ männlicher (!) Autofans („Frauen mit Motorsportverständnis“), Fußballfans („Frauen, die wissen, was Abseits ist“), usw…

    Ich weiß also nicht recht, ob die Band DAUGHTER es wirklich verdient hat, in einem Sex/Sexismus-Thread als positives Beispiel für einen musikalischen „Nicht-Sexismus“ herangezogen zu werden… Eigentlich tut sie mir fast ein wenig Leid dafür… 😉

    Antworten
  3. stefanpletzer Beitragsautor

    nana, nicht-sexualisiert gibt’s wahrscheinlich eh nicht und die frau Tonra darf von mir aus auch sexy sein und den wunsch nach sexy indie-bands befriedigen, aber darum ging’s mir zu diesem zeitpunkt ja gar nicht mehr (und um den wunsch nach sexy indie-bands glaub ich gar nie), sondern darum, dass ja (hoffentlich) doch nicht hinter all den vordergründig erfolgreichen frauen männer stehen müssen.

    „sex and the city“, „desperate housewives“: erfolgreiche frauen-serien von frauen produziert? nein, waren männer.
    „femen“: eine zumindest aufsehenerregende politi-protestbewegung von frauen initiiert? nein, war auch ein mann.
    daughter: ein lied mit lyrischer und musikalischer schönheit von einer frau geschrieben? na glücklicherweise ja.

    und warum ausgerechnet daughter in diesem kontext? wurscht, das lied gefiel mir zum zeitpunkt des blogeintrags grad 🙂 .. bitte nicht überinterpretieren.

    Antworten
  4. Martin Gronau

    Hey Stefan, ja, ich weiß natürlich, dass es dir in deinem Post zu ‚Sex‘ und ‚wild(-weiblicher!) Jugend‘ gar nicht um diese Form des Sexismus ging. Ich wollte deinen Artikel auch gar nicht interpretieren, sondern nur meine Gedanken zum Problem ‚Sexismus in der Musik‘ loswerden. In diesem Zusammenhalt hielt ich es einfach für bemerkenswert, dass die meisten Bands bzw. Musikerinnen, die gerade in Indie-Kreisen oft als Sinnbild ‚emanzipierter weiblicher Musik‘ herhalten müssen (also im Gegensatz zu den von einer sexistischen Umwelt vermeintlich ‚fremdbestimmten‘ halb-nackt-‚Sängerinnen‘), eben in dieses Schema der zart-süßen, aber intelligent-selbstbestimmten musikalischen ‚Schönheit‘ hineingepresst werden (oder es auch selbst bedienen), siehe z.B. Daughter, Dear Reader, Coeur de pirate, Anna Ternheim, Sophie Hunger, Boy, Scout Niblett, Emiliana Torrini, Joanna Newsom, Ane Brun, Laura Marling, Fiona Apple, Feist, Lay Low, Maria Antonietta, Me & my drummer, Regina Spektor, She & Him, Sóley, uvm.

    Es ist einfach auffällig, dass fast immer und überall, wenn über ‚Sexismus in der Musik‘ gesprochen wird, dieses positive Bild der fragil-emanzipierten weiblichen Schönheit verwendet wird, immer wieder. KAUM würde MANN hier Régine Chassagne von ‚Arcade Fire‘ anführen, oder Amy Millan von den ‚Stars‘, oder Merrill Garbus von ‚Tune-Yards‘; sie wären wohl einfach zu ‚unschön‘. Und selbst solche frauendominierten Bands wie die ‚Blood Red Shoes‘, ‚TU Fawning‘, ‚Buke and Gaze‘ oder die ‚Breeders‘ würden in solchen Zusammenhängen wohl eher selten zitiert werden, hier eben, weil ihrer MUSIK die fragil-feminine ‚Schönheit‘ in diesem klassisch-sexistischen Sinne fehlt.

    Wollte damit nur sagen: Es wird wohl zumindest NICHT NUR Zufall gewesen sein, dass wir uns jetzt vornehmlich über das Beispiel Daughter unterhalten. Freilich: Ihre Musik finde auch ich einfach klasse. Und Live ist die ganze Band, insbesondere aber Elena Tonra, unglaublich charmant. Hätten Daughter aber überhaupt die CHANCE gehabt, allein mit ihrem musikalischen Charme so viele junge Männer (und Frauen) (uns inklusive!) zu ‚verzaubern‘, wenn die ganze (auch äußerliche) Erscheinung ihrer Frontfrau nicht so sehr die (sexuellen) Sehnsüchte des gemeinen, jungen Musikfans reflektieren würde? Ist ihr Erfolg wirklich so viel unabhängiger von (unbewussten) sexistischen Erwartungen ihres ‚Zielpublikums‘, als im Falle von Miley Cyrus? Ich glaube (leider!), nein. Dazu kenne ich einfach zu viele erfolgreiche (‚Indie‘)Bands mit überaus unattraktiven FrontMÄNNERN, aber nur sehr wenige mit hässlichen FrontFRAUEN.

    „ein lied mit lyrischer und musikalischer schönheit von einer frau geschrieben?“ Sicher!! In meinen Augen sind nur zwei Dinge daran ziemlich schade:
    1 … dass so etwas immer noch als Ausnahme gegen den massenmedialen Trend angeführt werden muss; nicht aber als jene Selbstverständlichkeit, die es ja eigentlich ist bzw. sein sollte.
    2. … dass kreative junge Musikerinnen anscheinend vor allem „Schönheit“ brauchen, um sich dem vielen „Sex“ der Mainstream-Sängerinnen entgegenstellen zu können…

    … 🙂

    Sorry übrigens, dass ich deinem Artikel jetzt einfach ne Sexismus-Debatte aufgedrückt habe, um die es dir ja gar nicht ging. Ich habe mich nur selbst daran erschrocken, dass ich mich gerade von jenem ‚Typ‘ Musikerin, wie ihn Elena Tonra verkörpert, so schnell verzaubern lasse, während mich das kalkulierte Rumgesexe einer Miley Cyrus völlig kalt lässt…

    Antworten
    1. stefanpletzer Beitragsautor

      also zu „unschön“:

      da muss ich mich teilweise ausklinken.

      seit ca. 2003 kenne ich kaum mehr musikvideos, albumcovers noch weniger – ich weiß kaum, wie die sängerinnen alle aussehen. aber lyrische und musikalische schönheit könnte ich über Daughter oder über die Stars oder XX oder Neko Case oder Austra oder Julia Holter oder die Metric-frau oder was weiß ich wen gesagt haben. oder Grizzly Bear, LCD Soundsystem oder Junip, aber um die ging’s halt thematisch gerade nicht.

      natürlich, das aussehens-kriterium macht weder vor branche noch genre noch zielgruppe noch qualitativer unterteilung halt.

      aber ich wurde von viva und viva zwei in den 90er-jahren musikalisch sozialisiert. und da habe ich größtenteils erfahren: je hübscher sich die mädchen machen, desto schlechter ist ihre musik. somit galt für mich auch der umkehrschluss.

      Antworten
      1. Martin Gronau

        Entschuldige bitte, Stefan, hab grad an deiner Antwort gemerkt, dass ich eines echt noch nicht raushab: Mich unpersönlich auszudrücken! Ich wollte dich hier nicht zu ästhetischen Geständnissen zwingen oder so, sondern nur deutlich machen, dass das „Schönheits“-Kriterium in bestimmten ‚Musiknischen‘ eben doch sehr viel dominanter ist, als in anderen (und eben gerade nicht nur aufs ‚Aussehen‘ beschränkt!). Danke jedenfalls, dass du trotzdem auf meine Kommentare geantwortet hast, auch wenn ich mich dabei bissl deppert angestellt hab und nicht wirklich auf den von mir eigentlich angedachten Punkt gekommen bin… Beim nächsten Mal werd ich mir vorher ein paar mehr Gedanken machen! 🙂

        Antworten
        1. stefanpletzer Beitragsautor

          hab mich eh fast ausgeklinkt 😉
          aber dir hat ja Daughter in meinem blog-eintrag leidgetan, da MUSSTE ich ja drauf antworten 🙂

          Antworten
  5. mission

    Wozu sollte man noch die Kommentarseiten im Standard lesen? Der intellektuelle Schlagabtausch zwischen den Herren Gronau und Pletzer ist wesentlich spannender und unterhaltsamer! Und Untergriffigkeiten gibt’s hier auch keine 😉

    Antworten
  6. Pingback: Same title – different song (Teil 1) | H(eard) I(t) T(hrough) The Bassline

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.