Archiv der Kategorie: Konzertkritik

Wenn Frankreich in Arizona liegt. Und Arizona in Wörgl

Konzertbericht: Marianne Dissard, ZONE Wörgl, 7. Oktober 2016

Weit über fünf Jahre (mein Gott!) sind seit dem letzten Tirol-Besuch von Madame Marianne Dissard ins Land gezogen. Damals durfte ich für ein mittlerweile längst beerdigtes Unterländer Lokalmedium vom großartigen Auftritt der französisch-amerikanischen Sängerin berichten. Ein Auftritt, der seinerzeit im – Achtung Selbstzitat aus dem Jahr 2011 – „dafür atmosphärisch und akustisch wie geschaffenen“ Wörgler Astnersaal in Szene ging.

Dieser charaktervolle Ballsaal in der „Alten Post“ mit seinen viel zu hohen Wänden, dem überdimensionalen Kronleuchter, den geheimnisvoll schimmernden Spiegeln, kurz: all der herrlichen Patina stand diesmal wegen einer anstehenden Theaterpremiere leider nicht zur Verfügung. Aber auch im etwas prosaischeren Ersatzquartier, dem sympathischen Jugendzentrum ZONE Wörgl, wurde es ein wunderbarer, intimer Abend.

Für Marianne Dissard und ihre aktuelle, formidable All-female-Band war es vermutlich das kleinste, am schwächsten besuchte Konzert der laufenden Europatournee, für die unermüdlichen Veranstalter vom Wörgler Kulturverein SPUR. finanziell bestimmt kein lohnender Abend. Aber für die circa zehn zahlenden Zuschauer war es ein umso schöneres Wohnzimmerkonzert.

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„Cibola Gold“ heißt die aktuelle Compilation, die Marianne Dissard mit im Tourneegepäck hat. Sie versammelt dreizehn zentrale Lieder, nein, excusez-moi, Chansons aus fünf Alben der Jahre 2008 bis 2015. Cibola ist, wie Wikipedia zu vermelden weiß, eine der sagenhaften Sieben Städte aus Gold, die spanische Eroberer des 16. Jahrhunderts im heutigen Südwesten der USA vermuteten.

Marianne Dissard selbst hat ihre Goldene Stadt eindeutig in Tucson, Arizona, gefunden, wo sie gut zwei Jahrzehnte lang lebte – und wohin sie nun, nach einem längeren Parisaufenthalt, auch wieder zurückgekehrt ist. Die überschaubare, aber umso lebendigere Alternativ-Szene der 500.000-Einwohner-Stadt in der Wüste ist jenes fruchtbare Biotop, in dem Dissard aufblühte, an der Seite von wild wuchernden Gewächsen wie Giant Sand und Calexico, in Symbiose mit verschiedenen Musikergenerationen vom legendären Howe Gelb bis hin zu Gabriel Sullivan und Brian Lopez, die heuer mit ihrer Band „Xixa“ aufhorchen ließen.

In Tucson entwickelte Dissard ihren bis heute einzigartigen Sound, eine betörende Mischung aus melancholischen Chansons, hitzeflirrendem Wüsten-Folk und mitreißendem, bisweilen durchaus rauem und krachigem Alternative Rock. Auch in Wörgl verfehlten diese „Desert noir chansons“, von Dissard mit dunkler, sinnlich-mysteriöser Stimme vorgetragen, ihre Wirkung nicht. Immer wieder ertappte man sich beim Wunsch, endlich doch noch Französisch zu lernen, um in die geheimnisvollen Geschichten auch inhaltlich eintauchen zu können. Aber manchmal ist es ja fast noch schöner, wenig bis gar nichts zu verstehen.

Dissard erwies sich dabei nicht nur als charismatische und elektrisierende Bühnenkünstlerin, sondern zeigte auch viel Humor: Statt etwa das Publikum lange darum zu bitten, doch weiter nach vorne zu kommen, zog sie ihm einfach Tisch und Stuhl unter Bierbecher und Hintern weg – aber auf sehr charmante Weise. Auch wenn Frau Dissard Fläschchen zum Seifenblasenmachen austeilt, denkt man gar nicht daran, sich zu widersetzen. Und ein Italiener mit coolem Sonic-Youth-T-Shirt durfte und musste, mit gestrengem Blick dazu aufgefordert, sogar neben der Sängerin am Bühnenrand Platz nehmen: „It’s a love song. He’s Italian, so he won’t mind“.

Mit punkig geschnittenem Top, Plastik-Minirock, Gardinen- bzw. Teppich-artigen Hosen und jeder Menge Glitter auf der Brust setzte Dissard auch optische Akzente. Gegen Ende kam dann sogar ein glitzernder Motorradhelm zum Einsatz – vielleicht ja auch als Hommage an die Tiroler Surf-Rock-Institution Dave & The Pussies, die zu einem Drittel im Publikum vertreten war 😉 …

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REDNECKS DO IT BETTER! Country-Blues mit Zigarrenschachtel, Mistkübel und brennenden Waschbrettern

Konzertbericht: Reverend Peyton’s Big Damn Band, Schloss Büchsenhausen, Innsbruck, 5. August 2016

Die (Konzert-)Abende, an denen man sich einfach überraschen lässt, sind oft die besten.
Wobei an diesem speziellen Abend schon die (kargen) Eckdaten klarmachten, dass da eigentlich nichts schiefgehen konnte: „Reverend Peyton’s Big Damn Band live und openair im Schloss Büchsenhausen“.

Das weckte die Neugier gleich in mehrfacher Hinsicht. Schließlich kannte man Schloss Büchsenhausen als eindrucksvollen Blickfang auf dem Weg zum Alpenzoo und vielleicht von der einen oder anderen Vernissage. Aber als Konzertlocation?

Auch von Reverend Peyton’s Big Damn Band hatte man noch nie gehört – aber aus Erfahrungswerten stand schon im Vorfeld fest: Ein Reverend im Bandnamen – oder als Beiname – ist ein Qualitätssiegel, garantiert im Regelfall Ekstase, Glut und Wahnsinn, vom Reverend Al Green über Reverend Horton Heat oder Reverend Beatman bis hin zur Reverend Shine Snake Oil Company.

Und wenn sich eine Formation samt Reverend dann auch noch „Big Damn Band“ nennt, obwohl sie nur aus drei Personen besteht, dann scheint endgültig klar: Das wird ein unterhaltsamer Abend! Und er wurde sogar noch viel unterhaltsamer als erwartet.

Reverend Peyton’s Big Damn Band stammt aus dem ländlichen Indiana, also vom platten Land – und das ist für ihre Art von Musik sicher nicht die schlechteste Voraussetzung: Denn die „Big Damn Band“ spielt urwüchsigen, rustikalen Country Blues, zum Glück aber alles andere als verstaubt-museal, sondern mit der Energie eines Dampfhammers, also rau, krachig und immer frontal in your face. Kurz: Musik, die von irgendwelchen tranigen, braven, „erwachsenen“ Blues(rock)abenden nicht weiter entfernt sein könnte.

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Die Band, die in Innsbruck den vorletzten Stopp ihrer Europa-Tournee hinlegte (vor dem Finale im Chelsea zu Wien) besteht aus drei optisch wie musikalisch gleichermaßen grandiosen Figuren:

Frontmann Reverend Peyton, vom Herrn mit allen Eigenschaften eines unzähmbaren Bühnentiers gesegnet, präsentierte sich nicht im Talar, sondern standesgemäß als Hillbilly mit Hosenanzug, Waldzausel-Bart und mächtigen Oberarmen samt Maiskolben-Tattoo. Er präsentierte sich aber vor allem als Naturgewalt: mit mächtiger Bluesstimme, allerlei Hochgeschwindigkeitsgriffen, coyotengleich jaulenden Slide-Einlagen und erstaunlichen Fähigkeiten an der dreisaitigen Zigarrenschachtel-Gitarre (!).

Übrigens: Wenn man den uralten Stil des Country-Blues (dessen Wurzeln im frühen 20. Jahrhundert liegen) spiele „and you’re doin‘ it right“, dozierte der Reverend, dann ersetze der Daumen den Bassisten. Um es mit Bezug auf den Namen unseres kleinen Blogs zu formulieren: This man hits the bassline with his thumb. Und wie!

Sicher, der zwiespältige Begriff „virtuos“ kam einem da des Öfteren in den Sinn. Aber beim Reverend geriet die virtuose Technik nie zum eitlen Selbstzweck (eitel auch im Sinne der barocken Bedeutung des Wortes, also „vergeblich“ oder „sinnlos“). Er stellte sie stets in den Dienst des bissigen, wuchtigen, dabei stets schlanken und punktgenau getroffenen Gesamtsounds.

Aber am schönsten erklärte es der Mann selbst, in einer der mitreißendsten Nummern dieses mitreißenden Abends: Immer wieder werde er gefragt, wie zur Hölle er es bloß geschafft habe, so gut Gitarre zu spielen. Nun, ganz einfach: Auf der Veranda natürlich! Wo auch sonst?

„How did I get so good? / Well, let me explain / Got so good on the front porch / I’m front porch trained“.

Für Highlights am laufenden Band sorgte auch die Gattin des Reverends, Breezy Peyton, eine wahre Königin an einem viel zu selten gehörten Instrument – dem Waschbrett (!). Ausgestattet mit coolen Spezialhandschuhen, holte sie aus der mikrofonierten, standesgemäß mit der Aufschrift „Breezy“ versehenen Waschrumpel (samt Tragegurt!) die fetzigsten Reibe-und Ratter-Ryhthmen heraus, die sich denken lassen, oder setzte mit dem lässig geschüttelten Tambourin genau die richtigen Akzente.

Dazu sorgte sie mit ihrem Harmoniegesang für Extra-Drive bei den Refrains oder auch mal für dieses spezielle Country-Flair, wie man es beispielsweise aus „Jackson“ von Johnny Cash und June Carter kennt.

Mit geblümtem Kleid, roten Stiefeln und gestrengen Blicken auf die langzottigen Männer im Publikum – denen sie am Ende gar mit dem Tamburin Köpfe und Hintern versohlte – bot Breezy nebenbei auch noch eine höchst amüsante Bühnenshow. Und als sie das Waschbrett am Ende in Brand steckte (!) und hinter dem Kopf spielte (!!), muss auch Jimi Hendrix im Rockhimmel ein dickes „Gefällt mir!“ über die Lippen gekommen sein.

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Tucson und Tirol, Wüstensand und Psychedelia

Konzertbericht: Xixa und Tracker, PMK Innsbruck, 29. Juli 2016:

ACHTUNG, DIESER BEITRAG ENTHÄLT GROSSARTIGE KONZERTFOTOGRAFIE VON PATRICK NORDPOL UND MOE MOESSINGER. TAUSEND DANK DAFÜR!

Es war ein lauer Sommerabend. Und ein LAUTER Sommerabend (vor allem für unbelehrbare Ohrenschutzverweigerer wie mich). Der musikalische Desert Trip, zu dem die Reiseveranstalter vom Kulturverein lovegoat am Freitag in den Wüstenschuppen (wüsten Schuppen) PMK luden, war aber vor allem eines: schwer psychedelisch.

Dafür sorgte bereits zum Auftakt das formidable Trio TRACKER aus Tirol. „Experimenteller, psychotischer Desert Rock, schön unsauber und kantig gespielt“, schrieb ich im Mai 2014 in einem Beitrag für das mittlerweile längst verblichene Popkultur-Fachmagazin „Wörgler & Kufsteiner Rundschau“, nachdem ich „Tracker“ bei einem schrägen Konzertabend mit den „Sahara Surfers“ (ebenfalls aus Tirol) und den verpeilten „Death Hawks“ aus Finnland in der Kulturfabrik Kufstein erlebt hatte.

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Und dieses Urteil trifft es nach wie vor gar nicht so schlecht. Wobei mir diesmal eher Begriffe wie Experimentalrock, Noise Rock oder eben Psych(edelic) Rock durch den Kopf geschwirrt sind, nicht unbedingt das doch eher beengende Label Desert Rock.

Immer wieder musste ich auch an die experimentierfreudigeren Spielarten des Alternative Rock der 90er (und späten 80er Jahre) denken: Bei „Tracker“ gibt es zum Beispiel groß angelegte Refrains, die allerdings unter metertiefen Lärmschlieren begraben werden, wie man das von „My Bloody Valentine“ und anderen Shoegazern kennt. Oder auch von LoFi-Pionieren wie „Sebadoh“. Bei den kantigen, leiernden, synthetischen Gitarrensounds wiederum schauen „Sonic Youth“ um die Ecke. Und auch gelegentliche elektronische Störgeräusche tragen dazu bei, dass das Gesamtergebnis bei „Tracker“ nie zu sauber und gediegen klingt.

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Kurz gesagt: Ein Sound, wie man ihn heutzutage nicht mehr allzu oft hört – erst recht nicht aus lokalem Anbau. Und auch wenn nicht jedes Experiment aufgehen mag, nicht jede Abzweigung zum Ziel führt – spannend und herausfordernd zu hören ist es immer. Schön, dass es raue, harte Klänge aus Tirol gibt, die weder stumpf noch schwerfällig klingen. Mein vorgezogener Wunsch ans Rock-Christkind lautet daher: Bitte bring uns in den nächsten Jahren mehr frisch und wagemutig klingende Tiroler Bands wie „Tracker“ – und lass dafür ein paar nicht ganz so interessante Thrash- und Death-Metal-Formationen zu Hause. Danke!

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Meine Einschätzung, dass „Tracker“ als Support für die Hauptband vielleicht nicht ganz passend gewählt waren – zu brachial, zu rau, die falsche Art von „Wüstenrock“ – erwies sich in der Folge als weitgehend unbegründet. Denn XIXA aus Tucson, Arizona, die schön spät (erst gegen 23.30 Uhr) die Bühne übernahmen, erwiesen sich insgesamt als deutlich härter, dunkler und lauter als erwartet. Mit anderen Worten: Im Soundcocktail, den die Band selbst als „Psych Cumbia Rock“ bezeichnet, war der Psychedelic-Rock-Anteil um einige Zentiliter größer als die Zutaten aus der lateinamerikanischen Tanzmusik.

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Blumen, die im Dunkeln wachsen

Konzertbericht: The Tiger Lillies, PMK Innsbruck, 13. April 2016:

Cabaret (bitte mit C!), Circus (bitte mit zwei C!) und Kuriositätenkabinett: Das sind, ganz grob gesagt, die Pole, zwischen denen die Tiger Lillies aus England wuchern und gedeihen – obwohl oder gerade weil es sich dabei bekanntermaßen um Orte handelt, an denen eher selten die Sonne scheint.

Kurz gesagt: Die Tiger Lillies mögen es dunkel. Insofern war es also durchaus passend, dass sie ihr jüngstes Innsbruck-Gastspiel nicht ins manches Mal allzu gediegene Treibhaus, sondern in die angemessen räudige PMK führte.

Die Bezugspunkte des Trios sind klar abgesteckt: Sie lieben das Theatralische (nicht umsonst haben sie beispielsweise Büchners Woyzeck vertont), sie lieben die schäbige Songkunst von Brecht/Weill und generell die dekadenten Zwanzigerjahre, hier natürlich vor allem das morbide Flair der Weimarer Republik – eine (mythisch aufgeladene) Ära, für die sich von Tom Waits über die Dresden Dolls bis hin zu Marilyn Manson bekanntlich viele Künstler aus dem angloamerikanischen Raum begeistern.

Varieté und Vaudeville, Schwarze Romantik und Schwarze Pädagogik (man denke nur an die vielbeachtete Struwwelpeter-Bearbeitung der Tiger Lillies) oder die herrlich makabren, grotesken Zeichnungen des US-Illustrators Edward Gorey (meist angesiedelt im Viktorianischen/Edwardianischen Zeitalter) schwirren ebenso durchs Referenzuniversum von Frontmann Martyn Jacques, dem Kopf und einzig verbliebenen Gründungsmitglied der Lillies.

Serviert wird das alles zum Glück nicht allzu historisierend und brav, sondern mit anarchischer Punk-Attitüde – was gut zusammenpasst, schließlich haben sich Teile der Punkszene von Anfang an für Außenseiter und Freaks, für das Abseitige, Schmutzige und Monströse interessiert. (Nicht umsonst wurzelt ja auch die Gothic-Bewegung ursprünglich im Punk – was heute gerne übersehen wird). Die entsprechenden optischen Zutaten bei den Tiger Lillies sind grelle weiße Schminke, dunkle Augenringe und schön schiache Hüte. Fein abgeschmeckt wird das Ganze mit schwarzem britischem Humor.

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Das Ergebnis ist eine sehr, sehr künstliche, irgendwie sehr, sehr europäische Musik (wenn es so etwas gibt), die mit ihrem Konzept(album)-Charakter ebenso sehr in der „Hochkultur“ – deppertes Wort, ich weiß – wie in der (alternativen) Popkultur zuhause ist, also ebenso sehr auf Ö1 wie auf FM4. Dass die Tiger Lillies gerade in Österreich sehr gut ankommen (und auch auf ihren Touren immer wieder dort ankommen), verwundert dabei nicht. Schließlich neigt ja auch der Österreicher an sich gerne zur Theatralik und zum Morbiden.

Inhaltlich umkreisen die Songs der Tiger Lillies bevorzugt die Abgründe des menschlichen Daseins: Sie spielen in üblen Kaschemmen und dunklen Kanälen (das Stichwort „gutter“ taucht gleich in einer Reihe von Songs auf), werden von Säufern und Freaks, Mördern und Mutterhassern, Prostituierten und Perversen bevölkert, drehen sich um Blasphemie und billigen Alkohol (also „sin“ und „gin“), um „midgets with full body hair“ und Sodomie („Vagina In The Sky“ handelt etwa, so weit ich das verstanden habe, von der unglücklichen Beziehung des Ich-Erzählers zu einer Giraffe). Tod und Teufel sind dabei natürlich Stammgäste – schon das erste Lied des Abends verkündete: „My Baby’s Dead“.

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Im Land der psychedelischen Schamanen

Konzertbericht: THE OSCILLATION (UK) & HARTAL! (ITA), PMK Innsbruck, 26. März 2016

Aaaah, endlich wieder Livemusik! Ein Gefühl, das ich wirklich vermisst habe. Denn kaum zu glauben, aber wahr: Für mich war der Doppelschlag am Samstag in der PMK der erste Konzertabend des Jahres – dafür aber gleich ein sehr bemerkenswerter.

Hauptverantwortlich dafür war die junge Formation Hartal! (nur echt mit Ausrufezeichen!) aus Italien (Verona, Vicenza, Forlì), die sich als echte Entdeckung entpuppte:

Auf den Plakaten wurde die Band mit dem – für mich sehr vielversprechenden – Label „Post Punk“ beworben, was sich in der Realität zwar als irreführend, aber dennoch keineswegs als enttäuschend erwies. „Post Punk“ war bei Hartal! aus meiner (akustischen) Sicht jedenfalls maximal in Spurenelementen wahrzunehmen – in der düsteren Grundstimmung, in der experimentellen Ausrichtung, vielleicht auch in einigen punkig-noisigen Ausbrüchen, die im höheren Tempobereich angesiedelt waren. Ansonsten schwebte an diesem Abend aber vor allem ein schillerndes Wort durch den (Klang-)Raum: Psychedelik.

Der werte Schreibclub-Kollege Klippo Kraftwerk nannte das Soundgebräu „psychedelischen Stoner Rock“ – und damit lag er sicher nicht ganz falsch. Ich selbst fühlte mich angesichts der hypnotisierenden, repetitiven, sich langsam steigernden Strukturen dagegen immer wieder an elektronische Musik erinnert (auch wegen der zwei zentral platzierten, face-to-face aufgestellten Keys/Synthies, an denen sich die beiden Frontmänner zu schaffen machten).

Beeindruckend, ja phasenweise überwältigend war, abseits von allen Genrebegriffen, jedenfalls der sehr dicht gewobene, intensive Gesamtsound: psychedelische Lärmschlieren, filigrane bis brachiale Gitarrenklänge, treibende Bassläufe, wuchtige Rockdrums und hin und wieder kehliger „Gesang“, der sich gaaaanz tief im Mix, in der Wall of Sound versteckte – wie ein zusätzliches Instrument, das Klangfarben hinzufügte, statt sich in den Vordergrund zu drängen.

Eine weitere Besonderheit waren Trommel und Becken, die gleich neben den Synthies postiert waren. Auf sie wurde von beiden Sängern (die auch Schellenkranz und Maracas schüttelten) mit besonderer Inbrunst eingedroschen – was dem Gesamterlebnis nicht nur weitere Sounddetails hinzufügte, sondern auch eine erhebliche optische Dynamik brachte.

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Überhaupt, diese Dynamik! Stellenweise hatte man den Eindruck, dass sich Hartal! selbst in kollektive Trance spielten – wobei der Funke dank der grandiosen Spannungsbögen (oft mit kathartischem Höhepunkt) auch aufs Publikum übersprang.

Da wurde das Konzert (nicht zuletzt auch wegen der schieren Länge der Songs, nein eher: Tracks) dann richtiggehend rauschhaft, rituell, schamanistisch. Dieses letzte Wort habe ich im direkten Gespräch mit der Band nach dem Konzert übrigens gleich mehrfach angebracht – und damit offenbar ganz gut getroffen, welche Wirkung ihnen tatsächlich vorschwebt. Ok, vielleicht waren sie auch nur so nett zu mir, weil ich ihnen ein T-Shirt abgekauft habe …

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Primavera Sound Barcelona 2015 – Tag 2

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Da war doch noch was. Die Berichte von den Tagen 0 (äh?) und 1 des 2015er-Primavera sind da, dann gab’s nix mehr. Doch doch, Astrid und ich waren auch an den drei Hauptverkehrstagen des besten Festivals der Welt dabei. Und das haben wir – etwas durch den Nebel der verblassenden Erinnerung geschildert – erlebt:

Na Moment, Halt Stop! ich ziehe das anders auf, denn die 2016er-Ausgabe ist uns im Kalender ja schon wesentlich näher als die 2015er zurückliegt. Heuer gibt’s ein fulminantes Lineup mit den Versprechensbrechern („Letztes Konzert im Madison Square Garden“) vom LCD Soundsystem, Radiohead, Tame Impala, BRIAN fucking WILSON performing „Pet Sounds“, Animal Collective, Sigur Rós, PJ Harvey, Air, Beach House, Beirut, Regisseur John Carpenter, Dinosaur Jr., Chairlift, Julia Holter, Tortoise und und und. Da muss man hin. Ich aber nicht. Jedes Jahr ein Festival? My back says no. Mein Börserl auch. Astrid auch. Was soll man machen.

Zurück ins Jahr 2015. Abgehandelt habe ich bereits Auftritte von Ibeyi, OMD, Benjamin Booker und The Juan MacLean. Das war Dienstag und Mittwoch; Der Donnerstag ist traditionell mein Lieblingstag des gesamten Festivals. Erstens habe ich da noch genug Energie, zweitens ist dieser Tag von vielen Bands exklusiv fürs Primavera reserviert, weil weniger Konkurrenz zu anderen europäischen Wochenend-Festivals besteht. Drittens: Panda Bear.

Vor zwei Jahren sahen wir ihn ebenfalls am Primavera-Donnerstag mit seinem Animal Collective, damals wirkte das ganze aber doch schon etwas ausgezehrt vom vielen Touren. Den kreativen Zenith dürften die Viecher als Band auch schon überschritten haben, dafür war das fünfte Solo-Album „Panda Bear Meets the Grim Reaper“ eine Offenbarung. Live war das ein audiovisueller Psycho-Trip im Auditori Rockdelux, wie das 3.200 Menschen fassende Auditorium des Architektur-Tempels Museu Blau de les Ciències Naturals zu Festivalzeiten gebranded wird.

Für dieses Konzert mussten wir uns übrigens wegen der begrenzten Kapazität Stunden zuvor für ein paar Euros ein Extra-Ticket sichern. Ein Spannungsmoment, denn niemand in der Schlange wusste, wann der Ticketvorrat aufgebraucht sein würde. War dann aber kein Problem.

Weiter ging’s auf der kleineren Pitchfork-Stage mit den kanadischen Schachtelsatz-Rockern Viet Cong, deren komplexe Arrangements und Song-Strukturen ich damals nur teilweise zu schätzen wusste. Heute weiß ich: „Death“ ist ein ganz, ganz großer Song. Bin gespannt, wo sich die Band nach der unabwendbaren Umbenennung – „Viet Cong“ ist halt umstritten – hinorientieren wird.

Ein Extra-Ticket – aber kostenlos – brauchte es auch für Battles auf einer sogenannten „Hidden Stage“, die sich als Hotel-Parkgarage entpuppte und nur Platz für etwa 200 Leute bot. Wie das untere Fluc, würde ich sagen. Battles machen Mathematik-Elektrock mit echten Instrumenten und echt vielen Effekten. Das 2015er-Album „La Di Da Di“ konnte das Niveau der ersten beiden Alben nicht ganz halten, aber wer Songs wie „Ice Cream“ oder „Atlas“ im Repertoire hat, hat eigentlich eh ausgesorgt. Eine gewonnene Schlacht.

Dann war’s so 22:00 Uhr, stockdunkel, und Zeit für eine Engelserscheinung. Staturbedingt unwahrscheinlicherweise in Form von Antony, einer der (ungegendert) größten Künstler unserer Zeit, der in weißen Gewändern auf die Bühne der Main Stage schwebte. Antonys Stimme ist auf Platte umwerfend, live in ihrer Einzigartigkeit kaum mehr in Superlative zu fassen. Begleitet vom vollständigen Barceloner Stadt-Orchester – genau diese kuratierte Exklusivität wünscht man sich von Mega-Festivals – und einem Film des japanischen Butoh-Tänzers Kazuo Ono sang sich Antony von Höhepunkt zu Höhepunkt: das selten live gespielte „Blind“ von Hercules & Love Affair, das zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte „4 Degrees“ vom nächsten Album „Hopelessness“ oder „Hope there’s someone“ inklusive sympathisch überspieltem Mikrofon-Kratzer zur ungünstigsten Zeit. Davon werde ich noch meinen Enkeln erzählen, wenn Antony in einigen Jahrzehnten ihren rechtmäßigen Platz im Künstler-Olymp eingenommen hat.

Ein kleiner Dämpfer war dann der Sorgenkind-Headliner dieser Ausgabe, die Black Keys. Ich war großer Fan, habe zwei T-Shirts von ihnen, aber mein Lieblingsalbum („Rubber Factory“) ist halt schon zwölf Jahre alt. Seitdem ging’s mit der Publikumsgröße ständig bergauf, mit der Qualität der Songs aber bergab. Es passte irgendwie ins Bild, dass von den 19 gespielten Nummern keine von „Rubber Factory“ dabei war. Und nur von „Gold on the Ceiling“ und „Your Touch“ werde ich halt nicht satt. Der Auftritt war mir erschreckend wurscht.

Einen kurzen Abstecher nach der Geisterstunde verdiente sich die ATP-Stage mit dem Druiden-Doom-Drone von Sunn O))). Irgendwann hatte ich die Fuck Buttons zur lautesten Band der Welt erklärt – aber die amerikanischen Nebelmaschinensammler mit den 20-Minuten-Plus-Songs sind ernste Herausforderer. Das ist nicht ganz meine Musik, dieser Hypnose kann man sich aber unmöglich entziehen. Man kann nicht nicht hinsehen. Ein Viertel des Gesamt-Auftritts, also ungefähr ein Song, also ungefähr eine halbe Stunde, hat mir dann aber doch gereicht.

Astrid hatte dann eine ganz schwierige Entscheidung zu fällen: James Blake auf der Main Stage oder Jungle auf der kleineren Ray-Ban-Stage. Ich hatte James Blake schon 2013 gesehen, Astrid nicht, versuchte sich daher zu zerteilen und sah sich eine Handvoll Songs von James Blake an, um dann schweren Herzens doch auch noch Jungle zu erwischen. Lohnte sich, denn das sicher nicht ganz leicht auf die Bühne umsetzbare Debüt-Album der Briten konnte sich auch live hören lassen. Hier die Live-Version der Nummer zwei meiner 2014er-Jahrescharts.

Hätt‘ ma das auch. Irgendwann geht’s dann weiter mit Tag 3 von 4 🙂

Lou Reed, sing uns ein Wienerlied!

Konzertbericht: Die Buben im Pelz, PMK Innsbruck, 5. Dezember 2015:

Allein für den Mut (man könnte auch sagen: die Frechheit) gebührt ihnen größter Respekt: Die Buben im Pelz – im Kern bestehend aus den beiden im FM4-Universum kreisenden Musikern und Journalisten Christian Fuchs und David Pfister – haben sich mit The Velvet Underground & Nico aus dem Jahr 1967 eines der einflussreichsten und aufregendsten Debütalben der Musikgeschichte vorgeknöpft, ein düsteres Wunderwerk des Underground (!), das von Punk über Gothic bis Noiserock so ziemlich alle wüsten Subkulturen vorweggenommen und Tabuthemen wie harte Drogen oder Sadomasochismus dauerhaft in der Popkultur verankert hat. Und das mitten im Summer of Love.

Diesen gewaltigen Brocken also haben sich die Buben im Pelz aufgeladen und von den schäbigsten Seitenstraßen New Yorks all the way nach Wien geschleppt, wo die Velvets mit ihrer zwischen Euphorie, Melancholie und Todessehnsucht oszillierenden Musik grundsätzlich bestens aufgehoben sind. Und diesen Transfer haben Pfister/Fuchs noch dazu verdammt gut hingekriegt.

Die wohl berühmteste Ich-wart-auf-den-Dealer-und-er-kommt-nicht-Hymne aller Zeiten, I’m waiting for the man, haben sie etwa von der Lexington Avenue zum Schwedenplatz verlegt. Der schwarz gekleidete Pusher mit spitzem Schuhwerk und Strohhut trägt in Wien „Nike-Bock in Weiß“ und „Adidas-Gwandl“. Oder: Die vom magischen Eisengel Nico Päffgen gegebene Femme Fatale wird bei den Buben zur „feschn Funsn“. Kurz gesagt: eindrucksvolle, stimmige Nachdichtungen, die – wie schon beim (ideologisch und personell) verwandten Projekt Neigungsgruppe Sex, Gewalt & gute Laune – auch musikalisch überzeugen. Alles in allem eine herrliche Heiligenschändung, respektvoll und respektlos zugleich, trashig und doch elegant.

Die „Welt“ hat das Album Die Buben im Pelz & Freundinnen (das statt der berühmten, abziehbaren Warhol-Banane eine ebenfalls abziehbare Wurst am Plattencover zeigt) bereits im Juni zu einem der Alben des Jahres erhoben. Deutschland kriegt von österreichischer Musik derzeit ja generell nicht genug. Und auch in meinen bescheidenen Jahrescharts werden sich die Buben bestimmt wiederfinden.

Die Erwartungen ans Livekonzert waren also durchaus hoch – zumal die PMK mit ihrem kantigen CBGB-Charme im Grunde den perfekten Rahmen für einen wilden Velvet-versus-Wienerlied-Abend bietet.

Umso größer zunächst die Enttäuschung beim Eröffnungssong „Schwedenplatz“: Übersteuerter, breiiger, schlampig austarierter Sound, schlecht eingestellte Mikros (was sich auch im weiteren Verlauf des Abends nur bedingt bessern sollte), sehr laut und dennoch seltsam schwachbrüstig und blutleer. Das wunderschöne, leichtfüßige Sonntag Morgn zündete unter diesen Umständen überhaupt nicht, auch Femme Fatale und vor allem There She Goes Again wurden soundtechnisch trotz aller Hingabe komplett in den Sand gesetzt. Als Zuhörer stellte sich daher zunächst leider vor allem ein Wunsch ein: „Her mit am Bier“, wie es in der (später noch zu hörenden) Neigungsgruppen-Version der Babyshambles-Großtat Fuck Forever heißt.

Doch auch ohne Bier wurde es danach rasch viel besser: Tiaf wia a Spiagl (I’ll Be Your Mirror) gelang Fuchs und Pfister im sanften Zwiegesang einfach wunderbar und berührend.

Ein Höhepunkt auch die grandiose Version des abgrundtiefen, nachtschwarzen S/M-Dramas Venus In Furs (mit dem die Velvets übrigens schon damals eine Brücke von New York nach Österreich schlugen, Stichwort Leopold von Sacher-Masoch). Den stoischen, hypnotisierenden, fast schon maschinenhaften Todesrhythmus von Steh(!)Drummer Ralph Wakolbinger hätte wohl auch die legendäre Moe Tucker nicht besser hinbekommen.

Ansonsten gelangen – genau konträr zu meinen Erwartungen – gerade die lauten, krachigen Rock-/Protopunk-Nummern deutlich besser als die ruhigen, atmosphärischen Momente. Das galt allen voran für das treibende Renn Renn Renn (Run Run Run, eh kloa) oder David Pfisters wüste, rohe, überraschend weit vom Original entfernte Deutung von Lou Reeds offen drogenverherrlichender Weltnummer Heroin.

Bei den Zwischenmoderationen erwiesen sich Pfister und Fuchs als sympathische, gewitzte Rampensauen – egal ob sie „Bruchware von Manner“ (in Form von Schokonikoläusen) an die Zuschauer verteilten, sich augenzwinkernd mit „Reiß ma’s o, Buaschn!“ anfeuerten oder kleine Touranekdoten zum Besten gaben: So habe man ihnen bei einem Konzerttermin (wohl als Anspielung auf „Venus im Pelz“) im Backstage-Bereich eine Ausgabe von „50 Shades of Grey“ hinterlegt. Oder könnte das Buch von einer anderen österreichischen Band dort abgelegt worden sein – und wenn ja von welcher?, fragte Pfister ins Publikum. Die Antwort „Von Wanda!“ kommentierte er höchst schlagfertig: „Nein, bei Wanda liegt backstage höchstens ein Bilderbuch“.

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Wucht. Wildheit. Wahnsinn.

Konzertberichte: VALIENT THORR, PMK Innsbruck, 6. Oktober 2015; DAVE & THE PUSSIES, KulturZone Wörgl, 9. Oktober 2015

Ein gutes Rockkonzert (und leider gibt es sehr viele sehr schlechte Rockkonzerte) lebt von seiner Wucht, seiner Unmittelbarkeit, von der rauen Energie, der man sich einfach nicht entziehen kann. Die zurückliegende Woche bot dafür gleich zwei grandiose Beispiele.

Am Dienstag hielt der nackte Wahnsinn in Gestalt von Valient Thorr Einzug in der PMK Innsbruck. Dort war die wüste Formation aus North Carolina schon mehrfach zu sehen, unter anderem auch bei einem der beliebten PMK-Straßenfeste (ein Auftritt, von dem man sich Sagenhaftes erzählt). Ich selbst hatte die Band hingegen einmal in Kufstein erlebt, 2007 im Vorprogramm der Stoner-Rock-Veteranen Fu Manchu, die von Valient Thorr damals jedoch spielend an die Wand gespielt wurden.

Jenes Bild, das ich mit diesem Abend am stärksten verbinde, ist das eines zotteligen, vollbärtigen, schweißtriefenden Sängers mit entblößtem Oberkörper, der auf einmal am Boden vor der Bühne hockt, mitten im Publikum, das er ebenfalls zum Sitzen verdonnert. Von einem hippiesken Lagerfeuer-mit-Klampfe-Ambiente war die Band dabei allerdings meilenweit entfernt. Denn bei Valient Thorr geht es um die Urprinzipien des Rock ’n‘ Roll, die da heißen: Lautstärke und Geschwindigkeit, Schweiß und Dreck. Genau so, also erwartet großartig, war das auch beim PMK-Konzert.

Eröffnet wurde der Abend allerdings noch recht konventionell: Child aus dem australischen Melbourne servierten kompetent gespielten, psychedelischen, tief in Blues getränkten Hardrock, der allerdings etwas statisch und, wie der kritische Blogkollege Dave meinte, auch ein wenig zu basslastig daherkam. Apropos Bass: Der Bassist von Child trug bassenderweise und passenderweise ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Sabbath Worship“, aus dem jedoch, wenn der Gitarrengurt verrutschte, immer wieder ein deutlich weniger passendes „Abba Worship“ wurde … Also genau die Art von Skurrilität, die mir im Gedächtnis bleibt 😉

Weiter ging’s, deutlich flotter und schon vor etwas mehr Zuschauern, mit einem zweiten jungen Hardrock-Trio, Black-Bone aus Eindhoven. Frontmann Steef überzeugte mit klassischen Powerriffs, manischem Angus-Young-Blick und dem Mut, sein schütteres Haar lang zu tragen. Übrigens nicht als letzter Frontmann an diesem Tag …

Der „real deal“ waren dann aber Valient Thorr, bei denen von „Rampensauen“ über „Bühnentiere“ bis hin zu „Naturgewalt“ kein animalisch-ökologischer Begriff zu hoch gegriffen ist. Schon nach dem ersten Song hatte Frontmann Valient Himself (ja genau, so nennt sich der, die anderen Bandmitglieder tragen die schönen Einheitsnamen Eidan Thorr, Storm Thorr, Sadat Thorr und Lucian Thorr) sein T-Shirt als unnötigen Luxus erkannt und stellte für das restliche Konzert seine schweißglänzende Rocker-Wampe in die Auslage.

Überhaupt, was für ein Frontmann! Die Energie tropft diesem wilden, haarigen Derwisch buchstäblich aus allen Poren, wenn er wie ein Geisteskranker über die Bühne fegt, sich auf ihr wälzt und ringelt und dazu kehligen Gesang und manische Zwischenmoderationen ausspuckt (zum Beispiel über außerirdische Bazillen auf Froschbeinen oder so ähnlich). Rock ’n‘ Roll, wie ihn Valient Thorr verstehen (und sie verstehen ihn richtig) ist so etwas wie ein archaisches Ritual: brutal laut, bizarr schnell, wild und ekstatisch.

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Primavera Sound Barcelona 2015 – Tag 1

Oha, 14 Tage vergangen seit Tag 0? Da musste ich wohl erkennen, dass es zwischen den Festivaltagen schier unmöglich ist, Zeit für Zwischenberichte aufzubringen. Zwar ist das Primavera Sound keines der (von mir völlig verhassten) Zeltl-Festivals. (Um 5 bis 6 Uhr durften Astrid und ich uns am Ende jeden Tages ins Hotel-Bettchen im zentralen Barcelona-Bezirk Eixample legen. Übrigens zu Fuß vom Parc del Fòrum ca. 70 Minuten entfernt. Ja, wir haben das ziemlich genau rausgestoppt. Schlechte Idee.) Aber weil wir bei der Gelegenheit auch das überregional bekannte gastronomische Angebot der Stadt ausgiebig auskosteten und schließlich auch noch Zeit bleiben musste für etwas Schlaf, etwas Sonne, ein wenig Arbeit im Urlaub (ging nicht anders) UND ein paar spanische Quizsendungen im Fernsehen musste die Bloggerei vertagt werden. Oder verwocht. Aber jetzt geht’s weiter.

Dienstag gab’s also Ibeyi im Club, Mittwoch ging das Festival semi-regulär los, und zwar mit einem Gratis-Konzertabend im Parc del Fòrum mit vier oder fünf Kapellen, von denen uns aber nur Tages-Headliner OMD (Orchestral Manoeuvres in the Dark) interessierte. Diese Band wurde in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten wohl öfter im Radio gespielt als die meisten der ca. 200 anderen beim Festival zusammen. Der letzte Hit ist allerdings 20 Jahre her, also begannen der stimmlich bestens erhaltene Sänger Andy McCluskey und seine Band (fast in Originalbesetzung) mit „Enola Gay“, wohl um den jungen Leuten gleich mal ein „Jaja, WIR sind das“ entgegenzuschleudern. Was für ein Song! Der Auftakt zu einem Synthpop-Streifzug durch die 80er und 90er mit einprägsamen Nummern wie „Maid of Orleans“, „Forever live and die“ oder dem großartigen „So in Love“. Zum Schluss wartete Astrid auf „Walking on the Milky Way“, den Spät-Hit der Band aus 1996, ich auf „Sailing on the seven Seas“. Ich wurde beglückt, Astrid nicht. Insgesamt ein überraschend starker Auftritt. Nur mit einem neuen Hit wird’s wohl leider nix mehr, aber das werden auch andere, scheinbar antiquierte 80er-Bands wie Duran Duran oder Simple Minds mittlerweile eingesehen haben.

Weiter ging’s für uns wie am Dienstag zu den Clubs, mit der U-Bahn etwa 25 Minuten vom Fòrum entfernt, um ein paar Bands zu sehen, die zwar an den Folgetagen auch auf dem Hauptfestival spielten, aber sich ungünstig mit anderen Acts überschnitten. Im BARTS machten wir es uns ganz vornehm im bestuhlten Bereich im ersten Stock bequem und gaben uns Benjamin Booker somit nicht im ärgsten Gedränge, sondern in Kino-Atmosphäre mit bester Sicht. Herr Booker ist ein junger, schwarzer Gitarrengott und fast hätte ich den „Star-Spangled Banner“ erwartet, wiewohl Astrid richtigerweise einwandte, dass seine Gestik eher an Chuck Berry erinnerte. Blues-Rock mit Punk-Attitüde, sehr überzeugend vorgetragen, aber nichts wahnsinnig Spektakuläres. Dachte ich. Dann begann die Rock’n’Roll-Show aber erst.

Irgendein gutgelaunt Verwirrter aus dem Publikum dürfte Booker ein „Show me the Money“ zugerufen haben. „‚Show me the Money‘? Jerry Maguire? Is that your American reference?“, kam’s von Booker zurück. Ich weiß nicht, ob es DIESER Typ war, den Booker auf die Bühne holte, jedenfalls war es ein junger Mann namens Pablo, dem der Bandleader folgenden Auftrag erteilte: „Wenn’s beim nächsten Song so richtig abgeht, stürzt du dich mit dem Kopf voraus in die Menge.“ Pablo tat wie ihm geheißen – und kam immerhin einige Meter weit, ehe er dem Publikum entglitt. Kein Problem, die Leute hatten Pablo liebgewonnen und hätten ihn schon wieder hochgeholt und bis ans Venue-Ende getragen, aber irgendwie hatte die eifrige Security etwas dagegen und krallte sich den armen Pablo. Mr. Booker gefiel das wiederum gar nicht, brach seinen Song sofort ab und eilte geradewegs in die Menge, um Kollege Pablo zu befreien. Wieder auf der Bühne wies er den Security-Heini an, sich „the fuck out of here“ zu begeben (Und: „You have my permission to beat the security guy’s ass“), woraufhin sich Band und Publikum auf der einen und Sicherheitsleute auf der anderen Seite endgültig spinnefeind waren.

Es folgte: Menschen auf der Bühne, Security auf der Bühne, Booker schmeißt sich in Security-Guy, um ihn von der Bühne zu befördern, mehr Menschen auf der Bühne, eine tobende Menge, eskalierende Stimmung, „Pablo“-Sprechchöre und immer wieder ein paar aufheizende Ansagen von Booker – und ein paar gute Songs. Selten so gelacht, also ich bin jetzt Fan!

Eigentlich wollte Booker mit der Menschenmasse noch was trinken – und vielleicht noch bisschen randalieren –, Astrid und ich mussten aber schleunigst auf die andere Straßenseite in den Sala Apolo, wo sich schon eine lange Schlange gebildet hatte, weil die Band Viet Cong wohl viele Leute sehen wollten. Wir schafften es aber um ca. 02:00 Uhr rechtzeitig zum Beginn von The Juan MacLean vom wunderbaren DFA-Label in den Club. Dort schloss sich der Kreis zum Beginn des Abends mit etwas 80er-Feeling, wenngleich vom Sound her natürlich topmodern in die 10er-Jahre transformiert. „One Day“ ist mit dem Wechselgesang von John MacLean und der umwerfenden Nancy Whang eine Art „Don’t you want me“ 2.0 und „No Time“ erinnerte nicht nur Astrid an einen weiteren Human League-Klassiker, „Being boiled“. The Juan MacLean kommt mit seinem Dance-Punk-House a la LCD Soundsystem oder !!! extrem nahe an meine Idealvorstellung einer Band hin, die ich formen würde, wenn ich die Skills dazu hätte. Perfekter Abschluss: Die sehr extended Version von „Happy House“.

Eine Weile gaben wir uns dann noch das direkt folgende DJ-Set von Nancy Whang, aber eigentlich waren wir nach unserem Tourismus-Programm am Nachmittag und den drei Konzerten schon schlafbereit.

An Tag 2 ging es weiter mit Panda Bear, Battles, Antony and the Johnsons, Black Keys, Jungle und vielen mehr.

Primavera Sound Barcelona 2015 – Tag 0

In der Hauptveranstaltungslocation Parc del Fòrum hat das Festival noch gar nicht begonnen, doch in Barcelona wird das Primavera Sound die ganze Woche hindurch gefeiert, beispielsweise in den Clubs Sala Apolo oder Barts, die praktischerweise direkt gegenüber voneinander liegen.

Am Dienstag hetzten Astrid und ich kaum im Hotel angekommen schon wieder weiter in den Sala Apolo, um den Auftritt von Ibeyi zu erwischen. Viele Bands, die im Vorfeld des Festivals Club-Konzerte geben, sind auch im Parc del Fòrum zu sehen – Interpol, Viet Cong oder Torres –, nicht aber die frankokubanischen Zwillingsschwestern Lisa-Kaindé und Naomi Díaz.

Nicht nur weil rein aus Frauen bestehende Acts bei Festivals eine echte Rarität sind, geben Ibeyi marketingtechnisch viel her: Der Vater spielte beim Buena Vista Social Club, ihre Single „River“ samt originellem Video ist ein unvermuteter Electro-R&B-Ohrwurm und, naja, die Mädels schauen halt gut aus (Astrid: „Aso!?“). Erinnern auf der Bühne an eine Hispano-Version von Stimmwunder Beyoncé mit ihrer etwas verrückteren Schwester Solange Knowles, nur dass Ibeyi (Yoruba für Zwillinge) auf der Bühne alle Instrumente selber spielen.

Selbstlob stinkt, Selbstloop aber keineswegs, das wissen wir seit Jamie Lidell, James Blake und, sagen wir, Jo Stöckholzer. Auch Ibeyi machen von dieser Technik, Vocal- oder Drumloops live aufzunehmen und die Tracks aufeinander aufzubauen wie ein Kartenhaus, regen Gebrauch. Was hätte Brian Wilson mit dieser Live-Technik alles angestellt? Auch wenn die spärliche Instrumentierung zerbrechlich anmutet, ist der Sound dank Midi-Keyboard, Bassdrum und natürlich den voluminösen Stimmen der Zwillingsschwestern äußerst dicht – die tolle Akustik im Sala Apolo hilft.

Manchmal reicht es aber auch, wenn Lisa-Kaindé und Naomi Diaz ihre Lieder – teilweise in der afrikanischen Yoruba-Sprache – a cappella vortragen. Dem gewohnt schüchternen spanischen Publikum gefiel’s, uns auch. Und Astrid durfte sogar noch einen von einer unbekannten Person spendierten Getränke-Voucher in einen Gin-Tonic verwandeln (ich durfte mitnippen). Hat sich ausgezahlt.

Heute Donnerstag geht’s planmäßig weiter mit OMD (die gibt’s noch!?) bei der Gratis-Auftaktveranstaltung im Parc del Fòrum sowie Benjamin Booker, The Juan MacLean und Nancy Whang in den Clubs.