Archiv der Kategorie: Konzertkritik

Von allen alten Bekannten schätz‘ ich doch am meisten die interessanten

Konzertbericht: Die Sterne, Weekender Club Innsbruck, 28. April 2015:

„Ist das die endgültige Wachablöse in der deutschsprachigen Popmusik? Der unvermeidliche Generationenwechsel?“ Fragen wie diese konnten dem geneigten Hörer zu Beginn des gestrigen Konzertabends durch den Kopf geistern: Zwischen zwei blitzartig ausverkauften Auftritten der neuen Ösi-Popstars Wanda kamen Die Sterne in den Weekender Club – und anfangs sah es ganz danach aus, als würde das Ganze quasi ein Privatkonzert: Von dem guten Dutzend Leute, die um acht Uhr den Saal füllten (oder eben nicht), kannte ich die Hälfte persönlich. Eigentlich fehlte nur noch der berühmte Strohballen, den es durchs Bild weht.

Also fragte man sich weiter: „Sind die Sterne einfach schon zu alt? Haben sie ihre beste Zeit hinter sich? Kennt das junge, studentische Publikum von heute sie nicht mehr? Ist – man entschuldige das naheliegende Wortspiel – ihr Stern im Sinken begriffen? Und leben auch Viva-2-sozialisierte Sterne-Fans inzwischen – einer geht noch – hinterm Mond?“ Die Antwort lautet: Mitnichten.

Erstens füllte sich der Weekender Club dann doch noch recht anständig (zumindest für einen Dienstagabend), wobei der Altersschnitt durchaus niedrig war. Vor allem aber ließen die Sterne sofort alle etwaigen Zweifel verstummen.

Schon nach der ersten Ansage von Sänger Frank Spilker wusste man, dass man hier genau richtig ist: Ein Album „Flucht in die Flucht“ zu nennen – so heißt das 2014er-Werk der Sterne – sei im Grunde anmaßend, meinte Spilker sinngemäß. Denn wenn man an die Menschen denke, die wirklich flüchten müssen – aus unvorstellbaren Verhältnissen, unter Lebensgefahr – seien unsere alltäglichen Problemchen (und unsere alltäglichen Fluchten) irgendwie lächerlich. Aber immerhin stelle der folgende Song („Wie groß ist der Schaden bei dir?“) die richtigen Fragen.

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Unter den einflussreichen deutschen Popbands sind die Sterne vielleicht die politischste – aber sie kommen, textlich wie musikalisch, glücklicherweise nie verkrampft, verbissen und verbohrt daher, sondern leichtfüßig, humorvoll und beschwingt. Sie wissen um die Macht des Grooves, sprechen Hirn, Herz und Hintern gleichermaßen an.

Klar, die Sterne haben etwas zu sagen, aber statt dem erhobenen Zeigefinger gibt es bei ihnen zwischendurch auch das notwendige Augenzwinkern: Über „Flucht in die Flucht“, den Titelsong des neuen Albums, meinte Spilker etwa: „Man muss das gar nicht immer intellektualisieren, das ist einfach ein Sauflied“ – natürlich eines, das vom Bierzeltmief nicht weiter entfernt sein könnte.

Spilker, der in puncto Gesichtsform entfernt an den „Beißer“ aus den James-Bond-Filmen erinnert (wenn auch ungleich freundlicher; danke an Konzertbesucher Raimund für diese bizarre Beobachtung), mag aufgrund seiner Größe immer etwas schlaksig wirken. In Wahrheit ist er aber ein mitreißender, charismatischer, hochsympathischer Frontmann. Und ein großartiger Sänger und Texter sowieso.

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Wanda, s’isch Zeit! Austropop zwischen Euphorie und Karaoke

Konzertbericht: WANDA, Weekender Club Innsbruck, 25. April 2015:

Gut eineinhalb Monate nach Bilderbuch (auf den Konzertbericht von Mitblogger Steff warten wir leider immer noch vergebens ;-)) stattete auch die zweite österreichische Band der Stunde dem Innsbrucker Weekender Club einen Besuch ab: Wanda gaben gestern eines von zwei seit Wochen ausverkauften Gastspielen.

Es war ein Erlebnis der Dritten Art – was nicht zuletzt am Publikum lag: Die Tatsache, dass Wanda mit zwei, drei Singles, einem Album und dem begleitenden Hype so schnell eine so ergebene Fanbase erobern konnten, kann man nur als erstaunlich bezeichnen. Ein großer Teil des Publikums konnte jede Nummer (auch die entlegeneren) von vorne bis hinten auswendig mitsingen – und stellte das auch jederzeit unter Beweis. „Textsicher“ wäre ein Hilfsausdruck für das, was da zu hören war.

All das muss man als Band erst einmal schaffen: ein Publikumsspektrum, das von Indiekids bis hin zu angejahrten Austropop-Veteranen reicht; ein rappelvoller Saal, der lauthals wienerisch-morbide Zeilen wie „Ich saufe keinen Schnaps, ich sauf‘ einen Pistolenlauf“, „Sterben wirst du leider in Wien“ oder „Ich fall in ein tiefes Loch, ein tiefes Loch hinein“ mitgrölt; Karaoke, wildes Herumgehopse, ja sogar eine Fahne (sic!) mit der Aufschrift „Wanda/Amore“.

Wann hat eine (gute) österreichische Band zuletzt eine derartige Euphorie im eigenen Land entfacht? Zumindest in meiner – inzwischen auch nicht mehr ganz kurzen – Lebensspanne kann ich mich an nichts Vergleichbares erinnern. Oder, wie es Bloggründer Dave pointiert formulierte: „Seit wann werden Wiener in Tirol so freundlich aufgenommen? Da läuft etwas falsch.“

Für Wanda läuft momentan aber natürlich alles goldrichtig: In Innsbruck servierten sie einen Hit nach dem anderen (das Album „Amore“ besteht, zumindest so weit ich es kenne, ohnehin nur aus Hits, Hits, Hits): „Schickt mir die Post“ gab es schon früh zu hören, „Auseinandergehen ist schwer“ und den Austropop-meets-Italopop-Instantklassiker „Bologna“ direkt hintereinander, das schwer Falco-eske „Easy Baby“ dann im Zugabenblock. Aber auch „Bleib, wo du warst“, „Kairo Downtown“ oder „Wenn ich zwanzig bin“ wurden heftig akklamiert.

Das fetzige „Luzia“ spielten Wanda sogar zweimal, als Eröffnungsnummer und als Rausschmeißer. Einen größeren Songkatalog hat so eine junge Band eben noch nicht zu bieten (wenn man von dem von Kollegen Steff schmerzlich vermissten „Jelinek“ einmal absieht).

Mit Marco Michael Wanda (heißt der Mann nun wirklich so oder nicht? Dieses Rätsel konnten wir gestern nicht lösen) verfügen Wanda über einen begnadeten, charismatischen, irgendwie sehr österreichischen Frontmann: Mit seiner nicht allzu formschönen Lederjacke und dem offenen Hemd, das schüttere Haar von keinem Kamm belästigt, wirkte er so, als hätte man ihn um drei Uhr früh irgendwo im Zweiten Bezirk aufgelesen und, Tschick und Seidl noch in Händen, direkt vors Mikro verpflanzt: „Eben noch im Eckbeisl, jetzt schon auf unserer Showbühne“.

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Einfach geht’s einfach einfacher

Konzertbericht: GIUDA, PMK Innsbruck, 6. Februar 2015

Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Einkommensteuererklärungen, globale Erwärmung und Bankenkrise: Das Leben ist schon kompliziert genug. Also muss man nicht auch noch die Musik künstlich verkomplizieren. Oft geht es einfach einfach einfacher.

Diesem Motto scheint zumindest das römische Quintett Giuda zu folgen, das mit seinem eingängigen und ordentlich einfahrenden Mix aus (Proto-)Punk, Glam, Pubrock und stampfendem Hardrock für eine gut gefüllte PMK (um hier endlich einmal das korrekte Geschlecht zu verwenden) sorgte.

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Giuda (sprich: „Tschuda“, italienisch für Judas und somit ein verdammt guter Name für eine Punkband) nennen als wichtigen Einfluss – neben räudigem Rock ’n‘ Roll, frühem Pub-/Punkrock oder Sixties-Bubblegum-Pop – vor allem 70er-Glamrock-Bands wie Slade oder T. Rex. Von diesem Genre habe ich persönlich nicht viel Ahnung (Kollege Dave weiß dazu sicher mehr), ich weiß aber, dass Glam/Glitter mit dem einige Jahre später einsetzenden Punk (trotz aller Unterschiede) ein ideologisches Ziel teilte: dass Rockmusik wieder einfach, direkt und prägnant klingen, ungebremste Energie vermitteln und einfach (!) Spaß machen sollte.

Genau das lieferten Giuda in der PMK ab: hymnische Refrains, die man schon nach dem ersten Hören mitsingen kann (was die textsicheren Fans sofort taten), Melodien, die einen auch nach dem fünften Bier nicht überfordern, kurz: „populistischen“ Rock im besten Sinne, dabei kompetent, ökonomisch und, wie der Engländer sagt, tight as hell gespielt. Oder, wie Kollege Dave es sinngemäß formulierte: So einfach wie möglich – und das so gut wie möglich.

Das Rückgrat von Giuda bilden zwei gleichrangige, dabei höchst unterschiedliche Frontmänner, die auch schon bei der Vorgängerformation „Taxi“ aktiv waren: Da ist einmal Sänger Ntendarere Djodji Damas, kurz Tenda, ein Schrank von einem Mann mit einer angemessen dröhnenden Stimme, Danko-Jones-Gedächtnis-Ohrringen und vergleichbarem Energielevel. Daneben Sänger und Leadgitarrist Lorenzo Moretti, dünn und drahtig wie ein italienischer Abwehrspieler, mit dünner und drahtiger, fast femininer Punkstimme, der auch und gerade bei den rein instrumentalen Nummern zu Hochform auflief. Ein toller Kontrast!

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Im Reich der Maschinenmenschen

Konzertbericht: Elektro Guzzi, PMK Innsbruck, 19. Dezember 2014:

Manchmal ist im Leben und in der Musik wirklich das drin, was draufsteht: So wie bei Elektro Guzzi. „Live-Techno“ lautet das Etikett, mit dem das längst auch international abgefeierte österreichische Trio seit Jahr und Tag bedacht wird. Und womit noch? Mit Recht.

Zum einen geht es hier wirklich ums Liveerlebnis, das kann ich nach dem Konzerterlebnis im PMK bestätigen – wobei mir der Elektro Guzzi-Sound auch auf Platte (Parquet, 2011) durchaus zusagt. Zum anderen wird hier wirklich (minimalistisch-hypnotischer) Techno in Reinkultur serviert, allerdings mit der klassischen Rockbesetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Diese scheinbar widersprüchliche, wenn nicht unmögliche Kombination – die Körperlosigkeit des Techno hier, die schweißtreibende Intensität eines Rockkonzerts dort – ist nach wie vor ziemlich einzigartig. Und sehr, sehr beeindruckend. Mit der Präzision eines Uhrwerks, um nicht zu sagen: mir roboterhafter Akribie setzen Elektro Guzzi Beats, Breaks und allerlei betörende Soundeffekte – und lassen das Ganze dennoch erstaunlich organisch und funky klingen. Der Kraftwerk’sche Traum von der Menschmaschine, hier scheint er wahr geworden. Auch wenn die Band selbst dieses Image eher loswerden will.

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Wehe, wenn sie losgelassen …

Konzertbericht: Dave & The Pussies vs. Daikaiju, Riverhouse Fieberbrunn, 4. Oktober 2014

Surf-Rock-Gipfeltreffen in Fieberbrunn: Dave & The Pussies, zweifelsohne Österreichs beste Surf-Formation (das behaupte ich jetzt einfach, ohne andere österreichische Surf-Formationen zu kennen), trafen in ihrem Heimatort auf die US-Psycho-Surf-Urviecher von Daikaiju, denen ein geradezu furchteinflößend guter Ruf als Liveband vorauseilt. Völlig zu Recht, wie sich an diesem ungewöhnlichen Abend erweisen sollte …

Das Motto der Veranstaltung, „Monsters of Surf“, war kein bisschen übertrieben: Nicht nur weil beide Bands auf einem einschlägigen Sampler gleichen Namens vertreten sind, sondern auch wegen der – im besten Sinne – monströsen Livequalitäten der beiden befreundeten Gruppen (die ein paar Tage zuvor auch schon in Ottakring gewütet hatten). Diese Qualitäten entfalten sie übrigens – ich als relativer Surf-Rock-Novize muss das einfach noch einmal betonen – ohne ein einziges gesungenes Wort auf der Bühne. Ja genau, es war ein rein instrumentaler Abend. Und trotzdem (oder gerade deshalb?) ein höchst intensives Erlebnis.

Für den Auftakt sorgten die mächtigen Pussies, die mich (wie schon im Vorprogramm der Bambi Molesters) mit ihrem glasklaren, druckvollen, perfekt austarierten Sound begeisterten: Gitarre und Bass wie straff gespannte Gummibänder, dazu gleichermaßen wuchtiges wie relaxtes Schlagzeugspiel. Gitarrist David Obwaller (der auch die Mannen von Daikaiju zu wahren Lobeshymnen inspirierte) erhielt viel Freiraum für halsbrecherisch schnelle, kristallin funkelnde und stets erfrischend uneitle Soli, während die Rhythmusabteilung genau das machte, was eine gute Rhythmusabteilung macht: hochenergetisch pulsieren.

Genauso tight wie der Sound von Dave & The Pussies waren auch die straff sitzenden Trainingsanzüge der Band, einheitliche Einteiler in knalligem Gelb, die das Bild von der Band als Gang, als verschworene Gemeinschaft oder Sound-Einheit noch weiter unterstrichen. Die Bandmitglieder von Daikaiju filmten und fotografierten eifrig mit – eine klare Ehrenbezeugung gegenüber den österreichischen Genrekollegen. Die wiederum verneigten sich mit einer furiosen Coverversion von „Flight of Garuda“ vor ihren amerikanischen Gästen (die bereits zum dritten Mal den Weg ins Pillerseetal gefunden hatten).

[In obigem Video ist übrigens, im Gegensatz zum Fieberbrunn-Konzert, nicht Drummer Lukas Obwaller zu hören und zu sehen].

Danach enterten Daikaiju die Bühne: Und die Vokabel „entern“ ist hier wirklich angebracht. Denn ein Daikaiju-Konzert kann man sich tatsächlich wie eine Art Seeräuber-Angriff vorstellen, einen, bei dem keine Gefangenen gemacht werden: Vier Männer mit leicht psychotischen Masken („blast-man“, „pulse-man“, „rock-man“ und „secret-man“) wurden da ohne jede Vorwarnung von der Leine und aufs Publikum losgelassen. Und schon nach wenigen Minuten wusste man: mehr „in your face“ geht nicht.

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Daikaiju knöpften sich jede und jeden im (überschaubaren) Publikum einzeln vor, ohne den Mitwirkenden („Zuschauer“ wäre zu wenig) eine Wahl zu lassen oder lang zu fragen. Wie denn auch? Während des ganzen Konzerts sprachen die vier Herren nicht ein einziges Wort, sondern machten sich ausschließlich mit rudimentärer Pantomime (zeigen, deuten, nicken, Kopf schütteln) verständlich. Und natürlich mit ihren Instrumenten.

Apropos Instrumente: Die wurden an diesem Abend ordentlich „hergelassen“ (wie man im Unterland sagen würde): Da wurden Gitarrenkabel bis zum Zerreißen gedehnt – denn Daikaiju spielen am liebsten mitten im Publikum (und schnöde kabellose Gitarren kommen ihnen trotzdem nicht in die Tüte). Da wurden Zuschauer zu Kurzzeitmusikern umfunktioniert und manche Mädels mit Instrumenten dekoriert wie Christbäume. Da wurden Drumkits plötzlich von der Bühne geholt und mitten im Publikum wieder aufgebaut (was soundtechnisch vielleicht ein Rückschritt, stimmungstechnisch jedoch unglaublich wirkungsvoll war).

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Und es wurde immer wilder: Da wurden wurden Tische und Stühle bestiegen, da wurden Gitarristen herumgetragen, da wurden arglose Gäste aus Kufstein mit Bassgitarren behängt (ich stand ein paar Sekunden da wie der unmusikalische Ochs vorm Berg). Da konnte man Becken brennen sehen und David Obwaller als Drummer erleben, da wurde natürlich auch massenhaft Schweiß verspritzt. Kurz: Es war eine gewaltige Sause!

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Schachtelteufel mit Schiebermütze

Konzertbericht: „Louis Barabbas & The Bedlam Six“, Kufa-Bar Kufstein, 27. September 2014

Sie selbst nennen es „Lyric-Driven Dirt-Swing“, eine Unterart des „Cabaret Blues“. Und auch wenn man solche Selbstbeschreibungen mit Vorsicht genießen sollte – bei „Louis Barabbas & The Bedlam Six“ treffen sie durchaus ins Schwarze.

Zum zweiten Mal (nach April 2013) war das Septett aus Manchester auf Einladung des Vereins Kulturfabrik in Kufstein zu Besuch. Und es wurde wieder das, was es dem Vernehmen nach auch schon vor eineinhalb Jahren war: eine schweißtreibende, explosive und ausgelassene Angelegenheit.

Dafür sorgte in erster Linie Frontmann Louis Barabbas, der die Zuschauer in der KuFa-Bar mit manischem Blick, wilden Grimassen, waghalsigen Sprüngen und akrobatischen Einlagen entzückte. Immer wieder verließ er blitzartig die Bühne, um mitten im bzw. mit dem Publikum einen wilden Veitstanz aufs Parkett zu legen. Kollege Fabian kommentierte es lakonisch: „Gut, dass der ein Kabel dranhat …“ (gemeint war natürlich jenes der akustischen Gitarre). Kaum zu glauben, dass dieser Mann – also ich meine Louis Barabbas und nicht Kollege Fab – während der zweiteiligen Show (samt Pause!) nur Mineralwasser zu sich nahm und sogar auf einem Rauchverbot in der KuFa-Bar bestand.

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Konzertbesucherin Tonia fühlte sich angesichts der theatralischen, hemmungslos überzogenen Performance von Herrn Barabbas entfernt an den Zirkus erinnert – und tatsächlich musste man bisweilen an ein wildgewordenes (Bühnen-)Tier denken, wenn auch an eines mit Oldschool-Schiebermütze und offenem weißen Hemd (unter dem eine eindrucksvolle Brustbehaarung hervorlugte). Oder, um es einmal in Wolf-Haas-Manier zu sagen: so viel Energie, Duracell-Hase nichts dagegen.

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Wundertüte statt Wurlitzer

Konzertbericht: Dandy Warhols, Poolbar-Festival Feldkirch, 16. Juli 2014

Woran merkt man als Musikfan, dass man älter wird? Zum Beispiel daran, dass man sich immer öfter dabei ertappt, wie man mäßig interessante Konzertanekdoten aus grauer Vorzeit zum Besten gibt, die in der Regel folgendermaßen beginnen: „Als ich die Band X beim Festival Y im Jahr Z gesehen habe …“.

Also, liebe Kinder, das war so: Als ich die Dandy Warhols im Jahre 2003 bei Rock am Ring gesehen habe, waren sie gerade am Höhepunkt ihrer Popularität. Leider kann ich mich nur noch an exakt drei unzusammenhängende Einzelheiten erinnern: 1.) Ich habe nur die letzten paar Minuten des Konzerts erlebt – und mich darüber ziemlich geärgert (weil die Band einen super Eindruck machte). 2.) Die Dandys hatten damals einen – oder mehrere (?) – fetzige Bläser auf der Bühne. 3.) Die Frisur von Sänger Courtney Taylor-Taylor (ich glaube eine Art Irokesenschnitt) war durch und durch furchtbar.

Jetzt, über zehn Jahre später (f… – ZEHN Jahre!), bot sich endlich die Möglichkeit, das Versäumte nachzuholen – noch dazu in der wunderbaren Poolbar zu Feldkirch. Doch im Vorfeld stellte sich eine bange Frage: Bringen’s die Dandy Warhols überhaupt noch? Schließlich hatten sie seit Jahren keine nennenswerten Hits mehr (na gut, das ist vielleicht keine Kategorie ;-)), von ihren letzten zwei, drei, vier Alben hat man hierzulande nicht einen Ton mitbekommen, im Grunde waren und sind sie ziemlich vom Radar.

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Ich war also gespannt: Würden sie die Jahrtausendwende-Nostalgieschiene fahren und nur ein vorhersehbares Greatest-Hits-Programm servieren? Oder würden sie ihr Publikum, im Gegenteil, mit viel zu vielen Nummern von ihren letzten Alben quälen, wo die meisten doch nur auf die großen Hits warten? Um es gleich vorwegzunehmen: Beide sorgenvollen Annahmen wurden in der bestens gefüllten, leicht saunaartigen Poolbar widerlegt.

Denn die Dandys spielten eine bestens ausbalancierte Mischung aus bekannten, weniger bekannten und gänzlich unbekannten Nummern. Von ihrer durchaus ansehnlichen Zahl an (Alternative-)Hits waren fast alle zu hören (vielleicht mit Ausnahme von „Everyday Should Be A Holiday“ oder „Smoke It“), so zum Beispiel „We Used To Be Friends“ (gleich am Anfang), „Not If You Were The Last Junkie on Earth“ (mit dem legendären Refrain: „Heroin is so passé“), das wunderschöne „You Were The Last High“ (auf Platte mit Evan Dando von den Lemonheads eingesungen), das mitreißende „Get Off“ (eines der Highlights) und natürlich die zu Tode gespielte Hipster-Hymne „Bohemian Like You“ (die sich gar nicht so leicht zu Tode spielen lässt, weil sie trotz allem ein verdammt guter Popsong bleibt).

Daneben bot der Abend aber auch viel Futter für echte Dandys-Kenner (zu denen ich mich nicht unbedingt zählen würde) – vom halluzinierenden Opener „Be-In“ über die frühe Single „Ride“ bis hin zu Albumtracks wie „Solid“ oder „Everyone Is Totally Insane“. Das klang dann – und damit dürften viele im Publikum nicht gerechnet haben – oft schwer psychedelisch und phasenweise recht experimentell. Besonders das verstörende „I Love You“ wurde zu einer wild ausufernden, hypnotisierenden Improvisation ausgewalzt.

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„Scheiß da nix, no fait da nix“ oder: Von der Schönheit des Unberechenbaren

Konzertbericht: Howe Gelb, Astnersaal Wörgl, 21. Juni 2014

Die Entscheidung gegen das Match Deutschland vs. Ghana war nicht einfach – aber sie war goldrichtig. Denn die Paarung Howe Gelb vs. Astnersaal war einfach noch viel reizvoller. Die atmosphärische Musik des Waldschrats – korrigiere: Wüstenschrats – aus Tucson, Arizona, erschien mir schon im Vorfeld wie gemacht für den charaktervollen, elegant verwelkten Wörgler Ballsaal. Und so war es dann auch.

Der verdienstvolle Kulturverein SPUR. holt schon seit Jahren großartige Musik abseits des Hauptstroms nach Wörgl, unermüdlich und eigensinnig – von feinen österreichischen Musikern wie Gustav, Son Of The Velvet Rat oder Der Nino aus Wien bis hin zu ausgewählten internationalen Künstlern (Phil Shoenfelt, Al de Loner, Marianne Dissard …). Mit dem einzigen Österreich-Konzert von Howe Gelb konnten die Veranstalter rund um Obmann Günther Moschig diesmal aber einen besonders schönen Fang an Land ziehen.

Schön war auch schon das Vorprogramm:  Den jungen Songwriter Gabriel Sullivan, ebenfalls aus Arizona, kannte ich schon vom rundum empfehlenswerten Album „Tucson. A Country Rock Opera“ (2012), für das Howe Gelb sein loses Kollektiv Giant Sand zu Giant Giant Sand aufgestockt hatte. Sullivan singt eines der schönsten Lieder auf dieser Scheibe, den vollendeten TexMex-Country-Schmachtfetzen „The Sun Belongs To You“ (zu finden auch in meinen Jahrescharts für 2012).

In Wörgl war dieser Song leider nicht zu hören, dafür aber eine Reihe ähnlich stimmungsvoller, melancholischer Nummern, von Sullivan mit grabestiefer Stimme à la Tom Waits oder Johnny Cash vorgetragen (wie Letzterer war auch Sullivan ganz in stilvolles Schwarz gekleidet).

Sullivan hat laut eigenen Angaben den Neujahrsvorsatz gefasst, jeden Tag einen Song zu schreiben (nicht unbedingt zur Freude von Nachbarn und Freundin). Ergebnisse dieses laufenden Schaffensprozesses waren in Wörgl ebenso zu hören wie Songs von einem in Bälde erscheinenden Album, die Sullivan in Aarhus mit dänischen Musikern aufgenommen hat.

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Genau diese dänischen Musiker enterten nach ein paar Sullivan’schen Solonummern auf einmal die Bühne: Drummer Peter Dombernowsky und Bassist Nikolaj Heyman (beide von der Band The DeSoto Caucus, die kürzlich auch in Innsbruck zu erleben war) und Maggie Björklund an der Pedal Steel (sie hat schon mit Jack White, Calexico und vielen anderen gespielt). Mit dieser exzellenten Begleitung – sie bildete an diesem Abend auch Howe Gelbs Band –  brachte Sullivan unter anderem eine atmosphärisch dichte Version von Bruce Springsteens „The Ghost of Tom Joad“ zu Gehör.

Beim letzten Song der Vorgruppe stand dann plötzlich ein weiterer Typ auf der Bühne, mit ergrautem Vollbart, „Good Luck“-Schildkappe und leicht abwesendem Blick. Für eine gefühlte Ewigkeit hantierte er mit Verstärkerkabeln und Gitarren herum, um den von ihm gekaperten Song dann mit schneidenden E-Gitarren-Soli kunstvoll gegen die Wand zu fahren: Man sieht schon, Howe Gelb schert sich wenig um die Konventionen eines Rockkonzerts.

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Doch wenn er – mit sonorer Hall-Stimme und leicht ironischem, wissendem Grinsen – das „green grass of home“ heraufbeschwört, „Welcome to the desert“ singt oder erzählt „She Caught the Katy (And Left Me a Mule To Ride)“  (ein Bluesklassiker von Taj Mahal), dann hat man sofort die passenden Bilder im Kopf. Gelbs stimmliches Spektrum mag begrenzt sein, sein Ideenreichtum und sein verschrobenes Charisma sind es nicht.

Dem Wörgler Publikum kredenzte er einen schönen Mix aus Songs von seinem neuen Soloalbum „The Coincidentalist“ (die ihren unspektakulären, kargen Charme live voll entfalteten) und herrlichen Giant Sand- bzw. Giant Giant Sand-Nummern.  Bei „Vortexas“ vermisste man Will Oldham (der im Original mitsingt) kaum, beim hitzeflimmernden „Forever and a Day“ (ebenfalls in meinen 2012er-Charts zu finden ;-)) fehlten eigentlich nur noch die Mariachi-Bläser zum totalen Glück:

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Vom Dröhnen der Drohnen. Oder: Männer, die auf Mac-Books starren

Heart of Noise-Festival, Stadtsäle Innsbruck, Tag eins (6. Juni 2014)

Die vierte Auflage des Heart of Noise-Festivals – die erste, die ich zumindest einen Tag lang genießen durfte – widerlegt gleich zwei Annahmen: Erstens: Es gibt in Österreich keine liebevoll kuratierten, alternativen Festivals. (Ein Missstand, auf den Bloggenosse Steff gerne hinweist). Zweitens: In Tirol gibt es überhaupt keine brauchbaren Musikfestivals.

Wahr ist vielmehr: Die Organisatoren des „Heart of Noise 2014“ haben nicht nur ein kompromissloses, forderndes Programm denkbar weit weg vom Festival-Mainstream zusammengestellt (ähnlich wie das Donaufestival in Krems, das bei mir auch schon länger auf der Liste steht), sondern sich auch sonst viel einfallen lassen, um gängige Hör- und Sehgewohnheiten zu durchbrechen.

Das zeigte sich schon beim erstaunlichen Beginn dieses Festivaltages in den Innsbrucker Stadtsälen: Eine ferngesteuerte, leuchtende Quadrocopter-Drohne glitt, einer fliegenden Untertasse gleich, durch den riesigen Raum und schwebte unwirklich im Gegenlicht, untermalt von minutenlangen, magengrubenaufwühlenden Drones aus großen Verstärkerwänden. Der mögliche tiefere Sinn – eine Drohne (engl. drone) wird von einem mächtigen maschinellen Bassbrummen (engl. ebenfalls drone!) begleitet – wurde mir erst jetzt beim Schreiben klar. Aber auch ohne solche hintersinnigen Gedankenspiele war das einfach ein Wahnsinnsauftakt!

Apropos Wahnsinn: Schon bei den ersten Künstlern – dem Produzenten Chris Douglas vulgo Dalglish und dem Visual-Spezialisten Dave Gaskarth – wurde klar: Hier werden keine Gefangenen gemacht. Musik ist beim Heart of Noise-Festival als intensive körperliche Erfahrung zu verstehen, ganz wie es der Titel des Festivals verspricht: Die Lautstärke war ohrenbetäubend, die subsonischen Bassfrequenzen ließen die ganze Magen- und Bauchgegend ungesund vibrieren, ebenso die Stühle unterm Hintern (zu diesem Zeitpunkt war der Stadtsaal noch bestuhlt). Ein Wunder, dass es hier – so weit ich weiß – zu keinen Herzinfarkten (oder zumindest zu spontanen Darmentleerungen) kam …

Chris Douglas aus San Francisco gilt als einer der Vorväter der sogenannten Intelligence Dance Music (IDM), er hat mit einschlägigen Elektronik-Größen wie Autechre, Underground Resistance und Boards of Canada zusammengearbeitet. Die Musik seines Projekts Dalglish wird im Festivalbooklet mit Wörtern wie „labyrinthisch“, „alptraumhaft“ oder „sinister“ beschrieben. Da kann man so stehenlassen. Zu hören war ein kompromissloser Mix aus Doom-Drones, Noise-Schlieren, Interferenzen und anderen Störgeräuschen, Maschinenkreischen und Dissonanzen: Anstrengend? Sicher. Aber auch lohnend, wenn man sich einfach voll darauf einlässt.

Das gilt auch für die atemberaubenden Visuals von Dave Gaskarth, die in Innsbruck ihre Uraufführung erlebten. Wellen, Kreise, Kugeln, Spiralen, menschliche Umrisse, seidig schimmernde Texturen (besonders schön!), verschwommene Bilder kämpfender Körper, Abstraktes und Konkretes: Auch ohne Drogen wurde man sofort voll hineingezogen. Die visuelle Ebene spielt beim Heart of Noise überhaupt eine zentrale, mindestens gleichberechtigte Rolle: Nicht nur, weil es relativ fad ist, wenn man nerdigen Männern dabei zuschaut, wie sie in ihre Mac-Books starren, sondern weil es den Festivalmachern und den Künstlern um eine Rundumerfahrung, sozusagen um ein totales Erlebnis zu gehen scheint.

Wie so was ungefähr klingt (vom Innsbruck-Auftritt ist leider nichts online), zeigt ein hier verfügbarer Dalglish-Mix oder der folgende kurze Ausschnitt vom Roskilde-Festival, bei dem halt diverse Dimensionen (pure Lautstärke, Bass, Visuals) fehlen:

Die Herz-Rhythmus-Störungen, die mich schon einige Tage vor dem Festival geplagt hatten, freuten sich jedenfalls über so viel Zuwendung. Mit einem Herzschrittmacher sollte man sich einen Heart of Noise-Besuch auf jeden Fall zweimal überlegen.

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Dieser Umsturz war keine Massenbewegung

Konzertbericht: THE COUP, Kulturfabrik Kufstein, 21. Mai 2014

Stell dir vor, es ist Revolution und keiner geht hin: „The Coup“ – mit Hunderttausenden YouTube-Klicks und rappelvollen Venues von Paris bis Budapest durchaus eine große Nummer im globalen Hip-Hop- und Funk-Underground – gaben in Kufstein ihr einziges (!) Österreich-Konzert. Ein echter (und sicher nicht billiger) Coup, der den Konzertveranstaltern vom unermüdlichen Kulturverein KlangFarben da gelungen war. Und trotzdem fanden sich in der Kulturfabrik wieder einmal nur ein paar Dutzend Zuschauer ein. Auch wenn die Werbemaßnahmen insgesamt eher bescheiden waren (vielleicht in der Hoffnung auf die Macht der Mundpropaganda) – das kann es doch wirklich nicht sein!

Von den weisen Menschen, die gekommen waren, dürfte jedenfalls keine und keiner den Konzertbesuch bereut haben: Denn das Hip-Hop/Funk/Agitprop-Kollektiv aus dem kalifornischen Oakland legte – dem schwachen Publikumszuspruch (und einigen kleineren Soundproblemen) zum Trotz – eine elektrisierende, energiegeladene Show hin, wie man sie auch in viel größeren Städten nicht alle Tage zu sehen bekommt.

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Die heimische Vorband „Jeez“ (die an diesem Abend unter dem seltsamen Namen „Trippin‘ Species“ firmierte) erwies sich mit ihrem groovigen Space-Rock – geprägt von George von Stadens psychedelischen Keyboardeffekten – im Nachhinein als durchaus passende Wahl. Denn auch „The Coup“ klangen phasenweise überraschend rocklastig: Bei ihrem unorthodoxen Mix aus Rap, Funk und schweren Riffs musste man mitunter gar an (weniger brachiale) Rage Against The Machine oder Bad Brains denken.

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Rapper Boots Riley – im klassischen Black-Power-Look mit Afro und mächtigen Koteletten – erwies sich als begnadeter Frontmann und wahres Energiebündel. Als gestandener Politaktivist weiß er außerdem auch, wie man klassenkämpferische, emanzipatorische Botschaften unters Partyvolk bringt, ohne oberlehrerhaft und verkrampft zu wirken: nämlich mit Humor und geschmeidigen Grooves. Es gelte, die eigene Umwelt aktiv zu verändern, meinte er an einer Stelle, denn sonst sei es wie auf einer Party, auf der alle tanzen – und nur man selbst steht an der Wand und schaut zu:  „In that case you haven’t even been to the party“.

Auch Selbstironie weiß Riley geschickt und gewitzt einzusetzen: Auf die Feststellung, wie wichtig es sei, echte demokratische Kontrolle über die eigenen Produktionsmittel und die Warenproduktion im Allgemeinen zu erlangen, folgte bruchlos das Eingeständnis: „We just became musicians, because we are too lazy to work.“

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