Archiv der Kategorie: Allgemein

Dieser Umsturz war keine Massenbewegung

Konzertbericht: THE COUP, Kulturfabrik Kufstein, 21. Mai 2014

Stell dir vor, es ist Revolution und keiner geht hin: „The Coup“ – mit Hunderttausenden YouTube-Klicks und rappelvollen Venues von Paris bis Budapest durchaus eine große Nummer im globalen Hip-Hop- und Funk-Underground – gaben in Kufstein ihr einziges (!) Österreich-Konzert. Ein echter (und sicher nicht billiger) Coup, der den Konzertveranstaltern vom unermüdlichen Kulturverein KlangFarben da gelungen war. Und trotzdem fanden sich in der Kulturfabrik wieder einmal nur ein paar Dutzend Zuschauer ein. Auch wenn die Werbemaßnahmen insgesamt eher bescheiden waren (vielleicht in der Hoffnung auf die Macht der Mundpropaganda) – das kann es doch wirklich nicht sein!

Von den weisen Menschen, die gekommen waren, dürfte jedenfalls keine und keiner den Konzertbesuch bereut haben: Denn das Hip-Hop/Funk/Agitprop-Kollektiv aus dem kalifornischen Oakland legte – dem schwachen Publikumszuspruch (und einigen kleineren Soundproblemen) zum Trotz – eine elektrisierende, energiegeladene Show hin, wie man sie auch in viel größeren Städten nicht alle Tage zu sehen bekommt.

trippin species

Die heimische Vorband „Jeez“ (die an diesem Abend unter dem seltsamen Namen „Trippin‘ Species“ firmierte) erwies sich mit ihrem groovigen Space-Rock – geprägt von George von Stadens psychedelischen Keyboardeffekten – im Nachhinein als durchaus passende Wahl. Denn auch „The Coup“ klangen phasenweise überraschend rocklastig: Bei ihrem unorthodoxen Mix aus Rap, Funk und schweren Riffs musste man mitunter gar an (weniger brachiale) Rage Against The Machine oder Bad Brains denken.

boots riley eins

Rapper Boots Riley – im klassischen Black-Power-Look mit Afro und mächtigen Koteletten – erwies sich als begnadeter Frontmann und wahres Energiebündel. Als gestandener Politaktivist weiß er außerdem auch, wie man klassenkämpferische, emanzipatorische Botschaften unters Partyvolk bringt, ohne oberlehrerhaft und verkrampft zu wirken: nämlich mit Humor und geschmeidigen Grooves. Es gelte, die eigene Umwelt aktiv zu verändern, meinte er an einer Stelle, denn sonst sei es wie auf einer Party, auf der alle tanzen – und nur man selbst steht an der Wand und schaut zu:  „In that case you haven’t even been to the party“.

Auch Selbstironie weiß Riley geschickt und gewitzt einzusetzen: Auf die Feststellung, wie wichtig es sei, echte demokratische Kontrolle über die eigenen Produktionsmittel und die Warenproduktion im Allgemeinen zu erlangen, folgte bruchlos das Eingeständnis: „We just became musicians, because we are too lazy to work.“

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Jahrescharts 2013

Da war doch noch was. Okok, schließen wir das ab. Meine Lieblingslieder von 2013 in Text-, Video- und Linkform.

1 Arcade Fire „Porno“

Eine echte Liesbesheirat, jene von Arcade Fire und (Produzenten-)Genie James Murphy auf dem Album „Reflektor“. Die Songs von Arcade Fire waren schon immer ein Genuss, mit Murphys Einfluss kam noch eine Komponente hinzu, von der ich bisher gar nicht wusste, dass ich sie vermisse. Zwar sagte Murphy, er hätte eher an jenen Songs mitgarbeitet, denen man das gar nicht so anhört, was heißen würde: an „Porno“ eben nicht. Aber: Nein, die Handschrift ist unverkennbar. Interessant, dass Reviews den Song vereinzelt als „weakest link“ auf dem Album ausmachen. Ich werde wohl schon auch was am Text finden.

2 Daughter „Youth“

The xx haben vor ein paar Jahren mit ihrem sphärischen, angenehm zurückhaltend instrumentierten Sound den Weg geebnet für Bands wie Daughter, die mir zum ersten Mal begegneten, als sie Daft Punks „Get lucky“ völlig für sich vereinnahmten. Eine Offenbarung! Das Album insgesamt find ich jetzt nicht so toll, aber „Youth“ schlägt mit seinem „And if you’re still breathing, you’re the lucky ones“ Gänsehaut-Alarm.

3 The Knife „Full of Fire“

Das ist mit Abstand der beste Song des Jahres, nur dauert er halt ungefähr sechs Minuten zu lang, sodass man ihm völlig überdrüssig wird. Irgendwann ist genug, so viel Politik in die Goschn ist echt „hard to solve“. Gut, ok, The Knife sind gscheider als ich, ihre Live-Shows zu clever, die Texte zu tiefsinnig, die Message zu vieldimensional, die Beats zu vertrackt, find ich ja alles soweit extrem bewundernswert, bis dahin folge ich ihnen halbblind. Aber spätestens zum Salt’n’Pepa-Verweis am Ende („Let’s talk about gender baby, let’s talk about you and me“) befinden wir uns dann doch recht nahe an der Irrenhaus-Einweisung. All das ist natürlich völlig so gewollt, deshalb: Spitze.

4 Fuck Buttons „Stalker“

Eigentlich hätte ich die Fuck Buttons am Rande ihres Auftritts in der Innsbrucker pmk gerne interviewt. Am Ende reichte es nur für die Frage, ob sie wirklich schon mal beim Fuck-Festival in Fucking auftraten, wie auf Wikipedia behauptet wird. In einer Zeit, in der Leute behaupten, es war alles schon mal da und kommt nur in zitierter Form wieder, stehen die Fuck Buttons für echte Avantgarde.

5 Austra „Sleep“

Der melancholische Zauberwald-Elektro-Goth von heute hört Austra. Und ich halt auch. Als Mann möchte man Katie Stelmanis bekehren, als Frau möchte man… was weiß ich. Als ihre Eltern die „Olympia“-Single „Home“ hörten, haben sie Stelmanis‘ Freundin mal so richtig zur Rede gestellt: „Why aren’t you coming home at night?“. Aber „Sleep“ gefällt mir noch besser.

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Die spinnen, die Finnen!

Konzertbericht: Death Hawks, Sahara Surfers & Tracker, Kulturfabrik Kufstein, 17. Mai 2014

„Psychedelisch (zusammengesetzt aus altgriech. ψυχη psychḗ – ‚Seele‘ und δῆλος dẽlos – ‚offenkundig, offenbar‘) bezeichnet einen durch den Konsum bestimmter Drogen (sogenannter Psychedelika), aber auch mittels geistiger und ritueller Praktiken (etwa Trancetanz oder Meditation) erreichbaren veränderten Bewusstseinszustand. Dieser zeichnet sich unter anderem durch eine Aufhebung der Grenzen zwischen dem Ich und der Außenwelt aus, wodurch es zu spirituellen Erlebnissen und Erfahrungen von Alleinheit kommen kann. In diesem Zusammenhang spricht man oft auch von einer Bewusstseinserweiterung.“

Soweit Wikipedia. Eine wichtige Quelle psychedelischer Erfahrung lässt das allwissende Lexikon hier aber eher unter den Tisch fallen: Musik. Dabei gehört das „hypnotische“, „halluzinogene“ Element – also die Möglichkeit, sich komplett in Klangwelten fallen zu lassen und alles Andere auszublenden – aus meiner Sicht zu den wichtigsten Eigenschaften von Musik (egal ob es sich nun um eine Mozart-Sinfonie, LSD-vernebelten Psychedelic Rock oder repetitive Elektronik handelt).

Ein schönes Beispiel für die hypnotisierende Wirkung von Musik konnte man sich kürzlich in der KuFa Kufstein genehmigen. Der verdienstvolle Verein Kulturfabrik hatte gleich drei Bands eingeladen, die für Rockmusik der ausufernd-psychedelischen Art stehen.

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Wenn der Tellerrand zu hoch ist

Konzertbericht: „Guano Padano“ & „Free Nelson Mandoomjazz“, Kulturfabrik Kufstein, 24. April 2014

„Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“: Dieses (abseits seiner leicht agrarfeindlichen Note)bestens bewährte Sprichwort trifft nirgendwo mehr zu als im kulturellen Bereich.  Warum die meisten Leute gerade bei Musik so schwer dazu bewegen sind, sich auch einmal auf etwas Neues und Unbekanntes einzulassen – während es ihnen z. B. beim Essen oder Reisen inzwischen gar nicht mehr „exotisch“ genug sein kann –, dieses Rätsel konnte ich bis jetzt noch nicht ergründen.

Aus meiner lokaljournalistischen Erfahrung weiß ich jedenfalls: Was die Leute nicht kennen, das ignorieren sie. Komplett. Wenn wir versuchen, vier oder fünf Frei(!)karten für Konzerte abseits des Mainstreams zu verlosen, haben wir in der Regel größte Schwierigkeiten, sie überhaupt loszuwerden (auch für grandiose Bands wie Haight-Ashbury oder namhafte Künstler wie zuletzt etwa Anne Clark). Aber wehe, wir verlosen Einkaufsgutscheine, Skipässe oder Tickets für Hansi Hinterseer – dann glühen die Leitungen und die Briefträger müssen Sonderschichten einlegen.

Warum wagen so wenige Leute den Blick über den akustischen Tellerrand? Liegt es an der medialen Übersättigung des zum „Konsumenten“ degradierten Musikhörers? An der Angst vor dem Unbekannten? Was kann man schon verlieren, wenn man auf das Konzert einer unbekannten Band geht?  Schlimmstenfalls ein paar Euro und einen Abend, den man sonst wahrscheinlich vor dem Fernseher verbracht hätte. Gewinnen kann man viel mehr: aufregende Erfahrungen, neue Einblicke, unerhörte Klangerlebnisse.

Hinzu kommt, dass das „Risiko“, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen, heute ohnehin geringer ist denn je, YouTube, Spotify und Co. sei Dank. (Dank?). Richtig hohen Blutdruck bekomme ich übrigens dann, wenn sich dieselben Leute, die den Arsch nicht hochkriegen, dann lauthals beschweren, dass „bei uns eh nichts los ist“. So geht’s nicht!

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Die Scheuklappen-Mentalität vieler Konzertbesucher (oder Eben-Nicht-Konzertbesucher) trifft vor allem kleine Veranstalter, die sich zeitlich und finanziell oft voll verausgaben, um aufregende, ungewöhnliche Künstler zu uns nach Tirol zu holen. Jüngstes Beispiel: die „Artparty“ in der Kulturfabrik Kufstein mit zwei hochinteressanten jungen Bands, veranstaltet vom Kulturverein KlangFarben. Dieser umtriebige Verein ist seit dem Vorjahr redlich darum bemüht, spannende Künstler im weiten Feld zwischen Avantgarde-/Experimentalrock, Jazz und wagemutigen Freistilklängen nach Kufstein zu holen – allzu oft leider fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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Auf der Suche nach dem Dub

Konzertbericht: Dub Trio & The Little White Bunny, PMK, Innsbruck, 8. April 2014

„Da war mir gestern eindeutig zu wenig Dub im Dub Trio“: So lakonisch brachte es Bloggenosse Dave am Tag nach dem Konzert per Facebook auf den Punkt – und postete trotzig ein Video des jamaikanischen Dub-Hohepriesters King Tubby (den die drei New Yorker als einen ihrer zentralen Einflüsse nennen). Und auch wenn mir der Auftritt insgesamt nicht schlecht gefallen hat – ganz Unrecht hat Kollege Obwaller nicht.

Es gab sie durchaus, die dubbigen, trippigen, halluzinogenen Passagen, in denen eine düstere Grundstimmung, experimentelle Gitarrenklänge und Trance-artige Rhythmen aus der Echokammer auf originelle Weise zusammenfanden – phasenweise klang das sogar wirklich atemberaubend.

Insgesamt war der Dub-Trio-Cocktail dann aber doch zu metallhaltig, zumindest für meinen Geschmack. Statt gehörschädigender Lautstärke (die auch mit Ohrenschutz grenzwertig war) und diversen eher konventionell klingenden Metal-Riffs hätte ich lieber noch mehr von diesen hypnotisierenden Drum- und Gitarreneffekten gehört, von mir aus auch von den Hörspiel-artigen Zwischensequenzen.

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Kurze Songs, ewige Freundschaft

Konzertbericht: Mike Watt & The Missingmen / Guess What / L’Oeillere, PMK Innsbruck, 1. April 2014

In „We jam econo“, einer spannenden und berührenden Doku über die einflussreiche kalifornische (Post)Punk-/Hardcore-/Experimental-/Politband Minutemen, die im Vorfeld dieses Innsbrucker Konzertabends zu sehen war, gibt es einen besonders schönen Moment: Mike Watt, Bassist und einer der beiden gleichberechtigten Songschreiber der Minutemen, erinnert sich an die Aufnahmen zum 1983er-Album „What Makes a Man Start Fires?“ und speziell an den Song „The Anchor“.

Denn: „It’s our first song where we go over two minutes, it’s two minutes and five seconds or so“. Um sich zu vergewissern, blättert Watt kurz im Booklet nach und stellt dann überrascht fest: „No, it’s two thirty. Phew! That’s our opus …“

Ein vielsagendes Statement:  Denn obwohl der Bandname „Minutemen“ nichts mit der Länge der Songs zu tun hat (er ist vielmehr eine Anspielung auf die gleichnamige Miliz aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und ein Seitenhieb auf eine rechtsextreme, reaktionäre Gruppe der 60er Jahre, die sich ebenfalls so nannte), passt er auch in dieser Hinsicht: Denn die Songs der Minutemen waren nicht nur explosiv, zornig und rasant, sondern vor allem wahnsinnig kurz. „What Makes a Man Start Fires?“ enthält 18 Songs – und dauert nicht einmal 27 Minuten. Auf „The Punchline“ von 1981 dauert der längste Song 1:18 Minuten, der kürzeste ist schon nach dreißig Sekunden vorbei!

Wie damals aufgenommen wurde, beschreibt Spot, einer der Produzenten der Minutemen, in der Doku: „Let’s forget about this multitrack stuff, let’s just set it up and do it live to two-track. You know, one take, bam!, it’s done. You‘re mixing it while you’re playing it – and that’s what we did“.

So kurz und ereignisreich wie ihre Songs war auch die Karriere der Formation aus San Pedro: Doch zwischen 1980 und 1985 hinterließen die Minutemen nicht nur viel Musik, sondern auch bleibenden Eindruck. Das machen prominente Weggefährten aus den 80ern in der Doku deutlich: Von Lee Ranaldo (Sonic Youth) über Henry Rollins bis hin zu J.Mascis (Dinosaur Jr.), von Jello Biafra (Dead Kennedys) bis Flea von den Chili Peppers äußern sich viele zentrale Figuren der amerikanischen Punk- und Alternative-Bewegung höchst positiv über die Minutemen.

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Meine hundert Lieblingslieder 2013 – Platz 1 bis 20

Bevor es losgeht, ein paar kurze charttechnische Anmerkungen:

a) Die Jahrescharts in der Übersicht und als Spotify-Playlist gibt es hier, (praktisch) alle Lieder sind im Folgenden aber auch einzeln verlinkt, sehenswerte Videos direkt eingebettet.

b) März mag reichlich spät für einen Jahresrückblick sein – aber seriöserweise ist es einfach nicht früher möglich ;-). Denn im Jänner muss man erst einmal die Konkurrenz-Jahrescharts von Rolling Stone bis Pitchfork, von Musikexpress bis FM4 studieren und sich danach einen groben Überblick über all das verschaffen, was die Musiklabels vor Weihnachten noch so rausgeblasen haben. Bis man auch nur in einen kleinen Teil der interessanten Sachen reingehört hat, ist es locker Mitte Februar. Und dann geht erst das komplizierte Auswahlverfahren los …

c) Ich habe mich diesmal regelrecht dazu gezwungen, so viel aktuelle Musik zu hören wie noch nie. Am Ende habe ich mich noch einmal durch ca. 350 Songkandidaten gewühlt, um die 100 schönsten herauszufiltern – was alles andere als leicht war. Denn auch wenn Musikpessimisten das anders sehen: Es gibt heutzutage extrem viel gute Musik in fast allen (Sub-)Genres.

d) Auffällig ist aber auch: Diesmal war es besonders schwer, aus den vielen sehr guten Songs noch einmal die zehn oder zwanzig (vermeintlich) besten auszuwählen. Die ersten acht oder neun Plätze hätten allesamt Nummer eins sein können. Und weiter unten wird die Dichte nicht kleiner. Aber: Es kann halt nur hundert geben.

e) Letzte Randbemerkung: Meine Top Ten stammen heuer fast ausnahmslos von vergleichsweise unbekannten Künstlern. Für mich zeigt das: Aufregende Musik „fließt“ heute mehr denn je abseits des trägen Mainstreams.

So, jetzt aber …

1. John Grant – Blackbelt
Knochentrocken, textlich wie musikalisch, präsentiert sich John Grant auf dieser perfekten Elektropop-Nummer, fett produziert vom isländischen Elektroniker Birgir Þórarinsson vulgo Biggi Veira (den man von der Band GusGus kennen könnte). Denn genau dort, in der erstaunlich regen Musikszene von Reykjavík, ist der US-Amerikaner Grant zwischenzeitlich gelandet.

„Blackbelt“ ist eine beißende Abrechnung mit der – oder im Fall von John Grant eher: dem – Ex. Dieser wird nicht nur als Träger des schwarzen Gürtels in „BS“ (also „bullshit“) attackiert, sondern kriegt es auch sonst ironisch-elegant um die Ohren:

„You got really good taste / you know how to cut ‘n‘ paste“ ODER „You got really nice clothes / bet you didn’t pay for those“ ODER „You think you can school me in semantics / I wouldn’t recommend that, baby / I see through your antics“. Das sitzt.

Und ein schönes Fremdwort lernt man in diesem Lied auch noch: „callipygian“, abgeleitet aus dem Altgriechischen (vom Namen einer Aphroditestatue in Syrakus), bedeutet so viel wie „having beautifully shaped buttocks“. Doch das ist auch das einzig Positive, was der Sänger über den Adressaten des Songs zu sagen weiß …

Über welche Bandbreite John Grant verfügt, zeigt die musikalisch und lyrisch komplett anders geartete Nummer sechs dieser Charts. Kaum zu glauben, dass es sich hier um denselben Künstler handelt.

 

2. Tomorrow’s World – Drive

Eines der Geheimnisse von Musik liegt im Geheimnisvollen. Das mag nach einem Pleonasmus klingen, ist heute aber wohl zutreffender denn je: Denn während man in Prä-Wikpedia/YouTube/Shazam-Zeiten ewig darüber rätseln konnte, ob man diese oder jene Textzeile wohl richtig verstanden hat, wie eine Musikerin oder ein Musiker wohl aussehen mag, hat man heute vor allem eines: too much information.

Keine Frage, die totale Verfügbarkeit ist angenehm, aber ich finde, sie beraubt die Musik doch einer ihrer wichtigsten Qualitäten: ihrer mystischen, quasi unerklärlichen Dimension. ich wusste nicht, welche Musiker hinter dem Projektnamen stecken und woher sie kommen.

Inzwischen weiß ich: Tomorrow’s World sind Jean-Benoît Dunckel, eine Hälfte des mittlerweile ziemlich abgetauchten Elektropopduos „Air“ aus Frankreich, und Lou Hayter, ehemals Keyboarderin der Londoner Dancepunk/Synthpop-Formation „New Young Pony Club“ (NYPC).

Mit seinem herrlich unterkühlten, geheimnisvollen Retro-Elektronik-Charme erinnert mich „Drive“ aber weniger an „Air“ als etwa an die großartige britische Elektropop-Gruppe Ladytron („Playgirl“, „Bluejeans“). Und eines steht fest: Selbst wenn ich von Tomorrow’s World nie wieder etwas hören sollte – beim Songtitel „Drive“ werde ich in Zukunft nicht nur an R.E.M. denken …

 

3. Agnes Obel – The Curse

Eine weitere tolle Künstlerin, über die ich erfreulich wenig weiß. Agnes Obel stammt aus Dänemark, lebt in Berlin (wer nicht?) und nennt – wenn man einer beliebten Online-Enzyklopädie glauben darf – Musiker wie Roy Orbison, Joni Mitchell und PJ Harvey, französische Komponisten wie Debussy, Ravel oder Satie, aber auch Edgar Allan Poe oder Alfred Hitchcock als Einflüsse. Letzteren schätzt sie für seinen rätselhaften Stil, seine anspruchsvolle, zugleich aber extrem simple Ästhetik. Dasselbe könnte man auch über Frau Obel selbst sagen.

„The Curse“ klingt skandinavisch karg, um nicht zu sagen nackt: Nur Obels ausdrucksvolle Stimme (im schwebenden Refrain von nicht minder schönen Backgroundvocals unterstützt), ein wenig Cello (das genau die richtige Menge an Dramatik einbringt) und perlende Pianotöne. Klingt fast schon nach Neo-Klassik, erinnert aber auch an grandiose skandinavische Kolleginnen wie Maria Solheim, Anna Ternheim oder Christine Owman. So lässt man sich gerne verfluchen.

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Meine hundert Lieblingslieder 2013 – Platz 21 bis 40

21. Ólöf Arnalds – A Little Grim

Glückliches Island! Nicht einmal halb so viele Einwohner wie Tirol (ca. 320.000) und dennoch eine in Vielfalt und Qualität kaum fassbare Musik- (und Literatur- und Kunst-)Szene. Zu ihr zählen auch der hochgelobte junge Neoklassik-Künstler Ólafur Arnalds – und seine nicht minder begabte Cousine Ólöf.

Diese Dame ist mir erstmals 2010 mit dem mystischen, auf Isländisch gesungenen Stück „Svif Birki“ untergekommen. „A Little Grim“ von ihrem neuen, erstmals komplett auf Englisch eingesungenen Album ist genauso schön: Ein fast überirdisch dahinschwebender Refrain, gebettet auf ein karges, folkiges Fundament. Und vor allem diese Stimme, „somewhere between a child and an old woman“, wie keine Geringere als Björk es so treffend formuliert. Magisch!

 

22. China Rats – N.O.M.O.N.E.Y.
Quasi das Kontrastprogramm zur Nummer 21: Rasanter, großmäuliger, räudig produzierter Punk, so britisch wie Fish & Chips. Natürlich kennt man das seit den Sex Pistols und Buzzcocks, aber man hört es immer wieder gern. Vor allem wenn es so energiegeladen daherkommt wie hier. In diesem Sinne: „Take me to the money machine!“

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Meine hundert Lieblingslieder 2013 – Platz 41 bis 60

41. Marteria – Kids (2 Finger an den Kopf)

Eine Eigenschaft, die viele gute Popsongs auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, eine Stimmung, ein Lebensgefühl oder eine gesellschaftliche Situation so prägnant einzufangen, dass ellenlange soziologische und psychologische Studien überflüssig werden. Marteria ist mit „Kids“ genau so ein Song gelungen.

Der ehemalige U17-Nationalspieler und nunmehrige Erstliga-Rapper thematisiert darin die zunehmende Verspießerung und Boboisierung, die das einstmals rebellische, partywütige und hedonistische Berlin erfasst hat (und sicher nicht nur Berlin). Marteria findet für diese Verbürgerlichungstendenzen geniale Reime und Sprachbilder:

„Silbernes Besteck – goldener Retriever“ ODER: „Alle mähen Rasen / putzen ihre Fenster / jeder ist jetzt Zahnarzt / keiner ist mehr Gangster.“

All die Leute, die nur noch nach Schweden fahren würden, anstatt wie früher „Malle zu machen“, die überall auf der Gästeliste stehen und die Bayern lieben würden, sie alle, so Materia, „leben kleine Träume / verbrenn’ die großen Pläne.“ Im Grunde ist es ein resignierter, trauriger Befund, zu dem der Rapper hier kommt: „Was all die andern starten / sieht wie ‘ne Landung aus.“

Wer aufpasst, findet in „Kids“ übrigens auch Anspielungen auf Marterias eigenes Werk („Endboss“) und auf Superstar M.I.A.: Der herrlich-nervige „Peng, peng, peng, peng“-Refrain erinnert nämlich stark an deren Welthit „Paper Planes“.

 

42. Young Fathers – Sister

Wenn „schwarze“ und „weiße“ Musiktraditionen unkontrolliert aufeinanderprallen, kommt oft etwas besonders Spannendes heraus – so wie bei den Young Fathers, einem Alternative-Hip-Hop-meets-Experimentalrock-Trio aus Glasgow (mit liberianischen, nigerianischen und schottischen Wurzeln).

Im Schmelztiegel von „Sister“ landen Sprechgesang, martialisches Getrommel und Gesangslinien, die an afrikanische Ritualgesänge denken lassen. Wie sie diese Elemente neben- und übereinanderlegen, erinnert an große Genresprenger wie TV On The Radio.

 

43. Arctic Monkeys – Do I Wanna Know?
Die drei Fragezeichen-Songs – „R U Mine?“, Why’d You Only Call Me When You’re High?“ und der Albumopener „Do I Wanna Know?“ – sind die besten auf „AM“. Das Groovige, Spannungs- und Geheimnisvolle steht den Monkeys gut zu Gesicht und passt hier auch zur Botschaft des Songs: „(…) the nights were mainly made for saying things that you can’t say tomorrow day“. Ein Händchen für eingängige Strophen/Bridges und hymnische Refrains haben die Affen sowieso.

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Meine hundert Lieblingslieder 2013 – Platz 61 bis 80

61. No Ceremony /// – Heartbreaker

Die Shoegaze-Götter My Bloody Valentine und ich werden in diesem Leben wohl keine Freunde mehr. Ich finde einfach keinen Zugang zu ihrem Sound, weder live (Primavera 2013) noch auf ihrem rundum als Meisterwerk abgefeierten Comeback „MBV“ (das ich mir, leider, zugelegt habe). Dass sie eine wahnsinnig einflussreiche Band sind, ist aber natürlich nicht zu leugnen. Legionen an Bands zwischen Feedback-Rock, Dreampop und Elektronik verfolgen heute die MBV-Taktik, liebliche Melodien unter tonnenschweren, verzerrten Soundwänden zu begraben.

Eine dieser Bands heißt No Ceremony /// (ja, die schreibt man wirklich mit diesen drei komischen Stricherln), sie kommt aus Manchester und sorgt auf „Heartbreaker“ für eine herrlich unterkühlte 80er-Jahre-Elektro-Ästhetik. Die lärmige Gitarre kommt übrigens von niemand Geringerem als Joey Santiago von den Pixies (der mit seiner Hauptband 2013 übrigens ein paar solide, wenn auch ziemlich konventionelle neue Lieder vorgelegt hat).

 

62. Future Of The Left – Johnny Borrell Afterlife
So etwas kann auch nur den walisischen Noiserock-Wahnsinnigen einfallen: Ein Lied über Johnny Borrell, Sänger der kurzfristig höchst erfolgreichen, inzwischen aber fast vergessenen Britpop-Band „Razorlight“. Borrell hatte – sogar für englische Verhältnisse – eine extrem große Klappe und besonders viel Selbstvertrauen.

Hier einige Zitate: „Firstly, I’m a genius. Musically, culturally, everything“. ODER: „I’m the best songwriter of my generation. Ask me in 20 years about The Libertines.“ (na gut, da hat er vielleicht sogar recht ;-)) ODER: „Well, put it this way, compared to the Razorlight album [Bob] Dylan is making the chips. I’m drinking champagne.“

Inzwischen hat er ein – grandios geflopptes – Soloalbum vorgelegt und spielt vor wesentlich kleineren Häusern als früher. Future-Of-The-Left-Mastermind Andy Falkous rechnet aber nicht einfach mit dieser großspurigen, in gewissem Sinne tragischen Figur ab, sondern bekundet in Interviews sogar Sympathie für ein Untergehen mit fliegenden Fahnen:

„The thing with Johnny Borrell is … to hate Johnny Borrell is to hate life. (…) At least there’s some
ridiculous vision and grandiose stupidity on display with Johnny Borrell. (…) I’ll take that over your stale-bread side-partin‘ run-of-the-mill indie kind-of stars of nowadays“.

Serviert wird diese Botschaft als giftige Noiserock-Attacke mit infektiösem, hymnischem Refrain:

„Just a boy,  just a boy / with the biggest head in school / Just a boy, just a boy / with the widest wingspan.“

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