Archiv der Kategorie: Allgemein

Schnitzel und Suchtgift, Desert Rock und Dub, Blasmusik und Beckenbauer

Der gestrige HÖRABEND im bestens ausgestatteten Musik-Zimmer von Blog-Mitbetreiber Dave fand in kleinstmöglicher Besetzung statt. Umso größer war dafür der musikalische Bogen, der dort ab Nachmittag bis weit nach Mitternacht gespannt wurde.

Der Auftakt war laut, wild und ganz schön (!) trashig: Denn Kollege Dave ließ den Sampler „Beat From Badsville (Vol. 1)“ auf dem Plattenteller rotieren, eine Sammlung ultraobskurer Fundstücke aus den 50er und 60er-Jahren, irgendwo zwischen „Lip Curling Rock’n’Roll“, „Instrumental Madness“ und „Ghoulish Exotica“, zusammengetragen von zwei Spezialisten für das Abseitige und Abgründige, nämlich Lux Interior und Poison Ivy von den Cramps.

Die Nummern auf diesem Sampler tragen programmatische Titel wie „Bongo Beatin‘ Beatnik“, „Jibba Jab“, „Tight Skirt, Tight Sweater“ oder „From The Top Of Your Guggle (To The Bottom Of Your Zooch)“, zeigen den Rock ’n‘ Roll also in einer Phase, bevor er ernst und kunstbeflissen wurde. Dafür gibt es Lärm, Energie und jede Menge irres Gelächter wie aus einer abgehalfterten Geisterbahn.

Beat from Badsville

Apropos schurkisches Gelächter, Gruselfilmatmosphäre und seltsame Hörspieleffekte: All das findet man auch auf dem im Vorjahr erschienenen Sampler „Schnitzelbeat Vol. 1“, auf dem sich „Twisted Rock-n-Roll, Exotica & Proto-Beat Unknowns“ der Jahre 1957-66 ein Stelldichein geben. Das Besondere daran: Alle Protagonisten stammen aus Österreich. Die unterhaltsamen Einblicke in dieses weitgehend vergessene Kapitel heimischer Popgeschichte ist einem jungen Plattensammler mit dem Künstlernamen Al Bird Sputnik zu verdanken.

Einige Filetstücke durfte ich gestern präsentieren, zum Beispiel:

  • Frank Roberts – Maloja (1957): Ein auf Kuba angesiedeltes Mini-Hörspiel rund um Liebe, Triebe und Eifersucht („Heiß brennt mein Verlangen, Maloja …“), vorgetragen von einem gewissen Frits Fronz, der sich später als Regisseur von halbseidenen (oder wohl eher viertelseidenen) Filmen wie „Sex-Report blutjunger Mädchen“ oder „Baron Pornos nächtliche Freuden“ (k)einen Namen machte.
  • The Austrian Evergreens – Tabu (1962): Eine ebenso mitreißende wie durchgeknallte Interpretation des (in Insiderkreisen) bekannten Exotika-Themas „Tabu“.
  • Johnny & The Shamrocks – Biggy’s Little Car (1965):  Eine Instrumental-Perle irgendwo zwischen Beat, Surfrock und Kriminalfilm-Soundtrack.
  • Ferry Graf – Hotel zur Einsamkeit (1958): Eine gar nicht mal so üble Coverversion des Elvis-Krachers „Heartbreak Hotel“, die der Allround-Unterhalter Ferry Graf mit genau der richtigen Portion Schmalz zum Besten gibt.
  • Die 4 Bambis – Inka City 60 (1960): Eine bizarre Reise in die „grüne Hölle“ des südamerikanischen Dschungels, in der schon so mancher Glücksritter für immer verschwunden ist. „Die 4 Bambis“, später nur noch „Bambis“, waren schon zu Beginn des Abends mit ihrem unheimlich (!) kitschigen Tränendrüsendrücker „Melancholie“ zu hören gewesen, den ich hiermit David Lynch für seinen nächsten Film dringend ans Herz lege!

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Weiter ging es in und mit Österreich, diesmal allerdings mit frühen Punk- und New-Wave-Klängen. Zu hören waren unter anderem:

  • Chuzpe – Terror in Klein-Babylon
  • Mordbuben AG – Mordbuben AG; Heimatland; Mi hat, mi hat der Größenwahn
  • Mini-Sex – Valium, Tropic Chaotic

All diese Nummern stammen vom legendären „Wiener Blutrausch“-Album, dem ersten österreichischen Punk-Sampler aus dem Jahr 1979. Während Chuzpe für radikalen, systemkritischen Politpunk standen, gab’s bei der Mordbuben AG großmäulig-proletarische Botschaften von der Straße – und bei Mini-Sex scharfkantige, unterkühlt-elektronische New Wave-Klänge, die mit ihrem wilden Sprachenmix sogar Falco vorwegzunehmen scheinen. „Valium“ hätte übrigens auch zum Drogen-Schwerpunkt an diesem Abend gepasst. Doch dazu später mehr …).

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Im Reich der Maschinenmenschen

Konzertbericht: Elektro Guzzi, PMK Innsbruck, 19. Dezember 2014:

Manchmal ist im Leben und in der Musik wirklich das drin, was draufsteht: So wie bei Elektro Guzzi. „Live-Techno“ lautet das Etikett, mit dem das längst auch international abgefeierte österreichische Trio seit Jahr und Tag bedacht wird. Und womit noch? Mit Recht.

Zum einen geht es hier wirklich ums Liveerlebnis, das kann ich nach dem Konzerterlebnis im PMK bestätigen – wobei mir der Elektro Guzzi-Sound auch auf Platte (Parquet, 2011) durchaus zusagt. Zum anderen wird hier wirklich (minimalistisch-hypnotischer) Techno in Reinkultur serviert, allerdings mit der klassischen Rockbesetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Diese scheinbar widersprüchliche, wenn nicht unmögliche Kombination – die Körperlosigkeit des Techno hier, die schweißtreibende Intensität eines Rockkonzerts dort – ist nach wie vor ziemlich einzigartig. Und sehr, sehr beeindruckend. Mit der Präzision eines Uhrwerks, um nicht zu sagen: mir roboterhafter Akribie setzen Elektro Guzzi Beats, Breaks und allerlei betörende Soundeffekte – und lassen das Ganze dennoch erstaunlich organisch und funky klingen. Der Kraftwerk’sche Traum von der Menschmaschine, hier scheint er wahr geworden. Auch wenn die Band selbst dieses Image eher loswerden will.

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Heino Blöd

Eigentlich hat sich Heino bei seinem sensationell produzierten neuen Hit „Schwarz blüht der Enzian“ ja nicht von Rammstein inspirieren lassen, sondern eindeutig von Otto Waalkes, der die Industrial-isierung eines Heino-Stücks schon Jahre vorher vorwegnahm und es dazu noch durch die Michael-Jackson-Kraftwerk-Mühle drehte.

Man beachte die Braten gewordene Taube:

Wehe, wenn sie losgelassen …

Konzertbericht: Dave & The Pussies vs. Daikaiju, Riverhouse Fieberbrunn, 4. Oktober 2014

Surf-Rock-Gipfeltreffen in Fieberbrunn: Dave & The Pussies, zweifelsohne Österreichs beste Surf-Formation (das behaupte ich jetzt einfach, ohne andere österreichische Surf-Formationen zu kennen), trafen in ihrem Heimatort auf die US-Psycho-Surf-Urviecher von Daikaiju, denen ein geradezu furchteinflößend guter Ruf als Liveband vorauseilt. Völlig zu Recht, wie sich an diesem ungewöhnlichen Abend erweisen sollte …

Das Motto der Veranstaltung, „Monsters of Surf“, war kein bisschen übertrieben: Nicht nur weil beide Bands auf einem einschlägigen Sampler gleichen Namens vertreten sind, sondern auch wegen der – im besten Sinne – monströsen Livequalitäten der beiden befreundeten Gruppen (die ein paar Tage zuvor auch schon in Ottakring gewütet hatten). Diese Qualitäten entfalten sie übrigens – ich als relativer Surf-Rock-Novize muss das einfach noch einmal betonen – ohne ein einziges gesungenes Wort auf der Bühne. Ja genau, es war ein rein instrumentaler Abend. Und trotzdem (oder gerade deshalb?) ein höchst intensives Erlebnis.

Für den Auftakt sorgten die mächtigen Pussies, die mich (wie schon im Vorprogramm der Bambi Molesters) mit ihrem glasklaren, druckvollen, perfekt austarierten Sound begeisterten: Gitarre und Bass wie straff gespannte Gummibänder, dazu gleichermaßen wuchtiges wie relaxtes Schlagzeugspiel. Gitarrist David Obwaller (der auch die Mannen von Daikaiju zu wahren Lobeshymnen inspirierte) erhielt viel Freiraum für halsbrecherisch schnelle, kristallin funkelnde und stets erfrischend uneitle Soli, während die Rhythmusabteilung genau das machte, was eine gute Rhythmusabteilung macht: hochenergetisch pulsieren.

Genauso tight wie der Sound von Dave & The Pussies waren auch die straff sitzenden Trainingsanzüge der Band, einheitliche Einteiler in knalligem Gelb, die das Bild von der Band als Gang, als verschworene Gemeinschaft oder Sound-Einheit noch weiter unterstrichen. Die Bandmitglieder von Daikaiju filmten und fotografierten eifrig mit – eine klare Ehrenbezeugung gegenüber den österreichischen Genrekollegen. Die wiederum verneigten sich mit einer furiosen Coverversion von „Flight of Garuda“ vor ihren amerikanischen Gästen (die bereits zum dritten Mal den Weg ins Pillerseetal gefunden hatten).

[In obigem Video ist übrigens, im Gegensatz zum Fieberbrunn-Konzert, nicht Drummer Lukas Obwaller zu hören und zu sehen].

Danach enterten Daikaiju die Bühne: Und die Vokabel „entern“ ist hier wirklich angebracht. Denn ein Daikaiju-Konzert kann man sich tatsächlich wie eine Art Seeräuber-Angriff vorstellen, einen, bei dem keine Gefangenen gemacht werden: Vier Männer mit leicht psychotischen Masken („blast-man“, „pulse-man“, „rock-man“ und „secret-man“) wurden da ohne jede Vorwarnung von der Leine und aufs Publikum losgelassen. Und schon nach wenigen Minuten wusste man: mehr „in your face“ geht nicht.

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Daikaiju knöpften sich jede und jeden im (überschaubaren) Publikum einzeln vor, ohne den Mitwirkenden („Zuschauer“ wäre zu wenig) eine Wahl zu lassen oder lang zu fragen. Wie denn auch? Während des ganzen Konzerts sprachen die vier Herren nicht ein einziges Wort, sondern machten sich ausschließlich mit rudimentärer Pantomime (zeigen, deuten, nicken, Kopf schütteln) verständlich. Und natürlich mit ihren Instrumenten.

Apropos Instrumente: Die wurden an diesem Abend ordentlich „hergelassen“ (wie man im Unterland sagen würde): Da wurden Gitarrenkabel bis zum Zerreißen gedehnt – denn Daikaiju spielen am liebsten mitten im Publikum (und schnöde kabellose Gitarren kommen ihnen trotzdem nicht in die Tüte). Da wurden Zuschauer zu Kurzzeitmusikern umfunktioniert und manche Mädels mit Instrumenten dekoriert wie Christbäume. Da wurden Drumkits plötzlich von der Bühne geholt und mitten im Publikum wieder aufgebaut (was soundtechnisch vielleicht ein Rückschritt, stimmungstechnisch jedoch unglaublich wirkungsvoll war).

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Und es wurde immer wilder: Da wurden wurden Tische und Stühle bestiegen, da wurden Gitarristen herumgetragen, da wurden arglose Gäste aus Kufstein mit Bassgitarren behängt (ich stand ein paar Sekunden da wie der unmusikalische Ochs vorm Berg). Da konnte man Becken brennen sehen und David Obwaller als Drummer erleben, da wurde natürlich auch massenhaft Schweiß verspritzt. Kurz: Es war eine gewaltige Sause!

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Schachtelteufel mit Schiebermütze

Konzertbericht: „Louis Barabbas & The Bedlam Six“, Kufa-Bar Kufstein, 27. September 2014

Sie selbst nennen es „Lyric-Driven Dirt-Swing“, eine Unterart des „Cabaret Blues“. Und auch wenn man solche Selbstbeschreibungen mit Vorsicht genießen sollte – bei „Louis Barabbas & The Bedlam Six“ treffen sie durchaus ins Schwarze.

Zum zweiten Mal (nach April 2013) war das Septett aus Manchester auf Einladung des Vereins Kulturfabrik in Kufstein zu Besuch. Und es wurde wieder das, was es dem Vernehmen nach auch schon vor eineinhalb Jahren war: eine schweißtreibende, explosive und ausgelassene Angelegenheit.

Dafür sorgte in erster Linie Frontmann Louis Barabbas, der die Zuschauer in der KuFa-Bar mit manischem Blick, wilden Grimassen, waghalsigen Sprüngen und akrobatischen Einlagen entzückte. Immer wieder verließ er blitzartig die Bühne, um mitten im bzw. mit dem Publikum einen wilden Veitstanz aufs Parkett zu legen. Kollege Fabian kommentierte es lakonisch: „Gut, dass der ein Kabel dranhat …“ (gemeint war natürlich jenes der akustischen Gitarre). Kaum zu glauben, dass dieser Mann – also ich meine Louis Barabbas und nicht Kollege Fab – während der zweiteiligen Show (samt Pause!) nur Mineralwasser zu sich nahm und sogar auf einem Rauchverbot in der KuFa-Bar bestand.

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Konzertbesucherin Tonia fühlte sich angesichts der theatralischen, hemmungslos überzogenen Performance von Herrn Barabbas entfernt an den Zirkus erinnert – und tatsächlich musste man bisweilen an ein wildgewordenes (Bühnen-)Tier denken, wenn auch an eines mit Oldschool-Schiebermütze und offenem weißen Hemd (unter dem eine eindrucksvolle Brustbehaarung hervorlugte). Oder, um es einmal in Wolf-Haas-Manier zu sagen: so viel Energie, Duracell-Hase nichts dagegen.

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EINSAME KUNSTWERKE, SCHIMMLIGES BROT: DIE ZEHN SELTSAMSTEN SONGTHEMEN

Liebe und Triebe, Eifersucht und Gier, Einsamkeit und Depression, politische Unterdrückung und Widerstand, harte Drogen und schnelle Autos: Unzählige Songs in unterschiedlichster Qualität wurden und werden zu großen Themenkomplexen wie diesen geschrieben.

Aber was ist mit den etwas abseitigeren Facetten des Alltags, mit den Randerscheinungen und Spezialthemen? Wo sind die Songs über Leihbibliotheken und Schwarzbrot? Warum singt niemand über das traurige Los von wertvollen Ölgemälden oder die Schönheit des Wäschetrocknens? Wer setzt Einzelhandelsangestellten oder fast vergessenen Fußballclubs ein Denkmal?

Moment. Zu all diesen entlegenen Themen gibt es ja wirklich Songs! Und manche davon sind alles andere als schlecht, einige sogar richtig berührend. Merke: Offenbar ist kein Thema zu klein, um ein großes Lied darüber zu schreiben. Hier also eine kurze, völlig unrepräsentative Auswahl ganz schön seltsamer Songthemen:

1. DIE POESIE DES WÄSCHETROCKNENS:

Minimalistisch, kauzig, eigensinnig: „Kofelgschroa“ machen urbayerische Blasmusik, kreuzen sie aber mit den repetitiven, Trance-artigen Strukturen der elektronischen Clubmusik und einem Hang zu ausgedehnten Improvisationen. Und mit höchst reduzierten Texten, die umso mehr Raum für Assoziationen lassen.

Hinter den scheinbar sinnfreien Zeilen „Die Wäsche trocknet an der Sonne, die Wäsche trocknet auch am Wind. / Die Wäsche trocknet auch am Licht. Wie schön ist das eigentlich?“ könnte also sehr viel mehr stecken. Zum Beispiel eine Hymne an das Leben an sich.

Mit seinem kleinen, aber feinen Pfeifsolo (ab 4:54) würde „Wäsche“ übrigens auch meiner Liste von „Pfeif drauf“-Songs gut anstehen …

2. WÄSCHEWASCHEN IM MÖRDERHAUSHALT:

Bleiben wir noch kurz im Genre der Wäschesongs: Bei Serienkillers hängt der Haussegen schief. Er verdient zwar anständig und hat „‘nen guten Namen“ in seiner Branche. Doch darüber vernachlässigt Er leider seine Pflichten im Haushalt – was Sie naturgemäß stört. Denn merke: „Auch Killer [oder, wie man ergänze möchte, gerade Killer] müssen waschen gehen.“

Dabei sei es doch so simpel, wie die Freundin weiter ausführt: „60 Grad, 90 Grad, 100 Grad. / Pulver rein, Wasserhahn aufgedreht / So einfach kann das alles sein.“

Zugegeben, musikalisch ist es vielleicht nicht außergewöhnlich, was die kurzlebige Hamburger Punkformation „Dackelblut“ da abliefert. Aber der (bizarre) Gedanke zählt. Und eine Band mit einem so wunderbaren Namen (die Vorgängerformation hieß übrigens „Blumen am Arsch der Hölle“, eine der Nachfolgebands, besonders schön, „Oma Hans“) hat bei mir immer einen Stein im Brett.

3. DIE ANSTÖSSIGEN FOLGEN ENGER DAMENBEKLEIDUNG:

Wer mit einem einzigen Song über die optischen Auswirkungen allzu eng anliegender Damenbekleidung das Auslangen findet, sollte sich für diesen hier entscheiden. Schließlich ist er durchaus, äh, eingängig – und bringt sein Anliegen klar auf den Punkt: „The only lips I wanna see / Are the ones that sing.“

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Wundertüte statt Wurlitzer

Konzertbericht: Dandy Warhols, Poolbar-Festival Feldkirch, 16. Juli 2014

Woran merkt man als Musikfan, dass man älter wird? Zum Beispiel daran, dass man sich immer öfter dabei ertappt, wie man mäßig interessante Konzertanekdoten aus grauer Vorzeit zum Besten gibt, die in der Regel folgendermaßen beginnen: „Als ich die Band X beim Festival Y im Jahr Z gesehen habe …“.

Also, liebe Kinder, das war so: Als ich die Dandy Warhols im Jahre 2003 bei Rock am Ring gesehen habe, waren sie gerade am Höhepunkt ihrer Popularität. Leider kann ich mich nur noch an exakt drei unzusammenhängende Einzelheiten erinnern: 1.) Ich habe nur die letzten paar Minuten des Konzerts erlebt – und mich darüber ziemlich geärgert (weil die Band einen super Eindruck machte). 2.) Die Dandys hatten damals einen – oder mehrere (?) – fetzige Bläser auf der Bühne. 3.) Die Frisur von Sänger Courtney Taylor-Taylor (ich glaube eine Art Irokesenschnitt) war durch und durch furchtbar.

Jetzt, über zehn Jahre später (f… – ZEHN Jahre!), bot sich endlich die Möglichkeit, das Versäumte nachzuholen – noch dazu in der wunderbaren Poolbar zu Feldkirch. Doch im Vorfeld stellte sich eine bange Frage: Bringen’s die Dandy Warhols überhaupt noch? Schließlich hatten sie seit Jahren keine nennenswerten Hits mehr (na gut, das ist vielleicht keine Kategorie ;-)), von ihren letzten zwei, drei, vier Alben hat man hierzulande nicht einen Ton mitbekommen, im Grunde waren und sind sie ziemlich vom Radar.

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Ich war also gespannt: Würden sie die Jahrtausendwende-Nostalgieschiene fahren und nur ein vorhersehbares Greatest-Hits-Programm servieren? Oder würden sie ihr Publikum, im Gegenteil, mit viel zu vielen Nummern von ihren letzten Alben quälen, wo die meisten doch nur auf die großen Hits warten? Um es gleich vorwegzunehmen: Beide sorgenvollen Annahmen wurden in der bestens gefüllten, leicht saunaartigen Poolbar widerlegt.

Denn die Dandys spielten eine bestens ausbalancierte Mischung aus bekannten, weniger bekannten und gänzlich unbekannten Nummern. Von ihrer durchaus ansehnlichen Zahl an (Alternative-)Hits waren fast alle zu hören (vielleicht mit Ausnahme von „Everyday Should Be A Holiday“ oder „Smoke It“), so zum Beispiel „We Used To Be Friends“ (gleich am Anfang), „Not If You Were The Last Junkie on Earth“ (mit dem legendären Refrain: „Heroin is so passé“), das wunderschöne „You Were The Last High“ (auf Platte mit Evan Dando von den Lemonheads eingesungen), das mitreißende „Get Off“ (eines der Highlights) und natürlich die zu Tode gespielte Hipster-Hymne „Bohemian Like You“ (die sich gar nicht so leicht zu Tode spielen lässt, weil sie trotz allem ein verdammt guter Popsong bleibt).

Daneben bot der Abend aber auch viel Futter für echte Dandys-Kenner (zu denen ich mich nicht unbedingt zählen würde) – vom halluzinierenden Opener „Be-In“ über die frühe Single „Ride“ bis hin zu Albumtracks wie „Solid“ oder „Everyone Is Totally Insane“. Das klang dann – und damit dürften viele im Publikum nicht gerechnet haben – oft schwer psychedelisch und phasenweise recht experimentell. Besonders das verstörende „I Love You“ wurde zu einer wild ausufernden, hypnotisierenden Improvisation ausgewalzt.

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„Scheiß da nix, no fait da nix“ oder: Von der Schönheit des Unberechenbaren

Konzertbericht: Howe Gelb, Astnersaal Wörgl, 21. Juni 2014

Die Entscheidung gegen das Match Deutschland vs. Ghana war nicht einfach – aber sie war goldrichtig. Denn die Paarung Howe Gelb vs. Astnersaal war einfach noch viel reizvoller. Die atmosphärische Musik des Waldschrats – korrigiere: Wüstenschrats – aus Tucson, Arizona, erschien mir schon im Vorfeld wie gemacht für den charaktervollen, elegant verwelkten Wörgler Ballsaal. Und so war es dann auch.

Der verdienstvolle Kulturverein SPUR. holt schon seit Jahren großartige Musik abseits des Hauptstroms nach Wörgl, unermüdlich und eigensinnig – von feinen österreichischen Musikern wie Gustav, Son Of The Velvet Rat oder Der Nino aus Wien bis hin zu ausgewählten internationalen Künstlern (Phil Shoenfelt, Al de Loner, Marianne Dissard …). Mit dem einzigen Österreich-Konzert von Howe Gelb konnten die Veranstalter rund um Obmann Günther Moschig diesmal aber einen besonders schönen Fang an Land ziehen.

Schön war auch schon das Vorprogramm:  Den jungen Songwriter Gabriel Sullivan, ebenfalls aus Arizona, kannte ich schon vom rundum empfehlenswerten Album „Tucson. A Country Rock Opera“ (2012), für das Howe Gelb sein loses Kollektiv Giant Sand zu Giant Giant Sand aufgestockt hatte. Sullivan singt eines der schönsten Lieder auf dieser Scheibe, den vollendeten TexMex-Country-Schmachtfetzen „The Sun Belongs To You“ (zu finden auch in meinen Jahrescharts für 2012).

In Wörgl war dieser Song leider nicht zu hören, dafür aber eine Reihe ähnlich stimmungsvoller, melancholischer Nummern, von Sullivan mit grabestiefer Stimme à la Tom Waits oder Johnny Cash vorgetragen (wie Letzterer war auch Sullivan ganz in stilvolles Schwarz gekleidet).

Sullivan hat laut eigenen Angaben den Neujahrsvorsatz gefasst, jeden Tag einen Song zu schreiben (nicht unbedingt zur Freude von Nachbarn und Freundin). Ergebnisse dieses laufenden Schaffensprozesses waren in Wörgl ebenso zu hören wie Songs von einem in Bälde erscheinenden Album, die Sullivan in Aarhus mit dänischen Musikern aufgenommen hat.

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Genau diese dänischen Musiker enterten nach ein paar Sullivan’schen Solonummern auf einmal die Bühne: Drummer Peter Dombernowsky und Bassist Nikolaj Heyman (beide von der Band The DeSoto Caucus, die kürzlich auch in Innsbruck zu erleben war) und Maggie Björklund an der Pedal Steel (sie hat schon mit Jack White, Calexico und vielen anderen gespielt). Mit dieser exzellenten Begleitung – sie bildete an diesem Abend auch Howe Gelbs Band –  brachte Sullivan unter anderem eine atmosphärisch dichte Version von Bruce Springsteens „The Ghost of Tom Joad“ zu Gehör.

Beim letzten Song der Vorgruppe stand dann plötzlich ein weiterer Typ auf der Bühne, mit ergrautem Vollbart, „Good Luck“-Schildkappe und leicht abwesendem Blick. Für eine gefühlte Ewigkeit hantierte er mit Verstärkerkabeln und Gitarren herum, um den von ihm gekaperten Song dann mit schneidenden E-Gitarren-Soli kunstvoll gegen die Wand zu fahren: Man sieht schon, Howe Gelb schert sich wenig um die Konventionen eines Rockkonzerts.

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Doch wenn er – mit sonorer Hall-Stimme und leicht ironischem, wissendem Grinsen – das „green grass of home“ heraufbeschwört, „Welcome to the desert“ singt oder erzählt „She Caught the Katy (And Left Me a Mule To Ride)“  (ein Bluesklassiker von Taj Mahal), dann hat man sofort die passenden Bilder im Kopf. Gelbs stimmliches Spektrum mag begrenzt sein, sein Ideenreichtum und sein verschrobenes Charisma sind es nicht.

Dem Wörgler Publikum kredenzte er einen schönen Mix aus Songs von seinem neuen Soloalbum „The Coincidentalist“ (die ihren unspektakulären, kargen Charme live voll entfalteten) und herrlichen Giant Sand- bzw. Giant Giant Sand-Nummern.  Bei „Vortexas“ vermisste man Will Oldham (der im Original mitsingt) kaum, beim hitzeflimmernden „Forever and a Day“ (ebenfalls in meinen 2012er-Charts zu finden ;-)) fehlten eigentlich nur noch die Mariachi-Bläser zum totalen Glück:

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Vom Dröhnen der Drohnen. Oder: Männer, die auf Mac-Books starren

Heart of Noise-Festival, Stadtsäle Innsbruck, Tag eins (6. Juni 2014)

Die vierte Auflage des Heart of Noise-Festivals – die erste, die ich zumindest einen Tag lang genießen durfte – widerlegt gleich zwei Annahmen: Erstens: Es gibt in Österreich keine liebevoll kuratierten, alternativen Festivals. (Ein Missstand, auf den Bloggenosse Steff gerne hinweist). Zweitens: In Tirol gibt es überhaupt keine brauchbaren Musikfestivals.

Wahr ist vielmehr: Die Organisatoren des „Heart of Noise 2014“ haben nicht nur ein kompromissloses, forderndes Programm denkbar weit weg vom Festival-Mainstream zusammengestellt (ähnlich wie das Donaufestival in Krems, das bei mir auch schon länger auf der Liste steht), sondern sich auch sonst viel einfallen lassen, um gängige Hör- und Sehgewohnheiten zu durchbrechen.

Das zeigte sich schon beim erstaunlichen Beginn dieses Festivaltages in den Innsbrucker Stadtsälen: Eine ferngesteuerte, leuchtende Quadrocopter-Drohne glitt, einer fliegenden Untertasse gleich, durch den riesigen Raum und schwebte unwirklich im Gegenlicht, untermalt von minutenlangen, magengrubenaufwühlenden Drones aus großen Verstärkerwänden. Der mögliche tiefere Sinn – eine Drohne (engl. drone) wird von einem mächtigen maschinellen Bassbrummen (engl. ebenfalls drone!) begleitet – wurde mir erst jetzt beim Schreiben klar. Aber auch ohne solche hintersinnigen Gedankenspiele war das einfach ein Wahnsinnsauftakt!

Apropos Wahnsinn: Schon bei den ersten Künstlern – dem Produzenten Chris Douglas vulgo Dalglish und dem Visual-Spezialisten Dave Gaskarth – wurde klar: Hier werden keine Gefangenen gemacht. Musik ist beim Heart of Noise-Festival als intensive körperliche Erfahrung zu verstehen, ganz wie es der Titel des Festivals verspricht: Die Lautstärke war ohrenbetäubend, die subsonischen Bassfrequenzen ließen die ganze Magen- und Bauchgegend ungesund vibrieren, ebenso die Stühle unterm Hintern (zu diesem Zeitpunkt war der Stadtsaal noch bestuhlt). Ein Wunder, dass es hier – so weit ich weiß – zu keinen Herzinfarkten (oder zumindest zu spontanen Darmentleerungen) kam …

Chris Douglas aus San Francisco gilt als einer der Vorväter der sogenannten Intelligence Dance Music (IDM), er hat mit einschlägigen Elektronik-Größen wie Autechre, Underground Resistance und Boards of Canada zusammengearbeitet. Die Musik seines Projekts Dalglish wird im Festivalbooklet mit Wörtern wie „labyrinthisch“, „alptraumhaft“ oder „sinister“ beschrieben. Da kann man so stehenlassen. Zu hören war ein kompromissloser Mix aus Doom-Drones, Noise-Schlieren, Interferenzen und anderen Störgeräuschen, Maschinenkreischen und Dissonanzen: Anstrengend? Sicher. Aber auch lohnend, wenn man sich einfach voll darauf einlässt.

Das gilt auch für die atemberaubenden Visuals von Dave Gaskarth, die in Innsbruck ihre Uraufführung erlebten. Wellen, Kreise, Kugeln, Spiralen, menschliche Umrisse, seidig schimmernde Texturen (besonders schön!), verschwommene Bilder kämpfender Körper, Abstraktes und Konkretes: Auch ohne Drogen wurde man sofort voll hineingezogen. Die visuelle Ebene spielt beim Heart of Noise überhaupt eine zentrale, mindestens gleichberechtigte Rolle: Nicht nur, weil es relativ fad ist, wenn man nerdigen Männern dabei zuschaut, wie sie in ihre Mac-Books starren, sondern weil es den Festivalmachern und den Künstlern um eine Rundumerfahrung, sozusagen um ein totales Erlebnis zu gehen scheint.

Wie so was ungefähr klingt (vom Innsbruck-Auftritt ist leider nichts online), zeigt ein hier verfügbarer Dalglish-Mix oder der folgende kurze Ausschnitt vom Roskilde-Festival, bei dem halt diverse Dimensionen (pure Lautstärke, Bass, Visuals) fehlen:

Die Herz-Rhythmus-Störungen, die mich schon einige Tage vor dem Festival geplagt hatten, freuten sich jedenfalls über so viel Zuwendung. Mit einem Herzschrittmacher sollte man sich einen Heart of Noise-Besuch auf jeden Fall zweimal überlegen.

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Life Ball Soundtrack

Jedes Jahr schau ich mir den Life Ball an. Nicht für den Einlauf, nicht für die Carpet-Interviews, nicht für die Reden – jedes Jahr der gleiche Clinton! – und schon gar nicht für die immer wieder überraschend fade Kunst-Ouvertüre, sondern für die Modenschau, und hier im Speziellen für die Musik. Das ist natürlich auch immer wieder eine Hit-and-Miss-Angelegenheit, kommt immer auf die Designer an. Im besten Fall aber spiegelt der Soundtrack den Avantgarde-Charakter, den neue Mode doch irgendwie haben sollte (aber was weiß ich schon …), wider. Dieses Jahr war’s überwiegend durchaus mein Geschmack, einige Auszüge:

Ok, Daft Punk, immer fein. Aber irgendwie gruselt’s mich auch, wenn so eine acappella-Truppe eine meiner Lieblingsbands medleyt und dafür 75 Millionen YouTube-Views bekommt. Aber „Digital Love“ ist schon auch in dieser Form schön 🙂

Joa, das kommt schon eher hin. Ziemlich brandneue Hälfte von Jamie XXs Doppel-A-Seite (mit „Girl“). Und der produziert nun wirklich Beats am Puls der Zeit. So stell ich mir Modenschau-Musik vor. Sowas schauen/hören dann ja auch Hunderttausende im Fernsehen. Kann nicht schaden.

Und genau DAFÜR schau ich mir das Zeugs an. Die Entdeckung des Abends. Habe zwar mal in das 2013er Blood Orange-Album reingehört, gefiel mir nicht, hab ich wieder weggelegt. Aber fünf Minuten „Champagne Coast“ vom 2011er-Album ließen meine Meinung um 180 Grad drehen. Und das mehr oder weniger nur wegen diesem Teil von 1:56 bis 2:28. Magisch. Hat sich schon wieder ausgezahlt. Gute Sache. Nächstes Jahr wieder.