Schnitzel und Suchtgift, Desert Rock und Dub, Blasmusik und Beckenbauer

Der gestrige HÖRABEND im bestens ausgestatteten Musik-Zimmer von Blog-Mitbetreiber Dave fand in kleinstmöglicher Besetzung statt. Umso größer war dafür der musikalische Bogen, der dort ab Nachmittag bis weit nach Mitternacht gespannt wurde.

Der Auftakt war laut, wild und ganz schön (!) trashig: Denn Kollege Dave ließ den Sampler „Beat From Badsville (Vol. 1)“ auf dem Plattenteller rotieren, eine Sammlung ultraobskurer Fundstücke aus den 50er und 60er-Jahren, irgendwo zwischen „Lip Curling Rock’n’Roll“, „Instrumental Madness“ und „Ghoulish Exotica“, zusammengetragen von zwei Spezialisten für das Abseitige und Abgründige, nämlich Lux Interior und Poison Ivy von den Cramps.

Die Nummern auf diesem Sampler tragen programmatische Titel wie „Bongo Beatin‘ Beatnik“, „Jibba Jab“, „Tight Skirt, Tight Sweater“ oder „From The Top Of Your Guggle (To The Bottom Of Your Zooch)“, zeigen den Rock ’n‘ Roll also in einer Phase, bevor er ernst und kunstbeflissen wurde. Dafür gibt es Lärm, Energie und jede Menge irres Gelächter wie aus einer abgehalfterten Geisterbahn.

Beat from Badsville

Apropos schurkisches Gelächter, Gruselfilmatmosphäre und seltsame Hörspieleffekte: All das findet man auch auf dem im Vorjahr erschienenen Sampler „Schnitzelbeat Vol. 1“, auf dem sich „Twisted Rock-n-Roll, Exotica & Proto-Beat Unknowns“ der Jahre 1957-66 ein Stelldichein geben. Das Besondere daran: Alle Protagonisten stammen aus Österreich. Die unterhaltsamen Einblicke in dieses weitgehend vergessene Kapitel heimischer Popgeschichte ist einem jungen Plattensammler mit dem Künstlernamen Al Bird Sputnik zu verdanken.

Einige Filetstücke durfte ich gestern präsentieren, zum Beispiel:

  • Frank Roberts – Maloja (1957): Ein auf Kuba angesiedeltes Mini-Hörspiel rund um Liebe, Triebe und Eifersucht („Heiß brennt mein Verlangen, Maloja …“), vorgetragen von einem gewissen Frits Fronz, der sich später als Regisseur von halbseidenen (oder wohl eher viertelseidenen) Filmen wie „Sex-Report blutjunger Mädchen“ oder „Baron Pornos nächtliche Freuden“ (k)einen Namen machte.
  • The Austrian Evergreens – Tabu (1962): Eine ebenso mitreißende wie durchgeknallte Interpretation des (in Insiderkreisen) bekannten Exotika-Themas „Tabu“.
  • Johnny & The Shamrocks – Biggy’s Little Car (1965):  Eine Instrumental-Perle irgendwo zwischen Beat, Surfrock und Kriminalfilm-Soundtrack.
  • Ferry Graf – Hotel zur Einsamkeit (1958): Eine gar nicht mal so üble Coverversion des Elvis-Krachers „Heartbreak Hotel“, die der Allround-Unterhalter Ferry Graf mit genau der richtigen Portion Schmalz zum Besten gibt.
  • Die 4 Bambis – Inka City 60 (1960): Eine bizarre Reise in die „grüne Hölle“ des südamerikanischen Dschungels, in der schon so mancher Glücksritter für immer verschwunden ist. „Die 4 Bambis“, später nur noch „Bambis“, waren schon zu Beginn des Abends mit ihrem unheimlich (!) kitschigen Tränendrüsendrücker „Melancholie“ zu hören gewesen, den ich hiermit David Lynch für seinen nächsten Film dringend ans Herz lege!

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Weiter ging es in und mit Österreich, diesmal allerdings mit frühen Punk- und New-Wave-Klängen. Zu hören waren unter anderem:

    • Chuzpe – Terror in Klein-Babylon
    • Mordbuben AG – Mordbuben AG; Heimatland; Mi hat, mi hat der Größenwahn
    • Mini-Sex – Valium, Tropic Chaotic

All diese Nummern stammen vom legendären „Wiener Blutrausch“-Album, dem ersten österreichischen Punk-Sampler aus dem Jahr 1979. Während Chuzpe für radikalen, systemkritischen Politpunk standen, gab’s bei der Mordbuben AG großmäulig-proletarische Botschaften von der Straße – und bei Mini-Sex scharfkantige, unterkühlt-elektronische New Wave-Klänge, die mit ihrem wilden Sprachenmix sogar Falco vorwegzunehmen scheinen. „Valium“ hätte übrigens auch zum Drogen-Schwerpunkt an diesem Abend gepasst. Doch dazu später mehr …).

Weitere Beispiele für Punk-/New-Wave aus Österreich an diesem Abend:

  • Willy Warma – Die ganze Welt tanzt so wie du: Dass die Linzer Pionierband hier fleißig beim Punk-meets-Reggae-Ansatz von The Clash geklaut hat, wäre mir gar nicht aufgefallen, war für die scharfen Ohren des Kollegen Dave aber sofort erkennbar.
  • Chuzpe – Love Will Tear Us Apart
  • Ronnie Urini & die Letzten Poeten – Niemand hilft mir

Speziell die letzten beiden Nummern würden sich mit ihrer dunkel schillernden Atmosphäre auch bestens für ein Halloween-DJ-Set eignen, das Dave für nächstes Jahr plant. Passend dazu streute er an dieser Stelle klassischen Gothic-Punk aus Deutschland ein:

Mit den österreichischen Punk-/Schockrock-Anarchos Drahdiwaberl schlug ich – recht elegant, wie ich finde 😉 – die Brücke von Punk und New Wave zu einem kleinen satirischen Themenblock rund um Militär und Zivildienst:

  • Drahdiwaberl – Stechschrittmambo („Abfangjäger, aber schnell, sonst krieg ich noch die Freisen / Raketen, Panzer, auf der Stell‘, wir werden’s euch schon beweisen“ …)
  • Zündschnur und Stemmeisen – Bundesheer-Blues: Die Quoten-Vorarlberger an diesem Abend.
  • Christoph & Lollo – Danke, lieber Zivildienst („Wir ekeln uns kaum noch, wenn and’re erbrechen / können dabei jederzeit über Gefühle sprechen. Also: Danke, lieber Zivildienst …“)

Tief in die Wienerische Seele drangen wir dann unter anderem mit folgenden Liedern ein:

  • Worried Men Skiffle Group – I bin a Weh; Glaubst i bin bled?
  • Kurt Razelli – 7200-Schilling-Song
  • Neigungsgruppe Sex, Gewalt und gute Laune – Polka Dots

Auch einige neue österreichische Nummern, die sich vielleicht auch in meinen Jahrescharts für 2014 wiederfinden werden, durften nicht fehlen:

    • Wanda – Schickt mir die Post: Wienerisch-schwarzhumorig, mit den vielleicht schönsten und gemeinsten Zeilen des Jahres: „Schickt mir die Post schon ins Spital / und schläfert Rico bitte ein / sagt meinem Mädchen, es war schön / sie soll sehr langsam traurig sein.“
    • Worried Man & Worried Boy feat. Der Nino Aus Wien – Der Schönste Mann Von Wien: Der „Worried Man“ ist Herbert Janata, jahrzehnetlang Chef der Dialektformation „Worried Men Skiffle Group“ (siehe oben). Der „Worried Boy“ ist sein Sohn Sebastian, seines Zeichens Drummer von „Ja, Panik“. Und der Nino aus Wien ist der Nino aus Wien.
    • Ernst Palicek – Summer in Wien: Der trashigste Sommer-(Anti-)Hit seit Menschengedenken: „Ob in Mallorca, Dschesolo oder Berlin / nix is so schee wie da Summer in Wien.“ Meines Wissens das erste Lied überhaupt, in dem das Wort „Pferdeleberkas“ vorkommt.
    • Beach Girls And The Monster – Butcher From The Surf: Betörender Surfrock aus Österreich, Dave (and The Pussies) haben sich mit den Beach Girls und dem Monster übrigens schon die Bühne geteilt.

Einen weiteren Schwerpunkt in meinem – wie ich jetzt merke, schier endlosen – Österreich-Set setzte ich mit politischem und sozialkritischem Liedgut, wobei tolle Nummern aus dem Umfeld des FM4-Protestsongcontests ebenso zu hören waren wie ein altes Arbeiterlied oder Heli Deinboeks kongeniale Adaption von Randy Newmans „Short People“:

  • Blonder Engel – Nespresso (What Else)
  • Erstes Wiener Heimorgelorchester – Widerstand ist Ohm
  • Gregor Fröhlich und die Krisenstimmung – Rate Me
  • Hein und Oss – Die Arbeiter von Wien
  • Heli Deinboek – Meier

Den Abschluss meines ersten Blocks bildete ein kleiner, aber feiner Brass-Schwerpunkt, den ich mit Kofelgschroa und Attwenger begann und Dave mit Fanfare Ciocarlia fortsetzte:

  • Kofelgschroa – Sog ned: Blasmusik meets Clubmusik, minimalistisch, hypnotisch und zutiefst bayerisch.
  • Attwenger – Huad: Die halsbrecherischen Bläsersätze kommen hier vom Boban Markovic Orkestar, einer bekannten Roma-Turboblasmusikcombo aus Serbien.
  • Fanfare Ciocarlia – Asfalt Tango, Tiganeasca: Und gleich noch einmal rasanter Balkan-Brass von einer genialen Roma-Blaskapelle, in diesem Fall aus Rumänien.

Als Nächstes gab Kollege Dave eine kleine Einführung in die Welten von Dub bzw. Ska, unter anderem mit folgenden Nummern:

    • King Tubby – Badness Dub
    • Prince Buster – One Step Beyond
    • Desmond Dekker – It Mek
    • Carol Cool – Upside Down (vom „Hustle!“-Sampler, der Reggae-Coverversionen von Disco-Klassikern versammelt).

Weitere Stationen in Davids Block waren unter anderem Desert Rock von den Säulenheiligen dieses Genres (Kyuss), Punk-Blues aus Schweden und den USA, schummrige Erotikfilm-Soundlandschaften sowie einige Ausschnitte aus dem Cramps-Meisterwerk „A Date with Elvis“:

  • Kyuss – The Law, Isolation 
  • Deltahead – My Mama Was Too Lazy To Pray, Don’t Move To Finland: So klingt das, wenn Gesang und alle Instrumente durch denselben Verstärker gejagt werden …
  • Dave Alvin – Johnny Ace Is Dead, Highway 61 Revisited: Mit den Blasters und X bewegte sich Dave Alvin im weiten Feld zwischen (Alternative) Country, Rockabilly und Punk. Hier ist er als Solomusiker zu hören, mit einer Hommage an den Rhythm-and-Blues-Sänger Johnny Ace („Well there may be a heaven and there may be a hell / No one knows for sure, but now Johnny Ace knows damn well“) sowie einer donnernden Dylan-Deutung.
  • The Cramps – People Ain’t No Good; What’s Inside A Girl? („Mama told me that girls are hollow“, aber Lux Interior will der Sache lieber selbst auf den Grund gehen.)

„People Ain’t No Good“ lieferte mir die Anregung für einen ganz kurzen Exkurs zu weiteren Liedern, in denen (Kinder-)Chöre besonders drastische Zeilen singen:

  • Locas In Love – Mabuse („Dieses verdammte Deutschland hat mich dazu getrieben“ …)
  • These New Puritans – Attack Music („It was September, harmful logic / it was September, this is attack Music“)

Danach folgte ein, äh, breit gefasster Drogenschwerpunkt (rein musikalisch, versteht sich), fein säuberlich sortiert nach der Art des Rauschmittels, um die es geht:

Psychedelische Drogen (LSD, Pilze):

  • The Smoke – My Friend Jack
  • Traffic – Hole in My Shoe
  • Ronnie Urini und die Letzten Poeten – Alice im Wunderland [eine psychotische Coverversion von Jefferson Airplanes „White Rabbit“]

Heroin:

  • The Velvet Underground – Heroin
  • Warren Zevon – Carmelita

Kokain:

  • The Grateful Dead – Casey Jones

Betäubungsmittel:

  • Kings of Leon – Holly Roller Novocaine

Marihuana:

  • Willie Nelson – Me and Paul
  • Collie Buddz – Herb Tree
  • Steppenwolf – Don’t Step On The Grass, Sam [danke an Dave für diesen Beitrag ;-)]
  • Wolfgang Ambros – Du schwarzer Afghane

Nikotin:

  • Ben Lee – Cigarettes Will Kill You
  • The Kinks – Harry Rag
  • Mission of Burma – Nicotine Bomb

Alkohol:

  • Johnny Cash – Kneeling Drunkard’s Plea
  • Tom Waits – Jockey Full of Bourbon (Anlass für ein kleines Waits-Special mit „Innocent When You Dream (78)“ und „Union Square“)
  • Monks – Drunken Maria
  • Dire Straits – Heavy Fuel

Pillen:

  • The Vogue – Pill Girl
  • Emily Haines & The Soft Skeleton – Dr. Blind

Der Drogentrips als (Spanien-)Reise:

  • The Doors – Spanish Caravan
  • The Coral – Spanish Main

Zum krönenden (?) Abschluss gab es dann noch einen kurzen Abstecher in die düstere Welt der Sport-Musik:

  • Warren Zevon – Boom Boom Mancini: Ein grandioser Song über den Boxer Ray „Boom Boom“ Mancini, bei dem das Boxen natürlich auch als Allegorie für das Leben steht: „The name of the game is be hit and hit back“. 
  • Franz Beckenbauer – Gute Freunde kann niemand trennen: Ein nicht ganz so grandioser Song – wie meistens, wenn Fußballer hinters Mikro wechseln.  (Die Welt des schlechten Schlagers hatten wir schon ganz zu Beginn des Hörabends gestreift, mit der Hektiker-Parodie „A Gaudi muaß sein“).
  • Johann K. – Lonely Boy: Hans Krankl vulgo Johann K. vulgo Hansi vulgo Nachtfalke landete im Musikbereich nicht ganz so viele Treffer wie am Fußballplatz. „Lonely Boy“ ist aber ein durchaus würdiger Rausschmeißer, nicht nur in der Sozialporno-Serie „Liebesg’schichten und Heiratssachen“, sondern auch für unseren Musikabend. „Reini, warum wü mi kana?“ – „Hons, de woin di do eh …“

In diesem Sinne: Mögen noch viele Hörabende folgen!

2 Gedanken zu „Schnitzel und Suchtgift, Desert Rock und Dub, Blasmusik und Beckenbauer

  1. Dave

    Zum Drogenschwerpunkt möchte ich noch Rauschgift-Time von den 3 Spitzbuben nachreichen.

    Zitiert werden folgende Lieder, die Texte jeweils passend „nachgedichtet“:

    The Beatles – Penny Lane
    The Kinks – Sunny Afternoon
    Tom Jones – My Delilah (Wo is mei Verteiler?)
    The Beatles – All you need is love

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    1. Michael Domanig Beitragsautor

      Herrlich, eine echte Rarität :-). Am besten ist die Kinks-Coverversion! Wär was für mein nächstes Coverversionen-Quiz …

      Ich hab auch noch zwei wichtige Ergänzungen:
      1.) Mein Vorschlag für eine alternative österreichische Bundeshymne:
      https://www.youtube.com/watch?v=LaA-ZbURcnA

      2.) Und die ultimative Ode ans Kokain: „Zwei Spuren im Schnee“ von Vico Torriani:
      https://www.youtube.com/watch?v=9oZnBy8GNvI

      „Zwei Spuren so schmal treffen drunten sich im Tal und sie führen bis in uns’rer Stübchen rein. Und die eine Spur ist deine und die and’re Spur ist meine – und sie führen von der Einsamkeit zur Seligkeit“ … Noch Fragen?

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