EINSAME KUNSTWERKE, SCHIMMLIGES BROT: DIE ZEHN SELTSAMSTEN SONGTHEMEN

Liebe und Triebe, Eifersucht und Gier, Einsamkeit und Depression, politische Unterdrückung und Widerstand, harte Drogen und schnelle Autos: Unzählige Songs in unterschiedlichster Qualität wurden und werden zu großen Themenkomplexen wie diesen geschrieben.

Aber was ist mit den etwas abseitigeren Facetten des Alltags, mit den Randerscheinungen und Spezialthemen? Wo sind die Songs über Leihbibliotheken und Schwarzbrot? Warum singt niemand über das traurige Los von wertvollen Ölgemälden oder die Schönheit des Wäschetrocknens? Wer setzt Einzelhandelsangestellten oder fast vergessenen Fußballclubs ein Denkmal?

Moment. Zu all diesen entlegenen Themen gibt es ja wirklich Songs! Und manche davon sind alles andere als schlecht, einige sogar richtig berührend. Merke: Offenbar ist kein Thema zu klein, um ein großes Lied darüber zu schreiben. Hier also eine kurze, völlig unrepräsentative Auswahl ganz schön seltsamer Songthemen:

1. DIE POESIE DES WÄSCHETROCKNENS:

Minimalistisch, kauzig, eigensinnig: „Kofelgschroa“ machen urbayerische Blasmusik, kreuzen sie aber mit den repetitiven, Trance-artigen Strukturen der elektronischen Clubmusik und einem Hang zu ausgedehnten Improvisationen. Und mit höchst reduzierten Texten, die umso mehr Raum für Assoziationen lassen.

Hinter den scheinbar sinnfreien Zeilen „Die Wäsche trocknet an der Sonne, die Wäsche trocknet auch am Wind. / Die Wäsche trocknet auch am Licht. Wie schön ist das eigentlich?“ könnte also sehr viel mehr stecken. Zum Beispiel eine Hymne an das Leben an sich.

Mit seinem kleinen, aber feinen Pfeifsolo (ab 4:54) würde „Wäsche“ übrigens auch meiner Liste von „Pfeif drauf“-Songs gut anstehen …

 

2. WÄSCHEWASCHEN IM MÖRDERHAUSHALT:

Bleiben wir noch kurz im Genre der Wäschesongs: Bei Serienkillers hängt der Haussegen schief. Er verdient zwar anständig und hat „‘nen guten Namen“ in seiner Branche. Doch darüber vernachlässigt Er leider seine Pflichten im Haushalt – was Sie naturgemäß stört. Denn merke: „Auch Killer [oder, wie man ergänze möchte, gerade Killer] müssen waschen gehen.“

Dabei sei es doch so simpel, wie die Freundin weiter ausführt: „60 Grad, 90 Grad, 100 Grad. / Pulver rein, Wasserhahn aufgedreht / So einfach kann das alles sein.“

Zugegeben, musikalisch ist es keine Offenbarung, was die kurzlebige Hamburger Punkformation „Dackelblut“ da abliefert. Aber der (bizarre) Gedanke zählt. Und eine Band mit einem so wunderbaren Namen (die Vorgängerformation hieß übrigens „Blumen am Arsch der Hölle“, eine der Nachfolgebands, besonders schön, „Oma Hans“) hat bei mir sowieso einen Stein im Brett.

 

3. DIE ANSTÖSSIGEN FOLGEN ENGER DAMENBEKLEIDUNG:

Wer mit einem einzigen Song über die optischen Auswirkungen allzu eng anliegender Damenbekleidung das Auslangen findet, sollte sich für diesen hier entscheiden. Schließlich ist er durchaus, äh, eingängig – und bringt sein Anliegen klar auf den Punkt: „The only lips I wanna see / Are the ones that sing.“

4. DAS LEBEN HINTER DER FRISCHFLEISCHTHEKE:

Helge Schneider hat die Popmusik für viele neue Themen geöffnet. Man denke nur an das ergreifende „Sei nicht traurig, kleiner Meisenmann“ (ein Sozialdrama im Singvogelmilieu) oder das lebensweise „Hast du eine Mutter, dann hast du immer Butter“.

Die Wurst in allen ihren Spielarten – ein urdeutsches Thema und zugleich ein besonders seltsames Wort – ist bei Schneider immer wieder Thema, und sei es nur als schweinische Metapher („Bonbon aus Wurst“). In „Wurstfachverkäuferin“ ist aber genau das drin, was draufsteht:  Sülze, Schweinehälften und Kühlkammern. Und für wunderbare Sätze bürgt Helge Schneider sowieso immer: „Die Wurst ist mein Lebenssinn.“

 

5. AUSWÄRTSTRIKOTS:

„All I Want For Xmas Is A Dukla Prague Away Kit“ ist schon mal ein reichlich seltsamer Songtitel, weshalb ich diesen Song schon mal in einer entsprechenden Liste erwähnt habe. Ich darf mich also wieder einmal selbst zitieren:

„Viel obskurer geht‘s nicht mehr: Half Man, Half Biscuit, eine englische Postpunk/Folkband, die seit 1984 aktiv ist (und geniale Albumtitel wie ‚Trouble Over Bridgwater‘ oder ‚Achtung Bono‘ vorgelegt hat), erzählt in ihrem kleinen 1986er-Hit von einem eingebildeten Schulkollegen, der eine Autorennbahn der Marke Scalextric, ein Tischfußball-Set der Marke Subbuteo und ein Trikot der (mir gänzlich unbekannten) Fußballmannschaft Dukla Prag besaß. Und zwar nicht irgendein Trikot, sondern ein Auswärtstrikot.“ Ende des Zitats.

 

6. DIE EINSAMKEIT VON KUNSTWERKEN UND INSTRUMENTEN:

Regina Spektor ist eine großartige Künstlerin – und sie hat ein großes Herz: zum Beispiel für die Ruderboote auf Ölgemälden, die unentwegt versuchen, aus dem Bild zu rudern und doch für immer an ihrem Platz gefangen bleiben: „They’ll keep hanging / In their gold frames / For forever, forever and a day“. Oder für die wertvollen Violinen in ihren „glass coffins“, die vergessen haben, wie man singt.

Das Leben der Kunstwerke in Museen und Galerien gleiche einem Dahinvegetieren in einem „öffentlichen Mausoleum“, meint Spektor – oder in einem Hochsicherheitsgefängnis: „First there’s lights out / Then there’s lock-up / Masterpieces serving maximum sentences. / It’s their own fault / For being timeless / There’s a price to pay and a consequence“.

Aus scheinbar banalen Details so mitreißende Botschaften abzuleiten, das ist auch … große Kunst.

 

7. DER GERINGE NUTZEN VON SCHIMMLIGEM BROT:

Die allgemeine Verspieltheit des New Wave (oder der NDW, wie es in Deutschland bald heißen würde) führte auch zu einer hohen Zahl an absurden Bandnamen, Songtiteln und -themen. Musterbeispiel: die 1981 formierte Avantgarde-Pop-Formation „Foyer des Arts“ rund um den begnadeten Texter Max Goldt.

Allein Songtitel wie „Wissenswertes über Erlangen“ oder „Die Unfähigkeit zu frühstücken“ sollten für einen Eintrag in die Popgeschichtsbücher reichen. Noch besser ist aber „Schimmliges Brot“ – nicht nur wegen des völlig überdrehten Gesangs und der ultrabilligen Elektrosounds, sondern vor allem wegen der Kernaussage, die heute noch genauso zutrifft wie 1985:

„Schimmliges Brot / verdirbt oft die Freunde. Schimmliges Brot / schmälert das Vergnügen.
Schimmliges Brot / ist selten von Vorteil.“

Danke an den werten Kollegen Sebastian für diesen Geheimtipp!

 

8. DIE UNAUFHALTSAME AUSBREITUNG VON GESCHLECHTSKRANKHEITEN:

Na gut, darüber gibt’s bestimmt eine ganze Reihe von Songs. Aber eleganter und hinterfotziger als der rundum geniale Satiriker Tom Lehrer (weiterer heißer Anspieltipp: „Wernher von Braun“) hat es bestimmt niemand hingekriegt:

„She then gave it to Daniel / Whose spaniel has it now / Our dentist even got it / And we’re still … wondering how.“

 

9. DIE DUNKLEN GEHEIMNISSE AM BODEN EINES BRUNNENS:

Ich kenne nur ein einziges Album von Kevin Ayers („whatevershebringswesing“, 1972). Doch das reicht, um zu wissen, dass dieser Mann über eine ausufernde Phantasie und bizarren britischen Humor verfügte.

Ayers einzigartiger „Song From The Bottom of A Well“ löst genau das ein, was der verstörende Titel verspricht – auf musikalischer Ebene (unheimliche Störgeräusche, kreischende Bläser, abruptes Ende) ebenso wie textlich: Hier geht es wirklich um jemanden, der am Grunde eines dunklen Brunnens sitzt – heute ein beliebtes Motiv in Psycho-Horrorfilmen, damals wie heute eine höchst ungewöhnliche Erzählperspektive für ein Lied.

Der Ich-Erzähler scheint das Beste aus seinem schrecklichen Schicksal in der feuchten Dunkelheit zu machen („I drown my body so my mind is free / To indulge in pleasurable fantasies“). Aber ganz geheuer ist ihm oder ihr die Situation natürlich nicht: „I learned some information way down here / That might fill your heart and soul with fear“.

Die große Frage, wie er hier gelandet ist, lässt der Sänger am Grunde des Brunnens offen. Nur so viel: „I didn’t move here / I just fell.“ Hilfe!!

 

10. DIE UNSCHÄTZBAREN VORZÜGE EINER GUT SORTIERTEN LEIHBIBLIOTHEK:

Andreas Dorau scheint ein Mann zu sein, der auch und gerade in den kleinen und ganz kleinen Dingen Größe und Würde zu finden scheint. Seine eigenartigen Erwachsenenkinderlieder über abseitige Themen wie das Flaschenpfand oder die Leihbibliothek „am Hühnerposten“ in Hamburg (gibt’s tatsächlich!) wirken naiv, unschuldig und gänzlich ironiefrei – und berühren gerade deshalb.

In „Hühnerposten“ nähert sich Dorau seinem sehr gewöhnlichen und daher so ungewöhnlichen Sujet mit aller gebotenen Liebe zum Detail: Er erzählt nicht nur die Geschichte des als Postamt errichteten Bibliotheksgebäudes („1900 entstand der gotische Bau / errichtet von Geheimrat Schopau“), sondern erzählt auch vom Reiz lesender Mädchen („in Zeilen vertieft, sind sie wunderschön“) und von den Rentnern, die hier recherchieren, „um Beschwerden zu schreiben“.

Worte wie „Versäumnisgebühr“ oder „Leihfrist“ hat vor ihm garantiert noch niemand in einem Popsong verwendet. Und sogar Trost für diejenigen, die ihre Bücher zu spät zurückgeben, hat Dorau parat: „Obwohl man online verlängern kann / ist man manchmal zu spät dran. Doch kein Grund, die Haare zu raufen / weil sie von dem Geld neue Bücher kaufen.“ Das Ganze gipfelt in einem denkwürdigen Refrain, wie ihn die deutschsprachige Popmusik bestimmt noch nie erlebt hat:

„Taschenbücher, Periodika / Musik und DVDs, alles ist da. Noten, Filme, Lexika / in der Leihbibliothek“.

Weil „Hühnerposten“ derzeit leider nicht auf dem globalen Online-Videoportal verfügbar ist, verweise ich zum guten Schluss auf den fast genauso seltsamen „Flaschenpfand“-Ohrwurm. Und jetzt alle gemeinsam:

„Die Kinder rufen im ganzen Land: Fli-fli, Fla-fla, Flaschenpfand.“

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