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Regression.

Ist es schon so weit? Habe ich mich tatsächlich in den Fötenzustand eines Musikhörers zurückentwickelt, so wie Oma am Ende die kognitive Kapazität eines Kleinkinds hatte? Kehre ich mit nur 32 Jahren geistig in die Zeiten zurück, als „Coco Jamboo“ meine Jahrescharts beherrschte und ich „Wannabe“ kaufte, bevor es in den Charts war?

Stein des Anstoßes ist eine Single, die ich letzten Freitag als erzwungener Passiv-Radiokonsument hörte und sofort dieses Gefühl verspürte, das man nur wenige Male im Jahr verspürt, wenn man einen Song hört und – geschult durch 20 Jahre reflektierten Musikhörens – instinktiv weiß: „Der wird mir noch mal sehr viel besser gefallen als jetzt in diesem Moment.“

Das war 2015 eigentlich erst so bei „Willkommen im Dschungel“, „Golden Nights“, „Huarache Lights“, „Irony. Utility. Pretext“, „Life“, „Ballad of the mighty I“ und „Let it happen“, also allesamt wahrlich keine Songs, für die man sich schämen muss. Aber jetzt?

Das kann nicht sein?! Das DARF nicht sein! Ist aber so. Und es kommt noch schlimmer. Sämtliche bisher veröffentlichten Singles aus dem neuen Album „Purpose“ vom 360-Grad-Ultra-Musiksatan der letzten Jahre sind erstklassig! „What do you mean“ kommt gleich locker-tropisch-addiktiv daher wie angesprochenes „Sorry“ und auch das schon etwas ältere, aber an mir logischerweise komplett vorbeigegangene „Where are Ü now“ sind bei mir gerade sensationell auf heavy rotation.800px-Believe_Tour_13,_2012

Ich kann das schwer mit seinen älteren Sachen vergleichen, da ich abgesehen von der Kaufhaus-Zwangsbeglückung nur sehr selten in den zweifelhaften Genuss kam, aber das reicht, um zu erkennen, dass es sich wohl um einen dramatischen Imagewandel in der Karriere von He Who Must Not Be Named handeln muss. Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Wahrscheinlich treffen wir uns gerade in der Mitte: Der Rotzbua wird erwachsen – und ich, naja, bin in Regression.

Sicher, die unsägliche Göre hat mit dem Masterplan wahrscheinlich recht wenig zu tun. Aber wem auch immer die Idee kam, das Schreckgespenst der Popmusik mit Produzenten wie Diplo oder Skrillex zu verheiraten, gebührt sicherlich eine Spindoktor-Ehrenmedaille. Von mir überreicht in Platin: Skrillex und Blood Diamonds für „Sorry“. Sowie in Gold: Mason Levy für „What do you mean“. Und immerhin noch in Silber: Diplo & Skrillex für „Where are Ü now“. Große Popmusik.

Und so klang der Sound übrigens im Jahr 1999.

Westernhemd meets Hawaiihemd

Konzertbericht: Los Straitjackets feat. Deke Dickerson, Melkweg Amsterdam, 15 Februar 2015:

Und wieder muss die Frage erlaubt sein: Spüren sich die Typen von HitTheBassline überhaupt nicht mehr? Zuerst warten sie bis Herbst 2015, um uns ihre angeranzten Jahrescharts 2014 (sic!) unterzujubeln. Und jetzt kommen sie mit einem topaktuellen Konzertbericht aus dem fucking FEBRUAR daher? Geht’s noch, oder was??

Ja, es geht noch. Denn das Leben, das Universum und der ganze Rest drehen sich bekanntlich im Kreis – und so werden scheinbar längst überholte Ereignisse und Konzerte plötzlich wieder ganz aktuell. So wie im Fall unseres formidablen Gastschreibers Buccan Faber, den nach mehr als einem halben Jahr auf einmal wieder die Surfrock-Welle erfasst und von Wörgl geistig zurück nach Amsterdam gespült hat. Doch lassen wir ihn selbst erzählen …

Westernhemd meets Hawaiihemd – Los Straitjackets feat. Deke Dickerson, live in Amsterdam:

von Buccan Faber

Der Surfrock-Konzertbesuch mit Mischn brachte mich auf die Idee, doch auch selbst einen vergangenen Abend im Zeichen des Surfrocks wiederzugeben:

„Do i get the tickets inside for tomorrow?“ fragte ich den Türsteher in perfektem Englisch. Zu welchem Konzert ich denn wolle, denn die Powermetaller von Sabaton, die auch am morgigen Abend hier ihren Gig abhielten, wären schon ausverkauft. Ich schaute zu meiner fein gewandeten Begleitung hinüber, an mir selbst herab und dann mit großen Augen den Türsteher an. Lachend meinte er, die Tickets für Los Straitjackets bekäme ich gleich hinter ihm an der Kasse.

Als Vorband surften The Phantom Four orientalisch über die Bühne, als lokale Akustik-Surfrock-Größen dem Publikum wohlbekannt. Insbesondere der Gitarrist gefiel sich in der Position eines schlangenbeschwörenden Torero, der in bester Laune die Bühne großräumig betanzte. Stakkatoartige Einlagen, gefolgt von hypnotischen Rhythmen, waren der ideale Unterbau für einen ordentlichen Ritt auf der Sundowner-Welle.

Nach dem Sonnenuntergang ging’s zur Sache: Die Ankunft von Deke Dickerson & Los Straitjackets wurde lautstark gefeiert. Drei schwarz gekleidete Herren mit mexikanischen Wrestling-Masken betraten die Bühne und bedienten sich erfolgreich in ihrem Repertoire aus bereits zwanzig Alben.

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Ebenso routiniert gesellte sich nach ein paar Liedern Deke Dickerson mit ausladendem Cowboyhut und Whiskeyflasche hinzu, um die Songs verbal zu begleiten.

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Fast bin ich geneigt, zu bemerken, es hätte des Gesangs gar nicht bedurft, da der Country-Einschlag des Sängers den Surf-Geist der Veranstaltung verwässerte. Letztendlich muss ich aber doch anmerken, dass die reine Anwesenheit des Rockabilly-Evergreens die Straitjackets weiter anspornte. Angedeutete Choreographien und ordentliches In-die-Saiten-Gehaue waren zur Freude der Besucher die Folge.

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Die Fans belohnten den Einsatz auf ihre ganz persönliche Art und Weise. Mexikanischstämmige Anhänger im Publikum taten es den Musikern gleich und zogen ihrerseits Wrestlingmasken über. Als zwei Damen aus dem Publikum die Bühne stürmten und, an den Bühnenrändern wild tanzend, der Veranstaltung einen würdigen Rahmen verliehen, begann das Publikum endgültig zu verschmelzen. Cowboystiefel. Petticoats. Koteletten. Hawaii-Hemden. Psychobilly-Tollen …. Spätestens zu „Bird is the Word“ wurde alles eins.

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Und als wäre dies nicht genug, kamen an der Garderobe auch noch die Besucher des ebenfalls gerade zu Ende gegangenen Sabaton-Konzerts hinzu. Welch ein Potpourri von Musikliebhabern unterschiedlichster Genres!

Danach in der Straßenbahn. Das Mädchen vor mir hatte den schönsten Abend ihres Lebens: Sie hatte eine Sabaton-Jacke, die ins Publikum geworfen wurde, fangen können. Ich war froh, dass gerade sie die Jacke zugeworfen bekam. Es war Februar – und sie sah aus wie auf dem Weg ins Freibad. Erfrierungen blieben dank der spendablen Gabe von Sabaton aus. Und alles war gut.

Wucht. Wildheit. Wahnsinn.

Konzertberichte: VALIENT THORR, PMK Innsbruck, 6. Oktober 2015; DAVE & THE PUSSIES, KulturZone Wörgl, 9. Oktober 2015

Ein gutes Rockkonzert (und leider gibt es sehr viele sehr schlechte Rockkonzerte) lebt von seiner Wucht, seiner Unmittelbarkeit, von der rauen Energie, der man sich einfach nicht entziehen kann. Die zurückliegende Woche bot dafür gleich zwei grandiose Beispiele.

Am Dienstag hielt der nackte Wahnsinn in Gestalt von Valient Thorr Einzug in der PMK Innsbruck. Dort war die wüste Formation aus North Carolina schon mehrfach zu sehen, unter anderem auch bei einem der beliebten PMK-Straßenfeste (ein Auftritt, von dem man sich Sagenhaftes erzählt). Ich selbst hatte die Band hingegen einmal in Kufstein erlebt, 2007 im Vorprogramm der Stoner-Rock-Veteranen Fu Manchu, die von Valient Thorr damals jedoch spielend an die Wand gespielt wurden.

Jenes Bild, das ich mit diesem Abend am stärksten verbinde, ist das eines zotteligen, vollbärtigen, schweißtriefenden Sängers mit entblößtem Oberkörper, der auf einmal am Boden vor der Bühne hockt, mitten im Publikum, das er ebenfalls zum Sitzen verdonnert. Von einem hippiesken Lagerfeuer-mit-Klampfe-Ambiente war die Band dabei allerdings meilenweit entfernt. Denn bei Valient Thorr geht es um die Urprinzipien des Rock ’n‘ Roll, die da heißen: Lautstärke und Geschwindigkeit, Schweiß und Dreck. Genau so, also erwartet großartig, war das auch beim PMK-Konzert.

Eröffnet wurde der Abend allerdings noch recht konventionell: Child aus dem australischen Melbourne servierten kompetent gespielten, psychedelischen, tief in Blues getränkten Hardrock, der allerdings etwas statisch und, wie der kritische Blogkollege Dave meinte, auch ein wenig zu basslastig daherkam. Apropos Bass: Der Bassist von Child trug bassenderweise und passenderweise ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Sabbath Worship“, aus dem jedoch, wenn der Gitarrengurt verrutschte, immer wieder ein deutlich weniger passendes „Abba Worship“ wurde … Also genau die Art von Skurrilität, die mir im Gedächtnis bleibt 😉

Weiter ging’s, deutlich flotter und schon vor etwas mehr Zuschauern, mit einem zweiten jungen Hardrock-Trio, Black-Bone aus Eindhoven. Frontmann Steef überzeugte mit klassischen Powerriffs, manischem Angus-Young-Blick und dem Mut, sein schütteres Haar lang zu tragen. Übrigens nicht als letzter Frontmann an diesem Tag …

Der „real deal“ waren dann aber Valient Thorr, bei denen von „Rampensauen“ über „Bühnentiere“ bis hin zu „Naturgewalt“ kein animalisch-ökologischer Begriff zu hoch gegriffen ist. Schon nach dem ersten Song hatte Frontmann Valient Himself (ja genau, so nennt sich der, die anderen Bandmitglieder tragen die schönen Einheitsnamen Eidan Thorr, Storm Thorr, Sadat Thorr und Lucian Thorr) sein T-Shirt als unnötigen Luxus erkannt und stellte für das restliche Konzert seine schweißglänzende Rocker-Wampe in die Auslage.

Überhaupt, was für ein Frontmann! Die Energie tropft diesem wilden, haarigen Derwisch buchstäblich aus allen Poren, wenn er wie ein Geisteskranker über die Bühne fegt, sich auf ihr wälzt und ringelt und dazu kehligen Gesang und manische Zwischenmoderationen ausspuckt (zum Beispiel über außerirdische Bazillen auf Froschbeinen oder so ähnlich). Rock ’n‘ Roll, wie ihn Valient Thorr verstehen (und sie verstehen ihn richtig) ist so etwas wie ein archaisches Ritual: brutal laut, bizarr schnell, wild und ekstatisch.

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Jahrescharts 2014 (HIT THE BASSLINE)

Und somit ergeben sich die kombinierten „HIT-the-Bassline“-Top-20 des Jahres 2014:
(außer es wollen noch einige Co-Autoren alles durcheinanderwirbeln 🙂 )

1 Wanda – Bologna
2 Panda Bear – Boys Latin
3 Bilderbuch – Spliff
4 Panda Bear – Mr Noah
5 Faith No More – Motherfucker
6 Ariel Pink – Picture Me Gone
7 Wanda – Easy Baby
8 The New Pornographers – Brill Bruisers
9 TV On The Radio – Happy Idiot
10 Future Islands – Seasons (Waiting On You)
11 Perfume Genius – Queen
12 Alt-J – Every Other Freckle
13 Wanda – Schickt mir die Post
14 The War On Drugs – Under The Pressure
15 Future Islands – A Dream of you and me
16 Gulp – Seasoned Sun
Jungle – Busy earnin‘
18 The War on Drugs – An Ocean in between the Waves
19 Spain – From the Dust
Thundercat – O Sheit, it’s x!

Jahrescharts 2014 (Stefan Pletzer)

Dann will ich mich mal nicht lumpen lassen und präsentiere meine Jahrescharts von 2014, die zwar schon längere Zeit fertig sind, ich euch aber vorenthalten wollte. Die von Michael angesprochenen Primavera-Berichte plane ich übrigens schon vorzeitig abzugeben, ich will also nicht die gesamte Zeit bis zur genannten Deadline ausschöpfen. Ziel ist der 31. November (alternativ der 30. Februar).

JAHRESCHARTS 2014:

1 FUTURE ISLANDS „A Dream of you and me“

2 JUNGLE „Busy earnin'“

3 THE WAR ON DRUGS „An Ocean in between the Waves“

4 PERFUME GENIUS „Queen“

5 THUNDERCAT „Oh sheit, it’s x!“

6 RAKEDE „Jetzt gehst du weg“

7 TODD TERJE „Swing Star (Parts 1 & 2)“

8 PANDA BEAR „Boys Latin“

9 JUNGLE „Platoon“

10 WANDA „Bologna“

11 PANDA BEAR „Mr. Noah“
12 CHARLOTTE GAINSBOURG „Hey Joe“ (SebastiAn Remix)
13 DEATH FROM ABOVE 1979 „Trainwreck 1979“
14 ELBOW „The Take off and Landing of everything“
15 FUTURE ISLANDS „Spirit“
16 BILDERBUCH „Spliff“
17 NOEL GALLAGHER’S HIGH FLYING BIRDS „In the Heat of the Moment“
18 BRIAN ENO & KARL HYDE „Return“
19 THE WAR ON DRUGS „Red Eyes“
20 TOMORROW’S WORLD „Drive“
21 FUTURE ISLANDS „Seasons (Waiting on you)“
22 SWANS „Oxygen“
23 APHEX TWIN „Minipops 67 (Source Field Mix)“
24 EELS „Peach Blossom“
25 DEATH FROM ABOVE 1979 „Virgins“
26 TWIN PEAKS „Making Breakfast“
27 KELIS „Rumble“
28 VON SEITEN DER GEMEINDE „105 Jahre voll“
29 FAITH NO MORE „Motherfucker“
30 ELBOW „This blue World“
31 LONDON GRAMMAR „If you wait“
32 THE MEN „Pearly Gates“
33 THE ANTLERS „Palace“
34 DANIEL AVERY „Drone Logic“
35 TODD TERJE „Preben goes to Acapulco“
36 ALT-J „Every other Freckle“
37 ODESZA feat. ZYRA „Say my Name“
38 HUNDRED WATERS „Cavity“
39 KLAXONS „Liquid Light“
40 MILKY CHANCE „Flashed Junk Mind“
41 THE NEW PORNOGRAPHERS „Brill Bruisers“
42 PANAMA WEDDING „All of the People“
43 LONDON GRAMMAR „Hey now“
44 TAYLOR SWIFT „Style“
45 TV ON THE RADIO „Happy Idiot“
46 DIE STERNE „Innenstadt Illusionen“
47 LIARS „Pro Anti Anti“
48 COPELAND feat. ACTRESS „Advice to young Girls“
49 FUTURE ISLANDS „Light House“
50 LITTLE DRAGON „Klipp Klapp“
51 STEAMING SATELLITES „Notice“
52 RUN THE JEWELS feat. ZACK DE LA ROCHA „Close your Eyes (and count to fuck)“
53 AZEALIA BANKS „Chasing Time“
54 LONDON GRAMMAR „Flickers“
55 THE WAR ON DRUGS „Under the Pressure“
56 ARIEL PINK „Picture me gone“
57 KLAXONS „The Dreamers“
58 WANDA „Easy Baby“
59 LA ROUX „The Feeling“
60 THE BLACK KEYS „Turn blue“
61 COLDPLAY „Magic“
62 DAMON ALBARN „Lonely press play“
63 THE ANTLERS „Parade“
64 MOONLIGHT BREAKFAST „Shout“
65 CARIBOU „Our Love“
66 BIRDY „Words as a Weapon“
67 CARIBOU „Can’t do without you“
68 SATELLITE STORIES „Lights go low“
69 KLAXONS „There is no other Time“
70 DUST COVERED CARPET „Grey Formations“
71 JAMIE XX „All under one Roof raving“
72 MERCHANDISE „Enemy“
73 ELBOW „Honey Sun“
74 THE BLACK KEYS „It’s up to you now“
75 MR. TWIN SISTER „In the House of yes“
76 WANDA „Schickt mir die Post“
77 ST. VINCENT „Digital Witness“
78 MARTERIA „Kids (2 Finger an den Kopf)“
79 SHIT ROBOT feat. NANCY WHANG „Do that Dance“
80 TWIN PEAKS „I found a new Way“
81 ATMOSPHERE „Camera Thief“
82 NENEH CHERRY feat. ROBYN „Out of the Black“
83 THE KNIFE „Ready to lose (Shaken-up Version)“
84 THE NOTWIST „Kong“
85 THE ANTLERS „Surrender“
86 WE HAVE BAND „Someone“
87 FKA TWIGS „Lights on“
88 EX HEX „Don’t wanna lose“
89 KWABS „Walk“
90 THE 2 BEARS „Not this Time“
91 THE ASTEROIDS GALAXY TOUR „My Club“
92 JACK WHITE „High Ball Stepper“
93 LONDON GRAMMER „Wasting my young Years“
94 GLASS ANIMALS „Gooey“
95 CHET FAKER „Talk is cheap“
96 ELBOW „Charge“
97 STARS „From the Night“
98 LYKKE LI „Gunshot“
99 JAMIE XX „Girl“
100 SOHN „Bloodflows

Meine Jahrescharts 2014 (Michael Domanig)

„Was ist nur mit den Typen von Hit The Bassline los?? Monatelang kein einziger Beitrag, der Blog setzt schon Rost und Grünspan an – und jetzt, wo alle anderen längst an den Bestenlisten für 2015 feilen, kommen sie uns mit den Jahrescharts für das Jahr 2014 (sic!) daher? Was kommt wohl als nächstes: Ein brandaktueller Konzertbericht vom Monterey Pop Festival 1967? Oder ein Interview mit Wolfgang Amadeus Mozart? Da ist ja meine Schildkröte schneller! Und die hat von Jahrescharts nun wirklich keine Ahnung …“

??????????

So oder ähnlich stelle ich mir die Gedankengänge unserer Fans und Kritiker vor. Aber da wir selbst unsere fanatischsten (einzigen?) Kritiker (und Fans) sind, pfeifen wir auf die anderen und wenden uns, jetzt erst (recht), dem Popjahr 2014 zu.

Das war nämlich ein durchaus spannendes. Auch und gerade in Österreich. Klar, das ganze Konzept des „Nationalstaats“ ist mehr als fragwürdig, besonders in der Popmusik. Herkunft ist keine Leistung. Und doch fällt auf (und zwar sehr positiv), dass sich hierzulande in Sachen guter, aufregender und unkonventioneller Musik sehr viel tut. Zumindest nach meinen Jahrescharts zu schließen, in denen der Anteil „österreichischer“ Musik heuer höher denn je ist. Für Statistiker: satte 15 Prozent!

Und das, obwohl es viele tolle Songs und Künstler aus Ösiland gar nicht in meine Top-100 geschafft haben, etwa Kreisky, Bulbul, Fuzzman, Ja, Panik, Ankathie Koi, Lea Santee, Laokoongruppe, Julian und der Fux oder die New-Wave-Haudegen von Minisex.

Auch sonst lohnt der Rückblick auf 2014, zwischen Amore und Ariel, Pandabären, Schwänen und Glastieren, Punk und Country, Folk und Elektro, Hip-Hop, Dream Pop und seltsamer Musik.

Und was ist schon ein Dreivierteljahr Verspätung in Zeiten der totalen Verfügbarkeit von Musik? In diesem Sinne: Viel Spaß mit den Jahrescharts samt Playlist! Ich freue mich auf eure Kommentare (und den Streit mit euch)!

PS: Ausführlichere Gedanken zu einzelnen Songs folgen (vielleicht) später, bis Dezember 2015 könnte es sich ausgehen. Und dann werde ich mich mit voller Energie dem frischen Popjahr 2015 zuwenden.

PPS: Blogkollege Stefan Pletzer hat versprochen, die fehlenden Konzertberichte vom Primavera-Festival im Mai so bald wie möglich nachzuliefern. Stichtag ist der 31. Oktober 2031.

JAHRESCHARTS 2014:

1. Wanda – Bologna
2. Gulp – Seasoned Sun
3. Panda Bear – Boys Latin
4. Ariel Pink – Picture Me Gone
5. Spain – From The Dust
6. Wanda – Schickt mir die Post
7. Alt-J – The Gospel Of John Hurt
8. Dum Dum Girls – Lost Boys And Girls Club
9. Claptone feat. Clap Your Hands Say Yeah – Ghost
10. Chuck Prophet – Lonely Desolation
11. Wanda – Easy Baby
12. Joan As Policewoman – The Classic
13. Carla Bozulich – Danceland
14. Chuzpe – Das letzte Lied (wird das erste sein)
15. Damon Albarn – Mr. Tembo
16. Dave & Phil Alvin – Stuff They Call Money
17. Swans – Kirsten Supine
18. Benjamin Booker – Violent Shiver
19. Erstes Wiener Heimorgelorchester – Die Mensch-Maschine
20. Priests – Doctor
21. Githead – Waiting For A Sign
22. Faith No More – Motherfucker
23. Bilderbuch – Spliff
24. Beach Girls And The Monster – Butcher From The Surf
25. Andreas Dorau – Hühnerposten
26. Beck – Heart Is A Drum
27. The War On Drugs – Under The Pressure
28. TV On The Radio – Happy Idiot
29. The New Pornographers – Brill Bruisers
30. Stars – From The Night
31. Fantôme – It All Makes Sense
32. Beck – Waking Light
33. Panda Bear – Mr Noah
34. Alvvays – Archie, Marry Me
35. Warpaint – Feeling Alright
36. Valina – Aileen
37. Virginia Wing – The Body Is A Clear Place
38. Yo!Zepp/Chrisfader/Testa – 104 Jåhr voll
39. Garish – Ganz Paris
40. Polkov – Promised Land
41. Ariel Pink – Put Your Number On My Phone
42. Chuck Prophet – Countrified Inner City Technological Man
43. Beck – Blue Moon
44. Alt-J – Every Other Freckle
45. John Southworth – Halloween Election
46. Foxygen – Cosmic Vibrations
47. Die Heiterkeit – Kapitän
48. Wolf Alice – Moaning Lisa Smile
49. Franz Ferdinand – Erdbeer Mund
50. The 2 Bears – Not This Time
51. Kofelgschroa – Leit do
52. Die Sterne – Mein Sonnenschirm umspannt die Welt
53. Carla Bozulich – Gonna Stop Killing
54. Future Islands – Seasons (Waiting On You)
55. Holly Herndon – Chorus
56. Karen O – Rapt
57. The Raveonettes – Endless Sleeper
58. Suzanne Vega – I Never Wear White
59. Austra – Habitat
60. Warpaint – Keep It Healthy
61. Hanni El Khatib – Moonlight
62. Dust Covered Carpet – Grey Formations
63. Wanda – Auseinandergehen ist schwer
64. Ezra Furman – I Wanna Destroy Myself
65. Erstes Wiener Heimorgelorchester – Spacelab
66. SBTRKT ft. Ezra Koenig – New Dorp. New York
67. Fat White Family – Touch The Leather
68. Glass Animals – Hazey
69. Glass Animals – Pools
70. Daft Punk feat. Jay-Z – Computerized
71. Warpaint – Hi
72. Perfume Genius – Queen
73. Diagrams – Phantom Power
74. Gengahr – Bathed In Light
75. Alt-J – Hunger Of The Pine
76. John Southworth – Hey I Got News For You
77. Young Fathers – No Way
78. Owen Pallett – Song For Five & Six
79. Worried Man & Worried Boy feat. Der Nino aus Wien – Der schönste Mann von Wien
80. Todd Terje feat. Bryan Ferry – Johnny And Mary
81. Jagwar Ma – What Love
82. tUnEyArDs – Water Fountain
83. Pharmakon – Bang Bang
84. Fear Of Men – Tephra
85. EMA – So Blonde
86. Brody Dalle feat. Shirley Manson – Meet The Foetus / Oh The Joy
87. Hanggai – Baifang
88. Run The Jewels feat. Zack De La Rocha – Close Your Eyes (And Count To Fuck)
89. Mini Mansions – Sherlock Holmes
90. Damien Jurado – Suns In Our Mind
91. Willie Nelson – Hard To Be An Outlaw
92. Tom Petty And The Heartbreakers – Fault Lines
93. Jessica Lea Mayfield – I Wanna Love You
94. LA Priest – Oino
95. Spain – Sunday Morning
96. Foxygen – Star Power Pt. 2: Star Power Nite
97. Foxygen – Star Power Pt. 3: What Are We Good For
98. Pixies – Magdalena 318
99. Shabazz Palaces – #CAKE
100. Eels – Series Of Misunderstandings

Ach ja, das einzige Lied, das nicht auf Spotify zu finden ist, ist dieses hier:

Von allen alten Bekannten schätz‘ ich doch am meisten die interessanten

Konzertbericht: Die Sterne, Weekender Club Innsbruck, 28. April 2015:

„Ist das die endgültige Wachablöse in der deutschsprachigen Popmusik? Der unvermeidliche Generationenwechsel?“ Fragen wie diese konnten dem geneigten Hörer zu Beginn des gestrigen Konzertabends durch den Kopf geistern: Zwischen zwei blitzartig ausverkauften Auftritten der neuen Ösi-Popstars Wanda kamen Die Sterne in den Weekender Club – und anfangs sah es ganz danach aus, als würde das Ganze quasi ein Privatkonzert: Von dem guten Dutzend Leute, die um acht Uhr den Saal füllten (oder eben nicht), kannte ich die Hälfte persönlich. Eigentlich fehlte nur noch der berühmte Strohballen, den es durchs Bild weht.

Also fragte man sich weiter: „Sind die Sterne einfach schon zu alt? Haben sie ihre beste Zeit hinter sich? Kennt das junge, studentische Publikum von heute sie nicht mehr? Ist – man entschuldige das naheliegende Wortspiel – ihr Stern im Sinken begriffen? Und leben auch Viva-2-sozialisierte Sterne-Fans inzwischen – einer geht noch – hinterm Mond?“ Die Antwort lautet: Mitnichten.

Erstens füllte sich der Weekender Club dann doch noch recht anständig (zumindest für einen Dienstagabend), wobei der Altersschnitt durchaus niedrig war. Vor allem aber ließen die Sterne sofort alle etwaigen Zweifel verstummen.

Schon nach der ersten Ansage von Sänger Frank Spilker wusste man, dass man hier genau richtig ist: Ein Album „Flucht in die Flucht“ zu nennen – so heißt das 2014er-Werk der Sterne – sei im Grunde anmaßend, meinte Spilker sinngemäß. Denn wenn man an die Menschen denke, die wirklich flüchten müssen – aus unvorstellbaren Verhältnissen, unter Lebensgefahr – seien unsere alltäglichen Problemchen (und unsere alltäglichen Fluchten) irgendwie lächerlich. Aber immerhin stelle der folgende Song („Wie groß ist der Schaden bei dir?“) die richtigen Fragen.

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Unter den einflussreichen deutschen Popbands sind die Sterne vielleicht die politischste – aber sie kommen, textlich wie musikalisch, glücklicherweise nie verkrampft, verbissen und verbohrt daher, sondern leichtfüßig, humorvoll und beschwingt. Sie wissen um die Macht des Grooves, sprechen Hirn, Herz und Hintern gleichermaßen an.

Klar, die Sterne haben etwas zu sagen, aber statt dem erhobenen Zeigefinger gibt es bei ihnen zwischendurch auch das notwendige Augenzwinkern: Über „Flucht in die Flucht“, den Titelsong des neuen Albums, meinte Spilker etwa: „Man muss das gar nicht immer intellektualisieren, das ist einfach ein Sauflied“ – natürlich eines, das vom Bierzeltmief nicht weiter entfernt sein könnte.

Spilker, der in puncto Gesichtsform entfernt an den „Beißer“ aus den James-Bond-Filmen erinnert (wenn auch ungleich freundlicher; danke an Konzertbesucher Raimund für diese bizarre Beobachtung), mag aufgrund seiner Größe immer etwas schlaksig wirken. In Wahrheit ist er aber ein mitreißender, charismatischer, hochsympathischer Frontmann. Und ein großartiger Sänger und Texter sowieso.

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Wanda, s’isch Zeit! Austropop zwischen Euphorie und Karaoke

Konzertbericht: WANDA, Weekender Club Innsbruck, 25. April 2015:

Gut eineinhalb Monate nach Bilderbuch (auf den Konzertbericht von Mitblogger Steff warten wir leider immer noch vergebens ;-)) stattete auch die zweite österreichische Band der Stunde dem Innsbrucker Weekender Club einen Besuch ab: Wanda gaben gestern eines von zwei seit Wochen ausverkauften Gastspielen.

Es war ein Erlebnis der Dritten Art – was nicht zuletzt am Publikum lag: Die Tatsache, dass Wanda mit zwei, drei Singles, einem Album und dem begleitenden Hype so schnell eine so ergebene Fanbase erobern konnten, kann man nur als erstaunlich bezeichnen. Ein großer Teil des Publikums konnte jede Nummer (auch die entlegeneren) von vorne bis hinten auswendig mitsingen – und stellte das auch jederzeit unter Beweis. „Textsicher“ wäre ein Hilfsausdruck für das, was da zu hören war.

All das muss man als Band erst einmal schaffen: ein Publikumsspektrum, das von Indiekids bis hin zu angejahrten Austropop-Veteranen reicht; ein rappelvoller Saal, der lauthals wienerisch-morbide Zeilen wie „Ich saufe keinen Schnaps, ich sauf‘ einen Pistolenlauf“, „Sterben wirst du leider in Wien“ oder „Ich fall in ein tiefes Loch, ein tiefes Loch hinein“ mitgrölt; Karaoke, wildes Herumgehopse, ja sogar eine Fahne (sic!) mit der Aufschrift „Wanda/Amore“.

Wann hat eine (gute) österreichische Band zuletzt eine derartige Euphorie im eigenen Land entfacht? Zumindest in meiner – inzwischen auch nicht mehr ganz kurzen – Lebensspanne kann ich mich an nichts Vergleichbares erinnern. Oder, wie es Bloggründer Dave pointiert formulierte: „Seit wann werden Wiener in Tirol so freundlich aufgenommen? Da läuft etwas falsch.“

Für Wanda läuft momentan aber natürlich alles goldrichtig: In Innsbruck servierten sie einen Hit nach dem anderen (das Album „Amore“ besteht, zumindest so weit ich es kenne, ohnehin nur aus Hits, Hits, Hits): „Schickt mir die Post“ gab es schon früh zu hören, „Auseinandergehen ist schwer“ und den Austropop-meets-Italopop-Instantklassiker „Bologna“ direkt hintereinander, das schwer Falco-eske „Easy Baby“ dann im Zugabenblock. Aber auch „Bleib, wo du warst“, „Kairo Downtown“ oder „Wenn ich zwanzig bin“ wurden heftig akklamiert.

Das fetzige „Luzia“ spielten Wanda sogar zweimal, als Eröffnungsnummer und als Rausschmeißer. Einen größeren Songkatalog hat so eine junge Band eben noch nicht zu bieten (wenn man von dem von Kollegen Steff schmerzlich vermissten „Jelinek“ einmal absieht).

Mit Marco Michael Wanda (heißt der Mann nun wirklich so oder nicht? Dieses Rätsel konnten wir gestern nicht lösen) verfügen Wanda über einen begnadeten, charismatischen, irgendwie sehr österreichischen Frontmann: Mit seiner nicht allzu formschönen Lederjacke und dem offenen Hemd, das schüttere Haar von keinem Kamm belästigt, wirkte er so, als hätte man ihn um drei Uhr früh irgendwo im Zweiten Bezirk aufgelesen und, Tschick und Seidl noch in Händen, direkt vors Mikro verpflanzt: „Eben noch im Eckbeisl, jetzt schon auf unserer Showbühne“.

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Entspannte Leidenschaft, erhabene Ereignislosigkeit

Konzertbericht: SPAIN, Astnersaal Wörgl (Hotel Alte Post), 28. Februar 2015  

Was war das jetzt? War das Folk, Alternative Country, Texmex, Americana? War das Dreampop, Slowcore, Alternative Rock? War das gar Soul oder Gospel? So schwer dieser Abend stilistisch festzumachen war, so leicht fällt das Urteil: Der Auftritt von Spain im Wörgler Astnersaal war einer der schönsten, erhabensten und erhebendsten Konzertabende seit langem.
(Die angemessen stimmungsvollen Fotos stammen von MANFRED DALLAGO. Herzlichen Dank dafür!)

„Spain“ ist das 1993 in Los Angeles formierte, im Laufe der Jahre mehrfach umgruppierte und reformierte Projekt von Josh Haden. Wie sein Vater, der berühmte Jazzbassist Charlie Haden, bedient auch er den Viersaiter/Tieftöner/… (hier bitte Bassgitarren-Synonym Ihrer Wahl einfügen), zugleich ist er Kopf, Sänger, Hauptsongschreiber und einzige Konstante von „Spain“. An diesem bemerkenswerten Abend war er dennoch nur einer von drei gleichberechtigten Frontmännern.

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Mit dem Gitarristen Kenny Lyon und dem Schlagzeuger Joel Virgel hatte Haden beim dritten seiner drei Österreich-Konzerte nämlich zwei durch und durch großartige Tourbegleiter an seiner Seite. Lyon, der aus Miami stammt und im Kongo (Zaire) und dem spanischen Sevilla aufgewachsen ist, hat schon mit den unterschiedlichsten Bands gespielt (von den Lemonheads bis NOFX) und sich zum Beispiel auch als Produzent von Latino-Gangsta-Rap-Formationen (!) seine Sporen verdient. Ein Mann für alle Fälle, wie es scheint.

Und ein Mann der kristallklaren Licks, ein Mann des unglaublich variablen, zugleich wunderbar zurückhaltenden Gitarrenspiels, wie sich im Astnersaal zeigte. Dass er auch ein Mann der Ukulele und der Melodica (!) ist, zeigte Lyon quasi nebenbei.

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Mindestens genauso beeindruckend: Drummer Joel Virgel – und zwar nicht nur wegen seines grandiosen T-Shirt-Slogans („This isn’t fucking Paris“) oder der Tatsache, dass er die große Trommel barfuß bediente. Nein, es war die pure Musikalität und Spielintelligenz, die er ständig aufblitzen ließ, ohne je damit zu blenden: Ob sparsam oder wuchtig, ob gebeserlt oder gedroschen, er und sein Schlagzeug hatten immer genau das Richtige im Repertoire. Dazu steuerte der Mann, der auf der französischen Karibikinsel Guadeloupe geboren wurde, allerlei seltsame Percussioninstrumente bei – und vor allem traumhafte Vokalharmonien. Da gingen Herzen und Sonnen auf.

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Selbiges galt auch für den sonoren Gesang und die bedächtigen Bassläufe von Josh Haden. Leidenschaftlich UND entspannt, das geht eigentlich nicht gleichzeitig, doch Haden und seine Band lösten diesen Widerspruch aufs Wunderbarste auf: Ein glasklares, aufs Notwendigste reduziertes Klangbild traf da auf mächtige Refrains, die wohl nur die wenigsten Indie-Schmindie-Bands wagen würden, und haltlose Leidenschaft, wie man sie sonst vielleicht von wahrem Soul oder Gospel kennt.

Ehrlichkeit ist in der Musik ja grundsätzlich eine gefährliche Kategorie. Die meiste Musik, die sich selbst „ehrlich“, „echt“ oder „authentisch“ nennt, ist in Wahrheit aufgeblasener, prätentiöser und/oder langweiliger Mist. Das Konzert von Spain war aber eines der tiefempfundensten, beseeltesten und, ja, ehrlichsten Konzerte, an das ich mich erinnern kann. Vor allem, weil die Band das Ganze mit hochsympathischem Understatement servierte, wie es nur richtige Könner hinbekommen.

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Einfach geht’s einfach einfacher

Konzertbericht: GIUDA, PMK Innsbruck, 6. Februar 2015

Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Einkommensteuererklärungen, globale Erwärmung und Bankenkrise: Das Leben ist schon kompliziert genug. Also muss man nicht auch noch die Musik künstlich verkomplizieren. Oft geht es einfach einfach einfacher.

Diesem Motto scheint zumindest das römische Quintett Giuda zu folgen, das mit seinem eingängigen und ordentlich einfahrenden Mix aus (Proto-)Punk, Glam, Pubrock und stampfendem Hardrock für eine gut gefüllte PMK (um hier endlich einmal das korrekte Geschlecht zu verwenden) sorgte.

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Giuda (sprich: „Tschuda“, italienisch für Judas und somit ein verdammt guter Name für eine Punkband) nennen als wichtigen Einfluss – neben räudigem Rock ’n‘ Roll, frühem Pub-/Punkrock oder Sixties-Bubblegum-Pop – vor allem 70er-Glamrock-Bands wie Slade oder T. Rex. Von diesem Genre habe ich persönlich nicht viel Ahnung (Kollege Dave weiß dazu sicher mehr), ich weiß aber, dass Glam/Glitter mit dem einige Jahre später einsetzenden Punk (trotz aller Unterschiede) ein ideologisches Ziel teilte: dass Rockmusik wieder einfach, direkt und prägnant klingen, ungebremste Energie vermitteln und einfach (!) Spaß machen sollte.

Genau das lieferten Giuda in der PMK ab: hymnische Refrains, die man schon nach dem ersten Hören mitsingen kann (was die textsicheren Fans sofort taten), Melodien, die einen auch nach dem fünften Bier nicht überfordern, kurz: „populistischen“ Rock im besten Sinne, dabei kompetent, ökonomisch und, wie der Engländer sagt, tight as hell gespielt. Oder, wie Kollege Dave es sinngemäß formulierte: So einfach wie möglich – und das so gut wie möglich.

Das Rückgrat von Giuda bilden zwei gleichrangige, dabei höchst unterschiedliche Frontmänner, die auch schon bei der Vorgängerformation „Taxi“ aktiv waren: Da ist einmal Sänger Ntendarere Djodji Damas, kurz Tenda, ein Schrank von einem Mann mit einer angemessen dröhnenden Stimme, Danko-Jones-Gedächtnis-Ohrringen und vergleichbarem Energielevel. Daneben Sänger und Leadgitarrist Lorenzo Moretti, dünn und drahtig wie ein italienischer Abwehrspieler, mit dünner und drahtiger, fast femininer Punkstimme, der auch und gerade bei den rein instrumentalen Nummern zu Hochform auflief. Ein toller Kontrast!

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