Wahnsinn ist es definitiv. Ob es dennoch Methode hat und ob sich Shakespeare beim Schreiben von Hamlet solch ein Spätzündertum wie das unsere ausmalen konnte, sei dahingestellt. Zu dieser Extraportion Langsamkeit und Prokrastination passt Faulheit wie die Faust aufs Auge, deshalb übernehme ich direkt die Kernaussage vom Vorjahr: Während seriöse Musikjournalisten allerorten schon an ihren Halbjahresbestenlisten 2017 feilen (wir schreiben seit zwei Tagen schließlich schon Juni!), kommt der Spätzünder-Blog HIT The Bassline JETZT mit den Top-100 für 2016 ums Eck …
An legitime Ausreden glaubt hier schon lange keiner mehr, stattdessen also lieber ein paar Worte zur Musikauswahl, die das längst vergangene Jahr so hergab. Ein Musikjahr, dessen Geschichten und Geschehnisse gefühlt so stark von Verlust geprägt waren wie kaum ein Jahr zuvor. Kaum ein Monat ohne Schläge in die Magengrube in Form von Todesfällen namhafter bis legendärer Akteure des globalen Musikgeschehens, und nicht bloß bei Bowie und Cohen passierte es nur kurze Zeit nach Erscheinen neuen Materials des Künstlers. Ein Umstand, der viele Neuerscheinungen – und auch solche, die sonst vielleicht nicht ganz so viel Beachtung gefunden hätten – in ein völlig eigenes Licht tauchte. Und damit auch ein Umstand, den man unmöglich ausblenden kann, wenn man sich der ohnehin irgendwo seltsamen Aufgabe annimmt, Musik in eine Rangliste zu stopfen.
Für mich persönlich war es ein Jahr voller Gegensätze. Während der Entdeckergeist nicht nachließ und wie jedes Jahr ein paar Schritte mehr in Richtung abstrakter, experimenteller Musik gewagt wurden, habe ich gleichzeitig auch mehr gefälligere, poppigere Sachen gehört als sonst. Ersteres ist in den Charts hier nicht wirklich ersichtlich, da diese Musikrichtungen meist eher nicht auf Songbasis funktionieren, letzteres hat hier aber definitiv Spuren hinterlassen.
In dem Sinne war es für mich auch sehr interessant, zum ersten Mal eine Topliste aus Songs zu erstellen. Ich klaube schon jahrelang meine Favoriten des vergangenen Jahres zusammen, aber eigentlich immer als Albumcharts. Die Herangehensweise beim Zusammenstellen der Lieblingssongs war überraschend anders. Man wird sich erst bewusst, welche Alben echte „Album-Alben“ sind, deren Songs sich erst im Kontext entfalten und für sich alleine nicht viel Aussagekraft besitzen. Deshalb ist von einigen meiner Lieblingsalben kein Stück in der Liste vertreten. Umgekehrt finden sich dort aber auch Lieder aus Alben wieder, die es niemals in meine eigentlichen Bestenlisten schaffen würden.
Aus gegebenem, traurigem Anlass statt eines Nachrufs hier einfach drei meiner persönlichen Lieblingslieder von Chris Cornell:
3.) Ty Cobb:
Ein kleines Meisterstück in Sachen Dramaturgie, das Soundgarden nicht von ihrer zähflüssigen Hardrock-Seite (die natürlich ebenfalls nicht zu verschmähen ist) zeigt, sondern von ihrer rasanten, konfrontativen, punkig-energiegeladenen Seite. Schließlich war „Grunge“ (sofern man diesen von den maßgeblichen Bands selbst immer kritisch gesehenen Schubladenbegriff überhaupt verwenden will) vor allem eines: harter Rock, gespielt und wiederbelebt im Geiste des Punk.
Das Lied stammt vom sträflich unterschätzten, für lange Zeit letzten Soundgarden-Album „Down on the Upside“ (1996), das mit Songs wie Rhinosaur, Blow Up the Outside World, Burden in My Hand, Never Named, No Attention, Overfloater, An Unkind, Boot Camp und vor allem dem unsterblichen Eröffnungslied Pretty Noose (siehe unten) eine Großtat nach der anderen bereithält. Damals ging das Album vergleichsweise eher unter – nach dem Tod von Kurt Cobain war der große Grunge-Hype schon wieder vorbei. Was diese Scheibe nur umso magischer (und sympathischer) schillern lässt.
Ein Album, das mehr Energie freisetzt als ein TGV – oder eine Boeing (auch aus Seattle).
Der titelgebende Ty Cobb war übrigens ein ebenso berühmter wie umstrittener amerikanischer Baseballspieler. Als Teenager in Vor-Wikipedia-Zeiten war ich allerdings fest davon überzeugt, Ty Cobb wäre eine bewusste Verballhornung von „Die, Cop!“ – und hielt den Song folglich lange für eine Anti-Polizei-Hymne, etwa im Sinne des beliebten Sprayer-Kürzels ACAB … Ach, süßer, naiver Vogel Jugend!
2.) Pillow of Your Bones:
Chris Cornells Solokarriere hatte ihre Höhen und Tiefen (das von Timbaland produzierte Album „Scream“ war für viele Rockisten der ultimative Sündenfall), auch die Alternative-Rock-Supergroup Audioslave hatte glühende Befürworter und Gegner. Doch dieses düster glänzende Juwel vom ersten Cornell-Soloalbum „Euphoria Morning“ ist über jeden Zweifel erhaben.
1.) Pretty Noose:
Was soll man dazu noch sagen? Eines meiner absoluten Lieblings-Musikstücke EVER, das mich in genau jener jugendlichen Lebensphase erreichte, in der man von Musik vielleicht stärker und bewusster geprägt wird als jemals davor und danach, in der man einfach hungriger und empfänglicher ist als später, weniger abgestumpft und abgeklärt. Bis heute weiß ich genau, dass dieses Lied Track Nummer 13 auf der Soundgarden-Compilation „A-Sides“ war, meinem ersten Berührungspunkt mit dieser tollen Band.
And I don’t like / What you got me hanging from
PS: Ja, die Jahrescharts (2016!) kommen auch noch … But first things first.
Unter etwas offeneren Anhängern extremer Musik gibt es weltweit wohl kaum ein Event, das mehr zelebriert und zum Kult hocherkoren wird, als das jährlich in Tilburg stattfindende Roadburn Festival. Jeden April pilgern Leute aus aller Welt in die Niederlande, um sich eine halbe Woche lang der sorgfältig kuratierten Mischung aus allen möglichen Ecken extremer Gitarrenmusik, psychedelischen Klangwelten, (Post-)Industrial und anderen alternativen Spielarten hinzugeben. Eine Besonderheit des Festivals sind die vielen exklusiven Spezialgigs, in denen Bands beispielsweise Full Album Sets ihrer alten Klassiker zum Besten geben, ihr Material in abgewandelter Form präsentieren, oder gemeinsam mit Szenekollegen die Bühne entern. Und dieses Jahr wollten einige Kollegen und ich nicht mehr nur neiderfüllt auf überschwängliche Reports und Lineups starren, sondern selbst live dabei sein, also starteten wir einen Roadtrip gen Holland. Ein Wochenende wie dieses hat gewiss auch verdient, dass man darüber berichtet, also komme ich um einen kurzen (ich ahne, dass es dann doch etwas ausladend werden wird) Festivalreport nicht herum – wackelige Handykamerabilder inklusive.
Konzertbericht: Son of the Velvet Rat, Astnersaal Wörgl (Hotel Alte Post), 8. April 2017
Man mag ja zur Globalisierung stehen, wie man will. Aber in der Popkultur ist sie seit jeher eine Tatsache, wenn nicht sogar eine grundlegende Voraussetzung. Ohne internationalen Austausch, ohne wechselseitige Inspiration, ohne den Blick über den Tellerrand gäbe es keine vitale Popkultur. Vielleicht sind Globalisierung und Pop sogar ein und dasselbe Phänomen.
Und das digitale Zeitalter macht hier vieles möglich, was vor ein paar Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wäre. Zum Beispiel, dass der kulturelle Austausch bzw. die Globalisierung auch wieder in die Gegenrichtung verläuft – wenn zum Beispiel uramerikanische Musik von steirischen (!) Musikern quasi in die USA reimportiert wird. Und dort, im Mutterland, mittlerweile auch deutlich wahrgenommen und gewürdigt wird.
Georg Altziebler, Frontmann der Grazer Band Son of the Velvet Rat, die auf Einladung des Kulturvereins SPUR. kürzlich schon zum vierten Mal in Wörgl zu Gast war, lebt das, was man heute zusammenfassend meist als „Americana“ bezeichnet, mit vollem Herzen und grenzenloser Leidenschaft, wahrscheinlich leidenschaftlicher als viele amerikanische Musiker selbst. Das betrifft nicht nur die Musik, sondern auch den ganzen sie umgebenden Mythen-Kosmos voll Wüstenstaub, sengender Sonne, endlosen Highways und all den großen und kleinen Schicksalen und Gefühlen, die diesen Kosmos bevölkern. Es ist ein Mythos, der im Grunde größer ist als die Realität selbst – und genau darin liegt sein unerschöpflicher Reiz.
Altziebler hat sich diesem Kosmos mit Haut und Haaren verschrieben. Das jüngste SotVR-Album „Dorado“ (noch so ein mythisch aufgeladener Begriff) wurde in den USA mit amerikanischen Musikern aufgenommen. Produziert hat das Ganze niemand Geringerer als Joe Henry, der etwa für seine Grammy-geadelte Kooperation mit dem späten Solomon Burke („Don’t Give Up On Me“) bekannt wurde. Zuletzt, 2016, hat Henry mit dem großen englischen Polit-Folk-Barden Billy Bragg ein ergreifendes Album mit „Field Recordings From The Great American Railroad“ eingespielt, aufgenommen in Bahnhöfen und an Bahnstationen. Auch die Eisenbahn, die ein schier endloses, vielfältiges Land durchzieht, ist ja so ein großer – inzwischen leider ziemlich verkümmerter – amerikanischer Mythos.
Altziebler und Familie leben inzwischen sogar einen Teil des Jahres in den USA, haben dort auch intensiv getourt – und beweisen, dass Americana nicht zwingend von Amerikanern gemacht werden muss, um zu überzeugen. Vielleicht braucht es – wie so oft – sogar den Blick von außen, um dieses reiche kulturelle Erbe und seine andauernde Aktualität richtig wahrzunehmen und auf die Amerikaner zurückzuspiegeln. In diesem Sinne äußert sich jedenfalls auch Joe Henry in den Liner Notes zu „Dorado“:
„I sometimes believe that as sprawling and confused as our national character has become, it requires a foreigner to actually make sense and whole cloth of its particular alchemy – to see it clearly, as if from the fire tower high above us.“
Generell heimsen SotVR inzwischen nicht nur in Österreich regelmäßig großes Kritikerlob ein, sondern auch in der amerikanischen Alt(ernative-)Country- und Folk-Szene. So erzählte die Hohepriesterin des Genres, die große Lucinda Williams, in einem Interview auf Stereo Subversion:
„There’s a band from Austria of all places who we heard here. It’s a husband and wife team called Son of the Velvet Rat. He’s got this great sexy, gravelly voice. (…) It’s beautiful melodies and sort of this Nick Drake, Mark Lanegan kind of thing. I freaked out when I saw them at this little place called the Hotel Cafe.“
Mit Lucinda Williams haben SotVR übrigens auch schon zusammengearbeitet, ebenso mit dem ehemaligen Wilco-Schlagzeuger Ken Coomer, der zwei Alben produzierte, oder mit dem grimmigen Genie Kristof Hahn (Swans, Les Hommes Sauvages, Justice Hahn). Kein Zweifel, SotVR sind längst angekommen.
Bestens angekommen (hey, was für ein eleganter Übergang!) ist die Band auch im Wörgler Astnersaal, dessen altehrwürdiger, in die Jahre gekommener, schäbig-eleganter Charme wunderbar mit dem Folk Noir von SotVR korrespondierte.
Zuvor hatten The Tiptoes aus Graz (Bild oben) in Duo-Formation schön sanft auf den Konzertabend eingestimmt. Sängerin Miriam Bichler hat eine (wunder-)volle Indiepop-Stimme, von der man sich gerne hypnotisieren lässt. Nur mit akustischer Gitarrenbegleitung klang das Ganze auf Dauer dann aber doch ein klein wenig gleichförmig, man hätte sich zwischendurch gewünscht, die vollständige Band zu hören (ich persönlich bin generell kein großer Fan von Akustik-/Unplugged-Formaten). Dennoch ein wirklich feiner Auftakt, der vom aufmerksamen Publikum geradezu euphorisch beklatscht wurde.
Welche Vorzüge eine vollständige Bandbesetzung in puncto Wucht und Facettenreichtum haben kann, bewies im Anschluss die Hauptband: Denn obwohl Son of the Velvet Rat bisweilen als das „Projekt“ von Georg Altziebler wahrgenommen werden, sind sie in Wirklichkeit eine komplette, bestens eingespielte und „geölte“ Liveband, die zu vielerlei Stimmungen, Tempi und Klangfarben fähig ist.
Na gut, Altzieblers aufgerauhte Bassstimme, die an einen verletzlicheren Johnny Cash oder einen waidwunden Tom Waits denken lässt, steht natürlich schon im Mittelpunkt des SotVR’schen Klangbildes. Und es ist seine große Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit, die Abwesenheit jeglicher „cooler“ Ironie, die viel vom Reiz und der Würde dieser Songs ausmacht. (Nicht umsonst wird im Zusammenhang mit SotVR gerne auf das traurige Countrygenie Townes van Zandt verwiesen). Aber dass es so ein abwechslungsreicher und vielschichtiger Konzertabend wurde, lag nicht an Altzieblers Stimme – die zwar markant und eindrucksvoll, aber nicht unbedingt allzu wandlungsfähig ist -, sondern in erster Linie an der äußerst kompetenten Band.
Da ist zunächst Altzieblers Frau Heike Binder zu nennen, die am Keyboard und an der Ziehharmonika vielfältige Akzente setzte und wunderbare Background Vocals beisteuerte. Die reizvolle Kombination aus dunklem Brummbass und einer hellen, leichtfüßigeren weiblichen Stimme wird ja spätestens seit Lee Hazlewood und Nancy Sinatra im Pop immer wieder gern genommen (siehe Mark Lanegan und Isobel Campbell uvm.).
Zu den feinen Vokalharmonien trugen bisweilen auch die anderen drei Musiker bei: Multiinstrumentalist Kolja Radenkovic, der funkelnde Gitarrensoli, flirrende Mandolinenklänge und – besonders schön – vereinzelte Vitaminschübe aus der Trompete bereithielt; der wunderbare Schlagzeuger Michael Willmann, der dem Gesamtsound eine unerwartete Wucht und Dynamik gab; und der stoische Bassist Albrecht Klinger. Sie alle bewegten sich mit großer Sicherheit zwischen elegischen Countryklängen, Chansons und aufgeräumtem Folkrock.
Am besten waren Son of the Velvet Rat an diesem Abend – aus meiner Sicht – immer dann, wenn sie als Band so richtig ins Schwingen kamen, zwischendurch auch einmal das Tempo anzogen und manchmal sogar wild und laut wurden. Da merkte man dann, dass zu Altzieblers Einflüssen zum Beispiel auch die Country-Punks von Dead Moon zählen sollen. Zwischen treibenden und zugleich verspielten Rhythmen, pulsierenden Trompetenstößen und Altzieblers gelegentlichen Mundharmonika-Soli (in Bob-Dylan-Manier schön rau und schneidend gespielt) war immer wieder große Spielfreude zu spüren. Und die entlockte auch dem sehr ernst und asketisch wirkenden Altziebler mehrfach ein breites Grinsen.
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK(S) DER WOCHE, # 10: SYD BARRETT – OCTOPUS (1970)& XIU XIU – LAURA PALMER’S THEME (2016)
Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich derzeit wieder einmal ganz in Twin Peakszu Hause bin. In meiner absoluten und uneingeschränkten Lieblingsfernsehserie, die mit ihrem Mix aus schrägem Humor und abgründigem Psychohorror, aus Surrealismus und Seifenoper nach wie vor einzigartig dasteht, von den skurrilen, aber vielschichtigen und komplexen Charakteren ganz zu schweigen.
Ja, wahrscheinlich liegt es an dieser Serie, in der die alten, dunklen Wälder des amerikanischen Nordwestens, die Schönheiten und unsagbaren Abgründe, die darin zu finden sind, eine so zentrale Rolle spielen, dass mir dieser Tage immer wieder folgende Zeilen durch den Kopf gehen:
Isn’t it good to be lost in the wood? / Isn’t it bad so quiet there, in the wood?
Es gibt wohl keine schönere Metapher für die gleichermaßen erhebende wie verstörende Ausstrahlung und Wirkung des Waldes (die schon die Romantiker so faszinierte) als diese Zeilen von Syd Barrett. Sie stammen aus „Octopus“, der vielleicht bekanntesten Nummer von Barretts erstem Soloalbum „The Madcap Laughs“.
Die dunklen Wälder, in denen man sich – gerne und dann doch wieder ungern – verliert, stehen hier (wie zwanzig Jahre später in Twin Peaks) natürlich auch für menschliche (Grenz-)Erfahrungen und Seelenzustände oder auch für das Un(ter)bewusste an sich. Zugleich bilden sie eine perfekte, fast hellseherische Metapher für Barretts eigenes bewegtes und bewegendes Leben. Für seinen Weg vom gefeierten, blendend aussehenden, allseits angehimmelten Sixties-Popstar und Übervater der Psychedelic zum tragischen, desorientierten Opfer von LSD und anderen Drogen.
Es ist ein Weg, der in seiner Radikalität nicht nur tragisch, sondern irgendwie auch beeindruckend war: Barrett zog sich Ende der 70er Jahre völlig aus der Öffentlichkeit zurück und wieder bei seiner Mutter in Cambridge ein – und zwar, nach einem kurzen Zwischenspiel in London 1982, für immer. Die 80 Kilometer von London nach Cambridge legte er zu Fuß zurück. Was folgte, war ein Leben in völliger Privatheit und Abgeschiedenheit. „Syd“ Barrett nahm wieder seinen Geburtsnamen Roger an, widmete sich dem Malen und Gärtnern, kämpfte mit schweren Erkrankungen und verstarb 2006.
Das Werk, das er hinterlassen hat, schimmert wie der fast schon klischeehafte „verrückte Diamant“, als den ihn seine früheren Kollegen von Pink Floydverewigten. Apropos Pink Floyd: Wer die Briten für ihre spätere Progrock-Gigantomanie und schulmeisterliche Ernsthaftigkeit fürchtet, sollte sich schleunigst auf Entdeckungsreise durch ihr Frühwerk begeben: Denn die frühen, ganz klar vom grenzgenialen Barrett geprägten Floyd sind auch heute noch eine echte Offenbarung.
Wer das nicht glauben will, der höre psychedelisch-verschrobene Meisterstücke wie „See Emily Play“ (bis heute eine meiner absoluten Lieblingsnummern EVER), „Lucifer Sam“, „Arnold Layne“, „Astronomy Domine“ oder „Bike“ – und staune. Und auch auf Barretts Soloalben „The Madcap Laughs“ und „Barrett“ (beide 1970) finden sich viele seltsam schimmernde Perlen wie „Golden Hair“, „Swan Lee“, „Gigolo Aunt“, „Long Gone“, „Baby Lemonade“ oder „Wined and Dined“. Zerfahrene, verspulte, oft unfertig und skizzenhaft wirkende Stücke – und gerade deshalb besonders faszinierend.
Bei Barrett fanden Versatzstücke aus unterschiedlichsten Genres und Ären zusammen, die aus heutiger Sicht schon immer wie füreinander gemacht schienen: urbritische Versponnenheit und Verschrobenheit, psychedelische Traumwelten, mystischer Britfolk, befreiender Rock ’n‘ Roll, unheimliche Kinder- und Märchenbücher. Das Schöne, Erhabene und das Abgründige sind die zwei Pole, die das Schaffen von Syd Barrett so aufregend machen – genau wie die Serie Twin Peaks.
Apropos Twin Peaks: David Lynch (selbst ein großer Wahnsinniger) und Mark Frost kehren heuer, nach über 25 Jahren, mit einer dritten Staffel der Serie zurück. Was davon zu erwarten ist, weiß keiner – mindestens aber ein Scheitern auf hohem, bizarrem Niveau. (Das wäre ja auch schon was!). Schon vor der Rückkehr der Serie hat sich die US-Experimentalpop-Band Xiu Xiu mit einem ganz wesentlichen Aspekt von Twin Peaks auseinandergesetzt, nämlich – erraten! – mit der Musik.
Die Scores von Angelo Badalamenti, David Lynchs kongenialem Haus- und Hofkomponisten, und die sphärisch-unwirklichen Gesangsnummer der großen Julee Cruise sind in ihrer Kombination aus gänzlich ironiefreier Romantik, Melancholie und unterschwelliger Bedrohung im Grunde unerreichbar und unantastbar. Xiu-Xiu-Mastermind Jamie Stewart und seine Band haben sich dennoch an die heikle Aufgabe gemacht, diese überirdisch schöne Musik neu zu interpretieren.
Das Ergebnis ist ein dunkel brodelndes Gebräu aus düster-atmosphärischer Elektronik und verstörend-verstörtem Queercore, mit sinistren Noise-Einsprengseln, die wie David Pfister von FM4 ganz richtig schrieb, „den Schönklang der Kompositionen dann noch klarer strahlen lassen“. Xiu Xiu Plays The Music Of Twin Peaks(so heißt das 2016 erschienene Album) ist mehr als nur eine würdige Hommage an Badalamenti und Lynch. Es ist ein eigenständiger, eindrucksvoller Trip in die dunklen Wälder.
Auf der Suche nach schräger, andersartiger und Konventionen systematisch missachtender Musik landet man meist sehr schnell in Japan. Dass aus dem Land, das der Welt Dinge wie Hentai, Kanchō, Dakimakura, Yaeba-Zahnoperationen und Robotertoiletten offenbart hat, auch auffällige bis sonderliche Musiktrends stammen, ist nicht verwunderlich. Dass es mit Finnland auch in Europa einen kleinen Hotspot für etwas speziellere Klänge gibt, schon eher. Gerade jenes Land also, dessen Einwohnern man eher eine distanzierte, unterkühlte Mentalität zuschreibt. Und dennoch findet man gerade dort einen Fundus an herrlich unkonventionellen Musiknischen, Humppa mal ganz außen vor gelassen. Beispielsweise ist „Suomisaundi“ eine freiere, experimentellere Form des (für viele Menschen bereits in seiner herkömmlichen Form sehr kuriosen) Psytrance. Das Funk neu interpretierende, Synthesizer-lastige Subgenre „Skweee“ hat seinen Ursprung ebenfalls im kühlen Nordosten. Und mit „New Weird Finland“ existiert auch eine finnische Antwort auf die im Umfeld des (Freak-) Folk beheimatete kulturelle Strömung des „New Weird America“.
Das in Szenekreisen sehr geschätzte finnische Label Svart Records beherbergt viele Spielarten alternativer, experimenteller und schwerwiegender Gitarrenmusik und bietet neben internationalen Bands auch vielen dieser etwas spezielleren Gruppen aus heimischen Landen eine Heimat. Eine dieser Bands ist das aus dem eher spärlich bewohnten Westen Finnlands stammende Quartett Kairon; IRSE!. Ja, die Satzzeichen gehören so. Hinter diesem kryptischen Namen wartet ein nur schwer in Genreschubladen zu stopfender Sound auf, der verschiedene Strömungen psychedelischer, improvisatorischer, verträumter und progressiver Musik in sich vereint. Nachdem ihr erster Release, welcher vom schrillen Falsettgesang abgesehen noch aus recht gewöhnlichem Post-Rock bestand, noch unter sämtlichen Radaren durchrutschte, konnte der Nachfolger „Ujubasajuba“ 2014 bereits die Gunst einiger Blogs und Reviewplattformen erspielen und einen kleinen Internethype auslösen. Die dynamische Hochzeit von reverbgetränktem Shoegaze, stilbetontem bis kakophonischem Saxophonspiel und satten Post-Rock-Riffsalven mit dem bereits erwähnten grellen wie gewöhnungsbedürftigen Gesang, war und ist aber auch jeden Hype wert. Der Großteil von Ujubasajubas Songstrukturen beruht auf krautrockiger Repetition mit kontinuierlich aufeinander aufbauenden Elementen und die so heranwachsenden Monotoniemonolithen muten weniger wie ein verkopft in Theoriearbeit ausgetüfteltes Studioalbum und eher wie eine im positivsten Sinne aus den Fugen geratene Jamsession an, was dem eh schon beflügelten Langspieler zusätzliche Leichtfüßigkeit verleiht.
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 9: AGNES OBEL – FAMILIAR (2016)
Das Instrument der Verfremdung ist in der Kunst ein gern gewähltes Mittel: von Bert Brecht, der damit Illusionen auf der Bühne zerstören wollte (V-Effekt), bis zur digitalen Bildbearbeitung von heute, die, ganz im Gegenteil, fast perfekte Illusionen ermöglicht.
Und auch in der populären Musik sind Verfremdungseffekte allgegenwärtig, ob sie nun per Effektpedal, Computerprogramm oder auf anderem Wege erzielt werden. Als besonders ergiebig und wirkungsvoll erweist sich dabei seit jeher das Bearbeiten und Verfremden der menschlichen Stimme: Zwischen billigen Autotune-Effekten („Beliiieve“ von Cher) und ausgefuchsten (Live-)Loop-Experimenten, bei denen Künstler ihre Stimmen tausendfach vervielfältigen, verzerren und modulieren, tut sich hier ein unendlich weites Feld auf.
Besonders schön, geradezu gespenstisch schön, gelingt die stimmliche Verfremdung in unserem Track der Woche – der ausgerechnet den Titel „Familiar“ trägt. Er stammt von Agnes Obel, einer großartigen dänischen Musikerin, die derzeit, wie die halbe musizierende Menschheit, von Berlin aus tätig ist. Ihr drittes Album heißt „Citizen of Glass“ (2016) – und begeistert mit einer tatsächlich fast gläsernen Klarheit und Eleganz.
Eine in mehrfacher Hinsicht traumhafte, aus der Zeit gefallene, fast sakrale Aura umgibt Songs wie „Trojan Horses“, „Stretch Your Eyes“ oder „Golden Green“. Obels Stimme klingt dabei wunderbar sphärisch, ätherisch und melancholisch, nach dunklem Dreampop – aber es ist ein Dreampop ganz ohne Gitarrenwände, weißes Rauschen oder unterkühlte Elektronik.
Stattdessen greift die Pianistin zu allerlei eher selten gehörten Tasteninstrumenten wie Mellotron, Spinett oder Celesta, lässt Cello und Violine unterschwellige Dramatik verbreiten oder setzt mit dem Trautonium, einem wenig bekannten Synthesizer-Vorläufer aus den 1930er Jahren, dezent retrofuturistische Akzente. Obels größter Trumpf sind aber stets die delikaten, versponnen-folkigen Vokalharmonien.
Für den geisterhaft schönen Refrain der ersten Single „Familiar“ hat Obel allem Anschein nach einen Gastsänger engagiert. Aber wer ist das bloß? Und: Wieso steht der geheimnisvolle Herr nicht in den Albumcredits? Nun, ganz einfach: Es handelt sich um Agnes Obel selbst. Sie tritt hier in einen Dialog mit ihrer eigenen Stimme, die aber so verfremdet wurde, dass sie wie eine Männerstimme klingt. Sie singt also quasi ein Duett mit sich selbst als Mann. Klingt verstörend? Ja, vor allem aber betörend.
„Our love is a ghost that the others can’t see“, heißt es hier – wobei Form und Inhalt nicht besser zusammenpassen könnten.
Dass der Großmeister der filmischen Verfremdung, David Lynch (der als Musiker übrigens auch ganz stark auf bizarr verfremdete Stimmen setzt), ein erklärter Fan von Agnes Obel ist, dürfte angesichts dieser Mischung kaum überraschen. Sollte aber als weiterer Ansporn dienen, in diese seltsame, fremde Welt einzutauchen.
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 8:
BEYOND THE WIZARD’S SLEEVE – DOOR TO TOMORROW (2016)
Narkotisch. Hypnotisch. Halluzinogen. Psychedelisch. Wie auch immer man diese ganz spezielle Eigenschaft von Musik nennen möchte – die darin besteht, dass man bis über beide Ohren in sie eintauchen, die Außenwelt ausblenden und ein subjektives Zeiterlebnis genießen kann, das mit der real vergangenen Zeit nicht übereinstimmt -, sie zählt zweifelsohne zu den wichtigsten Qualitäten im Pop. Realitätsflucht im positivsten Sinn.
Genau diese Erfahrung ermöglicht „The Soft Bounce“, das formidable Debütalbum des englischen Psychedelic-Electronica-Duos Beyond The Wizard’s Sleeve. Dieses Gespann besteht aus Erol Alkan, seines Zeichens Londoner Star-DJ, -Produzent und -Remixer türkisch-zypriotischer Herkunft, und dem Musiker und Produzenten Richard Norris, den man (ich nicht) zum Beispiel von der House/Dance-Formation The Grid kennen könnte.
„Wizard’s Sleeve“ ist, so behauptet zumindest das Urban Dictionary, ein vulgärer Slangausdruck für Vagina, zugleich verweist der Bandname aber natürlich auf die magische, überirdische Dimension dieser Musik. „Beyond The Wizard’s Sleeve“ machen klassische psychedelische Musik, aber mit den Mitteln moderner, ausgefuchster, „fetter“ Produktionstechnik. Britische 60s-Psychedelia trifft hier auf Acid House und Balearic Beat. Verhallte Vocals (von durchwegs großartigen GastsängerInnen), verwaschene Gitarren und wahlweise wabernde, schwebende oder zirkulierende Synthieflächen – alles fließt zu einem bunt schillernden Strom zusammen.
Laut Liner Notes versteht sich „The Soft Bounce“ als „trip album in the widest sense“: Das Wort Trip wird hier also vielfältig gedeutet – als Reise (etwa ans Meer), als Drogentrip ins Unbekannte, aber auch in der Bedeutung von „to trip“, also im Sinne von stolpern und plötzlich umfallen. Zugleich funktioniert das Album, wenig überraschend, wie ein genau durchdachtes DJ-Set oder Mixtape, mit elegant fließenden Übergängen und raffinierten Spannungsbögen. „It contains pleasure and pain, doubt and transcendence, and it ends somewhere that is different from where you started„, verspricht das Booklet. Und womit? Mit Recht.
Das Spektrum reicht vom gleichermaßen pumpenden wie sphärischen Auftakt mit „Delicious Light“ – getragen von den einlullenden Dreampop-Vocals der irischen Musikerin Hannah Peel – über den düsteren Psychedelic Rock von „Iron Age“ (hier singt Blaine Harrison von den hochsympathischen Mystery Jets) bis hin zum Titelsong mit seinen hypnotisierenden Drumpatterns und abermals wunderbar gehauchten Vocals von Hannah Peel.
Im programmatischen Schlusstrack „Third Mynd“ wird das Erlebnis des Trips (Stichwort: Synästhesie, also Klänge, die man plötzlich auch sehen kann etc.) sehr schön, wenn auch nicht ganz klischeefrei in Worte gefasst. Kreise, Spiralen, Springbrunnen aus Farbe, pure Schönheit und bodenlose Abgründe, alles ist da …
„It was ecstasy / and it was horrible“ (…) „Suddenly I was aware that the colours were the music“ (…) „This is how one ought to see“.
Die (teils modulierte) Sprechstimme gehört hier übrigens niemand Geringerem als dem Musikjournalisten und Autor Jon Savage, der mit „England’s Dreaming“ das, so sagt man, definitive Buch zu den Sex Pistols und dem britischen Punk im Allgemeinen geschrieben hat. Gleichzeitig ist der Mann aber ein Fan berauschender und berauschter Psychedelia – und zeigt so, dass sich die musikhistorischen Gräben zwischen Psychedelic Rock (den aufrechte Punks eigentlich als bedröhntes, Patschuli-geschwängertes Hippie-Gedöns ablehnen müssten) und Punk (den aufrechte Hippies eigentlich als zynische, nihilistisch-brutale Unmusik verachten müssten) spielend überwinden lassen. Zumindest dann, wenn man sich nicht von Genreschubladen und -Feindschaften, sondern einzig von der Liebe zu schöner, bewegender, befreiender Musik leiten lässt.
Apropos: Der schönste Song auf „The Soft Bounce“ ist aus meiner Sicht „Door To Tomorrow“, wunderbar gesungen von Euros Child, ehemals Sänger der walisischen Psychedelic-Folk-FormationGorky’s Zygotic Mynci.
Das „Door To Tomorrow“ erweist sich dabei eher als eine Tor in die Vergangenheit, konkret in die goldene Ära der Psychedelik, also die mittleren bis späten 60er Jahre. Die im Text besungene Emily ist ein direkter Querverweis auf „See Emily Play“ (1967), einen der schönsten, betörendsten und geheimnisvollsten Songs von Pink Floyd – ein Kleinod aus jenen rundum empfehlenswerten Anfangstagen, als dort noch der große Wahnsinnige Syd Barrett am Steuer war, also aus der Ära vor der Gigantomanie und bleischweren Ernsthaftigkeit. Kaum ein Song bewegt sich so traumwandlerisch zwischen der unbeschwert-naiven und der abseitigen, unheimlichen Dimension des Psychedelischen wie dieser. Was natürlich auch den Herren Alkan und Norris nicht entgangen ist.
Auch auf „Emily Small“ (ebenfalls 1967 erschienen) von der heute weitgehend vergessenen Spät-Sixties-/Psychedelic-Band The Piccadilly Line weisen die musikhistorisch bestens bewanderten Elektroniker hier hin. (Danke, Liner Notes!)
Fazit: Der Trip von und mit „Beyond The Wizard’s Sleeve“ führt durch (drogen-)nebelverhangene, bisweilen dunkel-romantische Gefilde, es bleibt aber durchwegs ein sanfter, sonniger Ausflug. Für schlechte Trips oder gar Horrortrips gibt es andere Adressen. Wer sich aber dem eisigen, dunklen Winter durch ein wenig psychedelische Realitätsflucht entziehen will, ist hier genau richtig!
PS: „Door To Tomorrow“ wird sich definitiv auch in meinen Jahrescharts für 2016 wiederfinden. Aber das ist eine andere, unendliche Geschichte …
HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 7.1: JULIANNA BARWICK – THE HARBINGER
Schall ist nicht nur für Musikliebhaber ein interessantes Medium. Julianna Barwick entwickelte bereits als Kind eine Faszination dafür. Zunächst sang sie acapella in Chorgruppen und experimentierte damals schon in jeder freien Minute mit ihrer Stimme. In Kirchenschiffen oder auch einem großen ausgehöhlten Baumstamm auf dem Grundstück ihrer Eltern (nach dem auch ihr drittes Album „The Magic Place“ benannt ist) begeisterten sie dann die ewig widerhallenden Klänge und Echos, die später ihre Musik kennzeichnen sollten.
Im Grunde genommen ist Barwicks Musik recht simpel und besteht zum überwiegenden Großteil aus ihrer Stimme, die sie mit ihrer Boss RC-50 Loop Station manipuliert und multipliziert, und so Schicht und Schicht übereinander legt, bis die einzelnen Teile ein anmutiges bis mysteriöses großes Ganzes ergeben. Der Ursprung dieser Klänge – ihre Stimme – ist manchmal klar hörbar, auch wenn man so gut wie nie tatsächliche Wörter erkennen kann, oft ist sie aber auch bis zur Unkenntlichkeit im eigenen Reverb und dem der anderen Soundebenen ertränkt. Und wie die meisten Chöre ist auch dieser de facto Ein-Frau-Chor nicht an eine bestimmte Jahreszeit oder dergleichen gebunden. Und trotzdem assoziiere ich speziell ihr viertes Album „Nepenthe“ mit Weihnachtsstimmung, dem ersten Schneefall und all den anderen frühwinterlichen Dingen, für die das Album eigentlich nie konzipiert war. Jedes Mal, wenn sich diese Zeit des Jahres und die dazugehörige Stimmung langsam aber sicher nähert, wird Nepenthe aufgelegt. Dass jener Track des Albums, der diese Assoziation für mich am meisten beinhaltet, ausgerechnet „The Harbinger“ – sprich „Vorbote“ oder „Vorläufer“ – heißt, ist dabei ein schöner Zufall.
Konzertbericht: Fuzzman & The Singin Rebels, Weekender Club Innsbruck, 2. Dezember 2016
Schlager hat in der alternativen Popkultur einen denkbar schlechten Ruf. Er gilt als schmierig, verlogen, kommerziell, konformistisch und reaktionär. Und das völlig zu Recht. Jede einzelne Sekunde der einschlägigen Schlagerparaden im TV bestätigt die Vorurteile.
Doch da ist noch eine andere Dimension im Schlager – im guten Schlager wohlgemerkt (und ja, den gibt es). Gerade in den (über)großen Gefühlen und Melodien des Schlagers, in seiner Befreiung von jedem Coolness-Zwang, in seiner emotionalen Rückhaltlosigkeit kann sich etwas Bewegendes, Tiefes und Wahrhaftiges verbergen. Guter, richtig verstandener Schlager geht volles (Gefühls-)Risiko, lässt nichts übrig, wohinter man sich verstecken kann. Diese Art von Schlager kann, wie zum Beispiel auch gute Countrymusik aus den USA, beinhart, tieftraurig und voller Abgründe sein. Ja, im Schlager lässt sich in besonderen Momenten vielleicht sogar ein utopisches Element, die Illusion (?) einer besseren Welt, entdecken.
Genau dieses utopische, letztlich irgendwie politische Element hat auch der Kärntner Herwig Zamernik, besser bekannt als Fuzzman sowie als Mitglied der Klagenfurter Popmelancholiker Naked Lunch, im Schlager aufgespürt. Und sich, statt halbe Sachen zu machen, gleich kopfüber ins Genre hineingestürzt. Das wurde auch im Weekender-Keller zu Innsbruck, Endstation einer Kurztournee, die Fuzzman und seine Singin Rebels zuvor nach Wien, Berlin, Leipzig oder Zürich geführt hatte, von der ersten Sekunde an deutlich. An diesem Abend setzte es nämlich nicht alibihalber ein, zwei Schlager, sondern praktisch ein reines Schlagerprogramm – wenn auch eines mit einer Vielzahl an Falltüren und unerwarteten Wendungen.
Bereits rein äußerlich war die Band – die man auf dem Tourplakat mehr oder weniger erhaben auf Haflingern einreiten sieht – ein absoluter Genuss: Vier Männer in den sogenannten besten Jahren, mit Schlaghosen (im Fall des Frontmanns natürlich ganz in Weiß gehalten), offenen Hemden, wehenden 70er-Jahre-Mähnen und Bärten, die von der Geschmackspolizei eigentlich längst verboten wurden.
Immer wieder wurde das bestens geölte Quartett zudem vom unvergleichlichen „Pfleger Mike“ verstärkt – Begleitmusiker, Merchandise-Beauftragter und aufopfernde Pflegekraft in Personalunion. „Schließlich“, so Fuzzman, „sind wir nicht mehr die Jüngsten“. Mit Rotzbremse und Haarvorhang machte Pfleger Mike jedenfalls den Eindruck, als wäre er gerade einem windigen 70er-Jahre-Softporno oder der letzten Folge von „Soko Donau“ entsprungen. Das galt optisch auch für Allzweckwaffe Richard Klammer (Schlagzeug, Trompete und Chorgesang), den Fuzzman mit den Worten „100 Kilo purer Sex“ vorstellte, mit der Ergänzung versehen, dass so „auch der Titel unserer Weihnachtssingle“ lautet.
Man sieht schon, an diesem Abend gab es viel zu lachen. Aber mit dem Schlager meinen es Fuzzman und seine singenden Aufständischen dennoch ernst. Sie greifen das Genre zwar mit Ironie und Augenzwinkern auf, aber ohne jeden Zynismus, also ohne das Genre aus der ach-so-coolen Independent-Ecke heraus vorzuführen und lächerlich zu machen. Ihre Form von Schlager ist zwar doppelbödig, verzichtet aber, so widersprüchlich das klingen mag, zugleich auf Netz und doppelten Boden. Das muss man erst einmal zustande bringen!
Käsige Synthie-Sounds, Zupfbass, Beserlschlagzeug, soulige Männerchöre, hemmungsloser Harmoniegesang: Alles, was scheinbar gar nicht geht, geht auf einmal doch, wenn man sich erst einmal vom Coolness-Diktat gelöst hat. Mit anderen Worten: Fuzzman und die Singin Rebels spielen die scheinbar uncoolste Musik des Planeten, verbunden mit dem scheinbar uncoolsten Outfit – und den entsprechenden Gesangsposen und Tanzeinlagen -, sie tun das aber so selbstverständlich und souverän, dass es am Ende doch wieder verdammt cool wirkt.