Regression.

Ist es schon so weit? Habe ich mich tatsächlich in den Fötenzustand eines Musikhörers zurückentwickelt, so wie Oma am Ende die kognitive Kapazität eines Kleinkinds hatte? Kehre ich mit nur 32 Jahren geistig in die Zeiten zurück, als „Coco Jamboo“ meine Jahrescharts beherrschte und ich „Wannabe“ kaufte, bevor es in den Charts war?

Stein des Anstoßes ist eine Single, die ich letzten Freitag als erzwungener Passiv-Radiokonsument hörte und sofort dieses Gefühl verspürte, das man nur wenige Male im Jahr verspürt, wenn man einen Song hört und – geschult durch 20 Jahre reflektierten Musikhörens – instinktiv weiß: „Der wird mir noch mal sehr viel besser gefallen als jetzt in diesem Moment.“

Das war 2015 eigentlich erst so bei „Willkommen im Dschungel“, „Golden Nights“, „Huarache Lights“, „Irony. Utility. Pretext“, „Life“, „Ballad of the mighty I“ und „Let it happen“, also allesamt wahrlich keine Songs, für die man sich schämen muss. Aber jetzt?

Das kann nicht sein?! Das DARF nicht sein! Ist aber so. Und es kommt noch schlimmer. Sämtliche bisher veröffentlichten Singles aus dem neuen Album „Purpose“ vom 360-Grad-Ultra-Musiksatan der letzten Jahre sind erstklassig! „What do you mean“ kommt gleich locker-tropisch-addiktiv daher wie angesprochenes „Sorry“ und auch das schon etwas ältere, aber an mir logischerweise komplett vorbeigegangene „Where are Ü now“ sind bei mir gerade sensationell auf heavy rotation.800px-Believe_Tour_13,_2012

Ich kann das schwer mit seinen älteren Sachen vergleichen, da ich abgesehen von der Kaufhaus-Zwangsbeglückung nur sehr selten in den zweifelhaften Genuss kam, aber das reicht, um zu erkennen, dass es sich wohl um einen dramatischen Imagewandel in der Karriere von He Who Must Not Be Named handeln muss. Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Wahrscheinlich treffen wir uns gerade in der Mitte: Der Rotzbua wird erwachsen – und ich, naja, bin in Regression.

Sicher, die unsägliche Göre hat mit dem Masterplan wahrscheinlich recht wenig zu tun. Aber wem auch immer die Idee kam, das Schreckgespenst der Popmusik mit Produzenten wie Diplo oder Skrillex zu verheiraten, gebührt sicherlich eine Spindoktor-Ehrenmedaille. Von mir überreicht in Platin: Skrillex und Blood Diamonds für „Sorry“. Sowie in Gold: Mason Levy für „What do you mean“. Und immerhin noch in Silber: Diplo & Skrillex für „Where are Ü now“. Große Popmusik.

Und so klang der Sound übrigens im Jahr 1999.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.