Archiv des Autors: Michael Domanig

Meine Jahrescharts 2014 (Michael Domanig)

„Was ist nur mit den Typen von Hit The Bassline los?? Monatelang kein einziger Beitrag, der Blog setzt schon Rost und Grünspan an – und jetzt, wo alle anderen längst an den Bestenlisten für 2015 feilen, kommen sie uns mit den Jahrescharts für das Jahr 2014 (sic!) daher? Was kommt wohl als nächstes: Ein brandaktueller Konzertbericht vom Monterey Pop Festival 1967? Oder ein Interview mit Wolfgang Amadeus Mozart? Da ist ja meine Schildkröte schneller! Und die hat von Jahrescharts nun wirklich keine Ahnung …“

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So oder ähnlich stelle ich mir die Gedankengänge unserer Fans und Kritiker vor. Aber da wir selbst unsere fanatischsten (einzigen?) Kritiker (und Fans) sind, pfeifen wir auf die anderen und wenden uns, jetzt erst (recht), dem Popjahr 2014 zu.

Das war nämlich ein durchaus spannendes. Auch und gerade in Österreich. Klar, das ganze Konzept des „Nationalstaats“ ist mehr als fragwürdig, besonders in der Popmusik. Herkunft ist keine Leistung. Und doch fällt auf (und zwar sehr positiv), dass sich hierzulande in Sachen guter, aufregender und unkonventioneller Musik sehr viel tut. Zumindest nach meinen Jahrescharts zu schließen, in denen der Anteil „österreichischer“ Musik heuer höher denn je ist. Für Statistiker: satte 15 Prozent!

Und das, obwohl es viele tolle Songs und Künstler aus Ösiland gar nicht in meine Top-100 geschafft haben, etwa Kreisky, Bulbul, Fuzzman, Ja, Panik, Ankathie Koi, Lea Santee, Laokoongruppe, Julian und der Fux oder die New-Wave-Haudegen von Minisex.

Auch sonst lohnt der Rückblick auf 2014, zwischen Amore und Ariel, Pandabären, Schwänen und Glastieren, Punk und Country, Folk und Elektro, Hip-Hop, Dream Pop und seltsamer Musik.

Und was ist schon ein Dreivierteljahr Verspätung in Zeiten der totalen Verfügbarkeit von Musik? In diesem Sinne: Viel Spaß mit den Jahrescharts samt Playlist! Ich freue mich auf eure Kommentare (und den Streit mit euch)!

PS: Ausführlichere Gedanken zu einzelnen Songs folgen (vielleicht) später, bis Dezember 2015 könnte es sich ausgehen. Und dann werde ich mich mit voller Energie dem frischen Popjahr 2015 zuwenden.

PPS: Blogkollege Stefan Pletzer hat versprochen, die fehlenden Konzertberichte vom Primavera-Festival im Mai so bald wie möglich nachzuliefern. Stichtag ist der 31. Oktober 2031.

JAHRESCHARTS 2014:

1. Wanda – Bologna
2. Gulp – Seasoned Sun
3. Panda Bear – Boys Latin
4. Ariel Pink – Picture Me Gone
5. Spain – From The Dust
6. Wanda – Schickt mir die Post
7. Alt-J – The Gospel Of John Hurt
8. Dum Dum Girls – Lost Boys And Girls Club
9. Claptone feat. Clap Your Hands Say Yeah – Ghost
10. Chuck Prophet – Lonely Desolation
11. Wanda – Easy Baby
12. Joan As Policewoman – The Classic
13. Carla Bozulich – Danceland
14. Chuzpe – Das letzte Lied (wird das erste sein)
15. Damon Albarn – Mr. Tembo
16. Dave & Phil Alvin – Stuff They Call Money
17. Swans – Kirsten Supine
18. Benjamin Booker – Violent Shiver
19. Erstes Wiener Heimorgelorchester – Die Mensch-Maschine
20. Priests – Doctor
21. Githead – Waiting For A Sign
22. Faith No More – Motherfucker
23. Bilderbuch – Spliff
24. Beach Girls And The Monster – Butcher From The Surf
25. Andreas Dorau – Hühnerposten
26. Beck – Heart Is A Drum
27. The War On Drugs – Under The Pressure
28. TV On The Radio – Happy Idiot
29. The New Pornographers – Brill Bruisers
30. Stars – From The Night
31. Fantôme – It All Makes Sense
32. Beck – Waking Light
33. Panda Bear – Mr Noah
34. Alvvays – Archie, Marry Me
35. Warpaint – Feeling Alright
36. Valina – Aileen
37. Virginia Wing – The Body Is A Clear Place
38. Yo!Zepp/Chrisfader/Testa – 104 Jåhr voll
39. Garish – Ganz Paris
40. Polkov – Promised Land
41. Ariel Pink – Put Your Number On My Phone
42. Chuck Prophet – Countrified Inner City Technological Man
43. Beck – Blue Moon
44. Alt-J – Every Other Freckle
45. John Southworth – Halloween Election
46. Foxygen – Cosmic Vibrations
47. Die Heiterkeit – Kapitän
48. Wolf Alice – Moaning Lisa Smile
49. Franz Ferdinand – Erdbeer Mund
50. The 2 Bears – Not This Time
51. Kofelgschroa – Leit do
52. Die Sterne – Mein Sonnenschirm umspannt die Welt
53. Carla Bozulich – Gonna Stop Killing
54. Future Islands – Seasons (Waiting On You)
55. Holly Herndon – Chorus
56. Karen O – Rapt
57. The Raveonettes – Endless Sleeper
58. Suzanne Vega – I Never Wear White
59. Austra – Habitat
60. Warpaint – Keep It Healthy
61. Hanni El Khatib – Moonlight
62. Dust Covered Carpet – Grey Formations
63. Wanda – Auseinandergehen ist schwer
64. Ezra Furman – I Wanna Destroy Myself
65. Erstes Wiener Heimorgelorchester – Spacelab
66. SBTRKT ft. Ezra Koenig – New Dorp. New York
67. Fat White Family – Touch The Leather
68. Glass Animals – Hazey
69. Glass Animals – Pools
70. Daft Punk feat. Jay-Z – Computerized
71. Warpaint – Hi
72. Perfume Genius – Queen
73. Diagrams – Phantom Power
74. Gengahr – Bathed In Light
75. Alt-J – Hunger Of The Pine
76. John Southworth – Hey I Got News For You
77. Young Fathers – No Way
78. Owen Pallett – Song For Five & Six
79. Worried Man & Worried Boy feat. Der Nino aus Wien – Der schönste Mann von Wien
80. Todd Terje feat. Bryan Ferry – Johnny And Mary
81. Jagwar Ma – What Love
82. tUnEyArDs – Water Fountain
83. Pharmakon – Bang Bang
84. Fear Of Men – Tephra
85. EMA – So Blonde
86. Brody Dalle feat. Shirley Manson – Meet The Foetus / Oh The Joy
87. Hanggai – Baifang
88. Run The Jewels feat. Zack De La Rocha – Close Your Eyes (And Count To Fuck)
89. Mini Mansions – Sherlock Holmes
90. Damien Jurado – Suns In Our Mind
91. Willie Nelson – Hard To Be An Outlaw
92. Tom Petty And The Heartbreakers – Fault Lines
93. Jessica Lea Mayfield – I Wanna Love You
94. LA Priest – Oino
95. Spain – Sunday Morning
96. Foxygen – Star Power Pt. 2: Star Power Nite
97. Foxygen – Star Power Pt. 3: What Are We Good For
98. Pixies – Magdalena 318
99. Shabazz Palaces – #CAKE
100. Eels – Series Of Misunderstandings

Ach ja, das einzige Lied, das nicht auf Spotify zu finden ist, ist dieses hier:

Von allen alten Bekannten schätz‘ ich doch am meisten die interessanten

Konzertbericht: Die Sterne, Weekender Club Innsbruck, 28. April 2015:

„Ist das die endgültige Wachablöse in der deutschsprachigen Popmusik? Der unvermeidliche Generationenwechsel?“ Fragen wie diese konnten dem geneigten Hörer zu Beginn des gestrigen Konzertabends durch den Kopf geistern: Zwischen zwei blitzartig ausverkauften Auftritten der neuen Ösi-Popstars Wanda kamen Die Sterne in den Weekender Club – und anfangs sah es ganz danach aus, als würde das Ganze quasi ein Privatkonzert: Von dem guten Dutzend Leute, die um acht Uhr den Saal füllten (oder eben nicht), kannte ich die Hälfte persönlich. Eigentlich fehlte nur noch der berühmte Strohballen, den es durchs Bild weht.

Also fragte man sich weiter: „Sind die Sterne einfach schon zu alt? Haben sie ihre beste Zeit hinter sich? Kennt das junge, studentische Publikum von heute sie nicht mehr? Ist – man entschuldige das naheliegende Wortspiel – ihr Stern im Sinken begriffen? Und leben auch Viva-2-sozialisierte Sterne-Fans inzwischen – einer geht noch – hinterm Mond?“ Die Antwort lautet: Mitnichten.

Erstens füllte sich der Weekender Club dann doch noch recht anständig (zumindest für einen Dienstagabend), wobei der Altersschnitt durchaus niedrig war. Vor allem aber ließen die Sterne sofort alle etwaigen Zweifel verstummen.

Schon nach der ersten Ansage von Sänger Frank Spilker wusste man, dass man hier genau richtig ist: Ein Album „Flucht in die Flucht“ zu nennen – so heißt das 2014er-Werk der Sterne – sei im Grunde anmaßend, meinte Spilker sinngemäß. Denn wenn man an die Menschen denke, die wirklich flüchten müssen – aus unvorstellbaren Verhältnissen, unter Lebensgefahr – seien unsere alltäglichen Problemchen (und unsere alltäglichen Fluchten) irgendwie lächerlich. Aber immerhin stelle der folgende Song („Wie groß ist der Schaden bei dir?“) die richtigen Fragen.

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Unter den einflussreichen deutschen Popbands sind die Sterne vielleicht die politischste – aber sie kommen, textlich wie musikalisch, glücklicherweise nie verkrampft, verbissen und verbohrt daher, sondern leichtfüßig, humorvoll und beschwingt. Sie wissen um die Macht des Grooves, sprechen Hirn, Herz und Hintern gleichermaßen an.

Klar, die Sterne haben etwas zu sagen, aber statt dem erhobenen Zeigefinger gibt es bei ihnen zwischendurch auch das notwendige Augenzwinkern: Über „Flucht in die Flucht“, den Titelsong des neuen Albums, meinte Spilker etwa: „Man muss das gar nicht immer intellektualisieren, das ist einfach ein Sauflied“ – natürlich eines, das vom Bierzeltmief nicht weiter entfernt sein könnte.

Spilker, der in puncto Gesichtsform entfernt an den „Beißer“ aus den James-Bond-Filmen erinnert (wenn auch ungleich freundlicher; danke an Konzertbesucher Raimund für diese bizarre Beobachtung), mag aufgrund seiner Größe immer etwas schlaksig wirken. In Wahrheit ist er aber ein mitreißender, charismatischer, hochsympathischer Frontmann. Und ein großartiger Sänger und Texter sowieso.

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Wanda, s’isch Zeit! Austropop zwischen Euphorie und Karaoke

Konzertbericht: WANDA, Weekender Club Innsbruck, 25. April 2015:

Gut eineinhalb Monate nach Bilderbuch (auf den Konzertbericht von Mitblogger Steff warten wir leider immer noch vergebens ;-)) stattete auch die zweite österreichische Band der Stunde dem Innsbrucker Weekender Club einen Besuch ab: Wanda gaben gestern eines von zwei seit Wochen ausverkauften Gastspielen.

Es war ein Erlebnis der Dritten Art – was nicht zuletzt am Publikum lag: Die Tatsache, dass Wanda mit zwei, drei Singles, einem Album und dem begleitenden Hype so schnell eine so ergebene Fanbase erobern konnten, kann man nur als erstaunlich bezeichnen. Ein großer Teil des Publikums konnte jede Nummer (auch die entlegeneren) von vorne bis hinten auswendig mitsingen – und stellte das auch jederzeit unter Beweis. „Textsicher“ wäre ein Hilfsausdruck für das, was da zu hören war.

All das muss man als Band erst einmal schaffen: ein Publikumsspektrum, das von Indiekids bis hin zu angejahrten Austropop-Veteranen reicht; ein rappelvoller Saal, der lauthals wienerisch-morbide Zeilen wie „Ich saufe keinen Schnaps, ich sauf‘ einen Pistolenlauf“, „Sterben wirst du leider in Wien“ oder „Ich fall in ein tiefes Loch, ein tiefes Loch hinein“ mitgrölt; Karaoke, wildes Herumgehopse, ja sogar eine Fahne (sic!) mit der Aufschrift „Wanda/Amore“.

Wann hat eine (gute) österreichische Band zuletzt eine derartige Euphorie im eigenen Land entfacht? Zumindest in meiner – inzwischen auch nicht mehr ganz kurzen – Lebensspanne kann ich mich an nichts Vergleichbares erinnern. Oder, wie es Bloggründer Dave pointiert formulierte: „Seit wann werden Wiener in Tirol so freundlich aufgenommen? Da läuft etwas falsch.“

Für Wanda läuft momentan aber natürlich alles goldrichtig: In Innsbruck servierten sie einen Hit nach dem anderen (das Album „Amore“ besteht, zumindest so weit ich es kenne, ohnehin nur aus Hits, Hits, Hits): „Schickt mir die Post“ gab es schon früh zu hören, „Auseinandergehen ist schwer“ und den Austropop-meets-Italopop-Instantklassiker „Bologna“ direkt hintereinander, das schwer Falco-eske „Easy Baby“ dann im Zugabenblock. Aber auch „Bleib, wo du warst“, „Kairo Downtown“ oder „Wenn ich zwanzig bin“ wurden heftig akklamiert.

Das fetzige „Luzia“ spielten Wanda sogar zweimal, als Eröffnungsnummer und als Rausschmeißer. Einen größeren Songkatalog hat so eine junge Band eben noch nicht zu bieten (wenn man von dem von Kollegen Steff schmerzlich vermissten „Jelinek“ einmal absieht).

Mit Marco Michael Wanda (heißt der Mann nun wirklich so oder nicht? Dieses Rätsel konnten wir gestern nicht lösen) verfügen Wanda über einen begnadeten, charismatischen, irgendwie sehr österreichischen Frontmann: Mit seiner nicht allzu formschönen Lederjacke und dem offenen Hemd, das schüttere Haar von keinem Kamm belästigt, wirkte er so, als hätte man ihn um drei Uhr früh irgendwo im Zweiten Bezirk aufgelesen und, Tschick und Seidl noch in Händen, direkt vors Mikro verpflanzt: „Eben noch im Eckbeisl, jetzt schon auf unserer Showbühne“.

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Entspannte Leidenschaft, erhabene Ereignislosigkeit

Konzertbericht: SPAIN, Astnersaal Wörgl (Hotel Alte Post), 28. Februar 2015  

Was war das jetzt? War das Folk, Alternative Country, Texmex, Americana? War das Dreampop, Slowcore, Alternative Rock? War das gar Soul oder Gospel? So schwer dieser Abend stilistisch festzumachen war, so leicht fällt das Urteil: Der Auftritt von Spain im Wörgler Astnersaal war einer der schönsten, erhabensten und erhebendsten Konzertabende seit langem.
(Die angemessen stimmungsvollen Fotos stammen von MANFRED DALLAGO. Herzlichen Dank dafür!)

„Spain“ ist das 1993 in Los Angeles formierte, im Laufe der Jahre mehrfach umgruppierte und reformierte Projekt von Josh Haden. Wie sein Vater, der berühmte Jazzbassist Charlie Haden, bedient auch er den Viersaiter/Tieftöner/… (hier bitte Bassgitarren-Synonym Ihrer Wahl einfügen), zugleich ist er Kopf, Sänger, Hauptsongschreiber und einzige Konstante von „Spain“. An diesem bemerkenswerten Abend war er dennoch nur einer von drei gleichberechtigten Frontmännern.

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Mit dem Gitarristen Kenny Lyon und dem Schlagzeuger Joel Virgel hatte Haden beim dritten seiner drei Österreich-Konzerte nämlich zwei durch und durch großartige Tourbegleiter an seiner Seite. Lyon, der aus Miami stammt und im Kongo (Zaire) und dem spanischen Sevilla aufgewachsen ist, hat schon mit den unterschiedlichsten Bands gespielt (von den Lemonheads bis NOFX) und sich zum Beispiel auch als Produzent von Latino-Gangsta-Rap-Formationen (!) seine Sporen verdient. Ein Mann für alle Fälle, wie es scheint.

Und ein Mann der kristallklaren Licks, ein Mann des unglaublich variablen, zugleich wunderbar zurückhaltenden Gitarrenspiels, wie sich im Astnersaal zeigte. Dass er auch ein Mann der Ukulele und der Melodica (!) ist, zeigte Lyon quasi nebenbei.

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Mindestens genauso beeindruckend: Drummer Joel Virgel – und zwar nicht nur wegen seines grandiosen T-Shirt-Slogans („This isn’t fucking Paris“) oder der Tatsache, dass er die große Trommel barfuß bediente. Nein, es war die pure Musikalität und Spielintelligenz, die er ständig aufblitzen ließ, ohne je damit zu blenden: Ob sparsam oder wuchtig, ob gebeserlt oder gedroschen, er und sein Schlagzeug hatten immer genau das Richtige im Repertoire. Dazu steuerte der Mann, der auf der französischen Karibikinsel Guadeloupe geboren wurde, allerlei seltsame Percussioninstrumente bei – und vor allem traumhafte Vokalharmonien. Da gingen Herzen und Sonnen auf.

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Selbiges galt auch für den sonoren Gesang und die bedächtigen Bassläufe von Josh Haden. Leidenschaftlich UND entspannt, das geht eigentlich nicht gleichzeitig, doch Haden und seine Band lösten diesen Widerspruch aufs Wunderbarste auf: Ein glasklares, aufs Notwendigste reduziertes Klangbild traf da auf mächtige Refrains, die wohl nur die wenigsten Indie-Schmindie-Bands wagen würden, und haltlose Leidenschaft, wie man sie sonst vielleicht von wahrem Soul oder Gospel kennt.

Ehrlichkeit ist in der Musik ja grundsätzlich eine gefährliche Kategorie. Die meiste Musik, die sich selbst „ehrlich“, „echt“ oder „authentisch“ nennt, ist in Wahrheit aufgeblasener, prätentiöser und/oder langweiliger Mist. Das Konzert von Spain war aber eines der tiefempfundensten, beseeltesten und, ja, ehrlichsten Konzerte, an das ich mich erinnern kann. Vor allem, weil die Band das Ganze mit hochsympathischem Understatement servierte, wie es nur richtige Könner hinbekommen.

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Einfach geht’s einfach einfacher

Konzertbericht: GIUDA, PMK Innsbruck, 6. Februar 2015

Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Einkommensteuererklärungen, globale Erwärmung und Bankenkrise: Das Leben ist schon kompliziert genug. Also muss man nicht auch noch die Musik künstlich verkomplizieren. Oft geht es einfach einfach einfacher.

Diesem Motto scheint zumindest das römische Quintett Giuda zu folgen, das mit seinem eingängigen und ordentlich einfahrenden Mix aus (Proto-)Punk, Glam, Pubrock und stampfendem Hardrock für eine gut gefüllte PMK (um hier endlich einmal das korrekte Geschlecht zu verwenden) sorgte.

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Giuda (sprich: „Tschuda“, italienisch für Judas und somit ein verdammt guter Name für eine Punkband) nennen als wichtigen Einfluss – neben räudigem Rock ’n‘ Roll, frühem Pub-/Punkrock oder Sixties-Bubblegum-Pop – vor allem 70er-Glamrock-Bands wie Slade oder T. Rex. Von diesem Genre habe ich persönlich nicht viel Ahnung (Kollege Dave weiß dazu sicher mehr), ich weiß aber, dass Glam/Glitter mit dem einige Jahre später einsetzenden Punk (trotz aller Unterschiede) ein ideologisches Ziel teilte: dass Rockmusik wieder einfach, direkt und prägnant klingen, ungebremste Energie vermitteln und einfach (!) Spaß machen sollte.

Genau das lieferten Giuda in der PMK ab: hymnische Refrains, die man schon nach dem ersten Hören mitsingen kann (was die textsicheren Fans sofort taten), Melodien, die einen auch nach dem fünften Bier nicht überfordern, kurz: „populistischen“ Rock im besten Sinne, dabei kompetent, ökonomisch und, wie der Engländer sagt, tight as hell gespielt. Oder, wie Kollege Dave es sinngemäß formulierte: So einfach wie möglich – und das so gut wie möglich.

Das Rückgrat von Giuda bilden zwei gleichrangige, dabei höchst unterschiedliche Frontmänner, die auch schon bei der Vorgängerformation „Taxi“ aktiv waren: Da ist einmal Sänger Ntendarere Djodji Damas, kurz Tenda, ein Schrank von einem Mann mit einer angemessen dröhnenden Stimme, Danko-Jones-Gedächtnis-Ohrringen und vergleichbarem Energielevel. Daneben Sänger und Leadgitarrist Lorenzo Moretti, dünn und drahtig wie ein italienischer Abwehrspieler, mit dünner und drahtiger, fast femininer Punkstimme, der auch und gerade bei den rein instrumentalen Nummern zu Hochform auflief. Ein toller Kontrast!

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Schnitzel und Suchtgift, Desert Rock und Dub, Blasmusik und Beckenbauer

Der gestrige HÖRABEND im bestens ausgestatteten Musik-Zimmer von Blog-Mitbetreiber Dave fand in kleinstmöglicher Besetzung statt. Umso größer war dafür der musikalische Bogen, der dort ab Nachmittag bis weit nach Mitternacht gespannt wurde.

Der Auftakt war laut, wild und ganz schön (!) trashig: Denn Kollege Dave ließ den Sampler „Beat From Badsville (Vol. 1)“ auf dem Plattenteller rotieren, eine Sammlung ultraobskurer Fundstücke aus den 50er und 60er-Jahren, irgendwo zwischen „Lip Curling Rock’n’Roll“, „Instrumental Madness“ und „Ghoulish Exotica“, zusammengetragen von zwei Spezialisten für das Abseitige und Abgründige, nämlich Lux Interior und Poison Ivy von den Cramps.

Die Nummern auf diesem Sampler tragen programmatische Titel wie „Bongo Beatin‘ Beatnik“, „Jibba Jab“, „Tight Skirt, Tight Sweater“ oder „From The Top Of Your Guggle (To The Bottom Of Your Zooch)“, zeigen den Rock ’n‘ Roll also in einer Phase, bevor er ernst und kunstbeflissen wurde. Dafür gibt es Lärm, Energie und jede Menge irres Gelächter wie aus einer abgehalfterten Geisterbahn.

Beat from Badsville

Apropos schurkisches Gelächter, Gruselfilmatmosphäre und seltsame Hörspieleffekte: All das findet man auch auf dem im Vorjahr erschienenen Sampler „Schnitzelbeat Vol. 1“, auf dem sich „Twisted Rock-n-Roll, Exotica & Proto-Beat Unknowns“ der Jahre 1957-66 ein Stelldichein geben. Das Besondere daran: Alle Protagonisten stammen aus Österreich. Die unterhaltsamen Einblicke in dieses weitgehend vergessene Kapitel heimischer Popgeschichte ist einem jungen Plattensammler mit dem Künstlernamen Al Bird Sputnik zu verdanken.

Einige Filetstücke durfte ich gestern präsentieren, zum Beispiel:

  • Frank Roberts – Maloja (1957): Ein auf Kuba angesiedeltes Mini-Hörspiel rund um Liebe, Triebe und Eifersucht („Heiß brennt mein Verlangen, Maloja …“), vorgetragen von einem gewissen Frits Fronz, der sich später als Regisseur von halbseidenen (oder wohl eher viertelseidenen) Filmen wie „Sex-Report blutjunger Mädchen“ oder „Baron Pornos nächtliche Freuden“ (k)einen Namen machte.
  • The Austrian Evergreens – Tabu (1962): Eine ebenso mitreißende wie durchgeknallte Interpretation des (in Insiderkreisen) bekannten Exotika-Themas „Tabu“.
  • Johnny & The Shamrocks – Biggy’s Little Car (1965):  Eine Instrumental-Perle irgendwo zwischen Beat, Surfrock und Kriminalfilm-Soundtrack.
  • Ferry Graf – Hotel zur Einsamkeit (1958): Eine gar nicht mal so üble Coverversion des Elvis-Krachers „Heartbreak Hotel“, die der Allround-Unterhalter Ferry Graf mit genau der richtigen Portion Schmalz zum Besten gibt.
  • Die 4 Bambis – Inka City 60 (1960): Eine bizarre Reise in die „grüne Hölle“ des südamerikanischen Dschungels, in der schon so mancher Glücksritter für immer verschwunden ist. „Die 4 Bambis“, später nur noch „Bambis“, waren schon zu Beginn des Abends mit ihrem unheimlich (!) kitschigen Tränendrüsendrücker „Melancholie“ zu hören gewesen, den ich hiermit David Lynch für seinen nächsten Film dringend ans Herz lege!

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Weiter ging es in und mit Österreich, diesmal allerdings mit frühen Punk- und New-Wave-Klängen. Zu hören waren unter anderem:

  • Chuzpe – Terror in Klein-Babylon
  • Mordbuben AG – Mordbuben AG; Heimatland; Mi hat, mi hat der Größenwahn
  • Mini-Sex – Valium, Tropic Chaotic

All diese Nummern stammen vom legendären „Wiener Blutrausch“-Album, dem ersten österreichischen Punk-Sampler aus dem Jahr 1979. Während Chuzpe für radikalen, systemkritischen Politpunk standen, gab’s bei der Mordbuben AG großmäulig-proletarische Botschaften von der Straße – und bei Mini-Sex scharfkantige, unterkühlt-elektronische New Wave-Klänge, die mit ihrem wilden Sprachenmix sogar Falco vorwegzunehmen scheinen. „Valium“ hätte übrigens auch zum Drogen-Schwerpunkt an diesem Abend gepasst. Doch dazu später mehr …).

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Im Reich der Maschinenmenschen

Konzertbericht: Elektro Guzzi, PMK Innsbruck, 19. Dezember 2014:

Manchmal ist im Leben und in der Musik wirklich das drin, was draufsteht: So wie bei Elektro Guzzi. „Live-Techno“ lautet das Etikett, mit dem das längst auch international abgefeierte österreichische Trio seit Jahr und Tag bedacht wird. Und womit noch? Mit Recht.

Zum einen geht es hier wirklich ums Liveerlebnis, das kann ich nach dem Konzerterlebnis im PMK bestätigen – wobei mir der Elektro Guzzi-Sound auch auf Platte (Parquet, 2011) durchaus zusagt. Zum anderen wird hier wirklich (minimalistisch-hypnotischer) Techno in Reinkultur serviert, allerdings mit der klassischen Rockbesetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Diese scheinbar widersprüchliche, wenn nicht unmögliche Kombination – die Körperlosigkeit des Techno hier, die schweißtreibende Intensität eines Rockkonzerts dort – ist nach wie vor ziemlich einzigartig. Und sehr, sehr beeindruckend. Mit der Präzision eines Uhrwerks, um nicht zu sagen: mir roboterhafter Akribie setzen Elektro Guzzi Beats, Breaks und allerlei betörende Soundeffekte – und lassen das Ganze dennoch erstaunlich organisch und funky klingen. Der Kraftwerk’sche Traum von der Menschmaschine, hier scheint er wahr geworden. Auch wenn die Band selbst dieses Image eher loswerden will.

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Wehe, wenn sie losgelassen …

Konzertbericht: Dave & The Pussies vs. Daikaiju, Riverhouse Fieberbrunn, 4. Oktober 2014

Surf-Rock-Gipfeltreffen in Fieberbrunn: Dave & The Pussies, zweifelsohne Österreichs beste Surf-Formation (das behaupte ich jetzt einfach, ohne andere österreichische Surf-Formationen zu kennen), trafen in ihrem Heimatort auf die US-Psycho-Surf-Urviecher von Daikaiju, denen ein geradezu furchteinflößend guter Ruf als Liveband vorauseilt. Völlig zu Recht, wie sich an diesem ungewöhnlichen Abend erweisen sollte …

Das Motto der Veranstaltung, „Monsters of Surf“, war kein bisschen übertrieben: Nicht nur weil beide Bands auf einem einschlägigen Sampler gleichen Namens vertreten sind, sondern auch wegen der – im besten Sinne – monströsen Livequalitäten der beiden befreundeten Gruppen (die ein paar Tage zuvor auch schon in Ottakring gewütet hatten). Diese Qualitäten entfalten sie übrigens – ich als relativer Surf-Rock-Novize muss das einfach noch einmal betonen – ohne ein einziges gesungenes Wort auf der Bühne. Ja genau, es war ein rein instrumentaler Abend. Und trotzdem (oder gerade deshalb?) ein höchst intensives Erlebnis.

Für den Auftakt sorgten die mächtigen Pussies, die mich (wie schon im Vorprogramm der Bambi Molesters) mit ihrem glasklaren, druckvollen, perfekt austarierten Sound begeisterten: Gitarre und Bass wie straff gespannte Gummibänder, dazu gleichermaßen wuchtiges wie relaxtes Schlagzeugspiel. Gitarrist David Obwaller (der auch die Mannen von Daikaiju zu wahren Lobeshymnen inspirierte) erhielt viel Freiraum für halsbrecherisch schnelle, kristallin funkelnde und stets erfrischend uneitle Soli, während die Rhythmusabteilung genau das machte, was eine gute Rhythmusabteilung macht: hochenergetisch pulsieren.

Genauso tight wie der Sound von Dave & The Pussies waren auch die straff sitzenden Trainingsanzüge der Band, einheitliche Einteiler in knalligem Gelb, die das Bild von der Band als Gang, als verschworene Gemeinschaft oder Sound-Einheit noch weiter unterstrichen. Die Bandmitglieder von Daikaiju filmten und fotografierten eifrig mit – eine klare Ehrenbezeugung gegenüber den österreichischen Genrekollegen. Die wiederum verneigten sich mit einer furiosen Coverversion von „Flight of Garuda“ vor ihren amerikanischen Gästen (die bereits zum dritten Mal den Weg ins Pillerseetal gefunden hatten).

[In obigem Video ist übrigens, im Gegensatz zum Fieberbrunn-Konzert, nicht Drummer Lukas Obwaller zu hören und zu sehen].

Danach enterten Daikaiju die Bühne: Und die Vokabel „entern“ ist hier wirklich angebracht. Denn ein Daikaiju-Konzert kann man sich tatsächlich wie eine Art Seeräuber-Angriff vorstellen, einen, bei dem keine Gefangenen gemacht werden: Vier Männer mit leicht psychotischen Masken („blast-man“, „pulse-man“, „rock-man“ und „secret-man“) wurden da ohne jede Vorwarnung von der Leine und aufs Publikum losgelassen. Und schon nach wenigen Minuten wusste man: mehr „in your face“ geht nicht.

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Daikaiju knöpften sich jede und jeden im (überschaubaren) Publikum einzeln vor, ohne den Mitwirkenden („Zuschauer“ wäre zu wenig) eine Wahl zu lassen oder lang zu fragen. Wie denn auch? Während des ganzen Konzerts sprachen die vier Herren nicht ein einziges Wort, sondern machten sich ausschließlich mit rudimentärer Pantomime (zeigen, deuten, nicken, Kopf schütteln) verständlich. Und natürlich mit ihren Instrumenten.

Apropos Instrumente: Die wurden an diesem Abend ordentlich „hergelassen“ (wie man im Unterland sagen würde): Da wurden Gitarrenkabel bis zum Zerreißen gedehnt – denn Daikaiju spielen am liebsten mitten im Publikum (und schnöde kabellose Gitarren kommen ihnen trotzdem nicht in die Tüte). Da wurden Zuschauer zu Kurzzeitmusikern umfunktioniert und manche Mädels mit Instrumenten dekoriert wie Christbäume. Da wurden Drumkits plötzlich von der Bühne geholt und mitten im Publikum wieder aufgebaut (was soundtechnisch vielleicht ein Rückschritt, stimmungstechnisch jedoch unglaublich wirkungsvoll war).

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Und es wurde immer wilder: Da wurden wurden Tische und Stühle bestiegen, da wurden Gitarristen herumgetragen, da wurden arglose Gäste aus Kufstein mit Bassgitarren behängt (ich stand ein paar Sekunden da wie der unmusikalische Ochs vorm Berg). Da konnte man Becken brennen sehen und David Obwaller als Drummer erleben, da wurde natürlich auch massenhaft Schweiß verspritzt. Kurz: Es war eine gewaltige Sause!

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Schachtelteufel mit Schiebermütze

Konzertbericht: „Louis Barabbas & The Bedlam Six“, Kufa-Bar Kufstein, 27. September 2014

Sie selbst nennen es „Lyric-Driven Dirt-Swing“, eine Unterart des „Cabaret Blues“. Und auch wenn man solche Selbstbeschreibungen mit Vorsicht genießen sollte – bei „Louis Barabbas & The Bedlam Six“ treffen sie durchaus ins Schwarze.

Zum zweiten Mal (nach April 2013) war das Septett aus Manchester auf Einladung des Vereins Kulturfabrik in Kufstein zu Besuch. Und es wurde wieder das, was es dem Vernehmen nach auch schon vor eineinhalb Jahren war: eine schweißtreibende, explosive und ausgelassene Angelegenheit.

Dafür sorgte in erster Linie Frontmann Louis Barabbas, der die Zuschauer in der KuFa-Bar mit manischem Blick, wilden Grimassen, waghalsigen Sprüngen und akrobatischen Einlagen entzückte. Immer wieder verließ er blitzartig die Bühne, um mitten im bzw. mit dem Publikum einen wilden Veitstanz aufs Parkett zu legen. Kollege Fabian kommentierte es lakonisch: „Gut, dass der ein Kabel dranhat …“ (gemeint war natürlich jenes der akustischen Gitarre). Kaum zu glauben, dass dieser Mann – also ich meine Louis Barabbas und nicht Kollege Fab – während der zweiteiligen Show (samt Pause!) nur Mineralwasser zu sich nahm und sogar auf einem Rauchverbot in der KuFa-Bar bestand.

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Konzertbesucherin Tonia fühlte sich angesichts der theatralischen, hemmungslos überzogenen Performance von Herrn Barabbas entfernt an den Zirkus erinnert – und tatsächlich musste man bisweilen an ein wildgewordenes (Bühnen-)Tier denken, wenn auch an eines mit Oldschool-Schiebermütze und offenem weißen Hemd (unter dem eine eindrucksvolle Brustbehaarung hervorlugte). Oder, um es einmal in Wolf-Haas-Manier zu sagen: so viel Energie, Duracell-Hase nichts dagegen.

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EINSAME KUNSTWERKE, SCHIMMLIGES BROT: DIE ZEHN SELTSAMSTEN SONGTHEMEN

Liebe und Triebe, Eifersucht und Gier, Einsamkeit und Depression, politische Unterdrückung und Widerstand, harte Drogen und schnelle Autos: Unzählige Songs in unterschiedlichster Qualität wurden und werden zu großen Themenkomplexen wie diesen geschrieben.

Aber was ist mit den etwas abseitigeren Facetten des Alltags, mit den Randerscheinungen und Spezialthemen? Wo sind die Songs über Leihbibliotheken und Schwarzbrot? Warum singt niemand über das traurige Los von wertvollen Ölgemälden oder die Schönheit des Wäschetrocknens? Wer setzt Einzelhandelsangestellten oder fast vergessenen Fußballclubs ein Denkmal?

Moment. Zu all diesen entlegenen Themen gibt es ja wirklich Songs! Und manche davon sind alles andere als schlecht, einige sogar richtig berührend. Merke: Offenbar ist kein Thema zu klein, um ein großes Lied darüber zu schreiben. Hier also eine kurze, völlig unrepräsentative Auswahl ganz schön seltsamer Songthemen:

1. DIE POESIE DES WÄSCHETROCKNENS:

Minimalistisch, kauzig, eigensinnig: „Kofelgschroa“ machen urbayerische Blasmusik, kreuzen sie aber mit den repetitiven, Trance-artigen Strukturen der elektronischen Clubmusik und einem Hang zu ausgedehnten Improvisationen. Und mit höchst reduzierten Texten, die umso mehr Raum für Assoziationen lassen.

Hinter den scheinbar sinnfreien Zeilen „Die Wäsche trocknet an der Sonne, die Wäsche trocknet auch am Wind. / Die Wäsche trocknet auch am Licht. Wie schön ist das eigentlich?“ könnte also sehr viel mehr stecken. Zum Beispiel eine Hymne an das Leben an sich.

Mit seinem kleinen, aber feinen Pfeifsolo (ab 4:54) würde „Wäsche“ übrigens auch meiner Liste von „Pfeif drauf“-Songs gut anstehen …

2. WÄSCHEWASCHEN IM MÖRDERHAUSHALT:

Bleiben wir noch kurz im Genre der Wäschesongs: Bei Serienkillers hängt der Haussegen schief. Er verdient zwar anständig und hat „‘nen guten Namen“ in seiner Branche. Doch darüber vernachlässigt Er leider seine Pflichten im Haushalt – was Sie naturgemäß stört. Denn merke: „Auch Killer [oder, wie man ergänze möchte, gerade Killer] müssen waschen gehen.“

Dabei sei es doch so simpel, wie die Freundin weiter ausführt: „60 Grad, 90 Grad, 100 Grad. / Pulver rein, Wasserhahn aufgedreht / So einfach kann das alles sein.“

Zugegeben, musikalisch ist es vielleicht nicht außergewöhnlich, was die kurzlebige Hamburger Punkformation „Dackelblut“ da abliefert. Aber der (bizarre) Gedanke zählt. Und eine Band mit einem so wunderbaren Namen (die Vorgängerformation hieß übrigens „Blumen am Arsch der Hölle“, eine der Nachfolgebands, besonders schön, „Oma Hans“) hat bei mir immer einen Stein im Brett.

3. DIE ANSTÖSSIGEN FOLGEN ENGER DAMENBEKLEIDUNG:

Wer mit einem einzigen Song über die optischen Auswirkungen allzu eng anliegender Damenbekleidung das Auslangen findet, sollte sich für diesen hier entscheiden. Schließlich ist er durchaus, äh, eingängig – und bringt sein Anliegen klar auf den Punkt: „The only lips I wanna see / Are the ones that sing.“

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