Großer Weltraumbahnhof in der Talstation

Konzertbericht: KOSMODROM (GER), MOON WOMAN (AUT), Innsbruck, (Junge) Talstation, 18. Jänner 2020

Wie sagten schon die alten Japaner? Psychedelischer Rock ist ein Gericht, das man am besten live serviert.

Nachprüfen konnte man diese seit Jahrhunderten überlieferte Weisheit gestern Abend bei einem äußerst feinen Double-Feature an einem nicht minder feinen Veranstaltungsort, nämlich der ehemaligen Talstation der Innsbrucker Hungerburgbahn. Für mich war es der erste Konzertbesuch in dieser außergewöhnlichen Location, die in vielen reizvollen Details – von der „Kassa“-Aufschrift in historischer Typologie über dem nunmehrigen Ausschank bis zum Schriftzug „Aufgang zur Bahn“ am Eingang zum Konzertsaal – den Charme alter Zeiten atmet.

Ungleich jünger, nämlich offenbar in dieser Formation erst ein Säugling von ca. zwei Monaten, ist die Band, die den Abend eröffnete: Moon Woman nennt sich ein neues, in Innsbruck ansässiges Stoner-Rock-Trio, das in der von Beginn an prall gefüllten Talstation keine Spur von Nervosität zeigte, sondern einen ebenso erfrischenden wie sympathischen Auftritt hinlegte.

Der Wechsel zwischen eher langsamen, pochenden, düster-atmosphärischen Parts auf der einen und treibend-aggressiven Schlagzeug-Salven sowie, ähem, Powerriffs auf der anderen Seite sorgte für Spannung, dazu streute der Bassist hin und wieder eine wohldosierte Prise rhythmischen Sprechgesangs bei.

„Mia wissn söwa oft ned genau, wos ma do tan, owa es ist trotzdem geil“, meinte der Moon- Woman-Drummer irgendwann in jugendlichem Überschwang – und spielte damit auf den hohen Impro-Faktor im Gesamtsound an. Die Songs hätten noch nicht einmal Titel, ergänzte er später. Doch das Unfertige machte den Auftritt nur umso interessanter, vor allem weil Spiel- und Lebensfreude in jeder Sekunde mit Händen zu greifen (und natürlich zu hören) waren.

Von dieser Euphorie (und lässigem Understatement mit Ansagen wie: „Des worn etz zwoa Liada. Und etz spü ma no a por Liada“) ließ sich das Publikum dankbar mitreißen und feierte die junge Formation lautstark ab. Verdientermaßen!

Bei der Hauptband, dem Quartett Kosmodrom [= Weltraumbahnhof] aus Bayern, sprang der Funke erst allmählich, dafür aber umso nachhaltiger und heftiger über. Nicht nur in ihrem komplett anti-rockistischen Auftreten samt leise gemurmelter Ansagen zeigte sich die Band angenehm distanziert und unaufdringlich. Auch ihr rein instrumentaler Sound fällt nicht mit der Tür ins Haus, sondern setzt auf Spannungsaufbau, zurückgenommene Sequenzen und dann umso wirkungsvollere und wuchtigere Laut-Leise-Kontraste. Der Vergleich mit All Them Witches – einer Band, die Kosmodrom selbst als wichtige Inspiration nennen (neben Sungrazer oder The Entrance Band) – ist treffend: Denn wie bei den Amerikanern hat man auch bei Kosmodrom oft den Eindruck, am Fuße eines Vulkans zu stehen, der immer kurz vor der Eruption steht – aber nur manchmal ausbricht. Um dann umso eleganter zu fließen, oft in unerwartete Richtungen. 

Genau diese stetige Anspannung macht den psychedelischen Rock von Kosmodrom aus. Dazu kommt ein pulsierender Groove, der sich gewaschen hat und der Musik bisweilen eine Funkiness verleiht, die schwerfälligem Stoner Rock/Doom oft fehlt. Ja, allzu brachial klingt hier trotz vieler harter Passagen nichts, vielmehr herrscht eine Art Sanftes Gesetz, das für ein warmes und psychedelisch-einlullendes Klangbild sorgt. Nebel und süßer Rau(s)ch, den suggestive Visuals schön ergänzten.

(Anm.: Dank des stufenförmigen Aufbaus im Saal konnte sich daran auch wirklich jede(r) sattsehen. Warum baut man eigentlich nicht jede Konzertlocation so?)  

Und so flossen die Nummern fast unmerklich ineinander. In jeder der (seltenen) Pausen reagierte das Publikum euphorischer (bis hin zu Miniatur-Stagediving), am Ende gab es tosenden Applaus und laute Rufe nach Zugaben. Die Bayern, ihrerseits von Publikum und Location sichtlich begeistert, kamen dem natürlich gerne nach – hielten den Auftritt aber dennoch kompakt. Leaving the audience waiting for more – so geht das!

Fazit: Ein furioses Österreich-Debüt (!) für Kosmodrom. Und für mich persönlich ein erfreuliches Talstation-Debüt (den Auftritt der genialen österreichischen Band Vague im Vorjahr habe ich unverzeihlicherweise versäumt) – auch wenn ich garantiert unter den fünf bis zehn ältesten Menschen im Raum war und mir schön langsam Sorgen machen sollte. Dass ich den Hintergrund des „Paris Hilton @the Airport“-Schildes, das zwei vergnügte Zuschauer in die Luft hielten, nicht begreife, sollte angesichts dessen niemanden verwundern …

PS: Die Kosmodrom-Tonträger mit den wunderbar spacigen Titeln „Sonnenfracht“ und „Gravitationsnarkose“ kann man HIER anhören und kaufen. Do it!

PPS: Hier findet man wunderbare Konzertfotos von Benjamin Mader, die die Atmosphäre dieses tollen Abends (inklusive Auflegerei im Anschluss) stimmungsvoll einfangen.

HIT THE BASSLINE: BLOG-JAHRESCHARTS 2018

Spät (den Zusatz „aber doch“ sparen wir uns verschämt) liegen sie nun vor, die kumulierten Blog-Jahrescharts, ähem, 2018 von HIT The Bassline. Und siehe da: Zwischen den beiden Blogautoren Stefan Pletzer und Michael Domanig gab es diesmal im Vergleich mit den Vorjahren doch einige Überschneidungen, was die jeweiligen Top-100-Listen angeht.

Konkret waren es immerhin 11 (in Worten: elf) Tracks, die sich in beiden Jahresbestenlisten wiederfanden. Acht davon schafften es in die gemeinsamen Top 40 – und zwar alle in die Top-Ten-Ränge, was diesmal doch ein ziemlich aussagekräftiges Gesamtergebnis mit sich bringt. Und hier ist es auch schon!

Anmerkung: Die Wertungen von Stefan und Michael sind (in dieser Reihenfolge) jeweils nach der fettgedruckten Gesamtpunktezahl abzulesen.

JAHRESCHARTS 2018: DIE TOP 40 von HIT The Bassline:

1.) Amen Dunes – Miki Dora: 168 (87, 81)

2.) MGMT – One Thing Left to Try: 158 (94, 64)

3.) Soap & Skin – Italy: 153 (68, 85)

4.) Father John Misty – Mr. Tillman: 146 (69, 77)

5.) MGMT – TSLAMP: 135 (82, 53)

6.) Courtney Barnett – Nameless, Faceless: 129 (29, 100)

7.) Tunnelvisions – Guava: 113 (30, 83)

8.) Simian Mobile Disco feat. Deep Throat Choir – Defender: 111 (79, 32)

9.) Rudimental & Major Lazer feat. Anne-Marie & Mr Eazi – Let me live: 100 (100, -)

10.) Panda Bear – Shepard Tone: 99 (99, -)
      

10.) Grimes – We Appreciate Power: 99 (-, 99)

12.) Christine and the Queens – Goya! Soda!: 98: (98, -)
        Emily Haines & The Soft Skeleton – Legend of the Wild Horse: 98 (-, 98)
14.) Amen Dunes – L.A.: 97 (97, -)
       David Byrne – I Dance Like This: 97 (-, 97)
16.) Cosmo Sheldrake – Wriggle: 96: (96, -)
        Jonathan Bree – Sleepwalking: 96 (-, 96)
18.) Tunng – Abop: 95: (95, -)
        Soap & Skin – Palindrome: 95 (-, 95)
20.) Rico Nasty – Oreo: 94 (-, 94)
21.) The 1975 – Love It If We Made It“: 93 (93, -)
        Lüül – Schwarz war die See: 93 (-, 93)
23.) Thunder Jackson – Guilty Party: 92 (92, -)
        Low – Disarray: 92 (-, 92)
25.) Sia – My old Santa Claus: 91 (91, -)
        Ebony Bones feat. The Bones Youth Choir – Police and Thieves: 91 (-, 91)
27.) Interpol – The Rover: (90, -)
       Der Nino aus Wien – Unentschieden gegen Ried: 90 (-, 90)
29.) Panda Bear – Part of the Math: 89 (89, -)
       Gaye Su Akyol – İstikrarlı Hayal Hakikattir: 89 (-, 89)
31.) Cosmo Sheldrake – Hocking: 88 (88, -)
       Amanda Palmer & Jason Webley – House of Eternal Return: 88 (-, 88)
33.) Luluc – Spring: 87 (-, 87)
34.) The Blaze „Faces“: 86 (86, -)
        International Music – Für alles: 86 (-, 86)
36.) Maribou State „Beginner’s Luck“: 85 (85, -)
37.) Rhye „Phoenix“: 84 (84, -)
       Jonathan Bree – Say You Love Me Too (feat. Clara Viñals): 84 (-, 84)
39.) Robyn „Missing U“: 83 (83, -)
40.) Hatis Noit – Illogical Lullaby (Matmos Edit): 82 (-, 82)

Silvester, Zeit für Jahrescharts!

Nur blöd, dass es jene von 2018 sind :p

1 Rudimental & Major Lazer feat. Anne-Marie & Mr Eazi „Let me live“
2 Panda Bear „Shepard Tone“
3 Christine and the Queens „Goya! Soda!“
4 Amen Dunes „L.A.“
5 Cosmo Sheldrake „Wriggle“
6 Tunng „Abop“
7 MGMT „One Thing left to try“
8 The 1975 „Love it if we made it“
9 Thunder Jackson „Guilty Party“
10 Sia „My old Santa Claus“
11 Interpol „The Rover“
12 Panda Bear „Part of the Math“
13 Cosmo Sheldrake „Hocking“
14 Amen Dunes „Miki Dora“
15 The Blaze „Faces“
16 Maribou State „Beginner’s Luck“
17 Rhye „Phoenix“
18 Robyn „Missing U“
19 MGMT „TSLAMP“
20 tUnE-YaRdS „Look at your Hands“
21 Amen Dunes „Dracula“
22 Simian Mobile Disco „Defender“
23 Hookworms „Negative Space“
24 Tocotronic „Electric Guitar“
25 Cari Cari „After the Goldrush“
26 Hurray for the Riff Raff „Pa’lante“
27 Maribou State feat. Holly Walker „Slow Heat“
28 MGMT „When you die“
29 Oneohtrix Point Never „We’ll take it“
30 Cardi B feat. Bad Bunny & J Balvin „I like it“
31 Daniel Avery „Stereo L“
32 Father John Misty „Mr. Tillman“
33 Soap & Skin „Italy“
34 Little Simz „Boss“
35 Let’s eat Grandma „Falling into me“
36 Chaka Khan „Like Sugar“
37 Paul McCartney „Come on to me“
38 Preoccupations „Decompose“
39 Maribou State „Vale“
40 Let’s eat Grandma „Snakes & Ladders“
41 Jungle „Heavy, California“
42 Eminem „Fall“
43 Death Cab for Cutie „Gold Rush“
44 Diplo feat. Lil Yachty & Santigold „Worry no more“
45 Twin Shadow „Broken Horses“
46 Christine and the Queens „Doesn’t matter“
47 Superorganism „Night Time“
48 George FitzGerald „Burns“
49 Preoccupations „Compliance“
50 Steaming Satellites „Shout it out“
51 Jain „Alright“
52 Maribou State „Kingdom“
53 Idles „Colossus“
54 Amen Dunes „Believe“
55 Kids see Ghosts „Cudi Montage“
56 Post Malone feat. Ty Dolla $ign „Psycho“
57 Little Dragon „Lover Chanting“
58 Simian Mobile Disco „Caught in a Wave“
59 Peggy Gou „It makes you forget (Itgehane)“
60 Christine and the Queens „The Stranger“
61 Let’s eat Grandma „Ava“
62 Soap & Skin „Heal“
63 William Fitzsimmons „Wait for me“
64 Cari Cari „Mazuka“
65 Kreisky „Ein braves Pferd“
66 Elderbrook „Capricorn“
67 Rostam „In a River“
68 Tove Lo feat. Charli XCX, Icona Pop, Elliphant & Alma „Bitches“
69 Yung Hurn „Was sie will“
70 Zhu feat. Tame Impala „My Life“
71 Tunnelvisions „Guava“
72 Courtney Barnett „Nameless, faceless“
73 Julia Holter „I shall love 2“
74 Simian Mobile Disco „Hey Sister“
75 Mavi Phoenix „Prime“
76 Kids see Ghosts feat. Pusha T „Feel the Love“
77 Shout out louds „In new Europe“
78 Husky Loops „Everytime I run“
79 Cari Cari „Summer Sun“
80 Twin Shadow feat. Haim „Saturdays“
81 Nick Mulvey „Mountain to move“
82 Parcels „Lightenup“
83 Santigold „I don’t want“
84 Leyya „Wannabe“
85 Toro y moi „Freelance“
86 Phosphorescent „New Birth in New England“
87 Pressyes „California“
88 Cypress Hill „Crazy“
89 Belle & Sebastian „We were beautiful“
90 Moses Sumney „Rank & File“
91 Janelle Monáe feat. Grimes „Pynk“
92 Diplo feat. Mö & Goldlink „Get it right“
93 Planningtorock „Transome“
94 Naked Cameo „Phony“
95 George Ezra „Paradise“
96 Parquet Courts „Wide awake!“
97 Yves Tumor „Noid“
98 The 1975 „Tootimetootimetootime“
99 Clara Luzia „When the Streets“
100 The Decemberists „Once in my Life“

Es gibt Reis, Baby!

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 32:
DON CHERRY – BROWN RICE (1975)

H.I.T. The Bassline ist nicht tot. Wir riechen nur komisch.

Alle Ausreden sind zwecklos. Die längste (Zwangs?-)Pause in der Geschichte unseres kleinen Blogs spricht für sich. Und gegen uns. Seit dem letzten Beitrag sind unglaubliche drei Monate vergangen, der letzte Track der, äh, Woche liegt NEUN Monate zurück. In einem Zeitraum, in dem andere Menschen Kinder kriegen, kriegen wir also nicht einmal ein paar lausige Beiträge zusammen. Schade, traurig, aber man kann ja zumindest Besserung geloben. Und damit genug der Selbstgeißelung – wir sind ja nicht bei den Flagellanten.

Um den Wiedereinstieg noch fragwürdiger zu machen, habe ich beschlossen, heute über etwas zu schreiben, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe: Ich weiß rein gar nichts über Don Cherry (außer vielleicht, dass er Stiefvater der großartigen Neneh Cherry und Vater von Eagle-Eye „Save Tonight“ Cherry ist/war), ich verstehe denkbar wenig von experimentellem Jazz und finde mich in kaum einer Ära der Popkultur weniger zurecht als in den mittleren 70er-Jahren, also nach Blues-, Hippie- und Psychedelic Rock und vor der Punk- und Post-Punk-Revolution.

Trotzdem: „Brown Rice“ von Don Cherry ist ein Entdeckung, die ich auf jeden Fall mit euch teilen möchte. Ich habe die Nummer zufällig vor ein paar Wochen im Abendprogramm von FM4, ich glaube im „Zimmerservice“, gehört – als Hörerwunsch, zu dem der Moderator sinngemäß anmerkte, dass er wohl nicht wirklich ins Programm von FM4 passe, er ihn jetzt aber trotzdem einfach spielt.

Fünf Minuten später war der Moderator spürbar verblüfft und begeistert – genau wie ich. Was da zu hören war, klang unerwartet, aus der Zeit (aus der Zukunft?) gefallen, kaum einzuordnen. Ich war gefesselt (und nicht im „Shades of Grey“-Sinne).

Don Cherrys Reisgericht schmeckt nach vielerlei Gewürzen gleichzeitig, mit seinem hypnotischen Groove, dem funkigen Wah-Wah-Bass, den Bongos, den kreischenden Bläser-Eruptionen, dem E-Piano, den sphärisch verhallten Uuuh-uuuh-uuhs von Sängerin Verna Gillis und Cherrys rhythmischen, lautmalerischen Lyrics im Flüsterton, düster und verführerisch-geheimnisvoll, zugleich einlullend und unterschwellig bedrohlich. Schließlich man weiß hier nie, was hinter der nächsten Ecke kommt.

(Afro-)futuristisch, kosmisch, transzendental, schamanisch: Die Wörter, die einem hier in den Sinn kommen, sind alles andere als klischeefrei. Ganz anders die Musik, die denkbar weit von schmierigem „Fusion“-Gedudel entfernt ist. Bezeichnend: Der Track ist mir irgendwie auch in die Sammel-Playlist für die Jahrescharts 2019 gerutscht – und klingt im fortgeschrittenen Alter von 44 Jahren moderner und gewagter als vieles, was sich dort so tummelt.

Don Cherry, vor allem als Trompeter bekannt, galt als Pionier des Free Jazz, besonders als Mitglied des berühmten Quartetts von Ornette Coleman. Und er spielte auch mit all den weiteren Größen des Avantgarde-Jazz, bei deren bloßer Nennung dem Jazz-Nerd die Hornbrille in die Teetasse fällt und der Speichelfluss unkontrollierte Ausmaße annimmt: John Coltrane und Sonny Rollins, Archie Shepp, Albert Ayler, Sun Ra, you name ‚em. Aber auch Genre-Fremde wie Lou Reed oder Ian Dury stehen auf der langen Kollabo-Liste.

Cherry wird außerdem stets als einer der Vorreiter, ja sogar Erfinder der Kombination von Jazz und „Weltmusik“ genannt. Zugegebenermaßen ein etwas depperter Ausdruck für die riesigen Klangkosmen außerhalb der europäisch-angloamerikanischen Blase, die ihrerseits ja schon endlos groß ist. Cherry selbst sprach übrigens lieber von „organic music“. Wie auch immer, das ganze „Brown Rice“-Album vibriert vor lauter Einflüssen – afrikanisch, indisch, indonesisch, arabisch, chinesisch, tibetanisch. Das Ergebnis ist allerdings kein Frappucino-tauglicher Soundteppich, sondern, im Gegenteil, fordernd, abstrakt-intellektuell, oft durchdringend, noisig und für nicht Jazz-sozialisierte Hörer wie mich und dich phasenweise ganz schön anstrengend.

Auch sonst geht das Album, heuer wieder einmal als Reissue erschienen und mehr denn je gefeiert, weite Wege: „Malkauns“ klingt elegisch, basiert offenbar auf einem indischen Raga und stellt die indische Langhalslaute Tanpura ins Rampenlicht. „Chenrezig“ ist tibetanisch beeinflusst und bassgetrieben, Cherry spricht hier in fremden Zungen (Tibetanisch?) und streift sogar den Kehlkopf-/Obertongesang. Trompete und Saxophon fließen melodiös oder lärmen atonal. „Degi-Degi“ beendet das Album funky und wiederum mit suggestiven Flüsterlyrics.

Und was bedeutet eigentlich der Song- und Albumtitel „Brown Rice“? Laut Auskennern könnte er (ähnlich wie „Brown Sugar“ der Stones) auf Heroin anspielen, aber angeblich auch auf eine Phase, in der sich Cherry fast nur von Reis ernährt haben soll, um sich selbst daran zu erinnern, wie viele Menschen weltweit hungern müssen. „It speaks to the two extremes of Cherry, that of the spiritual seeker and the junkie jazz musician“, schreibt Pitchfork in seiner Lobeshymne.

Mein Fazit: Ich werde sicher nie ein Jazzkenner. Aber es ist irgendwie tröstlich zu wissen, dass da draußen noch viele andere Welten existieren, so groß, facettenreich und unverständlich wie der Makro- und Mikrokosmos.

PS: Ins Don-Cherry-Album „Orient“ von 1972 hineinzuhören, lohnt sich ebenfalls. Viele, viele bunte Klangfarben.

PPS: Habe gerade gelesen, dass Don Cherry auch den Soundtrack zu Alejandro Jodorowskys berühmt-berüchtigtem Experimentalfilm-Bilderrausch „The Holy Mountain“ beigesteuert hat. Klingt nach einem Trip, auf den man sich einlassen sollte!

Vom zähen Wühlen nach Gold. Die spätesten Jahrescharts der Welt®, Ausgabe 2018 (Michael Domanig)

Ich höre Musik leider viel zu oft, wie ich leider auch viel zu oft esse: im Gehen, zwischendurch, nebenher, ohne mich wirklich darauf konzentrieren zu können, was ich da zu mir nehme. Die Gefahr ist in beiden Fällen dieselbe: Irgendwann schmeckt alles gleich. Oder es schmeckt einem gar nichts mehr (was im Grunde dasselbe ist).

Gut, so weit ist es mit mir beim Musikhören zum Glück noch nicht gekommen – aber es war diesmal doch ein besonders zäher Prozess, um am Ende zu den Top 100 zu gelangen, meinen bisher wohl spätesten auf dem verspätetsten Musikblog der Welt. An die 600 Lieder sind am Ende des großen Aussiebens im „Leider nein“-Kröpfchen gelandet, wobei vieles davon durchaus nicht schlecht war – ich hätte den Charts-Topf sicher auch mit 150 bis 200 Liedern füllen können.

Um wirklich Herausragendes zu finden, war aber das Wühlen durch extrem viel gefällig produziertes Mittelmaß nötig. Und „Top-20-Material“ zu finden (um mal einen furchtbaren Marketing-Ausdruck zu verwenden), war heuer definitiv viel schwieriger als z. B. beim besonders starken 2017er-Jahrgang. Aber: Am Ende war es die ganze Mühe bei chronisch knappem Zeitbudget dann doch wieder wert. Das zeigte sich schon daran, dass ich mich von vielen Songs, die in der Liste nicht mehr Platz fanden, dann doch nur schwer trennen konnte.

Bei den Songs, die letztlich den Cut geschafft haben (um neuerlich eine grässliche Formulierung zu verwenden), ist diesmal nach meinem Eindruck relativ viel introvertierte und introspektive Musik dabei, verträumt, melancholisch und harmonisch, dagegen vergleichsweise wenig Punkiges, Noisiges und Aggressives. Was würde wohl ein Tiefenpsychologe dazu sagen?

Wobei: Insgesamt ist die Vielfalt glaub ich doch wieder erheblich. Und um ein paar Neugierigen vielleicht Lust aufs Reinhören zu machen, gibt es diesmal neben der obligatorischen Playlist auch Ultra-Kurzrezensionen zu jedem Song (Ziel war ein einziger Satz, mehr als fünf Zeilen sind es nie geworden). Viel Spaß!

1.) Courtney Barnett – Nameless, Faceless
„I wanna walk through the park in the dark / Men are scared that women will laugh at them / I wanna walk through the park in the dark / Women are scared that men will kill them“: Mit diesen unmissverständlichen, Margaret Atwood zitierenden Zeilen ist sehr viel darüber gesagt, warum es #MeToo und „die ganzen Genderdebatten“ einfach braucht. Verpackt ist das ganze in mitreißenden alternativen Gitarrenrock, den derzeit keine(r) so hinbekommt wie Courtney Barnett.

2.) Grimes – We Appreciate Power
Süßlicher Kitsch und Heaviness, Dream Pop und Industrial-Noise, zuckerlbunter K-Pop und klassisches Songwriting – wie die kanadische Grenzgängerin Grimes (mit Hilfe von US-Sängerin HANA) das hier zusammenführt und -rührt, ist (um im Kontext des Songs zu bleiben) eine echte Machtdemonstration.

3.) Emily Haines & The Soft Skeleton – Legend of the Wild Horse
Der Songtitel klingt nach üblem Airbrush-Kitsch. Der Song selbst klingt nach einer der betörendsten Melodien des Jahres. (Ok, war streng genommen schon Ende 2017, hat mich erst 2018 erreicht, damit basta!)

4.) David Byrne – I Dance Like This
Der Pokal für den überraschendsten (Stil-)Bruch des Jahres gebührt dem ehemaligen Kopf der Talking Heads – der vollelektronische Roboter-Refrain hat es in sich!

5.) Jonathan Bree – Sleepwalking
Stimmiger könnte der Songtitel nicht sein, denn der entrückten Musik des neuseeländischen Songwriters haftet tatsächlich etwas Traumwandlerisches an („somnambul“ schrieb ein Rezensent des „Rolling Stone“, glaub ich). Ein Crooner von der Schattenseite, eine der Entdeckungen des Jahres.

6.) Soap & Skin – Palindrome
Von vorn nach hinten = von hinten nach vorn: Das Palindrom als rhetorische Kunstfigur trägt das Repetitive und damit potentiell Hypnotische schon in der DNA. Das passt perfekt zur sakralen Musik von Soap & Skin – erst recht auf Lateinisch: „In girum imus nocte et consumimur igni“. Wobei diese Zeilen („Wir irren des nachts umher / und werden vom Feuer verzehrt“) inhaltlich eher diabolisch als himmlisch klingen.

7.) Rico Nasty – Oreo
Da kann sich der Hersteller der schwarzweißen Keksln wirklich freuen: Rico Nastys rotzig-aggressiver In-your-face-Rap steckt in meiner humble opinion selbst Cardi B in die (Louis Vitton)-Tasche.

8.) Lüül – Schwarz war die See
Nur eine banale, recht holprig gereimte Urlaubserinnerung? Ich finde den wehmütigen Refrainm unglaublich anrührend, gerade in seiner fast Schlager-artigen Einfachheit.

9.) Low – Disarray
Rau, hypnotisch, aufs Notwendigste reduziert: Außer den ineinander verwobenen Stimmen von Alan Sparhawk und Mimi Parker und sanft irritierendem elektronischem Schaben braucht es nichts für dieses kleine, atmosphärisch dichte Kunstwerk.

10.) Ebony Bones feat. The Bones Youth Choir – Police and Thieves
Die britische Ausnahmekünstlerin Ebony Thomas überführt den Reggaeklassiker von Junior Murvin, den schon The Clash prägnant coverten, direkt in eine dystopische Gegenwart, mit unterkühltem, düster-minimalistischem Klangdesign und gespenstischem Kinderchor. Und unterstreicht meine alte These, dass man Kindern besonders gerne (und wirkungsvoll) krasse und bedrohliche Zeilen in den Mund legt.

11.) Der Nino aus Wien – Unentschieden gegen Ried
Eine treffsicherere Metapher für die Banalität und Trostlosigkeit des (nicht nur Fußball-)Alltags lässt sich kaum denken. Hat seinen Platz in der Ehrengalerie der besten Sportsongs jetzt schon sicher.

12.) Gaye Su Akyol – İstikrarlı Hayal Hakikattir
Die Türkei mit ihren vielfältigen musikalischen Traditionen, gerade auch im Bereich psychedelischer Pop-Klänge, hat man als Westler viel zu selten auf dem Zettel. Dass die großartige Gaye Su Akyol letztes Jahr sogar in Innsbruck zu Gast war, habe ich auch versäumt! Dafür gibt’s jetzt zumindest einen Spitzenplatz in den Charts ;-).

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Ein Uhrwerk mit Unruh

Konzertbericht: SONAR with DAVID TORN (Support: HARRY TRIENDL), Kulturfabrik Kufstein (KuFa-Bar), 4. Mai 2019:

Prog-Rock?? Das ist eine jener Genrebezeichnungen, die für mich persönlich einen eher zweifelhaften, ja negativen Beigeschmack haben. Mit dem Begriff verbinde ich komplizierte, prätentiöse, stilistisch und inhaltlich überambitionierte bis bombastische Musik, für die man als Zuhörer mindestens einen Konservatoriumsabschluss braucht, um sie begreifen und würdigen zu können – und als Musiker sowieso.

Endloses Solieren, riesige Schlagzeug-, Keyboard- und Synthesizer-Burgen, verschwurbelte Konzeptalben, geschliffenes Kunsthandwerk, all das kommt mir beim Ausdruck „Prog“ in den Sinn. Und ich stelle mir immer vor, wie und warum seinerzeit der dreckige, direkte und bewusst simple Punk fast zwangsläufig als Gegenbewegung entstehen musste. Kurz gesagt: Obwohl ich Säulenheilige des Genres wie Pink Floyd, King Crimson oder Van der Graaf Generator teilweise sehr gerne mag, stehe ich dem Konzept und Begriff des „Progressiven“ insgesamt sehr skeptisch gegenüber.

An diesem Abend in der Bar der Kulturfabrik Kufstein war aber keinerlei Skepsis angebracht – denn ich wusste, dass es hier eine andere Art von progressiver Musik zu hören geben würde: nämlich spannende Experimente und beeindruckende Dynamik statt eitler Virtuosität und hohlem Pomp.

Dafür bürgte schon der Auftakt mit Harry Triendl: Der Multiinstrumentalist aus Telfs, bekannt für seine Arbeit mit „virtuellen“ und leibhaftigen Orchestern, für seine Zyklen, die als
Grenzüberschreitungen zwischen Musik, bildender Kunst, Tanz und Experiment angelegt sind, war diesmal solo zu erleben. Mit Touch-Gitarre und Elektronik sorgte er für mal sphärische, mal vertrackte Ambient-Klänge, die mich bisweilen an Science-Fiction- oder Horror-Film-Soundscapes denken ließen, unterbrochen von ruhigen Passagen, garniert mit knackigen Beats, expressivem Gesang und komplexer Improvisation. Und auch wenn manche Brüche vielleicht etwas hart, vereinzelte Übergänge etwas unsanft ausfielen, war es genau der richtige Start in diesen Abend.


(Foto: Harry Triendl)

Harry Triendl war es übrigens auch, der für den Veranstalter den Kontakt zum Hauptact hergestellt hatte – zur Schweizer Instrumental-Formation Sonar und dem namhaften amerikanischen Gitarristen David Torn.

„Vortex“ heißt das 2018er-Album, das Sonar und Torn (Letzterer bekannt für seine Arbeit mit Kalibern wie David Bowie oder Tori Amos) gemeinsam aufgenommen haben. Das aus dem Lateinischen stammende Wort bedeutet soviel wie „Wirbel“ oder „Strudel“ – und das gibt schon einen guten Eindruck von der Musik, die an diesem Abend zu erleben war.

Denn die war perfekt, um sich richtig tief hineinfallen, gewissermaßen in den Strudel einsaugen zu lassen. „Prog“, wie Sonar ihn verstehen, klingt alles andere als überladen und schwerfällig: Statt auf Bombast oder reine Griffbrettakrobatik setzen sie auf minimalistische, hypnotisch-repetitive Strukturen, auf die Kraft des Grooves, auf Veränderungen und Verschiebungen, die sich langsam, aber umso unwiderstehlicher aufbauen.


(Foto: Michael Domanig)

Das Bild eines Schweizer Uhrwerks ist natürlich ein Klischee – aber eines, das hier einfach zu gut passt, um es nicht zu verwenden. „Mathematische Präzision und doch extrem druckvoll“, fasste es Veranstalter Mike Litzko treffend zusammen. Ich selbst fühlte mich phasenweise z. B. an den mitreißenden „Live-Techno“ der österreichischen Formation Elektro Guzzi erinnert, die ebenfalls fast übermenschliche Präzision mit enormer Wucht verbinden – obwohl sie von ihrem musikalischen Hintergrund her aus einem völlig anderen Eck kommen.

Ein kontrollierter Rausch: Das wäre eine andere, widersprüchlich klingende Beschreibung für den trancehaften „Math Rock“ von Sonar – für die Polyrhythmik des furiosen Drummers Manuel Pasquinelli (der an seinem Drumset rätselhafterweise auch ein leicht verbeultes Becken hängen hatte, das aussah wie vom Tourbus überfahren), für die lyrischen, sparsamen, repetitiven Gitarrenfiguren von Bernhard Wagner und Stephan Thelen und das groovige, funkig-bewegliche Bassspiel des hünenhaften Christian Kuntner. Ich persönlich hätte mir das noch stundenlang anhören können.


(Fotos: Harry Triendl)

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Larger than Live is Life

Konzertbericht: Bilderbuch, Congress Innsbruck – Dogana, 24. April 2019

Unverhofft kommt oft. Bis mir Kollege Dave einen Tag vorher aus heiterem Himmel eine Freikarte (sic!) für das Bilderbuch-Gastspiel im Congress Innsbruck anbot, hatte ich nicht am Radar, dass die selbstbewusstesten Styler des Landes wieder einmal im Landeanflug auf Tirol waren. Und dass es sich hierbei sogar um den Österreich-Auftakt ihrer aktuellen Tournee handelte, war mir natürlich erst recht unbekannt.

Aber da ich Bilderbuch noch nie live gesehen hatte und mir gerade ihr aktuelles Material zusagt, zögerte ich trotz quiztechnischer Verpflichtungen und einer strapaziösen Arbeitswoche natürlich keine Sekunde. Und dabei wusste ich in diesem Moment noch gar nichts von den nicht gerade wohlfeilen Kartenpreisen jenseits der 50 Euro. DaDa – danke Dave!

Bevor die Spannung unerträglich wird, hier gleich der Spoiler: Es war am Ende (und eigentlich schon am Anfang) der erhofft unterhaltsame und in jeder Hinsicht bunte Konzertabend.

Die Stimmung in der prall gefüllten, offenbar aber nicht restlos ausverkauften Dogana war schon vor dem groß inszenierten Einmarsch der Bilderbücher prächtig – obwohl das DJ-Anheizerset (hat man heute wohl so statt einer Vorband) recht austauschbar und bemüht geriet („Hey Innsbruck, wollt ihr tanzen?“ usw., gähn).

Bilderbuch jedenfalls hatten den geräumigen Laden von der ersten Minute an im Griff – und brauchten dazu nicht einmal Musik: Nachdem der Basssound auf der Bühne erst noch angeworfen werden musste, nützte der sonnenbrillentragende Front-Styler Maurice Ernst den verzögerten Start einfach für einen kleinen Innsbruck-Schwank aus seiner Jugend (den er dann selbst erst verzögert zum Abschluss brachte). Diese Anekdote brachte die Bilderbuchkarriere der Band in Kürzestform auf den Punkt: Vor ein paar Jahren, als sie noch im viel kleineren Weekender Club (RIP) gespielt hatten, war Ernst nach dem Konzert zunächst im Stadtcafé (RIP??) und danach in volltrunkenem Zustand auf einer Party in der, erraten!, Dogana gelandet. Also ebendort, wo er an diesem Abend selbst auf einer Mords-Bühne stand. So schnell kann’s gehen!

(Foto: Michael Kristenwww.kristen-images.com)

Schnell ging’s dann auch zurück an den musikalischen Start mit neuen Songs wie „Mr. Supercool“, „Mein Herz bricht“ und dem hymnischen „Memory Card“ – den einige ZuhörerInnen als etwas schleppend empfanden. Ich aber nicht. Man muss ja nicht gleich mit der Hittür ins Haus fallen!

Stichwort Hits: Von denen haben Bilderbuch inzwischen längst einen ganzen Köcher voll – darunter manche, die ich schon komplett vergessen hatte, etwa „Plansch“ aus dem (wenn man das jugendliche Alter der Hauptzielgruppe betrachtet) fernen Jahr 2013. Und sie trafen beim Konzert voll ins Ziel, mit einer bestens austarierten Mischung aus, ähem, Klassikern und frischem Songfutter.

Heftig beklatscht und bejubelt wurde natürlich das ultrabreit gebaute Riffmonster „Maschin“ (mit den herrlich bescheuerten Zeilen „Steig jetzt in mein Auto ein / Sieben Türen, 70 PS“), ebenso der 2017er-Smasher „Bungalow“ (mit den nicht minder grenzgenialen Zeilen „Baby leih mir deinen Lader / Ich brauch mehr Power für mein‘ Akku“). Beide fuhren live sogar noch besser ein als gestreamt (oder, wie man früher gesagt hätte, auf Tonträger).

Das geradezu verboten funkige „Spliff“ – eine meiner BB-Lieblingsnummern – wurde angemessen psychedelisch-halluzinatorisch in die Breite gewalzt, bei „Baba“ gab es die unvermeidlichen Autotune-Exzesse.

Genauso überzeugend gerieten die Nummern der beiden jüngsten, kurz hintereinander veröffentlichten Alben „Mea Culpa“ und „Vernissage My Heart“, auf denen Bilderbuch vielseitiger denn je klingen – und ungleich interessanter als die zuletzt leider in Richtung Schematik und Ö3 gedrifteten Wanda. (Sorry, dieses Blur-versus-Oasis-Duell sollte man nicht dauernd aufwärmen – aber es passt halt doch ziemlich gut). Schön zu hören, dass die Band ihren Weg von der 0815-Indie-Gitarrenband zu einer groovelastigen, farbenfroh schillernden und experimentierfreudigen Formation von hoher zeitgenössischer Relevanz weiter beschreitet.

Der lebensfrohe Instant-Hit „Frisbee“ zündete auch live wie der Blitz, „LED Go“ oder „Taxi Taxi“ („Ich glaube an Speed, ich glaube an Weed / Ich glaub‘ mir wird schlecht“) wussten ebenfalls zu gefallen. Atmosphärisch-hypnotisch gelangen ruhigere Songs wie „Checkpoint (Nie Game Over)“ oder das knapp zehnminütige „Europa 22“, das die Utopie eines „Lebens ohne Grenzen“ feiert.

Apropos: Von dem offenbar stärker erwachten politischen Bewusstsein der Bilderbücher (inklusive der auch marketingtechnisch gelungenen EU-Pässe) war live nicht viel zu bemerken, auch nicht bei den Bühnenansagen. Ein paar beleuchtete Globen, wie sie in den 80er- und 90er-Jahren in vielen Kinderzimmern standen, wiesen auf das augenzwinkernd-gigantomanische Tourmotto „One Earth“ hin, das war’s auch schon wieder mit der Politik. Aber muss ja nicht, gepflegter Eskapismus ist auch okay.

Und der wurde mit Zeichen und Gesten bedient, die für die ganz großen Bühnen gemacht und gedacht sind: Glitterherzen, die vom Bühnenhimmel regneten, Maurice‘sches Stagediving schon bei Song Nummer drei (!), ein überdimensionaler Wasserhahn, aus dem sich psychedelische Farbenspiele ergossen, sogar ein Treppenturm auf der Bühne, den der Sänger wirksam erklimmen konnte – bei Bilderbuch wird anno 2019 geklotzt und nicht gekleckert.

(Foto: Michael Kristenwww.kristen-images.com)
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Lückenschluss mit Power-Pop

Konzertbericht: WE ARE SCIENTISTS, PMK Innsbruck, 16. Februar 2019:

Auch wenn Einzelne das seinerzeit anders gesehen haben: Das Ende des Weekender Clubs hat in Innsbruck bis heute eine unübersehbare und vor allem unüberhörbare Lücke hinterlassen.

Das sage ich nicht nur, weil ich mit dem Weekender persönlich einige sehr schöne Konzerterlebnisse verbinde – spontan fallen mir etwa Die Sterne (fast ein Privatkonzert!), die Raveonettes (mächtige Soundwand), Ezra Furman (entfesselt), Adam Green (ausgelassen), The Notwist (technoid) oder Tu Fawning (magisch) ein -, sondern ganz objektiv: Für den „Alternative Mainstream“ (= zu groß/kommerziell für die PMK, zu klein für den Hafen oder die Olympiahalle, zu jugendlich fürs Treibhaus) gibt es in Innsbruck und ganz Tirol seit dem Ende des Clubs keine richtige Heimat mehr. Vom tollen – und stets bestens besuchten (!) – Musikquiz einmal ganz abgesehen.

Also: Selbst wenn man (wie ich selbst) mit vielen der Konzerte im Weekender nur wenig anfangen konnte, muss man es als Musikliebhaber einfach bedauern, wenn in einer Stadt eine Konzertlocation wegfällt. Allein schon deshalb, weil sich Leute, die sich bisher dort getroffen haben, dann eben nicht mehr treffen.

Dass diese Lücke nach wie vor schmerzt und die Nachfrage nach Konzerten, wie der Weekender sie angeboten hatte, ungebrochen ist/wäre, war gestern Abend in der PMK eindrucksvoll zu erleben: Das Konzert von We Are Scientists, veranstaltet in der (an keine fixe Location gebundenen) Reihe „Weekender presents“, war restlos ausverkauft – obwohl (oder gerade weil) es in der PMK heuer wohl nicht mehr viel poppiger und vergleichsweise „mainstreamiger“ zugehen wird.

Schon bei der Vorgruppe Communipaw aus New Jersey (ein schwer auszusprechender Name, wie selbst Frontmann Brian Bond zugab) war der Saal von der ersten bis zur letzten Reihe gefüllt. Zu hören gab es gefälligen (Indie-)Folkpop mit ebensolchen Vokalharmonien, der im Vormittagsprogramm von FM4 nicht negativ auffallen würde. Nett, aber auch unspektakulär und ohne erkennbare Ecken und Kanten, eine Art „Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass“-Indie, der nicht stört, aber auch nicht hängen bleibt. Vom Publikum gab es freundlichen Applaus für (allzu?) freundliche Musik.

Da war die – von Beginn an heftig bejubelte – Hauptband ein ganz anderes Kaliber: We Are Scientists aus Brooklyn zeigten, wie es richtig geht, mit einer zwingenden Mischung aus harmonieverliebtem Power-Pop (ein sträflich unterschätztes Genre, ich wiederhole mich hier gerne), Pop-Punk und Gitarrenrock. Entscheidend für den Live-Erfolg war, wie meistens bei solcher Musik, dass das Ganze mit sehr viel Energie und, wie unsere nördlichen Nachbarn vielleicht sagen würden, „Schmackes“ gespielt wurde. Während weite Teile des Indie-Gitarrenrocks der Nullerjahre den Test der Zeit schlecht überstanden haben, trifft das hier nicht zu: Zumindest live war das Ergebnis wirklich mitreißend!

Frontmann Keith Murray (Gitarre, Gesang), der mit ergrauter Mähne inzwischen wie der jüngere Pop-Bruder von Lee Ranaldo aussieht, Bassist Chris Cain und Schlagzeuger Keith Carne (der schon bei der Vorband getrommelt hatte, also eine anstrengende Doppelschicht versah) bewiesen, dass das Trio-Format für diese Art von Musik geradezu ideal ist: Denn die gehört tight, kompakt und immer gleich auf den Punkt gespielt – und das machten We Are Scientists an diesem Abend hervorragend. Ein- ähem, Powertrio eben.

Womit ich nicht wirklich gerechnet hatte, war die erkleckliche Zahl an größeren und kleineren Hits, die da in knapp eineinhalb Stunden zusammenkamen . Die meisten davon waren mir gar nicht mehr geläufig oder ich hätte sie nicht den Scientists zugeordnet. Die Palette reichte von „Inaction“ (Well, how am I supposed / to know / what makes this happen?) über „Dumb Luck“ mit seinem feinen Harmoniegesang, „It’s a hit“ (das seinem Namen live alle Ehre machte und deutlich fetziger geriet als die Studioversion) bis hin zu „Chick Lit“ oder „The Great Escape“.

Auch besonders Poppiges wie „I Don’t Bite“ oder „After Hours“ boten die drei so schwungvoll und erfrischend dar, dass es selten allzu seicht wurde. Und wenn doch, dann folgte mit Garantie gleich die nächste Power-Pop-„Wuchtbrumme“ (wie unsere nördlichen Nachbarn vielleicht ebenfalls sagen würden).

Eine positive Überraschung war, dass sich auch Neueres wie das wuchtige „Buckle“ und die jüngsten, (synthie-)poppigen Singles „Your Light Has Changed“ oder „One In, One Out“ sehr gut einfügten (auch wenn das neue Material auf, ähem, Platte nicht durchgehend zündet).

Dazu steuerte Keith Murray einen kurzen Ausflug ins Publikum und routinierte, aber witzige Bühnenansagen bei: Gleich zu Beginn gestand er einem ausgelassenen Fan, der gleich zwei Makava-Flaschen auf einmal schwenkte, „impressive use of both hands“ zu. Und statt dem üblichen Kaschperltheater mit „One more song“/“Zuuu-gaaa-beee“-Rufen erklärten We Are Scientists, lieber gleich „more songs“ spielen zu wollen – darunter als Schlussnummer ihren wohl größten Hit „Nobody Move Nobody Get Hurt“ mit den hedonistischen Zeilen „If you wanna use my body – go for it„, die vom Publikum lauthals mitgesungen wurden.

Apropos Publikum: Dass ich bei einem ausverkauften Konzert trotz größter Anstrengungen nicht in der Lage war, eine überzählige (Frei-)Karte an den Mann oder die Frau zu bringen, war wohl das größte Rätsel dieses unterhaltsamen Abends …

P.S. Schöne Fotos vom Konzert findet man HIER!

Im Schnelldurchlauf durch mein musikalisches 2018

Man könnte sagen, dass wir für unsere unfassbar späten Jahrescharts bekannt wären – wenn wir denn bekannt wären. Dieser Beitrag wird sowohl das eine als auch das andere nicht ändern. Auch Mitte Februar ist eigentlich vergleichsweise sehr spät für ein Jahres-Recap. Aber dieser persönliche Jahresrückblick hat weder den Anspruch, einen neuen Pünktlichkeitsstandard zu etablieren, noch unsere traditionellen, früh- bis hochsommerlichen Vorjahrescharts zu ersetzen. Schließlich geht es in den kollaborativen Charts um die Hits des Jahres, die Singles, die Ohrwürmer, die für sich allein stehenden Songs. Ich bin eher Albummensch, also präsentiere ich in diesem Egotrip die 20 Alben, die mein persönliches Musikjahr 2018 ausgemacht haben.

Die Beschränkung auf exakt 20 Alben ist natürlich total willkürlich. Wer sagt, dass nicht bloß 18 Alben besonders hervorstachen, oder dass es nicht 37 oder gar 51 Alben wert waren, dass man einige Worte über sie verliert? Ebenso willkürlich ist die Beschränkung auf Full-Length Alben, schließlich wurden wir 2018 auch mit einigen großartigen EPs beschenkt, beispielsweise jene von Aphex Twin (!), Protomartyr oder Panda Bear.

Eines der erwähnenswerten Alben, die vom Rasiermesser dieser Willkür erwischt wurden, ist „Dead Magic“ von Anna von Hausswolff. Man hört der schwedischen Vorzeigesängerin und -Organistin die ausgedehnten Tourneen mit Swans deutlich an. Sons of Kemet präsentierten auf „Your Queen is a Reptile“ eine moderne, abwechslungsreiche und auch politische Palette an Afro-Jazz Hymnen. George Thompson alias Black Merlin begab sich für die „Island of the Gods“ Labelreihe erneut auf Reisen. In mehreren Expeditionen nach Papua-Neuguinea nahm er die Klänge des Kosua-Stammes und des ihn umgebenden Dschungels auf und verwandelte die Soundaufnahmen und Eindrücke in ein außergewöhnliches Album. Soldat Hans formen auf „Es Taut“ einzigartige Balladen aus Düsterjazz, Sludge und Post-Irgendwas. Und dann gab es da noch das vielseitige Zweitwerk von Skee Mask, neues Melancholiematerial von Low, die außerweltliche Kollaboration von Actress und dem London Contemporary Orchestra, den folktronisch-neopsychedelischen vertonten Sonnenschein von 공중도둑 (Mid-Air Thief), ein neues Solowerk von Godspeed You! Black Emperors Frontmythos Efrim Menuck, und noch viel viel mehr.

Man kann es womöglich vor den eigentlichen Top 20 bereits herauslesen: 2018 war für mich ein sehr gelungenes Musikjahr. Jetzt aber ohne weitere Umschweife auf ins Getümmel!

  1. Warm Drag – s/t

Das grundlegende Soundfundament von Warm Drag schreit nach Garagenband, wobei diese Bezeichnung angesichts der vielen psychedelischen, elektronischen, lärmigen und anderweitig experimentellen Ausschweifungen dann doch nicht so treffend erscheinen mag. Noch kurioser: Es ist nicht nur keine Garagenband, es ist eigentlich gar keine Band im herkömmlichen Sinn. Paul Quattrone, den man auch von Thee Oh Sees und !!! kennt, hat alle Songs mit einem Sampler kreiert, durch welchen alles Mögliche an Quellenmaterial gejagt und bis zur Unkenntlichkeit manipuliert wurde. Für noch mehr Abwechslung sorgt die laszive bis rotzfreche Chamäleonstimme von Sängerin Vashti Windish.

  1. GAS – Rausch

Ganze 17 Jahre mussten verstreichen, bis 2017 mit „Narkopop“ endlich ein neues GAS-Album erschien. Nun, kaum ein Jahr später, schickt Wolfgang Voigt den Hörer mit „Rausch“ erneut auf eine Reise durch den Nebelwald, sich selbst treu bleibend mit einem leichten Hauch von Nationalromantik und aus weiter Ferne hallenden Bläsern und Streichern. Der Direktvergleich mit dem Vorgänger hinkt jedoch, „Rausch“ ist dringlicher, intensiver, schreitet stoisch und pulsierend immer geradeaus, bei gleichzeitigem Gefühl schwindenden Orientierungssinns. Rausch eben.

  1. Sleep – The Sciences

GAS-Fans mussten 17 Jahre auf neues Material warten, das letzte ordentliche Sleep-Album ist jedoch geschlagene 20 Jahre her. Umso beeindruckender, dass das Stoner Metal Urgestein es wahrhaftig geschafft hat, den Erwartungshaltungen gerecht zu werden und genau den Monolithen von einem Album abzuliefern, den die Community sich so lange erhofft und gewünscht hat. Auch live nach wie vor eine Wucht!

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