Die allerletzten Jahrescharts – jetzt mit Bonusfeature!

Sind das hier wirklich meine letzten Jahrescharts? Es schaut fast danach aus. Nicht nur weil ich damit später dran bin denn je (unser peinlicher Claim „Die spätesten Jahrescharts der Welt“® dürfte bald ein realer Fall fürs Guinness-Buch der Rekorde werden), sondern auch weil es nach zehn Jahren (oh Gott, wohin ist die Zeit verschwunden?) und somit exakt 1000 Jahrescharts-Einträgen tatsächlich ein guter Zeitpunkt für einen Schlussstrich wäre.

Auf jeden Fall sind es die letzten Jahrescharts in der bisherigen Form. Die Grundmotivation für dieses Unterfangen war seinerzeit ja, sich mit möglichst viel aktueller Musik (jedweden Genres) zu konfrontieren, um am Puls der Zeit zu bleiben, nicht in den eigenen Hörgewohnheiten festzuwachsen, sondern im Kopf frisch zu bleiben, solange es möglich ist.

Geht man diesen Vorsatz einigermaßen systematisch an, heißt das in der Praxis, dass man sich durch unzählige Tipps und Bestenlisten hören sollte. In meinem Fall von Musikexpress über Pitchfork bis Der Standard, von Rolling Stone bis FM4, von Wolfgang Doebeling bis Katharina Seidler, von House of Pain bis Zündfunk. Dazu kommt natürlich jeder einzelne möglicherweise relevante Song, den man umgehend am Smartphone notiert, jedes potentiell interessante Album, das man in der Zeitung angestrichen, jeder Soundfetzen, den man mit Rasiercreme im Gesicht oder nach dem dritten Bier im Stammlokal eilig shazamisiert hat.

Jahrescharts zu erstellen, bedeutet also, ganze Listen abzuarbeiten, sozusagen Akkorde im Akkord zu hören. Und weil man natürlich nicht hinter sich selbst zurückfallen will, wird der (zeitliche) Aufwand von Jahr zu Jahr größer – und die Liste jedes Jahr noch später fertig.

Zahlt sich dieser Aufwand aus? Jein. Sind meine Top 100 dadurch stilistisch vielfältiger geworden? Möglich. Oder gar besser? Keine Ahnung.

Fakt ist: Mit dieser Methode hört man sich zwangsläufig durch viele, viele Sachen, die einen gar nicht wirklich interessieren, geschweige denn fesseln, berühren oder flashen – nur damit man „auch das abgedeckt hat“. Dabei sollte Musikhören nun wirklich alles sein, aber keine lästige Pflichterfüllung. Aber genau darauf kann es hinauslaufen, wenn man sich, wie ich im Fall der Jahrescharts 2020, durch weit über 1000 Titel hört, natürlich mehrfach, weil vieles beim ersten und zweiten Hören einfach durchflutscht und man nur ja nichts aus den Ohren verlieren will.


(Der Völler, von Georg Emanuel Opiz, 1804)

Wer kann und soll sich das alles anhören? Wer hat die Zeit dafür, wer Lust darauf? Gute Fragen, die uns sofort zur Art und Weise führen, wie die meisten von uns heute Musik konsumieren. Die These (nicht nur meine, sondern auch die wesentlich klügerer Köpfe): Totale Verfügbarkeit führt zu Übersättigung führt zu Gleichgültigkeit. Gerade beim Streamen ist dieses Risiko inhärent. Alles ist immer da, alles steht unterschiedslos nebeneinander. Und verliert damit an Reiz.

Genau das führte der deutsche Soziologe Hartmut Rosa kürzlich in einem Standard-Interview aus: Während man in der analogen Welt „stundenlang in Plattenläden nach der einen Schallplatte gesucht und sie dann wie einen Schatz nach Hause getragen, gehütet und gesammelt“ habe, seien heute auf Spotify 100 Millionen Musiktitel sofort abrufbereit. „Diese permanente Verfügbarkeit und Überforderung führt nun eher dazu, dass uns die Musik gleichgültig wird.“

Hinter dem Überangebot lauert also die Gefahr des musikalischen Relativismus, die Vorstellung, dass „mittlerweile eh alles gleich klingt“, was angesichts einer unendlich ausdifferenzierten Musiklandschaft natürlich ein atemberaubender Blödsinn ist. Aber so unrecht hatte Oscar Wilde wohl nicht, als er schrieb: „In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man möchte, und die andere ist, es zu bekommen.“

Um eines klarzustellen: Das hier soll keine verbitterte Zivilisationskritik sein; so alt bin ich (im Kopf) dann hoffentlich auch wieder nicht. Es wäre dumm, die Vorzüge des Streamings, den niederschwelligen Zugang zu faszinierenden Klängen aus allen Weltgegenden und Epochen, nicht zu nutzen. Aber: Man muss schon verdammt aufpassen, dass dabei die Magie nicht verloren geht.

Zugegeben, der Magieverlust hat natürlich vor allem mit der eigenen Abgeklärtheit bis Abstumpfung zu tun („Alles schon mal gehört, nur besser“), aber schon auch mit den Gesetzen des Mediums. Und natürlich mit dem problematischen Hang (Drang? Zwang?) zum Komplettismus. Wenn man sich selber einredet, nur ja nichts versäumen zu dürfen („Scheiße, das muss ich mir jetzt auch noch anhören“), ist das unter Garantie der beste Weg, sich den Spaß an der Musik zu verderben …

Hinzu kommt: Momentan ist nicht unbedingt ein goldenes Musikzeitalter. Gerade im sogennanten „Indie“-Bereich (worunter ich einmal grob alles von „alternativem“ Rock über Singer/Songwriterei bis Elektropop fasse) klingt vieles zwar recht nett, aber leider oft saft- und kraftlos. Gefällig, aber nicht zwingend. Ohne Punch, ohne Biss. Die Pandemie macht(e) das Ganze freilich nicht besser: Als direkte Folge der – zurecht – erzwungenen Vereinzelung erschien eine schier unüberschaubare Zahl an „intimen“, „innerlichen“, „reduzierten“ und „entschleunigten“ Aufnahmen, an Solo-Performances mit Akustikklampfe und/oder Notebook, die sich vor allem durch eins auszeichneten: Fadesse.

Genau das ist und war – und zwar auch schon vor der Pandemie – ein wenig das Problem mit Sendern wie FM4, speziell mit den Playlists unter Tag: Da ist noch immer viel Gutes und Schönes dabei, aber (zu) vieles, das eher nur dahinplätschert, zu brav und erwartbar daherkommt. (Ob das unter der neuen Senderchefin und dem neuen ORF-General besser wird, scheint angesichts schwer erträglicher Marketing-Statements wie „In seiner Ausrichtung als Jugendradio verfehlt FM4 sein Mission Statement und ist in der erreichten Zielgruppe zu spitz positioniert“ fraglich. FM4 braucht sicher eine Neuausrichtung und Verjüngung, aber bitte wieder mit mehr Ecken und Kanten, nicht mit weniger. Doch ich schweife ab …)

Auch im zeitgenössischen Hiphop geht mir momentan leider vieles bei einem Ohr rein, beim anderen wieder raus. Auch gut Produziertes (und gut produziert ist fast alles) wirkt oft beliebig und unfokussiert. Kann es sein, dass Hiphop mit dem endgültigen Durchbruch als global dominante Musikkultur in weiten Teilen an Frische und (musikalischer) Wucht eingebüßt hat?

Damit aber genug des Negativismus. Auf der Habenseite stehen bei allem Overkill und aller Überforderung auch mit Blick aufs Jahr 2020 wieder diverse schöne Entdeckungen. Mit beträchtlicher Bandbreite: Während die Nummer eins von Khruangbin klingt wie eine Vertonung von Adalbert Stifters „Sanftem Gesetz“ (vielleicht braucht es in Zeiten von Gereiztheit und Polarisierung einfach etwas Versöhnliches) und auch sonst viele Lieder in der Sammlung von Melancholie, Nostalgie und Weltflucht geprägt sind, gab es zuletzt auch auffällig viel Musik auf die Ohren, die im positiven Sinne politisiert, im positiven Sinne zornig ist.

Ob es nun um weibliches Empowerment geht (wie bei Fiona Apple oder Blackbird & Crow), um den Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus (wie bei SAULT, Run The Jewels oder Akne Kid Joe) oder um die Pandemie (wie bei gebenedeit), an Dringlichkeit und Sarkasmus fehlt es in all diesen Nummern wahrlich nicht. Die besten Zeilen lieferten dabei übrigens – alle YogalehrerInnen mögen mir verzeihen – Rocket Freudental auf Platz zwei ab:

„Um deine Schilddrüse zu heilen, muss der Energiestrom fließen. / Deshalb legt dir der Axel jetzt seine Hände auf den Wanst.“
ODER
„Weil der Peter schon geimpft ist, darf er nicht zur Masernparty. / Es ist die Energie unserer Natur, die meinem Kind die Kraft verleiht.“

In diesen Zeilen steckt alles, was man über 2020 (und 2021 und leider wohl auch 2022) mit den ganzen aggressiven Schwurblereien und all der offensiven Unvernunft wissen muss.

Und 2021, äh, lässt sich musikalisch sogar wieder um einiges besser an. Apropos: Damit das Ganze hier zumindest etwas mehr Aktualität aufweist, habe ich die Jahrescharts 2020 um einen kleinen, ungeordneten Streifzug durch das Jahr 2021 erweitert, in Gestalt von 25 Songs, die ich heuer gern gehört habe. Und die es vielleicht auch in die  Jahrescharts 2021 schaffen werden, falls es sie denn je geben sollte …

Der Vorsatz fürs neue (Musik-)Jahr ist jedenfalls klar: Den Anspruch auf Vollständigkeit (eh völlig lächerlich) aufgeben – lieber „a weng weniger“, wie Attwenger sagen -, dafür wieder mehr ganze Alben in Ruhe durchhören und die Freude an der Musik bewahren und zurückgewinnen.

Damit nun endlich zur Playlist, die 99 von 100 Titeln umfasst – alle bis auf Stigmata von Backxwash, das offenbar mit ungeklärten Samples zu kämpfen hat und das ich weiter unten verlinkt habe (ist schon allein wegen des heftigen EP-Covers lohnenswert, erst recht wegen des heftigen Songs). Damit die Spotify-Liste trotzdem 100 Songs hat, habe ich übrigens den kürzest- und bestmöglichen Füller eingefügt …

TOP 100 – 2020 (Michael Domanig):

1. Khruangbin – Pelota
2. Rocket Freudental – Ihr seid alle Yogalehrer
3. Smoke Fairies – Don’t You Want To Spiral Out Of Control?
4. Bruch – The Sinner
5. Shortparis – КоКоКо Cтруктуры не выходят на улицы
6. The Haden Triplets – Wayfaring Stranger
7. Anna Calvi – Swimming Pool (feat. Julia Holter) (Hunted Version)
8. Ohmme – Ghost
9. Porridge Radio – Lilac
10. Noga Erez – NO news on TV
11. Austra – Anywayz
12. IDLES – I Dream Guillotine
13. Fiona Apple – Heavy Balloon
14. Skylar Gudasz – Wichita Lineman
15. Backxwash – Stigmata
16. Amnesia Scanner – AS Acá (feat. Lalita)
17. Wire – Hung
18. Chris Lorenzo & The Streets – Take Me as I Am
19. William Basinski – Please, This Shit Has Got To Stop
20. The Sadies – The Most Despicable Man Alive
21. Best Coast – Rollercoaster
22. AKNE KID JOE – What AfD thinks we do …
23. 070 Shake – The Pines
24. Agnes Obel – Promise Keeper
25. Charlotte Brandi – Frieden
26. Melenas – Primer tiempo
27. Masha Qrella – Geister
28. Blackbird & Crow – The Witch That Could Not Be Burned
29. Katie Gately – Waltz
30. Sen Morimoto – Woof
31. Bruch – Bruch
32. All Them Witches – The Children of Coyote Woman
33. Torres – Last Forest
34. The Chap – Help Mother
35. Sufjan Stevens – Video Game
36. The Haden Triplets – Ozark Moon
37. Run The Jewels – Walking In The Snow
38. Hanni El Khatib – ALIVE
39. Porridge Radio – Sweet
40. Shadow Show – What Again Is Real?
41. Baxter Dury – I’m Not Your Dog
42. Soccer Mommy – yellow is the color of her eyes
43. Kevin Morby – Wander
44. Nicholas Lens & Nick Cave – Litany of the Forsaken
45. Mystery Jets – Petty Drone
46. Sparks – Self-Effacing
47. Bob Mould – Forecast of Rain
48. Wire – Off The Beach
49. The Jayhawks – Little Victories
50. Fiona Apple – Under The Table
51. SAULT – Hard Life
52. Westerman – Think I’ll Stay
53. Holy Motors – Matador
54. Ariel Sharratt & Mathias Kom – Rise Up Alexa
55. Melenas – No puedo pensar
56. Lonker See – Open & Close
57. Coriky – Say Yes
58. Porridge Radio – 7 Seconds
59. Khruangbin & Leon Bridges – Texas Sun
60. Pottery – Texas Drums Pt I & II
61. Elvis Perkins – See Monkey
62. Agnes Obel – Broken Sleep
63. Future Islands – For Sure
64. Einstürzende Neubauten – Grazer Damm
65. Run The Jewels – Ooh LA LA (feat. Greg Nice & DJ Premier)
66. Jason Isbell and the 400 Unit – Running with Our Eyes Closed
67. Melenas – 3 segundos
68. Steve Earle & The Dukes – Black Lung
69. Burna Boy – Onyeka (Baby)
70. Holy Motors – Country Church
71. Animal Collective – Piggy Knows
72. Tiña – Golden Rope
73. Wandl – Requiem (Erkennung)
74. Die Ärzte – ICH, AM STRAND
75. Lola Marsh – Darkest Hour
76. Sparks – Left Out In The Cold
77. Ohmme – Twitch
78. Austra – Mountain Baby (feat. Cecile Believe)
79. Fleet Foxes – Featherweight
80. Biig Piig – Feels Right
81. SAULT – Free
82. Khruangbin – So We Won’t Forget
83. R.A. The Rugged Man – Gotta Be Dope (feat. A-F-R-O and DJ Jazzy Jeff)
84. Ohmme – Flood Your Gut
85. Holy Motors – Endless Night
86. Skyway Man – Old Swingin‘ Bell
87. Earl Mobley – For You to Hide
88. King Hannah – Meal Deal
89. SAULT – Fearless
90. X – Cyrano DeBerger’s Back
91. Jeff Tweedy – A Robin or A Wren
92. Pearl Jam – Who Ever Said
93. Phoebe Bridgers – I Know The End
95. Smoke Fairies – Elevator
95. Earl Mobley – The Barrel
96. Saint Gallus Convention Tapes – Smokestack Lightnin‘
97. Kacy & Clayton and Marlon Williams – Light Of Love
98. Death Valley Girls – Under the Spell of Joy
99. gebenedeit – Die Viren sollen krepieren
100. Von Seiten der Gemeinde x Da Kessl – Be Prepared

Und hier als Bonus, völlig ungeordnet, 25 schöne Songs aus dem Jahr 2021:

2021 – ANSPIELTIPPS:
– Gashtla – Computermusik [Krankl Kicks]
– Danger Dan – Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt
– Noga Erez – Cipi
– Parquet Courts – Black Widow Spider
– CAT SFX – Upside Down
– Twin Shadow – Johnny & Jonnie
– Mogwai – Richie Sacramento
– Little Simz – I Love You, I Hate You
– Sophia Kennedy – Cat on My Tongue
– Attwenger – damlaung
– International Music – Insel der Verlassenheit
– Aldous Harding – Old Peel
– Cid Rim – Last Snow
– Yard Act – The Overload
– Courtney Barnett – Rae Street
– Goat Girl – Badibaba
– Kurt Vile – Run Run Run
– International Music – Misery
– Nation of Language – The Grey Commute
– Low – Days Like These
– Tocotronic – Ich tauche auf feat. Soap&Skin
– Monsterheart – EOTW (End Of The World)
– The Chills – Worlds Within Worlds
– Mogwai – Dry Fantasy
– Attwenger – a weng weniger

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