Archiv des Autors: stefanpletzer

Regression.

Ist es schon so weit? Habe ich mich tatsächlich in den Fötenzustand eines Musikhörers zurückentwickelt, so wie Oma am Ende die kognitive Kapazität eines Kleinkinds hatte? Kehre ich mit nur 32 Jahren geistig in die Zeiten zurück, als „Coco Jamboo“ meine Jahrescharts beherrschte und ich „Wannabe“ kaufte, bevor es in den Charts war?

Stein des Anstoßes ist eine Single, die ich letzten Freitag als erzwungener Passiv-Radiokonsument hörte und sofort dieses Gefühl verspürte, das man nur wenige Male im Jahr verspürt, wenn man einen Song hört und – geschult durch 20 Jahre reflektierten Musikhörens – instinktiv weiß: „Der wird mir noch mal sehr viel besser gefallen als jetzt in diesem Moment.“

Das war 2015 eigentlich erst so bei „Willkommen im Dschungel“, „Golden Nights“, „Huarache Lights“, „Irony. Utility. Pretext“, „Life“, „Ballad of the mighty I“ und „Let it happen“, also allesamt wahrlich keine Songs, für die man sich schämen muss. Aber jetzt?

Das kann nicht sein?! Das DARF nicht sein! Ist aber so. Und es kommt noch schlimmer. Sämtliche bisher veröffentlichten Singles aus dem neuen Album „Purpose“ vom 360-Grad-Ultra-Musiksatan der letzten Jahre sind erstklassig! „What do you mean“ kommt gleich locker-tropisch-addiktiv daher wie angesprochenes „Sorry“ und auch das schon etwas ältere, aber an mir logischerweise komplett vorbeigegangene „Where are Ü now“ sind bei mir gerade sensationell auf heavy rotation.800px-Believe_Tour_13,_2012

Ich kann das schwer mit seinen älteren Sachen vergleichen, da ich abgesehen von der Kaufhaus-Zwangsbeglückung nur sehr selten in den zweifelhaften Genuss kam, aber das reicht, um zu erkennen, dass es sich wohl um einen dramatischen Imagewandel in der Karriere von He Who Must Not Be Named handeln muss. Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Wahrscheinlich treffen wir uns gerade in der Mitte: Der Rotzbua wird erwachsen – und ich, naja, bin in Regression.

Sicher, die unsägliche Göre hat mit dem Masterplan wahrscheinlich recht wenig zu tun. Aber wem auch immer die Idee kam, das Schreckgespenst der Popmusik mit Produzenten wie Diplo oder Skrillex zu verheiraten, gebührt sicherlich eine Spindoktor-Ehrenmedaille. Von mir überreicht in Platin: Skrillex und Blood Diamonds für „Sorry“. Sowie in Gold: Mason Levy für „What do you mean“. Und immerhin noch in Silber: Diplo & Skrillex für „Where are Ü now“. Große Popmusik.

Und so klang der Sound übrigens im Jahr 1999.

Jahrescharts 2014 (HIT THE BASSLINE)

Und somit ergeben sich die kombinierten „HIT-the-Bassline“-Top-20 des Jahres 2014:
(außer es wollen noch einige Co-Autoren alles durcheinanderwirbeln 🙂 )

1 Wanda – Bologna
2 Panda Bear – Boys Latin
3 Bilderbuch – Spliff
4 Panda Bear – Mr Noah
5 Faith No More – Motherfucker
6 Ariel Pink – Picture Me Gone
7 Wanda – Easy Baby
8 The New Pornographers – Brill Bruisers
9 TV On The Radio – Happy Idiot
10 Future Islands – Seasons (Waiting On You)
11 Perfume Genius – Queen
12 Alt-J – Every Other Freckle
13 Wanda – Schickt mir die Post
14 The War On Drugs – Under The Pressure
15 Future Islands – A Dream of you and me
16 Gulp – Seasoned Sun
Jungle – Busy earnin‘
18 The War on Drugs – An Ocean in between the Waves
19 Spain – From the Dust
Thundercat – O Sheit, it’s x!

Jahrescharts 2014 (Stefan Pletzer)

Dann will ich mich mal nicht lumpen lassen und präsentiere meine Jahrescharts von 2014, die zwar schon längere Zeit fertig sind, ich euch aber vorenthalten wollte. Die von Michael angesprochenen Primavera-Berichte plane ich übrigens schon vorzeitig abzugeben, ich will also nicht die gesamte Zeit bis zur genannten Deadline ausschöpfen. Ziel ist der 31. November (alternativ der 30. Februar).

JAHRESCHARTS 2014:

1 FUTURE ISLANDS „A Dream of you and me“

2 JUNGLE „Busy earnin'“

3 THE WAR ON DRUGS „An Ocean in between the Waves“

4 PERFUME GENIUS „Queen“

5 THUNDERCAT „Oh sheit, it’s x!“

6 RAKEDE „Jetzt gehst du weg“

7 TODD TERJE „Swing Star (Parts 1 & 2)“

8 PANDA BEAR „Boys Latin“

9 JUNGLE „Platoon“

10 WANDA „Bologna“

11 PANDA BEAR „Mr. Noah“
12 CHARLOTTE GAINSBOURG „Hey Joe“ (SebastiAn Remix)
13 DEATH FROM ABOVE 1979 „Trainwreck 1979“
14 ELBOW „The Take off and Landing of everything“
15 FUTURE ISLANDS „Spirit“
16 BILDERBUCH „Spliff“
17 NOEL GALLAGHER’S HIGH FLYING BIRDS „In the Heat of the Moment“
18 BRIAN ENO & KARL HYDE „Return“
19 THE WAR ON DRUGS „Red Eyes“
20 TOMORROW’S WORLD „Drive“
21 FUTURE ISLANDS „Seasons (Waiting on you)“
22 SWANS „Oxygen“
23 APHEX TWIN „Minipops 67 (Source Field Mix)“
24 EELS „Peach Blossom“
25 DEATH FROM ABOVE 1979 „Virgins“
26 TWIN PEAKS „Making Breakfast“
27 KELIS „Rumble“
28 VON SEITEN DER GEMEINDE „105 Jahre voll“
29 FAITH NO MORE „Motherfucker“
30 ELBOW „This blue World“
31 LONDON GRAMMAR „If you wait“
32 THE MEN „Pearly Gates“
33 THE ANTLERS „Palace“
34 DANIEL AVERY „Drone Logic“
35 TODD TERJE „Preben goes to Acapulco“
36 ALT-J „Every other Freckle“
37 ODESZA feat. ZYRA „Say my Name“
38 HUNDRED WATERS „Cavity“
39 KLAXONS „Liquid Light“
40 MILKY CHANCE „Flashed Junk Mind“
41 THE NEW PORNOGRAPHERS „Brill Bruisers“
42 PANAMA WEDDING „All of the People“
43 LONDON GRAMMAR „Hey now“
44 TAYLOR SWIFT „Style“
45 TV ON THE RADIO „Happy Idiot“
46 DIE STERNE „Innenstadt Illusionen“
47 LIARS „Pro Anti Anti“
48 COPELAND feat. ACTRESS „Advice to young Girls“
49 FUTURE ISLANDS „Light House“
50 LITTLE DRAGON „Klipp Klapp“
51 STEAMING SATELLITES „Notice“
52 RUN THE JEWELS feat. ZACK DE LA ROCHA „Close your Eyes (and count to fuck)“
53 AZEALIA BANKS „Chasing Time“
54 LONDON GRAMMAR „Flickers“
55 THE WAR ON DRUGS „Under the Pressure“
56 ARIEL PINK „Picture me gone“
57 KLAXONS „The Dreamers“
58 WANDA „Easy Baby“
59 LA ROUX „The Feeling“
60 THE BLACK KEYS „Turn blue“
61 COLDPLAY „Magic“
62 DAMON ALBARN „Lonely press play“
63 THE ANTLERS „Parade“
64 MOONLIGHT BREAKFAST „Shout“
65 CARIBOU „Our Love“
66 BIRDY „Words as a Weapon“
67 CARIBOU „Can’t do without you“
68 SATELLITE STORIES „Lights go low“
69 KLAXONS „There is no other Time“
70 DUST COVERED CARPET „Grey Formations“
71 JAMIE XX „All under one Roof raving“
72 MERCHANDISE „Enemy“
73 ELBOW „Honey Sun“
74 THE BLACK KEYS „It’s up to you now“
75 MR. TWIN SISTER „In the House of yes“
76 WANDA „Schickt mir die Post“
77 ST. VINCENT „Digital Witness“
78 MARTERIA „Kids (2 Finger an den Kopf)“
79 SHIT ROBOT feat. NANCY WHANG „Do that Dance“
80 TWIN PEAKS „I found a new Way“
81 ATMOSPHERE „Camera Thief“
82 NENEH CHERRY feat. ROBYN „Out of the Black“
83 THE KNIFE „Ready to lose (Shaken-up Version)“
84 THE NOTWIST „Kong“
85 THE ANTLERS „Surrender“
86 WE HAVE BAND „Someone“
87 FKA TWIGS „Lights on“
88 EX HEX „Don’t wanna lose“
89 KWABS „Walk“
90 THE 2 BEARS „Not this Time“
91 THE ASTEROIDS GALAXY TOUR „My Club“
92 JACK WHITE „High Ball Stepper“
93 LONDON GRAMMER „Wasting my young Years“
94 GLASS ANIMALS „Gooey“
95 CHET FAKER „Talk is cheap“
96 ELBOW „Charge“
97 STARS „From the Night“
98 LYKKE LI „Gunshot“
99 JAMIE XX „Girl“
100 SOHN „Bloodflows

Primavera Sound Barcelona 2015 – Tag 1

Oha, 14 Tage vergangen seit Tag 0? Da musste ich wohl erkennen, dass es zwischen den Festivaltagen schier unmöglich ist, Zeit für Zwischenberichte aufzubringen. Zwar ist das Primavera Sound keines der (von mir völlig verhassten) Zeltl-Festivals. (Um 5 bis 6 Uhr durften Astrid und ich uns am Ende jeden Tages ins Hotel-Bettchen im zentralen Barcelona-Bezirk Eixample legen. Übrigens zu Fuß vom Parc del Fòrum ca. 70 Minuten entfernt. Ja, wir haben das ziemlich genau rausgestoppt. Schlechte Idee.) Aber weil wir bei der Gelegenheit auch das überregional bekannte gastronomische Angebot der Stadt ausgiebig auskosteten und schließlich auch noch Zeit bleiben musste für etwas Schlaf, etwas Sonne, ein wenig Arbeit im Urlaub (ging nicht anders) UND ein paar spanische Quizsendungen im Fernsehen musste die Bloggerei vertagt werden. Oder verwocht. Aber jetzt geht’s weiter.

Dienstag gab’s also Ibeyi im Club, Mittwoch ging das Festival semi-regulär los, und zwar mit einem Gratis-Konzertabend im Parc del Fòrum mit vier oder fünf Kapellen, von denen uns aber nur Tages-Headliner OMD (Orchestral Manoeuvres in the Dark) interessierte. Diese Band wurde in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten wohl öfter im Radio gespielt als die meisten der ca. 200 anderen beim Festival zusammen. Der letzte Hit ist allerdings 20 Jahre her, also begannen der stimmlich bestens erhaltene Sänger Andy McCluskey und seine Band (fast in Originalbesetzung) mit „Enola Gay“, wohl um den jungen Leuten gleich mal ein „Jaja, WIR sind das“ entgegenzuschleudern. Was für ein Song! Der Auftakt zu einem Synthpop-Streifzug durch die 80er und 90er mit einprägsamen Nummern wie „Maid of Orleans“, „Forever live and die“ oder dem großartigen „So in Love“. Zum Schluss wartete Astrid auf „Walking on the Milky Way“, den Spät-Hit der Band aus 1996, ich auf „Sailing on the seven Seas“. Ich wurde beglückt, Astrid nicht. Insgesamt ein überraschend starker Auftritt. Nur mit einem neuen Hit wird’s wohl leider nix mehr, aber das werden auch andere, scheinbar antiquierte 80er-Bands wie Duran Duran oder Simple Minds mittlerweile eingesehen haben.

Weiter ging’s für uns wie am Dienstag zu den Clubs, mit der U-Bahn etwa 25 Minuten vom Fòrum entfernt, um ein paar Bands zu sehen, die zwar an den Folgetagen auch auf dem Hauptfestival spielten, aber sich ungünstig mit anderen Acts überschnitten. Im BARTS machten wir es uns ganz vornehm im bestuhlten Bereich im ersten Stock bequem und gaben uns Benjamin Booker somit nicht im ärgsten Gedränge, sondern in Kino-Atmosphäre mit bester Sicht. Herr Booker ist ein junger, schwarzer Gitarrengott und fast hätte ich den „Star-Spangled Banner“ erwartet, wiewohl Astrid richtigerweise einwandte, dass seine Gestik eher an Chuck Berry erinnerte. Blues-Rock mit Punk-Attitüde, sehr überzeugend vorgetragen, aber nichts wahnsinnig Spektakuläres. Dachte ich. Dann begann die Rock’n’Roll-Show aber erst.

Irgendein gutgelaunt Verwirrter aus dem Publikum dürfte Booker ein „Show me the Money“ zugerufen haben. „‚Show me the Money‘? Jerry Maguire? Is that your American reference?“, kam’s von Booker zurück. Ich weiß nicht, ob es DIESER Typ war, den Booker auf die Bühne holte, jedenfalls war es ein junger Mann namens Pablo, dem der Bandleader folgenden Auftrag erteilte: „Wenn’s beim nächsten Song so richtig abgeht, stürzt du dich mit dem Kopf voraus in die Menge.“ Pablo tat wie ihm geheißen – und kam immerhin einige Meter weit, ehe er dem Publikum entglitt. Kein Problem, die Leute hatten Pablo liebgewonnen und hätten ihn schon wieder hochgeholt und bis ans Venue-Ende getragen, aber irgendwie hatte die eifrige Security etwas dagegen und krallte sich den armen Pablo. Mr. Booker gefiel das wiederum gar nicht, brach seinen Song sofort ab und eilte geradewegs in die Menge, um Kollege Pablo zu befreien. Wieder auf der Bühne wies er den Security-Heini an, sich „the fuck out of here“ zu begeben (Und: „You have my permission to beat the security guy’s ass“), woraufhin sich Band und Publikum auf der einen und Sicherheitsleute auf der anderen Seite endgültig spinnefeind waren.

Es folgte: Menschen auf der Bühne, Security auf der Bühne, Booker schmeißt sich in Security-Guy, um ihn von der Bühne zu befördern, mehr Menschen auf der Bühne, eine tobende Menge, eskalierende Stimmung, „Pablo“-Sprechchöre und immer wieder ein paar aufheizende Ansagen von Booker – und ein paar gute Songs. Selten so gelacht, also ich bin jetzt Fan!

Eigentlich wollte Booker mit der Menschenmasse noch was trinken – und vielleicht noch bisschen randalieren –, Astrid und ich mussten aber schleunigst auf die andere Straßenseite in den Sala Apolo, wo sich schon eine lange Schlange gebildet hatte, weil die Band Viet Cong wohl viele Leute sehen wollten. Wir schafften es aber um ca. 02:00 Uhr rechtzeitig zum Beginn von The Juan MacLean vom wunderbaren DFA-Label in den Club. Dort schloss sich der Kreis zum Beginn des Abends mit etwas 80er-Feeling, wenngleich vom Sound her natürlich topmodern in die 10er-Jahre transformiert. „One Day“ ist mit dem Wechselgesang von John MacLean und der umwerfenden Nancy Whang eine Art „Don’t you want me“ 2.0 und „No Time“ erinnerte nicht nur Astrid an einen weiteren Human League-Klassiker, „Being boiled“. The Juan MacLean kommt mit seinem Dance-Punk-House a la LCD Soundsystem oder !!! extrem nahe an meine Idealvorstellung einer Band hin, die ich formen würde, wenn ich die Skills dazu hätte. Perfekter Abschluss: Die sehr extended Version von „Happy House“.

Eine Weile gaben wir uns dann noch das direkt folgende DJ-Set von Nancy Whang, aber eigentlich waren wir nach unserem Tourismus-Programm am Nachmittag und den drei Konzerten schon schlafbereit.

An Tag 2 ging es weiter mit Panda Bear, Battles, Antony and the Johnsons, Black Keys, Jungle und vielen mehr.

Primavera Sound Barcelona 2015 – Tag 0

In der Hauptveranstaltungslocation Parc del Fòrum hat das Festival noch gar nicht begonnen, doch in Barcelona wird das Primavera Sound die ganze Woche hindurch gefeiert, beispielsweise in den Clubs Sala Apolo oder Barts, die praktischerweise direkt gegenüber voneinander liegen.

Am Dienstag hetzten Astrid und ich kaum im Hotel angekommen schon wieder weiter in den Sala Apolo, um den Auftritt von Ibeyi zu erwischen. Viele Bands, die im Vorfeld des Festivals Club-Konzerte geben, sind auch im Parc del Fòrum zu sehen – Interpol, Viet Cong oder Torres –, nicht aber die frankokubanischen Zwillingsschwestern Lisa-Kaindé und Naomi Díaz.

Nicht nur weil rein aus Frauen bestehende Acts bei Festivals eine echte Rarität sind, geben Ibeyi marketingtechnisch viel her: Der Vater spielte beim Buena Vista Social Club, ihre Single „River“ samt originellem Video ist ein unvermuteter Electro-R&B-Ohrwurm und, naja, die Mädels schauen halt gut aus (Astrid: „Aso!?“). Erinnern auf der Bühne an eine Hispano-Version von Stimmwunder Beyoncé mit ihrer etwas verrückteren Schwester Solange Knowles, nur dass Ibeyi (Yoruba für Zwillinge) auf der Bühne alle Instrumente selber spielen.

Selbstlob stinkt, Selbstloop aber keineswegs, das wissen wir seit Jamie Lidell, James Blake und, sagen wir, Jo Stöckholzer. Auch Ibeyi machen von dieser Technik, Vocal- oder Drumloops live aufzunehmen und die Tracks aufeinander aufzubauen wie ein Kartenhaus, regen Gebrauch. Was hätte Brian Wilson mit dieser Live-Technik alles angestellt? Auch wenn die spärliche Instrumentierung zerbrechlich anmutet, ist der Sound dank Midi-Keyboard, Bassdrum und natürlich den voluminösen Stimmen der Zwillingsschwestern äußerst dicht – die tolle Akustik im Sala Apolo hilft.

Manchmal reicht es aber auch, wenn Lisa-Kaindé und Naomi Diaz ihre Lieder – teilweise in der afrikanischen Yoruba-Sprache – a cappella vortragen. Dem gewohnt schüchternen spanischen Publikum gefiel’s, uns auch. Und Astrid durfte sogar noch einen von einer unbekannten Person spendierten Getränke-Voucher in einen Gin-Tonic verwandeln (ich durfte mitnippen). Hat sich ausgezahlt.

Heute Donnerstag geht’s planmäßig weiter mit OMD (die gibt’s noch!?) bei der Gratis-Auftaktveranstaltung im Parc del Fòrum sowie Benjamin Booker, The Juan MacLean und Nancy Whang in den Clubs.

Heino Blöd

Eigentlich hat sich Heino bei seinem sensationell produzierten neuen Hit „Schwarz blüht der Enzian“ ja nicht von Rammstein inspirieren lassen, sondern eindeutig von Otto Waalkes, der die Industrial-isierung eines Heino-Stücks schon Jahre vorher vorwegnahm und es dazu noch durch die Michael-Jackson-Kraftwerk-Mühle drehte.

Man beachte die Braten gewordene Taube:

Life Ball Soundtrack

Jedes Jahr schau ich mir den Life Ball an. Nicht für den Einlauf, nicht für die Carpet-Interviews, nicht für die Reden – jedes Jahr der gleiche Clinton! – und schon gar nicht für die immer wieder überraschend fade Kunst-Ouvertüre, sondern für die Modenschau, und hier im Speziellen für die Musik. Das ist natürlich auch immer wieder eine Hit-and-Miss-Angelegenheit, kommt immer auf die Designer an. Im besten Fall aber spiegelt der Soundtrack den Avantgarde-Charakter, den neue Mode doch irgendwie haben sollte (aber was weiß ich schon …), wider. Dieses Jahr war’s überwiegend durchaus mein Geschmack, einige Auszüge:

Ok, Daft Punk, immer fein. Aber irgendwie gruselt’s mich auch, wenn so eine acappella-Truppe eine meiner Lieblingsbands medleyt und dafür 75 Millionen YouTube-Views bekommt. Aber „Digital Love“ ist schon auch in dieser Form schön 🙂

Joa, das kommt schon eher hin. Ziemlich brandneue Hälfte von Jamie XXs Doppel-A-Seite (mit „Girl“). Und der produziert nun wirklich Beats am Puls der Zeit. So stell ich mir Modenschau-Musik vor. Sowas schauen/hören dann ja auch Hunderttausende im Fernsehen. Kann nicht schaden.

Und genau DAFÜR schau ich mir das Zeugs an. Die Entdeckung des Abends. Habe zwar mal in das 2013er Blood Orange-Album reingehört, gefiel mir nicht, hab ich wieder weggelegt. Aber fünf Minuten „Champagne Coast“ vom 2011er-Album ließen meine Meinung um 180 Grad drehen. Und das mehr oder weniger nur wegen diesem Teil von 1:56 bis 2:28. Magisch. Hat sich schon wieder ausgezahlt. Gute Sache. Nächstes Jahr wieder.

Jahrescharts 2013

Da war doch noch was. Okok, schließen wir das ab. Meine Lieblingslieder von 2013 in Text-, Video- und Linkform.

1 Arcade Fire „Porno“

Eine echte Liesbesheirat, jene von Arcade Fire und (Produzenten-)Genie James Murphy auf dem Album „Reflektor“. Die Songs von Arcade Fire waren schon immer ein Genuss, mit Murphys Einfluss kam noch eine Komponente hinzu, von der ich bisher gar nicht wusste, dass ich sie vermisse. Zwar sagte Murphy, er hätte eher an jenen Songs mitgarbeitet, denen man das gar nicht so anhört, was heißen würde: an „Porno“ eben nicht. Aber: Nein, die Handschrift ist unverkennbar. Interessant, dass Reviews den Song vereinzelt als „weakest link“ auf dem Album ausmachen. Ich werde wohl schon auch was am Text finden.

2 Daughter „Youth“

The xx haben vor ein paar Jahren mit ihrem sphärischen, angenehm zurückhaltend instrumentierten Sound den Weg geebnet für Bands wie Daughter, die mir zum ersten Mal begegneten, als sie Daft Punks „Get lucky“ völlig für sich vereinnahmten. Eine Offenbarung! Das Album insgesamt find ich jetzt nicht so toll, aber „Youth“ schlägt mit seinem „And if you’re still breathing, you’re the lucky ones“ Gänsehaut-Alarm.

3 The Knife „Full of Fire“

Das ist mit Abstand der beste Song des Jahres, nur dauert er halt ungefähr sechs Minuten zu lang, sodass man ihm völlig überdrüssig wird. Irgendwann ist genug, so viel Politik in die Goschn ist echt „hard to solve“. Gut, ok, The Knife sind gscheider als ich, ihre Live-Shows zu clever, die Texte zu tiefsinnig, die Message zu vieldimensional, die Beats zu vertrackt, find ich ja alles soweit extrem bewundernswert, bis dahin folge ich ihnen halbblind. Aber spätestens zum Salt’n’Pepa-Verweis am Ende („Let’s talk about gender baby, let’s talk about you and me“) befinden wir uns dann doch recht nahe an der Irrenhaus-Einweisung. All das ist natürlich völlig so gewollt, deshalb: Spitze.

4 Fuck Buttons „Stalker“

Eigentlich hätte ich die Fuck Buttons am Rande ihres Auftritts in der Innsbrucker pmk gerne interviewt. Am Ende reichte es nur für die Frage, ob sie wirklich schon mal beim Fuck-Festival in Fucking auftraten, wie auf Wikipedia behauptet wird. In einer Zeit, in der Leute behaupten, es war alles schon mal da und kommt nur in zitierter Form wieder, stehen die Fuck Buttons für echte Avantgarde.

5 Austra „Sleep“

Der melancholische Zauberwald-Elektro-Goth von heute hört Austra. Und ich halt auch. Als Mann möchte man Katie Stelmanis bekehren, als Frau möchte man… was weiß ich. Als ihre Eltern die „Olympia“-Single „Home“ hörten, haben sie Stelmanis‘ Freundin mal so richtig zur Rede gestellt: „Why aren’t you coming home at night?“. Aber „Sleep“ gefällt mir noch besser.

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You know, the Germans have a word for that

Letztens spielte ich also dieses Sporcle-Quiz „Thanks for the Words, Germany!“. Mal abgesehen davon, dass ich es ein wenig diskriminierend finde, dass hier nur Deutschland gedankt wird, da doch sicher auch einmal ein Österreicher, Schweizer, Luxemburger oder Namibier ein nettes Wort über die Sprachbarriere gewuchtet hat, unterlief mir der Fauxpas, bei einem Deutsche-Wörter-Quiz nur 19 von 20 richtige Antworten gegeben zu haben. Weltanschauung und Zeitgeist verwechselt, hoppla. Witzig übrigens, dass das englische loanword auch vom deutschen Lehnwort stammt. Wie auch immer.

Wenn es ein nettes deutsches Wort gibt, das ich der englischsprachigen Welt für die Erweiterung ihres Wortschatz empfehlen würde, dann ist das Torschlusspanik. Das amerikanische Time Magazine widmete diesem Wort in einem Artikel aus dem Jahr 1961 über den deutschen Mauerbau einen netten Absatz.

“Last week a curious and serious malady was affecting Communist East Germany and reaching almost epidemic proportions. The name of the disease was Torschlusspanik, which literally means ‚fear of gate closing‘. Everything East German leaders did to shut off the flow of refugees to the West seemed, instead, to spur it on. The day that Deputy Premier Willi Stoph announced new secret measures to halt the refugees—ostensibly at the urging of „delegations of workers“—1.532 East Germans beat it over the border and checked into the big Marienfelde refugee center in West Berlin.”

Und während landläufig der Begriff eher für Frauen verwendet wird, die tickende Uhren hören – für mich im Schlafzimmer übrigens eine veritable Foltermethode -, so empfand ich das Gefühl gestern bei der wunderschönen Doku „Shut up and play the Hits“, einem Konzertfilm über den allerletzten Gig der besten Band der 2000er-Jahre mit dem besten Song der 2000er-Jahre, LCD Soundsystem.

James Murphy war 30 oder 31, als er die Band ins Leben rief. Zehn Jahre und drei Alben später verkaufte er den Madison Square Garden aus. Und erklärte die Band für Geschichte. Am Höhepunkt. Weil er, wie er in der Doku verriet, zu viele graue Barthaare bemerkte, wenn er von Tourneen zurückgekehrt war.

Alles begann aber eigentlich mit Torschlusspanik. Denn in der Debüt-Single „Losing my Edge“ ging es um Murphys Angst, sein tolles Leben als DJ zu verlieren, weil von hinten die jungen coolen Hüpfer nachrücken und dieselben Lieder spielen. Also vielleicht nicht präzise Torschlusspanik, sondern Vorsprungsverlustangst, aber sicher dachte Murphy mit 30 auch: „Wenn ich nochmal eine Spur als Musiker hinterlassen möchte in diesem Leben, dann muss ich jetzt endlich was Gutes schaffen.“ Und im selben Maße, in dem ich Murphy für das beneide, was er im folgenden Jahrzehnt alles erreichte, ist er natürlich auch ein Vorbild. Vor meinem anstehenden 31. Geburtstag bin ich als 13 Jahre nach Murphy Geborener nach Verlustpunkten wenigstens noch nicht hinter ihn zurückgefallen. Aber bald!