Archiv des Autors: stefanpletzer

Silvester, Zeit für Jahrescharts!

Nur blöd, dass es jene von 2018 sind :p

1 Rudimental & Major Lazer feat. Anne-Marie & Mr Eazi „Let me live“
2 Panda Bear „Shepard Tone“
3 Christine and the Queens „Goya! Soda!“
4 Amen Dunes „L.A.“
5 Cosmo Sheldrake „Wriggle“
6 Tunng „Abop“
7 MGMT „One Thing left to try“
8 The 1975 „Love it if we made it“
9 Thunder Jackson „Guilty Party“
10 Sia „My old Santa Claus“
11 Interpol „The Rover“
12 Panda Bear „Part of the Math“
13 Cosmo Sheldrake „Hocking“
14 Amen Dunes „Miki Dora“
15 The Blaze „Faces“
16 Maribou State „Beginner’s Luck“
17 Rhye „Phoenix“
18 Robyn „Missing U“
19 MGMT „TSLAMP“
20 tUnE-YaRdS „Look at your Hands“
21 Amen Dunes „Dracula“
22 Simian Mobile Disco „Defender“
23 Hookworms „Negative Space“
24 Tocotronic „Electric Guitar“
25 Cari Cari „After the Goldrush“
26 Hurray for the Riff Raff „Pa’lante“
27 Maribou State feat. Holly Walker „Slow Heat“
28 MGMT „When you die“
29 Oneohtrix Point Never „We’ll take it“
30 Cardi B feat. Bad Bunny & J Balvin „I like it“
31 Daniel Avery „Stereo L“
32 Father John Misty „Mr. Tillman“
33 Soap & Skin „Italy“
34 Little Simz „Boss“
35 Let’s eat Grandma „Falling into me“
36 Chaka Khan „Like Sugar“
37 Paul McCartney „Come on to me“
38 Preoccupations „Decompose“
39 Maribou State „Vale“
40 Let’s eat Grandma „Snakes & Ladders“
41 Jungle „Heavy, California“
42 Eminem „Fall“
43 Death Cab for Cutie „Gold Rush“
44 Diplo feat. Lil Yachty & Santigold „Worry no more“
45 Twin Shadow „Broken Horses“
46 Christine and the Queens „Doesn’t matter“
47 Superorganism „Night Time“
48 George FitzGerald „Burns“
49 Preoccupations „Compliance“
50 Steaming Satellites „Shout it out“
51 Jain „Alright“
52 Maribou State „Kingdom“
53 Idles „Colossus“
54 Amen Dunes „Believe“
55 Kids see Ghosts „Cudi Montage“
56 Post Malone feat. Ty Dolla $ign „Psycho“
57 Little Dragon „Lover Chanting“
58 Simian Mobile Disco „Caught in a Wave“
59 Peggy Gou „It makes you forget (Itgehane)“
60 Christine and the Queens „The Stranger“
61 Let’s eat Grandma „Ava“
62 Soap & Skin „Heal“
63 William Fitzsimmons „Wait for me“
64 Cari Cari „Mazuka“
65 Kreisky „Ein braves Pferd“
66 Elderbrook „Capricorn“
67 Rostam „In a River“
68 Tove Lo feat. Charli XCX, Icona Pop, Elliphant & Alma „Bitches“
69 Yung Hurn „Was sie will“
70 Zhu feat. Tame Impala „My Life“
71 Tunnelvisions „Guava“
72 Courtney Barnett „Nameless, faceless“
73 Julia Holter „I shall love 2“
74 Simian Mobile Disco „Hey Sister“
75 Mavi Phoenix „Prime“
76 Kids see Ghosts feat. Pusha T „Feel the Love“
77 Shout out louds „In new Europe“
78 Husky Loops „Everytime I run“
79 Cari Cari „Summer Sun“
80 Twin Shadow feat. Haim „Saturdays“
81 Nick Mulvey „Mountain to move“
82 Parcels „Lightenup“
83 Santigold „I don’t want“
84 Leyya „Wannabe“
85 Toro y moi „Freelance“
86 Phosphorescent „New Birth in New England“
87 Pressyes „California“
88 Cypress Hill „Crazy“
89 Belle & Sebastian „We were beautiful“
90 Moses Sumney „Rank & File“
91 Janelle Monáe feat. Grimes „Pynk“
92 Diplo feat. Mö & Goldlink „Get it right“
93 Planningtorock „Transome“
94 Naked Cameo „Phony“
95 George Ezra „Paradise“
96 Parquet Courts „Wide awake!“
97 Yves Tumor „Noid“
98 The 1975 „Tootimetootimetootime“
99 Clara Luzia „When the Streets“
100 The Decemberists „Once in my Life“

Jahrescharts 2017 – Stefan Pletzer

Man muss das Positive an verzögerten Jahrescharts sehen, auch wenn es fast acht Monate sind. Die Lieder erhalten die notwendige Zeit, um gut abzuhängen, zu reifen und sich zu entfalten. Genauso wie man einen aufregenden Traum in der ersten Euphorie nicht sofort nach dem Aufwachen in ein Drehbuch für einen Film verwandeln sollte, brauchen auch Songs eine gewisse Reflektionsphase, die jedenfalls länger als die anfängliche Verliebtheit dauern sollte. Was sind schon acht Monate. Tatsächlich arbeite ich an einem „Love Longtime“-Chartsprojekt, das die besten Lieder der Jahre zwischen 1961 und 2060 abbilden soll. Hoffe, damit 2068 fertig zu werden.

Aber nun erstmal zu 2017.

1 LCD SOUNDSYSTEM „how do you sleep?“
Die beste Band der Welt hat ihren Tod gefaked. Aber genauso wie diese Netflix-Comedian, die ihre Karriere nach ihrem besten Programm, bei dem sie ihren Abschied verkündete, nun doch nicht beendet, weil es ungeahnten Erfolg hatte, musste sich wohl auch James Murphy irgendwann die Frage stellen: „Bin ich lieber ein Heuchler oder ein Dummkopf?“. Dann doch lieber Heuchler. Sowas Ähnliches dürfte Murphy in „how do you sleep?“ auch seinem ehemaligen, aber im Unfrieden geschiedenen Weggefährten Tim Goldsworthy vom ehemals gemeinsamen DFA-Projekt in diesem Neun-Minuten-Epos unterstellen, wenn man sich Textzeilen wie „You warned me about the cocaine – Then dove straight in“ ansieht. LCD Soundsystem haben diesen Song bei ihren Tour-Auftritten zum 2017er-Album „American Dream“ monatelang nicht gespielt – es könnten acht gewesen sein – um dem Song die notwendige Zeit zu geben, bei den Fans zu reifen. Na bitte. Heute steht fest: Es wird ein Fixstern in den Sets der New Yorker.

2 P.O.S. „Faded“
Justin Vernon von Bon Iver singt da mit.

3 PORTUGAL. THE MAN „Feel It Still“
Die großartigsten Künstler sind ja wohl jene, die Mainstream und Hardcore-Kritiker vereinen. Shakespeare, Mozart, Michael Jackson. Sowas in der Art. „Feel It Still“ mochte doch jeder. Und viele liebten es.

4 THE XX „Dangerous“
Kein Sample offenbar. Jamie xx ist einer der größten Produzenten unserer Tage.

5 SLOWDIVE „Slomo“
Spät-Meisterwerk.

6 TRAILS AND WAYS „Happiness“
Eigentlich von 2017, aber ich hab’s damals vergessen 🙂

7 SPOON „Hot Thoughts“ (David Andrew Sitek Remix)
Der Produzent und Bandmitglied von TV on the Radio veredelt einen der vielen tollen Tracks aus dem gleichnamigen Album, eines der besten von 2017.

8 THE XX „Replica“
9 NOEL GALLAGHER’S HIGH FLYING BIRDS „Dead In the Water“ (Live at RTE 2FM Studios, Dublin)
Wir wollen alle hoffen und beten, dass Liam seinen großen Bruder nie mehr weichklopft und es keine Oasis-Reunion geben wird. Während Liam sich mittlerweile seine Songs – kommerziell offenbar gar nicht so unerfolgreich – vorkauen und füttern lässt, macht Noel zumindest in seinen hellsten Momenten immer noch große Kunst. Lass den Deppen twittern.

10 HUNDRED WATERS „Blanket me“
Gewidmet dem 2017 leider verstorbenen Musikkritiker Philipp L’heritier.

11 FOUR TET „LA Trance“
12 GEOWULF „Drink Too Much“
13 ARCADE FIRE „Electric Blue“
Das „Everything Now“-Album wurde teilweise arg und tendentiell eher zurecht verrissen, weil es vor allem im Titeltrack stellenweise dann doch ein bisschen zu viel Abba war. Songs wie „Chemistry“ sind ihrer sogar gänzlich unwürdig. Aber gänzlich verkehrt haben es Arcade Fire auf dem Album natürlich trotzdem nicht gemacht.

14 GHOSTPOET „Freakshow“
15 THE WAR ON DRUGS „Up All Night“
16 LCD SOUNDSYSTEM „Tonite“
Sehr Bowie-ish.

17 GRIZZLY BEAR „Three Rings“
Der Grammy ist es wieder nicht geworden. Aber die Musik-Historie wird dennoch auf Grizzly Bears Seite sein.

18 CHANCE THE RAPPER feat. KNOX FORTUNE „All Night“
19 ELBOW „Firebrand & Angel“
20 CHARLOTTE GAINSBOURG „Sylvia Says“
Produziert von meinem All-Time-Lieblings-Haudrauf-Elektroniker Sebastian.

21 WOLF ALICE „Beautifully Unconventional“
22 THE WAR ON DRUGS „Pain“
23 IBEYI feat. MESHELL NDEGOCHELLO „Transmission/Michaelion“
24 FLUT „Linz bei Nacht“
Die 80er waren auch in Oberösterreich zu was gut.

25 ALT-J „Deadcrush“
26 CHARLOTTE GAINSBOURG „Deadly Valentine“
27 BECK „Dreams“
28 !!! „Throttle Service“
29 ALICE MERTON „No Roots“
30 WANDA „Columbo“
Das dritte Album beinhaltet viele unerträgliche Filler, aber eben auch drei sehr gute Songs. Damit stechen sie in Österreich trotz immer stärker werdender Konkurrenz immer noch die meisten anderen Bands aus.

31 GRIZZLY BEAR „Losing All Sense“
32 IBEYI „Away Away“
33 MAVI PHOENIX „Janet Jackson“
34 YUNG HURN „Ok Cool“
35 SPOON „Do I Have to Talk You Into It“
36 BISHOP BRIGGS „River“
37 ARCADE Fire „Peter Pan“
38 GRIZZLY BEAR „Wasted Acres“
39 CHROMATICS „Shadow“ (Last Dance of the Night Club Edit)
40 BILDERBUCH „I <3 Stress“
41 FAREWELL DEAR GHOST „Pink Noise“
42 MAVI PHOENIX „Aventura“
43 LCD SOUNDSYSTEM „Oh Baby“
44 SLOWDIVE „Falling Ashes“
45 LORDE „Green Light“
46 THE HORRORS „Press Enter to Exit“
47 GORILLAZ feat. D.R.A.M. „Andromeda“ (Purple Disco Machine Remix)
48 MGMT „Little Dark Age“
49 SPOON „Whisperi’lllistentohearit“
50 DAN CROLL „Away From Today“
51 NOEL GALLAGHER’S HIGH FLYING BIRDS „Holy Mountain“
52 FOUR TET „Planet“
53 BLANCK MASS „Hive Mind“
54 THEE OH SEES „Plastic Plant“
55 NIHILS „Put Your Back Together“
56 ALT-J „3WW“
57 ARCADE FIRE „Creature Comfort“
58 GORILLAZ feat. JAMIE PRINCIPLE & ZEBRA KATZ „Sex Murder Party“
59 STARS „Hope Avenue“
60 WANDA „Ich sterbe“
61 PHARRELL WILLIAMS „Yellow Light“
62 SOULWAX „Is It Always Binary?“
63 CIGARETTES AFTER SEX „Each Time You Fall In Love“
64 MUSE „Dig Down“
65 ARCADE FIRE „I Give You Power“
66 POWERNERD feat. DREAMHOUR „Marathon“
67 DAN CROLL „Swim“
68 THE NATIONAL „Day I Die“
69 RUN THE JEWELS feat. TUNDE ADEBIMPE „Thieves! (Screamed the Ghost)“
70 !!! „NRGQ“
71 THE WAR ON DRUGS „Thinking Of A Place“
72 HUNDRED WATERS „Parade“
73 PERFUME GENIUS „Run Me Through“
74 ELBOW „Little Fictions“
75 !!! „The One 2“
76 DEATH FROM ABOVE „Holy Books“
77 SPOON „Can I Sit Next To You“
78 JOE GODDARD „Lose Your Love“
79 ST. VINCENT „Pills“
80 SPACE ECHO „Rainbow Power“
81 BILDERBUCH „Bungalow“
82 POND „Colder Than Ice“
83 GORILLAZ feat. KALI UCHIS „She’s My Collar“
84 KELELA „LMK“
85 NICK MURPHY „Medication“
86 EVERYTHING EVERYTHING „Can’t Do“
87 SOPHIA KENNEDY „Build Me A House“
88 DESTROYER „Tinseltown Swimming In Blood“
89 PORTUGAL. THE MAN „Live In the Moment“
90 RUN THE JEWELS „Talk To Me“
91 MURA MASA feat. CHARLI XCX „1 Night“
92 GRIZZLY BEAR „Mourning Sound“
93 WANDA „0043“
94 FIL BO RIVA „Franzis“
95 ALT-J „In Cold Blood“
96 FEVER RAY „Plunge“
97 SYLVAN ESSO „Radio“
98 KENDRICK LAMAR feat. RIHANNA „LOYALTY.“
99 QUEENS OF THE STONE AGE „The Way You Used To Do“
100 THE NEW PORNOGRAPHERS „High Ticket Attractions“

Tierlieb

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 21:
ANIMAL COLLECTIVE – CUCKOO, CUCKOO (2007)

Einem ambitionierten Quiz-Spieler und -Master sollten derlei Fauxpässe nicht passieren:

Letztens entdeckte ich in Vorbereitung einer Frage einen Live-Mitschnitt einer britischen Benefiz-Sendung aus dem Jahr 2013, in dem die ehemaligen (?) Take-That-Mitglieder Gary Barlow und Robbie Williams ihre Cover-Version von Barry Manilows Klassiker „Could It Be Magic“ sangen – und zwar gemeinsam mit Barry Manilow am Flügel. Ich dachte: „Sicher, der gute Barry sieht ein bisschen wie geschmolzenes Plastik aus oder wie der Formwandler Odo, wenn er sich sehr lang nicht mehr in seinen flüssigen Zustand verwandelt hatte, aber so schlimm, dass er schon wenige Jahre später sterben musste, sieht er nun auch wieder nicht aus.“

Hä? Sterben? Barry Manilow tot? Nein, ihr habt nichts verpasst. Mein Fehler. Beim Wikipedisieren entdeckt.

Wie konnte es aber sein, dass ich den „Copacabana“-Sänger Six Feet Under wähnte? Er war doch jüngst irgendwann mal in den Medien. Und wenn alternde Musikstars, die ewig keinen Hit mehr hatten, noch einmal in den Schlagzeilen auftauchen, dann ist die Wahrscheinlichkeit erdrückend hoch, dass sie gerade das Zeitliche gesegnet hatten. Doch Manilow war nicht gestorben, er hatte sich einfach nur geoutet! You don’t say.

Bei „Could It Be Magic“ ist Manilow „nur“ Co-Songschreiber neben dem polnischen Klassik-Nationalschatz Frédéric Chopin. Der hatte mit dem „Prelude in C Minor, Opus 28, Number 20“ (Griffiger Songtitel!) die Basis für Manilows Schmonzette geliefert. Fehlt nur noch, dass Robbie eines Hit-verlassenen Tages einmal „I like Chopin“ nachsingt.

Musikalisch viel näher liegt mir ein anderes Beispiel eines Werks aus der Klassik, das die Basis für einen modernen Song geliefert hatte und mir ebenfalls bei einer Quiz-Recherche unterkam. Dabei war „Cuckoo Cuckoo“ vom Animal Collective aus dem Meilenstein „Strawberry Jam“ schon in meinen 2007er-Jahrescharts in den Top 10. Dass das durchgehende Sample aus Franz Liszts „Liebestraum“ stammte, schoss mir aber erst bei einem langen, meditativen Nachmittags-Spaziergang vor einem Weltquiz, bei dem ungarische Komponisten die musikalische Untermalung bildeten. Enjoy.

Wünschel-Route du Rock

VON STEFAN PLETZER

Nein, ich will das Route du Rock 2017, ein Festival in Saint Malo in der bezaubernden Bretagne, nicht über den grünen Klee loben. Dafür waren die beiden Tage, die Astrid und ich im Rahmen unseres Portugal-Frankreich-Urlaubs 2017 dort verbrachten, etwas zu sehr von den gefürchteten Festival-WWWs geprägt: Warteschlangen, Wetter und Wirbelsäule. Musikalisch hielten die auftretenden Bands jedoch alles, was das fulminante Line-Up versprochen hatte. Und darum soll es ja in diesem Blog gehen.

Daher will ich auch nur ganz kurz übers nicht ganz so Tolle sprechen. Jeder weiß ohnehin, dass ich ein Edel-Festivalgänger bin und mit Zelt-Romantik und sanitärem Mittelalter weniger am Hut habe. Aber hey, immerhin bin ich noch nicht zum VIP-Karten-Käufer avanciert. Kommt aber sicher auch noch. Wer die Jammerei überspringen möchte, liest einfach etwas weiter unten weiter. Hier meine Kritikpunkte:

* Viel zu viele Leute (20.000 oder so) am winzigen Gelände des Fort de Saint-Père. Die Organisatoren blicken auf 27 Jahre Erfahrung zurück, deshalb unterstelle ich ihnen einfach mal, dass sich im Ernstfall magisch zig Schleusen öffnen, um die Besucher in Sicherheit zu geleiten. Aber die Vorstellung, was passieren würde, müssten die Einsatzkräfte ihre Terror-bedingt mitgebrachten Maschinengewehre tatsächlich einmal einsetzen, ist mir trotzdem ungeheuer. Nebenbei verursacht die Platznot einen Mangel an Sitzgelegenheiten und einen klaren Überschuss an Wildpissern und Warteschlangen. Man muss das positiv sehen: Die Organisatoren wissen, dass sie die beiden Bühnen intelligenterweise weder mit Giga-Headlinern noch mit Krawallbands bestücken können. Deshalb heißen die Headliner auch PJ Harvey, Future Islands und Interpol. Trotzdem: Bei der Kapazität kratzt das Festival sicher an der Grenze.
* Weder für noch gegen das Wetter können die Veranstalter etwas. Doch im August wird’s in Küstennähe ganz schön frostig. Dabei hatten wir noch großes Glück, denn normalerweise soll es am Route du Rock immer regnen. Diesmal nicht.
* Für jedes Konzert bräuchte meine Skoliose eigentlich eine Massageeinheit als Wiedergutmachung. Masseure hatte ich nicht erwartet, aber am Route du Rock findet man nur sehr schwer Plätze zum Sitzen.

Mehr will ich gar nicht jammern. Zum einen könnte man auch viel Gutes über die Organisation sagen (Bargeldlose Gastronomie, relativ hohes Durchschnittsalter, recht gute Stimmung bei gar nicht mal so vielen Besoffenen, überdurchschnittlich guter Shuttle-Service und Saint Malo als Stadt ist unwiderstehlich schön), zum anderen rede ich lieber über das, weswegen ich mir die Tortur überhaupt antue, nämlich die Konzerte:

 

* FOXYGEN
Schon seit dem Primavera 2015 war klar, dass diese Band eher auf Effekt als auf Inhalt setzt. Von den drei Background-Sängerinnen ist mittlerweile nur noch eine übrig, Sänger Sam Frances Live-Extravaganzen sind mir völlig wurscht und die paar guten Songs vom zugegeben starken 2013er-Album „We Are the 21st Century Ambassadors of Peace & Magic“ können den Karren nicht aus dem Dreck ziehen. 2015 begaben sich Foxygen auf die selbsternannte Farewell-Tour. Letztlich entpuppte sich das als Marketing-Gag, aber ob’s nicht gscheiter gewesen wär?

* PJ HARVEY
Ungewöhnlich früh (20:30) betrat der Ober-Headliner – nicht nur des ersten Tages, sondern des gesamten Festivals – die Bühne. Ich war bisher kein nennenswerter Verehrer und hatte sie nie zuvor live gesehen. Umso mehr erfreut es mich zu sagen, dass die Live-Show zum aktuellen Album „The Hope Six Demolition Project“ zum Besten gehört, das ich je live miterlebte. Eine perfekt eingespielte, zehnköpfige Band, gespickt mit Elder Statesmen in der Musikbranche, die nicht nur live, sondern auch im Studio auf bemerkenswerte Lebensläufe zurückblicken können und sich nun am Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens zu befinden scheinen. Nicht, dass es wichtig wäre, aber Frontfrau Polly Jean sieht als Bald-50er noch besser aus als zu Beginn ihrer Karriere in den frühen 90ern. Und Songs wie „The Words That Maketh Murder“, „White Chalk“ oder „The Wheel“ erklingen wie schallende Ohrfeigen als Strafe, dass ich sie damals nicht in meinen Jahrescharts inkludierte. Das tut mir unendlich leid, PJ, ich trete deinem Kult viel zu spät, aber immerhin doch bei.

* CAR SEAT HEADREST
Mir scheint, sie nehmen sich etwas wichtiger, als sie tatsächlich sind. Aber ganz übel war „Teens of Denial“ nicht. Eine Band, die es zu beobachten gilt. Auch wenn’s schlafmützige College-Streber sind.

* THEE OH SEES
Ich erkenne live zwar keine besonderen Unterschiede innerhalb der Tracks, doch weil John Dwyer seine Songs derart leidenschaftlich ins Mikro schreit, spuckt und schluckt, sind die Garagenrocker aus Rhode Island das zweite große Faszinosum des ersten Festival-Tags. Wer diese viel zu unbekannte Band zufällig auf einem Festival-Lineup sieht, bitte unbedingt hingehen!

* DJ SHADOW
Auch bei der vierten Live-Show nach Bizarre 2002, Amsterdam Zweitausendirgendwann und Pukkelpop 2006 ist mir Josh Davis überaus sympathisch. Aber von den Visuals habe ich mir etwas mehr erwartet. Daft Punk, Etienne de Crecy oder Amon Tobin zeigen vor, was man heute alles mit einer Show machen kann, in der die Betätigung einiger Knöpfe und das Spinnen und Scratchen von Platten allein für eine Festivalcrowd jetzt nicht zu DEN optischen Highlights zählen. Ich mag ihn trotzdem.

* ARAB STRAP
Die mürrischen Songs der Schotten hab ich immer geliebt. Die fünf Kronenbourg 1664er-Dosen, die Sänger Aidan Moffat wohl vertragsgemäß auf die Bühne gestellt werden, reichten knapp für einen 50-Minuten-Auftritt zu Beginn von Festival-Tag zwei. Sie haben „Turbulence“ gespielt, also war ich glücklich.

* TEMPLES
Tame Impala für Durchschnittsverdiener. Das dritte Album wird wohl weisen, wo der Weg hingeht. Aber Astrid war positiv überrascht, wie viele der Songs sie aus dem Radio kannte. Das war schon okay.

* THE JESUS & MARY CHAIN
Seit dem vorläufigen Bandende im Jahr 1999 bin ich nicht ausnahmslos jeden Tag aus dem Schlaf erwacht und fragte mich, wann The Jesus & Mary Chain sich wiedervereinigen würden, zählten die Schotten doch schon zu Beginn meiner musikalischen Sozialisation Mitte der 90er-Jahre für mich zum alten Eisen. Nach wie vor sind Songs wie „Just Like Honey“, „You Trip Me Up“ oder „Reverence“ aber tadellose Festival-Schlager. Die Kette hält.

* FUTURE ISLANDS
Wenn er den Soundcheck unter dem Jubel der ersterschienenen Gäste selbst bestreitet, wenn er erzählt, wie hart erkämpft der kommerzielle Durchbruch war oder wie ihr Auftritt zwischen Shows in Wales und den Niederlanden durch einen Privatjet a la Bon Jovi möglich gemacht wurde, wenn er sich bei Songs wie „A Dream of You and Me“ oder „Seasons“ in mittlerweile bekanntem Pathos auf die Brust klopft, als würde er seinem Tagebuch gerade unter Tränen seine Lebensbeichte ablegen: Man muss Sänger Sam Herring einfach mögen. Große Songs, große Gefühle. Und wir in der zweiten Reihe!

* SOULWAX
Ich liebe Drums. Zwei Drumsets – gesehen etwa bei Dan Deacon oder hier bei den Oh Sees – liebe ich noch mehr. Aber drei!? Das kann auch nur den Haudrauf-Elektroniker gewordenen Rockern von Soulwax einfallen. Einer der drei Trommler übrigens: Sepultura-Gründungsmitglied Igor Cavalera! Kein Wunder, dass nach dem einstündigen Set um ca. 3:45 Uhr die Ohren klingeln. Bemerkenswert, auch wenn das neue Material nicht ganz mit den Überdrüber-Niteversions von „Krack“ oder „NY Excuse“ mithalten kann.

Den dritten Tag ließen wir übrigens – keineswegs spontan, sondern von langer Hand geplant – aus. Interpol hatten wir schon beim Primavera 2015 gesehen, den Rest nicht zu sehen konnten wir verschmerzen.

La Route du Rock, wir kommen nicht wieder. Aber wir sind froh, dagewesen zu sein!

Und das sind sie: Die HIT-THE-BASSLINE Top 40 2016

Platz / Interpret / Titel / Punkte (Johannes, Mischa, Stefan)

1 David Bowie – Lazarus 188 (89,-,99)

2 Goat – Goatfuzz 186 (99,87,-)

3 Voodoo Jürgens – Heite grob ma Tote aus 177 (-,92,85)

4 DJ Shadow feat. Run the Jewels – Nobody Speak 152 (95,-,57)

5 Xiu Xiu – Falling 146 (90,56,-)

6 Teleman – Düsseldorf 146 (60,86,-)

7 Aesop Rock – Kirby 146 (73,73,-)

8 Regina Spektor – Small Bill$ 125 (-,58,67)

9 Goat – Union of Mind and Soul 117 (94,-,23)

10 Julianna Barwick – Same 117 (70,47,-)

11 A Tribe Called Quest – We The People 107 (-,93,14)

12 Preoccupations – Degraded 105 (53,52,-)

13 Bankz & Steelz feat. Florence Welch – Wild Season 103 (-,44,59)

14 King Gizzard and the Lizard Wizard – People-Vultures 101 (61,40,-)

15 Swans – The Glowing Man 100 (45,55,-)

16 clipping. – Wriggle 100 (100,-,-)
The Divine Comedy – Catherine The Great 100 (-,100,-)
Chairlift – Ch-Ching 100 (-,-,100)
19 Of Montreal – Let‘s Relate 99 (-,99,-)
20 Crystal Castles – Kept 98 (98,-,-)
OY – Space Diaspora 98 (-,98,-)
Christine and the Queens – iT 98 (-,-,98)
23 Oranssi Pazuzu – Havuluu 97 (97,-,-)
Agnes Obel – Familiar 97 (-,97,-)
Prince Rama – Bahia 97 (-,-,97)
26 Pleasure Model – Pill Towers 96 (96,-,-)
PJ Harvey – Near The Memorials To Vietnam And Lincoln 96 (-,96,-)
Beaty Heart – Death Metal 96 (-,-,96)
29 Deep Throat Choir – Be OK 95 (95,-,-)
Bob Moses „Tearing me up“ (A-Trak Remix) 95 (-,-,95)
31 Sleaford Mods – I Can Tell 94 (-,94,-)
Miike Snow – Genghis Khan 94 (-,-,94)
33 Danny Brown – Ain’t It Funny 93 (93,-,-)
Young Thug & Travis Scott feat. Quavo – Pick up the Phone 93 (-,-,93)
35 The Avalanches – Because I’m Me 92 (92,-,-)
James Blake – Modern Soul 92 (-,-,92)
37 Aesop Rock – Blood Sandwich 91 (91,-,-)
Prince Rama – Fake Til You Feel 91 (-,91,-)
The Avalanches feat. Father John Misty & David Berman – Saturday Night inside out 91 (-,-,91)

Ich, einfach unverbesserlich spät.

VON STEFAN PLETZER

Meine Blog-Kollegen werden erleichtert sein. Traditionell bilden meine Jahrescharts den Abschluss des Musikjahres 2016, aber immerhin landete ich beinahe noch im gleichen Monat wie Johannes Schneider und Michael Domanig. Fast könnte man von einer Synchronität der Verspätung sprechen. Fast.

Persönliche Jahrescharts kompiliere ich seit dem Jahr – wait for it – 1993. Damals mit grüner Tinte in Collegeblöcke mit grünem Umschlag, welche in diesem Augenblick in einem Jochberger Dachboden von Katzenkacke übersät werden. Oder anders gesagt: Selbst wenn ich die gelben „Vamonos Pest“-Anzüge anziehen und mich die morsche Treppe raufwagen würde, bin ich nicht sicher, ob ich sie wiederfinden würde. Meine Rettung war das mp3-Zeitalter, denn so richtig verlegt habe ich eine Musikdatei noch nie.

Seit dem Jahr 1999 wurden meine persönlichen Lieblingslieder jedes Jahr auf Festplatte archiviert. Und genau das, meine lieben Blog-Kollegen und Mitleser, ist das wirklich Lohnenswerte an der Jahrescharts-Arbeit. Ich kann mich heute in meine Lieblingslieder von vor 18 Jahren reinhören und in meine damalige Lebensrealität -versetzen. Ein ins Teenageralter zurückreichendes Tagebuch meiner Lieblingsmusik.

1999 schritt ich synchron mit den Lounge-Beats der Thievery Corporation mit Discman durch die Straßen Salzburgs, ein Kopfhörer hing aus meinem Ohr, der andere aus dem Ohr einer zumindest namensgleichen Person aus einem Titel der heurigen Jahrescharts. 2006 kamen wildfremde Menschen in Kufstein nach einem DJ-Set zu mir und wollten wissen, welches verrückte Lied ich in einem Mashup zu Stardusts „The Music sounds better with you“ gespielt hatte („Waters of Nazareth“ von Justice). 2007 veröffentlichten LCD Soundsystem mit „All my Friends“ das Lied des Jahrzehnts und gehören genauso zu den derzeit unumstritten besten Bands der Welt wie die Interpreten anderer Jahresbesten-Lieder wie Yeasayer, Grizzly Bear, Arcade Fire oder Hot Chip.

Heute bin ich beeindruckt, dass es zwei weitere Menschen gibt, die sich der unlösbaren Aufgabe stellen, Platz 63 von Platz 64 zu unterscheiden. Im Zweifelsfall gilt: Wenn man bei einem Song lauter dreht, reiht man ihn vor. Und eine Winamp-Playlist kennt keine Ex-Aequo-Ränge.

Beim Studieren der beiden anderen Listen scheint mir, dass ich dann wohl doch der Pop-Beauftragte dieses illustren Schreibzirkels bin. Lost my edge – long ago. Rihanna, Beyoncé, Kanye West, Miike Snow (sie schrieben „Toxic“ für Britney Spears) und OneRepublic fassen andere nicht mal mit der Greifzange an. Übernehme ich doch gerne. Den Jackpot geknackt haben aber 2016 eindeutig die – mittlerweile aufgelösten – Chairlift mit „Ch-Ching“. Hellooo-oh!

1 Chairlift „Ch-Ching“

2 Davie Bowie „Lazarus“

3 Christine and the Queens „iT“

4 Prince Rama „Bahia“

5 Beaty Heart „Death Metal“
6 Bob Moses „Tearing me up“ (A-Trak Remix)

7 Miike Snow „Genghis Khan“

8 Young Thug & Travis Scott feat. Quavo „Pick up the Phone“

9 James Blake „Modern Soul“

10 The Avalanches feat. Father John Misty & David Berman „Saturday Night inside out“
11 Santigold „Banshee“
12 Rihanna feat. Drake „Work“
13 Deakin „Just am“
14 ANOHNI „Drone bomb me“
15 Mark Ronson feat. Kevin Parker „Daffodils“
16 Voodoo Jürgens „Heite grob ma Tote aus“
17 A Tribe called Quest „Enough“
18 Underworld „I exhale“
19 ANOHNI „Crisis“
20 The Stone Roses „Beautiful Thing“
21 Death in Vegas feat. Sasha Grey „Consequences of Love“
22 Junior Boys „C’mon Baby“
23 Jain „Makeba“
24 Cassius feat. Mike D & Cat Power „Action“
25 Justice „Alakazam!“
26 Kanye West „Fade“
27 Warpaint „New Song“
28 Zack de la Rocha feat. El-P „Digging for Windows“
29 Aphex Twin „CHEETAHT2 (Ld Spectrum)“
30 Metronomy „Old Skool“
31 Cassius „Hey you!“
32 Michael Kiwanuka „Cold little Heart“
33 Blood Orange „Best of you“
34 Regina Spektor „Small Bill$“
35 Yeasayer „I am Chemistry“
36 Glass Animals „Life itself“
37 OneRepublic „Kids“
38 Tiga „No Fantasy required“
39 Prince Rama „Your Life in the End“
40 Baio „Sister of Pearl“
41 Bon Iver „10 (Death Breast)“
42 Banks & Steelz feat. Florence Welch „Wild Season“
43 Voodoo Jürgens „Gitti“
44 DJ Shadow feat. Run the Jewels „Nobody speak“
45 M83 „Do it, try it“
46 Radiohead „Burn the Witch“
47 Beth Orton „Moon“
48 Michael Kiwanuka „Rule the World“
49 Childish Gambino „Me and your Mama“
50 Radiohead „The Numbers“
51 Voodoo Jürgens „Tulln“
52 Gordi „So here we are“
53 Miike Snow „The Heart of me“
54 Roosevelt „Fever“
55 ANOHNI „Marrow“
56 Todd Terje & The Olsens „Disco Circus“ (Öyvind Morken Remix)
57 Wild Beasts „Ponytail“
58 Beaty Heart „Flora“
59 Beyoncé feat. Jack White „Don’t hurt yourself“
60 Nick Cave & the bad Seeds „Jesus alone“
61 Massive Attack feat. Tricky „Take it there“
62 Preoccupations „Anxiety“
63 M83 „Go!“
64 Hamilton Leithauser + Rostam „A 1000 Times“
65 Christine and the Queens „Tilted“
66 Todd Terje & The Olsens „Baby do you wanna bump“ (Daniel Maloso Remix)
67 Gaussian Curve „The longest Road“
68 Twin Peaks „Walk to the One you love“
69 Kishi Bashi „Can’t let go Juno“
70 David Bowie „Killing a little Time“
71 Chairlift „Moth to the Flame“
72 Beth Orton „Petals“
73 Glass Animals „Pork Soda“
74 Radiohead „Identikit“
75 Prince Rama „Believe in something fun“
76 Regina Spektor „Bleeding Heart“
77 David Bowie „I can’t give everything away“
78 Goat „Union of Mind and Soul“
79 Two Door Cinema Club „Bad Decisions“
80 Prince Rama „Would you die to be adored“
81 Wild Beasts „Big Cat“
82 Tiga „Blondes have more Fun“
83 Beyoncé „Hold up“
84 Beck „Wow“
85 Gaussian Curve „Impossible Island“
86 Bat for Lashes „Joe’s Dream“
87 A Tribe called Quest „We the People“
88 Tegan & Sara „Boyfriend“
89 De la Soul feat. Roc Marciano „Property of Spitkicker.com“
90 Daughter „Doing the right Thing“
91 Solange „Cranes in the Sky“
92 Animal Collective „Lying in the Grass“
93 The Burning Hell „The Stranger“
94 Holy Fuck „Neon Dad“
95 Holy Esque „Silences“
96 Fuga Ronto „L’uomo invisibile“
97 Bicep „Just“
98 Nicolas Jaar „Three Sides of Nazareth“
99 Polica „Lose you“
100 DIIV „Under the Sun“

Die Großen 15 von 2015

Und das sind sie also: die offiziellen HIT the Bassline Jahrescharts 2015, kombiniert aus den Wertungen von Michael Domanig und Stefan Pletzer.

1 Courtney Barnett „Pedestrian at best“ (174 Punkte)
2 Wanda „Meine beiden Schwestern“ (169)
3 Tame Impala „Let it happen“ (161)
4 Action Bronson „Easy Rider“ (150)
5 Kurt Vile „Pretty pimpin'“ (144)
6 Faith no more „Matador“ (140)
7 ANOHNI „4 Degrees“ (133)
8 Django Django „First Light“ (132)
9 Panda Bear „Tropic of Cancer“ (123)
10 Courtney Barnett „Nobody really cares if you don’t go to the Party“ (120)
11 Ezra Furman „Restless Year“ (119)
12 Best Coast „Heaven sent“ (117)
13 Hot Chip „Huarache Lights“ (100)
14 Grimes „Kill v. Maim“ (99)
15 Django Django „Vibrations“ (98)

Noch spätere Jahrescharts

Aber hey, fertig waren sie früher. Nur nicht veröffentlicht. In aller Kürze:

1 Hot Chip „Huarache Lights“

Wunderte mich, dass ich „Huarache Lights“ nicht öfter in 2015er-Jahrescharts entdeckte. In meinen Augen haben Alexis Taylor, Joe Goddard & Co. mehr als zehn Jahre lang auf genau diesen quintessentiellen Hot Chip-Song hingearbeitet. Ein Best of aus „Motion Sickness“ (#57 meiner Jahrescharts 2012), „Boy from School“ (#86 2006), „How do you do“ (#77 2012) und vor allem „Ready for the Floor“ (2008), das ich völlig unerklärlicherweise in meinen Jahrescharts 2008 missachtete. Produktion in Perfektion und wie so oft bei Hot Chip wird der Song mit jeder Sekunde noch voluminöser und besser. Ich habe zwar keine Ahnung, was Huarache Lights sein sollen, aber Why Make Sense?

2 Grimes „Kill V. Maim“

Bringen wir das gleich hinter uns: Grimes kann nicht singen. Zumindest nicht rumhüpfen und live singen gleichzeitig. Zumindest nicht richtig. Aber macht nichts! „Art Angels“ ist das beste Album des Jahres 2015, da gibt es keine Diskussion. Das hier soll wohl aus der Perspektive von Al Pacino in Der Pate 2 geschrieben sein, „außer dass er ein Vampir ist, zwischen den Geschlechtern wechselt und durch das All fliegt“, sagt Grimes. Wie Sie wünschen, Frau Boucher.

3 Tame Impala „Let it happen“

Es scheiden sich die Geister betreffend der 7:46-Länge von „Let it happen“. Manche sagen, es braucht jede Sekunde davon. Ich sage, drei Minuten kürzer wäre es meine Nummer eins. Man braucht sich übrigens nicht bemühen, die Lyrics zu verstehen, da steht nämlich selbst bei genius.com nur „(Gibberish)“. Auch nett: Der Soulwax-Remix (Platz 42).

4 Noel Gallagher’s High Flying Birds „Ballad of the mighty I“

Oasis zu sprengen war sicherlich eine der besseren und längst fälligen Entscheidungen Noel Gallaghers. Ich hoffe, es dauert noch möglichst lang bis zur unabwendbaren Reunion, denn Noels zweites Solo-Album „Chasing yesterday“ war noch ein Hauseck besser als das Debüt. Auf dem bizarren Twitter-Feed von Bruder Liam – er passt eigentlich besser zu den „Shameless“-Gallaghers – mag er nur noch als Kartoffel auftauchen, aber wen kümmert das. Einer der größten Songwriter der letzten 25 Jahre hat seine Stellung zementiert.

5 HEALTH „Life“

HEALTH goes Pop. Das fand nicht jeder so cool, ich hingegen schmelze dahin.

6 Courtney Barnett „Pedestrian at best“

„Give me all your money, and I’ll make some origami, honey.“ Hahahahaha.

7 Eau Rouge „Golden Nights“

Ja, das ist eben das Pech, wenn man eine deutsche Band ist und kein Pitchfork hat, das einen zu Fame pusht. Vielleicht dann beim zweiten Album!

8 CL „Hello Bitches“

Das ist also die koreanische M.I.A.. Was auch immer „Eongdeongi ppangppangppang / Namjadeureun Time Time Time / Nae ipsul nyamnyamnyam / Eodilgadeun dangdangdang“ heißen soll, es klingt tight! 😉

9 Action Bronson „Easy Rider“

„‚Easy Rider‘ is one of the best things I’ve ever created in my life. It’s a beautiful song.“ #isso

10 Tocotronic „Ich öffne mich“

Jetzt gibt’s diese Band seit gefühlt 200 Jahren, in meine Jahrescharts hatte es aber bisher als einziger Song „Sag alles ab“ aus dem Jahr 2007 geschafft (#23). „Jackpot“ hätte es wohl im Jahr 1999 geschafft, aber ich fand die Video-Version nirgends. Wird ihnen auch egal sein. „Ich öffne mich“ ist also jetzt offiziell mein Lieblings-Tocotronic-Song. Ich kann mich erinnern, Blumfelds „Testament der Angst“ musste man fast heimlich hören, um kein „Was hörst denn DU da?!?“ von ungebetenen Türöffnern zu riskieren. Man konnte ihnen nicht widersprechen. Zu „Ich öffne mich“ kann man getrost bedingungslos stehen.

11 Major Lazer feat. DJ Snake & Mö „Lean on“
12 Bilderbuch „Willkommen im Dschungel“
13 Algiers „Irony.Utility.Pretext“
14 Wanda „Stehengelassene Weinflaschen“
15 Raury „God’s Whisper“
16 Noel Gallagher’s High Flying Birds „The right Stuff“
17 Leftfield feat. Channy Leaneagh „Bilocation“
18 Wanda „Das wär schön“
19 Cymbals eat Guitars „Chambers“
20 Noel Gallagher’s High Flying Birds „Riverman“
21 Miike Snow „Heart is full“
22 Hot Chip „Started right“
23 Everything everything „Distant Past“
24 Jon Hopkins „I remember“
25 Tame Impala „The less I know the better“
26 Wolf Alice „Moaning Lisa Smile“
27 Viet Cong „Death“
28 Grimes „Realiti“
29 Wanda „Meine beiden Schwestern“
30 Jamie xx „Gosh“
31 Miguel „The Valley“
32 HEALTH „Flesh World (UK)“
33 Missy Elliott feat. Pharrell Williams „WTF (Where they from)“
34 !!! „Freedom ’15“
35 Julia Holter „Sea calls me home“
36 Carnival Youth „Octopus“
37 HEALTH „Stonefist“
38 Grimes feat. Janelle Monae „Venus Fly“
39 Justin Bieber „Sorry“
40 Hot Chip „Huarache Lights“ (Soulwax Remix)
41 Wanda „Bussi Baby“
42 Tame Impala „Let it happen“ Soulwax Remix)
43 Odesza feat. Monsoonsiren „Memories that you call“
44 Roisin Murphy „Evil Eyes“
45 Faith no more „Matador“
46 Wanda „Jelinek“
47 Waxahatchee „Breathless“
48 Panda Bear „Butcher Baker Candlestick Maker“
49 Hayden James „Something about us“
50 Tame Impala „Past Life“
51 Panda Bear „Tropic of Cancer“
52 Leftfield feat. Sleaford Mods „Head and Shoulders“
53 Kurt Vile „Pretty pimpin'“
54 Grimes „Artangels“
55 Jamie xx feat. Romy „Loud Places“
56 My Morning Jacket „Believe (Nobody knows)“
57 The new Pornographers „You tell me where“
58 ANOHNI „4 Degrees“
59 Daughter „Numbers“
60 !!! „Gonna Guetta Stomp“
61 The Chemical Brothers feat. Beck „Wide open“
62 Grimes „Easily“
63 My Morning Jacket „Tropics (Erase Traces)“
64 Best Coast „Heaven sent“
65 Ibeyi „River“
66 M.I.A. „Borders“
67 My Morning Jacket „Spring (Among the Living)“
68 Future Islands „The Chase“
69 Django Django „First Light“
70 Sleater Kinney „Surface Envy“
71 Carly Rae Jepsen „Run away with me“
72 Unknown Mortal Orchestra „Can’t keep checking my Phone“
73 Beirut „No no no“
74 Ezra Furman „Restless Year“
75 Grimes „Flesh without Blood“
76 Waxahatchee „La Loose“
77 Blur „Lonesome Street“
78 Young Fathers „Feasting“
79 St. Germain „Real Blues“
80 Courtney Barnett „Nobody really cares if you don’t go the Party“
81 Dan Croll „From nowhere“
82 Beirut „Gibraltar“
83 !!! „Til the Money runs out“
84 Modest Mouse „Lampshades on Fire“
85 Faith no more „Rise of the Fall“
86 Algiers „But she was not flying“
87 Best Coast „California Nights“
88 Death Cab for Cutie „Black Sun“
89 My Morning Jacket „Big Decisions“
90 Decemberists „Make it better“
91 Justin Bieber feat. Diplo & Skrillex „Where are ü now“
92 Beach House „All your Yeahs“
93 The Dodos „Precipitation“
94 HEALTH „Drugs exist“
95 Neon Indian „Annie“
96 Young Fathers „Shame“
97 Foals „London Thunder“
98 Dan Deacon „Feel the Lightning“
99 José Gonzalez „Leaf off – The Cave“
100 Battles „The Yabba“

Primavera Sound Barcelona 2015 – Tag 2

primavera-sound-2015

Da war doch noch was. Die Berichte von den Tagen 0 (äh?) und 1 des 2015er-Primavera sind da, dann gab’s nix mehr. Doch doch, Astrid und ich waren auch an den drei Hauptverkehrstagen des besten Festivals der Welt dabei. Und das haben wir – etwas durch den Nebel der verblassenden Erinnerung geschildert – erlebt:

Na Moment, Halt Stop! ich ziehe das anders auf, denn die 2016er-Ausgabe ist uns im Kalender ja schon wesentlich näher als die 2015er zurückliegt. Heuer gibt’s ein fulminantes Lineup mit den Versprechensbrechern („Letztes Konzert im Madison Square Garden“) vom LCD Soundsystem, Radiohead, Tame Impala, BRIAN fucking WILSON performing „Pet Sounds“, Animal Collective, Sigur Rós, PJ Harvey, Air, Beach House, Beirut, Regisseur John Carpenter, Dinosaur Jr., Chairlift, Julia Holter, Tortoise und und und. Da muss man hin. Ich aber nicht. Jedes Jahr ein Festival? My back says no. Mein Börserl auch. Astrid auch. Was soll man machen.

Zurück ins Jahr 2015. Abgehandelt habe ich bereits Auftritte von Ibeyi, OMD, Benjamin Booker und The Juan MacLean. Das war Dienstag und Mittwoch; Der Donnerstag ist traditionell mein Lieblingstag des gesamten Festivals. Erstens habe ich da noch genug Energie, zweitens ist dieser Tag von vielen Bands exklusiv fürs Primavera reserviert, weil weniger Konkurrenz zu anderen europäischen Wochenend-Festivals besteht. Drittens: Panda Bear.

Vor zwei Jahren sahen wir ihn ebenfalls am Primavera-Donnerstag mit seinem Animal Collective, damals wirkte das ganze aber doch schon etwas ausgezehrt vom vielen Touren. Den kreativen Zenith dürften die Viecher als Band auch schon überschritten haben, dafür war das fünfte Solo-Album „Panda Bear Meets the Grim Reaper“ eine Offenbarung. Live war das ein audiovisueller Psycho-Trip im Auditori Rockdelux, wie das 3.200 Menschen fassende Auditorium des Architektur-Tempels Museu Blau de les Ciències Naturals zu Festivalzeiten gebranded wird.

Für dieses Konzert mussten wir uns übrigens wegen der begrenzten Kapazität Stunden zuvor für ein paar Euros ein Extra-Ticket sichern. Ein Spannungsmoment, denn niemand in der Schlange wusste, wann der Ticketvorrat aufgebraucht sein würde. War dann aber kein Problem.

Weiter ging’s auf der kleineren Pitchfork-Stage mit den kanadischen Schachtelsatz-Rockern Viet Cong, deren komplexe Arrangements und Song-Strukturen ich damals nur teilweise zu schätzen wusste. Heute weiß ich: „Death“ ist ein ganz, ganz großer Song. Bin gespannt, wo sich die Band nach der unabwendbaren Umbenennung – „Viet Cong“ ist halt umstritten – hinorientieren wird.

Ein Extra-Ticket – aber kostenlos – brauchte es auch für Battles auf einer sogenannten „Hidden Stage“, die sich als Hotel-Parkgarage entpuppte und nur Platz für etwa 200 Leute bot. Wie das untere Fluc, würde ich sagen. Battles machen Mathematik-Elektrock mit echten Instrumenten und echt vielen Effekten. Das 2015er-Album „La Di Da Di“ konnte das Niveau der ersten beiden Alben nicht ganz halten, aber wer Songs wie „Ice Cream“ oder „Atlas“ im Repertoire hat, hat eigentlich eh ausgesorgt. Eine gewonnene Schlacht.

Dann war’s so 22:00 Uhr, stockdunkel, und Zeit für eine Engelserscheinung. Staturbedingt unwahrscheinlicherweise in Form von Antony, einer der (ungegendert) größten Künstler unserer Zeit, der in weißen Gewändern auf die Bühne der Main Stage schwebte. Antonys Stimme ist auf Platte umwerfend, live in ihrer Einzigartigkeit kaum mehr in Superlative zu fassen. Begleitet vom vollständigen Barceloner Stadt-Orchester – genau diese kuratierte Exklusivität wünscht man sich von Mega-Festivals – und einem Film des japanischen Butoh-Tänzers Kazuo Ono sang sich Antony von Höhepunkt zu Höhepunkt: das selten live gespielte „Blind“ von Hercules & Love Affair, das zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte „4 Degrees“ vom nächsten Album „Hopelessness“ oder „Hope there’s someone“ inklusive sympathisch überspieltem Mikrofon-Kratzer zur ungünstigsten Zeit. Davon werde ich noch meinen Enkeln erzählen, wenn Antony in einigen Jahrzehnten ihren rechtmäßigen Platz im Künstler-Olymp eingenommen hat.

Ein kleiner Dämpfer war dann der Sorgenkind-Headliner dieser Ausgabe, die Black Keys. Ich war großer Fan, habe zwei T-Shirts von ihnen, aber mein Lieblingsalbum („Rubber Factory“) ist halt schon zwölf Jahre alt. Seitdem ging’s mit der Publikumsgröße ständig bergauf, mit der Qualität der Songs aber bergab. Es passte irgendwie ins Bild, dass von den 19 gespielten Nummern keine von „Rubber Factory“ dabei war. Und nur von „Gold on the Ceiling“ und „Your Touch“ werde ich halt nicht satt. Der Auftritt war mir erschreckend wurscht.

Einen kurzen Abstecher nach der Geisterstunde verdiente sich die ATP-Stage mit dem Druiden-Doom-Drone von Sunn O))). Irgendwann hatte ich die Fuck Buttons zur lautesten Band der Welt erklärt – aber die amerikanischen Nebelmaschinensammler mit den 20-Minuten-Plus-Songs sind ernste Herausforderer. Das ist nicht ganz meine Musik, dieser Hypnose kann man sich aber unmöglich entziehen. Man kann nicht nicht hinsehen. Ein Viertel des Gesamt-Auftritts, also ungefähr ein Song, also ungefähr eine halbe Stunde, hat mir dann aber doch gereicht.

Astrid hatte dann eine ganz schwierige Entscheidung zu fällen: James Blake auf der Main Stage oder Jungle auf der kleineren Ray-Ban-Stage. Ich hatte James Blake schon 2013 gesehen, Astrid nicht, versuchte sich daher zu zerteilen und sah sich eine Handvoll Songs von James Blake an, um dann schweren Herzens doch auch noch Jungle zu erwischen. Lohnte sich, denn das sicher nicht ganz leicht auf die Bühne umsetzbare Debüt-Album der Briten konnte sich auch live hören lassen. Hier die Live-Version der Nummer zwei meiner 2014er-Jahrescharts.

Hätt‘ ma das auch. Irgendwann geht’s dann weiter mit Tag 3 von 4 🙂

Regression.

Ist es schon so weit? Habe ich mich tatsächlich in den Fötenzustand eines Musikhörers zurückentwickelt, so wie Oma am Ende die kognitive Kapazität eines Kleinkinds hatte? Kehre ich mit nur 32 Jahren geistig in die Zeiten zurück, als „Coco Jamboo“ meine Jahrescharts beherrschte und ich „Wannabe“ kaufte, bevor es in den Charts war?

Stein des Anstoßes ist eine Single, die ich letzten Freitag als erzwungener Passiv-Radiokonsument hörte und sofort dieses Gefühl verspürte, das man nur wenige Male im Jahr verspürt, wenn man einen Song hört und – geschult durch 20 Jahre reflektierten Musikhörens – instinktiv weiß: „Der wird mir noch mal sehr viel besser gefallen als jetzt in diesem Moment.“

Das war 2015 eigentlich erst so bei „Willkommen im Dschungel“, „Golden Nights“, „Huarache Lights“, „Irony. Utility. Pretext“, „Life“, „Ballad of the mighty I“ und „Let it happen“, also allesamt wahrlich keine Songs, für die man sich schämen muss. Aber jetzt?

Das kann nicht sein?! Das DARF nicht sein! Ist aber so. Und es kommt noch schlimmer. Sämtliche bisher veröffentlichten Singles aus dem neuen Album „Purpose“ vom 360-Grad-Ultra-Musiksatan der letzten Jahre sind erstklassig! „What do you mean“ kommt gleich locker-tropisch-addiktiv daher wie angesprochenes „Sorry“ und auch das schon etwas ältere, aber an mir logischerweise komplett vorbeigegangene „Where are Ü now“ sind bei mir gerade sensationell auf heavy rotation.800px-Believe_Tour_13,_2012

Ich kann das schwer mit seinen älteren Sachen vergleichen, da ich abgesehen von der Kaufhaus-Zwangsbeglückung nur sehr selten in den zweifelhaften Genuss kam, aber das reicht, um zu erkennen, dass es sich wohl um einen dramatischen Imagewandel in der Karriere von He Who Must Not Be Named handeln muss. Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Wahrscheinlich treffen wir uns gerade in der Mitte: Der Rotzbua wird erwachsen – und ich, naja, bin in Regression.

Sicher, die unsägliche Göre hat mit dem Masterplan wahrscheinlich recht wenig zu tun. Aber wem auch immer die Idee kam, das Schreckgespenst der Popmusik mit Produzenten wie Diplo oder Skrillex zu verheiraten, gebührt sicherlich eine Spindoktor-Ehrenmedaille. Von mir überreicht in Platin: Skrillex und Blood Diamonds für „Sorry“. Sowie in Gold: Mason Levy für „What do you mean“. Und immerhin noch in Silber: Diplo & Skrillex für „Where are Ü now“. Große Popmusik.

Und so klang der Sound übrigens im Jahr 1999.