Archiv des Autors: Michael Domanig

Wagemutiger Post-Punk mit gewaltigem Suchtfaktor

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 12:
MISSION OF BURMA – NICOTINE BOMB (2004):

Österreich hat ein Rauchverbot, das nun doch nicht kommt. Kim Jong-un und Donald Trump haben Atombomben, die ihnen einen medienwirksamen Phallusvergleich ermöglichen. Doch Mission Of Burma haben etwas viel Besseres: eine Nikotinbombe!

„Nicotine Bomb“ stammt von ONoffON, jenem grandiosen Album, mit dem die einflussreiche Post-Punk-Band aus Boston 2004, 22 Jahre (!) nach ihrer letzten Studio-LP, triumphal zurückkehrten. Triumphal, was das Kritikerlob angeht, wohlgemerkt, denn eine kommerziell erfolgreiche Band waren Mission Of Burma nie.

Dafür eine umso einflussreichere: Mit ihrem rauen, dringlichen Sound, der die Wucht und Kompromisslosigkeit des Punk mit dem Gespür für betörende Popmelodien und dem Mut zu Lärm, Dissonanz und Experiment verband, zählen sie aus heutiger Sicht zu den wichtigsten Wegbereitern alternativer, innovativer Rockmusik überhaupt. Die Liste jener Bands und Künstler, die sich auf Mission Of Burma berufen (haben), ist lang, sie reicht von Jello Biafra bis Nirvana, von R.E.M. bis Sonic Youth, von Graham Coxon bis zu den Pixies, von Bob Mould über Yo La Tengo oder Guided By Voices bis hin zu Moby.

Hauptsongschreiber der Band, die ursprünglich nur von 1979 bis 1983 existierte und sich erst 2002 wieder zusammenfand (seither erschienen vier Studioalben), waren und sind Sänger und Gitarrist Roger Miller sowie Sänger und Bassist Clint Conley. Dazu kommen Schlagzeuger Peter Prescott und der hauptamtliche „Tape-Manipulator“ (!) und Soundingenieur Bob Weston, der diesen ungewöhnlichen, für den Burma-Sound eminent wichtigen Part (Tape-Effekte, Loops, Drones, Verfremdungen etc.) von Gründungsmitglied Martin Swope übernahm.

Conley ist laut Wikipedia eher der Mann für die eingängigeren, hymnischeren Nummern, er gilt quasi als die „hook machine“ der Band. Von ihm stammt neben dem größten Bandhit „(That’s When I Reach For My) Revolver“ eben auch das wunderbare „Nicotine Bomb“. Dieser Track ist mit seiner Kombination aus kantig-abstraktem Klangbild, unwiderstehlichen Harmonien und anspruchsvollen Lyrics („Vertical expression / horizontal desire“) geradezu ein prototypischer Burma-Song.

Live war bei Mission Of Burma von magischen Momenten bis hin zu furchtbar zähen Lärmorgien übrigens alles drin: „When they were good, they were very very good, but when they were bad, they were horrid“, schrieb der Kritiker Tristam Lozaw. Spannend war diese Band also immer!

Für mich persönlich führt an Mission Of Burma ohnehin kein Weg vorbei – schließlich steckt mein Spitzname ja im Bandnamen. Das hartnäckige Gerücht, Mission Of Burma hätten sich nach mir benannt, ist allerdings nicht haltbar – ebensowenig wie die Vermutung, meine Geburt im Jahr 1982 hätte sie zu ihrem fulminanten Debütalbum „Vs.“ inspiriert …

Zum Schluss bleibt mir nur noch die dringende Empfehlung, sich ins faszinierende Werk dieser Gruppe zu vertiefen. Und der fromme Wunsch, dass Blogkollege Stefan, seines Zeichens Österreichs bester Quizmaster, die – nach einer Gedenkplatte an einer Botschaft benannte – Formation einmal bei seinem fabelhaften Weltquiz bringen möge. Mission Of Burma und ich wären ihm sehr dankbar dafür!

Weitere Anspieltipps: (That’s When I Reach For My) Revolver, That’s How I Escaped My Certain Fate, Academy Fight Song, Weatherbox, (This Is Not A) Photograph, The Setup, The Enthusiast, Dirt, Careening With Conviction, Period, Dust Devil, What They Tell Me

Kinderchöre und Kurioses, Türkpop und Todescountry. Oder: Mit Udo Jürgens in der Disco! Chronologie eines laaangen Hörabends

Nennt es Faulheit. Trägheit. Den (gescheiterten) Versuch, über die Weihnachtsfeiertage den wochenlang aufgestauten Schlafmangel zu beheben. Auf jeden Fall habe ich meine vollmundige Ankündigung, den jüngsten – schön ausufernden – Hörabend bei mir zuhause rasch in einen – schön ausufernden – Beitrag zu verwandeln, bislang nicht wahr gemacht.

Doch im Sinne meines zweiteiligen Neujahrsvorsatzes (1. Du sollst mehr schreiben! 2. Und zwar nicht im Büro, kapiert?!) möchte ich diese Lücke hiermit füllen. Schließlich war es ein langer, geselliger und, wie ich finde, sehr vergnüglicher Musikabend – der hoffentlich nicht davon überschattet wurde, dass ich mich als kleiner Musikdiktator gebärdet und die Gäste womöglich etwas zu wenig an den „Play“-Button gelassen habe. Aber, hey!, dafür ist man schließlich Gastgeber – um den Besuchern den eigenen Geschmack aufs Auge drücken zu können ;-).

Musikalisch sind wir dabei, um es mal in Fußballkommentatorendeutsch zu sagen, „weite Wege gegangen“: Es gab Kuriositäten und Raritäten, elegante Übergänge und abenteuerliche Stilsprünge, Kinderchöre und Todescountry, Psychobelly und Udo Jürgens (!), Songtitel wie „Prisencolinensinainciusol“ und Bandnamen wie Kiss The Anus Of A Black Cat, aufschlussreiche Neuentdeckungen – und nicht zuletzt erste Einblicke in künftige Jahrescharts (die auf diesem Blog bekanntlich später erscheinen als irgendwo sonst in der nördlichen Hemisphäre).

Trotz meiner etwas schleißigen Mitschrift und des nicht unbeträchtlichen Konsums an (teilweise abgelaufenen) Bierspezialitäten – zwischen beiden Tatsachen besteht womöglich ein Zusammenhang – möchte ich versuchen, im Groben nachzuzeichnen, was an diesem Abend so alles „ging“:

Der Auftakt stand unter dem Motto „Kinderchor im Pop“, mit dem stillschweigenden Zusatz, dass damit NICHT die verzweifelten „Pop“versuche der bedauernswerten Wiener Sängerknaben gemeint sind. Stattdessen gab es Fallbeispiele für – meine – These, dass Musiker besonders gern bedrohliche oder krasse Aussagen in junge Münder legen, etwa bei These New Puritans, die Kinder von „Angriffen im September“ singen lassen („It was September / Holy really. / It was September / This is attack!“). Oder bei den Locas in Love, bei denen die Kleinen u. a. folgenden schönen Satz krähen: „Dieses verdammte Deutschland hat mich dazu getrieben!“

Mit der „Nature Anthem“ von Grandaddy gab es aber auch ein Liedbeispiel zu hören, in dem der Kinderchor für die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit, Unschuld und selbstverständlichen Naturverbundenheit der Kindheit steht. Und zugleich gab es damit den willkommenen Anlass, noch weiter in die Musik dieser tollen Band vorzudringen.

Kollege Stefan trat dabei den Beweis an, dass das komische „Pling“-Geräusch in Grandaddys formidabler Single „Now It’s On“ (ca. ab 1:19) genauso klingt, als wäre es dem Soundtrack zum Amiga-Computerspiel „Blood Money“ entsprungen:

Nach einem weiteren düsteren Kinderchor-Abstecher zu den Cramps ließ dann auch noch der Leinwandschönling (wie man früher gesagt hätte) Ryan Gosling mit Dead Man’s Bones die Goldkehlchen singen und die Zombies tanzen. PS: Und weil die kleinen Racker so herzig sind, wird es hier am Blog in Bälde einen eigenen Beitrag zum Themenkreis Kinderchor goes Pop/Rock/Grindcore geben. Großes Indianerehrenwort!

Vom Kindergarten ging es in der Folge schnurstracks zum nächsten Soundschwerpunkt in die Türkei und – weil man als Eurozentrist ja alles gern über einen Kamm schert – auch gleich in den „arabischen Raum“ und nach Westafrika. Die großartigen Moğollar entführten in die faszinierende, hierzulande weitgehend unbekannte Welt der türkischen Psychedelia (auch: Anadolu Rock), in der Rockmusik westlicher Prägung mit Rhythmen, Harmonien und Instrumenten aus der türkischen Volkskultur aufs Hypnotischste zusammenfand:

Wie aufregend solche musikalischen Grenzüberschreitungen klingen – die im autoritären politischen Klima dies- und jenseits des Bosporus wohl kostbarer denn je sind – beweisen auch neuere Formationen wie Baba Zula mit ihrem „Oriental Dub“ bzw. „Psychobelly“ (schließlich gibt’s bei den Konzerten auch leibhaftigen Bauchtanz!).

In der Folge führte die Reise über israelisch-jemenitische Klänge (A-WA) oder betörenden Tuareg-Blues (Tinariwen) bis zum malischen Großmeister Ali Farka Touré.

Der Schritt zu den amerikanischen Indie/Punk/Alternative-Country-Pionieren Camper Van Beethoven war dann nur scheinbar ein großer: Schließlich passt deren surrealer Politpop-Klassiker „Take The Skinheads Bowling“ heute (leider) ebenso gut ins politische Klima wie 1985. Und ihr schräger Zugriff auf Status Quo ist ebenfalls unwiderstehlich:

Apropos schräg: Die nächsten (mindestens) zwanzig Hörabend-Minuten gehörten einem US-Künstler, der seit Jahren verlässlich zwischen Genie und Wahnsinn, göttlichen (Dreampop-)Melodien, blöden Sprüchen und verstrahltem LoFi-Trash oszilliert, nämlich Ariel Pink, dem Syd Barrett für das 21. Jahrhundert. Mit „Dedicated To Bobby Jameson“ hat er gerade wieder einen überzeugenden Beweis seiner Klasse – und seiner Seltsamkeit – abgeliefert. Sunshine, wrapped in rainbows!

Wer Dreampop sagt, muss auch Shoegaze sagen. Und wer Shoegaze sagt, muss auch Slowdive sagen. Zumal die Legenden nach schlappen 22 Jährchen 2017 ein Comeback-Album veröffentlicht haben, wie ich an diesem Hörabend erfuhr – und noch dazu ein rundum gelungenes. Für mich nicht das letzte Aha-Erlebnis in dieser Langen Klangnacht!

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Vom Hundertsten ins Tausendste. Oder: Die geballte Macht der Assoziation. Zwei Hörabende

Wie kommt man von Schweizer Elektropop zu Noiserock aus Berlin? Oder vom Black Rebel Motorcycle Club zu Suzanne Vega? Vom vertrackten Avantgarde-Hardcorepunk von Nomeansno zu einer bizarren Ösi-Version von „White Rabbit“? Oder von sphärischem Dreampop zu Wolfgang Ambros und wieder retour?

Sehr einfach: So etwas geht nur bei einem Hörabend in geselliger Runde, also ab zwei Musiknerds aufwärts. Denn das menschliche Gehirn geht schon bei jedem Einzelnen seltsame Wege. Wenn aber mehrere Musikenthusiasten zusammensitzen und das Bier ebenso frei fließt wie die Gedanken, dann greift sie erst so richtig, die geheimnisvolle Macht der Assoziation. Dann kommt man vom Hundertsten ins Tausendste und vielleicht irgendwann wieder zurück zum Ersten. Oder auch nicht.

Ausgerüstet mit jeder Menge Vinyl, CDs, Spotify, YouTube und, ja, hin und wieder sogar einer Musikkassette reist man munter durch die Jahrzehnte und Stile – und lässt sich am besten einfach treiben. Wie so etwas ablaufen kann, zeigen die folgenden Aufzeichnungen der zwei jüngsten Hörabende bis -nächte im gastlichen Heim von Bloggründer Dave.

Sollte die Protokollführung da und dort Lücken aufweisen oder die Reihenfolge bisweilen etwas durcheinander geraten sein, bitte ich, gnädig darüber hinwegzusehen – schließlich wird das Mitschreiben mit steigendem Durst nicht gerade einfacher. Aber hier gilt, was schon Faith No More wussten: Oh it’s a dirty job / but someone’s gotta do it.

Hörabend am 1. Dezember 2017:
Die musikalische Reise führte zunächst „Von Bullerbü nach Babylon“ – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Kollege Dave hat nach dem vorhergehenden Hörabend, bei dem wir zufällig über das großartige „Hubschraubereinsatz“ von Foyer des Arts gestolpert waren (da hatte das lästige Autoplay von YouTube endlich mal sein Gutes), nicht lange gefackelt und sich den dazugehörigen Albumklassiker aus meinem Geburtsjahr 1982 gleich auf Vinyl besorgt. Beim Hören zeigte sich, dass die Avantgarde/Trashpop/Dada-Band rund um den Dichter Max Goldt neben ultraschrägen NDW-Experimenten auch düstere New Wave/Postpunk-Sounds beherrschte („Olympia“). Und bei Songtiteln wie „Familie und Beatmusik“ kommt sowieso große Freude auf.

Weiter ging es in die Schweiz zu den Elektro-Pionieren Yello rund um den schmierig-eleganten Schnauzbartträger Dieter Meier. Dass die berühmte Auftrittsmelodie, zu der der Duffman bei den Simpsons sein mit Bierdosen umgürtetes Becken rhythmisch vor und zurück schiebt („Oh Yeah“), aus ihrer Feder stammt, war mir ebenso neu wie die Tatsache, dass diese Band bis heute verdammt frisch klingt.

Über den psychedelischen Wahnsinn von King Gizzard & The Lizard Wizard und die eleganten Tame Impala arbeiteten wir uns schrittweise Richtung Hard- und Bluesrock vor, etwa zur heute völlig obskuren britischen Hardrock-Formation Stray (eine Entdeckung aus der Obwaller’schen Vinyl-Schatzkiste, die offenbar vor den Ohren des Vaters keine Gnade fand) bis hin zu aktuellen Formationen, die keine einschlägiges Sound- und Bühnenklischee auslassen (Rival Suns oder The Weight aus Österreich).

Nach der ersten Rauchpause, die ich mit Folk- und Psychedelic-Klängen vom sehr schönen neuen Rolling-Stone-Sampler übertauchte (Tony, Caro & John, Nick Garrie) gab Hausherr Dave (Hashtag: „Do hatt i aa a Plottn dazua …“) Einblick bzw. Einhör in seine umfangreichen Bestände aus den Haupt-, Neben- und Nebennebenstraßen der Rockgeschichte, von Hank Davis bis Roky Erickson. Alleskönner Chuck Prophet wurde mit Green-on-Red und Solowerken gewürdigt, ehe der mir zuvor gänzlich unbekannte Mel Tormé aufzeigte, was unter klassischer Jazz-Crooner-Eleganz zu verstehen ist.

Der Übergang zu Nomeansno (auch schon Fixstarter beim Hörabend zuvor) hätte nicht abrupter ausfallen können. Aber, hey!, sanfte Übergänge gibt’s bei den kanadischen Noise/Hardcore/Progressive-Punk/Mathrock-Genies erst recht nicht. Dafür aber atemberaubende Stil-, Takt- und Stimmungswechsel und eine ungezügelte, raue Energie, die einen auch beim wiederholten Hören jedes Mal umbläst. (Nur über die Frage, ob die Bässe und Rhythmen bei Nomeansno nun doch irgendwie „funky“ klingen oder nicht, konnte sich die Zuhörer-Runde bis zum Schluss nicht einigen …)

Weiter ging die muntere Fahrt mit kräftigem Rock von Neuseeland (The Datuns) bis Österreich (Baguette), beim Runterkommen half u. a. der 70er-Jahre-R’n’B von Creative Source. Nach dem theatralischen Voodoo-Wahnsinn von Screamin‘ Jay Hawkins (von Hörabend-Teilnehmer Joe treffend als „ein schizophrener Zirkusdirektor auf Acid“ charakterisiert) ging es in die nächste Rauchpause, in der ich mir verführerische französische Elektro-Chansons von L’Imperatrice oder auch rauen Postpunk von meinen alten Helden Mission Of Burma gönnte – und schon mal den Weg für das amerikanische Folkrock-Wunderkind Kevin Morby freimachte.

In der Folge wurden u. a. unerwartete musikalische Parallelen zwischen dem Black Rebel Motorcycle Club und der großen Songwriterin Suzanne Vega deutlich, ehe es mit Black Crack und Justice Hahn besonders düster und räudig-schön wurde.

Die Wendungen wurden in Folge immer schräger, wie es halt so ist, wenn man „under the influence“ durch die Musikgeschichte rast: Da liegen der Soundtrack zum Dennis-Hopper-Film „The Hot Spot“ – mit Giganten wie John Lee Hooker, Miles Davis und Taj Mahal – und das wüste Gitarre-Schlagzeug-Inferno des deutschen Noise-Duos Dÿse plötzlich nur noch einen Häuserblock voneinander entfernt. Da biegt unvermittelt Ska-Pionier Prince Buster um die Ecke – und an der nächsten Kreuzung tauchen dann auf einmal die New Yorker Alternative-Hip-Hop-Helden A Tribe Called Quest auf, nur um umgehend wieder von Gitarrenmeister Jeff Beck abgelöst zu werden, der sich vor Stevie Wonder verneigt …

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Hung Like a Horse. Oder: Wie Josh Homme die Kassandrarufe verstummen ließ

Konzertbericht: QUEENS OF THE STONE AGE (Support: BRONCHO), Zenith München, 10/11/2017

Die Vorzeichen vor diesem Konzertabend waren denkbar ungünstig. Da war zum einen der jüngste Queens-of-the-Stone-Age-Auftritt in Wien, der zwar von meinem Kumpel Peter gelobt, im „Standard“ aber total verrissen wurde, vor allem was die offenbar unterirdische Soundqualität angeht. Dann war da die Halle, das riesige Zenith in München. Dass dieses ein klang- und stimmungstechnisch harter Boden sein kann, hatte ich bei den von mir hochverehrten Eels erlebt, die sich dort 2013 redlich mühen mussten, bis der Funke übersprang.

Vor allem aber waren die ersten Eindrücke vom neuen QOTSA-Album „Villains“ ziemlich enttäuschend. Weder die erste Single „The Way You Used to Do“ noch „The Evil Has Landed“ blieben mir, trotz mehrerer Durchläufe, im Gedächtnis haften – und wenn, dann als eher blass und blutleer. Dass diesmal mit Mark Ronson ein Mainstream-Produzent hinter den Reglern saß, bekannt für seine Arbeiten mit Amy Winehouse, Christina Aguilera, Lily Allen, Robbie Williams, Bruno Mars oder Lady Gaga, wurde von Puristen, die QOTSA ohnehin schon seit Jahren Ausverkauf vorwerfen, ebenfalls scharf kritisiert. Angesichts der teils schwachbrüstigen Drumsounds, die an die Stelle der sonst so donnernden Rhythmussektion traten, teilweise durchaus zu Recht.

Die Vorband schien dann erst recht wie ein böses Omen: Statt eine von zigtausenden jungen, spannenden (Desert/Stoner/Experimental/Psychedelic/Noise/Elektro-)Rockbands auf diesem Planeten zu verpflichten, entschied sich irgendwer (Josh Homme? Die Booking-Agentur? Satan?) für die Parodie einer („Indie“-)Rockband: Bei „Broncho“ aus Oklahoma war nicht ein einziger eigenständiger, origineller Gedanke festzustellen: der Sänger ein hopsender Pseudohippie in wallendem Gewand und mit enervierend quengeliger Stimme; in jedem Song hysterisches Gekiekse und ab und an ein paar Feedback-Schleifen, die wohl Leidenschaft und Gefährlichkeit signalisieren sollten, aber höchstens unfreiwillig komisch wirkten; dazwischen einige abgeschmackte „Shalala“-Chöre und, besonders befremdlich, ein paar zusammenhanglose „Tequila, Tequila“-Rufe am Anfang und Ende des Sets. Wenn es so um die Rockmusik insgesamt bestellt wäre, dann wäre sie tatsächlich am Ende. Selten hat eine halbe Stunde länger gedauert – der schlechte Wortwitz „Bronchostop!“ möge mir als Apothekerkind da erlaubt sein.

Wenn eine Vorband in erster Linie die Aufgabe hat, Lust auf die Hauptband zu machen, dann kann man in diesem Fall nur sagen: Übung gelungen – wenn auch anders als geplant. Jedenfalls ließ der extrem schwammige, breiige und konturlose Sound aus der Anlage diesbezüglich auch für Queens of the Stone Age Schlimmes erwarten.

Doch so wie sich das Album „Villains“ bei näherem Reinhören doch nicht als Totalausfall erweist, zerstreute sich auch die Befürchtung, es könnte ein Konzertabend zum Vergessen werden, rasch. Denn Frontriese Josh Homme und seine aktuelle Bandbesetzung mit Troy Van Leeuwen, Dean Fertita (beide Gitarre), Michael Shuman (Bass) und Jon Theodore (Schlagzeug) legten – nach langer Pause und entsprechend gespannter Erwartung in der Halle – gleich gewaltig los.

Der Einstieg in die Setlist fiel überraschend aus: Statt mit mehreren neuen Songs zu starten und eventuell gleich die Stimmung zu bremsen, legten QOTSA ausgerechnet mit dem eher obskuren „If I Had a Tail“ vom Vorgänger „…Like Clockwork“ los – worauf Kollege Philipp im Vorfeld noch scherzhaft getippt hatte. Es folgten „Monsters in the Parasol“ vom Durchbruchalbum „Rated R“ und das mächtige „My God Is the Sun“. Der Sound war stellenweise nicht perfekt, aber fett und druckvoll, die Stimmung in der Halle sofort am Kochen. Es wurde gedrängt, geschubst und bald auch vereinzelt gecrowdsurft. Das bleib auch beim wuchtigen „Villains“-Opener „Feet Don’t Fail Me“ und bei „The Way You Used to Do“ so. Gerade letzterer Song, da waren sich im Freundeskreis alle einig, funktionierte live ungleich besser als auf Platte/im Radio/auf Spotify.

In manchen Momenten merkte man da, dass die im Zusammenhang mit dem neuen Album oft genannten Disco- und Dance-Einflüsse (Josh Homme hat immer wieder sein Interesse an Tanzmusik dieser Art bekundet) durchaus reizvoll klingen können. Und so überraschend oder weit hergeholt sind diese Soundzutaten ja auch gar nicht: Schließlich haben sich QOTSA schon immer dadurch ausgezeichnet, dass sie das bisweilen zackig-steife, martialisch-maskuline bis stumpfsinnige Genre des harten Rock mit einem Groove aufluden, der zugleich sexy und gefährlich klingt – und durchaus auch etwas mit Rhythmen aus elektronischer Musik oder Hip-Hop zu tun hat. Die vielstrapazierte Bezeichnung „Stoner Rock“ habe ich bei QOTSA nie allzu treffend gefunden, für mich ist das harte Rockmusik mit einer Extraportion Groove.

Zunächst setzte sich die Setlist mindest ebenso zwingend fort: mit dem lärmigen „You Think I Ain’t Worth a Dollar, but I Feel Like a Millionaire“ vom epochalen „Songs for the Deaf“-Album und dem glühend heiß servierten Hitblock aus „No One Knows“ (mit Spezialeinlage von Ex-Mars-Volta-Drummer Jon Theodore) und „The Lost Art of Keeping a Secret“. Spätestens da war die Stimmung im restlos ausverkauften Zenith am, Entschuldigung, Zenith – und man verlor die Kumpels in den Massen endgültig aus den Augen.

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Kosmischer Klanggottesdienst. Oder: Von der Geborgenheit im Lärm

Konzertbericht: Acid Mothers Temple & the Melting Paraiso U.F.O. (Support: Dirty Fences), PMK Innsbruck, 30. September 2017

Wenn am Tag danach die Ohren pfeifen, bedeutet das normalerweise nur, dass der Rezensent mal wieder zu blöd war, auf Ohropax zurückzugreifen. Doch es gibt Konzertabende, an denen man das „Pfeifen danach“ quasi als notwendige, ja unausweichliche Konsequenz in Kauf nimmt – Abende, an denen Ohropax nicht einmal dann in Frage kämen, wenn man ausnahmsweise mal daran gedacht hätte, sie einzupacken. Gestern war ein solcher Abend.

Für einen vergleichsweise bodenständigen, dafür umso energetischeren Auftakt sorgten die Dirty Fences aus New York, die geradlinigen, schnörkellosen Garagenrock mit beträchtlicher Oktanzahl nach Tirol mitgebracht hatten. Die Rasanz und Vitalität DER New Yorker Punkband, nämlich der Ramones, schimmerte hier stetig durch, nicht nur wegen eines Schlagzeugers im Tommy-Ramone-Gedächtnislook, der die Songs im Blitzkrieg-Bop-Tempo einzählte: 1, 2, 3, 4 – und dann direkt auf die Zwölf (wie unsere nördlichen Nachbarn es vielleicht beschreiben würden).

Dazu setzte es eine fette – nicht nur vom anwesenden Chef des Downtown Sound Record Stores begeistert zur Kenntnis genommene – Dosis Power Pop (generell ein sträflich unterschätztes Genre, wie ich finde) mit wunderbarem Harmoniegesang, an dem alle vier Bandmitglieder mitwirkten. Andere Passagen ließen wiederum eher an frühen (Proto-)Metal denken. Kurz gesagt: Das Rad wurde hier nicht neu erfunden, aber ganz wunderbar zum (Rock ’n‘)Rollen gebracht.

Mit Anmoderationen wie „This next song is Teen Angel from our new album Teen Angel“ und unmittelbar darauf „This next song is Goodbye Love from our new album Goodbye Love“ vermittelten die Dirty Fences ebenfalls den Eindruck, dass im Leben nicht immer alles so furchtbar kompliziert sein muss. Dazu passte auch, dass sich die restlichen Zwischenansagen der Band vor allem um den (vom Publikum nicht erfüllten) Wunsch nach Marihuana drehten. Und so herrschte am Ende trotz versagter Zugabe das, was nach einer feinen Vorband immer herrschen sollte: gute Laune nämlich.

Auf das, was nun folgen sollte, wurde man mit dem knackig-kurzen Set der Dirty Fences inhaltlich freilich denkbar schlecht vorbereitet – nämlich auf den jenseits herkömmlicher Zeit- und Raumgrenzen existierenden kosmischen Freakout mit dem japanischen Avantgarde-Psychedelic-Rock-Kollektiv Acid Mothers Temple.

Rund um den Zentralplaneten namens Acid Mothers Temple kreist eine verwirrende Vielzahl an verschiedensten Inkarnationen, Veröffentlichungen und Kollaborationen. Die greifbarste und wichtigste Manifestation sind dabei aber „Acid Mothers Temple & the Melting Paraiso U.F.O.“. Und gleich vorweg: Deren denkwürdiger Auftritt in Innsbruck gestaltete sich deutlich weniger knallig, grell und forciert-krass, als der ausufernde Bandname, das abgedrehte Artwork und durchgeknallte Albentitel wie „Does the Cosmic Shepherd Dream of Electric Tapirs?“ oder „Astrorgasm from the Inner Space“ (mich) im Vorfeld vermuten ließen. Auch um billige Schauwerte ging es hier – trotz eines Bandmitglieds im schäbigen Transvestitenlook und eindrucksvoller Kopf- und Gesichtsbehaarung bei den anderen – in keinster Weise. Vielmehr war es allem sonischen Wahnsinn zum Trotz ein würdevoller, majestätischer Auftritt, getragen von grenzenloser Hingabe und geradezu heiligem Ernst.

„Heilig“ war überhaupt ein Wort, das mir an diesem Abend ständig durch den (musikalisch) benebelten Kopf schwirrte. Denn Acid Mothers Temple tragen das „Temple“ nicht ohne Grund im Namen – das „Konzert“ war im Endeffekt eher so etwas wie ein Gottesdienst. Freilich einer, der auch für Atheisten voll zugänglich war.

Das begann schon beim Bühnen-Habitus der beiden (gefühlten) Frontmänner Kawabata Makoto und Higashi Hiroshi, die ihre kunstvollen Beschwörungen des Lärmgotts stoisch, entrückt und ehrfurchtgebietend wie Hohepriester oder Zen-Meister zelebrierten, verborgen hinter geheimnisvoll wallendem Haupt- und Barthaar. Auch inmitten des kosmischen Klangsturms, den er selbst entfesselt hatte, selbst im dichtesten Nebel aus verfremdeten Gitarrensounds wirkte Makoto stets kühl und beherrscht. Und wenn Higashi sich über seinen Roland-Synthesizer beugte oder hin und wieder gravitätisch in sein Theremin griff (by the way, more theremin!), machte das ohnehin den Eindruck, als würde er mit geweihten liturgischen Geräten hantieren.

Und auch wenn es ein Klischee sein mag: Ich persönlich hatte das Gefühl, als würde durch die dichten, narkotisierenden Lärmschwaden stets eine Art von fernöstlicher Spiritualität durchschimmern, gewissermaßen ein Streben nach Entäußerung, Selbstaufgabe und (bewusstem) Kontrollverlust, der Wunsch nach mystischem Aufgehen in etwas Größerem, Kollektivem und Kosmischem.

Trotz alledem – und das machte diesen Auftritt so großartig – herrschte hier nie auch nur ein Hauch von esoterischer Gefälligkeit oder Räucherstäbchenalarm, das Klangbild war in keiner Sekunde zu gediegen und lieblich. Im Gegenteil: Das entfesselte, extrem druckvolle Schlagzeug und Basslinien wie aneinanderreibende Kontinentalplatten sorgten für eine gewaltige, festungsartige Basisstation, von der aus die Trips in fremde Klanguniversen umso eindrucksvoller gelangen.

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Helden von heit (und gestern). 42 Alternativen zum Austropop

42. Das ist bekanntlich die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

Ganz so groß ist die Reichweite der folgenden 42 Songs, eine kleine Auswahl meiner persönlichen Lieblingslieder aus Österreich, vielleicht nicht. Aber sie zeigt doch auf, was Popmusik in und aus Österreich abseits der indiskutablen Austropop-Schublade alles sein kann. (Und dient mir zugleich als Pubquiz-Playlist. Aber das ist eine andere Geschichte).

Himmelwärts (mit Störfeuer)

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 11:
FLOTATION TOY WARNING – KING OF FOXGLOVES (2017)

Auch so etwas, was man viel öfter tun sollte: Einfach mal in den Laden gehen und ein Album kaufen. Ganz altmodisch: Ohne zu wissen, was einen erwartet, ohne alles gleich zu Tode zu wikipedisieren, ohne die Bewertungen bei Pitchfork oder die Kommentare unter den YouTube-Videos zu lesen. Ja, das geht!

Was mich im Fall von Flotation Toy Warning neugierig gemacht hat: Schönes Cover-Artwork, ein komischer, höchstens mal im Vorbeigehen aufgeschnappter Bandname und mein Faible für lange, skurrile Songtitel, die ich an Künstlern wie Mclusky („The Difference Between Me and You Is That I’m Not on Fire“), Future of the Left („Sheena Is a T-Shirt Salesman“) oder Shabazz Palaces („Swerve…the Reeping of All That Is Worthwhile (Noir Not Withstanding)“) schätze.

Diesbezüglich wird man von Flotation Toy Warning mit Monstertiteln wie „Due To Adverse Weather Conditions All of My Heroes Have Surrendered“, „When the Boat Comes Inside Your House“ oder „Driving Under the Influence of Loneliness“ bestens bedient.

Entscheidend für den Kauf war aber, so viel sei eingestanden, vor allem der Cover-Aufkleber, der die neue Scheibe Freunden von Bands wie den Flaming Lips oder den von mir sehr gemochten Grandaddy ans Herz bzw. Ohr legt. Wobei sich diese Querverweise beim praktischen Hören dann gar nicht unbedingt als zutreffend erwiesen. Tatsächlich ist „The Machine That Made Us“ – das sage und schreibe 13 Jahre (!) nach dem Debütalbum von Flotation Toy Warning erschienen ist – stilistisch äußerst schwer zu schubladisieren. „Neo-psychedelia, chamber pop, space rock, dream pop, noise pop, indie pop, experimental rock, ambient pop, indie rock“ hat Wikipedia im Angebot – und damit ist man in etwa so schlau wie vorher. Und das ist erfreulich!

Denn hier greift nicht sofort der notorische „Klingt wie … / Erinnert mich an …“-Reflex. Dazu klingen Flotation Toy Warning zu eigenartig, zu „quirky“, wie der Brite vielleicht sagen würde. Ja genau, britische Exzentrik ist hier in jedem Song spürbar: Schwelgerische Melodien mit lustvoll leidendem Chorgesang treffen auf fast schon altmodische Folk-Grandezza, filigrane bis opulente, aber zum Glück nie überladene Arrangements paaren sich mit einer Neigung zum abwegigen Experiment.

Phasenweise ist „The Machine That Made Us“ eine Platte, über die man sich auch so richtig schön ärgern kann: In „Everything That is Difficult Will Come to an End“ – das mit den schönen Zeilen „I don’t have much time, none of us really do / So I’m fucked if I’ll be spending it with you“ beginnt – taucht zum Beispiel mittendrin unvermittelt ein schleifend-bohrend-quietschendes elektronisches Störgeräusch auf. Für noch enervierendere Dissonanzen ist in „I Quite Like It When He Sings“ gesorgt, das eigentlich mit besonders herrlichen, delikaten Harmonien betört. Diese werden jedoch – und zwar bis zum bitteren Ende – mit einem windschiefen Gesangssample konfrontiert, bei dem man irgendwie an ein paar Besoffene denken muss, die sich mit einem Heliumballon im Aufnahmestudio eingesperrt haben.

Fast wirkt es in solchen Momenten so, als würden Flotation Toy Warning ihrer eigenen Fähigkeit, wunderbare Melodien zu schreiben, nicht über den Weg trauen – und ihre Songs absichtsvoll über den Haufen schießen. Kurz: Sie machen es einem nicht leicht. Aber vielleicht bleibt ihre Musik genau deshalb hängen.

Am eindrucksvollsten sind möglicherweise trotzdem jene Momente, in denen sich die Band voll von ihrer eigenen Melodieseligkeit/-trunkenheit mitreißen lässt – etwa im elektronisch grundierten, mit Beatbox-Rhythmus und herzzereißendem Harmoniegesang versehenen „To Live For Longer Slides“ oder dem fast 13-minütigen Schlussstück „The Moongoose Analogue“: Da entfaltet der „Du-du-du-du-du-du, du-du-dududu“-Chorus eine sanfte, aber umso hynpnotischere Sogkraft – und tieftraurige Zeilen wie „There will be no ‚forever‘ / There will be no ‚til the end of time‘ / Not much, but that much / Is clear to me“ klingen seltsamerweise fast tröstlich.

Besonders schön ist aber das vergleichsweise einfache und geradlinige „King of Foxgloves“, in dem Flotation Toy Warning kein Störfeuer, keine Brüche, keine irritierenden Umwege und Abzweigungen brauchen – hier herrscht ungebrochene Schönheit. Wobei der Song trotzdem sehr raffiniert und gekonnt gebaut ist: Die himmelsstrebenden Harmonien und fein ziselierten Gitarrenläufe, die dann doch irgendwie an die großen Grandaddy denken lassen, stehen in einem reizvollen Kontrast mit dem robusten elektronischen Beat – und doch fügt sich alles organisch zusammen. Kurz gesagt: Ein Song, dessen Schönheit sich nicht aufdrängt, sondern nach und nach entdeckt werden will.

Gibst du uns weitere Anspieltipps? Sehr gern. Probiert es mit „Controlling the Sea“, „To Live For Longer Slides“ und „The Moongoose Analogue“.

Wenn mir das hier gefällt – was könnte mir dann sonst noch gefallen? Hmmm, gar nicht so einfach. Ich musste aus irgendeinem Grund am ehesten an urbritische Sonderlinge und Einzelgänger wie den großen Kevin Ayers, Syd Barrett oder die mir ansonsten völlig unbekannte, deutlich leichtfüßigere (und wohl auch leichtgewichtigere) One-Man-Band „The Voluntary Butler Scheme“ denken, von der ich mir irgendwann mal ein Album gekauft habe.

Letzte Frage: Seit eurem letzten Track der Woche sind über fünf Monate (sic!) vergangen. Geht’s noch??
Äääääh. (Verlegenes Gemurmel). Wir geloben Besserung!

Die spätesten Jahrescharts der Welt – jetzt erst recht!

VON MICHAEL DOMANIG

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wenn das stimmt, ist dem HIT-The-Bassline-Blog die einschlägige Höchststrafe sicher. Denn musikalische Jahresbestenlisten mit größerer Verspätung als die unseren wird man nirgends finden – selbst wenn Jahrescharts-Debütant Johannes die seinen schon am 2. Juni (und damit für die Verhältnisse dieses Blogs in geradezu atemberaubendem Tempo) vorgelegt hat.

Warum man sich unsere persönlichen Top 100 und die dazugehörigen Spotify-Playlists (siehe unten) trotzdem zu Gemüte führen sollte? Weil 2016 ein ausgesprochen spannendes und facettenreiches Musikjahr war, das an den meisten Hörern ohnehin viel zu schnell vorbeigerauscht ist. Und weil gute Musik ja nicht gleich an Qualität verliert, nur weil ein paar Monate vergangen sind.

Soviel zu den alljährlichen Ausreden. Und nun zu ein paar Beobachtungen, was meine persönliche Lieblingsmusik 2016 betrifft:

Zuallererst sticht ins Ohr, dass ein Großteil der – meiner Ansicht nach – besten und relevantesten Songs auch 2016 von Musikerinnen stammten, seien es nun Solokünstlerinnen oder Bands bzw. Projekte, in denen Frauen den Ton angeben. PJ Harvey, Agnes Obel, Prince Rama: Sie würden bei mir auch die Albencharts anführen. Neue, (mir) bisher noch unbekannte Stimmen (OY, Deep Throat Choir, Goat, Tuff Love, Tacocat) wussten ebenso zu überzeugen wie erfahrene Sängerinnen (Lucinda Williams, Marianne Dissard). Und geniale, gewitzte Songschreiberinnen à la Courtney Barnett oder Regina Spektor können scheinbar ohnehin nichts falsch machen.

In Summe stammen mehr als die Hälfte meiner Top 20 von Musikerinnen oder female fronted bands. Und Namen wie Sophia Kennedy deuten schon jetzt drauf hin, dass dies auch in den Jahrescharts 2017 wieder der Fall sein könnte.

Was weiters auffällt: Diverse Nummern, die sanft an der Kitschgrenze entlangschrammen (case.lang.veirs, Bat for Lashes, Cullen Omori …), hatten bei mir diesmal ziemlich gute Chancen. Hat das mit der Weltlage zu tun? Mit der persönlichen psychologischen Großwetterlage? Ist die Suche nach einlullenden, melancholischen Melodien letztlich eine Form von Weltflucht?

Zumindest letztere Frage würde ich mit einem klaren Ja beantworten. Der sogenannte Eskapismus ist meine Meinung nach generell eines vom Wichtigsten und Wertvollsten, was Musik erreichen kann. Das hat nichts mit Realitätsverweigerung oder Nichts-ändern-wollen zu tun – aber gute Musik zeichnet sich eben vor allem dadurch aus, dass man darüber die Zeit (und die Außenwelt) vergisst. Und das ist oft verdammt viel wert.

Apropos Zeit: „Catherine The Great“ von The Divine Comedy, meine – bei den Bloglesern sicher nicht unumstrittene – Nummer eins, könnte mit ihrer klassischen Eleganz und ihren nostalgisch-schwelgerischen Harmonien gut und gerne auch in den 50er Jahren oder gar in der Prä-Rock-n-Roll-Ära entstanden sein (wäre da nicht der saukomische, skurril-postmoderne Text). Klar, das klingt natürlich alles andere als progressiv oder avantgardistisch. Aber: Kein anderes Lied hatte ich in den letzten Monaten so oft im Ohr, im Hirn und auf den Lippen wie diesen perfekten kleinen Popsong – und das zählt für mich am meisten.

Als eine etwas anders gelagerte Ausdrucksform des Eskapismus könnte man übrigens auch eine ganze Reihe von ausufernd-hypnotischen, sanft narkotischen bis unheilvoll dröhnenden Nummern nennen, die sich in den Jahrescharts ebenfalls wiederfinden (Mamiffer, Esben & The Witch, The Swans, King Gizzard, Black Mountain, Goat).

Ganz und gar nicht eskapistisch, sondern meist sehr direkt und oftmals explizit politisch kam 2016 der (US-)Hip-Hop daher, der auch in der Liste des Blog-Kollegen Johannes auffällig stark vertreten ist. Rap als soziopolitisches Sprachrohr erlebt in brisanten Zeiten wie diesen offenbar eine starke Renaissance. Musikalisch klangen dabei nicht nur die erfahrenen, experimentierfreudigen Alternative-Hip-Hopper (A Tribe Called Quest, De La Soul, Aesop Rock …) erfreulich frisch, sondern zum Teil auch der kommerzielle Mainstream-Rap (Macklemore & Ryan Lewis, Rae Sremmurd etc.).

Apropos Texte: Generell gilt zwar It’s the music, stupid!, textliche Inhalte sind im Grunde zweitrangig. Aber 2016 war auf jeden Fall ein Jahr der besonders starken Botschaften, der äußerst gewitzten bis pointierten Texte, zumindest aber der bemerkenswerten Zeilen, die im Kopf bleiben. Also habe ich in der untenstehenden Top-100-Liste bei einem Großteil der Songs markante, zitierfähige oder poetische Textzeilen angegeben (soweit mir diese zugänglich bzw. verständlich waren, Patzer oder Hörfehler nicht ausgeschlossen).

Abschließend, bevor es dann endlich ans Eingemachte geht, noch ein paar Worte zur seltsamen Aufgabe des Listenerstellens, des Songs-nach-ihrer-Güte-Reihens. Ich habe mich darüber kürzlich mit Bloggründer Dave unterhalten, der mit unverhohlener Skepsis in etwa Folgendes fragte: „Kannst du wirklich sagen, dass Platz 20 besser ist als Platz 25 – oder Platz 80? Ist das nicht total willkürlich??“

Ich wies diese ketzerischen Zweifel natürlich kategorisch zurück. Inzwischen bin ich mir aber nicht mehr ganz so sicher: Denn verglichen mit den vergangenen Jahren ist es mir diesmal wirklich deutlich schwerer gefallen, die Lieder zu reihen – sogar die Top 10. Die Plätze 2 bis 6 könnten im Grunde auch in jeder beliebigen anderen Reihenfolge angeordnet sein, auch die Nummern zwischen ca. Platz 10 und ca. Platz 30 gefallen mir diesmal alle in etwa gleich gut.

Und was können wir daraus schließen (abgesehen von einer besorgniserregenden Entscheidungsschwäche meinerseits)? Hat es zuletzt wenig Herausragendes gegeben? Oder eher doch sehr viel Gutes? Die Antwort auf diese Frage hängt vom Grad des eigenen Kulturpessimismus ab – die folgende Liste sollte aber doch sehr viele klangvolle Entscheidungshilfen bereithalten:

TOP 100 SONGS 2016 – MICHAEL DOMANIG:

1. The Divine Comedy – Catherine The Great
With her military might / She could defeat anyone that she liked / And she looked so bloody good on a horse / They couldn’t wait / For her to invade / Catherine The Great

2. Of Montreal – Let‘s Relate
Amalgam, I think that you’re great / Let’s relate!

3. OY – Space Diaspora
We’re paralleled into universe / Residents of new times

4. Agnes Obel – Familiar
Our love is a ghost that the others can’t see

5. PJ Harvey – Near The Memorials To Vietnam And Lincoln
At the refreshments stand / A boy throws out his hands / As if to feed the starlings / But really he throws nothing / It’s just to watch them jump

6. Deep Throat Choir – Be OK
Wasn’t even listening / but now your voice is all that I can hear / Wanna be surrounded by the noises and the beats that keep you near

7. Sleaford Mods – I Can Tell
I just hope, I just hope everything / Gets pulled apart and pushed

8. A Tribe Called Quest – We The People
All you black folks, you must go / All you Mexicans, you must go / And all you poor folks, you must go / Muslims and gays, boy, we hate your ways

9. Voodoo Jürgens – Heite grob ma Tote aus
Heite samma stoiz auf uns / Wir finden sicha no an Grund / Waun kana klatscht, gebn wir Applaus/ Weil heite grob ma Tote aus

10. Prince Rama – Fake Til You Feel
You are calm, you are cool / 100 percent collected / Fake, fake til you feel

11. Lucinda Williams – Ghosts Of Highway 20
Run down motels and faded billboards / Used cars for sale and rusty junkyards / This two lane blacktop will never let me / Let go of the ghosts along highway twenty

12. Marianne Dissard – In The Aeroplane Over The Sea
And one day we will die / And our ashes will fly / From the aeroplane over the sea / But for now we are young / Let us lay in the sun / And count every beautiful thing we can see

13. Case/lang/veirs – Delirium
The smell upon your skin is fireworks

14. Goat – Goatfuzz
Now words are nothing

15. Teleman – Düsseldorf
Don’t you want to know why I left you there / All alone on the carousel spinning away?

16. PJ Harvey – The Orange Monkey
When I returned I ran to meet / The monkey, but his face had changed / He stood before me on two feet / The track was now a motorway

17. Tacocat – FDP
So tired, so spent / Functioning at ten percent / What ever you need / Have to ask me next week

18. Tuff Love – Duke
Our sad ambitions always tinged with fear

19. Beyond The Wizard’s Sleeve – Door To Tomorrow
She opens the door to tomorrow / Through scented fields I did follow

20. Black Mountain – Florian Saucer Attack
Florian saucer attack, it’s over / Zero one data, one two, one two / Calculated dreams, graphs and numbers / Zero one data, one two, one two

21. Agnes Obel – Trojan Horses
These bare bones are made of glass / See through to the marrow as they pass

22. Parquet Courts – Human Performance
I know exactly where I was when I / First saw you the way I see you now

23. Courtney Barnett – Three Packs A Day
That MSG tastes good to me / I disagree with all your warnings / It can’t be true that they use glue / To keep the noodles stuck together

24. Prince Rama – Fantasy
Crimson waters / Calls from another land

25. Der Nino aus Wien – Praterlied
Bis öfe kaufst beim Nah & Frisch / An Leberkas und Dosenfisch / Dazua vielleicht a Gösserbier / Dann redn di die Madln an / Du sagst naa und gehst wieder ham / Zhaus spüst a bissl FIFA und valiast

26. Stick in the Wheel – Bows Of London
And he made a fiddle out of her breastbone / Hey hey the grinding / Sound would pierce the heart of a stone / By the bonny bonny bows of London

27. Billy Bragg & Joe Henry – The L & N Don’t Stop Here Anymore
I was born and raised in the mouth of the Hazard Hollow / With the coal cars rollin‘ and rumblin‘ past my door / Now they’re standing in a rusty row of empties / Cause the L & N don’t stop here anymore

28. Aesop Rock – Kirby
Cold met a cat lady in a parking lot / She got the heroes of tomorrow in a cardboard box /
And probably hoarding 40 more in the corners of Fort Knox

29. The Burning Hell – Men Without Hats
And so I discovered another world of music / Where the kids are alright just like The Who said / You count to four and then play the one or two chords you sort of know / Where ‚Hey ho, let’s go‘ is a legitimate chorus / And you can search the stacks and thumb the thesaurus / But there’s no synonym for rock & roll

30. Vague – Vacation
We need to float, when we’re in time

31. Mamiffer – Flower Of The Field II
It’s time I let you go to nowhere

32. The Burning Hell – Fuck The Government, I Love You
‚Pass the wine, fuck the government, I love you‘ / Three statements overheard at once in a crowded room / But I could not be sure which one had come from you / So I passed you the wine and said: ‚Yes, fuck the governmen, I love you too‘

33. Angel Olsen – Shut Up Kiss Me
A love so real that it can be ignored / It’s all over baby blue / I’m still yours / I’m still yours

34. A Tribe Called Quest – Solid Wall Of Sound
Like marauders on a mission / When we killin‘ dancehalls

35. Jackie Lynn – Chicken Picken
Up north, downtown / The only real deal is in the soulside / Come on and take a ride

36. Fritz Helder – Force Of Nature
Nikkei, Nasdaq, Hang Seng, Dow Jones / Watching all the money pile up compounds

37. Lucy Dacus – I Don’t Wanna Be Funny Anymore
Is there room in the band? / I don’t need to be the front man / If not, then I’ll be the biggest fan

38. Cass McCombs – Run Sister Run
My sister’s a Queen, she ain’t no concubine / Don’t call my sister no concubine, she is the Mother of Creation / Who are you? / Who are you to call her a concubine?

39. Jim James – Same Old Lie
But nothing is more difficult than changing what’s been comfortable

40. On Dead Waves – California
There’s no wave, there’s no wave, there’s no wave in the world / That will keep crushing my body like you do, girl

41. Mamiffer – Mara
?

42. Macklemore & Ryan Lewis – Buckshot (feat. KRS-One & DJ Premier)
Just copped that new Boot Camp tape / The neighbors keep complaining ‘bout too much bass / Bang, bang, let me do my thing / Give me two cans and you gon’ know my name!

43. Regina Spektor – Small Bill$
He had spent it all on chips and Coca-Cola / He had spent it all on chocolate and vanilla / He had spent it all and didn’t even feel it

44. John Carpenter – Angel’s Asylum

45. Xiu Xiu – Falling
Don’t let yourself be hurt this time

46. Swans – The Glowing Man
Joseph is standing behind my back / Joseph is digging his hands in my chest / Joseph is drinking the light in my lung / Joseph is moving his tongue in my neck / Joseph is riding a vein in my head / Joseph is cutting my arm on his bed / Joseph is making my body fly / Joseph is me and you are a liar!

47. Stick In The Wheel – Seven Gypsies
What care I for me goosefeather bed / With the sheet turned down so bravely-O? / For tonight I will sleep in the cold barren shed /All along with seven of the gypsies-O

48. Rykarda Parasol – Valborg’s Eve
Arise! Dab sleep from your eyes / Make way for strange times / Advance to the sky!

49. Preoccupations – Degraded
Degrade into / A fraction of yourself

50. Fuzzman & The Singin‘ Rebels feat. MGV Obermillstatt – Für eine Handvoll Gras
Geh doch nach Denver, rauch dich ein, wirst seh’n, das tut dir gut / Für eine Handvoll Gras, ein bisschen Peace & Love

51. Kevin Morby – I Have Been To The Mountain
I have been to the mountain / And I have walked on his shore / I have seen / But I can’t see him no more

52. The Divine Comedy – The Pact
This is our pact / This is the treaty that we’ve signed / What one may lack / The other party will provide / And everyone must know / You mess with one, you mess with both / And together we’ll beat the bastards back / This is our pact

53. Esben And The Witch – Sylvan
Come with me / To the place / Where the walls are weak / Come with me!

54. Julianna Barwick – Same
?

55. Agnes Obel – Golden Green
It’s coming at, it’s coming at, it’s coming at my heart / To spoil my soul with fire

56. Gurr – Walnuss
Schau mal weg, ich zieh‘ mich aus / Bevor du’s weißt, hab ich mich ausgetauscht / Wir nehmen teil an der Belanglosigkeit

57. Bankz & Steelz – Wild Season (feat. Florence Welch)
I stay alone, skipped a stone / From the known to the unknown/ Feeding fires, spinning tires, getting even

58. PJ Harvey – The Ministry of Defence
Broken glass / A white jawbone / Syringes, razors / A plastic spoon / Human hair / A kitchen knife / And a ghost of a girl / Who runs and hides / Scratched in the wall in / Biro pen / This is how / The world will end

59. Valina – 500 Million Hooligans
500 million hooligans / In front of my own door / 500 million citizens / What are they looking for?

60. A Tribe Called Quest – Whateva Will Be
Are you amused by our struggles? / The English that’s broken? / The weed that I’m smokin‘? / The guns that I’m totin‘? / The drugs that I’m sellin‘? / No need for improvement / Fuck you and who you think I should be / Forward movement

61. King Gizzard & The Lizard Wizard – People-Vultures
People-vultures / God approaches / Final hearing / What else have I got left to spew down?

62. Die Heiterkeit – Pop & Tod
Der gleiche Ort, die gleiche Stelle / Der gleiche Platz, die gleiche Schwelle / Es ist ein anderes Lied

63. Wilco – If I Ever Was A Child
And I cry like a window pane

64. Leonard Cohen – You Want It Darker
Hineni, hineni / I’m ready, my Lord

65. David Bowie – Girl Loves Me
Where the fuck did Monday go?

66. PJ Harvey – The Community of Hope
And here’s the one sit-down restaurant / In Ward Seven, nice / OK, now this is just drug town, just zombies / But that’s just life / In the Community of Hope

67. Greenleaf – A Million Fireflies
And I just fall in line / Under a million fireflies

68. Barns Courtney – Glitter & Gold
Do you walk in the meadow of spring? / Do you talk to the animals? / Do you hold their lives from a string? / Do you ponder the manner of things / In the dark?

69. Xixa – Shift And Shadow
To the left are all the things that glow / Blood and fame in the night

70. On Dead Waves – Blue Inside
Well, I believe that you roam free /So why do you keep on haunting me?

71. Andrea Schroeder – Kingdom
This is our kingdom / A kingdom without crowns / This is our kingdom / We’re the phantoms of our towns

72. Rae Sremmurd – Black Beatles (feat. Gucci Mane)
Smoke in the air, binge drinking / They lose it when the DJ drops the needle

73. Xiu Xiu – Laura Palmer’s Theme

74. Yukno – Zu meinen Göttern
Herzlich willkommen, komm schenk dir ein / Wir trinken gegen ‘s Alleinesein

75. Radical Face – Everything Costs
Face pressed into your hands / Couldn’t tell if you were crying or laughing / They both sound the same

76. The Handsome Family – Gold
The Stop ’n‘ Go’s closed / The coyotes they moan / And the wind’s rolling beer cans down the street / But the sun’s sinking down, spilling gold on the ground

77. The Coral – Connector
We come together, then we come apart

78. Wovenhand – The Hired Hand
He command the grave and sea / Give up your dead, oh, give up your dead

79. Beyond The Wizard’s Sleeve – Delicious Light

80. Violent Femmes – I Could Be Anything
I’ll fight the fearful dragon / I’ll kill him with my sword / I always fight big dragons / Especially when I’m bored

81. PJ Harvey – Chain Of Keys
Imagine what / Imagine what her eyes have seen / We ask but she / We ask but she won’t let us in

82. The Goon Sax – Boyfriend
And if I had a boyfriend / I’d tell him I care / And if I had a boyfriend / Well I’d cut his hair

83. Matthew E. White – Cool Out (feat. Natalie Prass)
If you were here now, I wouldn’t mind / That would be okay, baby, that would be fine

84. De La Soul – Memory of … (US) (feat. Estelle & Pete Rock)
Cause it’s so easy to fall / Back to the memory of / And it’s easy to recall the good and fall into place / But you’re not easy to love / I love the memory of …

85. Calypso Rose – Abatina
(They) said she she wanted to marry above her / All she want was someone to love her

86. Future Of The Left – Back When I Was Brilliant
I can verify that your purchase is important to us / Our company and our values / Policy is not a comment / But in your case I will make an exception

87. Justice – Stop
So many nights / So many memories

88. Boys Forever – Voice In My Head
Everything’s easy when you’re sleeping

89. Swans – Finally, Peace
Your glorious mind (Your glory is mine)

90. The Chemical Brothers – Wide Open (feat. Beck)
I’m wide open / But don’t I please you anymore? / You’re slipping away from me / You’re drifting away from me

91. Ryley Walker – The Roundabout
And you cry like you’ve never seen water / Come to think of it / I think my dad wanted a daughter

92. Cullen Omori – Synthetic Romance
Well hey hey hey, you know / Love like a sinking stone

93. Ty Segall – Candy Sam
Pick me up / I am done / Candy’s gone / No more fun

94. Sampha – Blood On Me
I swear they smell the blood on me / I hear them coming for me

95. Michael Kiwanuka – Black Man In A White World
I’m in love but I’m still sad / I’ve found peace but I’m not glad / All my nights and all my days / I’ve been trying the wrong way

96. Bat For Lashes – Sunday Love
She’s in my bedroom / Now I can’t fight

97. Franz Fuexe – Kaunst da denga
Es waaß a jeds Kind und a jeda oide Mau / Wann de Fuexe aufspün, ham aa de Nochborn wos davau

98. Car Seat Headrest – Fill In The Blank
If I were split in two I would just take my fists / So I could beat up the rest of me

99. Granada – Palmen am Balkon
I brauch ka Jesolo / Und ka Lig-nano / I brauch kan Strand / Denn i bin eh am Sand

100. Iggy Pop – Paraguay
Wild animals they do / Never wonder why / Just do what they goddamn do

Chris, der Polizistentöter. Meine drei Lieblingssongs von Chris Cornell

Aus gegebenem, traurigem Anlass statt eines Nachrufs hier einfach drei meiner persönlichen Lieblingslieder von Chris Cornell:

3.) Ty Cobb:
Ein kleines Meisterstück in Sachen Dramaturgie, das Soundgarden nicht von ihrer zähflüssigen Hardrock-Seite (die natürlich ebenfalls nicht zu verschmähen ist) zeigt, sondern von ihrer rasanten, konfrontativen, punkig-energiegeladenen Seite. Schließlich war „Grunge“ (sofern man diesen von den maßgeblichen Bands selbst immer kritisch gesehenen Schubladenbegriff überhaupt verwenden will) vor allem eines: harter Rock, gespielt und wiederbelebt im Geiste des Punk.

Das Lied stammt vom sträflich unterschätzten, für lange Zeit letzten Soundgarden-Album „Down on the Upside“ (1996), das mit Songs wie Rhinosaur, Blow Up the Outside World, Burden in My Hand, Never Named, No Attention, Overfloater, An Unkind, Boot Camp und vor allem dem unsterblichen Eröffnungslied Pretty Noose (siehe unten) eine Großtat nach der anderen bereithält. Damals ging das Album vergleichsweise eher unter – nach dem Tod von Kurt Cobain war der große Grunge-Hype schon wieder vorbei. Was diese Scheibe nur umso magischer (und sympathischer) schillern lässt.

Ein Album, das mehr Energie freisetzt als ein TGV – oder eine Boeing (auch aus Seattle).

Der titelgebende Ty Cobb war übrigens ein ebenso berühmter wie umstrittener amerikanischer Baseballspieler. Als Teenager in Vor-Wikipedia-Zeiten war ich allerdings fest davon überzeugt, Ty Cobb wäre eine bewusste Verballhornung von „Die, Cop!“ – und hielt den Song folglich lange für eine Anti-Polizei-Hymne, etwa im Sinne des beliebten Sprayer-Kürzels ACAB … Ach, süßer, naiver Vogel Jugend!

2.) Pillow of Your Bones:
Chris Cornells Solokarriere hatte ihre Höhen und Tiefen (das von Timbaland produzierte Album „Scream“ war für viele Rockisten der ultimative Sündenfall), auch die Alternative-Rock-Supergroup Audioslave hatte glühende Befürworter und Gegner. Doch dieses düster glänzende Juwel vom ersten Cornell-Soloalbum „Euphoria Morning“ ist über jeden Zweifel erhaben.

1.) Pretty Noose:
Was soll man dazu noch sagen? Eines meiner absoluten Lieblings-Musikstücke EVER, das mich in genau jener jugendlichen Lebensphase erreichte, in der man von Musik vielleicht stärker und bewusster geprägt wird als jemals davor und danach, in der man einfach hungriger und empfänglicher ist als später, weniger abgestumpft und abgeklärt. Bis heute weiß ich genau, dass dieses Lied Track Nummer 13 auf der Soundgarden-Compilation „A-Sides“ war, meinem ersten Berührungspunkt mit dieser tollen Band.

And I don’t like / What you got me hanging from

PS: Ja, die Jahrescharts (2016!) kommen auch noch … But first things first.

Wörgl? Graz? Amerika!

Konzertbericht: Son of the Velvet Rat, Astnersaal Wörgl (Hotel Alte Post), 8. April 2017

Man mag ja zur Globalisierung stehen, wie man will. Aber in der Popkultur ist sie seit jeher eine Tatsache, wenn nicht sogar eine grundlegende Voraussetzung. Ohne internationalen Austausch, ohne wechselseitige Inspiration, ohne den Blick über den Tellerrand gäbe es keine vitale Popkultur. Vielleicht sind Globalisierung und Pop sogar ein und dasselbe Phänomen.

Und das digitale Zeitalter macht hier vieles möglich, was vor ein paar Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wäre. Zum Beispiel, dass der kulturelle Austausch bzw. die Globalisierung auch wieder in die Gegenrichtung verläuft – wenn zum Beispiel uramerikanische Musik von steirischen (!) Musikern quasi in die USA reimportiert wird. Und dort, im Mutterland, mittlerweile auch deutlich wahrgenommen und gewürdigt wird.

Georg Altziebler, Frontmann der Grazer Band Son of the Velvet Rat, die auf Einladung des Kulturvereins SPUR. kürzlich schon zum vierten Mal in Wörgl zu Gast war, lebt das, was man heute zusammenfassend meist als „Americana“ bezeichnet, mit vollem Herzen und grenzenloser Leidenschaft, wahrscheinlich leidenschaftlicher als viele amerikanische Musiker selbst. Das betrifft nicht nur die Musik, sondern auch den ganzen sie umgebenden Mythen-Kosmos voll Wüstenstaub, sengender Sonne, endlosen Highways und all den großen und kleinen Schicksalen und Gefühlen, die diesen Kosmos bevölkern. Es ist ein Mythos, der im Grunde größer ist als die Realität selbst – und genau darin liegt sein unerschöpflicher Reiz.

Altziebler hat sich diesem Kosmos mit Haut und Haaren verschrieben. Das jüngste SotVR-Album „Dorado“ (noch so ein mythisch aufgeladener Begriff) wurde in den USA mit amerikanischen Musikern aufgenommen. Produziert hat das Ganze niemand Geringerer als Joe Henry, der etwa für seine Grammy-geadelte Kooperation mit dem späten Solomon Burke („Don’t Give Up On Me“) bekannt wurde. Zuletzt, 2016, hat Henry mit dem großen englischen Polit-Folk-Barden Billy Bragg ein ergreifendes Album mit „Field Recordings From The Great American Railroad“ eingespielt, aufgenommen in Bahnhöfen und an Bahnstationen. Auch die Eisenbahn, die ein schier endloses, vielfältiges Land durchzieht, ist ja so ein großer – inzwischen leider ziemlich verkümmerter – amerikanischer Mythos.

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Altziebler und Familie leben inzwischen sogar einen Teil des Jahres in den USA, haben dort auch intensiv getourt – und beweisen, dass Americana nicht zwingend von Amerikanern gemacht werden muss, um zu überzeugen. Vielleicht braucht es – wie so oft – sogar den Blick von außen, um dieses reiche kulturelle Erbe und seine andauernde Aktualität richtig wahrzunehmen und auf die Amerikaner zurückzuspiegeln. In diesem Sinne äußert sich jedenfalls auch Joe Henry in den Liner Notes zu „Dorado“:

„I sometimes believe that as sprawling and confused as our national character has become, it requires a foreigner to actually make sense and whole cloth of its particular alchemy – to see it clearly, as if from the fire tower high above us.“

Generell heimsen SotVR inzwischen nicht nur in Österreich regelmäßig großes Kritikerlob ein, sondern auch in der amerikanischen Alt(ernative-)Country- und Folk-Szene. So erzählte die Hohepriesterin des Genres, die große Lucinda Williams, in einem Interview auf Stereo Subversion:

„There’s a band from Austria of all places who we heard here. It’s a husband and wife team called Son of the Velvet Rat. He’s got this great sexy, gravelly voice. (…) It’s beautiful melodies and sort of this Nick Drake, Mark Lanegan kind of thing. I freaked out when I saw them at this little place called the Hotel Cafe.“

Mit Lucinda Williams haben SotVR übrigens auch schon zusammengearbeitet, ebenso mit dem ehemaligen Wilco-Schlagzeuger Ken Coomer, der zwei Alben produzierte, oder mit dem grimmigen Genie Kristof Hahn (Swans, Les Hommes Sauvages, Justice Hahn). Kein Zweifel, SotVR sind längst angekommen.

Bestens angekommen (hey, was für ein eleganter Übergang!) ist die Band auch im Wörgler Astnersaal, dessen altehrwürdiger, in die Jahre gekommener, schäbig-eleganter Charme wunderbar mit dem Folk Noir von SotVR korrespondierte.

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Zuvor hatten The Tiptoes aus Graz (Bild oben) in Duo-Formation schön sanft auf den Konzertabend eingestimmt. Sängerin Miriam Bichler hat eine (wunder-)volle Indiepop-Stimme, von der man sich gerne hypnotisieren lässt. Nur mit akustischer Gitarrenbegleitung klang das Ganze auf Dauer dann aber doch ein klein wenig gleichförmig, man hätte sich zwischendurch gewünscht, die vollständige Band zu hören (ich persönlich bin generell kein großer Fan von Akustik-/Unplugged-Formaten). Dennoch ein wirklich feiner Auftakt, der vom aufmerksamen Publikum geradezu euphorisch beklatscht wurde.

Welche Vorzüge eine vollständige Bandbesetzung in puncto Wucht und Facettenreichtum haben kann, bewies im Anschluss die Hauptband: Denn obwohl Son of the Velvet Rat bisweilen als das „Projekt“ von Georg Altziebler wahrgenommen werden, sind sie in Wirklichkeit eine komplette, bestens eingespielte und „geölte“ Liveband, die zu vielerlei Stimmungen, Tempi und Klangfarben fähig ist.

Na gut, Altzieblers aufgerauhte Bassstimme, die an einen verletzlicheren Johnny Cash oder einen waidwunden Tom Waits denken lässt, steht natürlich schon im Mittelpunkt des SotVR’schen Klangbildes. Und es ist seine große Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit, die Abwesenheit jeglicher „cooler“ Ironie, die viel vom Reiz und der Würde dieser Songs ausmacht. (Nicht umsonst wird im Zusammenhang mit SotVR gerne auf das traurige Countrygenie Townes van Zandt verwiesen). Aber dass es so ein abwechslungsreicher und vielschichtiger Konzertabend wurde, lag nicht an Altzieblers Stimme – die zwar markant und eindrucksvoll, aber nicht unbedingt allzu wandlungsfähig ist -, sondern in erster Linie an der äußerst kompetenten Band.

Da ist zunächst Altzieblers Frau Heike Binder zu nennen, die am Keyboard und an der Ziehharmonika vielfältige Akzente setzte und wunderbare Background Vocals beisteuerte. Die reizvolle Kombination aus dunklem Brummbass und einer hellen, leichtfüßigeren weiblichen Stimme wird ja spätestens seit Lee Hazlewood und Nancy Sinatra im Pop immer wieder gern genommen (siehe Mark Lanegan und Isobel Campbell uvm.).

Zu den feinen Vokalharmonien trugen bisweilen auch die anderen drei Musiker bei: Multiinstrumentalist Kolja Radenkovic, der funkelnde Gitarrensoli, flirrende Mandolinenklänge und – besonders schön – vereinzelte Vitaminschübe aus der Trompete bereithielt; der wunderbare Schlagzeuger Michael Willmann, der dem Gesamtsound eine unerwartete Wucht und Dynamik gab; und der stoische Bassist Albrecht Klinger. Sie alle bewegten sich mit großer Sicherheit zwischen elegischen Countryklängen, Chansons und aufgeräumtem Folkrock.

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Am besten waren Son of the Velvet Rat an diesem Abend – aus meiner Sicht – immer dann, wenn sie als Band so richtig ins Schwingen kamen, zwischendurch auch einmal das Tempo anzogen und manchmal sogar wild und laut wurden. Da merkte man dann, dass zu Altzieblers Einflüssen zum Beispiel auch die Country-Punks von Dead Moon zählen sollen. Zwischen treibenden und zugleich verspielten Rhythmen, pulsierenden Trompetenstößen und Altzieblers gelegentlichen Mundharmonika-Soli (in Bob-Dylan-Manier schön rau und schneidend gespielt) war immer wieder große Spielfreude zu spüren. Und die entlockte auch dem sehr ernst und asketisch wirkenden Altziebler mehrfach ein breites Grinsen.

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