Feel the Bassline. Folge 1: Deutschpop

In einem Werbekatalog der Gitarrenfirma ‚Gibson‘ aus dem Jahre 1928 heißt es: „Hören sie sich moderne Musik an, und Sie werden herausfinden, dass der Bass eines der wichtigsten Instrumente ist. Denn er fügt der Musik jene tiefen, dunklen Pulsschläge hinzu, die Herz und Seele des wahren Rhythmus sind.“ Die hier so pseudo-poetisch formulierte Sehnsucht nach werbewirksam brummelnder Tiefenvibration konnte bislang jeden musikalischen Trend überleben. Jazz ohne Bass? hmm, komisch. Metal ohne Bass? Geht nicht. Techno ohne Bass? Haha! Vor 13 Jahren formulierte Das Bo die fast schon körperliche Abhängigkeit von tiefen Frequenzen in überaus knackigen Worten: „Bass! Bass! Wir brauchen Bass!“ …und, gewiss: wir haben ihn bekommen!  Zahlreiche Tieftonvirtuosen zaubern uns noch heute mithilfe massiven Schalldrucks ein befriedigendes Kribbeln in die Magengegend. Tief wummernde Sub-Bässe lassen bisweilen ganze Körper ins vibrierende Delirium entgleiten… Wer einmal am eigenen Leib diese körperliche Berührung durch Musik spüren konnte (zum Beispiel auf einem Konzert von James Blake oder Ben Frost), wird sich wohl unweigerlich gefragt haben: Wozu ist ‚Bass‘ eigentlich nicht in der Lage? Als potenter Mischling aus Rhythmus- und Melodie-Instrument kann der ‚Bass‘ mühelos Tanzbeine schwingen lassen, die vorher steif in der Gegend herumstanden. Ebenso leicht fällt es ihm jedoch auch, filigran tonale Bögen zu spannen. Das muss ihm erstmal einer nachmachen…

Grund genug jedenfalls, den Tieftönern hier mal eine eigene Reihe zu widmen. Folge 1 beginnt beschaulich: Der Bass im ‚Deutschpop‘. Präsentiert werden 16 Beispiele für die Virtuosität des Tieftongenerators; in einem Genre, in dem er ein eher funktionales Schattendasein fristet. Hit-the-Bassline? Pah! Hear the Bassline! Aber bitte nicht über Laptoplautsprecher…

1. Der Erdmöbel-Bass: Elegant. Weise. Melodiös.

2. Der Delbo-Bass: Traurig. Wissend. Klar.

3. Der Fotos-Bass: Vorwärts. Zielstrebend. Linear.

4. Der Kante-Bass: Selbstlos. Klug. Zurückhaltend.

5. Der Vierkanttretlager-Bass: Schunkelnd. Oktavrein. Pointiert.

6. Der Lichter-Bass: Pulsierend. Melancholisch. Grau.

7. Der Tomte-Bass: Druckvoll. Maßgebend. Lyrisch.

8. Der Klez.e-Bass: Synthetisch. Schattig. Schwer.

9. Der Element-of-Crime-Bass: Warm. Treibend. Konsequent.

10. Der Tocotronic-Bass: Dienlich. Unscheinbar. Wichtig.

11. Der Gisbert-zu-Knyphausen-Bass: Grübelnd. Verspannt. Rastlos.

12. Der Samba-Bass: Narrativ. Tänzelnd. Leicht.

13. Der Hirsch-Effekt-Bass: Aggressiv. Hitzig. Manisch.

14. Der 206-Bass: Einsam. Wütend. Stur.

15. Der Wir-sind-Helden-Bass: Neugierig. Tapsend. Lieb.

16. Der Käptn-Peng-Bass: Schwergängig. Groovy. Hallo?

Nun denn. Wer sich erfolgreich bis zum Grund dieses Blog-Eintrages durchgekämpft hat, verdient folgende historische Anekdote zum Schluss:

Schon der vorsokratische Philosoph Parmenides v. Elea stellte in seiner bis heute nicht wiederentdeckten Lehrschrift ‚Über die Grundlage(n) [der Dinge]‘ [περὶ τῆς βάσεως] die berühmte Gleichung auf: ‚Bass = Basis‘. Man stelle sich das einmal vor: In linguistischer Deutung sei der Tiefton überhaupt erst entstanden durch die Elision bzw. Tilgung des übermäßig-hochtönigen Vokals ‚Iota‘ [i] aus seiner wörtlich ‚zugrundeliegenden‘ nominalen ‚Basis‘ [βάσις], die vormals irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes war.

Toll, was? Die hochton-bereinigten Fundamente unserer überaus tiefsinnigen Musikkultur sind also schon seit Jahrtausenden gelegt! Jetzt müssen sie nur noch ausgegraben werden, Stück für Stück, das nächste Mal in Folge 2…

 

Ein Gedanke zu „Feel the Bassline. Folge 1: Deutschpop

  1. mission

    Mann, kennst du viele Adjektiva! Und viele interessante deutsche Bands. Schöne kleine Nachhilfestunde. Von denen, bei denen ich reingehört habe, gefallen mir 206 und Käptn Peng am besten.

    In diesem Sinne:
    Drei Hamburger mit’m Monsterbass saßen auf der Straße und erzählten euch das, da kam die Polizei und fragte: Sonst noch was? Drei Hamburger mit’m Monsterbass …

    Antworten

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