Was mir die Ohren dronen …

Konzertbericht: Fuck Buttons, pmk, Innsbruck, 27. September 2013:

Ich hätt’s wissen müssen. Schon von meiner etwa 15-minütigen Stippvisite zwischen Simian Mobile Disco und Animal Collective bei der ATP Bühne am Primavera Sound in Barcelona kam ich mit den Worten „Lauteste Band der Welt“ zurück. Und das war Festival-Sound vor einem weitläufigen Zuschauerbereich, keine komprimierte Soundatmosphäre wie in der wunderbaren pmk in Innsbruck. Den freundlich-dezenten „Könnte etwas lauter werden :)“-Hinweis am Eingang befolgte ich trotzdem nicht. Folge: Zwei Tage Noise im Ohr.

Aber ich würd’s wieder so machen. Ohne ärztliches Attest darf man diesen Sound nicht mit Ohrstöpsel dämpfen. Denn die Fuck Buttons aus Bristol beglücken ihr Publikum nicht nur mit Donnergrollen hoch tausend, sondern morphen ihre Tracks von Minute zu Minute – und die meisten erreichen die Zehn-Minuten-Marke – von experimentellen Percussion-Sounds und Elektro-Gezerre und -Gedröhne in die schönsten Hymnen. Dabei wirken Andrew Hung und Benjamin John Power zwar jeweils vertieft in den Controller- und Sampler-Berg vor ihnen, aber wie telepathisch verbunden. Man kann sich die Blechhelme mit den ausgefahrenen Antennen und den sie verbindenden Frequenz-Elektroblitzen bildlich vorstellen.

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Das ist o(h)rgiastisch, das ist cineastisch und das ist auch olympisch. Nicht umsonst fanden zwei ihrer Songs sensationell auch ihren Weg in den von Underworld kompilierten Soundtrack der Eröffnungsfeier von Olympia 2012 in London. Und zwar nachdem die beiden einen Song ihres zweiten Albums „Tarot Sport“ passenderweise „Olympians“ getauft hatten.

Einer der Höhepunkte neben „Surf Solar“, für mich noch immer ihr Vorzeige-Track, „Colours Move“ vom Debüt-Werk „Street Horrrsing“ mit der live eingespielten und mehrfach selbst-gesampleten Trommel und „Hidden XS“, dem triumphalen Ausklang des neuen Werks „Slow Focus“, das auch den einzigen kleinen Wermutstropfen dieses Abends bildete. Das Album-Cover ist nämlich derart hässlich, dass ich den Fuck Buttons beim besten Willen kein T-Shirt abkaufen konnte.

Ansonsten: Fuck Buttons, die avantgardistischste Band, die ich kenne. Und das meine ich vollkommen wertend.

4 Gedanken zu „Was mir die Ohren dronen …

  1. mission

    Der Vergleich macht sicher.

    Nachdem ich lautstärkemäßig im lieblichen PMK schon einige Mal Lehrgeld gezahlt hatte (bzw. meine Ohren die Rechnung übernommen hatten), wollte ich diesmal nichts riskieren. Also, ab zum Eingang, zwei Gratis-Ohrstöpsel abgegriffen und rein damit in den Gehörgang. Auf diese Weise genehmigte ich mir den ersten Fuck Buttons-Song, nein -Track des Abends. Und es war immer noch verdammt laut.

    Doch dann überlegte ich mir Folgendes: „Du hast 12 Euro für dieses Konzert abgelegt. Du hast dich trotz massiver Rückenschmerzen, die wie ein Messer auf deinen Körper einstechen, nach Innsbruck geschleppt. Du hast Schmerztabletten eingeworfen und spülst gerade mit Bier nach. Und dann gibst du dir dieses Konzert nur auf Halbmast, gedämpft und verschwommen?“

    Also der kurze Test: Ohrstöpsel raus und mal schauen (will sagen: hören). Und wie gesagt: Der Vergleich macht sicher. Es war, als würde man aus dem Wasser an die Oberfläche tauchen. Auf einmal alles so klar, so intensiv und natürlich so laut. Aber es hilft nichts: Musik wie dieser, die von Repetition, minimalen Nuancenverschiebungen und vor allem der puren Wucht des Lärms lebt, muss man sich ungeschützt aussetzen, wenn sie wirken soll. Und so hieß es ab dem zweiten Song: mit Vollgas gegen die (Lärm-)Wand!

    Schön auch die Visuals, die fast gleichwertig zum halluzinatorischen, von endlosen Wiederholungen und Variationen geprägten Gesamterlebnis beitrugen. Gefangen in der Noiseschleife!

    Noch eine kleine Anekdote am Rande, die eigentlich Kollege Steff hätte erzählen müssen: Nach dem Konzert suchte Steff – auf meine ausdrückliche Aufforderung hin – den Fuck Button Andrew Hung, der hinter dem Mini-Merchandise-Stand herumlungerte, auf, um eine brennende Frage zu klären: Stimmt es wirklich, dass die Fuck Buttons 2008 gemeinsam mit den kanadischen Experimentalelektronikern Holy Fuck, Fuck und weiteren ähnlich subtil benannten Bands beim „Festival of the Fuck Bands“ im oberösterreichischen Nest Fucking gespielt haben, wie es der Wikipedia-Artikel von Holy Fuck behauptet?

    Also näherte sich Steff vorsichtig und – wie man das heute so macht, mit gezücktem Wikipedia-Artikel am Smartphone – dem freundlich grinsenden Fuck-Knopf. Doch noch bevor er seine Frage beenden konnte, beendete Andrew Hung die Diskussion mit den Worten: „Not true! NOT true!“ Offenbar wurde er diese seltsame Frage nicht zum ersten Mal gefragt – was durchaus verwundert, denn wie viele Leute haben wirklich den Wikipedia-Eintrag von Holy Fuck gelesen und sind danach auf ein Fuck Buttons-Konzert gegangen, um den Musikern höchstpersönlich diese Frage zu stellen? Seltsame, weite (Musik-)Welt!

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      1. mission

        Hey, das sprüht ja vor Energie, würde ich mir live auch sofort geben!
        Apropos gefakte/manipulierte Wikipedia-Einträge (wovon es leider inzwischen viel zu wenige gibt). Das stand mal beim Wiki-Eintrag der Band „Puerto Muerto“:

        „Puerto Muerto began making music in 1998 and hasn’t stopped since. At certain phases of the lunar cycle, Puerto Muerto exudes a substance that looks like blood and tastes like marzipan.“

        Besser kann ein regulärer Eintrag nie sein …

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