Ein Uhrwerk mit Unruh

Konzertbericht: SONAR with DAVID TORN (Support: HARRY TRIENDL), Kulturfabrik Kufstein (KuFa-Bar), 4. Mai 2019:

Prog-Rock?? Das ist eine jener Genrebezeichnungen, die für mich persönlich einen eher zweifelhaften, ja negativen Beigeschmack haben. Mit dem Begriff verbinde ich komplizierte, prätentiöse, stilistisch und inhaltlich überambitionierte bis bombastische Musik, für die man als Zuhörer mindestens einen Konservatoriumsabschluss braucht, um sie begreifen und würdigen zu können – und als Musiker sowieso.

Endloses Solieren, riesige Schlagzeug-, Keyboard- und Synthesizer-Burgen, verschwurbelte Konzeptalben, geschliffenes Kunsthandwerk, all das kommt mir beim Ausdruck „Prog“ in den Sinn. Und ich stelle mir immer vor, wie und warum seinerzeit der dreckige, direkte und bewusst simple Punk fast zwangsläufig als Gegenbewegung entstehen musste. Kurz gesagt: Obwohl ich Säulenheilige des Genres wie Pink Floyd, King Crimson oder Van der Graaf Generator teilweise sehr gerne mag, stehe ich dem Konzept und Begriff des „Progressiven“ insgesamt sehr skeptisch gegenüber.

An diesem Abend in der Bar der Kulturfabrik Kufstein war aber keinerlei Skepsis angebracht – denn ich wusste, dass es hier eine andere Art von progressiver Musik zu hören geben würde: nämlich spannende Experimente und beeindruckende Dynamik statt eitler Virtuosität und hohlem Pomp.

Dafür bürgte schon der Auftakt mit Harry Triendl: Der Multiinstrumentalist aus Telfs, bekannt für seine Arbeit mit „virtuellen“ und leibhaftigen Orchestern, für seine Zyklen, die als
Grenzüberschreitungen zwischen Musik, bildender Kunst, Tanz und Experiment angelegt sind, war diesmal solo zu erleben. Mit Touch-Gitarre und Elektronik sorgte er für mal sphärische, mal vertrackte Ambient-Klänge, die mich bisweilen an Science-Fiction- oder Horror-Film-Soundscapes denken ließen, unterbrochen von ruhigen Passagen, garniert mit knackigen Beats, expressivem Gesang und komplexer Improvisation. Und auch wenn manche Brüche vielleicht etwas hart, vereinzelte Übergänge etwas unsanft ausfielen, war es genau der richtige Start in diesen Abend.


(Foto: Harry Triendl)

Harry Triendl war es übrigens auch, der für den Veranstalter den Kontakt zum Hauptact hergestellt hatte – zur Schweizer Instrumental-Formation Sonar und dem namhaften amerikanischen Gitarristen David Torn.

„Vortex“ heißt das 2018er-Album, das Sonar und Torn (Letzterer bekannt für seine Arbeit mit Kalibern wie David Bowie oder Tori Amos) gemeinsam aufgenommen haben. Das aus dem Lateinischen stammende Wort bedeutet soviel wie „Wirbel“ oder „Strudel“ – und das gibt schon einen guten Eindruck von der Musik, die an diesem Abend zu erleben war.

Denn die war perfekt, um sich richtig tief hineinfallen, gewissermaßen in den Strudel einsaugen zu lassen. „Prog“, wie Sonar ihn verstehen, klingt alles andere als überladen und schwerfällig: Statt auf Bombast oder reine Griffbrettakrobatik setzen sie auf minimalistische, hypnotisch-repetitive Strukturen, auf die Kraft des Grooves, auf Veränderungen und Verschiebungen, die sich langsam, aber umso unwiderstehlicher aufbauen.


(Foto: Michael Domanig)

Das Bild eines Schweizer Uhrwerks ist natürlich ein Klischee – aber eines, das hier einfach zu gut passt, um es nicht zu verwenden. „Mathematische Präzision und doch extrem druckvoll“, fasste es Veranstalter Mike Litzko treffend zusammen. Ich selbst fühlte mich phasenweise z. B. an den mitreißenden „Live-Techno“ der österreichischen Formation Elektro Guzzi erinnert, die ebenfalls fast übermenschliche Präzision mit enormer Wucht verbinden – obwohl sie von ihrem musikalischen Hintergrund her aus einem völlig anderen Eck kommen.

Ein kontrollierter Rausch: Das wäre eine andere, widersprüchlich klingende Beschreibung für den trancehaften „Math Rock“ von Sonar – für die Polyrhythmik des furiosen Drummers Manuel Pasquinelli (der an seinem Drumset rätselhafterweise auch ein leicht verbeultes Becken hängen hatte, das aussah wie vom Tourbus überfahren), für die lyrischen, sparsamen, repetitiven Gitarrenfiguren von Bernhard Wagner und Stephan Thelen und das groovige, funkig-bewegliche Bassspiel des hünenhaften Christian Kuntner. Ich persönlich hätte mir das noch stundenlang anhören können.


(Fotos: Harry Triendl)

Für musikalische Kontraste sorgte vom linken Bühnenrand aus David Torn: Optisch eine Mischung aus Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“ und Albert Einstein, machte er auch beim Konzert den Eindruck eines (Klang-)Forschers, wie er da an Knöpfen drehte, Pedale bediente und mit Gitarreneffekten experimentierte.


(Foto: Harry Triendl)

Auf dem unverwüstlich groovenden Fundament, das Sonar legten, konnte er sich mit abstrakten Improvisationen, kreischenden Gitarrenausbrüchen und anderen kantigen Klängen frei austoben. Damit sprengte er die Harmonie, agierte als anarchistischer Unruh im Uhrwerk, mischte einen Schuss Unberechenbarkeit ins Soundgebräu. Teils klang das erfrischend und lärmig, bisweilen wirkten seine Beiträge aber für meinen Geschmack auch wie Fremdkörper – manches war mir wohl auch schlicht und einfach zu hoch.


(Foto: Harry Triendl)

Auf alle Fälle genossen Sonar wie auch Torn die Livesituation sichtlich – kein Wunder, kamen sie doch frisch aus dem Studio zum Konzert, und zwar nur für diesen Auftritt in Kufstein, nicht etwa für eine Tournee. Einer der Tracks, der wohl auf dem kommenden, fünften Album zu finden sein wird, nämlich „Tunnel Drive“, feierte in der KuFa-Bar sogar seine Livepremiere! Wobei „auf dem Album zu finden“ bei einer Kombination wie Sonar & Torn natürlich relativ ist: Schließlich „klingt jeder Song jedes Mal anders“, wie Drummer Pasquinelli versicherte.



(Fotos: Harry Triendl)

Der reguläre Konzertteil fand mit „Part 44“, der Eröffnungsnummer von „Vortex“, sein Ende, nach begeistertem Beifall gab es eine ebenso intensive und konzentrierte Zugabe.

Dass ungewöhnliche Leckerbissen wie diese auch und gerade in einer kleinen Stadt zu genießen sind, ist – man muss es stets aufs Neue betonen – das Verdienst des engagierten Kulturvereins „Klangfarben“ um Obmann Mike Litzko, dessen Wirken kürzlich übrigens auch von der Stadt Kufstein ausgezeichnet wurde. Womit? Mit Recht natürlich.

Denn Kulturveranstaltungen, die auf Klasse statt auf Masse (und Kasse) setzen, sind heute wichtiger denn je. Übrigens: Mit dem kroatischen Gitarrenmagier Niko Potočnjak geht es in der Kulturfabrik Kufstein schon am 18. Mai hochkarätig, psychedelisch und experimentell weiter. Hingehen!

PS: Ein spezieller Dank an Harry Triendl für das tolle Fotomaterial!

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