Vom zähen Wühlen nach Gold. Die spätesten Jahrescharts der Welt®, Ausgabe 2018 (Michael Domanig)

Ich höre Musik leider viel zu oft, wie ich leider auch viel zu oft esse: im Gehen, zwischendurch, nebenher, ohne mich wirklich darauf konzentrieren zu können, was ich da zu mir nehme. Die Gefahr ist in beiden Fällen dieselbe: Irgendwann schmeckt alles gleich. Oder es schmeckt einem gar nichts mehr (was im Grunde dasselbe ist).

Gut, so weit ist es mit mir beim Musikhören zum Glück noch nicht gekommen – aber es war diesmal doch ein besonders zäher Prozess, um am Ende zu den Top 100 zu gelangen, meinen bisher wohl spätesten auf dem verspätetsten Musikblog der Welt. An die 600 Lieder sind am Ende des großen Aussiebens im „Leider nein“-Kröpfchen gelandet, wobei vieles davon durchaus nicht schlecht war – ich hätte den Charts-Topf sicher auch mit 150 bis 200 Liedern füllen können.

Um wirklich Herausragendes zu finden, war aber das Wühlen durch extrem viel gefällig produziertes Mittelmaß nötig. Und „Top-20-Material“ zu finden (um mal einen furchtbaren Marketing-Ausdruck zu verwenden), war heuer definitiv viel schwieriger als z. B. beim besonders starken 2017er-Jahrgang. Aber: Am Ende war es die ganze Mühe bei chronisch knappem Zeitbudget dann doch wieder wert. Das zeigte sich schon daran, dass ich mich von vielen Songs, die in der Liste nicht mehr Platz fanden, dann doch nur schwer trennen konnte.

Bei den Songs, die letztlich den Cut geschafft haben (um neuerlich eine grässliche Formulierung zu verwenden), ist diesmal nach meinem Eindruck relativ viel introvertierte und introspektive Musik dabei, verträumt, melancholisch und harmonisch, dagegen vergleichsweise wenig Punkiges, Noisiges und Aggressives. Was würde wohl ein Tiefenpsychologe dazu sagen?

Wobei: Insgesamt ist die Vielfalt glaub ich doch wieder erheblich. Und um ein paar Neugierigen vielleicht Lust aufs Reinhören zu machen, gibt es diesmal neben der obligatorischen Playlist auch Ultra-Kurzrezensionen zu jedem Song (Ziel war ein einziger Satz, mehr als fünf Zeilen sind es nie geworden). Viel Spaß!

1.) Courtney Barnett – Nameless, Faceless
„I wanna walk through the park in the dark / Men are scared that women will laugh at them / I wanna walk through the park in the dark / Women are scared that men will kill them“: Mit diesen unmissverständlichen, Margaret Atwood zitierenden Zeilen ist sehr viel darüber gesagt, warum es #MeToo und „die ganzen Genderdebatten“ einfach braucht. Verpackt ist das ganze in mitreißenden alternativen Gitarrenrock, den derzeit keine(r) so hinbekommt wie Courtney Barnett.

2.) Grimes – We Appreciate Power
Süßlicher Kitsch und Heaviness, Dream Pop und Industrial-Noise, zuckerlbunter K-Pop und klassisches Songwriting – wie die kanadische Grenzgängerin Grimes (mit Hilfe von US-Sängerin HANA) das hier zusammenführt und -rührt, ist (um im Kontext des Songs zu bleiben) eine echte Machtdemonstration.

3.) Emily Haines & The Soft Skeleton – Legend of the Wild Horse
Der Songtitel klingt nach üblem Airbrush-Kitsch. Der Song selbst klingt nach einer der betörendsten Melodien des Jahres. (Ok, war streng genommen schon Ende 2017, hat mich erst 2018 erreicht, damit basta!)

4.) David Byrne – I Dance Like This
Der Pokal für den überraschendsten (Stil-)Bruch des Jahres gebührt dem ehemaligen Kopf der Talking Heads – der vollelektronische Roboter-Refrain hat es in sich!

5.) Jonathan Bree – Sleepwalking
Stimmiger könnte der Songtitel nicht sein, denn der entrückten Musik des neuseeländischen Songwriters haftet tatsächlich etwas Traumwandlerisches an („somnambul“ schrieb ein Rezensent des „Rolling Stone“, glaub ich). Ein Crooner von der Schattenseite, eine der Entdeckungen des Jahres.

6.) Soap & Skin – Palindrome
Von vorn nach hinten = von hinten nach vorn: Das Palindrom als rhetorische Kunstfigur trägt das Repetitive und damit potentiell Hypnotische schon in der DNA. Das passt perfekt zur sakralen Musik von Soap & Skin – erst recht auf Lateinisch: „In girum imus nocte et consumimur igni“. Wobei diese Zeilen („Wir irren des nachts umher / und werden vom Feuer verzehrt“) inhaltlich eher diabolisch als himmlisch klingen.

7.) Rico Nasty – Oreo
Da kann sich der Hersteller der schwarzweißen Keksln wirklich freuen: Rico Nastys rotzig-aggressiver In-your-face-Rap steckt in meiner humble opinion selbst Cardi B in die (Louis Vitton)-Tasche.

8.) Lüül – Schwarz war die See
Nur eine banale, recht holprig gereimte Urlaubserinnerung? Ich finde den wehmütigen Refrainm unglaublich anrührend, gerade in seiner fast Schlager-artigen Einfachheit.

9.) Low – Disarray
Rau, hypnotisch, aufs Notwendigste reduziert: Außer den ineinander verwobenen Stimmen von Alan Sparhawk und Mimi Parker und sanft irritierendem elektronischem Schaben braucht es nichts für dieses kleine, atmosphärisch dichte Kunstwerk.

10.) Ebony Bones feat. The Bones Youth Choir – Police and Thieves
Die britische Ausnahmekünstlerin Ebony Thomas überführt den Reggaeklassiker von Junior Murvin, den schon The Clash prägnant coverten, direkt in eine dystopische Gegenwart, mit unterkühltem, düster-minimalistischem Klangdesign und gespenstischem Kinderchor. Und unterstreicht meine alte These, dass man Kindern besonders gerne (und wirkungsvoll) krasse und bedrohliche Zeilen in den Mund legt.

11.) Der Nino aus Wien – Unentschieden gegen Ried
Eine treffsicherere Metapher für die Banalität und Trostlosigkeit des (nicht nur Fußball-)Alltags lässt sich kaum denken. Hat seinen Platz in der Ehrengalerie der besten Sportsongs jetzt schon sicher.

12.) Gaye Su Akyol – İstikrarlı Hayal Hakikattir
Die Türkei mit ihren vielfältigen musikalischen Traditionen, gerade auch im Bereich psychedelischer Pop-Klänge, hat man als Westler viel zu selten auf dem Zettel. Dass die großartige Gaye Su Akyol letztes Jahr sogar in Innsbruck zu Gast war, habe ich auch versäumt! Dafür gibt’s jetzt zumindest einen Spitzenplatz in den Charts ;-).

13.) Amanda Palmer & Jason Webley – House of Eternal Return
Es gibt nichts, was Amanda Palmer nicht kann, und gespenstisch-hypnotischen Experimentalfolk kann sie offenbar besonders gut.

14.) Luluc – Spring
Fast klassisch anmutender, sakraler Folk-Pop, der das Gefühl frühlingshaften Aufbruchs mit tiefer Melancholie verbindet.

15.) International Music – Für alles
Haben Zeilen wie „Warum schreibst du den Hasen nicht mit h?“ irgendeine tiefere Bedeutung? Ganz egal, wenn es um den derzeit schönsten Song einer der derzeit interessantesten deutschen Bands geht. Und: Wer braucht schon tiefere Bedeutungen?

16.) Soap & Skin – Italy
Die Musik der genialen Grazer Anti-Gabaliere bleibt so faszinierend, kunstvoll und im positiven Sinne unnahbar wie eh und je – obwohl oder gerade weil sie mehr Licht in ihre Songkathedralen hineinlässt als früher. Ich bin dafür, dass „Ittali“ künftig nur mehr so ausgesprochen werden darf wie hier.

17.) Jonathan Bree – Say You Love Me Too (feat. Clara Viñals)
Wenn Jonathan Bree so etwas ist wie ein geheimnisvoller Enkel von Frank Sinatra, dann ist dieses geisterhafte Duett mit Clara Viñals eine Art Lee & Nancy fürs 21. Jahrhundert.

18.) Tunnelvisions – Guava
„Hypnotic grooves“ sagen Tunnelvisions aus Holland auf ihrer Facebookseite über sich selbst. Mehr gibt’s dazu auch nicht zu sagen.

19.) Hatis Noit – Illogical Lullaby (Matmos Edit)
Ein avantgardistisches Kinderlied. „Jede Art von tranceartiger, hypnotisierender Musik hat irgendwie etwas Betäubendes, Einschläferndes, eben Schlafliedartiges an sich – und damit auch etwas Beruhigendes, Schützendes und mütterlich Tröstendes“, hat ein kluger Kopf mal über „Illogical Lullaby“ geschrieben. Hey, das war ja ich! (Und zwar in der inzwischen unsanft entschlafenen Rubrik „Track der Woche“).

20.) Amen Dunes – Miki Dora
Einer jener Songs, die einem anfangs unspektakulär, ja fast eintönig vorkommen, nur um dann eine umso intensivere Sogwirkung zu entwickeln, noch dazu abseits herkömmlicher Genregrenzen. (Danke an Steff für diesen Tipp!)

21.) Ian Brown – First World Problems
Soll man sich von einem veritablen Rockstar (of Stone Roses fame) darüber belehren lassen, dass das eigene Leben eh „easy“ ist? Ja, wenn die Belehrung so lässig und dancerockig daherkommt, gerne.

22.) Rayland Baxter – Casanova
„Money, all I ever want Is money / But I never wanna work for the money / So I borrow the money from a woman“: Rayland Baxters (Selbst-)Charakterisierung eines unverbesserlichen Taugenichts’ und Schürzenjägers macht auch musikalisch großen Spaß. „Wuchtbrumme“ würden unsere nördlichen Nachbarn vielleicht dazu sagen.

23.) Goat Girl – Throw Me a Bone
Die Singles „Scum“ und „Cracker Drool“ (Platz 2 und 4 meiner Jahrescharts 2017) waren überragend – aber auch das Debütalbum kann einiges. „Throw Me a Bone“ zeigt Goat Girl von einer ruhigeren und zugleich dunkleren Seite, mit ähnlich kompromisslosen Lyrics.

24.) Father John Misty – Mr. Tillman
Egal, wie spannend oder weniger spannend man die Musik des ehemaligen Fleet Fox ansonsten findet – hier ist ihm ein selbstironischer Instant-Klassiker gelungen, der auch in den 70er Jahren an der US-Westküste schon ein Hit gewesen wäre.

25.) La Luz – The Creature
Aus dem Wienerlied kennt man die bewährte Technik, in Wörter Zusatz-Vokale einzufügen, damit sich das mit der Verszeile rhythmisch besser ausgeht: Aus „grün“ wir dann „ga-rün“ aus „Wien“ „Ha-Wien“. Genau dieses Prinzip bringen La Luz im Refrain von „The Creature“ erfolgreich zur Anwendung: „The Ke-ritscha stepped out of the wall“. Stimmungsvoller Surfpop, inhaltlich vom beklemmenden Phänomen der Schlaflähmung inspiriert. Ähnlich gut: „Mean Dream“ oder „California Finally“.

26.) Ebony Bones – Kids of Coltan
„Cotton to coltan“: Kinderarbeit und andere Formen der Sklaverei und Ausbeutung haben ein neues Gesicht – und zugleich ein sehr altes und trauriges. Zu alarmierenden Klängen macht Ebony Bones auch auf die „culture of complicity“ aufmerksam – Smartphones haben wir schließlich alle.

27.) Mattiel – Count Your Blessings
Retro – und zwar offensiv retro. Wobei: Was heißt schon retro in einer Zeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Musik durch die totale Gleichzeitigkeit außer Kraft gesetzt wurden? Man könnte das Ganze auch klassisch nennen. Was wohl Nancy S. davon hält?

28.) LAKEDAIMON – Sweet Sleep
Liegt es an meinen Durchschlafproblemen? Oder warum hab ich’s in diesen Jahrescharts eigentlich so mit Schlaf-Liedern (siehe auch: Hatis Noit, Jonathan Bree oder La Luz)? Dieses hier kommt von einem hochtalentierten Musiker aus München.

29.) Clara Luzia – Survival
Düster, treibend, weit weg von sensiblem Folk-Pop – so hat man Clara Luzia noch nicht gehört. Mehr davon!

30.) Daniel Knox – Chasescene
Um welche Art von Beziehung(stat) es in dieser schwelgerisch instrumentierten Piano-Ballade geht, will man lieber nicht so genau wissen, aber Zeilen wie „Darling, I love you with a knife“ lassen Unheilvolles erahnen.

31.) Parquet Courts – Back To Earth
Ein eleganter, melancholischer Ohrwurm, wie ihn Franz Ferdinand aktuell wohl nicht mehr hinbekommen würden. Den famosen Parquet Courts, die ansonsten von Punk-Energie und Funk-Nervosität angetrieben werden, steht dieses ruhigere Gewand ausgezeichnet.

32.) Corrina Repp – Nothing Is On
Auch solo klingt die Frontfrau von Tu Fawning majestätisch, delikat und über den schnöden Alltag erhaben. Nur am „th“ im Chorus sollten die Backgroundsänger noch feilen.

33.) Ebony Bones – No Black in the Union Jack
Engstirniger Nationalismus, Rassismus und Abschottungswünsche sind in Großbritannien nicht erst seit dem Brexit-Irrsinn virulent – Ebony Bones zeichnet mit verstörenden Sprachsamples und einem unbequemen Mix aus Elektronik, Funk und Post Punk ein düsteres Bild, das sich problemlos auf viele weitere Teile der Welt umlegen lässt.

34.) Sangre de Muérdago – Longa Noite De Pedra
Einer von mehreren Tipps, die ich beim stets geschmackssicheren Kollegen Johannes geklaut habe: meditativer, naturmystischer (Neo-)Folk aus Galizien, den auch Waver und Goths nicht von der Bettkante ihres Gemachs stoßen würden.

35.) Vague – Hey Johnny
Lässt mich im besten Sinne an intellektuellen US-amerikanischen Post Punk-/Alternative- (nicht: Indie-)Sound der 80er und frühen 90er Jahre denken, ca. Sonic Youth. Mir fällt derzeit kaum eine österreichische Band ein, die ich so gerne einmal live sehen würde.

36.) Sequoyah Tiger – Punta Otok
Streng genommen schon „aus“ 2017: Sequoyah Tiger ist eine vielseitig talentierte, aus Verona stammende Künstlerin, deren verlockender Synthie-Pop hier genau an den richtigen Stellen flirrt, pocht und stimmmoduliert.

37.) MGMT – One Thing Left to Try
Seit sie nicht mehr so hip sind, werden MGMT immer interessanter – besser hat eingängigen, spacigen Synthiepop wohl auch in den 80ern kaum wer hingekriegt.

38.) Eels – The Deconstruction
Der mit Abstand beste Track eines ansonsten leider ziemlich faden Eels-Albums. Wäre reizvoll, wenn Mr. E den etwas standardisiert gewordenen Eels-Sound wieder einmal einer Dekonstruktion unterziehen würde – dieses Lied selbst, reduziert und spannungsgeladen, könnte ein Vorbild dafür sein.

39.) Wargirl – Poison
„You’re poison“, sang weiland schon Alice Cooper. Freilich nicht so betörend elektronisch und dreampoppig. Und eine von Rod Stewart (konkret: „Da Ya Think I’m Sexy?“) geklaute Synthiefanfare, wie Kollege Dave richtig bemerkte, hatte Alice auch nicht.

40.) Denzel Curry – SIRENS Z1RENZ
Im Zusammenhang mit Rappern sollte man Schusswaffen-Metaphern vielleicht eher vermeiden, aber wie Denzel Curry speziell im furiosen Finale die Silben ausspuckt, lässt sich nur mit einem Maschinengewehr vergleichen.

41.) Vague – Camry
Derzeit eine der spannendsten österreichischen Bands, weil sie angenehm abstrakt und distanziert klingen, ohne auf fesselnde Melodien zu vergessen.

42.) 77:78 – Pour It Out
Als ehemalige Mitglieder der fantastischen Bees wissen die Protagonisten von 77:78 genau, wie einlullende Vokalharmonien und sanfte Psychedelik gehen – nämlich so.

43.) All Them Witches – Diamond
Unterschwellig bedrohlich, wie ein Vulkan, der jeden Moment ausbrechen könnte – und es dann doch nicht tut.

44.) Loma – Dark Oscillations
Danke für den Songtitel! Denn schöner als mit „dunkel oszillierend“ kann man diese späte Entdeckung für die Jahrescharts nicht beschreiben. „Atmosphärisch“ oder „tiefschürfend“ würde für diese Zeitlupenmusik auch passen.

45.) Anna von Hausswolff – The Truth The Glow The Fall
Ein ehrfurchtgebietender Name, der nach düsterem Adelsgeschlecht klingt – und ein ebenso ehrfurchtgebietender Sound, dunkel, intensiv und aufwühlend wie die besten Momente von Chelsea Wolfe.

46.) Denzel Curry – THE BLACKEST BALLOON THE 13LACKEZT 13ALLOON
Uh, uh, soundin‘ like a horror movie!

47.) Cari Cari – Mapache
Minimalistischer Spaghetti-Western-Sound, bei dem man die Hitze flirren hört. Aus Österreich!

48.) MGMT – TSLAMP
Man muss bei Gott kein Kulturpessimist sein, um es als traurig und kümmerlich zu empfinden, wie viel Zeit wir täglich damit verbringen, einsam auf Smartphone-Displays und andere Bildschirme zu starren. Ist das wirklich der Gipfelpunkt der Zivilisation? Höchste Zeit, genau darüber einen Song zu schreiben – erst recht, wenn er so bittersüß ausfällt. Und der Titel (TSLAMP)? „Time spend looking at my phone“.

49.) Goat Girl – Tomorrow
„I was born to be a dancer / I won’t take no for an answer“: Selten klang Melancholie so selbstbewusst.

50.) John Mitic – While I Wait For You
Ein melancholischer Elektropop-Gassenhauer, den ich mindestens fünfmal im Radio gehört habe – und jedes Mal dachte ich mir: „Hmm, mal googeln, wer das ist“. Habe ich bis jetzt nicht gemacht. Und, hey!, der Song funktioniert trotzdem.

51.) Cosmo Sheldrake – Linger Longer
Versponnen, verspult, verspielt und very british: ein legitimer Erbe von Syd Barrett.

52.) Jonathan Bree – Coke
Ich dachte ja, in dieser düsteren, gleichzeitig seltsam federnden Ballade ginge es um Kokain. Dabei ist der Refrain ein satirischer Seitenhieb auf eine Ach-wir-sind-ja-alle-so-gut-drauf-das-teilen-wir-jetzt-gleich-Werbekampagne von Coca-Cola: „We are not Coke / So let’s never pretend / We are something to share with a friend“. [PS: Mit „Valentine“, „Fuck It“ oder „Boombox Serenade“ hätten noch diverse weitere Bree-Songs einen Chartsplatz verdient].

53.) Jonathan Wilson – Trafalgar Square
Manchmal – und das sage ich als geistiger Anhänger des Punk-Ethos – ist gediegene Handwerkskunst (nicht zu verwechseln mit Kunsthandwerk) mit viele Liebe zum Detail nicht das Schlechteste. Nachzuhören bei Jonathan Wilson, einem gefragten Songwriter und Produzenten aus Kalifornien, der sich mit seinen fein gedrechselten, klassisch arrangierten, leicht psychedelischen Nummern wohl auch 1967 in London oder 1971 im Laurel Canyon problemlos behauptet hätte. Retro? Na eh.

54.) Beck – Colors

Nach Jahren wieder ein Popsong von Beck, der mir wirklich gefällt, vor allem, weil die Vokalmodulationen im Refrain die titelgebenden (Klang-)Farben so schön schillern lassen.

55.) Kwamie Liv – New Boo
„Rauchig“. Sagt man das noch so über Stimmen wie jene der dänisch-sambischen Sängerin? Nachtfarbener Elektropop voll untergründiger Spannung.

56.) Wargirl – Little Girl
Treffen sich Americana und Elektropop in Long Beach, Kalifornien. Sagt der eine: (…). Kein Witz, sondern cooler, fast schon zu cooler Sound.

57.) Foxwarren – Sunset Canyon
Aha, hinter Foxwarren steckt also Andy Shauf, den mir der YouTube-Algorithmus immer wieder mal vorschlägt. Das muss man aber keineswegs wissen, um sich von der Sonne in dieser fein schläfrigen Sommernummer wärmen zu lassen.

58.) Der Nino aus Wien – Hirschstettner Lebensart
Hut ab, mit welcher Selbstironie und Leichtigkeit der Nino hier mit seinem phlegmatischen Image spielt und einen leichtfüßigen Valium-Hit aus dem Ärmel schüttelt.

59.) Shame – Friction

Aufrechter (Post-)Punk aus dem angesagten South London, zum Glück eher kantig als stumpf – und mit überraschendem, recht hymnischem Refrain. Mindestens das zweitbeste Lied namens „Friction“, das ich kenne.

60.) Methyl Ethel – Scream Whole
Vom depperten Bandnamen sollte man sich nicht abschrecken lassen: ein opulenter, großspurig-arroganter und gerade deshalb ziemlich lässiger Indiepop-Edelhit, der zum Ende hin immer ausladender und zugleich ohrwurmiger wird.

61.) Pauls Jets – 22703

Gut, die Zahlenmystik im Refrain kapiere ich nicht wirklich, die Lyrics sind mir generell zu verrätselt – aber dass man es hier mit einer der talentiertesten, melodieseligsten jungen Indiepop-New Wave-wie-auch-immer-Bands aus Österreich zu tun hat, wird umso deutlicher. Übrigens auch in weiteren hartnäckigen Ohrwürmern wie „Diese Villa ist verlassen“.

62.) Misses U – Whatever
It goes on and on and on. On and on and on. Und genau deshalb gefällt mir das hier – auch wenn sich die Textzeilen eigentlich auf das ignorante Vorsichhinleben inmitten globaler Krisen beziehen.

63.) Dreiviertelblut – Campo Santo
Wenn zu fetzigem Tex-Mex-Sound in breitem bairischen Dialekt zum Totentanz gebeten wird, juckt es selbst das verknöchertste Tanzbein.

64.) Kane Strang – Not Quite
Wieso kommt aus dem kleinen Neuseeland aktuell so viel gute Musik? „Not Quite“ ist nicht ganz so stark wie Kane Strangs „My Smile Is Extinct“ (Nr. 30 der Jahrescharts 2017), aber die Mischung aus Teenage/Twentysomething Angst und (unaufdringlicher) Larmoyanz funktioniert auch hier.

65.) International Music – Cool bleiben
„Schuhe kaufen. Kinder kriegen. Zeitung lesen. Und cool bleiben“: Ist das jetzt Sozialkritik oder trashiger Dadaismus? Fährt auf jeden Fall gut ein.

66.) The HU – Wolf Totem
Ich gebe es zu: Der Exotik-Faktor des Videos (vom Smartphone vorgeschlagen, auch das gestehe ich) mit grimmigen Mongolen in der Steppe samt Pferdekopf-Geigen hat mich reingezogen. Aber dieser Oberton-Metal hat auch musikalisch was. Hu!

67.) Django Django – Swimming At Night
Der zweitschönste Song über nächtliches Schwimmen, den ich kenne.

68.) Mikaela Davis – Other Lover
Harfenklänge müssen nicht immer Volksmusik bedeuten – und auch nicht unbedingt komplexe Avantgarde im Sinne von Joanna Newsom. Bei der jungen Mikaela Davis muss man eher an zeitlosen Country- oder Folkrock denken, mit einem, ähem, Händchen für starke Melodien.

69.) Simian Mobile Disco feat. Deep Throat Choir – Defender
Das außergewöhnliche Gesangskollektiv Deep Throat Choir (Platz 6 meiner Jahrescharts 2016) beewegt sich auch auf elektronischem Fundament sehr selbstbewusst und harmonisch.

70.) Daron Malakian and Scars On Broadway – Angry Guru
Fast eine (Selbst-)Parodie auf System Of A Down, aber dieser geballten Energie kann man sich kaum entziehen.

71.) Kurt Vile – Loading Zones
Niemand rettet die verdienstvolle Slacker-Kultur des vorigen Jahrhunderts so leichthändig in die Jetzt-Zeit wie Kurt Weill, äh Vile.

72.) Cosmo Sheldrake – Solar Waltz
An das schon 2017, ähem, ausgekoppelte, magische „Come Along“ (siehe Jahrescharts 2017) kommt bisher kein weiterer Song von Sheldrake heran, aber allein schon wie er hier vom „merry month of May“ schwärmt, ist das, ähem, Geld wert.

73.) Screaming Females – Glass House
An der US-Ostküste hat sich, wohl auch gesellschaftspolitisch bedingt, wieder eine lautstarke, oft weiblich geprägte Punkszene formiert. Die dramatische Stimme von Marissa Paternoster (man beachte vor allem das Finale des Songs) hebt die Screaming Females dabei über die Masse hinaus – wie ein Paternoster-Lift.

74.) Princess Chelsea – I Love My Boyfriend

Schon wieder Neuseeland! Dieser nur scheinbar naive, in Wahrheit textlich-stilistisch ziemlich subversive Elektropop könnte vom jüngsten U.S.-Girls-Album stammen – nur dass sich darauf leider kein so guter Track findet. Princess Chelsea erzählt von der emotionalen Zwickmühle,
wenn Herz und Körperchemie in unterschiedliche Richtungen wollen. Für mich übrigens eine Last-Minute-Chartsentdeckung auf bzw. nach einer laaangen, etwas brenzligen Bergwanderung.

75.) Element Of Crime – Die Party am Schlesischen Tor
„Bist du dabei oder bist du so gut wie tot? / Bist du schlau oder bist du so dumm wie Brot?“ Wenn der grantelnde Melancholiker Sven Regener mit diesen Worten zur Party lädt, muss man natürlich hin.

76.) Parquet Courts – Freebird II
Derzeit eine der verlässlich besten amerikanischen Alternative-Bands, die sich von den allzu vielen allzu braven Indie-Schmindie-Formationen nicht nur durch überraschende Ideen und Brüche, sondern auch durch eine gewisse Punk-informierte Räudigkeit abhebt, ohne dass die Intelligenz auf der Strecke bleibt.

77.) Django Django – Beam Me Up
Selbst wenn ihre ersten beiden Alben unerreicht bleiben, in Sachen psychedelischem Elektropop macht Django Django so schnell keiner was vor.

78.) The Nightingales with Vic Goddard – Commercial Suicide Man
(Post-)Punkveteranen tun sich zusammen und fabrizieren einen drahtigen, quecksilbrigen Sound, den Vinylsinglepapst Wolfgang Doebeling nicht umsonst empfiehlt.

79.) The unused word & Trishes – Baby Johnson
Sonnig und groovy statt seicht und glatt: So lasse ich mir hiphoppigen Soulpop gefallen. Fein, dass so was in Ösiland gedeiht.

80.) Darlingside – Futures
Ihrem Folkpop haben Darlingside vielleicht etwas viel Kandisin beigemengt, aber wer einen so mächtigen Refrain zu bieten hat, macht letztlich nichts falsch.

81.) Camera – Super 8
„Treibender Krautrock“, habe ich irgendwo gelesen – dem ist nichts hinzuzufügen.

82.) 77:78 – Shepherd’s Song
Schäferromantik? Fühlt sich eher nach einem sonnigen Tag auf der Isle of Wight an – falls es dort sonnige Tage gibt.

83.) Kreisky – Ein Depp des 20. Jahrhunderts
Ein selbst für Kreisky-Verhältnisse besonders (scharf-)kantiger, sperriger Song, der mit beißenden Synthies und ebensolchem Witz ein tieftrauriges Thema verarbeitet – nämlich das Gefühl, dass einem die Zeit den Boden unter den Füßen wegzieht und alles, worüber man sich einst gefreut (und definiert) hat, nichts mehr gilt: „Und Autos und Rauchen und Fernsehen und CD-Sammlungen, das ist alles weg.“

84.) Perel – Die Dimension
Was auf dem wegweisenden New Yorker Label DFA, mitbegründet von James Murphy (of LCD Soundsystem fame), erscheint, das kann sich in aller Regel hören lassen. So auch die treibend-atmosphärische Elektronik von Perel, der ersten deutschen Künstlerin auf DFA. Und die mysteriösen Lyrics auf ihrer Debütsingle klingen fast so, als wäre die große Nico durch ein Dimensionsloch geschlüpft.

85.) Rolling Blackouts Coastal Fever – Talking Straight
Atmet für mich den Überschwang eines jungen Bruce Springsteen. Und wenn etwas den Überschwang eines jungen Bruce Springsteen atmet, ist das nie ein schlechtes Zeichen.

86.) Gruff Rhys – Limited Edition Heart
Wenn es denn noch Telefonbücher gäbe – von einer Stimme wie dieser würde man sich auch selbige vorlesen lassen. Übrigens: More power to the Super Furry Animals!

87.) Kerala Dust – Dance Me to the End of Love (Dude Skywalker Latin Love Edit)
Minimalistische Elektronik für lange Spaziergänge durch die Regennacht. Der Tanz ans Ende der Liebe mit Leonard Cohen dauert nicht umsonst über acht Minuten – das nennt man Trance durch Repetition. PS: Eigentlich schon 2017 veröffentlicht, aber: wurscht. PPS: Nicht auf Spotify, aber auf YouTube zu finden!

88.) Superorganism – Everybody Wants to Be Famous
Wie ein zuckerlbunter Oktopus streckt dieser unverschämt junge, kosmopolitische Super-Organismus seine Tentakel in alle Stilrichtungen aus.

89.) Death Cab For Cutie – Gold Rush
Auch abseits der großen Hit-Steinbrüche stoßen Death Cab For Cutie immer wieder auf kleine Goldadern.

90.) Ty Segall and White Fence – Body Behavior
Bedröhnte Brummschädel-Psychedelia und schlampige Punk-Produktion, gut austariert.

91.) International Music – Du Hund
Selbstversuch: Dreimal hintereinander dieses Lied hören und dann versuchen, die eigenartige Zeile „Du Hund hast mich an der l-l-langen Leine“ wieder aus dem Kopf zu kriegen. Geht nicht!

92.) Insecure Men – Cliff Has Left the Building
Saul Adamczewski könnte man von den notorischen Provokateuren der Fat White Family kennen: Und wie bei der Stammband gilt auch hier: Bei den geschmacklosen Texten etwa über Gulags – oder hier über den keineswegs verstorbenen Cliff Richard – kann man getrost weghören, bei den tollen Harmonien aber kaum.

93.) Imarhan – Tumast
Wer den hypnotisierenden Wüstenblues von meisterlichen Tuareg-Bands wie Tinariwen oder Tamikrest schätzt (so wie ich), wird auch zu Imarhan Ja sagen.

94.) Jenny Wilson – RAPIN*
Eine schonungslose Auseinandersetzung mit dem Trauma einer Vergewaltigung – dass sie in einen eingängigen Elektropop-Song verpackt wurde, macht das Ganze nur noch verstörender.

95.) Courtney Barnett – Need A Little Time
Auch das ruhigere Rollenfach kriegt Multitalent Courtney Barnett zwanglos zwingend hin – wie in dieser Betrachtung über eine Beziehung, die dringend eine Auszeit braucht.

96.) Husky Loops ft. Mei – Everytime I Run
Dass hier keine Native Speaker am Werk sind (sondern Italiener), hört man deutlich – doch das trägt nur zum Charme dieses verspielten, schwer FM4-tauglichen Indiepopsongs bei.

97.) Idris Ackamoor and the Pyramids – An Angel Fell
Jazz in meinen Jahrescharts?? Aber klar doch, wenn es sich um fesselnden afro(retro)futuristischen Jazz handelt.

98.) Jimothy Lacoste – I CAN SPEAK SPANISH
So etwas wie ein (unbewusster) Antwortsong auf Mavi Phoenix‘ „Aventura“ (Nummer fünf meiner Jahrescharts 2017): Während Mavi behauptet, dass sie wegen Spanisch sitzengeblieben sei, wirbt Jimothy geradezu für Fremdsprachenunterricht: „I’d rather know a language than learn boring math“.

99.) Irma Vep – Evil
Wales ist ein besonders guter Nährboden für kauzigen, weirden und zugleich eingängigen Pop. Dabei hatte ich diesen seltsamen Song eigentlich schon aus dem elitären Chartskreis ausgeschieden – warum eigentlich?

100.) Elderbrook – Capricorn
Zu wenig POP in Großbuchstaben in diesen Charts? Bitte sehr! Hat sich in einem zermürbenden frühmorgendlichen Hörduell denkbar knapp gegen Beth Ditto und ihr mitreißendes „I’m Alive“ durchgesetzt.

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