Eine Stimme, die alles hinwegschwemmt

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 28:
BESSIE SMITH – MUDDY WATER (A MISSISSIPPI MOAN) (1927) 

Bei manchen MusikerInnen neigt man (nicht erst in Zeiten von Wikipedia) dazu, sich mehr auf ihre Biographie zu konzentrieren als auf ihr Werk – besonders wenn der Lebenslauf so spannend und dramatisch ist wie jener von Bessie Smith (1894-1937).

Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen im tiefen, segregierten US-Süden, beide Eltern früh verstorben, Anfänge als Straßenmusikerin und -tänzerin, Mitglied in einer fahrenden Musiktheater-Gruppe, steiler Aufstieg zur wohl erfolgreichsten Blues-Sängerin der 20er und 30er Jahre, zu einem Star des frühen Radio, zur bestbezahlten afroamerikanischen Unterhaltungskünstlerinnen ihrer Zeit, zur „Empress of the Blues“. So könnte man dieses intensive Leben im Telegrammstil Revue passieren lassen.

Man könnte von Bessie Smiths turbulenter Ehe mit zahlreichen Seitensprüngen beider Partner berichten, von ihren zahlreichen Affären, auch und gerade mit Frauen. Man könnte ihr Werk darauf hin analysieren, wie es schwarze Arbeiterklasse-Identität, weibliches Selbstbewusstsein und sexuelle Selbstbestimmung thematisiert, wie es Armut und soziale Ungleichheit reflektiert. Man könnte es im zeitgeschichtlichen Kontext zwischen Rassentrennung und Showbusiness-Kapitalismus (Stichwort: Platten- und Radioindustrie) beleuchten. Man könnte ihren Tod nach einem entsetzlichen Autounfall in Mississippi im Jahr 1937 in den Fokus rücken – in einem Krankenhaus für Schwarze, da trotz ihrer Berühmtheit offenbar niemand im Entferntesten daran gedacht hätte, Bessie Smith in ein „weißes“ Krankenhaus einzuliefern.

Man könnte darüber schreiben, welche Spuren sie in der Musikgeschichte und Popkultur hinterlassen hat, wie sie Billie Holiday, Janis Joplin und andere große Sängerinnen inspirierte, wie sie J. D. Salinger oder Edward Albee zu Kurzgeschichten bzw. Theaterstücken animierte, wie sie in Songs (etwa von The Band) und Filme („Bessie“ mit Queen Latifah in der Hauptrolle) Eingang fand.

Aber alle biographischen Daten und kulturgeschichtlichen Fakten, mögen sie noch so spektakulär sein, bleiben letztlich sekundär, verblassen vor der schieren Kraft dieser rauen, dunklen Stimme. Besonders eindrucksvoll zu erleben ist das in „Muddy Water“. Wie viele Emotionen, Stimmungen, atmosphärische Nuancen Smith hier in drei Minuten transportiert – Melancholie, Sehnsucht, Stolz, Mut, sexuelle Spannung, Lebenslust – beeindruckt bis heute, selbst wenn die Musik für unsere Ohren zahm, vielleicht sogar fad klingen mag. Im Mittelpunkt steht hier der Gesang, ehrfurchtgebietend und unaufhaltsam wie der Mississippi selbst.

Obwohl Smiths Stimmgewalt sich bestimmt auch langjähriger technischer Schulung und Praxis verdankt, kommt sie doch ohne jene an Hochleistungssport erinnernde Vokalakrobatik aus, die vielen zeitgenössischen Mainstream-„R’n’B“ oder -„Soul“ so unerträglich macht, von der deprimierenden Castingshow-Kraftmeierei ganz abgesehen. Und das ist ganz ohne Kulturpessimismus gemeint!

Weitere Anspieltipps: Wasted Life Blues, Back Water Blues, Downhearted Blues

Ein vergnügliches Trauerspiel

Nachbericht: Lesung und Konzert: Fritz Ostermayer & Vienna Rest in Peace, ZONE Wörgl, Allerseelen 2018:

Für einen Besuch in Wörgl braucht es gute Gründe. Und die kleinen, feinen Konzerte des Vereins SPUR. um Obmann Günther Moschig sind eigentlich immer ein solcher Grund.

Auch diesmal war klar: Bei dieser Kombination aus Datum (Allerseelen), Band (die Supergroup Vienna Rest in Peace, die sich exakt ein Jahr nach Erscheinen ihres gleichnamigen Debütalbums wieder auf Kurztournee begab) und Vortragendem (der leibhaftige Fritz Ostermayer!) macht man bestimmt nichts falsch.

Nachdem ich aus Nostalgiegründen im selben Wörgler Schnellrestaurant am selben Platz vom selben Kellner dasselbe – ok vielleicht nicht dasselbe, aber zumindest das gleiche – Hühnerschnitzerl entgegengenommen hatte, wie ich das berufsbedingt über eine verdammt lange Zeit hinweg getan hatte, fand ich mich also im örtlichen Jugendzentrum ZONE ein, um dort auf dasselbe Problem zu stoßen wie bei vielen reizvollen Konzerten der Vergangenheit: sehr überschaubares Publikumsinteresse.

Gut, bei einem literarisch-musikalischen Abend, der sich vor allem um das Thema Tod in allen Facetten dreht, wäre eine traurige Kulisse ja irgendwie ganz passend – aber allein schon der Name Fritz Ostermayer sollte eigentlich genügen, um deutlich mehr Leute hinter dem Ofen oder unter der Heizdecke hervorzulocken.

Apropos traurig: Dass das Konzert kurzfristig vom altehrwürdigen Astnersaal in die ZONE verlegt wurde, fand nicht nur ich bedauerlich. Mit seinem morbiden Charme wäre der Saal – von dem Ernst Molden einmal sinngemäß gesagt hat, er könnte aus einem Ödön-von-Horvath-Stück stammen – für diesen Abend wie gemacht gewesen. Und schon alleine die Vorankündigung auf FM4 am Vormittag (wo man von der Verlegung offenbar noch nichts wusste) war einfach nur herrlich: „Death blues and strange morbid literature (…) in the Astnersaal in the Hotel Alte Post in Wörgl – this is surely the most Austrian thing I’ve ever announced on the radio“.

Hinzu kommt noch, dass die Tage des Astnersaals ja leider gezählt sein sollen – und ein sterbender Saal wäre für einen Abend über das Dahinscheiden ja wohl wirklich genau das Richtige gewesen. Naja, vielleicht war er einfach zu ausladend für den bescheidenen Andrang – und die ZONE ist zumindest so klein, dass es am Ende doch noch nach einem recht anständigen Publikumszuspruch ausschaute. Und auch wenn sie atmosphärisch bei weitem nicht an den alten Ballsaal mit den hohen Wänden, den Spiegeln und dem Kronleuchtern heranreicht, war für ein intimes Setting gesorgt – auch dank der schaurig-schönen Bühnendekoration mit Herbstlaub und Grabkerzen.

Die passte natürlich ideal zu den „Trauerprofis“, als die Fritz Ostermayer sich und Vienna R.I.P. vorstellte – übrigens in Anlehnung an einen bekannten Ausspruch seines Freundes und Saufkumpanen Harry Rowohlt, wonach man als gestandener Trinker zu Silvester keinesfalls ausgehen solle: „Da saufen nur die Amateure“.

Die schwarzhumorige, grandios geschmacklose Tour de Force, auf die Fritz Ostermayer sein Publikum zwischen den Liedern der Band mitnahm, war dann auch wirklich der erwartete Höhepunkt: So bunt schillert der Themenkomplex Tod selten wie beim morbiden Sumpfisten und ehemaligen Trauermarschsammler (mindestens 2500 soll er in seiner Kollektion haben und noch immer welche zugeschickt bekommen).

Die schwarze Palette reichte von Synonymen für das Sterben in verschiedenen Ländern und Sprachen (vom saloppen „Kicking the bucket“ in den USA über „Die Hufeisen anlegen“ in der Türkei bis zu philosophisch-vergeistigten Varianten, etwa aus Nepal) bis hin zum Thema „Soft Frequencies“: Diese harmlosen New-Age-Tonfolgen hätten sich bei New Yorker Polizeisirenen ebensowenig bewährt wie in Hospizhäusern, erzählte Ostermayer. Besser sei es doch, wenn Moribunde einfach noch einmal ihre Lieblingslieder hören dürften – selbst aufs Risiko hin, dass dann irgendwann Andreas Gabalier die „Hitparade des Todes“ anführen wird.

So ging es höchst vergnüglich weiter: Die Zuhörerschaft erfuhr, warum an berühmten letzten Worten wenig dran ist (Goethe habe statt „Mehr Licht“ eigentlich „Wer spricht?“ geäußert) oder was Ostermayers aktueller Lieblingsgrabspruch wäre („Ich weiß noch immer nicht, was Sache sei“). Man hörte von walisischen Workshops, bei denen man lernt, wie man sich den eigenen Grabstein meißelt, erhielt praktische Tipps zum Ordern von lebensechten Leichen, erfuhr von Stripshows bei Beerdigungen in Taiwan oder geselchten Körpern als potentielle Touristenattraktion. Das erinnerte bisweilen an die bizarren Anekdoten, wie sie Tom Waits zwischen seinen Songs zu erzählen pflegt und bei denen man auch nie so genau weiß, ob sie nun wahr oder gut erfunden sind – was auch völlig wurscht ist.

Besonders unterhaltsam geriet die „Liste der traurigsten Instrumente“: Ostermayer nannte hier etwa das Alleinunterhalterkeyboard (wobei da der Kontext und das Toupet des Alleinunterhalters für die Traurigkeit verantwortlich seien) oder die Ukulele: Dieses kleine Instrument werde seltsamerweise vor allem von großen, dicken Männern gespielt, meinte Ostermayer, „die es sich auf den Bauch legen wie der Sodomit sein Lieblingstier“, um der Ukulele dann tieftraurige Töne zu entlocken.

Bei der Hawaiigitarre spannte er einen weiten und schmutzigen Bogen von imaginärem Sex am Sandstrand bis hin zu onanierenden Sternen, während er die Balalaika treffend als „Kartoffelschnaps unter den Saiteninstrumenten“ bezeichnete – warum, weiß ich leider nicht mehr. Und dann gab es da auch noch die herrliche Erzählung vom Mann mit dem Cello, das nur eine Saite hat. Den Gag verrate ich hier natürlich nicht – dazu hättet ihr selbst kommen müssen.

Ja, bei „Dirty Fritz“ Ostermayer geht sogar das durch, was bei anderen viel zu platt und derb wäre, etwa eine Enzyklopädie der Todesfürze („finale Flati“) – seiner oder in diesem Fall Thomas Edlingers (?) Sprachmächtigkeit und Raffinesse sei Dank. Da heißt es dann etwa poetisch-kosmisch, es sei, „als flatuliere hier ein Jüngling um die Gunst seiner Geliebten“ oder so ähnlich. Grind und Poesie sind bei Ostermayer nicht zu trennen.

„Im Sumpf“-Stammhörern (zu denen ich nicht zähle) dürften wohl einige dieser Texte bekannt vorgekommen sein – aber Ostermayer ist einer, dem man einfach gerne zuhört. Nicht nur wegen seiner ultrasonoren Radiostimme, der man jede Tschick und jeden Spritzer anzuhören meint, sondern vor allem, weil er wunderbar erzählen und vortragen kann. Nicht umsonst steht dieser Mann der Schule für Dichtung vor.

Apropos: Ein poetischer Ansatz prägt auch die Musik, die man dazu auf die Ohren bekam: Die Formation Vienna Rest in Peace versammelt Musiker, die bei verdienten Formationen wie Aber das Leben lebt, Kreisky oder Mord tätig waren bzw. sind, dazu die Sängerin und Songschreiberin Marilies Jagsch, die in Wörgl auch schon solo zu erleben war.

Vienna R.I.P. stehen für getragenen, Chanson- und Schlager-informierten „Trauerpop“, der natürlich bestens zur Jahreszeit passt (ein Blick aus meinem Fenster zeigt schon den ganzen Tag dieselbe grau-verhangene Trübnis, bei der man nie weiß, wie spät es eigentlich gerade ist).

Sehr schön gelang dabei, selbst ohne Kinderchor, das vergleichsweise beschwingte „Staat der Affen“, eine Art Wiener Dystopie samt umgestürztem Riesenrad, die trotzdem hoffnungsvoll klingt. Schließlich kennen die Affen, die hier die Herrschaft übernehmen, zwar das „gute Leben, das uns längst abhandenkam“, aber keine Melancholie und übrigens auch nicht die Beatles und die Stones. „Komm, wir bitten um Asyl“, heißt es gegen Ende konsequenterweise.

Gut gefallen haben mir auch „Sterbenswerte Stadt“ (ebenfalls mit politisch-poetischen Lyrics wie „Ich will nicht, dass du dich blau fühlst / in dieser sterbenswerten Stadt / die keine Fenster und auch keine Türen, aber so viele Mauern hat.“) oder das mir bislang unbekannte, sehr atmosphärische „Auf Geisterfahrt“.

Musikalisch berührte das Ganze vornehmlich dann, wenn die Refrains mehrstimmig vorgetragen wurden – und vor allem, wenn Sängerin Marilies Jagsch mit ihrer wunderbar fahlen Herbststimme hohe Trauerkompetenz beisteuerte. Da verschmerzt man sogar einmal ein Blockflötensolo! Sanftes Schlagwerk, Melodika und Quetsche steuerten weitere Farbtupfer bei.

Über die in gestelztem Hochdeutsch vorgetragenen Songtexte kann man geteilter Meinung sein, oft kommen die Lyrics schon arg verschwurbelt und verrätselt daher. Dazwischen fallen aber doch immer wieder ungewöhnliche und entlegene Sprachbilder ab. Und verqueren Humor gibt es obendrein: Etwa in „Peter Handke“, wo es zunächst heißt: „Meine Fehler wären einer Maschine nicht passiert“, am Ende dann: „Meine Fehler wären Peter Handke nicht passiert“. Laut (Haupt-)Sänger Wolfgang Wiesbauer geht es im Song um den „Unterschied zwischen erfolgreichen und erfolglosen Poeten: Die einen erhalten den Nobelpreis, die anderen spielen in der Zone Wörgl“.

Aber wer braucht schon Nobelpreise, wenn er Fritz O. hat? Im Zugabenteil griff er dann sogar selbst zum Gesangsmikrofon – ohne sich vorher überhaupt von der Bühne bewegt zu haben. Kaputte Gelenke lassen solche Mätzchen eben nicht zu. Dafür gab es den perfekten Rausschmeißer: eine würdige deutschsprachige Nachdichtung des „Weeping Song“ vom großen Dunkelmann Nick Cave. Die wurde mit einer Wucht, Lautstärke und Dynamik serviert, die ich mir auch vorher manchmal gewünscht hätte, wenn es allzu getragen wurde.

Am Ende eines Abends über das Ende durfte das handverlesene Publikum jedenfalls noch einmal mit vollem Recht jenen Jubel anstimmen, der Fritz Ostermayer besonders zusagte: „Juhu!“

WESEN AUS EINER HÖHEREN KLANGDIMENSION

Konzertbericht: ACID MOTHERS TEMPLE & THE MELTING PARAISO U.F.O. (Support: SIBIRIAN TRAINSTATION), Kulturfabrik Kufstein, 19. Oktober 2018

VORBEMERKUNG: Dieser Beitrag wird durch meisterhafte Fotos von KURT HÄRTING aufgewertet, vielen Dank dafür!

Veranstalter Mike Litzko vom verdienten Kufsteiner Kulturverein Klangfarben (der heuer übrigens sein fünfjähriges Bestehen feiert, herzlichen Glückwunsch!) steht als leidenschaftlicher Atheist nun wirklich nicht im Verdacht, religiöse Botschaften vermitteln zu wollen. Dennoch hatte das von Mike eingefädelte Kufstein-Gastspiel der wundersamen japanischen Formation Acid Mothers Temple am Freitagabend zweifellos eine erhabene, spirituelle, ja fast sakrale Dimension.

Doch der Reihe nach: Die „Messdiener“ an diesem Abend kamen zunächst aus einer ganz anderen Ecke: Sibirian Trainstation aus Kufstein stehen für brettharten Metalcore – persönlich ned mei Weda (wie der Unterländer sagt), aber sicher kompetent gespielt, geknüppelt, gerifft und gebrüllt. Die Wurzeln der Band im Punkrock merkt man ihnen in Sachen Druck und Dynamik noch an, das ist sympathisch, Energie und Einsatz stimmen jederzeit. Bei den anderen großen E (Eigenständigkeit, Experimentierlust, Expeditionen über die Genregrenzen hinaus) ist zwischen Kufstein und Wladiwostok wohl noch Luft nach oben. Aber wie gesagt, Metalcore ist halt einfach nicht unbedingt meine Welt.

(Foto: Kurt Härting)

Ob und wie dieser brachiale Support-Act zur Hauptband des Abends passte, sei dahingestellt. Kollege Johannes meinte nicht zu Unrecht, dass etwa das ebenfalls aus dem Tiroler Unterland stammende Neo-Shoegaze-/Psychedelic-Duo Molly musikalisch deutlich naheliegender gewesen wäre. Aber das ist natürlich alles Geschmackssache.

Das nachvollziehbare Kalkül des Veranstalters, den ganzen Abend (ein wenig irreführend) als „Metalparty“ zu titulieren, war wohl, zumindest ein paar Anhänger der lokalen Metalszene – nämlich die weltoffenen, neugierigen Exemplare – dazu zu bringen, ihren Allerwertesten hochzukriegen und sich neben den Lokalhelden auch auf diese verrückten Japaner einzulassen. Und das dürfte zumindest teilweise gelungen sein.

(Foto: Kurt Härting)

Damit nun zu Acid Mothers Temple & The Melting Paraiso U.F.O.: Wer im Vorfeld erwartet hatte, einen sehr ähnlichen Abend zu erleben wie beim Vorjahreskonzert in der Innsbrucker PMK (nachzulesen: HIER), täuschte sich – wurde aber bestimmt nicht enttäuscht. Aus meiner Sicht war das Konzert in der Kulturfabrik genauso großartig. Nur eben anders gelagert: In Innsbruck war das Gesamt-Klangbild droniger, ausufernder, lärmiger, ein phasenweise fast konturloser kosmischer Klangbrei (im positivsten Sinne!). Diesmal präsentierten sich Acid Mothers Temple deutlich strukturierter, bisweilen fast songorientiert, im Vergleich phasenweise fast, ähem, poppig (und dabei natürlich immer noch far, far out).

Zugleich – und da könnte ein direkter Zusammenhang bestehen – rückte diesmal die Band neben den beiden älteren, haarigen Frontmännern Kawabata Makoto (Gitarre) und Higashi Hiroshi (Roland-Synthesizer) viel stärker in den Vordergrund. Der androgyne Sänger und Gitarrist Jyonson Tsu etwa prägte vor allem die Anfangsphase mit hypnotisierenden Gesangslinien in einer schwer zuordenbaren Sprache und einem für mich ebenfalls schwer zuordenbaren, lautenartigen Instrument (Mandoline? Bouzouki? Sorry, Instrumentenkunde fünf, setzen).

(Foto: Kurt Härting)

Sein sympathisch-entrücktes Tänzeln fügte sich bestens zu den groovigen, beweglich-leichtfüßigen Bassläufen von „Wolf“ (guter Name, übrigens!). Ein denkwürdiges Ereignis war aber auch und besonders der furiose Drummer Satoshima Nani, der mit einer entfesselten, schweißspritzenden Performance selbst das Tier aus der Muppet Show so träge wie eine Weinbergschnecke hätte wirken lassen.

Ein echter – tut mir Leid, ohne dieses Klischee kommt ein eurozentristischer Beitrag nunmal leider nicht aus – Kamikaze-Drummer, dem ich persönlich noch bis ans Lebensende (meines oder seines) hätte zuschauen und lauschen können.

(Fotos: Kurt Härting)

Trotz aller Unterschiede zu Innsbruck: Auch diesmal waren sämtliche Elemente des Bandnamens im Sound wiederzufinden: der trippig-psychedelische Hippie-Irrsinn (Acid); die mütterlich umhüllenden, repetitiv-einlullenden Strukturen (Mother); die für westliche Rezipienten irgendwie Zen-buddhistische Weisheit, Ruhe und Versöhnlichkeit, die diese Musik ausstrahlt (Temple, womit wir wieder bei der Religion wären); und dazu das spacige, durchgeknallte Element, das mit „Melting Paraiso U.F.O.“ (was auch immer das bedeutet) schön umschrieben ist.

Denn tatsächlich landete diese Truppe in der Kulturfabrik wie Aliens, Wesen aus einer weiseren, schöneren und versöhnlicheren Zivilisation. Selbst in den lärmigsten, rauschhaftesten Momenten strahlt diese Musik eine friedvolle, meditative Aura aus, der man sich nicht entziehen kann und will. Die heilende Kraft der Repetition! Oder, etwas weniger hippiesk formuliert: Wo Sibirian Trainstation eine derbe Gnaggwatschn waren, sind Acid Mothers Temple eine lange, liebevolle Umarmung.

Ja, das hier ist Musik für geschlossene Augen – obwohl die Schauwerte erheblich waren: lange Bärte, lange Zodn, lange Gewänder mit seltsamen Zeichen drauf. Am schönsten waren auch diesmal jene Momente, in denen man sich ganz auf die Wiederholungen einlassen konnte, auf die minimalen Variationen und Verschiebungen, die allmählich anschwellende Lautstärke und den unterschwelligen Spannungsbogen – egal, ob die behutsamen Mutationen nun von Synthesizer, Gitarre, Bass oder Schlagzeug eingeleitet wurden.

(Foto: Kurt Härting)

Apropos: Für eine beglückende Sequenz sorgte zwischendurch auch ein plötzlicher Wechsel in die Clubmusik: Nur von Bassist und Drummer getragen, gab es da auf einmal eine Art Live-Techno auf die Ohren (wie man das etwa von den Österreichern Elektro Guzzi kennt und schätzt). Da brandete im Publikum spontan Jubel auf – und die Erkenntnis: Hey, dazu kann oder könnte man ja sogar tanzen!

Über all diesen schönen Eindrücken vergaß man, wie bei jeder guten Musik, ganz auf die Zeit. Da ging es auf einmal schon auf halb zwölf zu – und der Plan, mit dem Railjet noch zu einem sozial verträglichen Zeitpunkt zu einer Geburtstagsfeier in Innsbruck zu kommen, löste sich in wohligen Klangwolken auf.

Zum Abschluss spendierten Acid Mothers Temple noch einen langen Track – aber keinerlei schnöde Standard-Rituale wie Zugaben oder dergleichen. Zurecht: Bei einem Gottesdienst gibt es schließlich auch keine Zugabe.

Dass zwischendurch ein paar respektlose Elemente im Publikum, gerade in ruhigen Momenten, die sakrale Atmosphäre mit profanem Geplapper entweihen mussten, könnte man als eine Art Übung in buddhistischem Gleichmut begreifen. Gerne hätte man „He, es Oschlecha, hoids endlich de Pappn oda geht’s an die Bar!“ gerufen – wäre man zu diesem Zeitpunkt nicht schon viel zu menschenfreundlich gestimmt gewesen. Und man hatte immerhin den Eindruck, dass selbst diese Störenfriede vom Konzert angetan waren. Wie überhaupt kaum jemand im überschaubaren, aber begeisterungsfähigen Publikum das Kommen an diesem Abend bereut haben dürfte.

Denn: So etwas erlebt man nicht nur in Kufstein nicht alle Tage – danke dafür, Mike!

(Foto: Kurt Härting)

Das letzte Wort soll nun aber einem mir unbekannten Konzertbesucher gehören, der die Sache in breitestem Unterinntaler Zungenschlag auf den Punkt brachte: „Boah, i had ma’s ned so geil vuagstöd!“

Wahre Liebe

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 27:
DAVE ALVIN & JIMMIE DALE GILMORE – DOWNEY TO LUBBOCK (2018)

Ich kann mich noch an den Abend erinnern, als ich zum ersten mal das Zombie-Slasher-Roadmovie „From Dusk Till Dawn“ gesehen habe. Die Titelsequenz ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Nach einem missglückten Stopp beim Schnapsladen steigen die Gangster-Brüder Seth und Richie Gecko streitend wieder in ihren staubigen Schlitten ein, während die Bude hinter ihnen in Flammen aufgeht. Welch ein furioser Einstieg! Der Ältere fährt, Seth drückt aufs Gas und der Titelsong „Dark Knight“ ertönt. Er gibt den Ton für den gesamten weiteren Film vor.

Der Name der Band, „The Blasters“, hat sich mir gleich eingeprägt, lange war mir aber nur dieser eine Song bekannt. Erst Jahre später, passenderweise in einem Innsbrucker Kellerlokal, hörte ich wieder einen Song in diese Richtung, eine stampfende Coverversion des Bob Dylan-Klassikers „Highway 61 Revisited“ – und zwar von Dave Alvin. Bald hatte ich herausgefunden, dass Dave Alvin Gitarrist der Blasters war und ich habe begonnen, mehr Blasters und Dave Alvin mit seiner Band The Guilty Ones zu hören. Später brachte sich Blog-Kollege Michael dann noch mit dem Album „Common Ground“ von Dave & Phil Alvin ein, einer Sammlung von Big-Bill-Broonzy-Coverversionen, interpretiert von Dave Alvin mit Bruder Phil, ebenfalls Teil der Blasters. Nebenbei gab es noch viel andere Musik zu entdecken, die ähnlich auf mich wirkte: Jason & The Scorchers, Green On Red, Roky Erickson und Justice Hahn sind einige meiner Favoriten.

Alle genannten Bands teilen die wahre Liebe zu den klassischen Ami-Genres: Country, Rockabilly, Folk, Roots Rock. Jedoch werden nicht nur Klassiker zum Besten gegeben oder seichte Nachahmungen produziert, im Vergleich zu den Originalen wirkt alles etwas roher und oft fetziger und gröber. Sie sind Fans der alten Schule, hatten den überzüchteten Schmalz-Country der 70er- und 80er-Jahre satt, und revitalisierten die in Jahre gekommene Cowboy-Musik mit einer ordentlichen Portion Punk-Attitüde, ähnlich wie es zur selben Zeit die Ramones mit Rock’n’Roll- und Pop-Songs machten. Der Cow Punk war geboren!

Doch nun zum eigentlichen Track der Woche: „Downey to Lubbock“ vom gleichnamigen Album. Hier tut sich Dave Alvin mit Jimmie Dale Gilmore zusammen, der mir durch ein herausragendes Townes Van Zandt-Cover bekannt ist. In Gilmores Version von „White Freight Liner Blues“ wird das Getöse auf dem Highway nicht durch die Fidel nachgeahmt, sondern durch eine höllisch schnelle E-Gitarre und Lapsteel. So haucht er dem Song wiederum Lebendigkeit ein, ohne die Grundstimmung abzuändern.

Die Kombination Alvin/Gilmore macht Sinn, ein Roots-Rock-Album von zwei Veteranen – und das im Jahr 2018. Alles etwas ruhiger als in der wilden alten Zeit, aber gekonnt fetzig und keineswegs altbacken kommt der Album-Opener „Downey to Lubbock“ daher. Die Seele der Musik ist dieselbe, auch wenn sich das Gewand verändert hat.

Viel Spaß!

Weitere Anspieltipps:

  • The Blasters – Boomtown (Non Fiction, 1983)
  • Green On Red – Hair of the Dog (Gas Food Lodging, 1985)
  • Jason & The Scorchers – Lost Highway (Lost & Found, 1985)
  • Roky Erickson – Don’t Slander Me (Clear Night for Love, 1985)
  • Jimmie Dale Gilmore – Weight Freight Liner Blues (Fair & Square, 1988)
  • Justice Hahn – Lucky Ladies (Ragged But Right, 1991)
  • Dave Alvin – Johnny Ace Is Dead (Eleven Eleven, 2011)
  • Dave Alvin & Phil Alvin – Stuff They Call Money (Common Ground, 2014)

Noch mehr Bla Bla (Bla) über Nirvana

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 26:
NIRVANA – VERY APE (1993)

Bereits in meinem letzten Track der Woche spielten Nirvana eine nicht unwesentliche Rolle. Einige Monate später (ja, ich war sehr, sehr schreibfaul) stolpere ich über die nächste Kuriosität rund um die Band. Kurios auch deshalb, weil ich die Band eigentlich nur äußerst selten bewusst höre und auch keine starke Meinung zu ihrer Musik habe, weder in die eine noch in die andere Richtung. Aber einen Bogen um deren Klänge, Mythen und Anekdoten zu machen ist eh so oder so unmöglich, wie sich erneut zeigte. Aber ich greife vor.

Die Versuchung war groß, diesen Beitrag „Gut geklaut ist besser als schlecht erfunden, Teil 2“ zu nennen, aber eigentlich geht es nicht um Klauen. Es geht um Sampling. Nur ewiggestrige Puristen würden es heutzutage noch wagen, Sampling grundsätzlich als Ideendiebstahl zu bezeichnen. Nicht wenige der besten und prägendsten Werke zeitgenössischer Musikgenres leben von kreativer Samplingarbeit. Und oft muss es auch buchstäblich nervenaufreibende Arbeit sein, bekannte wie auch irrsinnig obskure Samplequellen in einem neuen Kontext zu positionieren oder sie teilweise bis zur Unkenntlichkeit zu verzerren. Augenscheinlich irrelevante Sekundenbruchteile werden zum tragenden Fundament eines neuen Songs, Gesangspassagen fungieren plötzlich als Percussion, uralte fremdartige Folklore schleicht sich ent-fremdet (sic!) via weltbekannter Pophits in westliche Gehörgänge, alles ist möglich.

Hier noch ein kleines Stück Musik-Trivia, das mittlerweile lange schon kein Geheimnis mehr und vielen Leuten bekannt ist. Ich zeige und erzähle es trotzdem immer wieder gerne. Die britischen Blues-Rocker von Stretch waren von 1974 bis 1979 aktiv und in dieser kurzlebigen Karriere waren sie zwar sehr fleißig und produzierten unter anderem vier Studioalben, ihr einziger wirklicher Erfolg blieb jedoch die Single „Why Did You Do It?“ aus dem Debutalbum „Elastique“. In 2011, also beachtliche 32 Jahre nach der Auflösung, versuchten sie es erneut mit dem bezeichnenden Albumtitel „Unfinished Business“, erneut mit mäßigem Erfolg, trotz einer Neuauflage von „Why Did You Do It?“. In der Zwischenzeit – und davon gab es wie gesagt reichlich – vergriff sich allerdings auch eine weitere Person am Originalmaterial, und zwar kein Geringerer als Gigi D’Agostino. Man beachte in der Originalversion die Gesangspassage ab 2:31. Nicht die ganze Passage, die ersten zwei Sekunden reichen eigentlich schon. Und hier gibt‘s des Rätsels Lösung, falls die Nostalgiebombe nicht schon längst einschlug. Genau sowas meinte ich in der Einleitung mit kreativem Sampling und originellem Quellenmaterial.

Die Story an sich war mir schon lange bekannt, aber die beiden einzelnen Songs waren es noch länger. Und genau darum geht es hier, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen und eine total bekannte Samplequelle nicht schon längst als solche erkannt zu haben. Und vielleicht ist das folgende Stück Musik-Trivia sogar wesentlich bekannter als das von gerade eben und ich stand bloß mein ganzes bisheriges Leben lang mächtig auf der Leitung, jedenfalls kommen wir nun zurück zu Nirvana. 1993 erschien ihr letztes Studioalbum „In Utero“, und mittig eingebettet zwischen mehreren Kulthits findet sich dort auch der Song „Very Ape“. Rotzige zwei Minuten mit nicht minder rotzfrechem Text. Fast exakt ein Jahr später sollte dessen Eingangsriff auf einer der bekanntesten Big Beat Scheiben aller Zeiten gesampled werden:

Im Gegensatz zur ersten Anekdote kann man hier vielleicht nicht von der am kreativsten und cleversten implementierten Samplingarbeit aller Zeiten sprechen. Aber gerade deshalb ist es ein totales Rätsel, wie diese Sache jahrelang unbemerkt an mir vorübergehen konnte, obwohl ich vor allem die dutzenden, teilweise sehr guten Remixe vom The Prodigy Track extrem oft gehört habe. Ich wiederhole die Schlussworte meines letzten Tracks der Woche: Wenn man tief genug gräbt stößt man gewiss auch auf weitere Beispiele. Vielleicht sind der Leserschaft sogar einige bekannt?

Von der schäbigen Würde des „Eierkicks“ – endlich ein guter Fußballsong!

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 25:
DER NINO AUS WIEN – UNENTSCHIEDEN GEGEN RIED (2018)

Fußball und Musik – das ist nicht unbedingt eine fruchtbare Beziehung.

Dabei sind sich die Kickerei und die alternative Popkultur heute wahrscheinlich näher denn je. Längst hat das Thema Fußball Kreise erreicht, die sich jenseits aller negativen Begleiterscheinungen des Weltsports Nummer eins (Rassismus, Nationalismus, Kommerz, Korruption, Katar) intensiv mit Fußballkultur auseinandersetzen. Und zwar mit Humor und Enthusiasmus, aber ohne den intellektuellen Dünkel und die Verachtung, mit der man dem Phänomen früher im (Hoch-)Kulturmilieu oft begegnete.

Alternative Fußballmagazine wie 11 Freunde und Ballesterer oder auch die Fußballanalysen von Martin Blumenau auf FM4 mögen als deutschsprachige Beispiele für diesen Paradigmenwechsel genügen. In England stehen sich Pop- und Fußballnerds ohnedies schon viel länger nahe (Paradebeispiel Nick Hornby, der beides in Personalunion verkörpert).

Und es ist auch nicht so, dass im Kontext von Fußball grundsätzlich keine gute Musik vorkommen würde: Die Soundtracks zur FIFA-Computerspielreihe präsentieren sich beispielsweise schon seit den fernen Tagen, als ich mich noch für Games (und Vereinsfußball) interessiert habe, stets spannend, weltoffen und am Puls der Zeit. Die 19er-Ausgabe enthält z.B. Tracks von so formidablen KünstlerInnen wie Courtney Barnett, Gorillaz, Jungle, Death Cab For Cutie, den Crystal Fighters, Bob Moses, den Young Fathers oder Childish Gambino. Passt!

Umso erstaunlicher ist es, dass es nach wie vor sehr wenige brauchbare Lieder über das Thema Fußball selbst gibt. Dazu muss man nur in die Stadien hineinzuhören: Dort dominieren – so weit ich das noch mitbekomme – bis heute stumpf stampfender Stadionrock (der Begriff kommt nicht von ungefähr), patriotischer Befindlichkeitsschlager oder, wenn man an die Sprechchöre denkt, (mehr oder) weniger gelungene Verballhornungen von Klassikern der Popgeschichte.

Mich würde z. B. nach wie vor interessieren, was Jack White eigentlich darüber denkt, dass sein Riff zu „Seven Nation Army“ auf seltsamen Wegen zu einem DER globalen Fußball-Schlachtgesänge wurde. Ein AMI und Fußball, das geht aus Sicht des Durchschnittsfans ja eigentlich gar nicht zusammen! Interessieren würde mich außerdem, ob Welthits wie „Yellow Submarine“ oder „Those Were The Days“ von den Fans nach wie vor dazu herangezogen werden, die sexuelle Orientierung des gegnerischen Spielmachers in Frage zu stellen oder die unterlegene Mannschaft zum „nach Hause geh’n“ aufzufordern.

Witzig-absurde Adaptionen wie die Umdichtung des 90er-Jahre-Eurotrash-Klassikers „Freed from Desire“ von GALA auf „Will Grigg’s on Fire“ durch die sangesfreudigen nordirischen Fans („Will Grigg’s on fire / Your defence is terrified“ …) bleiben leider nach wie vor die Ausnahme von der stumpfsinnigen Regel. 

Noch zweifelhafter sind die Ergebnisse eigentlich nur, wenn Fußballer sich bemüßigt fühlen, selbst zum Mikrofon zu greifen. Und da muss man gar nicht mal an die kroatischen Kicker denken, die heuer zusammen mit dem rechtsextremen Rocker Thompson sangen und abfeierten. Auch die, ähem, historischen Auftritte von Franz Beckenbauer oder gar dem Chor der österreichischen Sportreporter (sic!) sind mit Worten wie „jenseitig“ am besten beschrieben (aber zumindest irgendwie lustig, was man von Thompson nun wirklich nicht behaupten kann). „Nachtfalke“ Hans Krankl alias Johann K. zählt in der Zunft der singenden Fußballer jedenfalls noch zu den Höhepunkten.

Die sogenannten WM- und EM-„Hymnen“ wiederum zeichnen sich vor allem durch ihre absolute Austauschbarkeit und Harmlosigkeit aus – und sind schneller wieder vergessen, als man „abseitsverdächtig“ sagen kann. „Live it Up“, anyone?

Am ehesten kann man sich hier vielleicht noch an die (auch recht nervige und seither mehrfach recycelte) Sportfreunde-Stiller-Nummer „’54, ’74, ’90, 2006“ erinnern, die immerhin von echter Leidenschaft für die Thematik zeugte. Die Sportis tragen ihr Interesse an Athletik schließlich schon im Bandnamen – und der Titel ihres (noch durchaus coolen) Debütalbums „So wie einst Real Madrid“ (2000) spricht ebenso für sich. Genau wie der Name einer weiteren Band von Sportfreunde-Drummer Florian Weber: Bolzplatz Heroes. Ach ja, und einen weiteren Fußballhit namens „Ich, Roque“ (feat. den paraguayischen Kicker Roque Santa Cruz) hatten die Stillers auch. (Danke an Julian D. für die Erinnerung).

Aber wo bleiben nun die WIRKLICH guten Fußball-Lieder? Außer dem ebenso unverwüstlichen wie offensichtlichen „Three Lions (Football’s Coming Home)“ der englischen Alternative-Band The Lightning Seeds oder dem kitschverdächtigen „You’ll Never Walk Alone“ von Gerry and the Pacemakers (ebenfalls aus Liverpool) fällt einem da spontan nicht viel ein. Vielleicht noch der deutsche Rapper Marteria/Marsimoto, in seiner Jugend selbst deutscher Nationalkicker, der immer wieder für Sport- und Fußballmetaphern gut ist, derzeit etwa im Hit „Champion Sound“ gemeinsam mit Casper.

Das einzige wirklich coole Lied über Fußball, das ich bis vor Kurzem kannte, stammt von der französischen Formation Mickey 3D und dreht sich um den (mir unbekannten) ehemaligen holländischen Fußballstar Nicolas „Johnny“ Rep, der u. a. gemeinsam mit Michel Platini bei St. Etienne kickte – wie auch dem mitreißenden Kommentatorensample im Song zu entnehmen ist.

Doch jetzt gibt es endlich ein weiteres, rundum gelungenes Lied über das, ähem, runde Leder! Der Song stammt aus Österreich, genauer gesagt von Der Nino aus Wien, und trägt den ziemlich großartigen Titel „Unentschieden gegen Ried“, der eigentlich schon alles aussagt.
Hier geht es nicht um die große, glitzernde, von Pathos und Drama erfüllte Fußballwelt, nicht um die Champions League, ja nicht einmal um die Europa League, sondern um den deutlich weniger glamourösen (Fußball-)Alltag in den Untiefen der Heimat: „Eierkick“, „Wiener Liga“, raunzende Altfans, die „Hearst spü eahm, gib eahm, renn a bissl schnölla mitm Boi“ brüllen und zugleich dem „Ogerl“ oder dem „Kurtl Jara“ nachtrauern – das ist der Stoff, aus dem dieses Lied gemacht ist.

Schon im wunderbaren „Praterlied“ hatte Nino genau diese Form der Alltagspoesie perfektioniert: Leberkas, Dosenfisch und „Gösserbier“, beim Nah & Frisch erworben – so etwas erzählt einfach viel mehr über das tägliche Leben in Österreich als irgendwelche geschraubt-pathetischen Texte über große Gefühle. Und Ninos Fußball-Affinität wurde darin auch schon deutlich, u. a. in der perfekt ins Kreuzeck gezirkelten Zeile „Zhaus spüst ab bissl FIFA und valierst“. Der Alltag ist halt meistens eher Regionalliga als Champions League – deshalb heißt er ja Alltag.

Genau diesem tristen Alltag Witz und, ja, auch Würde abzugewinnen, gelingt Nino in „Unentschieden gegen Ried“ ein weiteres Mal – und ein richtiger Ohrwurm ist das Ganze obendrein. Auch auf die Gefahr hin, nun fünf Euro ins Phrasenschwein werfen zu müssen, bleibt mir als Matchbericht nur Folgendes zu sagen: ein Volltreffer!

Wow! Die definitiven, endgültigen, kumulierten HIT The Bassline-Jahrescharts 2017! Schon jetzt für Sie!

Wäre dieser Blog ein menschliches Wesen und wir als Autoren seine Väter, dann stünden wir alle längst wegen schwerer Kindesvernachlässigung vor Gericht. Und das Sorgerecht für unser Blog-Baby hätte man uns völlig zu Recht entzogen.

Dass sich die wenigen Beiträge der letzten Monate großteils um das längst verblichene Jahr 2017 gedreht haben, macht die Sache nicht besser, höchstens bizarrer. Und jetzt kommt’s richtig dick: Der folgende Beitrag handelt einmal mehr vom Jahr 2017!

Denn hier und heute, am 272. Tag des Jahres 2018, zu einer Zeit, in der die meisten Menschen langsam in Adventstimmung kommen, dürfen wie sie endlich präsentieren – die kumulierten „HIT The Bassline“-Jahrescharts 2017!

Wenn drei hemmungslose Musik-Eklektiker mit stark individualisierten Geschmäckern je hundert Lieblingslieder eines Jahres zusammentragen, sind Überschneidungen naturgemäß eher selten. So auch bei uns: Ich habe beispielsweise die großartige Sophia Kennedy gleich mit drei Songs in meinen Top 100, der geschätzte Kollege Steff einmal – und das natürlich ausgerechnet mit einem Lied, das ich NICHT drin habe. LCD Soundsystem wiederum scheinen bei Steff gefühlte zwanzigmal auf – aber der einzige Song, den ich von Herrn Murphy in der Liste habe, ist nicht dabei.

Weitere Beispiele? Blanck Mass gefallen Johannes und Steff gleichermaßen gut, nur gilt das offenbar für ganz verschiedene Songs. Ähnlich bei Slowdive, die sich völlig zu Recht bei jedem von uns an prominenter Stelle in den Bestenlisten wiederfinden (btw, was für ein göttlicher Auftritt beim Primavera-Festival!) – aber mit keinem Lied in allen dreien.

Und doch ist bei den Jahrescharts 2017 erstmals das Wunder geschehen – und das gleich doppelt: Es gibt tatsächlich satte zwei Songs, die sich bei jedem von uns in der 100er-Auswahl finden!

Diese Tatsache beschert uns mit FLUT und ihrem erbarmungslos eingängigen 80s-Klassiker-ups-der-ist-ja-von-heute „Linz bei Nacht“ einen recht unerwarteten bis seltsamen Jahressieger. Und mit den kosmopolitischen Souljazzelektroafrocuban-Rebellinnen von Ibeyi einen hochverdienten dritten Platz. Dazwischen liegt mit Mavi Phoenix eine weitere junge Künstlerin mit Lebensmittelpunkt Österreich – eine, die wirklich in keiner Bestenliste 2017 fehlen durfte und darf.

Überhaupt: Schöne und stimmige Top 10! Und insgesamt, wie ich finde, sehr vielfältige und würdige Top 40, mit denen wir dieses schöne Musikjahr zwar sauspät, aber nunmehr ruhigen Gewissens für uns abschließen können.

UND, ähem, DAS SIND SIE NUN – DIE TOP 40 von HIT THE BASSLINE 2017:

Platz / Interpret / Titel / Punkte (Michael, Stefan, Johannes)

1. FLUT – Linz bei Nacht: 183 (81, 77, 25)

2. Mavi Phoenix – Aventura: 155 (96, 59, -)

3. Ibeyi – Away Away: 147 (20, 69, 58)

4. Kendrick Lamar – DNA.: 124 (82, -, 42)

5. Ghostpoet – Freakshow: 124 (37, 87, -)

6. Slowdive – Sugar for the Pill: 123 (70, -, 53)

7. MGMT – Little Dark Age: 119 (66, 53, -)

8. Cigarettes After Sex – Each Time You Fall In Love: 118 (80, 38, -)

9. Slowdive – Slomo: 114 (-, 96, 18)

10. Grizzly Bear – Wasted Acres: 109 (46, 63, -)

11. Sophia Kennedy – Something Is Coming My Way: 100 (100, -, -)
LCD Soundsystem – How Do You Sleep?: 100 (-, 100, -)
Godspeed You! Black Emperor – Anthem for No State: 100 (-, -, 100)
14. Dan Croll – Away From Today: 99 (48, 51, -)
Goat Girl – Scum: 99 (99, -, -)
P.O.S. – Faded: 99 (-, 99, -)
Slowdive – Don’t Know Why: 99 (-, -, 99)
18. Cosmo Sheldrake – Come Along: 98 (98, -, -)
Portugal. The Man – Feel It Still: 98 (-, 98, -)
Blanck Mass – Please: 98 (-, -, 98)
21. Goat Girl – Cracker Drool: 97 (97, -, -)
The xx – Dangerous: 97 (-, 97, -)
Idles – 1049 Gotho: 97 (-, -, 97)
24. Ulver – Rolling Stone: 96 (-, -, 96
25. MOLLY – Glimpse: 95 (95, -, -)
Trails and Ways – Happiness: 95 (-, 95, -)
Forest Swords – Panic: 95 (-, -, 95)
28. FLUT – Sterne: 94 (94, -, -)
Spoon – Hot Thoughts (David Andrew Sitek Remix): 94 (-, 94, -)
Paul Plut – Grat:
94 (-, -, 94)
31. Cigarettes After Sex – Apocalypse: 93 (93, -, -)
The xx – Replica: 93 (-, 93, -)
Amenra – A Solitary Reign: 93 (-, -, 93)
34. Benjamin Clementine – God Save the Jungle: 92 (92, -, -)
Noel Gallagher’s High Flying Birds – Dead In the Water (live): 92 (-, 92, -)
Cristobal and the Sea – Goat Flokk: 92 (-, -, 92)
37. Charlotte Gainsbourg – Deadly Valentine: 91 (16, 75, -)
Ariel Pink – Bubblegum Dreams: 91 (91, -, -)
Hundred Waters – Blanket Me: 91 (-, 91, -)
Forest Swords – War It: 91 (-, -, 91)

Britischer Grant, himmlische Harmonien, Aktuelles, Kurioses und Funkiges

Protokoll des Hörabends vom 24. & 25. August 2018:

Noch stehen die leeren Flaschen und Gläser am Tisch, noch sind die Chipsbrösel nicht eingesaugt – und schon ist das (hoffentlich halbwegs vollständige) Protokoll des eben zu Ende gegangenen, gleichermaßen geselligen wie unterhaltsamen Hörabends online. Und da soll noch eine/r sagen, unser Blog wäre so langsam und schwerfällig … Das hier hat ja fast schon Live-Ticker-Qualität!

Und weil die Bandbreite eines solchen laaaangen Musikabends immer wieder erstaunlich und im Nachhinein kaum greifbar ist (diesmal reichte die Palette von den Fifties bis 2018, von Wien bis Wales, von Brasilien bis Nigeria, vom Al-Bano-&-Romina-Power-Cover bis hin zum hawaiianischen Tearjerker) gibt es die Songliste diesmal sogar in saubere Themenblöcke geordnet. Dem Autor dieser Zeilen war es ein Volksfest! (Nur dass auf Volksfesten leider nie eine solche Playlist laufen wird).

Zu hören war:

Schlecht Gelauntes von der Insel:
IDLES – Mother
IDLES – Well Done
Goat Girl – Cracker Drool
Goat Girl – Scum
Sleaford Mods – I Can Tell
Hefner – The Day That Thatcher Dies
Blur – Parklife
Mclusky – To Hell With Good Intentions
Future of the Left – The Real Meaning Of Christmas
The Fall – How I Wrote ‚Elastic Man‘

Noise-Rock, Indie und österreichische Polit-Satire aus den 80ern:
Half Japanese – Deadly Alien Spawn
Half Japanese – Put Some Sugar On It
Half Japanese – Sugarcane
Half Japanese – Day And Night
Violent Femmes – American Music
Violent Femmes – Do You Really Want To Hurt Me?
Violent Femmes – Gone Daddy Gone
Drahdiwaberl – Mad Cat Sadie
Drahdiwaberl – Psychoterror
Drahdiwaberl – Jeanny Part 13
Drahdiwaberl – Stechschrittmambo
Violent Femmes – America Is

Himmlische Vokalharmonien:
Beach Boys – God Only Knows
Beach Boys – You Still Believe In Me
Beach Boys – Do It Again
Beach Boys – Little Deuce Coupe
Commander Cody And His Lost Planet Airman – Hot Rod Lincoln
Teenage Fanclub – I Need Direction
Teenage Fanclub – Don’t Look Back
Deep Throat Choir – Be OK
Simian Mobile Disco feat. Deep Throat Choir – Hey Sister
The Bees – Horseman
R.E.M. – Moral Kiosk
R.E.M. – West Of The Fields
Fleet Foxes – White Winter Hymnal
La Luz – Mean Dream
Little Eva – The Locomotion

Aktuelles und Kurioses aus 2017 & 2018:
Cari Cari – Mapache
Cari Cari – Nothing’s Older Than Yesterday
Cari Cari – White Line Fever
Lali Puna – The Bucket
(Kings Of Leon – The Bucket)
Das Lunsentrio – Im Goldenen Hahn (Bumm Bumm Bumm Bumm / Bamm Bamm Bamm Bamm) [Al Bano Carrisi & Romina Power-Cover]
Das Lunsentrio – Das letzte Edelweiss

Quer durchs globale Gemüsebeet – deutscher Elektro-Punk, österreichischer Postpunk, US-amerikanische Jazz/Funk/Disco-Grooves, afrobrasilianische Jazz/Funk/Soul-Sounds, nigerianischer Funk/Elektro/Afrobeat-Frohsinn:
Komplikations – The City
Kreisky – Ein Depp des 20. Jahrhunderts
Kreisky – Veteranen der vertanen Chance
Idris Muhammad – Could Heaven Ever Be Like This [da hat Jamie XX den Refrain von „Loud Places“ geklaut!]
Ed Motta – Dried Flowers
William Onyeabor – Good Name
William Onyeabor – Fantastic Man

Rausschmeißer, von kurios über klassisch und brandneu bis hawaiianisch-nostalgisch:
Jürgen Dose – Todesfalle Haushalt
Rocko Schamoni – Der Mond
International Music – Cool bleiben
Buddy Merrill – Beyond The Reef

Eine Playlist mit 2017er Songs, die mir gefallen haben.

Ein schöner Augusttag nimmt seinen hundsgewöhnlichen Lauf. Könnte es einen besseren Zeitpunkt geben, um sich an den PC zu hocken und eine 100 Einträge umfassende Liste aus 2017 erschienenen Songs in absteigender empfundener Qualität zusammenzustellen? Die Antwort auf diese auffallend spezifische Frage: vielleicht. So oder so habe ich genau das vorhin gemacht. Weil mir halt einfach danach war, bestimmt nicht, um zu teaminternen Jahrescharts beizutragen. Das wäre jetzt doch total unangebracht und unverlangt weil viel zu spät und sowieso.

Weitere Ausführungen zu diesem Unterfangen finden sich unter der Liste, zuerst geht’s aber ans Eingemachte:

JAHRESCHARTS 2017 – JOHANNES SCHNEIDER

  1. Godspeed You! Black Emperor – Anthem for No State
  2. Slowdive – Don’t Know Why
  3. Blanck Mass – Please
  4. Idles – 1049 Gotho
  5. Ulver – Rolling Stone
  6. Forest Swords – Panic
  7. Paul Plut – Grat
  8. Amenra – A Solitary Reign
  9. Cristobal and the Sea – Goat Flokk
  10. Forest Swords – War It
  11. Amnesia Scanner – AS Truth
  12. Idles – Benzocaine
  13. Arca – Desafío
  14. Actress – Blue Window
  15. Fleet Foxes – Cassius, –
  16. Hällas – Repentance
  17. Xiu Xiu – Wondering
  18. (Dolch) – Siren
  19. Forest Swords – Exalter
  20. Propagandhi – Lower Order (A Good Laugh)
  21. Blanck Mass – Silent Treatment
  22. Converge – Under Duress
  23. And So I Watch You From Afar – All I Need Is Space
  24. Saagara – Daydream
  25. Clams Casino – Kali Yuga
  26. Paul Plut – Klatsch
  27. Ulver – Transverberation
  28. Vince Staples – Crabs in a Bucket (Feat. Bon Iver & Kilo Kish)
  29. Protomartyr – My Children
  30. Mount Eerie – Real Death
  31. Broken Social Scene – Vanity Pail Kids
  32. Fever Ray – Red Trails
  33. Cristobal and the Sea – Smadness
  34. Whoredom Rife – Beyond the Skies of God
  35. Amenra – Children of the Eye
  36. James Holden & The Animal Spirits – Pass Through the Fire
  37. Converge – I Can Tell You About Pain
  38. Vince Staples – BagBak
  39. Fleet Foxes – If You Need to, Keep Time on Me
  40. Broken Social Scene – Protest Song
  41. And So I Watch You From Afar – Mullally
  42. Rødhåd – Target Line (feat. Vril)
  43. Ibeyi – Away Away
  44. Exquirla – El grito del padre
  45. Idles – White Privilege
  46. Godspeed You! Black Emperor – Bosses Hang
  47. Hammock – I Would Give My Breath Away
  48. Slowdive – Sugar for the Pill
  49. Hällas – The Golden City of Semyra
  50. Zugezogen Maskulin – Was für eine Zeit
  51. Acress – X22RME
  52. Grave Pleasures – Mind Intruder
  53. James Holden & The Animal Spirits – Thunder Moon Gathering
  54. Ninos Du Brasil – Condenado por un Idioma Desconhecido
  55. Blanck Mass – The Rat
  56. Laurel Halo – Jelly
  57. Full of Hell – Trumpeting Extasy
  58. Japandroids – In a Body Like a Grave
  59. Kendrick Lamar – DNA.
  60. Forest Swords – Raw Language
  61. Jlin – Never Created, Never Destroyed
  62. Oh Sees – Nite Expo
  63. Kirin J. Callinan – S. A. D.
  64. Kairon; IRSE! – Llullaillaco
  65. James Holden & The Animal Spirits – Each Moment Like the First
  66. Laurel Halo – Do U Ever Happen
  67. Yves Tumor – Limerence
  68. King Gizzard and the Lizard Wizard – Rattlesnake
  69. Propagandhi – Adventures in Zoochosis
  70. Cristobal and the Sea – Uma Voz
  71. Protomartyr – The Chuckler
  72. Von Seiten der Gemeinde – Schnåps
  73. Restless Leg Syndrome – Rooted
  74. Idles – Mother
  75. Protomartyr – Here Is the Thing
  76. FLUT – Linz bei Nacht
  77. Yaeji – Drink I’m Sippin On
  78. Ulver – So Falls the World
  79. Paul Plut – Lärche
  80. Hällas – Star Rider
  81. Vince Staples – Party People
  82. Von Seiten der Gemeinde – Provincetown Girl
  83. Slowdive – Slomo
  84. The National – The System Only Dreams in Total Darkness
  85. Wolves in the Throne Room – Born From the Serpent’s Eye
  86. Yaeji – Raingurl
  87. Carbon Based Lifeforms – Accede
  88. Zugezogen Maskulin – Teenage Werwolf
  89. Fever Ray – Plunge
  90. Casper – Keine Angst (feat. Drangsal)
  91. Queens of the Stone Age – The Way You Used to Do
  92. Témé Tan – Ça Va Pas La Tête?
  93. Restless Leg Syndrome – Trippin‘
  94. Zugezogen Maskulin – Der müde Tod
  95. Ninos Du Brasil – A Magia do Rei II
  96. Ride – All I Want
  97. Yung Hurn – Ok Cool
  98. Slowdive – No Longer Making Time
  99. Yaeji – Noonside
  100. Morrissey – I Spent the Day in Bed

 

Auch ich als in letzter Zeit leider sehr schreibfaul gewordener Mensch (legitime Ausreden dafür gibt es tatsächlich, müssen an dieser Stelle aber nicht breitgetreten werden) komme um einige Fußnoten zu dieser Auswahl nicht herum.

Man sieht den Charts meine Alben des Jahres deutlich an. Ich könnte Seiten damit füllen, im Bezug auf den Output von Idles, Forest Swords und Slowdive Superlative und überschwängliche Zuneigungsbekundungen aneinanderzureihen, sind deren Scheiben doch so oft in meinem Player rotiert wie lange nichts mehr. Am liebsten hätte ich aus diesen Alben 90% der Tracks in die Liste geklatscht, aber das wäre ja auch irgendwo fad.

Im Grunde genommen trifft auch für letztes Jahr wieder zu, was ich damals zum vorletzten Jahr schon so ähnlich beschrieben hatte: Da ich privat fast ausschließlich ganze Alben höre mache ich mir relativ wenig Gedanken darüber, welche meiner liebsten Tracks auch für sich alleine ihre volle Wirkung entfalten und welche davon „nur“ ein schönes Puzzleteil sind, das erst eingebettet im Gesamtmotiv seinen vorhergesehenen Zweck erfüllt. Von daher ist das Erstellen solch einer Liste jedes Mal ein spannendes Unterfangen, und erneut fehlen einige meiner liebsten Interpreten des Jahres, weil sie halt keine Hits schreiben.

Zum Beispiel waren Eluviums „Shuffle Drones“ eine extrem interessante Erfahrung. 23 kurze, perfekt ineinander übergehende Drone-Stücke, für die unendliche Zufallswiedergabe konzipiert. Die Songtitel aneinandergefügt sind gleichzeitig quasi die Gebrauchsanleitung:
„Simply put, the suggested manner of listening to this work is to isolate the collection and to randomize the play pattern on infinite repeat — thus creating a shuffling drone orchestration. The intent is to create a body of work specifically designed for and in disruption of modern listening habits and to suggest something peaceful, complex, unique, and ever-changing. Thank You.”
Aber so etwas hat halt in einer Liste der besten Songs keinen Platz.

Ein anderes Highlight – und neben Slowdive mein persönliches Comeback des Jahrzehnts – hat Kompakt-Labelchef Wolfgang Voigt mit seinem Hauptprojekt Gas abgeliefert. „Narkopop“ ist erneut die monolithische Mischung aus Naturaufnahmen, Samples klassischer Musik und stoisch pulsierenden (Ambient) Techno-Strukturen geworden, die schon vor der Jahrtausendwende so perfekt funktionierte. Auch die Schweizer von Schammasch weigern sich, verdauliche und wohlportionierte Songhäppchen zu basteln, haben dafür aber meine EP des Jahres aufgenommen und zeigen auf „The Maldoror Chants: Hermaphrodite“ in einem fließend ineinander übergehenden Soundkontinuum, wie Black Metal, ritueller Tribal Ambient und alle dazwischen liegenden Mischformen und Spielarten 2017 zu klingen haben. Der anscheinend im Internet und Meme-Universum wohnende Neil Cicierega hat im vergangenen Jahr die Messlatte in Sachen Mash-Ups neu adjustiert. Sorry Girl Talk. Aber irgendwie hätte es sich falsch angefühlt, diesen Bastardisierungen des Musikgeschehens Rangplätze auf der Liste zu vergeben. Andere Highlights aus 2017, die sich dem Song-Format entzogen, waren der sphärische Ambient Techno, den Vril mit „Anima Mundi“ auf 2 ausufernde, nicht näher betitelte Tape-Hälften gebannt hat, sowie die tieftraurige akustische Begräbnisprozession, welche das 80-Minuten-Monstrum „Mirror Reaper“ von Bell Witch darstellt.

Umgekehrt haben es auch einige Singles auf die Liste geschafft, deren Alben entweder nicht zünden konnten oder ich nicht einmal kenne, weil ich ja trotzdem hin und wieder bei musikbegeisterten Freunden unterkomme oder hin und wieder auch Radio höre(n muss), primär die „großen“ Indie-Sender des deutschsprachigen Raums, und dort halt doch nicht ausschließlich Blödsinn läuft. Von dem her vielen Dank an die liebe öffentlich-rechtliche Rundfunklandschaft.

Das war ja eigentlich ein kurzweiliges Verfangen. Vielleicht wiederhole ich das nächstes Jahr wieder, vielleicht sogar einige Monate früher. Einfach so. Vielleicht.

Jahrescharts 2017 – Stefan Pletzer

Man muss das Positive an verzögerten Jahrescharts sehen, auch wenn es fast acht Monate sind. Die Lieder erhalten die notwendige Zeit, um gut abzuhängen, zu reifen und sich zu entfalten. Genauso wie man einen aufregenden Traum in der ersten Euphorie nicht sofort nach dem Aufwachen in ein Drehbuch für einen Film verwandeln sollte, brauchen auch Songs eine gewisse Reflektionsphase, die jedenfalls länger als die anfängliche Verliebtheit dauern sollte. Was sind schon acht Monate. Tatsächlich arbeite ich an einem „Love Longtime“-Chartsprojekt, das die besten Lieder der Jahre zwischen 1961 und 2060 abbilden soll. Hoffe, damit 2068 fertig zu werden.

Aber nun erstmal zu 2017.

1 LCD SOUNDSYSTEM „how do you sleep?“
Die beste Band der Welt hat ihren Tod gefaked. Aber genauso wie diese Netflix-Comedian, die ihre Karriere nach ihrem besten Programm, bei dem sie ihren Abschied verkündete, nun doch nicht beendet, weil es ungeahnten Erfolg hatte, musste sich wohl auch James Murphy irgendwann die Frage stellen: „Bin ich lieber ein Heuchler oder ein Dummkopf?“. Dann doch lieber Heuchler. Sowas Ähnliches dürfte Murphy in „how do you sleep?“ auch seinem ehemaligen, aber im Unfrieden geschiedenen Weggefährten Tim Goldsworthy vom ehemals gemeinsamen DFA-Projekt in diesem Neun-Minuten-Epos unterstellen, wenn man sich Textzeilen wie „You warned me about the cocaine – Then dove straight in“ ansieht. LCD Soundsystem haben diesen Song bei ihren Tour-Auftritten zum 2017er-Album „American Dream“ monatelang nicht gespielt – es könnten acht gewesen sein – um dem Song die notwendige Zeit zu geben, bei den Fans zu reifen. Na bitte. Heute steht fest: Es wird ein Fixstern in den Sets der New Yorker.

2 P.O.S. „Faded“
Justin Vernon von Bon Iver singt da mit.

3 PORTUGAL. THE MAN „Feel It Still“
Die großartigsten Künstler sind ja wohl jene, die Mainstream und Hardcore-Kritiker vereinen. Shakespeare, Mozart, Michael Jackson. Sowas in der Art. „Feel It Still“ mochte doch jeder. Und viele liebten es.

4 THE XX „Dangerous“
Kein Sample offenbar. Jamie xx ist einer der größten Produzenten unserer Tage.

5 SLOWDIVE „Slomo“
Spät-Meisterwerk.

6 TRAILS AND WAYS „Happiness“
Eigentlich von 2017, aber ich hab’s damals vergessen 🙂

7 SPOON „Hot Thoughts“ (David Andrew Sitek Remix)
Der Produzent und Bandmitglied von TV on the Radio veredelt einen der vielen tollen Tracks aus dem gleichnamigen Album, eines der besten von 2017.

8 THE XX „Replica“
9 NOEL GALLAGHER’S HIGH FLYING BIRDS „Dead In the Water“ (Live at RTE 2FM Studios, Dublin)
Wir wollen alle hoffen und beten, dass Liam seinen großen Bruder nie mehr weichklopft und es keine Oasis-Reunion geben wird. Während Liam sich mittlerweile seine Songs – kommerziell offenbar gar nicht so unerfolgreich – vorkauen und füttern lässt, macht Noel zumindest in seinen hellsten Momenten immer noch große Kunst. Lass den Deppen twittern.

10 HUNDRED WATERS „Blanket me“
Gewidmet dem 2017 leider verstorbenen Musikkritiker Philipp L’heritier.

11 FOUR TET „LA Trance“
12 GEOWULF „Drink Too Much“
13 ARCADE FIRE „Electric Blue“
Das „Everything Now“-Album wurde teilweise arg und tendentiell eher zurecht verrissen, weil es vor allem im Titeltrack stellenweise dann doch ein bisschen zu viel Abba war. Songs wie „Chemistry“ sind ihrer sogar gänzlich unwürdig. Aber gänzlich verkehrt haben es Arcade Fire auf dem Album natürlich trotzdem nicht gemacht.

14 GHOSTPOET „Freakshow“
15 THE WAR ON DRUGS „Up All Night“
16 LCD SOUNDSYSTEM „Tonite“
Sehr Bowie-ish.

17 GRIZZLY BEAR „Three Rings“
Der Grammy ist es wieder nicht geworden. Aber die Musik-Historie wird dennoch auf Grizzly Bears Seite sein.

18 CHANCE THE RAPPER feat. KNOX FORTUNE „All Night“
19 ELBOW „Firebrand & Angel“
20 CHARLOTTE GAINSBOURG „Sylvia Says“
Produziert von meinem All-Time-Lieblings-Haudrauf-Elektroniker Sebastian.

21 WOLF ALICE „Beautifully Unconventional“
22 THE WAR ON DRUGS „Pain“
23 IBEYI feat. MESHELL NDEGOCHELLO „Transmission/Michaelion“
24 FLUT „Linz bei Nacht“
Die 80er waren auch in Oberösterreich zu was gut.

25 ALT-J „Deadcrush“
26 CHARLOTTE GAINSBOURG „Deadly Valentine“
27 BECK „Dreams“
28 !!! „Throttle Service“
29 ALICE MERTON „No Roots“
30 WANDA „Columbo“
Das dritte Album beinhaltet viele unerträgliche Filler, aber eben auch drei sehr gute Songs. Damit stechen sie in Österreich trotz immer stärker werdender Konkurrenz immer noch die meisten anderen Bands aus.

31 GRIZZLY BEAR „Losing All Sense“
32 IBEYI „Away Away“
33 MAVI PHOENIX „Janet Jackson“
34 YUNG HURN „Ok Cool“
35 SPOON „Do I Have to Talk You Into It“
36 BISHOP BRIGGS „River“
37 ARCADE Fire „Peter Pan“
38 GRIZZLY BEAR „Wasted Acres“
39 CHROMATICS „Shadow“ (Last Dance of the Night Club Edit)
40 BILDERBUCH „I <3 Stress“
41 FAREWELL DEAR GHOST „Pink Noise“
42 MAVI PHOENIX „Aventura“
43 LCD SOUNDSYSTEM „Oh Baby“
44 SLOWDIVE „Falling Ashes“
45 LORDE „Green Light“
46 THE HORRORS „Press Enter to Exit“
47 GORILLAZ feat. D.R.A.M. „Andromeda“ (Purple Disco Machine Remix)
48 MGMT „Little Dark Age“
49 SPOON „Whisperi’lllistentohearit“
50 DAN CROLL „Away From Today“
51 NOEL GALLAGHER’S HIGH FLYING BIRDS „Holy Mountain“
52 FOUR TET „Planet“
53 BLANCK MASS „Hive Mind“
54 THEE OH SEES „Plastic Plant“
55 NIHILS „Put Your Back Together“
56 ALT-J „3WW“
57 ARCADE FIRE „Creature Comfort“
58 GORILLAZ feat. JAMIE PRINCIPLE & ZEBRA KATZ „Sex Murder Party“
59 STARS „Hope Avenue“
60 WANDA „Ich sterbe“
61 PHARRELL WILLIAMS „Yellow Light“
62 SOULWAX „Is It Always Binary?“
63 CIGARETTES AFTER SEX „Each Time You Fall In Love“
64 MUSE „Dig Down“
65 ARCADE FIRE „I Give You Power“
66 POWERNERD feat. DREAMHOUR „Marathon“
67 DAN CROLL „Swim“
68 THE NATIONAL „Day I Die“
69 RUN THE JEWELS feat. TUNDE ADEBIMPE „Thieves! (Screamed the Ghost)“
70 !!! „NRGQ“
71 THE WAR ON DRUGS „Thinking Of A Place“
72 HUNDRED WATERS „Parade“
73 PERFUME GENIUS „Run Me Through“
74 ELBOW „Little Fictions“
75 !!! „The One 2“
76 DEATH FROM ABOVE „Holy Books“
77 SPOON „Can I Sit Next To You“
78 JOE GODDARD „Lose Your Love“
79 ST. VINCENT „Pills“
80 SPACE ECHO „Rainbow Power“
81 BILDERBUCH „Bungalow“
82 POND „Colder Than Ice“
83 GORILLAZ feat. KALI UCHIS „She’s My Collar“
84 KELELA „LMK“
85 NICK MURPHY „Medication“
86 EVERYTHING EVERYTHING „Can’t Do“
87 SOPHIA KENNEDY „Build Me A House“
88 DESTROYER „Tinseltown Swimming In Blood“
89 PORTUGAL. THE MAN „Live In the Moment“
90 RUN THE JEWELS „Talk To Me“
91 MURA MASA feat. CHARLI XCX „1 Night“
92 GRIZZLY BEAR „Mourning Sound“
93 WANDA „0043“
94 FIL BO RIVA „Franzis“
95 ALT-J „In Cold Blood“
96 FEVER RAY „Plunge“
97 SYLVAN ESSO „Radio“
98 KENDRICK LAMAR feat. RIHANNA „LOYALTY.“
99 QUEENS OF THE STONE AGE „The Way You Used To Do“
100 THE NEW PORNOGRAPHERS „High Ticket Attractions“