Archiv der Kategorie: Konzertkritik

Ein Uhrwerk mit Unruh

Konzertbericht: SONAR with DAVID TORN (Support: HARRY TRIENDL), Kulturfabrik Kufstein (KuFa-Bar), 4. Mai 2019:

Prog-Rock?? Das ist eine jener Genrebezeichnungen, die für mich persönlich einen eher zweifelhaften, ja negativen Beigeschmack haben. Mit dem Begriff verbinde ich komplizierte, prätentiöse, stilistisch und inhaltlich überambitionierte bis bombastische Musik, für die man als Zuhörer mindestens einen Konservatoriumsabschluss braucht, um sie begreifen und würdigen zu können – und als Musiker sowieso.

Endloses Solieren, riesige Schlagzeug-, Keyboard- und Synthesizer-Burgen, verschwurbelte Konzeptalben, geschliffenes Kunsthandwerk, all das kommt mir beim Ausdruck „Prog“ in den Sinn. Und ich stelle mir immer vor, wie und warum seinerzeit der dreckige, direkte und bewusst simple Punk fast zwangsläufig als Gegenbewegung entstehen musste. Kurz gesagt: Obwohl ich Säulenheilige des Genres wie Pink Floyd, King Crimson oder Van der Graaf Generator teilweise sehr gerne mag, stehe ich dem Konzept und Begriff des „Progressiven“ insgesamt sehr skeptisch gegenüber.

An diesem Abend in der Bar der Kulturfabrik Kufstein war aber keinerlei Skepsis angebracht – denn ich wusste, dass es hier eine andere Art von progressiver Musik zu hören geben würde: nämlich spannende Experimente und beeindruckende Dynamik statt eitler Virtuosität und hohlem Pomp.

Dafür bürgte schon der Auftakt mit Harry Triendl: Der Multiinstrumentalist aus Telfs, bekannt für seine Arbeit mit „virtuellen“ und leibhaftigen Orchestern, für seine Zyklen, die als
Grenzüberschreitungen zwischen Musik, bildender Kunst, Tanz und Experiment angelegt sind, war diesmal solo zu erleben. Mit Touch-Gitarre und Elektronik sorgte er für mal sphärische, mal vertrackte Ambient-Klänge, die mich bisweilen an Science-Fiction- oder Horror-Film-Soundscapes denken ließen, unterbrochen von ruhigen Passagen, garniert mit knackigen Beats, expressivem Gesang und komplexer Improvisation. Und auch wenn manche Brüche vielleicht etwas hart, vereinzelte Übergänge etwas unsanft ausfielen, war es genau der richtige Start in diesen Abend.


(Foto: Harry Triendl)

Harry Triendl war es übrigens auch, der für den Veranstalter den Kontakt zum Hauptact hergestellt hatte – zur Schweizer Instrumental-Formation Sonar und dem namhaften amerikanischen Gitarristen David Torn.

„Vortex“ heißt das 2018er-Album, das Sonar und Torn (Letzterer bekannt für seine Arbeit mit Kalibern wie David Bowie oder Tori Amos) gemeinsam aufgenommen haben. Das aus dem Lateinischen stammende Wort bedeutet soviel wie „Wirbel“ oder „Strudel“ – und das gibt schon einen guten Eindruck von der Musik, die an diesem Abend zu erleben war.

Denn die war perfekt, um sich richtig tief hineinfallen, gewissermaßen in den Strudel einsaugen zu lassen. „Prog“, wie Sonar ihn verstehen, klingt alles andere als überladen und schwerfällig: Statt auf Bombast oder reine Griffbrettakrobatik setzen sie auf minimalistische, hypnotisch-repetitive Strukturen, auf die Kraft des Grooves, auf Veränderungen und Verschiebungen, die sich langsam, aber umso unwiderstehlicher aufbauen.


(Foto: Michael Domanig)

Das Bild eines Schweizer Uhrwerks ist natürlich ein Klischee – aber eines, das hier einfach zu gut passt, um es nicht zu verwenden. „Mathematische Präzision und doch extrem druckvoll“, fasste es Veranstalter Mike Litzko treffend zusammen. Ich selbst fühlte mich phasenweise z. B. an den mitreißenden „Live-Techno“ der österreichischen Formation Elektro Guzzi erinnert, die ebenfalls fast übermenschliche Präzision mit enormer Wucht verbinden – obwohl sie von ihrem musikalischen Hintergrund her aus einem völlig anderen Eck kommen.

Ein kontrollierter Rausch: Das wäre eine andere, widersprüchlich klingende Beschreibung für den trancehaften „Math Rock“ von Sonar – für die Polyrhythmik des furiosen Drummers Manuel Pasquinelli (der an seinem Drumset rätselhafterweise auch ein leicht verbeultes Becken hängen hatte, das aussah wie vom Tourbus überfahren), für die lyrischen, sparsamen, repetitiven Gitarrenfiguren von Bernhard Wagner und Stephan Thelen und das groovige, funkig-bewegliche Bassspiel des hünenhaften Christian Kuntner. Ich persönlich hätte mir das noch stundenlang anhören können.


(Fotos: Harry Triendl)

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Larger than Live is Life

Konzertbericht: Bilderbuch, Congress Innsbruck – Dogana, 24. April 2019

Unverhofft kommt oft. Bis mir Kollege Dave einen Tag vorher aus heiterem Himmel eine Freikarte (sic!) für das Bilderbuch-Gastspiel im Congress Innsbruck anbot, hatte ich nicht am Radar, dass die selbstbewusstesten Styler des Landes wieder einmal im Landeanflug auf Tirol waren. Und dass es sich hierbei sogar um den Österreich-Auftakt ihrer aktuellen Tournee handelte, war mir natürlich erst recht unbekannt.

Aber da ich Bilderbuch noch nie live gesehen hatte und mir gerade ihr aktuelles Material zusagt, zögerte ich trotz quiztechnischer Verpflichtungen und einer strapaziösen Arbeitswoche natürlich keine Sekunde. Und dabei wusste ich in diesem Moment noch gar nichts von den nicht gerade wohlfeilen Kartenpreisen jenseits der 50 Euro. DaDa – danke Dave!

Bevor die Spannung unerträglich wird, hier gleich der Spoiler: Es war am Ende (und eigentlich schon am Anfang) der erhofft unterhaltsame und in jeder Hinsicht bunte Konzertabend.

Die Stimmung in der prall gefüllten, offenbar aber nicht restlos ausverkauften Dogana war schon vor dem groß inszenierten Einmarsch der Bilderbücher prächtig – obwohl das DJ-Anheizerset (hat man heute wohl so statt einer Vorband) recht austauschbar und bemüht geriet („Hey Innsbruck, wollt ihr tanzen?“ usw., gähn).

Bilderbuch jedenfalls hatten den geräumigen Laden von der ersten Minute an im Griff – und brauchten dazu nicht einmal Musik: Nachdem der Basssound auf der Bühne erst noch angeworfen werden musste, nützte der sonnenbrillentragende Front-Styler Maurice Ernst den verzögerten Start einfach für einen kleinen Innsbruck-Schwank aus seiner Jugend (den er dann selbst erst verzögert zum Abschluss brachte). Diese Anekdote brachte die Bilderbuchkarriere der Band in Kürzestform auf den Punkt: Vor ein paar Jahren, als sie noch im viel kleineren Weekender Club (RIP) gespielt hatten, war Ernst nach dem Konzert zunächst im Stadtcafé (RIP??) und danach in volltrunkenem Zustand auf einer Party in der, erraten!, Dogana gelandet. Also ebendort, wo er an diesem Abend selbst auf einer Mords-Bühne stand. So schnell kann’s gehen!

(Foto: Michael Kristenwww.kristen-images.com)

Schnell ging’s dann auch zurück an den musikalischen Start mit neuen Songs wie „Mr. Supercool“, „Mein Herz bricht“ und dem hymnischen „Memory Card“ – den einige ZuhörerInnen als etwas schleppend empfanden. Ich aber nicht. Man muss ja nicht gleich mit der Hittür ins Haus fallen!

Stichwort Hits: Von denen haben Bilderbuch inzwischen längst einen ganzen Köcher voll – darunter manche, die ich schon komplett vergessen hatte, etwa „Plansch“ aus dem (wenn man das jugendliche Alter der Hauptzielgruppe betrachtet) fernen Jahr 2013. Und sie trafen beim Konzert voll ins Ziel, mit einer bestens austarierten Mischung aus, ähem, Klassikern und frischem Songfutter.

Heftig beklatscht und bejubelt wurde natürlich das ultrabreit gebaute Riffmonster „Maschin“ (mit den herrlich bescheuerten Zeilen „Steig jetzt in mein Auto ein / Sieben Türen, 70 PS“), ebenso der 2017er-Smasher „Bungalow“ (mit den nicht minder grenzgenialen Zeilen „Baby leih mir deinen Lader / Ich brauch mehr Power für mein‘ Akku“). Beide fuhren live sogar noch besser ein als gestreamt (oder, wie man früher gesagt hätte, auf Tonträger).

Das geradezu verboten funkige „Spliff“ – eine meiner BB-Lieblingsnummern – wurde angemessen psychedelisch-halluzinatorisch in die Breite gewalzt, bei „Baba“ gab es die unvermeidlichen Autotune-Exzesse.

Genauso überzeugend gerieten die Nummern der beiden jüngsten, kurz hintereinander veröffentlichten Alben „Mea Culpa“ und „Vernissage My Heart“, auf denen Bilderbuch vielseitiger denn je klingen – und ungleich interessanter als die zuletzt leider in Richtung Schematik und Ö3 gedrifteten Wanda. (Sorry, dieses Blur-versus-Oasis-Duell sollte man nicht dauernd aufwärmen – aber es passt halt doch ziemlich gut). Schön zu hören, dass die Band ihren Weg von der 0815-Indie-Gitarrenband zu einer groovelastigen, farbenfroh schillernden und experimentierfreudigen Formation von hoher zeitgenössischer Relevanz weiter beschreitet.

Der lebensfrohe Instant-Hit „Frisbee“ zündete auch live wie der Blitz, „LED Go“ oder „Taxi Taxi“ („Ich glaube an Speed, ich glaube an Weed / Ich glaub‘ mir wird schlecht“) wussten ebenfalls zu gefallen. Atmosphärisch-hypnotisch gelangen ruhigere Songs wie „Checkpoint (Nie Game Over)“ oder das knapp zehnminütige „Europa 22“, das die Utopie eines „Lebens ohne Grenzen“ feiert.

Apropos: Von dem offenbar stärker erwachten politischen Bewusstsein der Bilderbücher (inklusive der auch marketingtechnisch gelungenen EU-Pässe) war live nicht viel zu bemerken, auch nicht bei den Bühnenansagen. Ein paar beleuchtete Globen, wie sie in den 80er- und 90er-Jahren in vielen Kinderzimmern standen, wiesen auf das augenzwinkernd-gigantomanische Tourmotto „One Earth“ hin, das war’s auch schon wieder mit der Politik. Aber muss ja nicht, gepflegter Eskapismus ist auch okay.

Und der wurde mit Zeichen und Gesten bedient, die für die ganz großen Bühnen gemacht und gedacht sind: Glitterherzen, die vom Bühnenhimmel regneten, Maurice‘sches Stagediving schon bei Song Nummer drei (!), ein überdimensionaler Wasserhahn, aus dem sich psychedelische Farbenspiele ergossen, sogar ein Treppenturm auf der Bühne, den der Sänger wirksam erklimmen konnte – bei Bilderbuch wird anno 2019 geklotzt und nicht gekleckert.

(Foto: Michael Kristenwww.kristen-images.com)
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Lückenschluss mit Power-Pop

Konzertbericht: WE ARE SCIENTISTS, PMK Innsbruck, 16. Februar 2019:

Auch wenn Einzelne das seinerzeit anders gesehen haben: Das Ende des Weekender Clubs hat in Innsbruck bis heute eine unübersehbare und vor allem unüberhörbare Lücke hinterlassen.

Das sage ich nicht nur, weil ich mit dem Weekender persönlich einige sehr schöne Konzerterlebnisse verbinde – spontan fallen mir etwa Die Sterne (fast ein Privatkonzert!), die Raveonettes (mächtige Soundwand), Ezra Furman (entfesselt), Adam Green (ausgelassen), The Notwist (technoid) oder Tu Fawning (magisch) ein -, sondern ganz objektiv: Für den „Alternative Mainstream“ (= zu groß/kommerziell für die PMK, zu klein für den Hafen oder die Olympiahalle, zu jugendlich fürs Treibhaus) gibt es in Innsbruck und ganz Tirol seit dem Ende des Clubs keine richtige Heimat mehr. Vom tollen – und stets bestens besuchten (!) – Musikquiz einmal ganz abgesehen.

Also: Selbst wenn man (wie ich selbst) mit vielen der Konzerte im Weekender nur wenig anfangen konnte, muss man es als Musikliebhaber einfach bedauern, wenn in einer Stadt eine Konzertlocation wegfällt. Allein schon deshalb, weil sich Leute, die sich bisher dort getroffen haben, dann eben nicht mehr treffen.

Dass diese Lücke nach wie vor schmerzt und die Nachfrage nach Konzerten, wie der Weekender sie angeboten hatte, ungebrochen ist/wäre, war gestern Abend in der PMK eindrucksvoll zu erleben: Das Konzert von We Are Scientists, veranstaltet in der (an keine fixe Location gebundenen) Reihe „Weekender presents“, war restlos ausverkauft – obwohl (oder gerade weil) es in der PMK heuer wohl nicht mehr viel poppiger und vergleichsweise „mainstreamiger“ zugehen wird.

Schon bei der Vorgruppe Communipaw aus New Jersey (ein schwer auszusprechender Name, wie selbst Frontmann Brian Bond zugab) war der Saal von der ersten bis zur letzten Reihe gefüllt. Zu hören gab es gefälligen (Indie-)Folkpop mit ebensolchen Vokalharmonien, der im Vormittagsprogramm von FM4 nicht negativ auffallen würde. Nett, aber auch unspektakulär und ohne erkennbare Ecken und Kanten, eine Art „Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass“-Indie, der nicht stört, aber auch nicht hängen bleibt. Vom Publikum gab es freundlichen Applaus für (allzu?) freundliche Musik.

Da war die – von Beginn an heftig bejubelte – Hauptband ein ganz anderes Kaliber: We Are Scientists aus Brooklyn zeigten, wie es richtig geht, mit einer zwingenden Mischung aus harmonieverliebtem Power-Pop (ein sträflich unterschätztes Genre, ich wiederhole mich hier gerne), Pop-Punk und Gitarrenrock. Entscheidend für den Live-Erfolg war, wie meistens bei solcher Musik, dass das Ganze mit sehr viel Energie und, wie unsere nördlichen Nachbarn vielleicht sagen würden, „Schmackes“ gespielt wurde. Während weite Teile des Indie-Gitarrenrocks der Nullerjahre den Test der Zeit schlecht überstanden haben, trifft das hier nicht zu: Zumindest live war das Ergebnis wirklich mitreißend!

Frontmann Keith Murray (Gitarre, Gesang), der mit ergrauter Mähne inzwischen wie der jüngere Pop-Bruder von Lee Ranaldo aussieht, Bassist Chris Cain und Schlagzeuger Keith Carne (der schon bei der Vorband getrommelt hatte, also eine anstrengende Doppelschicht versah) bewiesen, dass das Trio-Format für diese Art von Musik geradezu ideal ist: Denn die gehört tight, kompakt und immer gleich auf den Punkt gespielt – und das machten We Are Scientists an diesem Abend hervorragend. Ein- ähem, Powertrio eben.

Womit ich nicht wirklich gerechnet hatte, war die erkleckliche Zahl an größeren und kleineren Hits, die da in knapp eineinhalb Stunden zusammenkamen . Die meisten davon waren mir gar nicht mehr geläufig oder ich hätte sie nicht den Scientists zugeordnet. Die Palette reichte von „Inaction“ (Well, how am I supposed / to know / what makes this happen?) über „Dumb Luck“ mit seinem feinen Harmoniegesang, „It’s a hit“ (das seinem Namen live alle Ehre machte und deutlich fetziger geriet als die Studioversion) bis hin zu „Chick Lit“ oder „The Great Escape“.

Auch besonders Poppiges wie „I Don’t Bite“ oder „After Hours“ boten die drei so schwungvoll und erfrischend dar, dass es selten allzu seicht wurde. Und wenn doch, dann folgte mit Garantie gleich die nächste Power-Pop-„Wuchtbrumme“ (wie unsere nördlichen Nachbarn vielleicht ebenfalls sagen würden).

Eine positive Überraschung war, dass sich auch Neueres wie das wuchtige „Buckle“ und die jüngsten, (synthie-)poppigen Singles „Your Light Has Changed“ oder „One In, One Out“ sehr gut einfügten (auch wenn das neue Material auf, ähem, Platte nicht durchgehend zündet).

Dazu steuerte Keith Murray einen kurzen Ausflug ins Publikum und routinierte, aber witzige Bühnenansagen bei: Gleich zu Beginn gestand er einem ausgelassenen Fan, der gleich zwei Makava-Flaschen auf einmal schwenkte, „impressive use of both hands“ zu. Und statt dem üblichen Kaschperltheater mit „One more song“/“Zuuu-gaaa-beee“-Rufen erklärten We Are Scientists, lieber gleich „more songs“ spielen zu wollen – darunter als Schlussnummer ihren wohl größten Hit „Nobody Move Nobody Get Hurt“ mit den hedonistischen Zeilen „If you wanna use my body – go for it„, die vom Publikum lauthals mitgesungen wurden.

Apropos Publikum: Dass ich bei einem ausverkauften Konzert trotz größter Anstrengungen nicht in der Lage war, eine überzählige (Frei-)Karte an den Mann oder die Frau zu bringen, war wohl das größte Rätsel dieses unterhaltsamen Abends …

P.S. Schöne Fotos vom Konzert findet man HIER!

Ein vergnügliches Trauerspiel

Nachbericht: Lesung und Konzert: Fritz Ostermayer & Vienna Rest in Peace, ZONE Wörgl, Allerseelen 2018:

Für einen Besuch in Wörgl braucht es gute Gründe. Und die kleinen, feinen Konzerte des Vereins SPUR. um Obmann Günther Moschig sind eigentlich immer ein solcher Grund.

Auch diesmal war klar: Bei dieser Kombination aus Datum (Allerseelen), Band (die Supergroup Vienna Rest in Peace, die sich exakt ein Jahr nach Erscheinen ihres gleichnamigen Debütalbums wieder auf Kurztournee begab) und Vortragendem (der leibhaftige Fritz Ostermayer!) macht man bestimmt nichts falsch.

Nachdem ich aus Nostalgiegründen im selben Wörgler Schnellrestaurant am selben Platz vom selben Kellner dasselbe – ok vielleicht nicht dasselbe, aber zumindest das gleiche – Hühnerschnitzerl entgegengenommen hatte, wie ich das berufsbedingt über eine verdammt lange Zeit hinweg getan hatte, fand ich mich also im örtlichen Jugendzentrum ZONE ein, um dort auf dasselbe Problem zu stoßen wie bei vielen reizvollen Konzerten der Vergangenheit: sehr überschaubares Publikumsinteresse.

Gut, bei einem literarisch-musikalischen Abend, der sich vor allem um das Thema Tod in allen Facetten dreht, wäre eine traurige Kulisse ja irgendwie ganz passend – aber allein schon der Name Fritz Ostermayer sollte eigentlich genügen, um deutlich mehr Leute hinter dem Ofen oder unter der Heizdecke hervorzulocken.

Apropos traurig: Dass das Konzert kurzfristig vom altehrwürdigen Astnersaal in die ZONE verlegt wurde, fand nicht nur ich bedauerlich. Mit seinem morbiden Charme wäre der Saal – von dem Ernst Molden einmal sinngemäß gesagt hat, er könnte aus einem Ödön-von-Horvath-Stück stammen – für diesen Abend wie gemacht gewesen. Und schon alleine die Vorankündigung auf FM4 am Vormittag (wo man von der Verlegung offenbar noch nichts wusste) war einfach nur herrlich: „Death blues and strange morbid literature (…) in the Astnersaal in the Hotel Alte Post in Wörgl – this is surely the most Austrian thing I’ve ever announced on the radio“.

Hinzu kommt noch, dass die Tage des Astnersaals ja leider gezählt sein sollen – und ein sterbender Saal wäre für einen Abend über das Dahinscheiden ja wohl wirklich genau das Richtige gewesen. Naja, vielleicht war er einfach zu ausladend für den bescheidenen Andrang – und die ZONE ist zumindest so klein, dass es am Ende doch noch nach einem recht anständigen Publikumszuspruch ausschaute. Und auch wenn sie atmosphärisch bei weitem nicht an den alten Ballsaal mit den hohen Wänden, den Spiegeln und dem Kronleuchtern heranreicht, war für ein intimes Setting gesorgt – auch dank der schaurig-schönen Bühnendekoration mit Herbstlaub und Grabkerzen.

Die passte natürlich ideal zu den „Trauerprofis“, als die Fritz Ostermayer sich und Vienna R.I.P. vorstellte – übrigens in Anlehnung an einen bekannten Ausspruch seines Freundes und Saufkumpanen Harry Rowohlt, wonach man als gestandener Trinker zu Silvester keinesfalls ausgehen solle: „Da saufen nur die Amateure“.

Die schwarzhumorige, grandios geschmacklose Tour de Force, auf die Fritz Ostermayer sein Publikum zwischen den Liedern der Band mitnahm, war dann auch wirklich der erwartete Höhepunkt: So bunt schillert der Themenkomplex Tod selten wie beim morbiden Sumpfisten und ehemaligen Trauermarschsammler (mindestens 2500 soll er in seiner Kollektion haben und noch immer welche zugeschickt bekommen).

Die schwarze Palette reichte von Synonymen für das Sterben in verschiedenen Ländern und Sprachen (vom saloppen „Kicking the bucket“ in den USA über „Die Hufeisen anlegen“ in der Türkei bis zu philosophisch-vergeistigten Varianten, etwa aus Nepal) bis hin zum Thema „Soft Frequencies“: Diese harmlosen New-Age-Tonfolgen hätten sich bei New Yorker Polizeisirenen ebensowenig bewährt wie in Hospizhäusern, erzählte Ostermayer. Besser sei es doch, wenn Moribunde einfach noch einmal ihre Lieblingslieder hören dürften – selbst aufs Risiko hin, dass dann irgendwann Andreas Gabalier die „Hitparade des Todes“ anführen wird.

So ging es höchst vergnüglich weiter: Die Zuhörerschaft erfuhr, warum an berühmten letzten Worten wenig dran ist (Goethe habe statt „Mehr Licht“ eigentlich „Wer spricht?“ geäußert) oder was Ostermayers aktueller Lieblingsgrabspruch wäre („Ich weiß noch immer nicht, was Sache sei“). Man hörte von walisischen Workshops, bei denen man lernt, wie man sich den eigenen Grabstein meißelt, erhielt praktische Tipps zum Ordern von lebensechten Leichen, erfuhr von Stripshows bei Beerdigungen in Taiwan oder geselchten Körpern als potentielle Touristenattraktion. Das erinnerte bisweilen an die bizarren Anekdoten, wie sie Tom Waits zwischen seinen Songs zu erzählen pflegt und bei denen man auch nie so genau weiß, ob sie nun wahr oder gut erfunden sind – was auch völlig wurscht ist.

Besonders unterhaltsam geriet die „Liste der traurigsten Instrumente“: Ostermayer nannte hier etwa das Alleinunterhalterkeyboard (wobei da der Kontext und das Toupet des Alleinunterhalters für die Traurigkeit verantwortlich seien) oder die Ukulele: Dieses kleine Instrument werde seltsamerweise vor allem von großen, dicken Männern gespielt, meinte Ostermayer, „die es sich auf den Bauch legen wie der Sodomit sein Lieblingstier“, um der Ukulele dann tieftraurige Töne zu entlocken.

Bei der Hawaiigitarre spannte er einen weiten und schmutzigen Bogen von imaginärem Sex am Sandstrand bis hin zu onanierenden Sternen, während er die Balalaika treffend als „Kartoffelschnaps unter den Saiteninstrumenten“ bezeichnete – warum, weiß ich leider nicht mehr. Und dann gab es da auch noch die herrliche Erzählung vom Mann mit dem Cello, das nur eine Saite hat. Den Gag verrate ich hier natürlich nicht – dazu hättet ihr selbst kommen müssen.

Ja, bei „Dirty Fritz“ Ostermayer geht sogar das durch, was bei anderen viel zu platt und derb wäre, etwa eine Enzyklopädie der Todesfürze („finale Flati“) – seiner oder in diesem Fall Thomas Edlingers (?) Sprachmächtigkeit und Raffinesse sei Dank. Da heißt es dann etwa poetisch-kosmisch, es sei, „als flatuliere hier ein Jüngling um die Gunst seiner Geliebten“ oder so ähnlich. Grind und Poesie sind bei Ostermayer nicht zu trennen.

„Im Sumpf“-Stammhörern (zu denen ich nicht zähle) dürften wohl einige dieser Texte bekannt vorgekommen sein – aber Ostermayer ist einer, dem man einfach gerne zuhört. Nicht nur wegen seiner ultrasonoren Radiostimme, der man jede Tschick und jeden Spritzer anzuhören meint, sondern vor allem, weil er wunderbar erzählen und vortragen kann. Nicht umsonst steht dieser Mann der Schule für Dichtung vor.

Apropos: Ein poetischer Ansatz prägt auch die Musik, die man dazu auf die Ohren bekam: Die Formation Vienna Rest in Peace versammelt Musiker, die bei verdienten Formationen wie Aber das Leben lebt, Kreisky oder Mord tätig waren bzw. sind, dazu die Sängerin und Songschreiberin Marilies Jagsch, die in Wörgl auch schon solo zu erleben war.

Vienna R.I.P. stehen für getragenen, Chanson- und Schlager-informierten „Trauerpop“, der natürlich bestens zur Jahreszeit passt (ein Blick aus meinem Fenster zeigt schon den ganzen Tag dieselbe grau-verhangene Trübnis, bei der man nie weiß, wie spät es eigentlich gerade ist).

Sehr schön gelang dabei, selbst ohne Kinderchor, das vergleichsweise beschwingte „Staat der Affen“, eine Art Wiener Dystopie samt umgestürztem Riesenrad, die trotzdem hoffnungsvoll klingt. Schließlich kennen die Affen, die hier die Herrschaft übernehmen, zwar das „gute Leben, das uns längst abhandenkam“, aber keine Melancholie und übrigens auch nicht die Beatles und die Stones. „Komm, wir bitten um Asyl“, heißt es gegen Ende konsequenterweise.

Gut gefallen haben mir auch „Sterbenswerte Stadt“ (ebenfalls mit politisch-poetischen Lyrics wie „Ich will nicht, dass du dich blau fühlst / in dieser sterbenswerten Stadt / die keine Fenster und auch keine Türen, aber so viele Mauern hat.“) oder das mir bislang unbekannte, sehr atmosphärische „Auf Geisterfahrt“.

Musikalisch berührte das Ganze vornehmlich dann, wenn die Refrains mehrstimmig vorgetragen wurden – und vor allem, wenn Sängerin Marilies Jagsch mit ihrer wunderbar fahlen Herbststimme hohe Trauerkompetenz beisteuerte. Da verschmerzt man sogar einmal ein Blockflötensolo! Sanftes Schlagwerk, Melodika und Quetsche steuerten weitere Farbtupfer bei.

Über die in gestelztem Hochdeutsch vorgetragenen Songtexte kann man geteilter Meinung sein, oft kommen die Lyrics schon arg verschwurbelt und verrätselt daher. Dazwischen fallen aber doch immer wieder ungewöhnliche und entlegene Sprachbilder ab. Und verqueren Humor gibt es obendrein: Etwa in „Peter Handke“, wo es zunächst heißt: „Meine Fehler wären einer Maschine nicht passiert“, am Ende dann: „Meine Fehler wären Peter Handke nicht passiert“. Laut (Haupt-)Sänger Wolfgang Wiesbauer geht es im Song um den „Unterschied zwischen erfolgreichen und erfolglosen Poeten: Die einen erhalten den Nobelpreis, die anderen spielen in der Zone Wörgl“.

Aber wer braucht schon Nobelpreise, wenn er Fritz O. hat? Im Zugabenteil griff er dann sogar selbst zum Gesangsmikrofon – ohne sich vorher überhaupt von der Bühne bewegt zu haben. Kaputte Gelenke lassen solche Mätzchen eben nicht zu. Dafür gab es den perfekten Rausschmeißer: eine würdige deutschsprachige Nachdichtung des „Weeping Song“ vom großen Dunkelmann Nick Cave. Die wurde mit einer Wucht, Lautstärke und Dynamik serviert, die ich mir auch vorher manchmal gewünscht hätte, wenn es allzu getragen wurde.

Am Ende eines Abends über das Ende durfte das handverlesene Publikum jedenfalls noch einmal mit vollem Recht jenen Jubel anstimmen, der Fritz Ostermayer besonders zusagte: „Juhu!“

WESEN AUS EINER HÖHEREN KLANGDIMENSION

Konzertbericht: ACID MOTHERS TEMPLE & THE MELTING PARAISO U.F.O. (Support: SIBIRIAN TRAINSTATION), Kulturfabrik Kufstein, 19. Oktober 2018

VORBEMERKUNG: Dieser Beitrag wird durch meisterhafte Fotos von KURT HÄRTING aufgewertet, vielen Dank dafür!

Veranstalter Mike Litzko vom verdienten Kufsteiner Kulturverein Klangfarben (der heuer übrigens sein fünfjähriges Bestehen feiert, herzlichen Glückwunsch!) steht als leidenschaftlicher Atheist nun wirklich nicht im Verdacht, religiöse Botschaften vermitteln zu wollen. Dennoch hatte das von Mike eingefädelte Kufstein-Gastspiel der wundersamen japanischen Formation Acid Mothers Temple am Freitagabend zweifellos eine erhabene, spirituelle, ja fast sakrale Dimension.

Doch der Reihe nach: Die „Messdiener“ an diesem Abend kamen zunächst aus einer ganz anderen Ecke: Sibirian Trainstation aus Kufstein stehen für brettharten Metalcore – persönlich ned mei Weda (wie der Unterländer sagt), aber sicher kompetent gespielt, geknüppelt, gerifft und gebrüllt. Die Wurzeln der Band im Punkrock merkt man ihnen in Sachen Druck und Dynamik noch an, das ist sympathisch, Energie und Einsatz stimmen jederzeit. Bei den anderen großen E (Eigenständigkeit, Experimentierlust, Expeditionen über die Genregrenzen hinaus) ist zwischen Kufstein und Wladiwostok wohl noch Luft nach oben. Aber wie gesagt, Metalcore ist halt einfach nicht unbedingt meine Welt.

(Foto: Kurt Härting)

Ob und wie dieser brachiale Support-Act zur Hauptband des Abends passte, sei dahingestellt. Kollege Johannes meinte nicht zu Unrecht, dass etwa das ebenfalls aus dem Tiroler Unterland stammende Neo-Shoegaze-/Psychedelic-Duo Molly musikalisch deutlich naheliegender gewesen wäre. Aber das ist natürlich alles Geschmackssache.

Das nachvollziehbare Kalkül des Veranstalters, den ganzen Abend (ein wenig irreführend) als „Metalparty“ zu titulieren, war wohl, zumindest ein paar Anhänger der lokalen Metalszene – nämlich die weltoffenen, neugierigen Exemplare – dazu zu bringen, ihren Allerwertesten hochzukriegen und sich neben den Lokalhelden auch auf diese verrückten Japaner einzulassen. Und das dürfte zumindest teilweise gelungen sein.

(Foto: Kurt Härting)

Damit nun zu Acid Mothers Temple & The Melting Paraiso U.F.O.: Wer im Vorfeld erwartet hatte, einen sehr ähnlichen Abend zu erleben wie beim Vorjahreskonzert in der Innsbrucker PMK (nachzulesen: HIER), täuschte sich – wurde aber bestimmt nicht enttäuscht. Aus meiner Sicht war das Konzert in der Kulturfabrik genauso großartig. Nur eben anders gelagert: In Innsbruck war das Gesamt-Klangbild droniger, ausufernder, lärmiger, ein phasenweise fast konturloser kosmischer Klangbrei (im positivsten Sinne!). Diesmal präsentierten sich Acid Mothers Temple deutlich strukturierter, bisweilen fast songorientiert, im Vergleich phasenweise fast, ähem, poppig (und dabei natürlich immer noch far, far out).

Zugleich – und da könnte ein direkter Zusammenhang bestehen – rückte diesmal die Band neben den beiden älteren, haarigen Frontmännern Kawabata Makoto (Gitarre) und Higashi Hiroshi (Roland-Synthesizer) viel stärker in den Vordergrund. Der androgyne Sänger und Gitarrist Jyonson Tsu etwa prägte vor allem die Anfangsphase mit hypnotisierenden Gesangslinien in einer schwer zuordenbaren Sprache und einem für mich ebenfalls schwer zuordenbaren, lautenartigen Instrument (Mandoline? Bouzouki? Sorry, Instrumentenkunde fünf, setzen).

(Foto: Kurt Härting)

Sein sympathisch-entrücktes Tänzeln fügte sich bestens zu den groovigen, beweglich-leichtfüßigen Bassläufen von „Wolf“ (guter Name, übrigens!). Ein denkwürdiges Ereignis war aber auch und besonders der furiose Drummer Satoshima Nani, der mit einer entfesselten, schweißspritzenden Performance selbst das Tier aus der Muppet Show so träge wie eine Weinbergschnecke hätte wirken lassen.

Ein echter – tut mir Leid, ohne dieses Klischee kommt ein eurozentristischer Beitrag nunmal leider nicht aus – Kamikaze-Drummer, dem ich persönlich noch bis ans Lebensende (meines oder seines) hätte zuschauen und lauschen können.

(Fotos: Kurt Härting)

Trotz aller Unterschiede zu Innsbruck: Auch diesmal waren sämtliche Elemente des Bandnamens im Sound wiederzufinden: der trippig-psychedelische Hippie-Irrsinn (Acid); die mütterlich umhüllenden, repetitiv-einlullenden Strukturen (Mother); die für westliche Rezipienten irgendwie Zen-buddhistische Weisheit, Ruhe und Versöhnlichkeit, die diese Musik ausstrahlt (Temple, womit wir wieder bei der Religion wären); und dazu das spacige, durchgeknallte Element, das mit „Melting Paraiso U.F.O.“ (was auch immer das bedeutet) schön umschrieben ist.

Denn tatsächlich landete diese Truppe in der Kulturfabrik wie Aliens, Wesen aus einer weiseren, schöneren und versöhnlicheren Zivilisation. Selbst in den lärmigsten, rauschhaftesten Momenten strahlt diese Musik eine friedvolle, meditative Aura aus, der man sich nicht entziehen kann und will. Die heilende Kraft der Repetition! Oder, etwas weniger hippiesk formuliert: Wo Sibirian Trainstation eine derbe Gnaggwatschn waren, sind Acid Mothers Temple eine lange, liebevolle Umarmung.

Ja, das hier ist Musik für geschlossene Augen – obwohl die Schauwerte erheblich waren: lange Bärte, lange Zodn, lange Gewänder mit seltsamen Zeichen drauf. Am schönsten waren auch diesmal jene Momente, in denen man sich ganz auf die Wiederholungen einlassen konnte, auf die minimalen Variationen und Verschiebungen, die allmählich anschwellende Lautstärke und den unterschwelligen Spannungsbogen – egal, ob die behutsamen Mutationen nun von Synthesizer, Gitarre, Bass oder Schlagzeug eingeleitet wurden.

(Foto: Kurt Härting)

Apropos: Für eine beglückende Sequenz sorgte zwischendurch auch ein plötzlicher Wechsel in die Clubmusik: Nur von Bassist und Drummer getragen, gab es da auf einmal eine Art Live-Techno auf die Ohren (wie man das etwa von den Österreichern Elektro Guzzi kennt und schätzt). Da brandete im Publikum spontan Jubel auf – und die Erkenntnis: Hey, dazu kann oder könnte man ja sogar tanzen!

Über all diesen schönen Eindrücken vergaß man, wie bei jeder guten Musik, ganz auf die Zeit. Da ging es auf einmal schon auf halb zwölf zu – und der Plan, mit dem Railjet noch zu einem sozial verträglichen Zeitpunkt zu einer Geburtstagsfeier in Innsbruck zu kommen, löste sich in wohligen Klangwolken auf.

Zum Abschluss spendierten Acid Mothers Temple noch einen langen Track – aber keinerlei schnöde Standard-Rituale wie Zugaben oder dergleichen. Zurecht: Bei einem Gottesdienst gibt es schließlich auch keine Zugabe.

Dass zwischendurch ein paar respektlose Elemente im Publikum, gerade in ruhigen Momenten, die sakrale Atmosphäre mit profanem Geplapper entweihen mussten, könnte man als eine Art Übung in buddhistischem Gleichmut begreifen. Gerne hätte man „He, es Oschlecha, hoids endlich de Pappn oda geht’s an die Bar!“ gerufen – wäre man zu diesem Zeitpunkt nicht schon viel zu menschenfreundlich gestimmt gewesen. Und man hatte immerhin den Eindruck, dass selbst diese Störenfriede vom Konzert angetan waren. Wie überhaupt kaum jemand im überschaubaren, aber begeisterungsfähigen Publikum das Kommen an diesem Abend bereut haben dürfte.

Denn: So etwas erlebt man nicht nur in Kufstein nicht alle Tage – danke dafür, Mike!

(Foto: Kurt Härting)

Das letzte Wort soll nun aber einem mir unbekannten Konzertbesucher gehören, der die Sache in breitestem Unterinntaler Zungenschlag auf den Punkt brachte: „Boah, i had ma’s ned so geil vuagstöd!“

Verstummte Zombiefrauen, bedröhnte Gospelsongs, alte Helden und junge Heldinnen. Primavera Sound Festival, Tag eins

Festivalbericht: Primavera Sound, Parc del Fòrum, Barcelona, 30. Mai 2018:

Primavera Sound Festival in Barcelona! Das bedeutet (mindestens) vier Tage totaler audiovisueller Reizüberflutung, umgeben von der atemberaubenden zeitgenössischen Architektur des Messegeländes Parc del Forum und zehntausenden Musikfreaks, Checkern und Hipstern aus aller Welt. Das bedeutet die Qual der Wahl, weil oft auf drei oder vier Bühnen gleichzeitig KünstlerInnen spielen, die man alle verdammt gern gesehen hätte. Es bedeutet den Luxus (oder Irrsinn?), auch mal Weltstars links liegen zu lassen, um sich stattdessen irgendeinen Geheimtipp auf einer der kleineren Bühnen zu genehmigen. Und es bedeutete für uns heuer auch etwas protzige, ähem, goldene, räusper, VIP-Armbänder um unsere Handgelenke. Bling bling!

Moment mal!, wird die sozialkritische, linksliberale Leserschaft hier gleich einwenden. VIP?! Geht’s noch? Habt ihr zu viel Geld? Und vor allem: Ist das noch Rock ’n‘ Roll? Oder doch schon eher die Kapitulation vor dem eigenen Alter? Was kommt als nächstes – Champagner und Horsd’œuvre vor dem Konzert?

Dazu kann man nur sagen: Stimmt, 400 Euro für einen Festivalpass sind echt verdammt viel Geld. Aber auch sehr gut investiertes Geld! Denn man kann sich damit viele der – zumindest aus meiner Sicht – recht mühsamen und unnötigen Nebenerscheinungen eines Festivals ersparen: zum Beispiel das endlose Anstehen an Bier- und Essensständen, die Rückenschmerzen nach Stunden ohne geeignete Sitzmöglichkeit oder die aussichtslose Suche nach den befreundeten Festivalbesuchern („Treff ma ins um hoiwe zwoa vor der Hauptbühne, i steh links bei dem komischen Scheinwerfer oder wos des is“ – „Do is koa Scheinwerfer“) …

Nein, die Vorteile der güldenen Bling-Bling-Bänder sind nicht vom Handgelenk zu weisen: Dazu zählen u. a. ein eigener Einlass, eine Art „Priority Boarding“, am Festivalgelände und bei den zwei größten Bühnen, so dass man ganz vorne rein kann (zugegeben, das habe ich zu meiner Schande viel zu wenig ausgenützt – aber meine Lieblingskünstler auf dem Festival haben großteils nicht dort gespielt), eigene „Pro“-Bereiche, an denen stets ausreichend gemütlicher Sitzplätze zur Verfügung standen (bei mir zwickt es spätestens nach drei Konzerten ohne Sitzpause leider in Rücken und Knie – jaja, ich bin ein alter Sack!) und eigene Getränkestände ohne Schlangen, dafür aber mit absolut fairen Preisen (das Bier um ehrliche 2,50, Wasser noch deutlich günstiger). Und zugleich gab es immer einen sicheren Treffpunkt, wenn wir fünf IndividualistInnen uns mal wieder in alle Himmelsrichtungen zerstreut hatten.

Klingt nach Gated Community? Ja, aber in dem Fall hatte ich ehrlich gesagt nichts dagegen …

So, jetzt aber endlich zur Musik: Nachdem wir am Dienstagabend (dem Anreisetag für die meisten von uns) eine Clubshow mit den Postrockern The Sea & Cake ausgelassen hatten (Burger statt Kuchen war auch nicht schlecht), kamen die ersten Takte Musik, die wir am Festival hörten, von der katalanischen Formation Holy Bouncer: Die sind mir trotz ihres durchaus ansprechenden und gefälligen Retro-Psychedelic-(Soft)Rocks aber deutlich weniger im Gedächtnis geblieben als das direkt darauffolgende Konzert …

Die Soundqualität sollte sich auf diesem Festival leider bei einer Reihe von Künstlern als Problem herausstellen (während sie bei anderen absolut göttlich war, dazu später mehr) – aber was bei Starcrawler passierte (oder eben nicht passierte), stellte alles andere in den Schatten.
Kollege Steff hatte schon im Vorfeld prophezeit, dass es sich hier um eine austauschbare Band handeln dürfte, „die in zwei Jahren sowieso keiner mehr kennt“ und die ihren guten Slot (später Nachmittag am ersten richtigen Festivaltag) nur durch irgendwelche undurchschaubaren Plattenfirmen- und Promoter-Deals bekommen habe. Da hat er wohl recht (auch wenn die Gruppe aus L.A. von Ryan Adams produziert wurde und Größen von Shirley Manson bis Elton John sich als Fans des angeblichen „next big thing“ geoutet haben). Aber mit „I Love L.A.“ haben Starcrawler immerhin einen rotzigen, fetzigen Indie-Rock-Hit im Repertoire, den ich gerne gehört hätte.

Doch daraus wurde leider nichts. Denn in den ersten 15 bis 20 Minuten war von der exaltierten Sängerin Arrow de Wilde nämlich leider nichts zu hören. Und zwar buchstäblich: NICHTS. Die bedauernswerte Dame war nicht etwa zu leise gemischt, sondern sie war überhaupt nicht gemischt. Umso lauter gemischt waren dafür leider die schaurig-schiefen Background-Vocals des Bassisten (oder wer immer das war), der somit die einzigen erkennbaren Gesangsparts lieferte. Na gut, einen Meter vor der Bühne hätte man vielleicht irgendeinen Laut von Mrs. de Wilde vernehmen können, aber ansonsten: Silent Karaoke.

Was schon beim Auftritt einer Schülerband unangenehm wäre, schien hier – auf einer riesigen Bühne und vor einer doch erklecklichen Zuhörer(?)zahl – niemand von der Band oder den Soundmenschen zu bemerken. Nicht einmal mehrere Fans, die sich demonstrativ zu den Mischern am Soundpult umdrehten und ihnen den Mittelfinger zeigten (!), konnten daran zunächst etwas ändern. Und all das bei einer Band, die einzig und allein von ihrer Sängerin vor dem totalen Mittelmaß bewahrt werden könnte!

Der anfangs fehlende – und auch danach kaum wahrnehmbare – Gesang wirkte umso bizarrer, als die spindeldürre Arrow zugleich eine expressive Zombie-Vogelscheuchen-Show abzog, sich auf der Bühne herumwälzte, sich mit Kunstblut beschmierte und noch einige andere Moves vollführte, die wohl Gefährlichkeit (oder so) signalisieren sollten. In Summe ein sehr, sehr befremdlicher Auftakt!

Danach folgte zum Glück rasch der erste große Festivalhöhepunkt: Spiritualized live und exklusiv mit Orchester und Chor, noch dazu im „Auditori Rockdelux“, einem grandiosen Konzertsaal, der den Besuch allein schon gerechtfertigt hätte.

Um dort hineinzukommen, brauchte man zunächst jedoch Extrakarten, die zwar äußerst billig (2 Euro), dafür aber natürlich streng begrenzt waren. Und wir hatten absolut unterschätzt, welche Zugkraft die englische Spacerock/Psychedlic-Kultband – die im Grunde nur aus ihrem Mastermind Jason Pierce vulgo J. Spaceman besteht – auch heute noch oder erst recht wieder besitzt. Und so stellte sich heraus, dass die laaaaange, aus vielen, vielen Windungen bestehende Menschenschlange nicht etwa jene für die Festivalbänder war (und schon gar nicht jene für die VIP-Bänder), sondern eben die für Spiritualized. Mindestens eine Stunde in der prallen Sonne – und diverse bange Momente (würde der Ticketschalter direkt vor unserer Nase zugeknallt werden?) – galt es zu überstehen, bis wir die begehrten Karten endlich in Händen hielten. Manch ein Hardcore-Fan dürfte hingegen zu spät gekommen sein.

Der Aufwand – inklusive erneutem Anstehen vor dem und hektischem Platzbesetzen im Auditori – hat sich aber mehr als ausgezahlt. In seinen besten Momenten (und davon gab es viele) war dieses Konzert nämlich mehr als ein Konzert: ein absolut überwältigendes Gesamterlebnis.

Musikalisch wirkten Pierces kosmische Kompositionen in dieser besonderen Darreichungsform wie eine Mischung aus bedröhntem Psychedelic Rock und schwerelosem Gospel – es steckt tatsächlich ein erstaunlich großer „Spiritual“-Anteil in Spiritualized. Kurios wirkt das höchstens auf den ersten Blick, eigentlich passt es sogar sehr gut zusammen: Schließlich geht es sowohl bei psychedelischer Musik als auch bei Gospel um das Streben nach irgendeiner Art von Himmel, nach Entgrenzung und Erlösung. Es sind letztlich zwei verschiedene musikalische Wege mit dem selben Ziel.

Das Orchester und der größtenteils weibliche Chor waren dabei die idealen Wegbegleiter, sie trugen die schon im Original oft choral und orchestral angelegten Arrangements stellenweise perfekt. Chor und Orchester mögen in der Popmusik häufig nur Effekthascherei und schmückendes Beiwerk sein, der Versuch, in elitäre „Hochkultur“-Kreise vorzustoßen – hier war das eine vollkommen schlüssige, eindrucksvolle Umsetzung. Nicht umsonst platzierte sich Pearce bescheiden am rechten Bühnenrand und überließ dem Orchester den Platz im Zentrum.

Am besten gefiel mir persönlich freilich das rein instrumentale Doppelpack aus „Born, Never Asked“ (im Original offenbar von der berühmten Laurie Anderson) und „Electric Mainline“ – eine einzige berauschende, euphorisierende Lärmlawine. Weitere Höhepunkte waren der gigantische Gospel „Shine A Light“, „I Think I’m In Love“, das fast schon (zu?) ausgelassene „Soul On Fire“ und natürlich das wohl bekannteste Stück, „Ladies and Gentleman, We Are Floating in Space“, der Titelsong des legendären 1997er-Albums. Wobei sich Pearce und der Chor ausgerechnet hier anfangs eher im Weg zu stehen schienen. Es wurde dann aber doch noch eine großartige Nummer – samt wunderschön eingewobenen Zeilen aus „Can’t Help Falling in Love!“

Dazu gab es eine atemberaubende, offenbar auf totale Überwältigung abzielende visuelle Show, wie zumindest ich sie noch nie erlebt habe – ein Gesamtkunstwerk aus pulsierendem Stroboskop-Licht (das alleine schon ausgereicht hätte, mich in Trance und Epileptiker in Panik zu versetzen), atmosphärischer Bühnenbeleuchtung und suggestiven Visuals von Wolken, Sternen und Sternenwolken. Dazu kamen noch die ganz individuellen Farbfetzen, die der eigene Sehapparat als Reaktion auf das visuelle Dauerfeuer entwickelte – selbst mit geschlossenen Augen gab es kein Entkommen. In Summe war das stellenweise ein wirklich magischer Trip, frei nach dem Albumtitel von Pierces früherer Band Spacemen 3: „Taking Drugs To Make Music To Take Drugs To“. Nur, dass das hier zum Glück ganz ohne gefährliche Rauschmittel funktionierte.

Dass das überwältigende Niveau nicht durchgehend gehalten werden konnte (mir wurde es ab und zu ein wenig ZU gospelig) und bei den eher simpel gestrickten Lyrics von Pearce die Grenze zur Banalität bisweilen nicht mehr weit entfernt ist – geschenkt. Ein erhebender, prägender Abend war es allemal! (Nur schade, dass es seitens des Primavera Festivals ausgerechnet von diesem Ereignis keine offiziellen Aufnahmen zu geben scheint?!)

Für einen wunderbaren Ausklang am Festivalgelände sorgten dann die von mir sehr geschätzten Belle and Sebastian aus Schottland: Sie brachten ihren fein ziselierten, delikaten Gitarrenpop perfekt auf die große Apple-Music-Bühne – und bewiesen, dass „leichtfüßig“ rein gar nichts mit „leichtgewichtig“ zu tun hat.

Angeführt vom blendend gelaunten und disponierten Sänger Stuart Murdoch, der einen lässigen, sexy Frontmann abgab, und der nicht minder großartigen Violinistin und Sängerin Sarah Martin, setzte es einen tollen Mix aus neuen Songs (das wunderbare „We Were Beautiful“ schafft es als Späteinsteiger sicher noch in meine Jahrescharts 2017) und dem erstaunlich reichen Fundus an Bandklassikern wie „I’m A Cuckoo“, „Perfect Couples“, „The Boy With The Arab Strab“, „Judy And The Dream of Horses“ oder „Legal Man“.

All das wurde von den Schotten hochsympathisch, unglaublich souverän und vor allem wunderbar locker dargeboten – auch und gerade, als zu „Sukie In The Graveyard“ begeisterte Mädels und später, gendergerecht, Typen aus dem Publikum auf die Bühne geholt wurden, um dort mit Murdoch ausgelassen das Tanzbein zu schwingen. Auch aus der Distanz des VIP-Areals betrachtet, versprühte das einfach extrem viel gute Laune – genau das Richtige zu dieser fortgeschrittenen Stunde!

Mit „The Party Line“ (aus meinen Jahrescharts 2015, falls das irgendwen interessiert) folgte als zweite Zugabe dann auch noch der optimale Rausschmeißer zum Mithüpfen und Mitsingen. Die wunderbare Leichtigkeit des Seins!

Weit weniger leicht waren unsere kollektiven Beine und Augenlider dann gegen halb drei Uhr morgens in der Sala Apolo in der Innenstadt von Barcelona, wo wir dennoch mit freudiger Erwartung auf die Clubshow „unserer“ Mavi Phoenix warteten. Mit Lokalstolz hat das wenig zu tun – der hat immer etwas Lächerliches und Problematisches an sich, erst recht bei etwas definitionsgemäß so Globalem wie der Popkultur. Aber ich freue mich doch, dass zurzeit (eigentlich schon seit einigen Jahren) so viel gute und vielfältige Musik aus Österreich kommt. Und ich war ehrlich gespannt, wie sich die junge Sängerin mit den syrischen Wurzeln bei ihrem Barcelona-Debüt schlagen würde!

Nun, nach dem ohrenbetäubenden Set der russischen Underground-Elektronikerin Kedr Livanskiy, bejubelt von einem prall gefüllten Saal, fiel zunächst einmal auf, dass der Sound bei Mavi deutlich leiser (zu leise?!) – und der Raum deutlich weniger voll war. Doch mit selbstbewusster Bühnen- und toller Stimmpräsenz machte die Künstlerin (nur begleitet von einem Typ an den Reglern) das sofort wett. Sie kredenzte ein dichtes, unterhaltsames Set ohne Durchhänger, bei dem man sich wirklich so fühlte, wie es in der 500 Seiten starken „Bibel“, die man als VIP ins Nikolaussackerl gesteckt bekam, beschrieben wurde: „like going on a safari in the universe of contemporary urban music“.

(Foto: Stefan Pletzer)

Ob brandneue Nummern wie „Bite“, „Love Longtime“ oder das heftig beklatschte „Yellow“ (bei dem mir die Vocoder-Effekte im Refrain dann doch etwas zu sehr nach dem dunklen Eurodance-Zeitalter klingen; aber gut, die Jungen stehen halt gerade voll auf Autotune) – ein potentieller Hit folgte dem nächsten. Das großartige „Janet Jackson“ widmete Mavi Phoenix dann tatsächlich Janet Jackson, der sie, wie sie erzählte, seinerzeit sogar ein E-Mail mit der Bitte um Zusammenarbeit geschrieben hatte. (Anm.: Liebe Janet, du solltest dir die Sache vielleicht doch noch einmal überlegen – in Sachen Cool- und Freshness könntest du hier inzwischen einiges lernen!). Zum Abschluss wartete dann natürlich das noch tollere „Avventura“, das weit über Österreich (und, ähem, meine Jahrescharts) hinaus zum Smashhit geworden zu sein scheint. Shove it up your … eh scho wissen.

Am Ende waren trotz der frühen Morgenstunde wieder deutlich mehr Zuhörer am Parkett als zu Beginn des Konzerts – bestes Zeugnis dafür, dass es ein gelungener Auftritt war. Wie es Mavi Phoenix tags darauf bei einem weiteren Konzert auf der ungleich größeren Pitchfork-Bühne ergangen ist, konnte ich bis jetzt leider nicht herausfinden. Ich bin mir aber sicher, dass sie auch dort einige neue Fans gewonnen hat.

(Foto: Stefan Pletzer)

Für uns ging damit ein intensiver erster Tag zu Ende. Wobei die richtig langen, anstrengenden Tage erst noch kommen sollten – mit zu erwartenden Highlights, erfreulichen Überraschungen, aber auch einigen ziemlich heftigen Enttäuschungen. Also: Stay tuned!

Von drahtig bis sphärisch. Zwei Wege zur Euphorie

Konzertberichte: KREISKY (Support: TRACKER), 13. April 2018, PMK Innsbruck
MOLLY, 19. April 2018, Die Bäckerei, Innsbruck

Zwei österreichische Bands, die auf Y enden, zwei euphorisierende Konzertabende. Das war es aber auch schon wieder mit den Gemeinsamkeiten zwischen den Auftritten von Kreisky und Molly in Innsbruck. Und das liegt nicht nur an der unterschiedlichen getränketechnischen Ausgestaltung dieser Abende meinerseits (einmal Bier – oje, zuviel; einmal Gingerbeer – ui, zu scharf), sondern manifestierte sich natürlich vor allem auf der musikalischen und atmosphärischen Ebene.

Kreisky begeisterten in der PMK mit ihrem gleichermaßen eigenwilligen wie eigenständigen Sound irgendwo zwischen Post-Punk und noisigem Rock, bei dem mir gleich eine ganze Reihe von Adjektiven durch den Kopf schießt: drahtig und schlank, (scharf-)kantig und zackig, fiebrig und quecksilbrig, glasklar und kühl, niemals aber schwerfällig und „heavy“. Der provokante Titel des aktuellen Albums, „Blitz“, bringt das Ganze eigentlich bestens auf den Punkt.

Das größte Pfund, mit dem Kreisky wuchern können, ist genauso drahtig und schlank wie ihr Sound – nämlich Sänger Franz Adrian Wenzl: Er ist nicht nur ein Texter mit hohem Wiedererkennungswert, der sich herzlich wenig um übliche Vorgaben in Sachen Reim und Rhythmik schert und gerne ungelenk und abgehackt über die Verszeile hinausstolpert, sondern zugleich auch ein grandioser Frontmann. Und „grandios“ ist hier durchaus auch im Sinne von überheblich gemeint: Denn in Zeiten, in denen sich allzu viele Musiker „authentisch“, „bodenständig“ und „normal“ geben – und dabei meist nur langweilig, gefällig und bieder sind -, tritt Wenzl mit gesunder, erfrischender Arroganz vor sein Publikum.

Ob als sexy tänzelnder Gockel, als bitterböser, verbitterter Zyniker (als der er in den Texten häufig auftritt) oder als am Kabarett geschulter Conférencier zwischen den Songs (es handelt sich hier immerhin um den leibhaftigen „Austrofred“) – der Mann hatte sein Publikum von Anfang an fest im Griff. Und Kreisky waren an diesem Abend in der restlos ausverkauften und entsprechend proppenvollen PMK sowieso die richtige Band am richtigen Ort. Bier und Schweiß flossen in Strömen, das bestens gelaunte Publikum ließ sich nur allzu gerne mitreißen.

An mitreißenden Songs, die gerade für die Livesituation wie gemacht scheinen, mangelt es bei Kreisky ja wirklich nicht. Zu den Höhepunkten – in einem Set ohne Ausfälle – zählten die tragikomische neue Versager-Hymne „Veteranen der vertanen Chance“ (in der Wenzl die Lottozahlen inklusive Zusatzzahl aufzählt – die Quittung zum Lottoschein hat der Ich-Erzähler selbstverständlich verloren), das textlich wie musikalisch unerbittliche „Vandalen“ („Wir sind alle Kannibalen / Wir sind alle keine Menschen mehr / Wir sind alle Vandalen / Wir sind viel zu junge Mädchen“), das vergleichsweise fast schon melancholisch-sanfte „Pipelines“ und natürlich das schneidende, gallige „Asthma“, das von meinem Schreibclub-Kollegen und Konzertgenossen Klippo erfolgreich eingefordert wurde. Eine giftigere Abrechnung mit der oder dem Ex wurde hierzulande noch nicht geschrieben:

„Und du wirst es nicht glauben / Aber seit du fort bist / Ist mein Asthma so gut wie verschwunden / Ist mein Asthma weg“.

„Ich habe oft gesagt, ich mag dich so wie du bist / Aber du musstest dich ja verändern / Von mir aus hättest du dich nicht verändern müssen / Verbessert hast du dich dadurch nämlich nicht“.

Mindestens genauso gut und ebenso gnadenlos – brandneue Songs wie „Ein braves Pferd“ (der sarkastische Refrain „Ich bin ein braves Pferd“ zierte übrigens auch die aktuelle T-Shirt-Kollektion am Merch-Stand) oder das mit schäbigen Synthies unterfütterte „Ein Depp des 20. Jahrhunderts“, in dem das lyrische Ich mit dem unaufhaltsamen Verschwinden von Gegenständen, Gewissheiten und Gewohnheiten hadert, letztlich also mit dem Altern und dem bitteren Gefühl, dass früher alles schöner und einfacher war und einen die Realität längst überholt, die Welt schon lange abgehängt hat:

„Und Autos und Rauchen und Fernsehen und CD-Sammlungen / das ist alles weg / Der Lärm und die Mädchen und unser ganzes schönes Europa / Das ist alles weg. Jetzt stehe ich da / Ein Depp des 20. Jahrhunderts“.

Serviert werden diese schwer bekömmlichen Botschaften, in denen das Persönliche und das Gesellschaftlich-Politische unauflöslich zusammenkleben, aber eben in knackigen, kurzen, hochenergetischen Vitaminbomben von Songs – und der Effekt ist letztlich ein tröstlicher und euphorisierender.

Dass das in der PMK so besonders gut klappte (und es sich Kreisky sogar leisten konnten, Weltnummern wie „Selbe Stadt, anderer Planet“ zu spritzen), war sicher auch ein Verdienst von Tracker, die an diesem Abend eigentlich keine Vorband, sondern ebenbürtiger Opening-Act waren. Auch bei ihrem Auftritt war es schon knallvoll, auch hier forderte das Publikum am Ende begeistert Zugaben ein.

Mit seinem sperrigen, kantigen, zugleich treibenden und konzisen Gitarrensound irgendwo zwischen Stoner Rock, Grunge und psychedelisch-experimentellen Spinnereien im Geiste von, zum Beispiel, „King Gizzard & The Lizard Wizard“ passte das Tiroler Trio sogar noch besser zu Kreisky, als ich im Vorfeld gedacht hätte.

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Musik mit Bart. Von Reifenspuren, Fensterhebern und bekifften Riesen

Konzertbericht: BART BUDWIG, Die Bäckerei, Innsbruck, 14. März 2018:

„Entscheidend is‘ auf’m Platz“, lautet eine gern zitierte Weisheit des Duisburger Fußballspielers und -trainers Alfred „Adi“ Preißler. Und die lässt sich bisweilen auch gut auf die Welt der Popmusik übertragen: Entscheidend is‘ auf der Bühne.

Natürlich gibt es Musik, die gerade auf dem Plattenteller oder im Kopfhörer ihre volle Stärke und Tiefe entfaltet (und sich live vielleicht gar nicht so subtil, raffiniert oder detailreich darstellen lässt). Aber in vielen Fällen ist halt doch das Liveerlebnis der Konserve vorzuziehen – so auch im Falle des US-amerikanischen Sängers, Gitarristen und Trompeters Bart Budwig.

„Sabai“ heißt sein vor wenigen Wochen erschienenes, insgesamt sechstes Album – benannt nach einer Hütte tief in den Wäldern des nordöstlichen Oregon. Dort, in der Einsamkeit der sogenannten Eagle Cap Wilderness, schrieb er seine Songs, begleitet – so lassen es der Presstext und die eigene Fantasie vermuten – vom heimeligen Knacken des Kaminfeuers, umgeben von rauschenden Wäldern, von Wind, Wasser, Erde und vor allem großer Stille. Aufgenommen wurde das Ganze binnen zwei Tagen, mit einem einzigen Mikrofon, wie Budwig selbst erzählt.

Das Ergebnis sind unaufdringliche bis unspektakuläre, reduzierte und – mangels Abwechslung im Arrangement – bisweilen etwas einförmige Songs, die bei mir persönlich bei Vorabhören keinen tieferen Eindruck hinterließen.

Doch, wie gesagt, was zählt, is‘ auf’m Platz, nich‘ auf Platte.
Und hier bestätigte sich einmal mehr die Regel, dass man sich von Vorab-Höreindrücken nicht zu sehr beeinflussen – und schon gar nicht vom Besuch eines Konzerts abhalten lassen sollte. Sonst kann man ganz schön viel versäumen – in diesem Fall einen wirklich schönen Konzertabend mit einem höchst sympathischen und talentierten Sänger und Songschreiber. Einen Abend, der weitaus spannender und mitreißender wurde, als ich es erwartet hatte.

(Copyright: Vivre Arts)

Ich bin nicht unbedingt der größte Fan von Alben und Konzertabenden der Marke „Nur ein Mann und seine akustische Gitarre“. Wenn bei Konzerten von „stripped-down arrangements“ oder „unplugged, intimate versions“ die Rede ist, bedeutet das für mich manchmal einfach nur, dass da ein bisschen wenig passiert.

Aber davon war bei Bart Budwigs zweitem Innsbruck-Auftritt eh nie die Rede – und allein mit seiner Gitarre stand er auch nicht auf der Bühne. Vielmehr konnte er in Gestalt von John Nuhn auf einen äußerst versierten und nicht minder sympathischen musikalischen Begleiter bauen, der den Stehbass kompetent zupfte und klopfte und zudem ganz wunderbare Backing-Vocals beisteuerte. Und auch Bart Budwig selbst – ein aus dem dünn besiedelten, gebirgigen Idaho stammender, inzwischen im progressiven Oregon lebender Waldschrat – erwies sich als toller, ausdrucksstarker und überraschend wandlungsfähiger Sänger mit einem Gespür für starke Melodien.

Gerade in den Refrains erklang sein Gesang oft glasklar und hell, so dass man sich bisweilen etwa an die frühen Fleet Foxes erinnert fühlen konnte, zugleich natürlich an klassischen Alternative Country. Eine ganz große Stärke war dabei eben – auch im Vergleich zur „Konserve“ – der phasenweise geradezu himmlische Harmoniegesang der beiden. „Das können sie wirklich, die Amis“, meinte Kollege Dave mit anerkennendem Augenzwinkern.

Deutlich wurde auch, dass Budwig tief in der genretypischen Tradition des Geschichtenerzählens verwurzelt ist. Es sind einfache, aber prägnante Geschichten, in denen als Leitthema immer wieder das Spannungsfeld zwischen Heimweh und Fernweh oder, weiter gefasst, zwischen Ankommen und Abschied nehmen, aufscheint – für einen Künstler, der so wie Budwig mindestens das halbe Jahr fern der Heimat durch kleine Clubs tingelt, ein naheliegendes Sujet. Auch die Frage, wie sich unter solchen Umständen tragfähige Beziehungen aufbauen, halten und gestalten lassen, schimmerte immer wieder durch. (Dass so ein Tourleben kräftezehrend und anstrengend ist, konnte man zwischen den Zeilen ebenfalls herauslesen: John Nuhn erwähnte gegen Ende, dass er nur zwei Tage nach dem Innsbruck-Konzert schon wieder daheim in Idaho an der Uni erwartet werde.)

Inhaltlich wie musikalisch war die Bandbreite an diesem Abend beachtlich: Einige der Songs wiesen erstaunlich viele Brüche und Wechsel auf, mit komplexeren Dramaturgien, als man anfangs vielleicht geglaubt hätte. Der Grundton war dabei teils melancholisch und emotionell, letztlich aber doch harmonisch und optimistisch. Von den Abgründen, von der schonungslosen Härte und Düsternis, wie sie in vielen guten Country-Songs lauern – man denke nur an Townes Van Zandt oder natürlich den späten Johnny Cash – war hier nur wenig zu merken.

Budwig mag es vielmehr, von den scheinbar kleinen Dingen und Momenten zu erzählen – was bei anderen Sängern vielleicht spießig und allzu gefällig wirken würde, hier aber durchaus stimmig war. Zumal Budwig seine Lyrics auch mit lakonischem Humor würzt, etwa in einem Song über starken Kaffee und starke Gefühle:

„You got me drinkin‘ strong coffee / And I know it’s bad for my health.“

Dass Budwig zuletzt, wie er an einer Stelle erzählte, sehr viel Motown-Soul gehört habe, war zwar nicht wirklich herauszuhören. Aber die bescheidene, zugleich gestelzte Anmoderation eines offenbar Soul-beeinflussten Liedes gelang immerhin sehr charmant: „This one is hopefully from the groovier realm …“

Zwischendurch griff Budwig auch ein paar Mal zur Trompete, nicht zuletzt als Verneigung vor dem großen Miles Davis. Woher das hin und wieder punktgenau einsetzende Tamburin kam – wahrscheinlich wurde es einfach vom Mischer eingespielt – konnten wir als Zuhörer hingegen nicht klären. Na gut, wir haben uns auch gar nicht um Aufklärung bemüht. Und die Vorstellung eines „mystery tambourine“ ist eh viel schöner!

Hin und wieder verfiel Budwig in eine Art Talking Blues – oder in diesem Fall eher Talking Folk oder Talking Country -, was sehr gut zu seiner Art des Geschichtenerzählens passt. In einer anrührenden Anekdote erinnerte er sich zum Beispiel an ein Erlebnis aus seiner Kindheit, als er mit seinem Vater eine Straße überqueren wollte und fast überfahren worden wäre. Die Reifenspuren am Asphalt hätten sich für immer in sein Gedächtnis eingeprägt, meinte er.

Skurril und surreal war dagegen die – besonders schwungvoll dargebotene – Geschichte einer laaangen Autofahrt bei brütender Hitze. So heiß sei es im Fahrzeuginneren gewesen, dass der Kaffee im Becherhalter zu kochen begann, prahlte Budwig, „and the cigarette lit itself“. Von einer funktionierenden Lüftung war natürlich keine Rede – und er als Fahrer habe die Fenster einfach nicht herunterbekommen. Daher die titelgebende Aufforderung an die Begleiterin:

„Sarah, roll down my window / I can’t make it on my own …“

Merke: Es gibt kein Thema, über das man keinen Song schreiben könnte.

Besonders anrührend gelang auch die Liveversion von „Captain, Dreamer“: Laut Budwig ist dieser Song von riesigen Frachtschiffen inspiriert, die vor der US-Westküste anlegen, deren Besatzung aber oft nicht amerikanischen Boden betreten dürfe. In genau diese beklemmende Lage versetzt sich Budwig hier – und gewinnt ihr einfache, aber umso poetischere Zeilen ab:

„Always homeless / but never free / Lost at shore / And lost at sea“.

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Kontrollierte Ekstase

Konzertbericht: EDOM, Kulturfabrik Kufstein (KuFa-Bar), 2. März 2018

Für das Leben wie für die Musik gilt: Erwartungen sind eine seltsame Sache. Manchmal werden sie enttäuscht – und trotzdem (oder gerade deswegen?!) ist man am Ende glücklich und zufrieden. Mit Edom ist es mir gestern Abend in der Kulturfabrik genau so ergangen.

Nicht dass ich im Vorfeld viel über die Formation und die beteiligten Musiker gewusst hätte (ohne großes Vorwissen und damit möglichst unvoreingenommen in Konzerte zu gehen, empfinde ich oft sogar als Vorteil). Aber schon das Wenige, das ich wusste – es handelt sich hier um in New York ansässige Künstler aus dem Dunstkreis des Avantgardejazz-meets-Experimental-Noise-Meisters John Zorn und seiner „Radical Jewish Music“ – legte meine Erwartungen fest: Diese Musik würde lärmig und abstrakt klingen, sperrig und dissonant, schwer zugänglich und für ungeübte Ohren möglicherweise recht anstrengend.

Die Realität stellte sich dann ganz anders dar: Das Sounduniversum von Edom entpuppte sich als deutlich zugänglicher, „straighter“ und vor allem grooviger als erwartet. Mit anderen Worten: Eine völlig andere Klangbaustelle als das um maßgeschneiderte John-Zorn-Kompositionen kreisende Avantgarde-Projekt Abraxas, mit dem Bassist Shanir Ezra Blumenkranz und der aus Israel stammende Gitarrist Eyal Maoz schon zweimal in Kufstein zu Gast waren (beide Male habe ich unverzeihlicherweise versäumt). Blogkollege Johannes, der Abraxas erst kürzlich im Stromboli Hall erlebt hatte, bestätigte diesen Eindruck: Im direkten Vergleich klingen Edom ungleich zugänglicher und, ja, poppiger. Aber dazu kann Johannes hier bei Gelegenheit ja vielleicht selbst mehr erzählen …

Nur damit kein falscher Eindruck entsteht: Edoms wirbelnder Mix aus instrumentalem Avant-Rock, Fusion Jazz und jüdisch-nahöstlichen Klangfarben klingt immer noch laut, schräg und experimentell genug, um den Großteil der Middle-of-the-Road-Musikhörer zu verschrecken. Aber das Ergebnis ließ phasenweise eher an fast schon klassischen Psychedelic-, Space- oder Jam-Rock denken als an radikalen Avantgarde-Trancemetal.

Dazu trugen sicher vor allem die dominanten Synths des furiosen Tastenmanns Brian Marsella bei, die im Gesamtkontext vielleicht gewöhnungsbedürftig sein mochten – mich persönlich durch ihre atemlose Rasanz und pure Energie aber besonders elektrisierten.

 

Überhaupt, was für brillante, dabei uneitle Musiker! Statt ihre Virtuosität selbstverliebt zur Schau zu stellen, schienen alle in erster Linie fürs Kollektiv zu arbeiten und zu denken. Hier drängte sich niemand in den Vordergrund, erst recht nicht der nominelle und faktische Frontmann Eyal Maoz, der in seinem Auftreten wie bei seinen perlenden Gitarrenfiguren Understatement übte – und damit umso mehr zu beeindrucken wusste. In Summe hatte man den Eindruck von vier gleichberechtigten Frontmännern, die ineinandergriffen wie Zahnräder, aber eben nicht maschinenhaft, sondern leichtfüßig und elegant. Selbst Momente freier Improvisation (sofern solche für den Laien überhaupt zu erkennen sind) und lärmiger Ekstase wirkten stets kontrolliert und souverän – im positivsten Sinne.

Schön auch, die Kommunikation zwischen den Musikern zu beobachten: Ein kurzes Kopfnicken hier, ein kurzer Augenkontakt da, hin und wieder ein breites Grinsen oder zwei, drei kurze Sätze – und schon lief das Werkl wieder weiter wie geschmiert.

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Hier klingt’s nach Pisse!

Konzertbericht: PISSE (Support: JANÖSCH), PMK Innsbruck, 4/02/2018

Und da heißt es oft: Heutzutage sind keine Pionierleistungen mehr möglich, alles wurde schon irgendwann irgendwo von irgendwem gemacht. Ich kann mit Stolz den Gegenbeweis antreten: Zuerst zum Mullerlaufen in Thaur, abends dann zur radikalen Punksause in die PMK – diese bizarre sonntägliche Kombination hat in der Menschheitsgeschichte vor mir noch keiner vollbracht. Behaupte ich jetzt einfach mal.

Nicht, dass das eine besondere Leistung wäre. Aber außer einer gewissen Tendenz zur Anarchie, die beiden Veranstaltungen gemeinsam war, hätte der Kontrast definitiv nicht größer sein können – und die Schnittmenge (= ich) im Publikum praktisch nicht kleiner.

Den ohrenbetäubenden Aufakt (in der PMK, nicht beim Mullerlaufen) lieferten Janösch aus Innsbruck: Brutal geknüppelter Hardcore-Punk mit klanglichem Naheverhältnis zum Metal, wobei der Hauptunterschied in der Länge der Songs (niedrig) und dem Politgehalt (hoch) lag.

Für meinen persönlichen Geschmack war das Ganze – trotz politisch aufgeladener Sprachsamples – deutlich zu brachial und humorlos, dafür aber mit viel gerechtem Zorn gespielt, etwa gegen die „Bonzenstadt Innsbruck“ mit ihren Schlaf- und Alkoholverboten.

Wie sagte es der Ankündigungstext: „Subtil wie ein Faustschlag ins Gesicht“. Oder subtil wie das T-Shirt des Drummers, auf dem der in Tirol so populäre „Es gheat oanfach viel mehr gschmust/glesn etc.“-Spruch kurzerhand in „Es gheat oanfach viel mehr ogstochn“ geändert wurde. Das Publikum ging jedenfalls schon hier vorbildlich ab. So wie im Anschluss bei „Pisse“.

Pisse – schon mal ein exzellenter Name für eine Punkband. Und auch schon alles, was ich im Vorfeld über die Formation wusste. Jetzt ist das übrigens nicht viel mehr, denn Pisse scheinen jede Art von Hey-Wir-spielen-in-einer-Band-Getue oder Personenkult zu verabscheuen. Auch ihr Wikipedia-Eintrag macht das deutlich, wo unter „Aktuelle Besetzung“ Folgendes zu finden ist:

Gitarre, Gesang: Ronny
Schlagzeug: Ronny
E-Bass, Theremin: Ronny
Synthesizer: Ronny

Pisse, so viel ist noch in Erfahrung zu bringe, kommen aus Hoyerswerda in der Oberlausitz (Sachsen), ein Name, den man hierzulande höchstens mit brutalen Neonazi-Attacken in Verbindung bringt. Was man ansonsten noch wissen sollte: Pisse verfügen über gleich zwei Frontshouter (einer Typ asketischer Brillen-Nerd, einer Typ zorniger Wuschelkopf mit Tattoo und Muskelshirt). Und vor allem: Pisse impfen ihren harten „Minimalist Punk“ mit einer heilsamen Dosis schäbiger, jaulender, quietschender Elektronik.

Das klingt erfrischend und vital und verhindert, dass der zackige Deutschpunk ins allzu Brachiale und Martialische abgleitet – was gerade bei diesem Genre ja eine inhärente Gefahr darstellt (und mich persönlich oft ein wenig auf Distanz gehen lässt). Die fiesen Synthie-Klänge passen jedenfalls perfekt ins Klangbild, das sollten eigentlich (wieder) mehr Punkbands so machen. Fazit: Pisse fetzten live gewaltig, klangen mitreißend und energetisch – und genau das zählt bei Punk, mindestens so sehr wie die Message.

Wobei es bei Pisse an Messages erst recht nicht fehlt. Denn ihre eigentliche Stärke sind die Texte, die so sind wie ihre Songs: knapp, prägnant, hart auf den Punkt gebracht. Zu gleichen Teilen sloganhaft, illusionslos und hymnisch. Gewitzt, aber ganz weit weg von jedem Klamauk oder (schreckliches Wort!) Funpunk. Bela B. ist Fan – zurecht.

Eine Kostprobe gab es gleich zu Beginn mit „Alt sein“, einer gnadenlosen Senilitätsfantasie:

Ich möchte alt sein. / Mit einem Krückstock / Will ich einschlagen auf den Fahrkartenkontrolleur!
Und wenn ein Mädchen / Mich anlächelt / Dann ist’s mir gleich / Denn dieser Fisch laicht nicht mehr.

Zum Schluss erfährt der Song dann noch einen Dreh ins Surreale, wenn der Ich-Erzähler den Wunsch äußert, Enten zu füttern – mit Entenfutter, altem Brot und Liquid XTC.

Auch in „Drehtür“ wird die entsetzliche Trostlosigkeit metaphysisch überhöht, indem am Ende der Tod in Gestalt eines Pizzamanns erscheint. Davor heißt es, schmerzhaft präzise formuliert:

In der Drehtür des Lebens / Läufst du immer schön im Kreis / Eine tote Seele / Für die Ewigkeit.
Alles endet so / Wie es einst begann / Du liegst in deinem Bett / Und hast die Windeln an.“

Und später:
„Hier wurdest du gezeugt / hier wirst du sterben / In einem Bett von IKEA“.

Bumm! Das sitzt, das trifft den Nerv vieler Menschen, die sich wundern, warum sie in der Hochleistungs-/Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft einfach nicht so richtig glücklich werden wollen. Das Köpfenicken im Publikum hatte hier sicher nicht nur mit der Musik, sondern auch mit dem befreienden Gefühl zu tun, wenn jemand die eigene Befindlichkeit so auf den Punkt bringt, wie man es selber gerne schaffen würde.

Generell scheinen Pisse von wenig glamourösen Themen wie Alter, Krankheit und Wahnsinn geradezu besessen zu sein, etwa auch in „Ich bin der schönste Mann in der Nervenheilanstalt“ (übrigens von einem Album mit dem WTF-Titel „Mit Schinken durch die Menopause“). Auch im zackigen „Beerdigung“ treffen sie direkt in die Magengrube:

Domestizierte Langeweile / Die sie dir als Fun verkaufen / Tagsüber Selbstverwirklichung / Abends Cua Libre saufen / Tote bringt man nicht mehr um.

Ein weiteres Mal: Bumm!

Selbst erkennen darf man sich – auf welcher Seite des Spektrums auch immer – ebenso, wenn Pisse Mordfantasien auf einer Vernissage entwickeln, voller Zorn auf die an Sektflöten nuckelnden Bobos, deren Zunge „nach Arsch“ riecht – und zwar „von dem edlen Prinzen, der das alles hier bezahlt“.

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