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Meine Jahrescharts 2014 (Michael Domanig)

„Was ist nur mit den Typen von Hit The Bassline los?? Monatelang kein einziger Beitrag, der Blog setzt schon Rost und Grünspan an – und jetzt, wo alle anderen längst an den Bestenlisten für 2015 feilen, kommen sie uns mit den Jahrescharts für das Jahr 2014 (sic!) daher? Was kommt wohl als nächstes: Ein brandaktueller Konzertbericht vom Monterey Pop Festival 1967? Oder ein Interview mit Wolfgang Amadeus Mozart? Da ist ja meine Schildkröte schneller! Und die hat von Jahrescharts nun wirklich keine Ahnung …“

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So oder ähnlich stelle ich mir die Gedankengänge unserer Fans und Kritiker vor. Aber da wir selbst unsere fanatischsten (einzigen?) Kritiker (und Fans) sind, pfeifen wir auf die anderen und wenden uns, jetzt erst (recht), dem Popjahr 2014 zu.

Das war nämlich ein durchaus spannendes. Auch und gerade in Österreich. Klar, das ganze Konzept des „Nationalstaats“ ist mehr als fragwürdig, besonders in der Popmusik. Herkunft ist keine Leistung. Und doch fällt auf (und zwar sehr positiv), dass sich hierzulande in Sachen guter, aufregender und unkonventioneller Musik sehr viel tut. Zumindest nach meinen Jahrescharts zu schließen, in denen der Anteil „österreichischer“ Musik heuer höher denn je ist. Für Statistiker: satte 15 Prozent!

Und das, obwohl es viele tolle Songs und Künstler aus Ösiland gar nicht in meine Top-100 geschafft haben, etwa Kreisky, Bulbul, Fuzzman, Ja, Panik, Ankathie Koi, Lea Santee, Laokoongruppe, Julian und der Fux oder die New-Wave-Haudegen von Minisex.

Auch sonst lohnt der Rückblick auf 2014, zwischen Amore und Ariel, Pandabären, Schwänen und Glastieren, Punk und Country, Folk und Elektro, Hip-Hop, Dream Pop und seltsamer Musik.

Und was ist schon ein Dreivierteljahr Verspätung in Zeiten der totalen Verfügbarkeit von Musik? In diesem Sinne: Viel Spaß mit den Jahrescharts samt Playlist! Ich freue mich auf eure Kommentare (und den Streit mit euch)!

PS: Ausführlichere Gedanken zu einzelnen Songs folgen (vielleicht) später, bis Dezember 2015 könnte es sich ausgehen. Und dann werde ich mich mit voller Energie dem frischen Popjahr 2015 zuwenden.

PPS: Blogkollege Stefan Pletzer hat versprochen, die fehlenden Konzertberichte vom Primavera-Festival im Mai so bald wie möglich nachzuliefern. Stichtag ist der 31. Oktober 2031.

JAHRESCHARTS 2014:

1. Wanda – Bologna
2. Gulp – Seasoned Sun
3. Panda Bear – Boys Latin
4. Ariel Pink – Picture Me Gone
5. Spain – From The Dust
6. Wanda – Schickt mir die Post
7. Alt-J – The Gospel Of John Hurt
8. Dum Dum Girls – Lost Boys And Girls Club
9. Claptone feat. Clap Your Hands Say Yeah – Ghost
10. Chuck Prophet – Lonely Desolation
11. Wanda – Easy Baby
12. Joan As Policewoman – The Classic
13. Carla Bozulich – Danceland
14. Chuzpe – Das letzte Lied (wird das erste sein)
15. Damon Albarn – Mr. Tembo
16. Dave & Phil Alvin – Stuff They Call Money
17. Swans – Kirsten Supine
18. Benjamin Booker – Violent Shiver
19. Erstes Wiener Heimorgelorchester – Die Mensch-Maschine
20. Priests – Doctor
21. Githead – Waiting For A Sign
22. Faith No More – Motherfucker
23. Bilderbuch – Spliff
24. Beach Girls And The Monster – Butcher From The Surf
25. Andreas Dorau – Hühnerposten
26. Beck – Heart Is A Drum
27. The War On Drugs – Under The Pressure
28. TV On The Radio – Happy Idiot
29. The New Pornographers – Brill Bruisers
30. Stars – From The Night
31. Fantôme – It All Makes Sense
32. Beck – Waking Light
33. Panda Bear – Mr Noah
34. Alvvays – Archie, Marry Me
35. Warpaint – Feeling Alright
36. Valina – Aileen
37. Virginia Wing – The Body Is A Clear Place
38. Yo!Zepp/Chrisfader/Testa – 104 Jåhr voll
39. Garish – Ganz Paris
40. Polkov – Promised Land
41. Ariel Pink – Put Your Number On My Phone
42. Chuck Prophet – Countrified Inner City Technological Man
43. Beck – Blue Moon
44. Alt-J – Every Other Freckle
45. John Southworth – Halloween Election
46. Foxygen – Cosmic Vibrations
47. Die Heiterkeit – Kapitän
48. Wolf Alice – Moaning Lisa Smile
49. Franz Ferdinand – Erdbeer Mund
50. The 2 Bears – Not This Time
51. Kofelgschroa – Leit do
52. Die Sterne – Mein Sonnenschirm umspannt die Welt
53. Carla Bozulich – Gonna Stop Killing
54. Future Islands – Seasons (Waiting On You)
55. Holly Herndon – Chorus
56. Karen O – Rapt
57. The Raveonettes – Endless Sleeper
58. Suzanne Vega – I Never Wear White
59. Austra – Habitat
60. Warpaint – Keep It Healthy
61. Hanni El Khatib – Moonlight
62. Dust Covered Carpet – Grey Formations
63. Wanda – Auseinandergehen ist schwer
64. Ezra Furman – I Wanna Destroy Myself
65. Erstes Wiener Heimorgelorchester – Spacelab
66. SBTRKT ft. Ezra Koenig – New Dorp. New York
67. Fat White Family – Touch The Leather
68. Glass Animals – Hazey
69. Glass Animals – Pools
70. Daft Punk feat. Jay-Z – Computerized
71. Warpaint – Hi
72. Perfume Genius – Queen
73. Diagrams – Phantom Power
74. Gengahr – Bathed In Light
75. Alt-J – Hunger Of The Pine
76. John Southworth – Hey I Got News For You
77. Young Fathers – No Way
78. Owen Pallett – Song For Five & Six
79. Worried Man & Worried Boy feat. Der Nino aus Wien – Der schönste Mann von Wien
80. Todd Terje feat. Bryan Ferry – Johnny And Mary
81. Jagwar Ma – What Love
82. tUnEyArDs – Water Fountain
83. Pharmakon – Bang Bang
84. Fear Of Men – Tephra
85. EMA – So Blonde
86. Brody Dalle feat. Shirley Manson – Meet The Foetus / Oh The Joy
87. Hanggai – Baifang
88. Run The Jewels feat. Zack De La Rocha – Close Your Eyes (And Count To Fuck)
89. Mini Mansions – Sherlock Holmes
90. Damien Jurado – Suns In Our Mind
91. Willie Nelson – Hard To Be An Outlaw
92. Tom Petty And The Heartbreakers – Fault Lines
93. Jessica Lea Mayfield – I Wanna Love You
94. LA Priest – Oino
95. Spain – Sunday Morning
96. Foxygen – Star Power Pt. 2: Star Power Nite
97. Foxygen – Star Power Pt. 3: What Are We Good For
98. Pixies – Magdalena 318
99. Shabazz Palaces – #CAKE
100. Eels – Series Of Misunderstandings

Ach ja, das einzige Lied, das nicht auf Spotify zu finden ist, ist dieses hier:

Jahrescharts 2013

Da war doch noch was. Okok, schließen wir das ab. Meine Lieblingslieder von 2013 in Text-, Video- und Linkform.

1 Arcade Fire „Porno“

Eine echte Liesbesheirat, jene von Arcade Fire und (Produzenten-)Genie James Murphy auf dem Album „Reflektor“. Die Songs von Arcade Fire waren schon immer ein Genuss, mit Murphys Einfluss kam noch eine Komponente hinzu, von der ich bisher gar nicht wusste, dass ich sie vermisse. Zwar sagte Murphy, er hätte eher an jenen Songs mitgarbeitet, denen man das gar nicht so anhört, was heißen würde: an „Porno“ eben nicht. Aber: Nein, die Handschrift ist unverkennbar. Interessant, dass Reviews den Song vereinzelt als „weakest link“ auf dem Album ausmachen. Ich werde wohl schon auch was am Text finden.

2 Daughter „Youth“

The xx haben vor ein paar Jahren mit ihrem sphärischen, angenehm zurückhaltend instrumentierten Sound den Weg geebnet für Bands wie Daughter, die mir zum ersten Mal begegneten, als sie Daft Punks „Get lucky“ völlig für sich vereinnahmten. Eine Offenbarung! Das Album insgesamt find ich jetzt nicht so toll, aber „Youth“ schlägt mit seinem „And if you’re still breathing, you’re the lucky ones“ Gänsehaut-Alarm.

3 The Knife „Full of Fire“

Das ist mit Abstand der beste Song des Jahres, nur dauert er halt ungefähr sechs Minuten zu lang, sodass man ihm völlig überdrüssig wird. Irgendwann ist genug, so viel Politik in die Goschn ist echt „hard to solve“. Gut, ok, The Knife sind gscheider als ich, ihre Live-Shows zu clever, die Texte zu tiefsinnig, die Message zu vieldimensional, die Beats zu vertrackt, find ich ja alles soweit extrem bewundernswert, bis dahin folge ich ihnen halbblind. Aber spätestens zum Salt’n’Pepa-Verweis am Ende („Let’s talk about gender baby, let’s talk about you and me“) befinden wir uns dann doch recht nahe an der Irrenhaus-Einweisung. All das ist natürlich völlig so gewollt, deshalb: Spitze.

4 Fuck Buttons „Stalker“

Eigentlich hätte ich die Fuck Buttons am Rande ihres Auftritts in der Innsbrucker pmk gerne interviewt. Am Ende reichte es nur für die Frage, ob sie wirklich schon mal beim Fuck-Festival in Fucking auftraten, wie auf Wikipedia behauptet wird. In einer Zeit, in der Leute behaupten, es war alles schon mal da und kommt nur in zitierter Form wieder, stehen die Fuck Buttons für echte Avantgarde.

5 Austra „Sleep“

Der melancholische Zauberwald-Elektro-Goth von heute hört Austra. Und ich halt auch. Als Mann möchte man Katie Stelmanis bekehren, als Frau möchte man… was weiß ich. Als ihre Eltern die „Olympia“-Single „Home“ hörten, haben sie Stelmanis‘ Freundin mal so richtig zur Rede gestellt: „Why aren’t you coming home at night?“. Aber „Sleep“ gefällt mir noch besser.

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Meine hundert Lieblingslieder 2013 – Platz 1 bis 20

Bevor es losgeht, ein paar kurze charttechnische Anmerkungen:

a) Die Jahrescharts in der Übersicht und als Spotify-Playlist gibt es hier, (praktisch) alle Lieder sind im Folgenden aber auch einzeln verlinkt, sehenswerte Videos direkt eingebettet.

b) März mag reichlich spät für einen Jahresrückblick sein – aber seriöserweise ist es einfach nicht früher möglich ;-). Denn im Jänner muss man erst einmal die Konkurrenz-Jahrescharts von Rolling Stone bis Pitchfork, von Musikexpress bis FM4 studieren und sich danach einen groben Überblick über all das verschaffen, was die Musiklabels vor Weihnachten noch so rausgeblasen haben. Bis man auch nur in einen kleinen Teil der interessanten Sachen reingehört hat, ist es locker Mitte Februar. Und dann geht erst das komplizierte Auswahlverfahren los …

c) Ich habe mich diesmal regelrecht dazu gezwungen, so viel aktuelle Musik zu hören wie noch nie. Am Ende habe ich mich noch einmal durch ca. 350 Songkandidaten gewühlt, um die 100 schönsten herauszufiltern – was alles andere als leicht war. Denn auch wenn Musikpessimisten das anders sehen: Es gibt heutzutage extrem viel gute Musik in fast allen (Sub-)Genres.

d) Auffällig ist aber auch: Diesmal war es besonders schwer, aus den vielen sehr guten Songs noch einmal die zehn oder zwanzig (vermeintlich) besten auszuwählen. Die ersten acht oder neun Plätze hätten allesamt Nummer eins sein können. Und weiter unten wird die Dichte nicht kleiner. Aber: Es kann halt nur hundert geben.

e) Letzte Randbemerkung: Meine Top Ten stammen heuer fast ausnahmslos von vergleichsweise unbekannten Künstlern. Für mich zeigt das: Aufregende Musik „fließt“ heute mehr denn je abseits des trägen Mainstreams.

So, jetzt aber …

1. John Grant – Blackbelt
Knochentrocken, textlich wie musikalisch, präsentiert sich John Grant auf dieser perfekten Elektropop-Nummer, fett produziert vom isländischen Elektroniker Birgir Þórarinsson vulgo Biggi Veira (den man von der Band GusGus kennen könnte). Denn genau dort, in der erstaunlich regen Musikszene von Reykjavík, ist der US-Amerikaner Grant zwischenzeitlich gelandet.

„Blackbelt“ ist eine beißende Abrechnung mit der – oder im Fall von John Grant eher: dem – Ex. Dieser wird nicht nur als Träger des schwarzen Gürtels in „BS“ (also „bullshit“) attackiert, sondern kriegt es auch sonst ironisch-elegant um die Ohren:

„You got really good taste / you know how to cut ‘n‘ paste“ ODER „You got really nice clothes / bet you didn’t pay for those“ ODER „You think you can school me in semantics / I wouldn’t recommend that, baby / I see through your antics“. Das sitzt.

Und ein schönes Fremdwort lernt man in diesem Lied auch noch: „callipygian“, abgeleitet aus dem Altgriechischen (vom Namen einer Aphroditestatue in Syrakus), bedeutet so viel wie „having beautifully shaped buttocks“. Doch das ist auch das einzig Positive, was der Sänger über den Adressaten des Songs zu sagen weiß …

Über welche Bandbreite John Grant verfügt, zeigt die musikalisch und lyrisch komplett anders geartete Nummer sechs dieser Charts. Kaum zu glauben, dass es sich hier um denselben Künstler handelt.

 

2. Tomorrow’s World – Drive

Eines der Geheimnisse von Musik liegt im Geheimnisvollen. Das mag nach einem Pleonasmus klingen, ist heute aber wohl zutreffender denn je: Denn während man in Prä-Wikpedia/YouTube/Shazam-Zeiten ewig darüber rätseln konnte, ob man diese oder jene Textzeile wohl richtig verstanden hat, wie eine Musikerin oder ein Musiker wohl aussehen mag, hat man heute vor allem eines: too much information.

Keine Frage, die totale Verfügbarkeit ist angenehm, aber ich finde, sie beraubt die Musik doch einer ihrer wichtigsten Qualitäten: ihrer mystischen, quasi unerklärlichen Dimension. ich wusste nicht, welche Musiker hinter dem Projektnamen stecken und woher sie kommen.

Inzwischen weiß ich: Tomorrow’s World sind Jean-Benoît Dunckel, eine Hälfte des mittlerweile ziemlich abgetauchten Elektropopduos „Air“ aus Frankreich, und Lou Hayter, ehemals Keyboarderin der Londoner Dancepunk/Synthpop-Formation „New Young Pony Club“ (NYPC).

Mit seinem herrlich unterkühlten, geheimnisvollen Retro-Elektronik-Charme erinnert mich „Drive“ aber weniger an „Air“ als etwa an die großartige britische Elektropop-Gruppe Ladytron („Playgirl“, „Bluejeans“). Und eines steht fest: Selbst wenn ich von Tomorrow’s World nie wieder etwas hören sollte – beim Songtitel „Drive“ werde ich in Zukunft nicht nur an R.E.M. denken …

 

3. Agnes Obel – The Curse

Eine weitere tolle Künstlerin, über die ich erfreulich wenig weiß. Agnes Obel stammt aus Dänemark, lebt in Berlin (wer nicht?) und nennt – wenn man einer beliebten Online-Enzyklopädie glauben darf – Musiker wie Roy Orbison, Joni Mitchell und PJ Harvey, französische Komponisten wie Debussy, Ravel oder Satie, aber auch Edgar Allan Poe oder Alfred Hitchcock als Einflüsse. Letzteren schätzt sie für seinen rätselhaften Stil, seine anspruchsvolle, zugleich aber extrem simple Ästhetik. Dasselbe könnte man auch über Frau Obel selbst sagen.

„The Curse“ klingt skandinavisch karg, um nicht zu sagen nackt: Nur Obels ausdrucksvolle Stimme (im schwebenden Refrain von nicht minder schönen Backgroundvocals unterstützt), ein wenig Cello (das genau die richtige Menge an Dramatik einbringt) und perlende Pianotöne. Klingt fast schon nach Neo-Klassik, erinnert aber auch an grandiose skandinavische Kolleginnen wie Maria Solheim, Anna Ternheim oder Christine Owman. So lässt man sich gerne verfluchen.

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Meine hundert Lieblingslieder 2013 – Platz 21 bis 40

21. Ólöf Arnalds – A Little Grim

Glückliches Island! Nicht einmal halb so viele Einwohner wie Tirol (ca. 320.000) und dennoch eine in Vielfalt und Qualität kaum fassbare Musik- (und Literatur- und Kunst-)Szene. Zu ihr zählen auch der hochgelobte junge Neoklassik-Künstler Ólafur Arnalds – und seine nicht minder begabte Cousine Ólöf.

Diese Dame ist mir erstmals 2010 mit dem mystischen, auf Isländisch gesungenen Stück „Svif Birki“ untergekommen. „A Little Grim“ von ihrem neuen, erstmals komplett auf Englisch eingesungenen Album ist genauso schön: Ein fast überirdisch dahinschwebender Refrain, gebettet auf ein karges, folkiges Fundament. Und vor allem diese Stimme, „somewhere between a child and an old woman“, wie keine Geringere als Björk es so treffend formuliert. Magisch!

 

22. China Rats – N.O.M.O.N.E.Y.
Quasi das Kontrastprogramm zur Nummer 21: Rasanter, großmäuliger, räudig produzierter Punk, so britisch wie Fish & Chips. Natürlich kennt man das seit den Sex Pistols und Buzzcocks, aber man hört es immer wieder gern. Vor allem wenn es so energiegeladen daherkommt wie hier. In diesem Sinne: „Take me to the money machine!“

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Meine hundert Lieblingslieder 2013 – Platz 41 bis 60

41. Marteria – Kids (2 Finger an den Kopf)

Eine Eigenschaft, die viele gute Popsongs auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, eine Stimmung, ein Lebensgefühl oder eine gesellschaftliche Situation so prägnant einzufangen, dass ellenlange soziologische und psychologische Studien überflüssig werden. Marteria ist mit „Kids“ genau so ein Song gelungen.

Der ehemalige U17-Nationalspieler und nunmehrige Erstliga-Rapper thematisiert darin die zunehmende Verspießerung und Boboisierung, die das einstmals rebellische, partywütige und hedonistische Berlin erfasst hat (und sicher nicht nur Berlin). Marteria findet für diese Verbürgerlichungstendenzen geniale Reime und Sprachbilder:

„Silbernes Besteck – goldener Retriever“ ODER: „Alle mähen Rasen / putzen ihre Fenster / jeder ist jetzt Zahnarzt / keiner ist mehr Gangster.“

All die Leute, die nur noch nach Schweden fahren würden, anstatt wie früher „Malle zu machen“, die überall auf der Gästeliste stehen und die Bayern lieben würden, sie alle, so Materia, „leben kleine Träume / verbrenn’ die großen Pläne.“ Im Grunde ist es ein resignierter, trauriger Befund, zu dem der Rapper hier kommt: „Was all die andern starten / sieht wie ‘ne Landung aus.“

Wer aufpasst, findet in „Kids“ übrigens auch Anspielungen auf Marterias eigenes Werk („Endboss“) und auf Superstar M.I.A.: Der herrlich-nervige „Peng, peng, peng, peng“-Refrain erinnert nämlich stark an deren Welthit „Paper Planes“.

 

42. Young Fathers – Sister

Wenn „schwarze“ und „weiße“ Musiktraditionen unkontrolliert aufeinanderprallen, kommt oft etwas besonders Spannendes heraus – so wie bei den Young Fathers, einem Alternative-Hip-Hop-meets-Experimentalrock-Trio aus Glasgow (mit liberianischen, nigerianischen und schottischen Wurzeln).

Im Schmelztiegel von „Sister“ landen Sprechgesang, martialisches Getrommel und Gesangslinien, die an afrikanische Ritualgesänge denken lassen. Wie sie diese Elemente neben- und übereinanderlegen, erinnert an große Genresprenger wie TV On The Radio.

 

43. Arctic Monkeys – Do I Wanna Know?
Die drei Fragezeichen-Songs – „R U Mine?“, Why’d You Only Call Me When You’re High?“ und der Albumopener „Do I Wanna Know?“ – sind die besten auf „AM“. Das Groovige, Spannungs- und Geheimnisvolle steht den Monkeys gut zu Gesicht und passt hier auch zur Botschaft des Songs: „(…) the nights were mainly made for saying things that you can’t say tomorrow day“. Ein Händchen für eingängige Strophen/Bridges und hymnische Refrains haben die Affen sowieso.

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Meine Jahrescharts 2013 – Michael Domanig

Hier sind sie nun also, meine Lieblingslieder des abgelaufenen Musikjahres (eine fast vollständige Spotify-Playlist zum Reinhören findet ihr ganz unten).

Mein zweiter, wesentlich umfangreicherer Beitrag mit Kurzbesprechungen zu allen 100 Songs (aufgeteilt in fünf Zwanzigerportionen) beginnt HIER.

TOP 100 – 2013:

  1. John Grant – Blackbelt
  2. Tomorrow’s World – Drive
  3. Agnes Obel – The Curse
  4. Johnny Flynn – Country Mile
  5. Vieux Farka Touré – Safare
  6. John Grant – GMF
  7. Aloa Input – Mellow Red Ball
  8. Foxygen – San Francisco
  9. Temples – Colours To Life
  10. Brosd Koal – Und
  11. Midlake – This Weight
  12. Jonathan Wilson – Dear Friends
  13. Arctic Monkeys – R U Mine?
  14. Yo La Tengo – Cornelia and Jane
  15. Glass Animals – Psylla
  16. CocoRosie – After The Afterlife
  17. Akron/Family – No-Room
  18. Golden Suits – Swimming in `99
  19. Foxygen – Shuggie
  20. Future Of The Left – Something Happened
  21. Ólöf Arnalds – A Little Grim
  22. China Rats – N.O.M.O.N.E.Y.
  23. Radical Face – Holy Branches
  24. The Hidden Cameras – Gay Goth Scene
  25. Arcade Fire – Reflektor
  26. Moderat – Damage Done
  27. Born Ruffians – Needle
  28. Future Of The Left – The Real Meaning Of Christmas
  29. Temples – Mesmerise
  30. DJ Koze ft. Ada – Homesick
  31. SOHN – The Wheel
  32. Volcano Choir – Acetate
  33. Alela Diane – I Thought I Knew
  34. Midlake – Aurora Gone
  35. Müßig Gang – Schlofn
  36. Queens Of The Stone Age – My God Is The Sun
  37. Johnny Flynn – Fol-de-rol
  38. Gesaffelstein – Hate Or Glory
  39. Portugal. The Man – Creep In A T-Shirt
  40. Chelsea Wolfe – Destruction Makes The World Burn Brighter
  41. Marteria – Kids (2 Finger an den Kopf)
  42. Young Fathers – Sister
  43. Arctic Monkeys – Do I Wanna Know?
  44. Richard Thompson – Stony Ground
  45. Atoms For Peace – Default
  46. Queens Of The Stone Age – Kalopsia
  47. The Head And The Heart – Homecoming Heroes
  48. Lee Ranaldo and the Dust – Lecce, Leaving
  49. Steaming Satellites – Notice
  50. Velojet – Cold Hands
  51. Neon Neon – Hammer & Sickle
  52. Asia Argento & Archigram – Someone
  53. Disclosure – When A Fire Starts To Burn
  54. Allah-Las – Had It All
  55. Jake Bugg – There’s A Beast And We All Feed It
  56. Manic Street Preachers ft. Richard Hawley – Rewind the Film
  57. Eels – I Am Building A Shrine
  58. Beck – I Won’t Be Long
  59. M.I.A. – Come Walk With Me
  60. Of Montreal – Raindrop In My Skull
  61. No Ceremony /// – Heartbreaker
  62. Future Of The Left – Johnny Borrell Afterlife
  63. Valerie June – You Can’t Be Told
  64. Akron/Family – Until The Morning
  65. Midnight Juggernauts – Ballad Of The War Machine
  66. LaBrassBanda – Frankreich
  67. David Lynch & Lykke Li – I’m Waiting Here
  68. Asia Argento & Toog – Ugly Ducklings
  69. The Elwins – Stuck In The Middle
  70. Volcano Choir – Comrade
  71. Austra – Home
  72. ME – Hoo Ha
  73. Moderat – Bad Kingdom
  74. Pharmakon – Crawling On Bruised Knees
  75. Son Lux – Lost It To Trying
  76. Yeah Yeah Yeahs – Under The Earth
  77. Daughter – Get Lucky (Daft Punk cover)
  78. Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi – Der Anfang ist nah
  79. FKA twigs – Water Me
  80. Wavves – Hippies Is Punks
  81. Young Fathers – Deadline
  82. Christine Owman ft. Mark Lanegan – Familiar Act
  83. Joy Wellboy – Lay Down Your Blade
  84. Fettes Brot – Kannste kommen
  85. MGMT – Your Life Is A Lie
  86. Magic Arm – Put Your Collar Up
  87. Christian Kjellvander – The Valley
  88. Rose Windows – Native Dreams
  89. Caged Animals – Cindy+Me
  90. Eleanor Friedberger – Stare At The Sun
  91. Vampire Weekend – Ya Hey
  92. Fuck Buttons – Hidden Xs
  93. Veronica Falls – Waiting For Something To Happen
  94. Black Sabbath – God Is Dead?
  95. The Thermals – Born To Kill
  96. Woodkid – I Love You
  97. Pearl Jam – Mind Your Manners
  98. These New Puritans – Organ Eternal
  99. The Haxan Cloak – The Drop
  100. Lorde – Royals