Kategorie-Archiv: Jahrescharts

Vom zähen Wühlen nach Gold. Die spätesten Jahrescharts der Welt®, Ausgabe 2018 (Michael Domanig)

Ich höre Musik leider viel zu oft, wie ich leider auch viel zu oft esse: im Gehen, zwischendurch, nebenher, ohne mich wirklich darauf konzentrieren zu können, was ich da zu mir nehme. Die Gefahr ist in beiden Fällen dieselbe: Irgendwann schmeckt alles gleich. Oder es schmeckt einem gar nichts mehr (was im Grunde dasselbe ist).

Gut, so weit ist es mit mir beim Musikhören zum Glück noch nicht gekommen – aber es war diesmal doch ein besonders zäher Prozess, um am Ende zu den Top 100 zu gelangen, meinen bisher wohl spätesten auf dem verspätetsten Musikblog der Welt. An die 600 Lieder sind am Ende des großen Aussiebens im „Leider nein“-Kröpfchen gelandet, wobei vieles davon durchaus nicht schlecht war – ich hätte den Charts-Topf sicher auch mit 150 bis 200 Liedern füllen können.

Um wirklich Herausragendes zu finden, war aber das Wühlen durch extrem viel gefällig produziertes Mittelmaß nötig. Und „Top-20-Material“ zu finden (um mal einen furchtbaren Marketing-Ausdruck zu verwenden), war heuer definitiv viel schwieriger als z. B. beim besonders starken 2017er-Jahrgang. Aber: Am Ende war es die ganze Mühe bei chronisch knappem Zeitbudget dann doch wieder wert. Das zeigte sich schon daran, dass ich mich von vielen Songs, die in der Liste nicht mehr Platz fanden, dann doch nur schwer trennen konnte.

Bei den Songs, die letztlich den Cut geschafft haben (um neuerlich eine grässliche Formulierung zu verwenden), ist diesmal nach meinem Eindruck relativ viel introvertierte und introspektive Musik dabei, verträumt, melancholisch und harmonisch, dagegen vergleichsweise wenig Punkiges, Noisiges und Aggressives. Was würde wohl ein Tiefenpsychologe dazu sagen?

Wobei: Insgesamt ist die Vielfalt glaub ich doch wieder erheblich. Und um ein paar Neugierigen vielleicht Lust aufs Reinhören zu machen, gibt es diesmal neben der obligatorischen Playlist auch Ultra-Kurzrezensionen zu jedem Song (Ziel war ein einziger Satz, mehr als fünf Zeilen sind es nie geworden). Viel Spaß!

1.) Courtney Barnett – Nameless, Faceless
„I wanna walk through the park in the dark / Men are scared that women will laugh at them / I wanna walk through the park in the dark / Women are scared that men will kill them“: Mit diesen unmissverständlichen, Margaret Atwood zitierenden Zeilen ist sehr viel darüber gesagt, warum es #MeToo und „die ganzen Genderdebatten“ einfach braucht. Verpackt ist das ganze in mitreißenden alternativen Gitarrenrock, den derzeit keine(r) so hinbekommt wie Courtney Barnett.

2.) Grimes – We Appreciate Power
Süßlicher Kitsch und Heaviness, Dream Pop und Industrial-Noise, zuckerlbunter K-Pop und klassisches Songwriting – wie die kanadische Grenzgängerin Grimes (mit Hilfe von US-Sängerin HANA) das hier zusammenführt und -rührt, ist (um im Kontext des Songs zu bleiben) eine echte Machtdemonstration.

3.) Emily Haines & The Soft Skeleton – Legend of the Wild Horse
Der Songtitel klingt nach üblem Airbrush-Kitsch. Der Song selbst klingt nach einer der betörendsten Melodien des Jahres. (Ok, war streng genommen schon Ende 2017, hat mich erst 2018 erreicht, damit basta!)

4.) David Byrne – I Dance Like This
Der Pokal für den überraschendsten (Stil-)Bruch des Jahres gebührt dem ehemaligen Kopf der Talking Heads – der vollelektronische Roboter-Refrain hat es in sich!

5.) Jonathan Bree – Sleepwalking
Stimmiger könnte der Songtitel nicht sein, denn der entrückten Musik des neuseeländischen Songwriters haftet tatsächlich etwas Traumwandlerisches an („somnambul“ schrieb ein Rezensent des „Rolling Stone“, glaub ich). Ein Crooner von der Schattenseite, eine der Entdeckungen des Jahres.

6.) Soap & Skin – Palindrome
Von vorn nach hinten = von hinten nach vorn: Das Palindrom als rhetorische Kunstfigur trägt das Repetitive und damit potentiell Hypnotische schon in der DNA. Das passt perfekt zur sakralen Musik von Soap & Skin – erst recht auf Lateinisch: „In girum imus nocte et consumimur igni“. Wobei diese Zeilen („Wir irren des nachts umher / und werden vom Feuer verzehrt“) inhaltlich eher diabolisch als himmlisch klingen.

7.) Rico Nasty – Oreo
Da kann sich der Hersteller der schwarzweißen Keksln wirklich freuen: Rico Nastys rotzig-aggressiver In-your-face-Rap steckt in meiner humble opinion selbst Cardi B in die (Louis Vitton)-Tasche.

8.) Lüül – Schwarz war die See
Nur eine banale, recht holprig gereimte Urlaubserinnerung? Ich finde den wehmütigen Refrainm unglaublich anrührend, gerade in seiner fast Schlager-artigen Einfachheit.

9.) Low – Disarray
Rau, hypnotisch, aufs Notwendigste reduziert: Außer den ineinander verwobenen Stimmen von Alan Sparhawk und Mimi Parker und sanft irritierendem elektronischem Schaben braucht es nichts für dieses kleine, atmosphärisch dichte Kunstwerk.

10.) Ebony Bones feat. The Bones Youth Choir – Police and Thieves
Die britische Ausnahmekünstlerin Ebony Thomas überführt den Reggaeklassiker von Junior Murvin, den schon The Clash prägnant coverten, direkt in eine dystopische Gegenwart, mit unterkühltem, düster-minimalistischem Klangdesign und gespenstischem Kinderchor. Und unterstreicht meine alte These, dass man Kindern besonders gerne (und wirkungsvoll) krasse und bedrohliche Zeilen in den Mund legt.

11.) Der Nino aus Wien – Unentschieden gegen Ried
Eine treffsicherere Metapher für die Banalität und Trostlosigkeit des (nicht nur Fußball-)Alltags lässt sich kaum denken. Hat seinen Platz in der Ehrengalerie der besten Sportsongs jetzt schon sicher.

12.) Gaye Su Akyol – İstikrarlı Hayal Hakikattir
Die Türkei mit ihren vielfältigen musikalischen Traditionen, gerade auch im Bereich psychedelischer Pop-Klänge, hat man als Westler viel zu selten auf dem Zettel. Dass die großartige Gaye Su Akyol letztes Jahr sogar in Innsbruck zu Gast war, habe ich auch versäumt! Dafür gibt’s jetzt zumindest einen Spitzenplatz in den Charts ;-).

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Im Schnelldurchlauf durch mein musikalisches 2018

Man könnte sagen, dass wir für unsere unfassbar späten Jahrescharts bekannt wären – wenn wir denn bekannt wären. Und auch dieser Beitrag wird sowohl das eine als auch das andere nicht ändern. Auch Mitte Februar ist eigentlich vergleichsweise sehr spät für ein Jahres-Recap. Aber dieser persönliche Jahresrückblick hat weder den Anspruch, einen neuen Pünktlichkeitsstandard zu etablieren, noch unsere traditionellen, früh- bis hochsommerlichen Vorjahrescharts zu ersetzen. Schließlich geht es in den kollaborativen Charts um die Hits des Jahres, die Singles, die Ohrwürmer, die für sich allein stehenden Songs. Ich bin eher Albummensch, also präsentiere ich mit diesem Egotrip die 20 Alben, die mein persönliches Musikjahr 2018 ausgemacht haben.

Die Beschränkung auf runde 20 Alben ist natürlich total willkürlich. Wer sagt, dass nicht bloß 18 Alben besonders hervorstachen, oder dass es nicht 37 oder gar 51 Alben wert waren, dass man einige Worte über sie verliert? Ebenso willkürlich ist die Beschränkung auf Full-Length Alben, schließlich wurden wir 2018 auch mit einigen großartigen EPs beschenkt, beispielsweise jene von Aphex Twin (!), Protomartyr oder Panda Bear.

Eines der erwähnenswerten Alben, die vom Rasiermesser dieser Willkür erwischt wurden, ist beispielsweise „Dead Magic“ von Anna von Hausswolff. Man hört der schwedischen Vorzeigesängerin und -Organistin die ausgedehnten Tourneen mit Swans deutlich an. Sons of Kemet präsentierten auf „Your Queen is a Reptile“ eine moderne, abwechslungsreiche und auch politische Palette an Afro-Jazz Hymnen. George Thompson alias Black Merlin begab sich für die „Island of the Gods“ Labelreihe erneut auf Reisen. In mehreren Expeditionen nach Papua-Neuguinea nahm er die Klänge des Kosua-Stammes und des ihn umgebenden Dschungels auf und verwandelte die Soundaufnahmen und Eindrücke in ein außergewöhnliches Album. Soldat Hans formen auf „Es Taut“ einzigartige Balladen aus Düsterjazz, Sludge und Post-Irgendwas. Und dann gab es da noch das vielseitige Zweitwerk von Skee Mask, neues Melancholiematerial von Low, die außerweltliche Kollaboration von Actress und dem London Contemporary Orchestra, den folktronisch-neopsychedelischen vertonten Sonnenschein von 공중도둑 (Mid-Air Thief), ein neues Solowerk von Godspeed You! Black Emperors Frontmythos Efrim Menuck, und noch viel viel mehr.

Man kann es womöglich vor den eigentlichen Top 20 bereits herauslesen: 2018 war für mich ein sehr gelungenes Musikjahr. Jetzt aber ohne weitere Umschweife auf ins Getümmel!

 

  1. Warm Drag – s/t

Das grundlegende Soundfundament von Warm Drag schreit nach Garagenband, wobei diese Bezeichnung angesichts der vielen psychedelischen, elektronischen, lärmigen und anderweitig experimentellen Ausschweifungen dann doch nicht so treffend erscheinen mag. Noch kurioser: Es ist nicht nur keine Garagenband, es ist eigentlich gar keine Band im herkömmlichen Sinn. Paul Quattrone, den man auch von Thee Oh Sees und !!! kennt, hat alle Songs mit einem Sampler kreiert, durch den alles Mögliche an Quellenmaterial gejagt und bis zur Unkenntlichkeit manipuliert wurde. Für noch mehr Abwechslung sorgt die laszive bis rotzfreche Chamäleonstimme von Sängerin Vashti Windish.

  1. GAS – Rausch

Ganze 17 Jahre mussten verstreichen, bis 2017 mit „Narkopop“ endlich ein neues GAS-Album erschien. Nun, kaum ein Jahr später, schickt Wolfgang Voigt den Hörer mit „Rausch“ erneut auf eine Reise durch den Nebelwald, sich selbst treu bleibend mit einem leichten Hauch von Nationalromantik und aus weiter Ferne hallenden Bläsern und Streichern. Der Direktvergleich mit dem Vorgänger hinkt jedoch, „Rausch“ ist dringlicher, intensiver, schreitet stoisch und pulsierend immer geradeaus, bei gleichzeitigem Gefühl schwindenden Orientierungssinns. Rausch eben.

  1. Sleep – The Sciences

GAS-Fans mussten also 17 Jahre auf neues Material warten, das letzte ordentliche Sleep-Album ist jedoch geschlagene 20 Jahre her. Umso beeindruckender, dass das Stoner Metal Urgestein es wahrhaftig geschafft hat, den Erwartungshaltungen gerecht zu werden und genau den Monolithen von einem Album abzuliefern, den die Community sich so lange erhofft und gewünscht hat. Auch live nach wie vor eine Wucht!

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Wow! Die definitiven, endgültigen, kumulierten HIT The Bassline-Jahrescharts 2017! Schon jetzt für Sie!

Wäre dieser Blog ein menschliches Wesen und wir als Autoren seine Väter, dann stünden wir alle längst wegen schwerer Kindesvernachlässigung vor Gericht. Und das Sorgerecht für unser Blog-Baby hätte man uns völlig zu Recht entzogen.

Dass sich die wenigen Beiträge der letzten Monate großteils um das längst verblichene Jahr 2017 gedreht haben, macht die Sache nicht besser, höchstens bizarrer. Und jetzt kommt’s richtig dick: Der folgende Beitrag handelt einmal mehr vom Jahr 2017!

Denn hier und heute, am 272. Tag des Jahres 2018, zu einer Zeit, in der die meisten Menschen langsam in Adventstimmung kommen, dürfen wie sie endlich präsentieren – die kumulierten „HIT The Bassline“-Jahrescharts 2017!

Wenn drei hemmungslose Musik-Eklektiker mit stark individualisierten Geschmäckern je hundert Lieblingslieder eines Jahres zusammentragen, sind Überschneidungen naturgemäß eher selten. So auch bei uns: Ich habe beispielsweise die großartige Sophia Kennedy gleich mit drei Songs in meinen Top 100, der geschätzte Kollege Steff einmal – und das natürlich ausgerechnet mit einem Lied, das ich NICHT drin habe. LCD Soundsystem wiederum scheinen bei Steff gefühlte zwanzigmal auf – aber der einzige Song, den ich von Herrn Murphy in der Liste habe, ist nicht dabei.

Weitere Beispiele? Blanck Mass gefallen Johannes und Steff gleichermaßen gut, nur gilt das offenbar für ganz verschiedene Songs. Ähnlich bei Slowdive, die sich völlig zu Recht bei jedem von uns an prominenter Stelle in den Bestenlisten wiederfinden (btw, was für ein göttlicher Auftritt beim Primavera-Festival!) – aber mit keinem Lied in allen dreien.

Und doch ist bei den Jahrescharts 2017 erstmals das Wunder geschehen – und das gleich doppelt: Es gibt tatsächlich satte zwei Songs, die sich bei jedem von uns in der 100er-Auswahl finden!

Diese Tatsache beschert uns mit FLUT und ihrem erbarmungslos eingängigen 80s-Klassiker-ups-der-ist-ja-von-heute „Linz bei Nacht“ einen recht unerwarteten bis seltsamen Jahressieger. Und mit den kosmopolitischen Souljazzelektroafrocuban-Rebellinnen von Ibeyi einen hochverdienten dritten Platz. Dazwischen liegt mit Mavi Phoenix eine weitere junge Künstlerin mit Lebensmittelpunkt Österreich – eine, die wirklich in keiner Bestenliste 2017 fehlen durfte und darf.

Überhaupt: Schöne und stimmige Top 10! Und insgesamt, wie ich finde, sehr vielfältige und würdige Top 40, mit denen wir dieses schöne Musikjahr zwar sauspät, aber nunmehr ruhigen Gewissens für uns abschließen können.

UND, ähem, DAS SIND SIE NUN – DIE TOP 40 von HIT THE BASSLINE 2017:

Platz / Interpret / Titel / Punkte (Michael, Stefan, Johannes)

1. FLUT – Linz bei Nacht: 183 (81, 77, 25)

2. Mavi Phoenix – Aventura: 155 (96, 59, -)

3. Ibeyi – Away Away: 147 (20, 69, 58)

4. Kendrick Lamar – DNA.: 124 (82, -, 42)

5. Ghostpoet – Freakshow: 124 (37, 87, -)

6. Slowdive – Sugar for the Pill: 123 (70, -, 53)

7. MGMT – Little Dark Age: 119 (66, 53, -)

8. Cigarettes After Sex – Each Time You Fall In Love: 118 (80, 38, -)

9. Slowdive – Slomo: 114 (-, 96, 18)

10. Grizzly Bear – Wasted Acres: 109 (46, 63, -)

11. Sophia Kennedy – Something Is Coming My Way: 100 (100, -, -)
LCD Soundsystem – How Do You Sleep?: 100 (-, 100, -)
Godspeed You! Black Emperor – Anthem for No State: 100 (-, -, 100)
14. Dan Croll – Away From Today: 99 (48, 51, -)
Goat Girl – Scum: 99 (99, -, -)
P.O.S. – Faded: 99 (-, 99, -)
Slowdive – Don’t Know Why: 99 (-, -, 99)
18. Cosmo Sheldrake – Come Along: 98 (98, -, -)
Portugal. The Man – Feel It Still: 98 (-, 98, -)
Blanck Mass – Please: 98 (-, -, 98)
21. Goat Girl – Cracker Drool: 97 (97, -, -)
The xx – Dangerous: 97 (-, 97, -)
Idles – 1049 Gotho: 97 (-, -, 97)
24. Ulver – Rolling Stone: 96 (-, -, 96
25. MOLLY – Glimpse: 95 (95, -, -)
Trails and Ways – Happiness: 95 (-, 95, -)
Forest Swords – Panic: 95 (-, -, 95)
28. FLUT – Sterne: 94 (94, -, -)
Spoon – Hot Thoughts (David Andrew Sitek Remix): 94 (-, 94, -)
Paul Plut – Grat:
94 (-, -, 94)
31. Cigarettes After Sex – Apocalypse: 93 (93, -, -)
The xx – Replica: 93 (-, 93, -)
Amenra – A Solitary Reign: 93 (-, -, 93)
34. Benjamin Clementine – God Save the Jungle: 92 (92, -, -)
Noel Gallagher’s High Flying Birds – Dead In the Water (live): 92 (-, 92, -)
Cristobal and the Sea – Goat Flokk: 92 (-, -, 92)
37. Charlotte Gainsbourg – Deadly Valentine: 91 (16, 75, -)
Ariel Pink – Bubblegum Dreams: 91 (91, -, -)
Hundred Waters – Blanket Me: 91 (-, 91, -)
Forest Swords – War It: 91 (-, -, 91)

Eine Playlist mit 2017er Songs, die mir gefallen haben.

Ein schöner Augusttag nimmt seinen hundsgewöhnlichen Lauf. Könnte es einen besseren Zeitpunkt geben, um sich an den PC zu hocken und eine 100 Einträge umfassende Liste aus 2017 erschienenen Songs in absteigender empfundener Qualität zusammenzustellen? Die Antwort auf diese auffallend spezifische Frage: vielleicht. So oder so habe ich genau das vorhin gemacht. Weil mir halt einfach danach war, bestimmt nicht, um zu teaminternen Jahrescharts beizutragen. Das wäre jetzt doch total unangebracht und unverlangt weil viel zu spät und sowieso.

Weitere Ausführungen zu diesem Unterfangen finden sich unter der Liste, zuerst geht’s aber ans Eingemachte:

JAHRESCHARTS 2017 – JOHANNES SCHNEIDER

  1. Godspeed You! Black Emperor – Anthem for No State
  2. Slowdive – Don’t Know Why
  3. Blanck Mass – Please
  4. Idles – 1049 Gotho
  5. Ulver – Rolling Stone
  6. Forest Swords – Panic
  7. Paul Plut – Grat
  8. Amenra – A Solitary Reign
  9. Cristobal and the Sea – Goat Flokk
  10. Forest Swords – War It
  11. Amnesia Scanner – AS Truth
  12. Idles – Benzocaine
  13. Arca – Desafío
  14. Actress – Blue Window
  15. Fleet Foxes – Cassius, –
  16. Hällas – Repentance
  17. Xiu Xiu – Wondering
  18. (Dolch) – Siren
  19. Forest Swords – Exalter
  20. Propagandhi – Lower Order (A Good Laugh)
  21. Blanck Mass – Silent Treatment
  22. Converge – Under Duress
  23. And So I Watch You From Afar – All I Need Is Space
  24. Saagara – Daydream
  25. Clams Casino – Kali Yuga
  26. Paul Plut – Klatsch
  27. Ulver – Transverberation
  28. Vince Staples – Crabs in a Bucket (Feat. Bon Iver & Kilo Kish)
  29. Protomartyr – My Children
  30. Mount Eerie – Real Death
  31. Broken Social Scene – Vanity Pail Kids
  32. Fever Ray – Red Trails
  33. Cristobal and the Sea – Smadness
  34. Whoredom Rife – Beyond the Skies of God
  35. Amenra – Children of the Eye
  36. James Holden & The Animal Spirits – Pass Through the Fire
  37. Converge – I Can Tell You About Pain
  38. Vince Staples – BagBak
  39. Fleet Foxes – If You Need to, Keep Time on Me
  40. Broken Social Scene – Protest Song
  41. And So I Watch You From Afar – Mullally
  42. Rødhåd – Target Line (feat. Vril)
  43. Ibeyi – Away Away
  44. Exquirla – El grito del padre
  45. Idles – White Privilege
  46. Godspeed You! Black Emperor – Bosses Hang
  47. Hammock – I Would Give My Breath Away
  48. Slowdive – Sugar for the Pill
  49. Hällas – The Golden City of Semyra
  50. Zugezogen Maskulin – Was für eine Zeit
  51. Acress – X22RME
  52. Grave Pleasures – Mind Intruder
  53. James Holden & The Animal Spirits – Thunder Moon Gathering
  54. Ninos Du Brasil – Condenado por un Idioma Desconhecido
  55. Blanck Mass – The Rat
  56. Laurel Halo – Jelly
  57. Full of Hell – Trumpeting Extasy
  58. Japandroids – In a Body Like a Grave
  59. Kendrick Lamar – DNA.
  60. Forest Swords – Raw Language
  61. Jlin – Never Created, Never Destroyed
  62. Oh Sees – Nite Expo
  63. Kirin J. Callinan – S. A. D.
  64. Kairon; IRSE! – Llullaillaco
  65. James Holden & The Animal Spirits – Each Moment Like the First
  66. Laurel Halo – Do U Ever Happen
  67. Yves Tumor – Limerence
  68. King Gizzard and the Lizard Wizard – Rattlesnake
  69. Propagandhi – Adventures in Zoochosis
  70. Cristobal and the Sea – Uma Voz
  71. Protomartyr – The Chuckler
  72. Von Seiten der Gemeinde – Schnåps
  73. Restless Leg Syndrome – Rooted
  74. Idles – Mother
  75. Protomartyr – Here Is the Thing
  76. FLUT – Linz bei Nacht
  77. Yaeji – Drink I’m Sippin On
  78. Ulver – So Falls the World
  79. Paul Plut – Lärche
  80. Hällas – Star Rider
  81. Vince Staples – Party People
  82. Von Seiten der Gemeinde – Provincetown Girl
  83. Slowdive – Slomo
  84. The National – The System Only Dreams in Total Darkness
  85. Wolves in the Throne Room – Born From the Serpent’s Eye
  86. Yaeji – Raingurl
  87. Carbon Based Lifeforms – Accede
  88. Zugezogen Maskulin – Teenage Werwolf
  89. Fever Ray – Plunge
  90. Casper – Keine Angst (feat. Drangsal)
  91. Queens of the Stone Age – The Way You Used to Do
  92. Témé Tan – Ça Va Pas La Tête?
  93. Restless Leg Syndrome – Trippin‘
  94. Zugezogen Maskulin – Der müde Tod
  95. Ninos Du Brasil – A Magia do Rei II
  96. Ride – All I Want
  97. Yung Hurn – Ok Cool
  98. Slowdive – No Longer Making Time
  99. Yaeji – Noonside
  100. Morrissey – I Spent the Day in Bed

 

Auch ich als in letzter Zeit leider sehr schreibfaul gewordener Mensch (legitime Ausreden dafür gibt es tatsächlich, müssen an dieser Stelle aber nicht breitgetreten werden) komme um einige Fußnoten zu dieser Auswahl nicht herum.

Man sieht den Charts meine Alben des Jahres deutlich an. Ich könnte Seiten damit füllen, im Bezug auf den Output von Idles, Forest Swords und Slowdive Superlative und überschwängliche Zuneigungsbekundungen aneinanderzureihen, sind deren Scheiben doch so oft in meinem Player rotiert wie lange nichts mehr. Am liebsten hätte ich aus diesen Alben 90% der Tracks in die Liste geklatscht, aber das wäre ja auch irgendwo fad.

Im Grunde genommen trifft auch für letztes Jahr wieder zu, was ich damals zum vorletzten Jahr schon so ähnlich beschrieben hatte: Da ich privat fast ausschließlich ganze Alben höre mache ich mir relativ wenig Gedanken darüber, welche meiner liebsten Tracks auch für sich alleine ihre volle Wirkung entfalten und welche davon „nur“ ein schönes Puzzleteil sind, das erst eingebettet im Gesamtmotiv seinen vorhergesehenen Zweck erfüllt. Von daher ist das Erstellen solch einer Liste jedes Mal ein spannendes Unterfangen, und erneut fehlen einige meiner liebsten Interpreten des Jahres, weil sie halt keine Hits schreiben.

Zum Beispiel waren Eluviums „Shuffle Drones“ eine extrem interessante Erfahrung. 23 kurze, perfekt ineinander übergehende Drone-Stücke, für die unendliche Zufallswiedergabe konzipiert. Die Songtitel aneinandergefügt sind gleichzeitig quasi die Gebrauchsanleitung:
„Simply put, the suggested manner of listening to this work is to isolate the collection and to randomize the play pattern on infinite repeat — thus creating a shuffling drone orchestration. The intent is to create a body of work specifically designed for and in disruption of modern listening habits and to suggest something peaceful, complex, unique, and ever-changing. Thank You.”
Aber so etwas hat halt in einer Liste der besten Songs keinen Platz.

Ein anderes Highlight – und neben Slowdive mein persönliches Comeback des Jahrzehnts – hat Kompakt-Labelchef Wolfgang Voigt mit seinem Hauptprojekt Gas abgeliefert. „Narkopop“ ist erneut die monolithische Mischung aus Naturaufnahmen, Samples klassischer Musik und stoisch pulsierenden (Ambient) Techno-Strukturen geworden, die schon vor der Jahrtausendwende so perfekt funktionierte. Auch die Schweizer von Schammasch weigern sich, verdauliche und wohlportionierte Songhäppchen zu basteln, haben dafür aber meine EP des Jahres aufgenommen und zeigen auf „The Maldoror Chants: Hermaphrodite“ in einem fließend ineinander übergehenden Soundkontinuum, wie Black Metal, ritueller Tribal Ambient und alle dazwischen liegenden Mischformen und Spielarten 2017 zu klingen haben. Der anscheinend im Internet und Meme-Universum wohnende Neil Cicierega hat im vergangenen Jahr die Messlatte in Sachen Mash-Ups neu adjustiert. Sorry Girl Talk. Aber irgendwie hätte es sich falsch angefühlt, diesen Bastardisierungen des Musikgeschehens Rangplätze auf der Liste zu vergeben. Andere Highlights aus 2017, die sich dem Song-Format entzogen, waren der sphärische Ambient Techno, den Vril mit „Anima Mundi“ auf 2 ausufernde, nicht näher betitelte Tape-Hälften gebannt hat, sowie die tieftraurige akustische Begräbnisprozession, welche das 80-Minuten-Monstrum „Mirror Reaper“ von Bell Witch darstellt.

Umgekehrt haben es auch einige Singles auf die Liste geschafft, deren Alben entweder nicht zünden konnten oder ich nicht einmal kenne, weil ich ja trotzdem hin und wieder bei musikbegeisterten Freunden unterkomme oder hin und wieder auch Radio höre(n muss), primär die „großen“ Indie-Sender des deutschsprachigen Raums, und dort halt doch nicht ausschließlich Blödsinn läuft. Von dem her vielen Dank an die liebe öffentlich-rechtliche Rundfunklandschaft.

Das war ja eigentlich ein kurzweiliges Verfangen. Vielleicht wiederhole ich das nächstes Jahr wieder, vielleicht sogar einige Monate früher. Einfach so. Vielleicht.

Erster unter den Letzten. Meine heillos späten Jahrescharts 2017 – Michael Domanig (mit Playlist)

ERSTER!
Das wollte ich an dieser Stelle eigentlich, wie beim Wettrennen in Kinderzeiten, hämisch ausrufen. Denn wundersamerweise ist es mir diesmal gelungen, die Jahrescharts früher in trockene Tücher zu bringen als meine geschätzten Blog-Mitautoren.

Doch dann fiel mein Blick auf die Datumsanzeige im rechten Eck meines Notebooks: Um Himmels willen, 21. Juli 2018!
Und wir reden hier ja nicht etwa von den Halbjahrescharts 2018 – für die wir ebenfalls schon reichlich spät dran wären -, sondern von den Jahrescharts 2017 …

„Die spätesten Jahrescharts der Welt“: Das ist hier aufm Blog schon fast so etwas wie ein Claim – und ja, es ist ein verdammt schlechter Claim, den man heuer noch dazu mit dem Untertitel „Noch nie waren sie so spät wie jetzt“ versehen müsste. Denn tatsächlich haben wir einen neuen Negativrekord aufgestellt.

Doch bevor ich mich in selbstmitleidigen (wenn auch auf Tatsachen basierenden) Ausschweifungen darüber ergehe, dass ich „einfach viel zu selten zum Musikhören komme und wenn dann nur unter Zeitdruck und das geht ja schon mal gar nicht und sowieso und überhaupt“, führe ich lieber ein paar gute Gründe an, warum es heuer noch länger gedauert hat als in den Jahren zuvor. Denn die gibt es!

Zum einen war es diesmal wirklich ein besonders langwieriger und zäher Ausleseprozess, bis am Ende wieder 100 Lieder im „Fixstarter“-Töpfchen und gut 500 andere im „Leider nein“-Kröpfchen gelandet sind. Denn auch wenn Pauschalurteile über die unendlichen Weiten des Pop (ein Begriff, dessen Definition letztlich in seiner Undefinierbarkeit liegt) unzulässig sind, habe ich zumindest für den kleinen Ausschnitt der aktuellen alternativen Popkultur, mit dem ich mich auseinandersetze, folgenden Eindruck gewonnen:

Vieles ist sehr gut, sehr vieles gut, noch viel mehr zumindest toll produziert, Kulturpessimismus völlig fehl am Platz. Absolute Standout-Tracks – im Sinne von modernen Instant-Klassikern – waren in diesem Jahrgang aber eher rar gesät. Während ich somit für die Chartsplätze von ca. 30 bis 80 diesmal locker 100 oder 150 Anwärter gehabt hätte (deutlich mehr als in früheren Jahren), hab ich mich bei den Top 20 so schwer getan wie nie.

Der zweite triftige Grund für die Verspätung der Verspätung der Verspätung war unser Besuch beim Primavera-Festival in Barcelona Ende Mai bis Anfang Juni diesen Jahres (und ja, irgendwann kommen meine Berichte von den restlichen Festivaltagen auch noch, großes Indianerehrenwort – allerspätestens 2023!).

Denn wie jedes Jahr spielte bei diesem betörenden Monster von einem Festival ein erklecklicher Teil meiner potentiellen Jahrescharts-BewerberInnen auf – und die Livekonzerte boten eine letzte willkommene Entscheidungshilfe. Das galt naturgemäß besonders für Wackelkandidaten: Während etwa die Pseudohipster von Starcrawler und leider auch der sympathische Rostam nach unterirdischen Livedarbietungen endgültig aus dem Jahrescharts-Kader flogen, schafften es z. B. die wunderbaren Damen von Ibeyi noch hinein, ebenso Cari Cari mit ihrem reduzierten, The-Kills-artigen Sound, den ich bizarrerweise erst in Barcelona bewusst wahrgenommen habe – obwohl es sich hier um eine österreichische Band handelt …

Doch auch in deutlich luftigeren Chartshöhen gab es durch das Primavera noch entscheidende Veränderungen: So musste ich Cigarettes After Sex nach einem sound- und stimmungstechnisch schwer enttäuschenden, letztlich fürchterlich faden Konzert trotz ihrer traumhaften Songs fast zwangsläufig noch ein paar Plätze hinabstufen (was ihnen herzlich wurscht sein wird). Umgekehrt sind z. B. Slowdive, die Sparks oder Charlotte Gainsbourg nach magischen, elektrisierenden Auftritten noch ein paar Sprossen die Chartsleiter hinaufgewandert. Entscheidend is aufm Platz!

Davon abgesehen nur noch ein paar allgemeine Aspekte, die mir beim Wühlen durch die zahllosen Schichten und Verwerfungen des Pop-Jahrgangs 2017 aufgefallen sind:

Frauen geben den Ton an. Die kreativste, originellste, zwingendste und dringlichste Musik kam 2017 erneut sehr, sehr oft von Künstlerinnen unterschiedlichster geographischer und stilistischer Herkunft. Darunter waren (ein Blick auf die Top5 reicht) zahlreiche mir bisher unbekannte Namen wie die deutsch-amerikanische Alleskönnerin Sophia Kennedy, die kompromisslosen englischen Country-Punks von Goat Girl, Österreichs höchsteigene Autotune-Queen Mavi Phoenix oder etwa Noga Erez aus Israel, Mo Kenney aus Kanada, Kelly Lee Owens aus Wales oder Susanne Sundfør aus Norwegen.

Aber auch international schon lange etablierte Künstlerinnen wie z. B. die US-Amerikanerinnen Aimee Mann, Amanda Palmer oder Alela Diane sorgten verlässlich für großartige neue Musik. Und dabei haben die allerorts gefeierten Songs von Jahresregentinnen wie Lorde oder St. Vincent bei mir gar nicht den Weg in die Charts gefunden …

Durchgehend überzeugende Alben waren selten. Über die volle Albumlänge hinweg die Spannung aufrechtzuerhalten, ist für Musiker sicher von jeher wahnsinnig schwierig (zumal die Aufmerksamkeitsspanne des durchschnittlichen Hörers durch die Viele-viele-bunte-Smarties-Welt von YouTube und Spotify nicht eben zugenommen haben dürfte). 2017 ist dieses Kunststück aus meiner Sicht u. a. der schon erwähnten Sophia Kennedy, Stephin Merritts nicht minder genialen Magnetic Fields (sogar über fünf Alben hinweg!), den begnadeten Jammerern von Flotation Toy Warning, Ariel Pink oder den Mountain Goats sehr gut gelungen.

Bei vielen anderen, an sich tollen Künstlern und Bands haben sich auf Albumlänge hingegen doch oft erhebliche Längen eingeschlichen. Mir persönlich ist es 2017 etwa mit Feist, den Fleet Foxes, alt-J oder sogar den von mir hochgeschätzten Grizzly Bear (deren jüngstes Album natürlich trotzdem viel Qualität hat) so ergangen. Wobei: War das jemals grundlegend anders? Waren die meisten Alben nicht immer schon zu lang? Und sind Singles/Einzelsongs nicht das wahre Medium des Pop, heute mehr denn je?

Hip-Hop ist 2017 eher an mir vorbeigegangen. Ausgerechnet in jenem Jahr, in dem Hip-Hop in den US-Charts erstmals Rock als meistgehörtes Genre abgelöst hat (als einflussreichste Jugendkultur hat er das ohnehin schon lange getan), konnte mich nur relativ wenig aus dieser Ecke des Universums wirklich überzeugen. Ob Vince Staples, Cardi B oder z. B. auch die jüngste Run The Jewels: Klingt alles fett, hat fast immer einen eindrucksvollen (oder etwa im Fall von Yung Hurns Cloud-Rap zumindest ungewöhnlichen) Flow – doch die wirklich zwingenden Samples, Beats, Hooks und Refrains, die Hip-Hop für mich spannend machen, konnte ich nur selten entdecken. Aber vermutlich habe ich die richtigen Pretiosen einfach nur überhört: Ich hoffe, die Kollegen Steff und Johannes können da in ihren Jahrescharts aushelfen!

Aus Österreich kam auch 2017 viel großartige Musik – abseits von Wanda und Bilderbuch. Ultramoderne R&B/Hip-Hop/Urban-Klänge von Mavi Phoenix, Dreampop und Surfrock von Crush oder DIVES, cleverer Mundart-Rap von Kreiml & Samurai oder die NDW-Wiedergänger FLUT, die mit ihren zackigen Synthie-Ohrwürmern in den 80ern womöglich ganz groß herausgekommen wären: Die Bandbreite spannender zeitgenössischer Musik aus Österreich ist und bleibt erfreulich groß. Dass Wanda mittlerweile nur noch auf Ö3 laufen und plötzlich auch meinen Bürokollegen ein Begriff sind oder Bilderbuch auch schon mal spannender geklungen haben, ist da leicht zu verschmerzen.

Und was mich – jenseits jedes kleinkarierten Lokalpatriotismus – besonders freut: Auch zwei  höchst gegensätzliche Tiroler Bands bereichern diesmal die Jahrescharts: MOLLY gleich zweimal mit ihrem süchtig machenden, meisterlich arrangierten Shoegaze, und Von Seiten der Gemeinde mit feinen Samples aus den tiefsten Tiefen der Lokalberichterstattung.

So, bevor es nun endlich ans Eingemachte in Form der Rangliste geht, noch ein kleines Geständnis: Ein, zwei Mal habe ich beim Datum der Songs wieder geschwindelt – diesmal sogar bei der Nummer zwei der Charts. Schließlich ist Goat Girls bitterböser Zweiminüter „Scum“ schon 2016 als Single erschienen. Aber ihn damals schon vor die Lauscher zu bekommen, war für mich schlicht unmöglich. Und vor allem passt diese zornige Abrechnung mit Renationalisierung, Abschottung, Brexit, allgemeiner Engstirnigkeit und aggressiver Dummheit leider nur allzu gut ins Jahr 2017. Oder auch 2018.

How can an entire country be so fucking thick? Hold tight to your pale ales / Bite off your nationalist nails / We’re coming for you, please do fear / You scum aren’t welcome here …

Und: Im Grunde ist es ja völlig zweitrangig, wann genau ein bestimmter Song oder Track nun erschienen ist, solange er nur etwas in uns auslöst. In diesem Sinne ist es, so glaube ich, doch wieder eine hörenswerte Songsammlung geworden. Jetzt bleibt mir nur noch zu hoffen, dass sich viele von euch die Spotify-Playlist (ganz unten zu finden!) oder zumindest Ausschnitte davon anhören und ein paar schöne Entdeckungen machen werden. Über Feedback freue ich mich wie immer sehr!

 

JAHRESCHARTS 2017 – MICHAEL DOMANIG

    1. Sophia Kennedy – Something Is Coming My Way
    2. Goat Girl – Scum
    3. Cosmo Sheldrake – Come Along
    4. Goat Girl – Cracker Drool
    5. Mavi Phoenix – Aventura
    6. MOLLY – Glimpse
    7. FLUT – Sterne
    8. Cigarettes After Sex – Apocalypse
    9. Benjamin Clementine – God Save the Jungle
    10. Ariel Pink – Bubblegum Dreams
    11. The Sadies – The Elements Song
    12. The Magnetic Fields – ’75: My Mama Ain’t
    13. Sophia Kennedy – William by the Windowsill
    14. Das Lunsentrio – Das letzte Edelweiß
    15. Benjamin Clementine – Jupiter
    16. The New Pornographers – High Ticket Attractions
    17. The Magnetic Fields – ’69: Judy Garland
    18. Jordan Klassen – Dominika
    19. Kendrick Lamar – DNA.
    20. FLUT – Linz bei Nacht
    21. Cigarettes After Sex – Each Time You Fall In Love
    22. Robert Plant – Carry Fire
    23. Adrian Crowley – Unhappy Seamstress
    24. Ariel Pink – Dedicated to Bobby Jameson
    25. Aimee Mann – Goose Snow Cone
    26. Belle & Sebastian – We Were Beautiful
    27. The Magnetic Fields: ’92: Weird Diseases
    28. Crush – Please Me
    29. Kodak Black – Tunnel Vision
    30. Kane Strang – My Smile Is Extinct
    31. Slowdive – Sugar for the Pill
    32. Declan McKenna – Humongous
    33. Superorganism – Something For Your M.I.N.D.
    34. King Gizzard & The Lizard Wizard – Crumbling Castle
    35. MGMT – Little Dark Age
    36. Matias Aguayo & The Desdemonas – Nervous
    37. LeVent – Rabbits
    38. Noga Erez – Off the Radar
    39. alt-J – Pleader
    40. Morissey – Spent The Day in Bed
    41. Sparks – Missionary Position
    42. Mo Kenney – Unglued
    43. Nick Garrie – The Moon and the Village
    44. The Flaming Lips – There Should Be Unicorns
    45. LOT – Was für ein Life
    46. Alela Diane – Émigré
    47. The Magnetic Fields: ’73: It Could Have Been Paradise
    48. Mark Lanegan – Emperor
    49. Flotation Toy Warning – The Moongoose Analogue
    50. Amanda Palmer & Edward Ka-Spel – The Clock at the Back of the Cage
    51. Susanne Sundfør – The Sound of War
    52. The Mountain Goats – Rain in Soho
    53. Dan Croll – Away From Today
    54. John Maus – Touchdown
    55. Grizzly Bear – Wasted Acres
    56. L’Impératrice – Erreur 404
    57. Lali Puna – The Bucket
    58. The Mountain Goats – We Do It Different on the West Coast
    59. Sophia Kennedy – A Bug on a Rug in a Building
    60. Liars – No Tree No Branch
    61. Von Wegen Lisbeth – Wenn du tanzt
    62. Ariel Pink – Dreamdate Narcissist
    63. The Sadies – Another Season Again
    64. Ghostpoet – Freakshow
    65. Das Lunsentrio – Im Goldenen Hahn (Bumm Bumm Bumm Bumm / Bamm Bamm Bamm Bamm)
    66. John Maus – Teenage Witch
    67. Flotation Toy Warning – King of Foxgloves
    68. Kelly Lee Owens – Throwing Lines
    69. LCD Soundsystem – call the Police
    70. Grizzly Bear – Mourning Sound
    71. MOLLY – Time and Space
    72. DIVES – Shrimp
    73. The New Pornographers – Whiteout Conditions
    74. Las Robertas – Sun Haze
    75. Die Buben im Pelz feat. Voodoo Jürgens – Geisterstadt der lebenden Toten
    76. Toothless feat. The Staves – The Sirens
    77. Tamikrest – Wainan Adobat
    78. First Breath After Coma – Salty Eyes
    79. King Gizzard & The Lizard Wizard – Rattlesnake
    80. Fionn Regan – Babushka-Yai Ya
    81. Ibeyi – Away Away
    82. The National – The System Only Sleeps in Total Darkness
    83. Fleet Foxes – If You Need To, Keep Time On Me
    84. Kreiml & Samurai feat. Monobrother – Wiener
    85. Charlotte Gainsbourg – Deadly Valentine
    86. Wand – Bee Karma
    87. All Them Witches – Bulls
    88. Dead Cross – Seizure and Desist
    89. The Magnetic Fields – ’67: Come Back as a Cockroach
    90. Kelly Lee Owens feat. Jenny Hval – Anxi.
    91. The Molochs – Charlie’s Lips
    92. Cari Cari – Nothing’s Older Than Yesterday
    93. Temples – Oh the Saviour
    94. Thunder Jackson – Guilty Party
    95. Jim White – Long Long Day
    96. Témé Tan – Ça Va Pas La Tête?
    97. Django Django – Tic Tac Toe
    98. IDLES – Mother
    99. Waxahatchee – Never Been Wrong
    100. Von Seiten der Gemeinde – Graukas drau

Und das sind sie: Die HIT-THE-BASSLINE Top 40 2016

Platz / Interpret / Titel / Punkte (Johannes, Mischa, Stefan)

1 David Bowie – Lazarus 188 (89,-,99)

2 Goat – Goatfuzz 186 (99,87,-)

3 Voodoo Jürgens – Heite grob ma Tote aus 177 (-,92,85)

4 DJ Shadow feat. Run the Jewels – Nobody Speak 152 (95,-,57)

5 Xiu Xiu – Falling 146 (90,56,-)

6 Teleman – Düsseldorf 146 (60,86,-)

7 Aesop Rock – Kirby 146 (73,73,-)

8 Regina Spektor – Small Bill$ 125 (-,58,67)

9 Goat – Union of Mind and Soul 117 (94,-,23)

10 Julianna Barwick – Same 117 (70,47,-)

11 A Tribe Called Quest – We The People 107 (-,93,14)

12 Preoccupations – Degraded 105 (53,52,-)

13 Bankz & Steelz feat. Florence Welch – Wild Season 103 (-,44,59)

14 King Gizzard and the Lizard Wizard – People-Vultures 101 (61,40,-)

15 Swans – The Glowing Man 100 (45,55,-)

16 clipping. – Wriggle 100 (100,-,-)
The Divine Comedy – Catherine The Great 100 (-,100,-)
Chairlift – Ch-Ching 100 (-,-,100)
19 Of Montreal – Let‘s Relate 99 (-,99,-)
20 Crystal Castles – Kept 98 (98,-,-)
OY – Space Diaspora 98 (-,98,-)
Christine and the Queens – iT 98 (-,-,98)
23 Oranssi Pazuzu – Havuluu 97 (97,-,-)
Agnes Obel – Familiar 97 (-,97,-)
Prince Rama – Bahia 97 (-,-,97)
26 Pleasure Model – Pill Towers 96 (96,-,-)
PJ Harvey – Near The Memorials To Vietnam And Lincoln 96 (-,96,-)
Beaty Heart – Death Metal 96 (-,-,96)
29 Deep Throat Choir – Be OK 95 (95,-,-)
Bob Moses „Tearing me up“ (A-Trak Remix) 95 (-,-,95)
31 Sleaford Mods – I Can Tell 94 (-,94,-)
Miike Snow – Genghis Khan 94 (-,-,94)
33 Danny Brown – Ain’t It Funny 93 (93,-,-)
Young Thug & Travis Scott feat. Quavo – Pick up the Phone 93 (-,-,93)
35 The Avalanches – Because I’m Me 92 (92,-,-)
James Blake – Modern Soul 92 (-,-,92)
37 Aesop Rock – Blood Sandwich 91 (91,-,-)
Prince Rama – Fake Til You Feel 91 (-,91,-)
The Avalanches feat. Father John Misty & David Berman – Saturday Night inside out 91 (-,-,91)

Ich, einfach unverbesserlich spät.

VON STEFAN PLETZER

Meine Blog-Kollegen werden erleichtert sein. Traditionell bilden meine Jahrescharts den Abschluss des Musikjahres 2016, aber immerhin landete ich beinahe noch im gleichen Monat wie Johannes Schneider und Michael Domanig. Fast könnte man von einer Synchronität der Verspätung sprechen. Fast.

Persönliche Jahrescharts kompiliere ich seit dem Jahr – wait for it – 1993. Damals mit grüner Tinte in Collegeblöcke mit grünem Umschlag, welche in diesem Augenblick in einem Jochberger Dachboden von Katzenkacke übersät werden. Oder anders gesagt: Selbst wenn ich die gelben „Vamonos Pest“-Anzüge anziehen und mich die morsche Treppe raufwagen würde, bin ich nicht sicher, ob ich sie wiederfinden würde. Meine Rettung war das mp3-Zeitalter, denn so richtig verlegt habe ich eine Musikdatei noch nie.

Seit dem Jahr 1999 wurden meine persönlichen Lieblingslieder jedes Jahr auf Festplatte archiviert. Und genau das, meine lieben Blog-Kollegen und Mitleser, ist das wirklich Lohnenswerte an der Jahrescharts-Arbeit. Ich kann mich heute in meine Lieblingslieder von vor 18 Jahren reinhören und in meine damalige Lebensrealität -versetzen. Ein ins Teenageralter zurückreichendes Tagebuch meiner Lieblingsmusik.

1999 schritt ich synchron mit den Lounge-Beats der Thievery Corporation mit Discman durch die Straßen Salzburgs, ein Kopfhörer hing aus meinem Ohr, der andere aus dem Ohr einer zumindest namensgleichen Person aus einem Titel der heurigen Jahrescharts. 2006 kamen wildfremde Menschen in Kufstein nach einem DJ-Set zu mir und wollten wissen, welches verrückte Lied ich in einem Mashup zu Stardusts „The Music sounds better with you“ gespielt hatte („Waters of Nazareth“ von Justice). 2007 veröffentlichten LCD Soundsystem mit „All my Friends“ das Lied des Jahrzehnts und gehören genauso zu den derzeit unumstritten besten Bands der Welt wie die Interpreten anderer Jahresbesten-Lieder wie Yeasayer, Grizzly Bear, Arcade Fire oder Hot Chip.

Heute bin ich beeindruckt, dass es zwei weitere Menschen gibt, die sich der unlösbaren Aufgabe stellen, Platz 63 von Platz 64 zu unterscheiden. Im Zweifelsfall gilt: Wenn man bei einem Song lauter dreht, reiht man ihn vor. Und eine Winamp-Playlist kennt keine Ex-Aequo-Ränge.

Beim Studieren der beiden anderen Listen scheint mir, dass ich dann wohl doch der Pop-Beauftragte dieses illustren Schreibzirkels bin. Lost my edge – long ago. Rihanna, Beyoncé, Kanye West, Miike Snow (sie schrieben „Toxic“ für Britney Spears) und OneRepublic fassen andere nicht mal mit der Greifzange an. Übernehme ich doch gerne. Den Jackpot geknackt haben aber 2016 eindeutig die – mittlerweile aufgelösten – Chairlift mit „Ch-Ching“. Hellooo-oh!

1 Chairlift „Ch-Ching“

2 Davie Bowie „Lazarus“

3 Christine and the Queens „iT“

4 Prince Rama „Bahia“

5 Beaty Heart „Death Metal“
6 Bob Moses „Tearing me up“ (A-Trak Remix)

7 Miike Snow „Genghis Khan“

8 Young Thug & Travis Scott feat. Quavo „Pick up the Phone“

9 James Blake „Modern Soul“

10 The Avalanches feat. Father John Misty & David Berman „Saturday Night inside out“
11 Santigold „Banshee“
12 Rihanna feat. Drake „Work“
13 Deakin „Just am“
14 ANOHNI „Drone bomb me“
15 Mark Ronson feat. Kevin Parker „Daffodils“
16 Voodoo Jürgens „Heite grob ma Tote aus“
17 A Tribe called Quest „Enough“
18 Underworld „I exhale“
19 ANOHNI „Crisis“
20 The Stone Roses „Beautiful Thing“
21 Death in Vegas feat. Sasha Grey „Consequences of Love“
22 Junior Boys „C’mon Baby“
23 Jain „Makeba“
24 Cassius feat. Mike D & Cat Power „Action“
25 Justice „Alakazam!“
26 Kanye West „Fade“
27 Warpaint „New Song“
28 Zack de la Rocha feat. El-P „Digging for Windows“
29 Aphex Twin „CHEETAHT2 (Ld Spectrum)“
30 Metronomy „Old Skool“
31 Cassius „Hey you!“
32 Michael Kiwanuka „Cold little Heart“
33 Blood Orange „Best of you“
34 Regina Spektor „Small Bill$“
35 Yeasayer „I am Chemistry“
36 Glass Animals „Life itself“
37 OneRepublic „Kids“
38 Tiga „No Fantasy required“
39 Prince Rama „Your Life in the End“
40 Baio „Sister of Pearl“
41 Bon Iver „10 (Death Breast)“
42 Banks & Steelz feat. Florence Welch „Wild Season“
43 Voodoo Jürgens „Gitti“
44 DJ Shadow feat. Run the Jewels „Nobody speak“
45 M83 „Do it, try it“
46 Radiohead „Burn the Witch“
47 Beth Orton „Moon“
48 Michael Kiwanuka „Rule the World“
49 Childish Gambino „Me and your Mama“
50 Radiohead „The Numbers“
51 Voodoo Jürgens „Tulln“
52 Gordi „So here we are“
53 Miike Snow „The Heart of me“
54 Roosevelt „Fever“
55 ANOHNI „Marrow“
56 Todd Terje & The Olsens „Disco Circus“ (Öyvind Morken Remix)
57 Wild Beasts „Ponytail“
58 Beaty Heart „Flora“
59 Beyoncé feat. Jack White „Don’t hurt yourself“
60 Nick Cave & the bad Seeds „Jesus alone“
61 Massive Attack feat. Tricky „Take it there“
62 Preoccupations „Anxiety“
63 M83 „Go!“
64 Hamilton Leithauser + Rostam „A 1000 Times“
65 Christine and the Queens „Tilted“
66 Todd Terje & The Olsens „Baby do you wanna bump“ (Daniel Maloso Remix)
67 Gaussian Curve „The longest Road“
68 Twin Peaks „Walk to the One you love“
69 Kishi Bashi „Can’t let go Juno“
70 David Bowie „Killing a little Time“
71 Chairlift „Moth to the Flame“
72 Beth Orton „Petals“
73 Glass Animals „Pork Soda“
74 Radiohead „Identikit“
75 Prince Rama „Believe in something fun“
76 Regina Spektor „Bleeding Heart“
77 David Bowie „I can’t give everything away“
78 Goat „Union of Mind and Soul“
79 Two Door Cinema Club „Bad Decisions“
80 Prince Rama „Would you die to be adored“
81 Wild Beasts „Big Cat“
82 Tiga „Blondes have more Fun“
83 Beyoncé „Hold up“
84 Beck „Wow“
85 Gaussian Curve „Impossible Island“
86 Bat for Lashes „Joe’s Dream“
87 A Tribe called Quest „We the People“
88 Tegan & Sara „Boyfriend“
89 De la Soul feat. Roc Marciano „Property of Spitkicker.com“
90 Daughter „Doing the right Thing“
91 Solange „Cranes in the Sky“
92 Animal Collective „Lying in the Grass“
93 The Burning Hell „The Stranger“
94 Holy Fuck „Neon Dad“
95 Holy Esque „Silences“
96 Fuga Ronto „L’uomo invisibile“
97 Bicep „Just“
98 Nicolas Jaar „Three Sides of Nazareth“
99 Polica „Lose you“
100 DIIV „Under the Sun“

Die spätesten Jahrescharts der Welt – jetzt erst recht!

VON MICHAEL DOMANIG

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wenn das stimmt, ist dem HIT-The-Bassline-Blog die einschlägige Höchststrafe sicher. Denn musikalische Jahresbestenlisten mit größerer Verspätung als die unseren wird man nirgends finden – selbst wenn Jahrescharts-Debütant Johannes die seinen schon am 2. Juni (und damit für die Verhältnisse dieses Blogs in geradezu atemberaubendem Tempo) vorgelegt hat.

Warum man sich unsere persönlichen Top 100 und die dazugehörigen Spotify-Playlists (siehe unten) trotzdem zu Gemüte führen sollte? Weil 2016 ein ausgesprochen spannendes und facettenreiches Musikjahr war, das an den meisten Hörern ohnehin viel zu schnell vorbeigerauscht ist. Und weil gute Musik ja nicht gleich an Qualität verliert, nur weil ein paar Monate vergangen sind.

Soviel zu den alljährlichen Ausreden. Und nun zu ein paar Beobachtungen, was meine persönliche Lieblingsmusik 2016 betrifft:

Zuallererst sticht ins Ohr, dass ein Großteil der – meiner Ansicht nach – besten und relevantesten Songs auch 2016 von Musikerinnen stammten, seien es nun Solokünstlerinnen oder Bands bzw. Projekte, in denen Frauen den Ton angeben. PJ Harvey, Agnes Obel, Prince Rama: Sie würden bei mir auch die Albencharts anführen. Neue, (mir) bisher noch unbekannte Stimmen (OY, Deep Throat Choir, Goat, Tuff Love, Tacocat) wussten ebenso zu überzeugen wie erfahrene Sängerinnen (Lucinda Williams, Marianne Dissard). Und geniale, gewitzte Songschreiberinnen à la Courtney Barnett oder Regina Spektor können scheinbar ohnehin nichts falsch machen.

In Summe stammen mehr als die Hälfte meiner Top 20 von Musikerinnen oder female fronted bands. Und Namen wie Sophia Kennedy deuten schon jetzt drauf hin, dass dies auch in den Jahrescharts 2017 wieder der Fall sein könnte.

Was weiters auffällt: Diverse Nummern, die sanft an der Kitschgrenze entlangschrammen (case.lang.veirs, Bat for Lashes, Cullen Omori …), hatten bei mir diesmal ziemlich gute Chancen. Hat das mit der Weltlage zu tun? Mit der persönlichen psychologischen Großwetterlage? Ist die Suche nach einlullenden, melancholischen Melodien letztlich eine Form von Weltflucht?

Zumindest letztere Frage würde ich mit einem klaren Ja beantworten. Der sogenannte Eskapismus ist meine Meinung nach generell eines vom Wichtigsten und Wertvollsten, was Musik erreichen kann. Das hat nichts mit Realitätsverweigerung oder Nichts-ändern-wollen zu tun – aber gute Musik zeichnet sich eben vor allem dadurch aus, dass man darüber die Zeit (und die Außenwelt) vergisst. Und das ist oft verdammt viel wert.

Apropos Zeit: „Catherine The Great“ von The Divine Comedy, meine – bei den Bloglesern sicher nicht unumstrittene – Nummer eins, könnte mit ihrer klassischen Eleganz und ihren nostalgisch-schwelgerischen Harmonien gut und gerne auch in den 50er Jahren oder gar in der Prä-Rock-n-Roll-Ära entstanden sein (wäre da nicht der saukomische, skurril-postmoderne Text). Klar, das klingt natürlich alles andere als progressiv oder avantgardistisch. Aber: Kein anderes Lied hatte ich in den letzten Monaten so oft im Ohr, im Hirn und auf den Lippen wie diesen perfekten kleinen Popsong – und das zählt für mich am meisten.

Als eine etwas anders gelagerte Ausdrucksform des Eskapismus könnte man übrigens auch eine ganze Reihe von ausufernd-hypnotischen, sanft narkotischen bis unheilvoll dröhnenden Nummern nennen, die sich in den Jahrescharts ebenfalls wiederfinden (Mamiffer, Esben & The Witch, The Swans, King Gizzard, Black Mountain, Goat).

Ganz und gar nicht eskapistisch, sondern meist sehr direkt und oftmals explizit politisch kam 2016 der (US-)Hip-Hop daher, der auch in der Liste des Blog-Kollegen Johannes auffällig stark vertreten ist. Rap als soziopolitisches Sprachrohr erlebt in brisanten Zeiten wie diesen offenbar eine starke Renaissance. Musikalisch klangen dabei nicht nur die erfahrenen, experimentierfreudigen Alternative-Hip-Hopper (A Tribe Called Quest, De La Soul, Aesop Rock …) erfreulich frisch, sondern zum Teil auch der kommerzielle Mainstream-Rap (Macklemore & Ryan Lewis, Rae Sremmurd etc.).

Apropos Texte: Generell gilt zwar It’s the music, stupid!, textliche Inhalte sind im Grunde zweitrangig. Aber 2016 war auf jeden Fall ein Jahr der besonders starken Botschaften, der äußerst gewitzten bis pointierten Texte, zumindest aber der bemerkenswerten Zeilen, die im Kopf bleiben. Also habe ich in der untenstehenden Top-100-Liste bei einem Großteil der Songs markante, zitierfähige oder poetische Textzeilen angegeben (soweit mir diese zugänglich bzw. verständlich waren, Patzer oder Hörfehler nicht ausgeschlossen).

Abschließend, bevor es dann endlich ans Eingemachte geht, noch ein paar Worte zur seltsamen Aufgabe des Listenerstellens, des Songs-nach-ihrer-Güte-Reihens. Ich habe mich darüber kürzlich mit Bloggründer Dave unterhalten, der mit unverhohlener Skepsis in etwa Folgendes fragte: „Kannst du wirklich sagen, dass Platz 20 besser ist als Platz 25 – oder Platz 80? Ist das nicht total willkürlich??“

Ich wies diese ketzerischen Zweifel natürlich kategorisch zurück. Inzwischen bin ich mir aber nicht mehr ganz so sicher: Denn verglichen mit den vergangenen Jahren ist es mir diesmal wirklich deutlich schwerer gefallen, die Lieder zu reihen – sogar die Top 10. Die Plätze 2 bis 6 könnten im Grunde auch in jeder beliebigen anderen Reihenfolge angeordnet sein, auch die Nummern zwischen ca. Platz 10 und ca. Platz 30 gefallen mir diesmal alle in etwa gleich gut.

Und was können wir daraus schließen (abgesehen von einer besorgniserregenden Entscheidungsschwäche meinerseits)? Hat es zuletzt wenig Herausragendes gegeben? Oder eher doch sehr viel Gutes? Die Antwort auf diese Frage hängt vom Grad des eigenen Kulturpessimismus ab – die folgende Liste sollte aber doch sehr viele klangvolle Entscheidungshilfen bereithalten:

TOP 100 SONGS 2016 – MICHAEL DOMANIG:

1. The Divine Comedy – Catherine The Great
With her military might / She could defeat anyone that she liked / And she looked so bloody good on a horse / They couldn’t wait / For her to invade / Catherine The Great

2. Of Montreal – Let‘s Relate
Amalgam, I think that you’re great / Let’s relate!

3. OY – Space Diaspora
We’re paralleled into universe / Residents of new times

4. Agnes Obel – Familiar
Our love is a ghost that the others can’t see

5. PJ Harvey – Near The Memorials To Vietnam And Lincoln
At the refreshments stand / A boy throws out his hands / As if to feed the starlings / But really he throws nothing / It’s just to watch them jump

6. Deep Throat Choir – Be OK
Wasn’t even listening / but now your voice is all that I can hear / Wanna be surrounded by the noises and the beats that keep you near

7. Sleaford Mods – I Can Tell
I just hope, I just hope everything / Gets pulled apart and pushed

8. A Tribe Called Quest – We The People
All you black folks, you must go / All you Mexicans, you must go / And all you poor folks, you must go / Muslims and gays, boy, we hate your ways

9. Voodoo Jürgens – Heite grob ma Tote aus
Heite samma stoiz auf uns / Wir finden sicha no an Grund / Waun kana klatscht, gebn wir Applaus/ Weil heite grob ma Tote aus

10. Prince Rama – Fake Til You Feel
You are calm, you are cool / 100 percent collected / Fake, fake til you feel

11. Lucinda Williams – Ghosts Of Highway 20
Run down motels and faded billboards / Used cars for sale and rusty junkyards / This two lane blacktop will never let me / Let go of the ghosts along highway twenty

12. Marianne Dissard – In The Aeroplane Over The Sea
And one day we will die / And our ashes will fly / From the aeroplane over the sea / But for now we are young / Let us lay in the sun / And count every beautiful thing we can see

13. Case/lang/veirs – Delirium
The smell upon your skin is fireworks

14. Goat – Goatfuzz
Now words are nothing

15. Teleman – Düsseldorf
Don’t you want to know why I left you there / All alone on the carousel spinning away?

16. PJ Harvey – The Orange Monkey
When I returned I ran to meet / The monkey, but his face had changed / He stood before me on two feet / The track was now a motorway

17. Tacocat – FDP
So tired, so spent / Functioning at ten percent / What ever you need / Have to ask me next week

18. Tuff Love – Duke
Our sad ambitions always tinged with fear

19. Beyond The Wizard’s Sleeve – Door To Tomorrow
She opens the door to tomorrow / Through scented fields I did follow

20. Black Mountain – Florian Saucer Attack
Florian saucer attack, it’s over / Zero one data, one two, one two / Calculated dreams, graphs and numbers / Zero one data, one two, one two

21. Agnes Obel – Trojan Horses
These bare bones are made of glass / See through to the marrow as they pass

22. Parquet Courts – Human Performance
I know exactly where I was when I / First saw you the way I see you now

23. Courtney Barnett – Three Packs A Day
That MSG tastes good to me / I disagree with all your warnings / It can’t be true that they use glue / To keep the noodles stuck together

24. Prince Rama – Fantasy
Crimson waters / Calls from another land

25. Der Nino aus Wien – Praterlied
Bis öfe kaufst beim Nah & Frisch / An Leberkas und Dosenfisch / Dazua vielleicht a Gösserbier / Dann redn di die Madln an / Du sagst naa und gehst wieder ham / Zhaus spüst a bissl FIFA und valiast

26. Stick in the Wheel – Bows Of London
And he made a fiddle out of her breastbone / Hey hey the grinding / Sound would pierce the heart of a stone / By the bonny bonny bows of London

27. Billy Bragg & Joe Henry – The L & N Don’t Stop Here Anymore
I was born and raised in the mouth of the Hazard Hollow / With the coal cars rollin‘ and rumblin‘ past my door / Now they’re standing in a rusty row of empties / Cause the L & N don’t stop here anymore

28. Aesop Rock – Kirby
Cold met a cat lady in a parking lot / She got the heroes of tomorrow in a cardboard box /
And probably hoarding 40 more in the corners of Fort Knox

29. The Burning Hell – Men Without Hats
And so I discovered another world of music / Where the kids are alright just like The Who said / You count to four and then play the one or two chords you sort of know / Where ‚Hey ho, let’s go‘ is a legitimate chorus / And you can search the stacks and thumb the thesaurus / But there’s no synonym for rock & roll

30. Vague – Vacation
We need to float, when we’re in time

31. Mamiffer – Flower Of The Field II
It’s time I let you go to nowhere

32. The Burning Hell – Fuck The Government, I Love You
‚Pass the wine, fuck the government, I love you‘ / Three statements overheard at once in a crowded room / But I could not be sure which one had come from you / So I passed you the wine and said: ‚Yes, fuck the governmen, I love you too‘

33. Angel Olsen – Shut Up Kiss Me
A love so real that it can be ignored / It’s all over baby blue / I’m still yours / I’m still yours

34. A Tribe Called Quest – Solid Wall Of Sound
Like marauders on a mission / When we killin‘ dancehalls

35. Jackie Lynn – Chicken Picken
Up north, downtown / The only real deal is in the soulside / Come on and take a ride

36. Fritz Helder – Force Of Nature
Nikkei, Nasdaq, Hang Seng, Dow Jones / Watching all the money pile up compounds

37. Lucy Dacus – I Don’t Wanna Be Funny Anymore
Is there room in the band? / I don’t need to be the front man / If not, then I’ll be the biggest fan

38. Cass McCombs – Run Sister Run
My sister’s a Queen, she ain’t no concubine / Don’t call my sister no concubine, she is the Mother of Creation / Who are you? / Who are you to call her a concubine?

39. Jim James – Same Old Lie
But nothing is more difficult than changing what’s been comfortable

40. On Dead Waves – California
There’s no wave, there’s no wave, there’s no wave in the world / That will keep crushing my body like you do, girl

41. Mamiffer – Mara
?

42. Macklemore & Ryan Lewis – Buckshot (feat. KRS-One & DJ Premier)
Just copped that new Boot Camp tape / The neighbors keep complaining ‘bout too much bass / Bang, bang, let me do my thing / Give me two cans and you gon’ know my name!

43. Regina Spektor – Small Bill$
He had spent it all on chips and Coca-Cola / He had spent it all on chocolate and vanilla / He had spent it all and didn’t even feel it

44. John Carpenter – Angel’s Asylum

45. Xiu Xiu – Falling
Don’t let yourself be hurt this time

46. Swans – The Glowing Man
Joseph is standing behind my back / Joseph is digging his hands in my chest / Joseph is drinking the light in my lung / Joseph is moving his tongue in my neck / Joseph is riding a vein in my head / Joseph is cutting my arm on his bed / Joseph is making my body fly / Joseph is me and you are a liar!

47. Stick In The Wheel – Seven Gypsies
What care I for me goosefeather bed / With the sheet turned down so bravely-O? / For tonight I will sleep in the cold barren shed /All along with seven of the gypsies-O

48. Rykarda Parasol – Valborg’s Eve
Arise! Dab sleep from your eyes / Make way for strange times / Advance to the sky!

49. Preoccupations – Degraded
Degrade into / A fraction of yourself

50. Fuzzman & The Singin‘ Rebels feat. MGV Obermillstatt – Für eine Handvoll Gras
Geh doch nach Denver, rauch dich ein, wirst seh’n, das tut dir gut / Für eine Handvoll Gras, ein bisschen Peace & Love

51. Kevin Morby – I Have Been To The Mountain
I have been to the mountain / And I have walked on his shore / I have seen / But I can’t see him no more

52. The Divine Comedy – The Pact
This is our pact / This is the treaty that we’ve signed / What one may lack / The other party will provide / And everyone must know / You mess with one, you mess with both / And together we’ll beat the bastards back / This is our pact

53. Esben And The Witch – Sylvan
Come with me / To the place / Where the walls are weak / Come with me!

54. Julianna Barwick – Same
?

55. Agnes Obel – Golden Green
It’s coming at, it’s coming at, it’s coming at my heart / To spoil my soul with fire

56. Gurr – Walnuss
Schau mal weg, ich zieh‘ mich aus / Bevor du’s weißt, hab ich mich ausgetauscht / Wir nehmen teil an der Belanglosigkeit

57. Bankz & Steelz – Wild Season (feat. Florence Welch)
I stay alone, skipped a stone / From the known to the unknown/ Feeding fires, spinning tires, getting even

58. PJ Harvey – The Ministry of Defence
Broken glass / A white jawbone / Syringes, razors / A plastic spoon / Human hair / A kitchen knife / And a ghost of a girl / Who runs and hides / Scratched in the wall in / Biro pen / This is how / The world will end

59. Valina – 500 Million Hooligans
500 million hooligans / In front of my own door / 500 million citizens / What are they looking for?

60. A Tribe Called Quest – Whateva Will Be
Are you amused by our struggles? / The English that’s broken? / The weed that I’m smokin‘? / The guns that I’m totin‘? / The drugs that I’m sellin‘? / No need for improvement / Fuck you and who you think I should be / Forward movement

61. King Gizzard & The Lizard Wizard – People-Vultures
People-vultures / God approaches / Final hearing / What else have I got left to spew down?

62. Die Heiterkeit – Pop & Tod
Der gleiche Ort, die gleiche Stelle / Der gleiche Platz, die gleiche Schwelle / Es ist ein anderes Lied

63. Wilco – If I Ever Was A Child
And I cry like a window pane

64. Leonard Cohen – You Want It Darker
Hineni, hineni / I’m ready, my Lord

65. David Bowie – Girl Loves Me
Where the fuck did Monday go?

66. PJ Harvey – The Community of Hope
And here’s the one sit-down restaurant / In Ward Seven, nice / OK, now this is just drug town, just zombies / But that’s just life / In the Community of Hope

67. Greenleaf – A Million Fireflies
And I just fall in line / Under a million fireflies

68. Barns Courtney – Glitter & Gold
Do you walk in the meadow of spring? / Do you talk to the animals? / Do you hold their lives from a string? / Do you ponder the manner of things / In the dark?

69. Xixa – Shift And Shadow
To the left are all the things that glow / Blood and fame in the night

70. On Dead Waves – Blue Inside
Well, I believe that you roam free /So why do you keep on haunting me?

71. Andrea Schroeder – Kingdom
This is our kingdom / A kingdom without crowns / This is our kingdom / We’re the phantoms of our towns

72. Rae Sremmurd – Black Beatles (feat. Gucci Mane)
Smoke in the air, binge drinking / They lose it when the DJ drops the needle

73. Xiu Xiu – Laura Palmer’s Theme

74. Yukno – Zu meinen Göttern
Herzlich willkommen, komm schenk dir ein / Wir trinken gegen ‘s Alleinesein

75. Radical Face – Everything Costs
Face pressed into your hands / Couldn’t tell if you were crying or laughing / They both sound the same

76. The Handsome Family – Gold
The Stop ’n‘ Go’s closed / The coyotes they moan / And the wind’s rolling beer cans down the street / But the sun’s sinking down, spilling gold on the ground

77. The Coral – Connector
We come together, then we come apart

78. Wovenhand – The Hired Hand
He command the grave and sea / Give up your dead, oh, give up your dead

79. Beyond The Wizard’s Sleeve – Delicious Light

80. Violent Femmes – I Could Be Anything
I’ll fight the fearful dragon / I’ll kill him with my sword / I always fight big dragons / Especially when I’m bored

81. PJ Harvey – Chain Of Keys
Imagine what / Imagine what her eyes have seen / We ask but she / We ask but she won’t let us in

82. The Goon Sax – Boyfriend
And if I had a boyfriend / I’d tell him I care / And if I had a boyfriend / Well I’d cut his hair

83. Matthew E. White – Cool Out (feat. Natalie Prass)
If you were here now, I wouldn’t mind / That would be okay, baby, that would be fine

84. De La Soul – Memory of … (US) (feat. Estelle & Pete Rock)
Cause it’s so easy to fall / Back to the memory of / And it’s easy to recall the good and fall into place / But you’re not easy to love / I love the memory of …

85. Calypso Rose – Abatina
(They) said she she wanted to marry above her / All she want was someone to love her

86. Future Of The Left – Back When I Was Brilliant
I can verify that your purchase is important to us / Our company and our values / Policy is not a comment / But in your case I will make an exception

87. Justice – Stop
So many nights / So many memories

88. Boys Forever – Voice In My Head
Everything’s easy when you’re sleeping

89. Swans – Finally, Peace
Your glorious mind (Your glory is mine)

90. The Chemical Brothers – Wide Open (feat. Beck)
I’m wide open / But don’t I please you anymore? / You’re slipping away from me / You’re drifting away from me

91. Ryley Walker – The Roundabout
And you cry like you’ve never seen water / Come to think of it / I think my dad wanted a daughter

92. Cullen Omori – Synthetic Romance
Well hey hey hey, you know / Love like a sinking stone

93. Ty Segall – Candy Sam
Pick me up / I am done / Candy’s gone / No more fun

94. Sampha – Blood On Me
I swear they smell the blood on me / I hear them coming for me

95. Michael Kiwanuka – Black Man In A White World
I’m in love but I’m still sad / I’ve found peace but I’m not glad / All my nights and all my days / I’ve been trying the wrong way

96. Bat For Lashes – Sunday Love
She’s in my bedroom / Now I can’t fight

97. Franz Fuexe – Kaunst da denga
Es waaß a jeds Kind und a jeda oide Mau / Wann de Fuexe aufspün, ham aa de Nochborn wos davau

98. Car Seat Headrest – Fill In The Blank
If I were split in two I would just take my fists / So I could beat up the rest of me

99. Granada – Palmen am Balkon
I brauch ka Jesolo / Und ka Lig-nano / I brauch kan Strand / Denn i bin eh am Sand

100. Iggy Pop – Paraguay
Wild animals they do / Never wonder why / Just do what they goddamn do

Die spätesten Jahrescharts des Universums Teil 2(017) – Die Rückkehr

Wahnsinn ist es definitiv. Ob es dennoch Methode hat und ob sich Shakespeare beim Schreiben von Hamlet solch ein Spätzündertum wie das unsere ausmalen konnte, sei dahingestellt. Zu dieser Extraportion Langsamkeit und Prokrastination passt Faulheit wie die Faust aufs Auge, deshalb übernehme ich direkt die Kernaussage vom Vorjahr: Während seriöse Musikjournalisten allerorten schon an ihren Halbjahresbestenlisten 2017 feilen (wir schreiben seit zwei Tagen schließlich schon Juni!), kommt der Spätzünder-Blog HIT The Bassline JETZT mit den Top-100 für 2016 ums Eck …

An legitime Ausreden glaubt hier schon lange keiner mehr, stattdessen also lieber ein paar Worte zur Musikauswahl, die das längst vergangene Jahr so hergab. Ein Musikjahr, dessen Geschichten und Geschehnisse gefühlt so stark von Verlust geprägt waren wie kaum ein Jahr zuvor. Kaum ein Monat ohne Schläge in die Magengrube in Form von Todesfällen namhafter bis legendärer Akteure des globalen Musikgeschehens, und nicht bloß bei Bowie und Cohen passierte es nur kurze Zeit nach Erscheinen neuen Materials des Künstlers. Ein Umstand, der viele Neuerscheinungen – und auch solche, die sonst vielleicht nicht ganz so viel Beachtung gefunden hätten – in ein völlig eigenes Licht tauchte. Und damit auch ein Umstand, den man unmöglich ausblenden kann, wenn man sich der ohnehin irgendwo seltsamen Aufgabe annimmt, Musik in eine Rangliste zu stopfen.
Für mich persönlich war es ein Jahr voller Gegensätze. Während der Entdeckergeist nicht nachließ und wie jedes Jahr ein paar Schritte mehr in Richtung abstrakter, experimenteller Musik gewagt wurden, habe ich gleichzeitig auch mehr gefälligere, poppigere Sachen gehört als sonst. Ersteres ist in den Charts hier nicht wirklich ersichtlich, da diese Musikrichtungen meist eher nicht auf Songbasis funktionieren, letzteres hat hier aber definitiv Spuren hinterlassen.

In dem Sinne war es für mich auch sehr interessant, zum ersten Mal eine Topliste aus Songs zu erstellen. Ich klaube schon jahrelang meine Favoriten des vergangenen Jahres zusammen, aber eigentlich immer als Albumcharts. Die Herangehensweise beim Zusammenstellen der Lieblingssongs war überraschend anders. Man wird sich erst bewusst, welche Alben echte „Album-Alben“ sind, deren Songs sich erst im Kontext entfalten und für sich alleine nicht viel Aussagekraft besitzen. Deshalb ist von einigen meiner Lieblingsalben kein Stück in der Liste vertreten. Umgekehrt finden sich dort aber auch Lieder aus Alben wieder, die es niemals in meine eigentlichen Bestenlisten schaffen würden.

Weiterlesen

Die spätesten Jahrescharts des Universums

von Michael Domanig

„Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“. So könnte man, frei nach Hamlet, die (Un-)Art und Weise beschreiben, wie hier am Blog – und das schon fast traditionsgemäß – mit der Veröffentlichung der hauseigenen Jahrescharts verfahren wird: Während seriöse Musikjournalisten allerorten schon an ihren Halbjahresbestenlisten 2016 feilen (wir schreiben in zwei Tagen schließlich schon den 30. Juni!), kommt der Spätzünder-Blog HIT The Bassline JETZT mit den Top-100 für 2015 ums Eck …

An Ausreden für diese groteske Verspätung mangelt es, das hat ebenfalls schon Tradition, auch diesmal nicht: Ich selbst kann ins Treffen führen, dass ich in den letzten eineinhalb Jahren berufsbedingt so wenig Musik gehört (und so wenige Konzerte besucht) habe wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Und Musikhören unter Zeitdruck ist ungefähr so schön, lohnend und gesund wie Essen im Gehen oder Fernsehen im Büro. Also hat sich die Sache in die Länge gezogen wie ein Kaugummi.

Das knappe Zeitbudget hat sich auf die Jahrescharts also definitiv ausgewirkt – aber vielleicht nicht ausschließlich negativ: Denn während in manchen Jahren am Ende 300 oder 400 Songs in der engeren Auswahl standen, waren diesmal bald nicht viel mehr als die geforderten hundert Nummern übrig. Die allerdings haben den Sprung in die Charts allemal verdient: Schließlich ist es ihnen gelungen, mich kraft ihrer zwingenden Melodien und/oder fesselnden Atmosphäre schon nach ein paar Hörversuchen zu überzeugen. Allzu ausufernde, fordernde Experimental-/Avantgarde-/Noise-/Elektro-Klänge, in die man sich erst „reinhören“ muss, hatten diesmal dagegen eher schlechte Karten …

Zugleich habe ich mich diesmal der raffinierten – nach meinem Blog-Kollegen benannten – Stefan-Pletzer-Schummelmethode® bedient und in die Jahrescharts 2015 auch ein paar Songs eingeschmuggelt, die streng genommen schon 2014 erschienen, mir aber erst 2015 unter die Ohren gekommen sind (Trail of Dead, First Aid Kit). Der gnädige Jahreschartsgott möge es mir verzeihen!

Doch nun, um die Spannung nicht ins Unerträgliche zu steigern (Achtung, feine Ironie, nach einem halben Jahr), darf ich sie endlich präsentieren, die einmalig-einzig-echten …

Jahrescharts 2015:

1. Django Django – First Light
2. Courtney Barnett – Nobody Really Cares If You Don’t Go to the Party
3. Django Django – Vibrations
4. Wanda – Meine beiden Schwestern
5. Kurt Vile – Pretty Pimpin
6. Seasick Steve – Summertime Boy
7. Blur – Pyongyang
8. Courtney Barnett – Elevator Operator
9. Ezra Furman – Restless Year
10. ILoveMakonnen ft. Migos – Whip It (Remix)
11. Anohni – 4 Degrees
12. Die Buben im Pelz – Venus im Pelz
13. Sleater-Kinney – A New Wave
14. Ghost – Cirice
15. On Dead Waves – Blackbird
16. John Grant ft. Tracey Thorn – Disappointing
17. Faith No More – Matador
18. Django Django – High Moon
19. Courtney Barnett – Debbie Downer
20. My Morning Jacket – In Its Infancy (The Waterfall)
21. Best Coast – Heaven Sent
22. Courtney Barnett – Pedestrian At Best
23. U.S. Girls – Sororal Feelings
24. Deichkind – Like mich am Arsch
25. Dan Mangan & Blacksmith – Vessel
26. David Bowie – Blackstar
27. Lower Dens – To Die in L.A.
28. Panda Bear – Tropic Of Cancer
29. Django Django – Reflections
30. … And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Outsider
31. Blur – New World Towers
32. Car Seat Headrest – Something Soon
33. Jeanne Added – A War Is Coming
34. Ghost – Majesty
35. FFS – Johnny Delusional
36. Ezra Furman – Lousy Connection
37. Sufjan Stevens – Fourth of July
38. Tame Impala – Let It Happen
39. Faith No More – Sunny Side Up
40. PINS – Molly
41. A-WA – Habib Galbi
42. Monk Parker – Sadly Yes
43. Action Bronson – Easy Rider
44. … And You Will Know Us By The Trail Of Dead – A Million Random Digits
45. … And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Lie Without a Liar
46. First Aid Kit – My Silver Lining
47. Django Django – Shot Down
48. José Gonzalez – Leaf Off / The Cave
49. Peaches – Light in Places
50. Catastrophe & Cure – The Shore
51. Die Buben im Pelz – Tiaf wia a Spiagl
52. Oscar – Stay
53. Kolinsky Konspiracy – Spell
54. Fat White Family – Whitest Boy on the Beach
55. Death Cab For Cutie – Black Sun
56. Karin Park – Look What You’ve Done
57. Ra Ra Riot ft. Rostam Batmanglij – Water
58. Fijuka – Ca Ca Caravan
59. Rainer von Vielen – Wir kümmern uns
60. Ghostpoet – Off Peak Dreams
61. Courtney Barnett – Aqua Profunda!
62. Bob Moses – Tearing Me Up (Radio Edit)
63. M.I.A. – Borders
64. Chastity Belt – Time to Go Home
65. Calexico – Tapping On The Line
66. Sufjan Stevens – Should Have Known Better
67. Low – No Comprende
68. Beach House – Space Song
69. The Wharves – NAZ
70. Worried Man & Worried Boy – Grezn
71. Sleater-Kinney – No Anthems
72. The Staves – Black & White
73. Mischkultur – Fliagn
74. Deichkind – Denken Sie groß
75. Jamie XX ft. Romy – Loud Places
76. The Bohicas – Red Raw
77. Belle & Sebastian – The Party Line
78. Eagles Of Death Metal – Silverlake (K.S.O.F.M.)
79. Joanna Newsom – Leaving the City
80. Will Butler – Anna
81. Clara Luzia – Cosmic Bruise
82. My Morning Jacket – Like A River
83. Wanda – Mona Lisa der Lobau
84 Everything Everything – No Reptiles
85. Hidden Charms – Dreaming of Another Girl
86. Modest Mouse – Lampshades on Fire
87. Robyn Hitchcock & Emma Swift – Follow Your Money
88. Luke Lambheart – Two By Two
89. Robert Forster – Let Me Imagine You
90. Faith No More – Separation Anxiety
91. Matthew E. White – Rock & Roll Is Cold
92. DJ Koze – XTC
93. Ibeyi – Ghosts
94. HeCTA – Sympathy For The Auto Industry
95. The Bohicas – Swarm
96. HVOB – Cool Melt
97. Algiers – Irony. Utility. Pretext.
98. Ratatat – Abrasive
99. The Grubby Mitts – The Mountain & I
100. Titus Andronicus – Dimed Out

Und hier gibt’s die Charts auf die Ohren:

PS: NICHT auf Spotify und damit auch nicht in obiger Playlist zu finden, sind lediglich:

– Trail of Dead mit „Outsider“ (dieses kongeniale Ramones-Cover war exklusiv auf einem „Musikexpress“-Sampler zu finden)

– Joanna Newsom mit „Leaving the City“ (die Göttin des seltsamen Folk hat Spotify als „cynical and musician-hating system“ gebrandmarkt: „(…) it’s set up in a way that they can just rob their artists, and most of their artists have no way to fight it“)

– Robyn Hitchcock & Emma Swift mit „Follow Your Money“ (das gibt’s dafür hier in einer großartigen Liveversion).

PPS: Welche Ausreden Blog-Genosse Stefan Pletzer, der seine Jahrescharts dem Vernehmen nach schon seit Mai oder so beisammen hat (Streber!), für seine Säumigkeit vorbringen wird, erfahren Sie in der nächsten Folge unseres Charts-Krimis. Also, bleiben Sie dran!!