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Am Tresen in der Telebar

Erster Quarantäne-Hörabend, 17. April 2020:

Die Quarantäne zwingt in allen Bereichen zu Experimenten – im Arbeitsleben (wenn man das Glück hat, noch ein solches zu haben), in Familie und Beziehung, beim Konsum und in der Freizeitgestaltung. Und auch unsere in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Hörabende machten aus dem Notstand eine Tugend und wagten sich gestern erstmals auf neues Terrain.

Wie ist gemeinsames Musikhören, bei dem man sich assoziativ von einem Song zum nächsten hangelt, ausführlich darüber quatscht und Bier trinkt, möglich, wenn jeder zuhause festsitzt? Ausgehen von dieser Frage entwickelte Kollege und Bloggründer Dave die Idee einer „Telebar“ –  und setzte diese auch gleich in die Tat um. Nach einigem Herumprobieren hatte er die technische Einrichtung und Mikrofonierung so hingekriegt, dass die Übertragung von Musik in anständiger Soundqualität per Skype möglich war (in meinem Fall zumindest dann, wenn ich während der Lieder das eigene Mikro stummschaltete – was eh besser ist, damit man nicht zu viel hineinplappert). Die Einrichtung eines privaten Streaming-Servers war in der kurzen Zeit übrigens nicht mehr möglich, soll für weitere Auflagen aber noch folgen – so waren wir vorerst auf kommerzielle Anbieter angewiesen.

Zu den technischen Details kann ich als Digital-Trottel leider keinerlei Auskunft geben. Umso gespannter war ich gestern Abend, ob und wie dieser neuartige Hörabend klappen würde. Fast auf die Minute genau fünf Stunden später, somit schon zu weit fortgeschrittener Stunde, stand fest: Experiment gelungen!

Auch wenn die Reisefreiheit noch auf unabsehbare Zeit eingeschränkt bleibt und viele Konzerthighlights in näherer Umgebung nicht zu den geplanten Terminen möglich sind (z. B. The Düsseldorf Düsterboys, Burial Hex oder das Heart of Noise-Festival in Innsbruck oder das erste Art of Solo-Festival in Kufstein; „doppelseufz“, um die Donald-Duck-Hefte zu zitieren) – eine musikalische Reise ist immer möglich. Die gestrige führte quer durch verdammt viele thematische Schwerpunkte und Genres: Soul und Blues, Punk und New Wave, Stoner-, Psychedelic und Garage Rock, Hip-Hop, Pop und Funk, Synthpop, AOR, Dream und Noise Pop, Country und Billig-Elektronik.

Die Telebar eröffnete auch endlich wieder die Möglichkeit, gemütlich ein paar Bierchen zu trinken, ohne sich für den unsozialen Alkoholkonsum in den eigenen vier Wänden vor sich selbst rechtfertigen (oder darüber Sorgen machen) zu müssen. Auch das Rauchverbot lässt sich in dieser Form der Bar ganz legal umgehen.

In diesem Sinne war es nur folgerichtig, dass zu Beginn des Abends der Schwerpunkt auf Musik lag, die sich textlich und musikalisch dem weiten Feld der legalen und weniger legalen Drogen widmet:
Den Auftakt machte der Klassiker „Rum & Coca Cola“ – sowohl in der Version der First Lady of Rockabilly, Wanda Jackson (produziert von Jack White), als auch im Original des trinidadischen Calypso-Sängers Lord Invader.

Ursprünglich handelte der Song übrigens – Hörabende bilden! – von der überhandnehmenden Prostitution auf Trinidad seit der Stationierung von amerikanischen GIs. Davon blieb in den „weißgewaschenen“ Versionen (z. B. auch jener der Andrew Sisters) freilich nichts übrig.
Auf Sambarock des Trio Mocoto aus Brasilien folgte das großartige Zigaretten-Duett von Princess Chelsea aus Neuseeland (das ich letztes Jahr bei einer Ausstellung zum Thema Rauchen entdeckt habe), gefolgt von der Wienerischen Version der Band Grant (die ich kurioserweise schon kannte, bevor ich vom Original wusste).

Weiter ging es mit dem kuriosen Novelty-Song „Smoke! Smoke! Smoke!“ (1947) von Tex Williams, der im Film „Thank You for Smoking“ an prominenter Stelle eingesetzt wird, mit Muddy Waters, der die Kombination von Champagner und Gras preist, und Drogen-Klassikern von Queens of the Stone Age und J.J. Cale. Atmosphärisch deckten die Songs eine ordentliche Bandbreite ab: denkbar betäubt und träge bei Dope Lemon aus Australien (stimmungsmäßig gefolgt von der formidablen Dusty Springfield), beschwingt bei Rosco Gordon, oder psychotisch bei den Horrorpunks von The Cramps.

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Verschlungene Stimmen, unerwartete Wendungen

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 34: OHMME – GHOST (2020)

So mühsam das krisenbedingte Daheimbleiben auch sein mag, es bietet – an entspannteren Tagen – zumindest die Chance auf Entdeckungen: sowohl in ansonsten sträflich vernachlässigten Winkeln, Kästen und Schubladen der eigenen Wohnung („Oha, Backerbsen aus dem vorigen Jahrhundert“) als auch auf musikalischem Feld.

Das Ziel, mit den spätesten Jahrescharts der Welt® heuer vielleicht doch einmal früher fertig zu werden, erweist sich zwar trotz Quarantäne als aussichtsloses Unterfangen (noch liegen ca. 13 A4-Seiten mit Songs aus dem Jahr 2019 vor mir, die ich mir zumindest einmal anhören möchte; zugegeben mit doppeltem Zeilenabstand). Aber das fast schon generalstabsmäßig geplante Musikhören führt doch immer wieder zu wunderbaren Entdeckungen – und sei es nur zufällig, sowie im Fall von OHMME.

Denn die Formation aus Chicago hatte ich auf keiner meiner Listen stehen, ihre wirklich noch brandneue Single „Ghost“ wurde mir ganz banal von YouTube vorgeschlagen (die Logarithmen funktionieren also, der Große Bruder hat meinen exquisiten Musikgeschmack erkannt ;-)). Aber oft (Achtung, Kalenderspruch!) sind die die Dinge, in die man irgendwie hineinstolpert, ohnehin die interessantesten. Jedenfalls war ich sofort, wie man neudeutsch so sagt, hooked und suchte nach weiteren Songs. Ein schlechter war nicht dabei.

OHMME sind im Kern ein Frauen-Duo, nämlich Sima Cunningham und Macie Stewart (ergänzt um Drummer Matt Carroll). Sie hießen früher – wohl gleich ausgesprochen – Homme, mussten den Namen aber offenbar ändern, übrigens nicht wegen Josh Homme of Queens-Of-The-Stone-Age-Fame, sondern wegen einer K-Pop-Formation gleichen Namens. Beide Künstlerinnen, die auch in diversen anderen Formationen ans Werk gehen, sind Multiinstrumentalistinnen, u. a. ausgebildete Pianistinnen. Bei OHMME steht – neben ausgeklügelten Vokalharmonien – aber die Gitarre mit ihren vielfältigen Klangfacetten im Fokus.

Experimentierfreude ist dabei oberstes Gebot – nicht umsonst sind die Musikerinnen Teil der Avantgarde-Jazz- und Improvisationsszene von Chicago. Doch diese Lust auf ungewöhnliche klangliche Wege koppeln OHMME mit gehörigem Pop-Appeal – und genau darin liegt ihre Stärke. Denn sie klingen nicht nur unerwartet, vielseitig und eigenständig, sondern auch eingängig.

„Ghost“ zeigt das souverän auf: Makelloser, majestätisch-optimistischer Harmoniegesang trifft da in kompakten dreieinhalb Minuten auf einen dreckig-treibenden Bass und jaulende, sanft dissonante Gitarrenfiguren. Man kann es nicht anders sagen: Ein Hit!

Etwas spröder, aber fast ebenso zwingend präsentiert sich das ebenfalls erst vor wenigen Wochen veröffentlichte „3 2 4 3“, das melancholisch und, vor allem in der zweiten Songhälfte, leicht sphärisch daherkommt.

Besonders eindrucksvoll geraten ist das bereits 2018 veröffentlichte, düstere „Grandmother“, das verhalten-folkig startet, nach einer Dreiviertelminute plötzlich auf einem feisten Blues-/Hardrock-Beat daherreitet, umgarnt von Gitarrenschlieren und harschen, kratzigen Feedbackschleifen, ehe sich wieder diese grandiosen, sakral anmutenden Vokalharmonien schmetterlingsgleich entfalten. Und die zentralen Zeilen „Grandmother (…) Who’s looking out for you?“ erfahren in der aktuellen Situation, in der alte und pflegedürftige Menschen schon seit Wochen ohne Besuch in Heimen ausharren, eine gespenstische neue Bedeutungsebene.

Es ist vor allem die Vielfalt an Klangfarben und Atmosphären, mit denen OHMME verblüffen: Mal klingen sie alternativrockig-rau wie PJ Harvey, mal kunstvoll-prätentiös wie Kate Bush (mit beiden werden sie immer wieder verglichen). Und dann plötzlich wieder ganz anders, etwa in „Icon“, das mich persönlich z. B. an tUnE-yArDs oder die Schwestern von CocoRosie denken lässt – an Künstlerinnen, die im Versuch, ihrem Genie möglichst viel Auslauf zu lassen, auch mal in Kauf nehmen, die Hörerschaft zu überfordern und zu nerven. Und das meine ich positiv!

Stimmlich erinnern OHMME bisweilen auch an eine aufgekratztere Eleanor Friedberger (Fiery Furnaces) und die Popkulturgeschichte haben sie natürlich sowieso intus (wie sie etwa mit dem B-52s-Cover „Give Me Back My Man“ beweisen). Aber sie bleiben dabei eben immer angenehm unberechenbar und auf elegante Weise widerspenstig.

„Water“ beispielsweise beginnt als straighter Alternative Rock, der auch Bands wie Sleater-Kinney gut zu Gesicht stehen würde, ehe OHMME mit avantgardistischen Vokalharmonien, die sich gegenseitig anstoßen wie Billardkugeln, wieder mal in eine ganze andere Richtung abbiegen.

Dass OHMME als wichtige Band der Independent-Szene von Chicago gelten, verwundert angesichts ihres überschießenden Talents nicht. Dass sie mit einflussreichen, dem Experiment ebenfalls nicht abgeneigten Chicagoer Bands wie den großen Wilco oder den Postrock-Säulenheiligen Tortoise gespielt haben, ebensowenig. Macie Stewart war früher aber auch Mitglied einer Hip-Hop-Formation („Kids These Days“), was die große musikalische Wandelbarkeit nur noch unterstreicht.

Das neue Album „Fantasize Your Ghost“ erscheint im Juni, ich werde es mir für die Jahrescharts 2020 (hüstel) auf jeden Fall fett markieren. Wie es mit der anschließend geplanten, ausgedehnten US-Tournee weitergeht (und wann es OHMME vielleicht sogar einmal nach Europa schaffen), ist derzeit – wie so vieles andere – leider nicht absehbar.

Weitere Anspieltipps (alle super!): 3 2 4 3, Wheel, Sentient Beings, Left Handed, At Night (Letzteres nur auf Spotify)

Kaffee, Küche, Kippen, Keller – Korona?

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 33: THE DÜSSELDORF DÜSTERBOYS – KAFFEE AUS DER KÜCHE (2019)

Pandemie, Quarantäne und Ausgangssperre: Darunter geht’s wohl nicht ab, damit sich hier am Blog mal wieder was bewegt und die altehrwürdige Kategorie des „Tracks der Woche“ (der letzte stammt, hüstel, aus dem Oktober 2019) eine so nicht mehr erwartete Rückkehr feiert. Dafür sogar eine dauerhafte? Man darf den Optimismus nicht verlieren!

Und nein, der aktuelle Track der Woche ist definitiv kein Corona-Track – schließlich stammt er schon aus dem Vorjahr. Und bietet textlich und musikalisch weder finstere Dystopien noch trotzige Durchhalteparolen oder leidenschaftliche Solidaritätsaufrufe. Trotzdem passt er irgendwie perfekt in die aktuelle Situation.

Ich hol den Kaffee aus der Küche / Ich hol die Kippen aus dem Schrank /
Ich hol den Wein aus dem Keller / Und hau den Nagel in die Wand.

Genau, das ist auch schon der komplette, so einfache wie vieldeutige Text (der in den Background-Vocals noch einmal in der dritten Person Einzahl gespiegelt wird). Wie er ursprünglich gemeint ist? Kein Ahnung. Vielleicht als Metapher für eine denkbar unglamouröse, prekäre Künstler-/Bohemien-Existenz? Für ärmlichen Hedonismus? Oder aber als Kritik an einer spießbürgerlich-biedermeierlichen „My home is my Castle“-Mentalität samt borniertem Heimwerkerdenken (so ähnlich wie in „Mach es nicht selbst“ von Tocotronic)?

Klar ist wie gesagt: Um Corona geht es hier. Und doch lassen die ultrareduzierten Lyrics und der emotionslose bis latent aggressive Vortrag genau die Bilder aufsteigen, die unseren aus den Fugen geratenen Alltag derzeit prägen: räumliche Beschränkung, Rückzug auf Routinen und die „einfachen Dinge“, sprich auf Konsum jeder Art, nicht zuletzt auch jenen von legalen Rauschmitteln. So dürfte es derzeit vielen ergehen – zumindest jenen, die so privilegiert sind, dass sie nicht täglich in Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen, Supermärkte oder öffentliche Verkehrsmittel eilen müssen, um unseren kollektiven Laden am Laufen zu halten. Von jenen, die ihren Job verloren haben oder zu verlieren drohen, wollen wir hier gar nicht reden.

Jedenfalls ist die Szenerie dieses Songs eng, klein, beschränkt, banal, denkbar weit weg von großen Themen und Gefühlen – und damit sehr passend für den Zustand einer Gesellschaft im Rückzugsmodus.

Musikalisch ist das Ganze hingegen ein verdammter (dabei stilistisch gar nicht so leicht zu schubladisierender) Ohrwurm, wie ihn in Deutschland derzeit kaum jemand besser hinbekommt als die Düsseldorf Düsterboys. Ok, höchstens noch International Music. Denn die Düsterboys Pedro Crescenti und Peter Rubel bilden auch zwei Drittel der letztgenannten Band, die 2018 mit „Die besten Jahre“ eines der, äh, besten Alben des Jahres abgeliefert haben.

Übrigens kommen die Finsterburschen gar nicht aus Düsseldorf, sondern aus Essen. Aber allein die Alliteration ist das Düsseldorf wert – und die musikgeschichtlichen Assoziationen, die im Namen mitschwingen, dürften wohl auch beabsichtigt sein. Schließlich ist Düsseldorf so etwas wie die heimliche Musikhauptstadt Deutschlands – von den Krautrockern Neu! und La Düsseldorf (sic!) über DAF (R.I.P.), Fehlfarben, Der Plan, KFC, Rheingold oder die, äh, Toten Hosen bis hin zur Antilopen Gang.

Im Mai hätten die Düsseldorf Düsterboys übrigens in der wunderbaren Jungen Talstation in Innsbruck auftreten sollen, ein Termin, den wohl nicht nur ich mir bereits dick und fett im Kalender angestrichen habe – und der unter den obwaltenden Umständen wohl kaum halten dürfte. Hoffentlich gilt hier wie bei so vielen anderen Dingen: aufgeschoben, nicht -gehoben.

Weitere Anspieltipps:
– Düsseldorf Düsterboys – Oh Mama, Messwein, Teneriffa, Meine Muse, Nenn mich Musik
– International Music – Für alles, Cool bleiben, Du Hund, Metallmädchen, Dein Daddy ist rich

Großer Weltraumbahnhof in der Talstation

Konzertbericht: KOSMODROM (GER), MOON WOMAN (AUT), Innsbruck, (Junge) Talstation, 18. Jänner 2020

Wie sagten schon die alten Japaner? Psychedelischer Rock ist ein Gericht, das man am besten live serviert.

Nachprüfen konnte man diese seit Jahrhunderten überlieferte Weisheit gestern Abend bei einem äußerst feinen Double-Feature an einem nicht minder feinen Veranstaltungsort, nämlich der ehemaligen Talstation der Innsbrucker Hungerburgbahn. Für mich war es der erste Konzertbesuch in dieser außergewöhnlichen Location, die in vielen reizvollen Details – von der „Kassa“-Aufschrift in historischer Typologie über dem nunmehrigen Ausschank bis zum Schriftzug „Aufgang zur Bahn“ am Eingang zum Konzertsaal – den Charme alter Zeiten atmet.

Ungleich jünger, nämlich offenbar in dieser Formation erst ein Säugling von ca. zwei Monaten, ist die Band, die den Abend eröffnete: Moon Woman nennt sich ein neues, in Innsbruck ansässiges Stoner-Rock-Trio, das in der von Beginn an prall gefüllten Talstation keine Spur von Nervosität zeigte, sondern einen ebenso erfrischenden wie sympathischen Auftritt hinlegte.

Der Wechsel zwischen eher langsamen, pochenden, düster-atmosphärischen Parts auf der einen und treibend-aggressiven Schlagzeug-Salven sowie, ähem, Powerriffs auf der anderen Seite sorgte für Spannung, dazu streute der Bassist hin und wieder eine wohldosierte Prise rhythmischen Sprechgesangs bei.

„Mia wissn söwa oft ned genau, wos ma do tan, owa es ist trotzdem geil“, meinte der Moon- Woman-Drummer irgendwann in jugendlichem Überschwang – und spielte damit auf den hohen Impro-Faktor im Gesamtsound an. Die Songs hätten noch nicht einmal Titel, ergänzte er später. Doch das Unfertige machte den Auftritt nur umso interessanter, vor allem weil Spiel- und Lebensfreude in jeder Sekunde mit Händen zu greifen (und natürlich zu hören) waren.

Von dieser Euphorie (und lässigem Understatement mit Ansagen wie: „Des worn etz zwoa Liada. Und etz spü ma no a por Liada“) ließ sich das Publikum dankbar mitreißen und feierte die junge Formation lautstark ab. Verdientermaßen!

Bei der Hauptband, dem Quartett Kosmodrom [= Weltraumbahnhof] aus Bayern, sprang der Funke erst allmählich, dafür aber umso nachhaltiger und heftiger über. Nicht nur in ihrem komplett anti-rockistischen Auftreten samt leise gemurmelter Ansagen zeigte sich die Band angenehm distanziert und unaufdringlich. Auch ihr rein instrumentaler Sound fällt nicht mit der Tür ins Haus, sondern setzt auf Spannungsaufbau, zurückgenommene Sequenzen und dann umso wirkungsvollere und wuchtigere Laut-Leise-Kontraste. Der Vergleich mit All Them Witches – einer Band, die Kosmodrom selbst als wichtige Inspiration nennen (neben Sungrazer oder The Entrance Band) – ist treffend: Denn wie bei den Amerikanern hat man auch bei Kosmodrom oft den Eindruck, am Fuße eines Vulkans zu stehen, der immer kurz vor der Eruption steht – aber nur manchmal ausbricht. Um dann umso eleganter zu fließen, oft in unerwartete Richtungen. 

Genau diese stetige Anspannung macht den psychedelischen Rock von Kosmodrom aus. Dazu kommt ein pulsierender Groove, der sich gewaschen hat und der Musik bisweilen eine Funkiness verleiht, die schwerfälligem Stoner Rock/Doom oft fehlt. Ja, allzu brachial klingt hier trotz vieler harter Passagen nichts, vielmehr herrscht eine Art Sanftes Gesetz, das für ein warmes und psychedelisch-einlullendes Klangbild sorgt. Nebel und süßer Rau(s)ch, den suggestive Visuals schön ergänzten.

(Anm.: Dank des stufenförmigen Aufbaus im Saal konnte sich daran auch wirklich jede(r) sattsehen. Warum baut man eigentlich nicht jede Konzertlocation so?)  

Und so flossen die Nummern fast unmerklich ineinander. In jeder der (seltenen) Pausen reagierte das Publikum euphorischer (bis hin zu Miniatur-Stagediving), am Ende gab es tosenden Applaus und laute Rufe nach Zugaben. Die Bayern, ihrerseits von Publikum und Location sichtlich begeistert, kamen dem natürlich gerne nach – hielten den Auftritt aber dennoch kompakt. Leaving the audience waiting for more – so geht das!

Fazit: Ein furioses Österreich-Debüt (!) für Kosmodrom. Und für mich persönlich ein erfreuliches Talstation-Debüt (den Auftritt der genialen österreichischen Band Vague im Vorjahr habe ich unverzeihlicherweise versäumt) – auch wenn ich garantiert unter den fünf bis zehn ältesten Menschen im Raum war und mir schön langsam Sorgen machen sollte. Dass ich den Hintergrund des „Paris Hilton @the Airport“-Schildes, das zwei vergnügte Zuschauer in die Luft hielten, nicht begreife, sollte angesichts dessen niemanden verwundern …

PS: Die Kosmodrom-Tonträger mit den wunderbar spacigen Titeln „Sonnenfracht“ und „Gravitationsnarkose“ kann man HIER anhören und kaufen. Do it!

PPS: Hier findet man wunderbare Konzertfotos von Benjamin Mader, die die Atmosphäre dieses tollen Abends (inklusive Auflegerei im Anschluss) stimmungsvoll einfangen.

HIT THE BASSLINE: BLOG-JAHRESCHARTS 2018

Spät (den Zusatz „aber doch“ sparen wir uns verschämt) liegen sie nun vor, die kumulierten Blog-Jahrescharts, ähem, 2018 von HIT The Bassline. Und siehe da: Zwischen den beiden Blogautoren Stefan Pletzer und Michael Domanig gab es diesmal im Vergleich mit den Vorjahren doch einige Überschneidungen, was die jeweiligen Top-100-Listen angeht.

Konkret waren es immerhin 11 (in Worten: elf) Tracks, die sich in beiden Jahresbestenlisten wiederfanden. Acht davon schafften es in die gemeinsamen Top 40 – und zwar alle in die Top-Ten-Ränge, was diesmal doch ein ziemlich aussagekräftiges Gesamtergebnis mit sich bringt. Und hier ist es auch schon!

Anmerkung: Die Wertungen von Stefan und Michael sind (in dieser Reihenfolge) jeweils nach der fettgedruckten Gesamtpunktezahl abzulesen.

JAHRESCHARTS 2018: DIE TOP 40 von HIT The Bassline:

1.) Amen Dunes – Miki Dora: 168 (87, 81)

2.) MGMT – One Thing Left to Try: 158 (94, 64)

3.) Soap & Skin – Italy: 153 (68, 85)

4.) Father John Misty – Mr. Tillman: 146 (69, 77)

5.) MGMT – TSLAMP: 135 (82, 53)

6.) Courtney Barnett – Nameless, Faceless: 129 (29, 100)

7.) Tunnelvisions – Guava: 113 (30, 83)

8.) Simian Mobile Disco feat. Deep Throat Choir – Defender: 111 (79, 32)

9.) Rudimental & Major Lazer feat. Anne-Marie & Mr Eazi – Let me live: 100 (100, -)

10.) Panda Bear – Shepard Tone: 99 (99, -)
      

10.) Grimes – We Appreciate Power: 99 (-, 99)

12.) Christine and the Queens – Goya! Soda!: 98: (98, -)
        Emily Haines & The Soft Skeleton – Legend of the Wild Horse: 98 (-, 98)
14.) Amen Dunes – L.A.: 97 (97, -)
       David Byrne – I Dance Like This: 97 (-, 97)
16.) Cosmo Sheldrake – Wriggle: 96: (96, -)
        Jonathan Bree – Sleepwalking: 96 (-, 96)
18.) Tunng – Abop: 95: (95, -)
        Soap & Skin – Palindrome: 95 (-, 95)
20.) Rico Nasty – Oreo: 94 (-, 94)
21.) The 1975 – Love It If We Made It“: 93 (93, -)
        Lüül – Schwarz war die See: 93 (-, 93)
23.) Thunder Jackson – Guilty Party: 92 (92, -)
        Low – Disarray: 92 (-, 92)
25.) Sia – My old Santa Claus: 91 (91, -)
        Ebony Bones feat. The Bones Youth Choir – Police and Thieves: 91 (-, 91)
27.) Interpol – The Rover: (90, -)
       Der Nino aus Wien – Unentschieden gegen Ried: 90 (-, 90)
29.) Panda Bear – Part of the Math: 89 (89, -)
       Gaye Su Akyol – İstikrarlı Hayal Hakikattir: 89 (-, 89)
31.) Cosmo Sheldrake – Hocking: 88 (88, -)
       Amanda Palmer & Jason Webley – House of Eternal Return: 88 (-, 88)
33.) Luluc – Spring: 87 (-, 87)
34.) The Blaze „Faces“: 86 (86, -)
        International Music – Für alles: 86 (-, 86)
36.) Maribou State „Beginner’s Luck“: 85 (85, -)
37.) Rhye „Phoenix“: 84 (84, -)
       Jonathan Bree – Say You Love Me Too (feat. Clara Viñals): 84 (-, 84)
39.) Robyn „Missing U“: 83 (83, -)
40.) Hatis Noit – Illogical Lullaby (Matmos Edit): 82 (-, 82)

Silvester, Zeit für Jahrescharts!

Nur blöd, dass es jene von 2018 sind :p

1 Rudimental & Major Lazer feat. Anne-Marie & Mr Eazi „Let me live“
2 Panda Bear „Shepard Tone“
3 Christine and the Queens „Goya! Soda!“
4 Amen Dunes „L.A.“
5 Cosmo Sheldrake „Wriggle“
6 Tunng „Abop“
7 MGMT „One Thing left to try“
8 The 1975 „Love it if we made it“
9 Thunder Jackson „Guilty Party“
10 Sia „My old Santa Claus“
11 Interpol „The Rover“
12 Panda Bear „Part of the Math“
13 Cosmo Sheldrake „Hocking“
14 Amen Dunes „Miki Dora“
15 The Blaze „Faces“
16 Maribou State „Beginner’s Luck“
17 Rhye „Phoenix“
18 Robyn „Missing U“
19 MGMT „TSLAMP“
20 tUnE-YaRdS „Look at your Hands“
21 Amen Dunes „Dracula“
22 Simian Mobile Disco „Defender“
23 Hookworms „Negative Space“
24 Tocotronic „Electric Guitar“
25 Cari Cari „After the Goldrush“
26 Hurray for the Riff Raff „Pa’lante“
27 Maribou State feat. Holly Walker „Slow Heat“
28 MGMT „When you die“
29 Oneohtrix Point Never „We’ll take it“
30 Cardi B feat. Bad Bunny & J Balvin „I like it“
31 Daniel Avery „Stereo L“
32 Father John Misty „Mr. Tillman“
33 Soap & Skin „Italy“
34 Little Simz „Boss“
35 Let’s eat Grandma „Falling into me“
36 Chaka Khan „Like Sugar“
37 Paul McCartney „Come on to me“
38 Preoccupations „Decompose“
39 Maribou State „Vale“
40 Let’s eat Grandma „Snakes & Ladders“
41 Jungle „Heavy, California“
42 Eminem „Fall“
43 Death Cab for Cutie „Gold Rush“
44 Diplo feat. Lil Yachty & Santigold „Worry no more“
45 Twin Shadow „Broken Horses“
46 Christine and the Queens „Doesn’t matter“
47 Superorganism „Night Time“
48 George FitzGerald „Burns“
49 Preoccupations „Compliance“
50 Steaming Satellites „Shout it out“
51 Jain „Alright“
52 Maribou State „Kingdom“
53 Idles „Colossus“
54 Amen Dunes „Believe“
55 Kids see Ghosts „Cudi Montage“
56 Post Malone feat. Ty Dolla $ign „Psycho“
57 Little Dragon „Lover Chanting“
58 Simian Mobile Disco „Caught in a Wave“
59 Peggy Gou „It makes you forget (Itgehane)“
60 Christine and the Queens „The Stranger“
61 Let’s eat Grandma „Ava“
62 Soap & Skin „Heal“
63 William Fitzsimmons „Wait for me“
64 Cari Cari „Mazuka“
65 Kreisky „Ein braves Pferd“
66 Elderbrook „Capricorn“
67 Rostam „In a River“
68 Tove Lo feat. Charli XCX, Icona Pop, Elliphant & Alma „Bitches“
69 Yung Hurn „Was sie will“
70 Zhu feat. Tame Impala „My Life“
71 Tunnelvisions „Guava“
72 Courtney Barnett „Nameless, faceless“
73 Julia Holter „I shall love 2“
74 Simian Mobile Disco „Hey Sister“
75 Mavi Phoenix „Prime“
76 Kids see Ghosts feat. Pusha T „Feel the Love“
77 Shout out louds „In new Europe“
78 Husky Loops „Everytime I run“
79 Cari Cari „Summer Sun“
80 Twin Shadow feat. Haim „Saturdays“
81 Nick Mulvey „Mountain to move“
82 Parcels „Lightenup“
83 Santigold „I don’t want“
84 Leyya „Wannabe“
85 Toro y moi „Freelance“
86 Phosphorescent „New Birth in New England“
87 Pressyes „California“
88 Cypress Hill „Crazy“
89 Belle & Sebastian „We were beautiful“
90 Moses Sumney „Rank & File“
91 Janelle Monáe feat. Grimes „Pynk“
92 Diplo feat. Mö & Goldlink „Get it right“
93 Planningtorock „Transome“
94 Naked Cameo „Phony“
95 George Ezra „Paradise“
96 Parquet Courts „Wide awake!“
97 Yves Tumor „Noid“
98 The 1975 „Tootimetootimetootime“
99 Clara Luzia „When the Streets“
100 The Decemberists „Once in my Life“

Vom zähen Wühlen nach Gold. Die spätesten Jahrescharts der Welt®, Ausgabe 2018 (Michael Domanig)

Ich höre Musik leider viel zu oft, wie ich leider auch viel zu oft esse: im Gehen, zwischendurch, nebenher, ohne mich wirklich darauf konzentrieren zu können, was ich da zu mir nehme. Die Gefahr ist in beiden Fällen dieselbe: Irgendwann schmeckt alles gleich. Oder es schmeckt einem gar nichts mehr (was im Grunde dasselbe ist).

Gut, so weit ist es mit mir beim Musikhören zum Glück noch nicht gekommen – aber es war diesmal doch ein besonders zäher Prozess, um am Ende zu den Top 100 zu gelangen, meinen bisher wohl spätesten auf dem verspätetsten Musikblog der Welt. An die 600 Lieder sind am Ende des großen Aussiebens im „Leider nein“-Kröpfchen gelandet, wobei vieles davon durchaus nicht schlecht war – ich hätte den Charts-Topf sicher auch mit 150 bis 200 Liedern füllen können.

Um wirklich Herausragendes zu finden, war aber das Wühlen durch extrem viel gefällig produziertes Mittelmaß nötig. Und „Top-20-Material“ zu finden (um mal einen furchtbaren Marketing-Ausdruck zu verwenden), war heuer definitiv viel schwieriger als z. B. beim besonders starken 2017er-Jahrgang. Aber: Am Ende war es die ganze Mühe bei chronisch knappem Zeitbudget dann doch wieder wert. Das zeigte sich schon daran, dass ich mich von vielen Songs, die in der Liste nicht mehr Platz fanden, dann doch nur schwer trennen konnte.

Bei den Songs, die letztlich den Cut geschafft haben (um neuerlich eine grässliche Formulierung zu verwenden), ist diesmal nach meinem Eindruck relativ viel introvertierte und introspektive Musik dabei, verträumt, melancholisch und harmonisch, dagegen vergleichsweise wenig Punkiges, Noisiges und Aggressives. Was würde wohl ein Tiefenpsychologe dazu sagen?

Wobei: Insgesamt ist die Vielfalt glaub ich doch wieder erheblich. Und um ein paar Neugierigen vielleicht Lust aufs Reinhören zu machen, gibt es diesmal neben der obligatorischen Playlist auch Ultra-Kurzrezensionen zu jedem Song (Ziel war ein einziger Satz, mehr als fünf Zeilen sind es nie geworden). Viel Spaß!

1.) Courtney Barnett – Nameless, Faceless
„I wanna walk through the park in the dark / Men are scared that women will laugh at them / I wanna walk through the park in the dark / Women are scared that men will kill them“: Mit diesen unmissverständlichen, Margaret Atwood zitierenden Zeilen ist sehr viel darüber gesagt, warum es #MeToo und „die ganzen Genderdebatten“ einfach braucht. Verpackt ist das ganze in mitreißenden alternativen Gitarrenrock, den derzeit keine(r) so hinbekommt wie Courtney Barnett.

2.) Grimes – We Appreciate Power
Süßlicher Kitsch und Heaviness, Dream Pop und Industrial-Noise, zuckerlbunter K-Pop und klassisches Songwriting – wie die kanadische Grenzgängerin Grimes (mit Hilfe von US-Sängerin HANA) das hier zusammenführt und -rührt, ist (um im Kontext des Songs zu bleiben) eine echte Machtdemonstration.

3.) Emily Haines & The Soft Skeleton – Legend of the Wild Horse
Der Songtitel klingt nach üblem Airbrush-Kitsch. Der Song selbst klingt nach einer der betörendsten Melodien des Jahres. (Ok, war streng genommen schon Ende 2017, hat mich erst 2018 erreicht, damit basta!)

4.) David Byrne – I Dance Like This
Der Pokal für den überraschendsten (Stil-)Bruch des Jahres gebührt dem ehemaligen Kopf der Talking Heads – der vollelektronische Roboter-Refrain hat es in sich!

5.) Jonathan Bree – Sleepwalking
Stimmiger könnte der Songtitel nicht sein, denn der entrückten Musik des neuseeländischen Songwriters haftet tatsächlich etwas Traumwandlerisches an („somnambul“ schrieb ein Rezensent des „Rolling Stone“, glaub ich). Ein Crooner von der Schattenseite, eine der Entdeckungen des Jahres.

6.) Soap & Skin – Palindrome
Von vorn nach hinten = von hinten nach vorn: Das Palindrom als rhetorische Kunstfigur trägt das Repetitive und damit potentiell Hypnotische schon in der DNA. Das passt perfekt zur sakralen Musik von Soap & Skin – erst recht auf Lateinisch: „In girum imus nocte et consumimur igni“. Wobei diese Zeilen („Wir irren des nachts umher / und werden vom Feuer verzehrt“) inhaltlich eher diabolisch als himmlisch klingen.

7.) Rico Nasty – Oreo
Da kann sich der Hersteller der schwarzweißen Keksln wirklich freuen: Rico Nastys rotzig-aggressiver In-your-face-Rap steckt in meiner humble opinion selbst Cardi B in die (Louis Vitton)-Tasche.

8.) Lüül – Schwarz war die See
Nur eine banale, recht holprig gereimte Urlaubserinnerung? Ich finde den wehmütigen Refrainm unglaublich anrührend, gerade in seiner fast Schlager-artigen Einfachheit.

9.) Low – Disarray
Rau, hypnotisch, aufs Notwendigste reduziert: Außer den ineinander verwobenen Stimmen von Alan Sparhawk und Mimi Parker und sanft irritierendem elektronischem Schaben braucht es nichts für dieses kleine, atmosphärisch dichte Kunstwerk.

10.) Ebony Bones feat. The Bones Youth Choir – Police and Thieves
Die britische Ausnahmekünstlerin Ebony Thomas überführt den Reggaeklassiker von Junior Murvin, den schon The Clash prägnant coverten, direkt in eine dystopische Gegenwart, mit unterkühltem, düster-minimalistischem Klangdesign und gespenstischem Kinderchor. Und unterstreicht meine alte These, dass man Kindern besonders gerne (und wirkungsvoll) krasse und bedrohliche Zeilen in den Mund legt.

11.) Der Nino aus Wien – Unentschieden gegen Ried
Eine treffsicherere Metapher für die Banalität und Trostlosigkeit des (nicht nur Fußball-)Alltags lässt sich kaum denken. Hat seinen Platz in der Ehrengalerie der besten Sportsongs jetzt schon sicher.

12.) Gaye Su Akyol – İstikrarlı Hayal Hakikattir
Die Türkei mit ihren vielfältigen musikalischen Traditionen, gerade auch im Bereich psychedelischer Pop-Klänge, hat man als Westler viel zu selten auf dem Zettel. Dass die großartige Gaye Su Akyol letztes Jahr sogar in Innsbruck zu Gast war, habe ich auch versäumt! Dafür gibt’s jetzt zumindest einen Spitzenplatz in den Charts ;-).

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Ein Uhrwerk mit Unruh

Konzertbericht: SONAR with DAVID TORN (Support: HARRY TRIENDL), Kulturfabrik Kufstein (KuFa-Bar), 4. Mai 2019:

Prog-Rock?? Das ist eine jener Genrebezeichnungen, die für mich persönlich einen eher zweifelhaften, ja negativen Beigeschmack haben. Mit dem Begriff verbinde ich komplizierte, prätentiöse, stilistisch und inhaltlich überambitionierte bis bombastische Musik, für die man als Zuhörer mindestens einen Konservatoriumsabschluss braucht, um sie begreifen und würdigen zu können – und als Musiker sowieso.

Endloses Solieren, riesige Schlagzeug-, Keyboard- und Synthesizer-Burgen, verschwurbelte Konzeptalben, geschliffenes Kunsthandwerk, all das kommt mir beim Ausdruck „Prog“ in den Sinn. Und ich stelle mir immer vor, wie und warum seinerzeit der dreckige, direkte und bewusst simple Punk fast zwangsläufig als Gegenbewegung entstehen musste. Kurz gesagt: Obwohl ich Säulenheilige des Genres wie Pink Floyd, King Crimson oder Van der Graaf Generator teilweise sehr gerne mag, stehe ich dem Konzept und Begriff des „Progressiven“ insgesamt sehr skeptisch gegenüber.

An diesem Abend in der Bar der Kulturfabrik Kufstein war aber keinerlei Skepsis angebracht – denn ich wusste, dass es hier eine andere Art von progressiver Musik zu hören geben würde: nämlich spannende Experimente und beeindruckende Dynamik statt eitler Virtuosität und hohlem Pomp.

Dafür bürgte schon der Auftakt mit Harry Triendl: Der Multiinstrumentalist aus Telfs, bekannt für seine Arbeit mit „virtuellen“ und leibhaftigen Orchestern, für seine Zyklen, die als
Grenzüberschreitungen zwischen Musik, bildender Kunst, Tanz und Experiment angelegt sind, war diesmal solo zu erleben. Mit Touch-Gitarre und Elektronik sorgte er für mal sphärische, mal vertrackte Ambient-Klänge, die mich bisweilen an Science-Fiction- oder Horror-Film-Soundscapes denken ließen, unterbrochen von ruhigen Passagen, garniert mit knackigen Beats, expressivem Gesang und komplexer Improvisation. Und auch wenn manche Brüche vielleicht etwas hart, vereinzelte Übergänge etwas unsanft ausfielen, war es genau der richtige Start in diesen Abend.


(Foto: Harry Triendl)

Harry Triendl war es übrigens auch, der für den Veranstalter den Kontakt zum Hauptact hergestellt hatte – zur Schweizer Instrumental-Formation Sonar und dem namhaften amerikanischen Gitarristen David Torn.

„Vortex“ heißt das 2018er-Album, das Sonar und Torn (Letzterer bekannt für seine Arbeit mit Kalibern wie David Bowie oder Tori Amos) gemeinsam aufgenommen haben. Das aus dem Lateinischen stammende Wort bedeutet soviel wie „Wirbel“ oder „Strudel“ – und das gibt schon einen guten Eindruck von der Musik, die an diesem Abend zu erleben war.

Denn die war perfekt, um sich richtig tief hineinfallen, gewissermaßen in den Strudel einsaugen zu lassen. „Prog“, wie Sonar ihn verstehen, klingt alles andere als überladen und schwerfällig: Statt auf Bombast oder reine Griffbrettakrobatik setzen sie auf minimalistische, hypnotisch-repetitive Strukturen, auf die Kraft des Grooves, auf Veränderungen und Verschiebungen, die sich langsam, aber umso unwiderstehlicher aufbauen.


(Foto: Michael Domanig)

Das Bild eines Schweizer Uhrwerks ist natürlich ein Klischee – aber eines, das hier einfach zu gut passt, um es nicht zu verwenden. „Mathematische Präzision und doch extrem druckvoll“, fasste es Veranstalter Mike Litzko treffend zusammen. Ich selbst fühlte mich phasenweise z. B. an den mitreißenden „Live-Techno“ der österreichischen Formation Elektro Guzzi erinnert, die ebenfalls fast übermenschliche Präzision mit enormer Wucht verbinden – obwohl sie von ihrem musikalischen Hintergrund her aus einem völlig anderen Eck kommen.

Ein kontrollierter Rausch: Das wäre eine andere, widersprüchlich klingende Beschreibung für den trancehaften „Math Rock“ von Sonar – für die Polyrhythmik des furiosen Drummers Manuel Pasquinelli (der an seinem Drumset rätselhafterweise auch ein leicht verbeultes Becken hängen hatte, das aussah wie vom Tourbus überfahren), für die lyrischen, sparsamen, repetitiven Gitarrenfiguren von Bernhard Wagner und Stephan Thelen und das groovige, funkig-bewegliche Bassspiel des hünenhaften Christian Kuntner. Ich persönlich hätte mir das noch stundenlang anhören können.


(Fotos: Harry Triendl)

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