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Vom zähen Wühlen nach Gold. Die spätesten Jahrescharts der Welt®, Ausgabe 2018 (Michael Domanig)

Ich höre Musik leider viel zu oft, wie ich leider auch viel zu oft esse: im Gehen, zwischendurch, nebenher, ohne mich wirklich darauf konzentrieren zu können, was ich da zu mir nehme. Die Gefahr ist in beiden Fällen dieselbe: Irgendwann schmeckt alles gleich. Oder es schmeckt einem gar nichts mehr (was im Grunde dasselbe ist).

Gut, so weit ist es mit mir beim Musikhören zum Glück noch nicht gekommen – aber es war diesmal doch ein besonders zäher Prozess, um am Ende zu den Top 100 zu gelangen, meinen bisher wohl spätesten auf dem verspätetsten Musikblog der Welt. An die 600 Lieder sind am Ende des großen Aussiebens im „Leider nein“-Kröpfchen gelandet, wobei vieles davon durchaus nicht schlecht war – ich hätte den Charts-Topf sicher auch mit 150 bis 200 Liedern füllen können.

Um wirklich Herausragendes zu finden, war aber das Wühlen durch extrem viel gefällig produziertes Mittelmaß nötig. Und „Top-20-Material“ zu finden (um mal einen furchtbaren Marketing-Ausdruck zu verwenden), war heuer definitiv viel schwieriger als z. B. beim besonders starken 2017er-Jahrgang. Aber: Am Ende war es die ganze Mühe bei chronisch knappem Zeitbudget dann doch wieder wert. Das zeigte sich schon daran, dass ich mich von vielen Songs, die in der Liste nicht mehr Platz fanden, dann doch nur schwer trennen konnte.

Bei den Songs, die letztlich den Cut geschafft haben (um neuerlich eine grässliche Formulierung zu verwenden), ist diesmal nach meinem Eindruck relativ viel introvertierte und introspektive Musik dabei, verträumt, melancholisch und harmonisch, dagegen vergleichsweise wenig Punkiges, Noisiges und Aggressives. Was würde wohl ein Tiefenpsychologe dazu sagen?

Wobei: Insgesamt ist die Vielfalt glaub ich doch wieder erheblich. Und um ein paar Neugierigen vielleicht Lust aufs Reinhören zu machen, gibt es diesmal neben der obligatorischen Playlist auch Ultra-Kurzrezensionen zu jedem Song (Ziel war ein einziger Satz, mehr als fünf Zeilen sind es nie geworden). Viel Spaß!

1.) Courtney Barnett – Nameless, Faceless
„I wanna walk through the park in the dark / Men are scared that women will laugh at them / I wanna walk through the park in the dark / Women are scared that men will kill them“: Mit diesen unmissverständlichen, Margaret Atwood zitierenden Zeilen ist sehr viel darüber gesagt, warum es #MeToo und „die ganzen Genderdebatten“ einfach braucht. Verpackt ist das ganze in mitreißenden alternativen Gitarrenrock, den derzeit keine(r) so hinbekommt wie Courtney Barnett.

2.) Grimes – We Appreciate Power
Süßlicher Kitsch und Heaviness, Dream Pop und Industrial-Noise, zuckerlbunter K-Pop und klassisches Songwriting – wie die kanadische Grenzgängerin Grimes (mit Hilfe von US-Sängerin HANA) das hier zusammenführt und -rührt, ist (um im Kontext des Songs zu bleiben) eine echte Machtdemonstration.

3.) Emily Haines & The Soft Skeleton – Legend of the Wild Horse
Der Songtitel klingt nach üblem Airbrush-Kitsch. Der Song selbst klingt nach einer der betörendsten Melodien des Jahres. (Ok, war streng genommen schon Ende 2017, hat mich erst 2018 erreicht, damit basta!)

4.) David Byrne – I Dance Like This
Der Pokal für den überraschendsten (Stil-)Bruch des Jahres gebührt dem ehemaligen Kopf der Talking Heads – der vollelektronische Roboter-Refrain hat es in sich!

5.) Jonathan Bree – Sleepwalking
Stimmiger könnte der Songtitel nicht sein, denn der entrückten Musik des neuseeländischen Songwriters haftet tatsächlich etwas Traumwandlerisches an („somnambul“ schrieb ein Rezensent des „Rolling Stone“, glaub ich). Ein Crooner von der Schattenseite, eine der Entdeckungen des Jahres.

6.) Soap & Skin – Palindrome
Von vorn nach hinten = von hinten nach vorn: Das Palindrom als rhetorische Kunstfigur trägt das Repetitive und damit potentiell Hypnotische schon in der DNA. Das passt perfekt zur sakralen Musik von Soap & Skin – erst recht auf Lateinisch: „In girum imus nocte et consumimur igni“. Wobei diese Zeilen („Wir irren des nachts umher / und werden vom Feuer verzehrt“) inhaltlich eher diabolisch als himmlisch klingen.

7.) Rico Nasty – Oreo
Da kann sich der Hersteller der schwarzweißen Keksln wirklich freuen: Rico Nastys rotzig-aggressiver In-your-face-Rap steckt in meiner humble opinion selbst Cardi B in die (Louis Vitton)-Tasche.

8.) Lüül – Schwarz war die See
Nur eine banale, recht holprig gereimte Urlaubserinnerung? Ich finde den wehmütigen Refrainm unglaublich anrührend, gerade in seiner fast Schlager-artigen Einfachheit.

9.) Low – Disarray
Rau, hypnotisch, aufs Notwendigste reduziert: Außer den ineinander verwobenen Stimmen von Alan Sparhawk und Mimi Parker und sanft irritierendem elektronischem Schaben braucht es nichts für dieses kleine, atmosphärisch dichte Kunstwerk.

10.) Ebony Bones feat. The Bones Youth Choir – Police and Thieves
Die britische Ausnahmekünstlerin Ebony Thomas überführt den Reggaeklassiker von Junior Murvin, den schon The Clash prägnant coverten, direkt in eine dystopische Gegenwart, mit unterkühltem, düster-minimalistischem Klangdesign und gespenstischem Kinderchor. Und unterstreicht meine alte These, dass man Kindern besonders gerne (und wirkungsvoll) krasse und bedrohliche Zeilen in den Mund legt.

11.) Der Nino aus Wien – Unentschieden gegen Ried
Eine treffsicherere Metapher für die Banalität und Trostlosigkeit des (nicht nur Fußball-)Alltags lässt sich kaum denken. Hat seinen Platz in der Ehrengalerie der besten Sportsongs jetzt schon sicher.

12.) Gaye Su Akyol – İstikrarlı Hayal Hakikattir
Die Türkei mit ihren vielfältigen musikalischen Traditionen, gerade auch im Bereich psychedelischer Pop-Klänge, hat man als Westler viel zu selten auf dem Zettel. Dass die großartige Gaye Su Akyol letztes Jahr sogar in Innsbruck zu Gast war, habe ich auch versäumt! Dafür gibt’s jetzt zumindest einen Spitzenplatz in den Charts ;-).

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Ein Uhrwerk mit Unruh

Konzertbericht: SONAR with DAVID TORN (Support: HARRY TRIENDL), Kulturfabrik Kufstein (KuFa-Bar), 4. Mai 2019:

Prog-Rock?? Das ist eine jener Genrebezeichnungen, die für mich persönlich einen eher zweifelhaften, ja negativen Beigeschmack haben. Mit dem Begriff verbinde ich komplizierte, prätentiöse, stilistisch und inhaltlich überambitionierte bis bombastische Musik, für die man als Zuhörer mindestens einen Konservatoriumsabschluss braucht, um sie begreifen und würdigen zu können – und als Musiker sowieso.

Endloses Solieren, riesige Schlagzeug-, Keyboard- und Synthesizer-Burgen, verschwurbelte Konzeptalben, geschliffenes Kunsthandwerk, all das kommt mir beim Ausdruck „Prog“ in den Sinn. Und ich stelle mir immer vor, wie und warum seinerzeit der dreckige, direkte und bewusst simple Punk fast zwangsläufig als Gegenbewegung entstehen musste. Kurz gesagt: Obwohl ich Säulenheilige des Genres wie Pink Floyd, King Crimson oder Van der Graaf Generator teilweise sehr gerne mag, stehe ich dem Konzept und Begriff des „Progressiven“ insgesamt sehr skeptisch gegenüber.

An diesem Abend in der Bar der Kulturfabrik Kufstein war aber keinerlei Skepsis angebracht – denn ich wusste, dass es hier eine andere Art von progressiver Musik zu hören geben würde: nämlich spannende Experimente und beeindruckende Dynamik statt eitler Virtuosität und hohlem Pomp.

Dafür bürgte schon der Auftakt mit Harry Triendl: Der Multiinstrumentalist aus Telfs, bekannt für seine Arbeit mit „virtuellen“ und leibhaftigen Orchestern, für seine Zyklen, die als
Grenzüberschreitungen zwischen Musik, bildender Kunst, Tanz und Experiment angelegt sind, war diesmal solo zu erleben. Mit Touch-Gitarre und Elektronik sorgte er für mal sphärische, mal vertrackte Ambient-Klänge, die mich bisweilen an Science-Fiction- oder Horror-Film-Soundscapes denken ließen, unterbrochen von ruhigen Passagen, garniert mit knackigen Beats, expressivem Gesang und komplexer Improvisation. Und auch wenn manche Brüche vielleicht etwas hart, vereinzelte Übergänge etwas unsanft ausfielen, war es genau der richtige Start in diesen Abend.


(Foto: Harry Triendl)

Harry Triendl war es übrigens auch, der für den Veranstalter den Kontakt zum Hauptact hergestellt hatte – zur Schweizer Instrumental-Formation Sonar und dem namhaften amerikanischen Gitarristen David Torn.

„Vortex“ heißt das 2018er-Album, das Sonar und Torn (Letzterer bekannt für seine Arbeit mit Kalibern wie David Bowie oder Tori Amos) gemeinsam aufgenommen haben. Das aus dem Lateinischen stammende Wort bedeutet soviel wie „Wirbel“ oder „Strudel“ – und das gibt schon einen guten Eindruck von der Musik, die an diesem Abend zu erleben war.

Denn die war perfekt, um sich richtig tief hineinfallen, gewissermaßen in den Strudel einsaugen zu lassen. „Prog“, wie Sonar ihn verstehen, klingt alles andere als überladen und schwerfällig: Statt auf Bombast oder reine Griffbrettakrobatik setzen sie auf minimalistische, hypnotisch-repetitive Strukturen, auf die Kraft des Grooves, auf Veränderungen und Verschiebungen, die sich langsam, aber umso unwiderstehlicher aufbauen.


(Foto: Michael Domanig)

Das Bild eines Schweizer Uhrwerks ist natürlich ein Klischee – aber eines, das hier einfach zu gut passt, um es nicht zu verwenden. „Mathematische Präzision und doch extrem druckvoll“, fasste es Veranstalter Mike Litzko treffend zusammen. Ich selbst fühlte mich phasenweise z. B. an den mitreißenden „Live-Techno“ der österreichischen Formation Elektro Guzzi erinnert, die ebenfalls fast übermenschliche Präzision mit enormer Wucht verbinden – obwohl sie von ihrem musikalischen Hintergrund her aus einem völlig anderen Eck kommen.

Ein kontrollierter Rausch: Das wäre eine andere, widersprüchlich klingende Beschreibung für den trancehaften „Math Rock“ von Sonar – für die Polyrhythmik des furiosen Drummers Manuel Pasquinelli (der an seinem Drumset rätselhafterweise auch ein leicht verbeultes Becken hängen hatte, das aussah wie vom Tourbus überfahren), für die lyrischen, sparsamen, repetitiven Gitarrenfiguren von Bernhard Wagner und Stephan Thelen und das groovige, funkig-bewegliche Bassspiel des hünenhaften Christian Kuntner. Ich persönlich hätte mir das noch stundenlang anhören können.


(Fotos: Harry Triendl)

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Larger than Live is Life

Konzertbericht: Bilderbuch, Congress Innsbruck – Dogana, 24. April 2019

Unverhofft kommt oft. Bis mir Kollege Dave einen Tag vorher aus heiterem Himmel eine Freikarte (sic!) für das Bilderbuch-Gastspiel im Congress Innsbruck anbot, hatte ich nicht am Radar, dass die selbstbewusstesten Styler des Landes wieder einmal im Landeanflug auf Tirol waren. Und dass es sich hierbei sogar um den Österreich-Auftakt ihrer aktuellen Tournee handelte, war mir natürlich erst recht unbekannt.

Aber da ich Bilderbuch noch nie live gesehen hatte und mir gerade ihr aktuelles Material zusagt, zögerte ich trotz quiztechnischer Verpflichtungen und einer strapaziösen Arbeitswoche natürlich keine Sekunde. Und dabei wusste ich in diesem Moment noch gar nichts von den nicht gerade wohlfeilen Kartenpreisen jenseits der 50 Euro. DaDa – danke Dave!

Bevor die Spannung unerträglich wird, hier gleich der Spoiler: Es war am Ende (und eigentlich schon am Anfang) der erhofft unterhaltsame und in jeder Hinsicht bunte Konzertabend.

Die Stimmung in der prall gefüllten, offenbar aber nicht restlos ausverkauften Dogana war schon vor dem groß inszenierten Einmarsch der Bilderbücher prächtig – obwohl das DJ-Anheizerset (hat man heute wohl so statt einer Vorband) recht austauschbar und bemüht geriet („Hey Innsbruck, wollt ihr tanzen?“ usw., gähn).

Bilderbuch jedenfalls hatten den geräumigen Laden von der ersten Minute an im Griff – und brauchten dazu nicht einmal Musik: Nachdem der Basssound auf der Bühne erst noch angeworfen werden musste, nützte der sonnenbrillentragende Front-Styler Maurice Ernst den verzögerten Start einfach für einen kleinen Innsbruck-Schwank aus seiner Jugend (den er dann selbst erst verzögert zum Abschluss brachte). Diese Anekdote brachte die Bilderbuchkarriere der Band in Kürzestform auf den Punkt: Vor ein paar Jahren, als sie noch im viel kleineren Weekender Club (RIP) gespielt hatten, war Ernst nach dem Konzert zunächst im Stadtcafé (RIP??) und danach in volltrunkenem Zustand auf einer Party in der, erraten!, Dogana gelandet. Also ebendort, wo er an diesem Abend selbst auf einer Mords-Bühne stand. So schnell kann’s gehen!

(Foto: Michael Kristenwww.kristen-images.com)

Schnell ging’s dann auch zurück an den musikalischen Start mit neuen Songs wie „Mr. Supercool“, „Mein Herz bricht“ und dem hymnischen „Memory Card“ – den einige ZuhörerInnen als etwas schleppend empfanden. Ich aber nicht. Man muss ja nicht gleich mit der Hittür ins Haus fallen!

Stichwort Hits: Von denen haben Bilderbuch inzwischen längst einen ganzen Köcher voll – darunter manche, die ich schon komplett vergessen hatte, etwa „Plansch“ aus dem (wenn man das jugendliche Alter der Hauptzielgruppe betrachtet) fernen Jahr 2013. Und sie trafen beim Konzert voll ins Ziel, mit einer bestens austarierten Mischung aus, ähem, Klassikern und frischem Songfutter.

Heftig beklatscht und bejubelt wurde natürlich das ultrabreit gebaute Riffmonster „Maschin“ (mit den herrlich bescheuerten Zeilen „Steig jetzt in mein Auto ein / Sieben Türen, 70 PS“), ebenso der 2017er-Smasher „Bungalow“ (mit den nicht minder grenzgenialen Zeilen „Baby leih mir deinen Lader / Ich brauch mehr Power für mein‘ Akku“). Beide fuhren live sogar noch besser ein als gestreamt (oder, wie man früher gesagt hätte, auf Tonträger).

Das geradezu verboten funkige „Spliff“ – eine meiner BB-Lieblingsnummern – wurde angemessen psychedelisch-halluzinatorisch in die Breite gewalzt, bei „Baba“ gab es die unvermeidlichen Autotune-Exzesse.

Genauso überzeugend gerieten die Nummern der beiden jüngsten, kurz hintereinander veröffentlichten Alben „Mea Culpa“ und „Vernissage My Heart“, auf denen Bilderbuch vielseitiger denn je klingen – und ungleich interessanter als die zuletzt leider in Richtung Schematik und Ö3 gedrifteten Wanda. (Sorry, dieses Blur-versus-Oasis-Duell sollte man nicht dauernd aufwärmen – aber es passt halt doch ziemlich gut). Schön zu hören, dass die Band ihren Weg von der 0815-Indie-Gitarrenband zu einer groovelastigen, farbenfroh schillernden und experimentierfreudigen Formation von hoher zeitgenössischer Relevanz weiter beschreitet.

Der lebensfrohe Instant-Hit „Frisbee“ zündete auch live wie der Blitz, „LED Go“ oder „Taxi Taxi“ („Ich glaube an Speed, ich glaube an Weed / Ich glaub‘ mir wird schlecht“) wussten ebenfalls zu gefallen. Atmosphärisch-hypnotisch gelangen ruhigere Songs wie „Checkpoint (Nie Game Over)“ oder das knapp zehnminütige „Europa 22“, das die Utopie eines „Lebens ohne Grenzen“ feiert.

Apropos: Von dem offenbar stärker erwachten politischen Bewusstsein der Bilderbücher (inklusive der auch marketingtechnisch gelungenen EU-Pässe) war live nicht viel zu bemerken, auch nicht bei den Bühnenansagen. Ein paar beleuchtete Globen, wie sie in den 80er- und 90er-Jahren in vielen Kinderzimmern standen, wiesen auf das augenzwinkernd-gigantomanische Tourmotto „One Earth“ hin, das war’s auch schon wieder mit der Politik. Aber muss ja nicht, gepflegter Eskapismus ist auch okay.

Und der wurde mit Zeichen und Gesten bedient, die für die ganz großen Bühnen gemacht und gedacht sind: Glitterherzen, die vom Bühnenhimmel regneten, Maurice‘sches Stagediving schon bei Song Nummer drei (!), ein überdimensionaler Wasserhahn, aus dem sich psychedelische Farbenspiele ergossen, sogar ein Treppenturm auf der Bühne, den der Sänger wirksam erklimmen konnte – bei Bilderbuch wird anno 2019 geklotzt und nicht gekleckert.

(Foto: Michael Kristenwww.kristen-images.com)
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Lückenschluss mit Power-Pop

Konzertbericht: WE ARE SCIENTISTS, PMK Innsbruck, 16. Februar 2019:

Auch wenn Einzelne das seinerzeit anders gesehen haben: Das Ende des Weekender Clubs hat in Innsbruck bis heute eine unübersehbare und vor allem unüberhörbare Lücke hinterlassen.

Das sage ich nicht nur, weil ich mit dem Weekender persönlich einige sehr schöne Konzerterlebnisse verbinde – spontan fallen mir etwa Die Sterne (fast ein Privatkonzert!), die Raveonettes (mächtige Soundwand), Ezra Furman (entfesselt), Adam Green (ausgelassen), The Notwist (technoid) oder Tu Fawning (magisch) ein -, sondern ganz objektiv: Für den „Alternative Mainstream“ (= zu groß/kommerziell für die PMK, zu klein für den Hafen oder die Olympiahalle, zu jugendlich fürs Treibhaus) gibt es in Innsbruck und ganz Tirol seit dem Ende des Clubs keine richtige Heimat mehr. Vom tollen – und stets bestens besuchten (!) – Musikquiz einmal ganz abgesehen.

Also: Selbst wenn man (wie ich selbst) mit vielen der Konzerte im Weekender nur wenig anfangen konnte, muss man es als Musikliebhaber einfach bedauern, wenn in einer Stadt eine Konzertlocation wegfällt. Allein schon deshalb, weil sich Leute, die sich bisher dort getroffen haben, dann eben nicht mehr treffen.

Dass diese Lücke nach wie vor schmerzt und die Nachfrage nach Konzerten, wie der Weekender sie angeboten hatte, ungebrochen ist/wäre, war gestern Abend in der PMK eindrucksvoll zu erleben: Das Konzert von We Are Scientists, veranstaltet in der (an keine fixe Location gebundenen) Reihe „Weekender presents“, war restlos ausverkauft – obwohl (oder gerade weil) es in der PMK heuer wohl nicht mehr viel poppiger und vergleichsweise „mainstreamiger“ zugehen wird.

Schon bei der Vorgruppe Communipaw aus New Jersey (ein schwer auszusprechender Name, wie selbst Frontmann Brian Bond zugab) war der Saal von der ersten bis zur letzten Reihe gefüllt. Zu hören gab es gefälligen (Indie-)Folkpop mit ebensolchen Vokalharmonien, der im Vormittagsprogramm von FM4 nicht negativ auffallen würde. Nett, aber auch unspektakulär und ohne erkennbare Ecken und Kanten, eine Art „Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass“-Indie, der nicht stört, aber auch nicht hängen bleibt. Vom Publikum gab es freundlichen Applaus für (allzu?) freundliche Musik.

Da war die – von Beginn an heftig bejubelte – Hauptband ein ganz anderes Kaliber: We Are Scientists aus Brooklyn zeigten, wie es richtig geht, mit einer zwingenden Mischung aus harmonieverliebtem Power-Pop (ein sträflich unterschätztes Genre, ich wiederhole mich hier gerne), Pop-Punk und Gitarrenrock. Entscheidend für den Live-Erfolg war, wie meistens bei solcher Musik, dass das Ganze mit sehr viel Energie und, wie unsere nördlichen Nachbarn vielleicht sagen würden, „Schmackes“ gespielt wurde. Während weite Teile des Indie-Gitarrenrocks der Nullerjahre den Test der Zeit schlecht überstanden haben, trifft das hier nicht zu: Zumindest live war das Ergebnis wirklich mitreißend!

Frontmann Keith Murray (Gitarre, Gesang), der mit ergrauter Mähne inzwischen wie der jüngere Pop-Bruder von Lee Ranaldo aussieht, Bassist Chris Cain und Schlagzeuger Keith Carne (der schon bei der Vorband getrommelt hatte, also eine anstrengende Doppelschicht versah) bewiesen, dass das Trio-Format für diese Art von Musik geradezu ideal ist: Denn die gehört tight, kompakt und immer gleich auf den Punkt gespielt – und das machten We Are Scientists an diesem Abend hervorragend. Ein- ähem, Powertrio eben.

Womit ich nicht wirklich gerechnet hatte, war die erkleckliche Zahl an größeren und kleineren Hits, die da in knapp eineinhalb Stunden zusammenkamen . Die meisten davon waren mir gar nicht mehr geläufig oder ich hätte sie nicht den Scientists zugeordnet. Die Palette reichte von „Inaction“ (Well, how am I supposed / to know / what makes this happen?) über „Dumb Luck“ mit seinem feinen Harmoniegesang, „It’s a hit“ (das seinem Namen live alle Ehre machte und deutlich fetziger geriet als die Studioversion) bis hin zu „Chick Lit“ oder „The Great Escape“.

Auch besonders Poppiges wie „I Don’t Bite“ oder „After Hours“ boten die drei so schwungvoll und erfrischend dar, dass es selten allzu seicht wurde. Und wenn doch, dann folgte mit Garantie gleich die nächste Power-Pop-„Wuchtbrumme“ (wie unsere nördlichen Nachbarn vielleicht ebenfalls sagen würden).

Eine positive Überraschung war, dass sich auch Neueres wie das wuchtige „Buckle“ und die jüngsten, (synthie-)poppigen Singles „Your Light Has Changed“ oder „One In, One Out“ sehr gut einfügten (auch wenn das neue Material auf, ähem, Platte nicht durchgehend zündet).

Dazu steuerte Keith Murray einen kurzen Ausflug ins Publikum und routinierte, aber witzige Bühnenansagen bei: Gleich zu Beginn gestand er einem ausgelassenen Fan, der gleich zwei Makava-Flaschen auf einmal schwenkte, „impressive use of both hands“ zu. Und statt dem üblichen Kaschperltheater mit „One more song“/“Zuuu-gaaa-beee“-Rufen erklärten We Are Scientists, lieber gleich „more songs“ spielen zu wollen – darunter als Schlussnummer ihren wohl größten Hit „Nobody Move Nobody Get Hurt“ mit den hedonistischen Zeilen „If you wanna use my body – go for it„, die vom Publikum lauthals mitgesungen wurden.

Apropos Publikum: Dass ich bei einem ausverkauften Konzert trotz größter Anstrengungen nicht in der Lage war, eine überzählige (Frei-)Karte an den Mann oder die Frau zu bringen, war wohl das größte Rätsel dieses unterhaltsamen Abends …

P.S. Schöne Fotos vom Konzert findet man HIER!

Als Funk zu Punk wurde. Wie eine Band namens Death ein neues Genre zur Welt brachte

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 31:
DEATH – POLITICIANS IN MY EYES (1976)

Zu den schönsten Aspekten der Popkultur zählt, dass sie im Idealfall soziale, kulturelle und ethnische Grenzziehungen zu überwinden vermag. Ja, im Grunde ist das wohl so etwas wie die Definition von „Pop“ an sich.

Unabhängig davon besteht aber kein Zweifel daran, dass der weitaus überwiegende Teil der modernen Populärmusik in „schwarzen“, konkret afroamerikanischen (und afrokaribischen) Musikkulturen wurzelt: Blues, Jazz und Rock ’n‘ Roll, Soul, Funk und R & B, Ska und Reggae mit all ihren Subgenres, aber auch Disco, Techno und House, Hip-Hop sowieso, mit allen jüngeren und jüngsten Strömungen von Trap bis Cloud-Rap – you name it.

Aber dass eine afroamerikanische Band – die ausgerechnet aus einem stark christlich geprägten Haushalt stammte und noch dazu einen so unheilvollen Namen wie Death trug – zu den geistigen Vorläufern des Punk zählte, ist bis heute über Nerd- und Spezialistenkreise hinaus erstaunlich wenig bekannt.

Und doch war es genau so: Die drei Brüder Bobby (Bass, Gesang), David (Gitarre) und Dannis Hackney (Drums), Söhne eines baptistischen Predigers aus Detroit, kamen zwar ursprünglich vom Funk. Doch stark beeinflusst von Bands wie The Who, den Beatles oder Alice Cooper, schlugen sie bald eine völlig neue Richtung ein – die vor allem vom ältesten Bruder David vorgegeben wurde: Ab 1971 nannten sie sich Death und entwickelten einen rauen, harten, direkten, aufs Wesentliche reduzierten Gitarrensound, den in Detroit damals auch Bands wie MC5 oder die Stooges kultivierten. Mit anderen Worten: Das war (Proto-)Punk, zu einer Zeit, als dieser Name noch längst nicht existierte und der entsprechende Sound in New York oder London noch kein wirkliches Thema war.

Bei Death kam zum aggressiven Sound ein unwiderstehlicher, eindeutig der Funk-Vergangenheit geschuldeter Groove hinzu, der sie von anderen (weißen) Proto-Punk-Bands deutlich abhob. Eigentlich eine denkbar explosive, aufregende Mischung, die damals absolut für Furore hätte sorgen können/sollen/müssen.

Doch es lief ganz anders ab: Zwar nahmen Death 1975 ein Album mit sieben Songs auf (geplant waren eigentlich zwölf), doch dieses erschien nie. Die Majorlabels zeigten Death die kalte Schulter, ein Deal mit Columbia soll, so heißt es, vor allem an David Hackneys (proto-punkiger) Weigerung gescheitert sein, den düsteren Bandnamen gegen einen verträglicheren, massenkompatibleren zu tauschen. (Ein Problem, mit dem die Death-Metal-Urväter Death Jahre später nicht zu kämpfen hatten. Im Gegenteil, einen besseren Namen für Genre-definierende Todesmetaller gibt es ja gar nicht).

Auch sonst dürften einige Umstände (übel) mitgespielt haben: Für den Mainstream waren Death wohl einfach ein zu früh dran – und in der schwarzen Community von Detroit müssen sie mit ihrem Sound ohnedies wie Alien gewirkt haben. Fakt ist jedenfalls, dass sich die Band bereits 1977 – ausgerechnet jenem Jahr, in dem sich der Säurekanal namens Punk voll in den Hauptstrom ergoss – schon wieder auflöste. Veröffentlicht hatten die drei zu diesem Zeitpunkt lediglich die 7-inch „Politicians In My Eyes“ mit der B-Seite „Keep on Knocking“, die sie 1976 im Eigenverlag herausgebracht hatten, in einer Auflage von nur 500 Stück.

Die ehemaligen Bandmitglieder gingen danach andere, verschlungene Wege, die von Gospel-Rock bis Reggae und geographisch bis nach New England führten.

Erst Jahrzehnte später wurde das äußerst schmale, aber visionäre Werk der Band wiederentdeckt. Zum einen von den Söhnen Bobby Hackneys, die 2008 die Formation „Rough Francis“ gründeten, mit der sie das Erbe von Death neu belebten. Zum anderen von Alternative-Größen wie Jello Biafra (Dead Kennedys). 2009 brachte das Label Drag City Records dann die 70er-Jahre-Demoaufnahmen erstmals heraus, in Form eines Albums mit dem angemessenen Titel „… For The Whole World To See“. 2009 reformierten Bobby und Dannis Hackney die Band schließlich selbst (mit einem neuen Gitarristen), in der Folge erschienen weiteres historisches Demo- und Sessionmaterial ebenso wie neue Alben.

Für viele, die zuvor nie von Death gehört hatten, war das nach Jahrzehnten endlich veröffentlichte erste Album eine wahre Offenbarung. So beschrieb Jack White gegenüber der New York Times seinen ersten Höreindruck folgendermaßen: „I couldn’t believe what I was hearing. When I was told the history of the band and what year they recorded this music, it just didn’t make sense. Ahead of punk, and ahead of their time.“

Das alles erinnert frappant an die Geschichte der Monks, die heute ebenfalls als stilistische Vorväter des Punk (aber auch von Industrial, hypnotischen Drones etc.) angesehen werden: Sie veröffentlichten sogar bereits Mitte der 60er Jahre ein (heute als Meisterwerk geltendes) Album, das seinerzeit völlig unbeachtet blieb. Und auch sie kamen erst sehr, sehr spät zu gebührender Anerkennung.

Death sind eine Entdeckung von ähnlichem Rang (was Gitarrist David Hackney übrigens nicht mehr miterleben durfte; er starb bereits im Jahr 2000, nachdem er zuvor lange gegen den Alkoholismus gekämpft hatte): Sie sind so etwas wie das Missing Link zwischen Jimi Hendrix oder Chuck Berry und dem Punk, zwischen Punk und Funk/Soul, Punk und Hard Rock, Punk und Psychedelic Rock etc.

Die Annäherung zwischen dem „weißen“ Punk und sogenannten „schwarzen“ Sounds brachte vor allem im Großbritannien der späten 70er, frühen 80er Jahre spektakuläre Ergebnisse hervor (The Clash, The Specials, Madness usw.) – bei Death war diese Brücke schon geschlagen.

Denn Death groovten, waren funky – etwas, was man zum Beispiel von den Sex Pistols und vielen anderen frühen Punkbands wirklich nicht behaupten konnte (womit nichts, aber auch gar nichts gegen die Sex Pistols gesagt werden soll). Und natürlich waren sie im Vergleich ungleich virtuosere Musiker (womit nichts, aber auch gar nichts gegen die Abrechnung des Punk mit hohlem Virtuosentum gesagt werden soll). Und Death klangen vor allem extrem tight.

„Politicians In Their Eyes“ zeigt das besonders gut auf: Proto-Punk-Riffs treffen hier auf einen wuchtigen, fast stoisch-militärischen Groove, fetten Basssound und einen hymnischen Refrain, der fast schon – dare we say it? – Emo(tional Hardcore) vorwegnimmt. Für die reine Punklehre (die es damals logischerweise noch gar nicht gab) ist das natürlich viel zu komplex und ausufernd gespielt, von den harten Brüchen ganz zu schweigen. All das schadet aber – im Gegensatz etwa zu schwerfälligen Prog-Rock-Ungetümen – der ungestümen Wirkung des Songs nicht. Im Gegenteil: Wie etwa später beim komplexen Groove-Punk von Nomeansno tragen die Brüche zur Durchschlagskraft nur noch bei.

Auch sonst gibt es einiges zu entdecken: Die B-Seite „Keep On Knocking“ ist fast genau so zwingend und hymnisch wie „Politicians …“, „Freakin Out“ und „Rock-N-Roll Victim“ wiederum sind purer, stampfender Punk before the word. „You’re A Prisoner“ rockt dramatisch, während „Where Do We Go from Here???“ die Emotionalität von gutem Soul hat. Und „Let The World Turn“ wechselt ansatzlos von psychedelischer Ballade zu hartem, vertracktem Rock. Fazit: Faszinierend und hochenergetisch!

Bis heute sind schwarze Musiker (wenn man schon die Hautfarbe bemühen muss) und harte, gitarrendominierte Musik eine relativ rare Kombination. (Im Zusammenhang mit Death werden oft die – ungleich brachialeren – Hardcore-Afropunks Bad Brains bemüht, Jüngere könnten vielleicht auch an die Horror-Core/Industrial-Hip-Hop-Gruppe Ho99o9 denken oder etwa an die Punkwurzeln von Indie-Heldinnen wie Santigold oder Ebony Bones). Wäre dieser Entwicklungsstrang vielleicht anders verlaufen, wären Death damals so erfolgreich geworden wie ein paar Jahre später, sagen wir, The Clash, Blondie oder die Talking Heads? Wir werden es nie erfahren.

Nie erfahren werde ich wohl auch, wo zum Teufel mein Exemplar des tollen Proto-Punk-Samplers „Sick On You! One Way Spit!“ gelandet ist, auf dem ich Death vor Jahren zum ersten Mal entdeckt habe.

Naja, notfalls kauf ich ihn mir eben ein zweites Mal. Und die offenbar sehr sehenswerte Doku „A Band Called Death“ (2012) könnte ich mir auch noch gleich besorgen.

Das letzte Wort soll aber mal wieder einem YouTube-Kommentator gehören, der über Death meinte:

They’re called Death, because they’re killin‘ it.

Ja, so kann man das auch sagen.

O Tannenbaum, o Douglastanne! Weihnachten in Twin Peaks

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK [EP] DER WOCHE, # 30:
JHEREK BISCHOFF – CHESTNUTS ROASTING ON AN OPEN FIRE WALK WITH ME (2017)

Für manche Menschen (nicht nur für überzeugte Atheisten) soll Weihnachten ja der Horror sein. Andere wiederum verbinden mit dieser Zeit des Jahres die spezielle Magie der Kindheit, die geheimnisvolle Aura, die das große Fest damals umgab und der sie im Erwachsenenleben (mehr oder weniger erfolgreich) nachjagen. Für beide Gruppen könnte dieser Track, präziser: diese EP der Woche von Interesse sein – vorausgesetzt, sie sind Fans von Twin Peaks.

In diesem Fall wird ihnen schon der Titel der EP ein seliges Lächeln aufs Gesicht zaubern und/oder wohlige Schauer den Rücken hinunterjagen: „Chestnuts Roasting on an Open Fire Walk with Me“ hat der kalifornische Musiker, Arrangeur und Komponist Jherek Bischoff sein Werk getauft – was nicht nur einen wunderbaren Teamnamen fürs Pubquiz abgäbe, sondern auch sofort verrät, was Sache ist: Es handelt sich hier – erraten! – um sehr bekannte (mir als Nicht-Amerikaner teilweise auch unbekannte) Weihnachtslieder, die im unverkennbaren Twin-Peaks-Stil interpretiert werden.

Zugegeben, das ist zunächst einmal vor allem die skurrile Fingerübung eines Nerds [auf die mich mein popkulturell umfassend interessierter Kumpel Peter aufmerksam gemacht hat; danke dafür] und wäre früher wohl direkt im Exotica- oder Novelty-Regal gelandet. Auch Bischoff selbst beschreibt den Versuch als „dark“, „moody“ und „totally ridiculous“.

Zugleich ist das Ganze aber sehr liebevoll und detailversessen gemacht, mit offensichtlicher Leidenschaft für die dunkle Magie von Twin Peaks im Allgemeinen und die kongenialen Scores von Angelo Badalamenti im Speziellen. Bischoff ist hier nicht (nur) auf den schnellen Lacher, den billigen Effekt oder den offensichtlichen Strangeness-Faktor aus. Immerhin hat er auch das aufwühlende, verstörende und zutiefst ernsthaft gemeinte Twin-Peaks-Album von Xiu Xiu produziert (einer Band, der Bischoff früher selbst angehörte).

An dessen emotionale Intensität reichen diese Weihnachtslieder natürlich nicht einmal annähernd heran (und wollen es wohl auch gar nicht), aber reizvoll und sympathisch ist das Ergebnis allemal: Vor allem der Bass mit einer Extraportion Twang und Hall und die sphärischen Synthieflächen lassen sofort Bilder von Douglastannen, Kirschkuchen, Sägewerken, roten Vorhängen und narkotisierenden Bodenfliesen durchs Hirn flimmern. Dazu gibt es Schlittenglöckchen und knisterndes Kaminfeuer.

Das bereitet phasenweise richtig Freude – sogar bei einem zu Tode genudelten Schmachtfetzen wie „Happy Xmas (War is Over)“ von John Lennon. Da schimmert (bei mir) zwar noch der Schrecken gymnasialer Englisch- oder Musikstunden durch, doch die schaurig-schöne, dramatische Twin-Peaks-Soundästhetik deckt diesen gnädig zu wie frisch fallender Schnee. Und man könnte sich fast vorstellen, wie dazu im Double R Diner langsam und innig getanzt wird.

Bischoff zeigt keine Angst vor Kitsch und Romantik, was gut zu Twin Peaks passt. Eine der ganz großen Stärken der Serie (und von David Lynch) ist es ja gerade, in vermeintlichem Kitsch Wahrhaftigkeit und Schönheit zu entdecken. (Trotzdem ist man froh, dass Bischoff zumindest „Last Christmas“ dort gelassen hat, wo es hingehört. Weit, weit weg).

Auch das EP-Cover läutet natürlich all jene Weihnachtsglöckchen, die den konditionierten Twin-Peaks-Fan speicheln lassen, von der Wrapped-up-in-plastic-Ästhetik bis zum giftgrünen Schriftbild.

Beim finalen „Silent Night“ fällt die Adaption vielleicht ein bisschen plump aus, dafür bleibt aber die Erkenntnis, dass „Stille Nacht“ (auch in dieser Version) wirklich ein sehr schönes Lied ist. Btw, ob Gruber und Mohr heutzutage wohl Twin-Peaks-Fans wären?

Statt über diese bizarre Frage wirklich nachzudenken, wünsche ich euch, liebe LeserInnen, lieber frohe Weihnachten – und zitiere als Handlungsempfehlung ausnahmsweise mal die VICE: „Listen to it in your family home; avoid ceiling fans.“

Eine Stimme, die alles hinwegschwemmt

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 28:
BESSIE SMITH – MUDDY WATER (A MISSISSIPPI MOAN) (1927) 

Bei manchen MusikerInnen neigt man (nicht erst in Zeiten von Wikipedia) dazu, sich mehr auf ihre Biographie zu konzentrieren als auf ihr Werk – besonders wenn der Lebenslauf so spannend und dramatisch ist wie jener von Bessie Smith (1894-1937).

Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen im tiefen, segregierten US-Süden, beide Eltern früh verstorben, Anfänge als Straßenmusikerin und -tänzerin, Mitglied in einer fahrenden Musiktheater-Gruppe, steiler Aufstieg zur wohl erfolgreichsten Blues-Sängerin der 20er und 30er Jahre, zu einem Star des frühen Radio, zur bestbezahlten afroamerikanischen Unterhaltungskünstlerinnen ihrer Zeit, zur „Empress of the Blues“. So könnte man dieses intensive Leben im Telegrammstil Revue passieren lassen.

Man könnte von Bessie Smiths turbulenter Ehe mit zahlreichen Seitensprüngen beider Partner berichten, von ihren zahlreichen Affären, auch und gerade mit Frauen. Man könnte ihr Werk darauf hin analysieren, wie es schwarze Arbeiterklasse-Identität, weibliches Selbstbewusstsein und sexuelle Selbstbestimmung thematisiert, wie es Armut und soziale Ungleichheit reflektiert. Man könnte es im zeitgeschichtlichen Kontext zwischen Rassentrennung und Showbusiness-Kapitalismus (Stichwort: Platten- und Radioindustrie) beleuchten. Man könnte ihren Tod nach einem entsetzlichen Autounfall in Mississippi im Jahr 1937 in den Fokus rücken – in einem Krankenhaus für Schwarze, da trotz ihrer Berühmtheit offenbar niemand im Entferntesten daran gedacht hätte, Bessie Smith in ein „weißes“ Krankenhaus einzuliefern.

Man könnte darüber schreiben, welche Spuren sie in der Musikgeschichte und Popkultur hinterlassen hat, wie sie Billie Holiday, Janis Joplin und andere große Sängerinnen inspirierte, wie sie J. D. Salinger oder Edward Albee zu Kurzgeschichten bzw. Theaterstücken animierte, wie sie in Songs (etwa von The Band) und Filme („Bessie“ mit Queen Latifah in der Hauptrolle) Eingang fand.

Aber alle biographischen Daten und kulturgeschichtlichen Fakten, mögen sie noch so spektakulär sein, bleiben letztlich sekundär, verblassen vor der schieren Kraft dieser rauen, dunklen Stimme. Besonders eindrucksvoll zu erleben ist das in „Muddy Water“. Wie viele Emotionen, Stimmungen, atmosphärische Nuancen Smith hier in drei Minuten transportiert – Melancholie, Sehnsucht, Stolz, Mut, sexuelle Spannung, Lebenslust – beeindruckt bis heute, selbst wenn die Musik für unsere Ohren zahm, vielleicht sogar fad klingen mag. Im Mittelpunkt steht hier der Gesang, ehrfurchtgebietend und unaufhaltsam wie der Mississippi selbst.

Obwohl Smiths Stimmgewalt sich bestimmt auch langjähriger technischer Schulung und Praxis verdankt, kommt sie doch ohne jene an Hochleistungssport erinnernde Vokalakrobatik aus, die vielen zeitgenössischen Mainstream-„R’n’B“ oder -„Soul“ so unerträglich macht, von der deprimierenden Castingshow-Kraftmeierei ganz abgesehen. Und das ist ganz ohne Kulturpessimismus gemeint!

Weitere Anspieltipps: Wasted Life Blues, Back Water Blues, Downhearted Blues

Ein vergnügliches Trauerspiel

Nachbericht: Lesung und Konzert: Fritz Ostermayer & Vienna Rest in Peace, ZONE Wörgl, Allerseelen 2018:

Für einen Besuch in Wörgl braucht es gute Gründe. Und die kleinen, feinen Konzerte des Vereins SPUR. um Obmann Günther Moschig sind eigentlich immer ein solcher Grund.

Auch diesmal war klar: Bei dieser Kombination aus Datum (Allerseelen), Band (die Supergroup Vienna Rest in Peace, die sich exakt ein Jahr nach Erscheinen ihres gleichnamigen Debütalbums wieder auf Kurztournee begab) und Vortragendem (der leibhaftige Fritz Ostermayer!) macht man bestimmt nichts falsch.

Nachdem ich aus Nostalgiegründen im selben Wörgler Schnellrestaurant am selben Platz vom selben Kellner dasselbe – ok vielleicht nicht dasselbe, aber zumindest das gleiche – Hühnerschnitzerl entgegengenommen hatte, wie ich das berufsbedingt über eine verdammt lange Zeit hinweg getan hatte, fand ich mich also im örtlichen Jugendzentrum ZONE ein, um dort auf dasselbe Problem zu stoßen wie bei vielen reizvollen Konzerten der Vergangenheit: sehr überschaubares Publikumsinteresse.

Gut, bei einem literarisch-musikalischen Abend, der sich vor allem um das Thema Tod in allen Facetten dreht, wäre eine traurige Kulisse ja irgendwie ganz passend – aber allein schon der Name Fritz Ostermayer sollte eigentlich genügen, um deutlich mehr Leute hinter dem Ofen oder unter der Heizdecke hervorzulocken.

Apropos traurig: Dass das Konzert kurzfristig vom altehrwürdigen Astnersaal in die ZONE verlegt wurde, fand nicht nur ich bedauerlich. Mit seinem morbiden Charme wäre der Saal – von dem Ernst Molden einmal sinngemäß gesagt hat, er könnte aus einem Ödön-von-Horvath-Stück stammen – für diesen Abend wie gemacht gewesen. Und schon alleine die Vorankündigung auf FM4 am Vormittag (wo man von der Verlegung offenbar noch nichts wusste) war einfach nur herrlich: „Death blues and strange morbid literature (…) in the Astnersaal in the Hotel Alte Post in Wörgl – this is surely the most Austrian thing I’ve ever announced on the radio“.

Hinzu kommt noch, dass die Tage des Astnersaals ja leider gezählt sein sollen – und ein sterbender Saal wäre für einen Abend über das Dahinscheiden ja wohl wirklich genau das Richtige gewesen. Naja, vielleicht war er einfach zu ausladend für den bescheidenen Andrang – und die ZONE ist zumindest so klein, dass es am Ende doch noch nach einem recht anständigen Publikumszuspruch ausschaute. Und auch wenn sie atmosphärisch bei weitem nicht an den alten Ballsaal mit den hohen Wänden, den Spiegeln und dem Kronleuchtern heranreicht, war für ein intimes Setting gesorgt – auch dank der schaurig-schönen Bühnendekoration mit Herbstlaub und Grabkerzen.

Die passte natürlich ideal zu den „Trauerprofis“, als die Fritz Ostermayer sich und Vienna R.I.P. vorstellte – übrigens in Anlehnung an einen bekannten Ausspruch seines Freundes und Saufkumpanen Harry Rowohlt, wonach man als gestandener Trinker zu Silvester keinesfalls ausgehen solle: „Da saufen nur die Amateure“.

Die schwarzhumorige, grandios geschmacklose Tour de Force, auf die Fritz Ostermayer sein Publikum zwischen den Liedern der Band mitnahm, war dann auch wirklich der erwartete Höhepunkt: So bunt schillert der Themenkomplex Tod selten wie beim morbiden Sumpfisten und ehemaligen Trauermarschsammler (mindestens 2500 soll er in seiner Kollektion haben und noch immer welche zugeschickt bekommen).

Die schwarze Palette reichte von Synonymen für das Sterben in verschiedenen Ländern und Sprachen (vom saloppen „Kicking the bucket“ in den USA über „Die Hufeisen anlegen“ in der Türkei bis zu philosophisch-vergeistigten Varianten, etwa aus Nepal) bis hin zum Thema „Soft Frequencies“: Diese harmlosen New-Age-Tonfolgen hätten sich bei New Yorker Polizeisirenen ebensowenig bewährt wie in Hospizhäusern, erzählte Ostermayer. Besser sei es doch, wenn Moribunde einfach noch einmal ihre Lieblingslieder hören dürften – selbst aufs Risiko hin, dass dann irgendwann Andreas Gabalier die „Hitparade des Todes“ anführen wird.

So ging es höchst vergnüglich weiter: Die Zuhörerschaft erfuhr, warum an berühmten letzten Worten wenig dran ist (Goethe habe statt „Mehr Licht“ eigentlich „Wer spricht?“ geäußert) oder was Ostermayers aktueller Lieblingsgrabspruch wäre („Ich weiß noch immer nicht, was Sache sei“). Man hörte von walisischen Workshops, bei denen man lernt, wie man sich den eigenen Grabstein meißelt, erhielt praktische Tipps zum Ordern von lebensechten Leichen, erfuhr von Stripshows bei Beerdigungen in Taiwan oder geselchten Körpern als potentielle Touristenattraktion. Das erinnerte bisweilen an die bizarren Anekdoten, wie sie Tom Waits zwischen seinen Songs zu erzählen pflegt und bei denen man auch nie so genau weiß, ob sie nun wahr oder gut erfunden sind – was auch völlig wurscht ist.

Besonders unterhaltsam geriet die „Liste der traurigsten Instrumente“: Ostermayer nannte hier etwa das Alleinunterhalterkeyboard (wobei da der Kontext und das Toupet des Alleinunterhalters für die Traurigkeit verantwortlich seien) oder die Ukulele: Dieses kleine Instrument werde seltsamerweise vor allem von großen, dicken Männern gespielt, meinte Ostermayer, „die es sich auf den Bauch legen wie der Sodomit sein Lieblingstier“, um der Ukulele dann tieftraurige Töne zu entlocken.

Bei der Hawaiigitarre spannte er einen weiten und schmutzigen Bogen von imaginärem Sex am Sandstrand bis hin zu onanierenden Sternen, während er die Balalaika treffend als „Kartoffelschnaps unter den Saiteninstrumenten“ bezeichnete – warum, weiß ich leider nicht mehr. Und dann gab es da auch noch die herrliche Erzählung vom Mann mit dem Cello, das nur eine Saite hat. Den Gag verrate ich hier natürlich nicht – dazu hättet ihr selbst kommen müssen.

Ja, bei „Dirty Fritz“ Ostermayer geht sogar das durch, was bei anderen viel zu platt und derb wäre, etwa eine Enzyklopädie der Todesfürze („finale Flati“) – seiner oder in diesem Fall Thomas Edlingers (?) Sprachmächtigkeit und Raffinesse sei Dank. Da heißt es dann etwa poetisch-kosmisch, es sei, „als flatuliere hier ein Jüngling um die Gunst seiner Geliebten“ oder so ähnlich. Grind und Poesie sind bei Ostermayer nicht zu trennen.

„Im Sumpf“-Stammhörern (zu denen ich nicht zähle) dürften wohl einige dieser Texte bekannt vorgekommen sein – aber Ostermayer ist einer, dem man einfach gerne zuhört. Nicht nur wegen seiner ultrasonoren Radiostimme, der man jede Tschick und jeden Spritzer anzuhören meint, sondern vor allem, weil er wunderbar erzählen und vortragen kann. Nicht umsonst steht dieser Mann der Schule für Dichtung vor.

Apropos: Ein poetischer Ansatz prägt auch die Musik, die man dazu auf die Ohren bekam: Die Formation Vienna Rest in Peace versammelt Musiker, die bei verdienten Formationen wie Aber das Leben lebt, Kreisky oder Mord tätig waren bzw. sind, dazu die Sängerin und Songschreiberin Marilies Jagsch, die in Wörgl auch schon solo zu erleben war.

Vienna R.I.P. stehen für getragenen, Chanson- und Schlager-informierten „Trauerpop“, der natürlich bestens zur Jahreszeit passt (ein Blick aus meinem Fenster zeigt schon den ganzen Tag dieselbe grau-verhangene Trübnis, bei der man nie weiß, wie spät es eigentlich gerade ist).

Sehr schön gelang dabei, selbst ohne Kinderchor, das vergleichsweise beschwingte „Staat der Affen“, eine Art Wiener Dystopie samt umgestürztem Riesenrad, die trotzdem hoffnungsvoll klingt. Schließlich kennen die Affen, die hier die Herrschaft übernehmen, zwar das „gute Leben, das uns längst abhandenkam“, aber keine Melancholie und übrigens auch nicht die Beatles und die Stones. „Komm, wir bitten um Asyl“, heißt es gegen Ende konsequenterweise.

Gut gefallen haben mir auch „Sterbenswerte Stadt“ (ebenfalls mit politisch-poetischen Lyrics wie „Ich will nicht, dass du dich blau fühlst / in dieser sterbenswerten Stadt / die keine Fenster und auch keine Türen, aber so viele Mauern hat.“) oder das mir bislang unbekannte, sehr atmosphärische „Auf Geisterfahrt“.

Musikalisch berührte das Ganze vornehmlich dann, wenn die Refrains mehrstimmig vorgetragen wurden – und vor allem, wenn Sängerin Marilies Jagsch mit ihrer wunderbar fahlen Herbststimme hohe Trauerkompetenz beisteuerte. Da verschmerzt man sogar einmal ein Blockflötensolo! Sanftes Schlagwerk, Melodika und Quetsche steuerten weitere Farbtupfer bei.

Über die in gestelztem Hochdeutsch vorgetragenen Songtexte kann man geteilter Meinung sein, oft kommen die Lyrics schon arg verschwurbelt und verrätselt daher. Dazwischen fallen aber doch immer wieder ungewöhnliche und entlegene Sprachbilder ab. Und verqueren Humor gibt es obendrein: Etwa in „Peter Handke“, wo es zunächst heißt: „Meine Fehler wären einer Maschine nicht passiert“, am Ende dann: „Meine Fehler wären Peter Handke nicht passiert“. Laut (Haupt-)Sänger Wolfgang Wiesbauer geht es im Song um den „Unterschied zwischen erfolgreichen und erfolglosen Poeten: Die einen erhalten den Nobelpreis, die anderen spielen in der Zone Wörgl“.

Aber wer braucht schon Nobelpreise, wenn er Fritz O. hat? Im Zugabenteil griff er dann sogar selbst zum Gesangsmikrofon – ohne sich vorher überhaupt von der Bühne bewegt zu haben. Kaputte Gelenke lassen solche Mätzchen eben nicht zu. Dafür gab es den perfekten Rausschmeißer: eine würdige deutschsprachige Nachdichtung des „Weeping Song“ vom großen Dunkelmann Nick Cave. Die wurde mit einer Wucht, Lautstärke und Dynamik serviert, die ich mir auch vorher manchmal gewünscht hätte, wenn es allzu getragen wurde.

Am Ende eines Abends über das Ende durfte das handverlesene Publikum jedenfalls noch einmal mit vollem Recht jenen Jubel anstimmen, der Fritz Ostermayer besonders zusagte: „Juhu!“

WESEN AUS EINER HÖHEREN KLANGDIMENSION

Konzertbericht: ACID MOTHERS TEMPLE & THE MELTING PARAISO U.F.O. (Support: SIBIRIAN TRAINSTATION), Kulturfabrik Kufstein, 19. Oktober 2018

VORBEMERKUNG: Dieser Beitrag wird durch meisterhafte Fotos von KURT HÄRTING aufgewertet, vielen Dank dafür!

Veranstalter Mike Litzko vom verdienten Kufsteiner Kulturverein Klangfarben (der heuer übrigens sein fünfjähriges Bestehen feiert, herzlichen Glückwunsch!) steht als leidenschaftlicher Atheist nun wirklich nicht im Verdacht, religiöse Botschaften vermitteln zu wollen. Dennoch hatte das von Mike eingefädelte Kufstein-Gastspiel der wundersamen japanischen Formation Acid Mothers Temple am Freitagabend zweifellos eine erhabene, spirituelle, ja fast sakrale Dimension.

Doch der Reihe nach: Die „Messdiener“ an diesem Abend kamen zunächst aus einer ganz anderen Ecke: Sibirian Trainstation aus Kufstein stehen für brettharten Metalcore – persönlich ned mei Weda (wie der Unterländer sagt), aber sicher kompetent gespielt, geknüppelt, gerifft und gebrüllt. Die Wurzeln der Band im Punkrock merkt man ihnen in Sachen Druck und Dynamik noch an, das ist sympathisch, Energie und Einsatz stimmen jederzeit. Bei den anderen großen E (Eigenständigkeit, Experimentierlust, Expeditionen über die Genregrenzen hinaus) ist zwischen Kufstein und Wladiwostok wohl noch Luft nach oben. Aber wie gesagt, Metalcore ist halt einfach nicht unbedingt meine Welt.

(Foto: Kurt Härting)

Ob und wie dieser brachiale Support-Act zur Hauptband des Abends passte, sei dahingestellt. Kollege Johannes meinte nicht zu Unrecht, dass etwa das ebenfalls aus dem Tiroler Unterland stammende Neo-Shoegaze-/Psychedelic-Duo Molly musikalisch deutlich naheliegender gewesen wäre. Aber das ist natürlich alles Geschmackssache.

Das nachvollziehbare Kalkül des Veranstalters, den ganzen Abend (ein wenig irreführend) als „Metalparty“ zu titulieren, war wohl, zumindest ein paar Anhänger der lokalen Metalszene – nämlich die weltoffenen, neugierigen Exemplare – dazu zu bringen, ihren Allerwertesten hochzukriegen und sich neben den Lokalhelden auch auf diese verrückten Japaner einzulassen. Und das dürfte zumindest teilweise gelungen sein.

(Foto: Kurt Härting)

Damit nun zu Acid Mothers Temple & The Melting Paraiso U.F.O.: Wer im Vorfeld erwartet hatte, einen sehr ähnlichen Abend zu erleben wie beim Vorjahreskonzert in der Innsbrucker PMK (nachzulesen: HIER), täuschte sich – wurde aber bestimmt nicht enttäuscht. Aus meiner Sicht war das Konzert in der Kulturfabrik genauso großartig. Nur eben anders gelagert: In Innsbruck war das Gesamt-Klangbild droniger, ausufernder, lärmiger, ein phasenweise fast konturloser kosmischer Klangbrei (im positivsten Sinne!). Diesmal präsentierten sich Acid Mothers Temple deutlich strukturierter, bisweilen fast songorientiert, im Vergleich phasenweise fast, ähem, poppig (und dabei natürlich immer noch far, far out).

Zugleich – und da könnte ein direkter Zusammenhang bestehen – rückte diesmal die Band neben den beiden älteren, haarigen Frontmännern Kawabata Makoto (Gitarre) und Higashi Hiroshi (Roland-Synthesizer) viel stärker in den Vordergrund. Der androgyne Sänger und Gitarrist Jyonson Tsu etwa prägte vor allem die Anfangsphase mit hypnotisierenden Gesangslinien in einer schwer zuordenbaren Sprache und einem für mich ebenfalls schwer zuordenbaren, lautenartigen Instrument (Mandoline? Bouzouki? Sorry, Instrumentenkunde fünf, setzen).

(Foto: Kurt Härting)

Sein sympathisch-entrücktes Tänzeln fügte sich bestens zu den groovigen, beweglich-leichtfüßigen Bassläufen von „Wolf“ (guter Name, übrigens!). Ein denkwürdiges Ereignis war aber auch und besonders der furiose Drummer Satoshima Nani, der mit einer entfesselten, schweißspritzenden Performance selbst das Tier aus der Muppet Show so träge wie eine Weinbergschnecke hätte wirken lassen.

Ein echter – tut mir Leid, ohne dieses Klischee kommt ein eurozentristischer Beitrag nunmal leider nicht aus – Kamikaze-Drummer, dem ich persönlich noch bis ans Lebensende (meines oder seines) hätte zuschauen und lauschen können.

(Fotos: Kurt Härting)

Trotz aller Unterschiede zu Innsbruck: Auch diesmal waren sämtliche Elemente des Bandnamens im Sound wiederzufinden: der trippig-psychedelische Hippie-Irrsinn (Acid); die mütterlich umhüllenden, repetitiv-einlullenden Strukturen (Mother); die für westliche Rezipienten irgendwie Zen-buddhistische Weisheit, Ruhe und Versöhnlichkeit, die diese Musik ausstrahlt (Temple, womit wir wieder bei der Religion wären); und dazu das spacige, durchgeknallte Element, das mit „Melting Paraiso U.F.O.“ (was auch immer das bedeutet) schön umschrieben ist.

Denn tatsächlich landete diese Truppe in der Kulturfabrik wie Aliens, Wesen aus einer weiseren, schöneren und versöhnlicheren Zivilisation. Selbst in den lärmigsten, rauschhaftesten Momenten strahlt diese Musik eine friedvolle, meditative Aura aus, der man sich nicht entziehen kann und will. Die heilende Kraft der Repetition! Oder, etwas weniger hippiesk formuliert: Wo Sibirian Trainstation eine derbe Gnaggwatschn waren, sind Acid Mothers Temple eine lange, liebevolle Umarmung.

Ja, das hier ist Musik für geschlossene Augen – obwohl die Schauwerte erheblich waren: lange Bärte, lange Zodn, lange Gewänder mit seltsamen Zeichen drauf. Am schönsten waren auch diesmal jene Momente, in denen man sich ganz auf die Wiederholungen einlassen konnte, auf die minimalen Variationen und Verschiebungen, die allmählich anschwellende Lautstärke und den unterschwelligen Spannungsbogen – egal, ob die behutsamen Mutationen nun von Synthesizer, Gitarre, Bass oder Schlagzeug eingeleitet wurden.

(Foto: Kurt Härting)

Apropos: Für eine beglückende Sequenz sorgte zwischendurch auch ein plötzlicher Wechsel in die Clubmusik: Nur von Bassist und Drummer getragen, gab es da auf einmal eine Art Live-Techno auf die Ohren (wie man das etwa von den Österreichern Elektro Guzzi kennt und schätzt). Da brandete im Publikum spontan Jubel auf – und die Erkenntnis: Hey, dazu kann oder könnte man ja sogar tanzen!

Über all diesen schönen Eindrücken vergaß man, wie bei jeder guten Musik, ganz auf die Zeit. Da ging es auf einmal schon auf halb zwölf zu – und der Plan, mit dem Railjet noch zu einem sozial verträglichen Zeitpunkt zu einer Geburtstagsfeier in Innsbruck zu kommen, löste sich in wohligen Klangwolken auf.

Zum Abschluss spendierten Acid Mothers Temple noch einen langen Track – aber keinerlei schnöde Standard-Rituale wie Zugaben oder dergleichen. Zurecht: Bei einem Gottesdienst gibt es schließlich auch keine Zugabe.

Dass zwischendurch ein paar respektlose Elemente im Publikum, gerade in ruhigen Momenten, die sakrale Atmosphäre mit profanem Geplapper entweihen mussten, könnte man als eine Art Übung in buddhistischem Gleichmut begreifen. Gerne hätte man „He, es Oschlecha, hoids endlich de Pappn oda geht’s an die Bar!“ gerufen – wäre man zu diesem Zeitpunkt nicht schon viel zu menschenfreundlich gestimmt gewesen. Und man hatte immerhin den Eindruck, dass selbst diese Störenfriede vom Konzert angetan waren. Wie überhaupt kaum jemand im überschaubaren, aber begeisterungsfähigen Publikum das Kommen an diesem Abend bereut haben dürfte.

Denn: So etwas erlebt man nicht nur in Kufstein nicht alle Tage – danke dafür, Mike!

(Foto: Kurt Härting)

Das letzte Wort soll nun aber einem mir unbekannten Konzertbesucher gehören, der die Sache in breitestem Unterinntaler Zungenschlag auf den Punkt brachte: „Boah, i had ma’s ned so geil vuagstöd!“