Archiv für den Autor: Johannes Schneider

Im Schnelldurchlauf durch mein musikalisches 2018

Man könnte sagen, dass wir für unsere unfassbar späten Jahrescharts bekannt wären – wenn wir denn bekannt wären. Und auch dieser Beitrag wird sowohl das eine als auch das andere nicht ändern. Auch Mitte Februar ist eigentlich vergleichsweise sehr spät für ein Jahres-Recap. Aber dieser persönliche Jahresrückblick hat weder den Anspruch, einen neuen Pünktlichkeitsstandard zu etablieren, noch unsere traditionellen, früh- bis hochsommerlichen Vorjahrescharts zu ersetzen. Schließlich geht es in den kollaborativen Charts um die Hits des Jahres, die Singles, die Ohrwürmer, die für sich allein stehenden Songs. Ich bin eher Albummensch, also präsentiere ich mit diesem Egotrip die 20 Alben, die mein persönliches Musikjahr 2018 ausgemacht haben.

Die Beschränkung auf runde 20 Alben ist natürlich total willkürlich. Wer sagt, dass nicht bloß 18 Alben besonders hervorstachen, oder dass es nicht 37 oder gar 51 Alben wert waren, dass man einige Worte über sie verliert? Ebenso willkürlich ist die Beschränkung auf Full-Length Alben, schließlich wurden wir 2018 auch mit einigen großartigen EPs beschenkt, beispielsweise jene von Aphex Twin (!), Protomartyr oder Panda Bear.

Eines der erwähnenswerten Alben, die vom Rasiermesser dieser Willkür erwischt wurden, ist beispielsweise „Dead Magic“ von Anna von Hausswolff. Man hört der schwedischen Vorzeigesängerin und -Organistin die ausgedehnten Tourneen mit Swans deutlich an. Sons of Kemet präsentierten auf „Your Queen is a Reptile“ eine moderne, abwechslungsreiche und auch politische Palette an Afro-Jazz Hymnen. George Thompson alias Black Merlin begab sich für die „Island of the Gods“ Labelreihe erneut auf Reisen. In mehreren Expeditionen nach Papua-Neuguinea nahm er die Klänge des Kosua-Stammes und des ihn umgebenden Dschungels auf und verwandelte die Soundaufnahmen und Eindrücke in ein außergewöhnliches Album. Soldat Hans formen auf „Es Taut“ einzigartige Balladen aus Düsterjazz, Sludge und Post-Irgendwas. Und dann gab es da noch das vielseitige Zweitwerk von Skee Mask, neues Melancholiematerial von Low, die außerweltliche Kollaboration von Actress und dem London Contemporary Orchestra, den folktronisch-neopsychedelischen vertonten Sonnenschein von 공중도둑 (Mid-Air Thief), ein neues Solowerk von Godspeed You! Black Emperors Frontmythos Efrim Menuck, und noch viel viel mehr.

Man kann es womöglich vor den eigentlichen Top 20 bereits herauslesen: 2018 war für mich ein sehr gelungenes Musikjahr. Jetzt aber ohne weitere Umschweife auf ins Getümmel!

 

  1. Warm Drag – s/t

Das grundlegende Soundfundament von Warm Drag schreit nach Garagenband, wobei diese Bezeichnung angesichts der vielen psychedelischen, elektronischen, lärmigen und anderweitig experimentellen Ausschweifungen dann doch nicht so treffend erscheinen mag. Noch kurioser: Es ist nicht nur keine Garagenband, es ist eigentlich gar keine Band im herkömmlichen Sinn. Paul Quattrone, den man auch von Thee Oh Sees und !!! kennt, hat alle Songs mit einem Sampler kreiert, durch den alles Mögliche an Quellenmaterial gejagt und bis zur Unkenntlichkeit manipuliert wurde. Für noch mehr Abwechslung sorgt die laszive bis rotzfreche Chamäleonstimme von Sängerin Vashti Windish.

  1. GAS – Rausch

Ganze 17 Jahre mussten verstreichen, bis 2017 mit „Narkopop“ endlich ein neues GAS-Album erschien. Nun, kaum ein Jahr später, schickt Wolfgang Voigt den Hörer mit „Rausch“ erneut auf eine Reise durch den Nebelwald, sich selbst treu bleibend mit einem leichten Hauch von Nationalromantik und aus weiter Ferne hallenden Bläsern und Streichern. Der Direktvergleich mit dem Vorgänger hinkt jedoch, „Rausch“ ist dringlicher, intensiver, schreitet stoisch und pulsierend immer geradeaus, bei gleichzeitigem Gefühl schwindenden Orientierungssinns. Rausch eben.

  1. Sleep – The Sciences

GAS-Fans mussten also 17 Jahre auf neues Material warten, das letzte ordentliche Sleep-Album ist jedoch geschlagene 20 Jahre her. Umso beeindruckender, dass das Stoner Metal Urgestein es wahrhaftig geschafft hat, den Erwartungshaltungen gerecht zu werden und genau den Monolithen von einem Album abzuliefern, den die Community sich so lange erhofft und gewünscht hat. Auch live nach wie vor eine Wucht!

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Von Kauderwelsch und Zufallsgeneratoren

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 29:
THE BOOKS – TAKE TIME (2003)

„Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurecht finden.“ Dieser Aphorismus wird sehr häufig Albert Einstein zugeschrieben. Klingt ziemlich nach kitschigem Wohnzimmer-Wandtattoo, und tatsächlich stößt man bei der Suche nach Quellenangaben auch fast nur auf diese und ähnliche Kommerzialisierungen jener Weisheit. Aber in ausgewählten Bereichen des Lebens ist es sicher keine schlechte Idee, mehr Wert auf die subjektive Erlebnisqualität zu legen als auf reines Verständnis. Musik zum Beispiel.

Das Album „The Lemon of Pink“ von The Books ist bei Erstkontakt sehr wirr. Die Songs – wenn überhaupt als solche identifizierbar – wirken eher, als hätte man Interviewschnipsel, Gesangsfragmente und Folkloregefiedel, -gezupfe und gestreiche aus allen Erdenwinkeln durch einen Zufallsgenerator gejagt. Man muss kein Stochastiker sein, um zu wissen, dass es bei einer zufälligen Aneinanderreihung von allen möglichen Klangpuzzleteilen zwar nicht unmöglich ist, dass etwas Sinnhaftes und Schönes dabei heraus kommt, aber dennoch sehr unwahrscheinlich. Aber es ist ja auch gar nicht random, es wirkt nur manchmal so. Und mit ausreichend Geduld und Zeit entfalten sich die Ideen auf dem Album auch einigermaßen und man sieht sowohl die Bäume als auch den Wald. Also nehmen wir uns etwas Zeit.

„Take Time“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie dieser Patchwork-Zugang zu Songwriting gut funktionieren kann und wieso das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist. Hinter dem wiederkehrenden Gelächter und allen anderen eigenwilligen Sprachsamples sind die warmen, akustischen Instrumente der Klebstoff, der alles formschön zusammenhält. Hinzu kommt das titelgebende, selbst eingesungene „take time“, das sich wie ein Mantra wiederholt. Wobei, in diesem Fall eher wie das stoische Ticken einer alten Uhr. Vor allem gegen Songende hört man das stark betonte K und es wird klar, dass diese Tick-Assoziation nicht von ungefähr kommt. Beinahe, als hätte man sich beim Songtitel etwas gedacht, entwickelt der Track eine eigene Rhythmik, die sich bis zum im wahrsten Sinne des Wortes taktvollen Timing einiger Samples durchzieht.

In diese Collage aus Instrumenten und Stimmen, aus Melodien und deren Manipulationen, floss natürlich einiges an Denkarbeit und Liebe zum Detail. Und Zeit eben. Wie viel genau ist schwer zu sagen. Wohl nicht zu wenig, sodass ein rundes Ding dabei herauskam, mit Anfang, Ende und allem dazwischen. Aber auch nicht zu viel, denn es wirkt zu keiner Sekunde verkopft und glatt. Das ist sehr wichtig, da die Leichtfüßigkeit ein großer Teil dessen ist, was den Flair des Albums ausmacht. „The Lemon of Pink“ ist generell weit weg davon, perfekt zu sein. Das könnte es auch gar nicht, schließlich klingt das Album derart menschlich, und Menschen sind nie perfekt. Gerade weil sich das Album trotz aller Verfremdungen so menschlich anfühlt, gelingt es ihm jedes Mal aufs neue, mir ein Grinsen ins Gesicht zu zaubern. Die menschliche Komponente wird beispielsweise im Outro „PS“ sehr deutlich unterstrichen. Dieser einminütige Rausschmeißer ist im Endeffekt ein Interview, das The Books mit NPR-Radiomoderatorin Terri Gross geführt haben. Nur hört man dabei nichts vom eigentlichen Interview, sondern nur Ähms und Öhms, peinliche Stille und holprige Füllwörter. Kein Inhalt, nur die übrig bleibende Essenz des Zwischenmenschlichen.

Es ist also kein filigranes Herummanipulieren an ausschließlich fremden Soundquellen. Es ist in keinster Weise ein zweites „Endtroducing“. Wenn überhaupt, dann der leicht tollpatschige, vor Neugier überquellende kleine Bruder davon. Zudem singen (und „singen“) Paul De Jong und Nick Zammuto ja oft selbst auf dem Album. Vor allem letzterer machte sich in der Indieszene auch durch seine Soloalben einen Namen.

Die Samplequellen erscheinen isoliert betrachtet ähnlich willkürlich wie deren Aneinanderreihung auf dem Album. Mal lauscht man dem Vaterunser, dann einer Stewardess nach erfolgreicher Landung in Japan. Im Anschluss teilt uns Albert Einstein seine Meinung über Mahatma Gandhi mit, einige Minuten später sitzen unsere Ohren in einem Pasolini-Film. Es fühlt sich an, als wäre man ein unbeteiligter Beobachter oder gar ein Geist, und würde ziellos um die Gegend oder gar um die Welt geschickt und lauscht dabei allem, auf das man auf dieser Reise stößt. Dabei horcht man auch in die Köpfe der Menschen herein, entdeckt Absurditäten, Widersprüche, oder glaubt es zumindest. Oft versteht man nur Bahnhof. Es ist auch nicht immer klar, ob es am eigenen Verständnis scheitert oder ob es sich objektiv um Kauderwelsch handelt. Aber ist auch komplett egal. Schließlich haben wir gelernt: Man muss nicht immer alles verstehen, man muss sich nur darin zurechtfinden. Zu viel Verständnis könnte vielleicht sogar in Entzauberung und Desillusionierung münden, um Himmels Willen!

Noch mehr Bla Bla (Bla) über Nirvana

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 26:
NIRVANA – VERY APE (1993)

Bereits in meinem letzten Track der Woche spielten Nirvana eine nicht unwesentliche Rolle. Einige Monate später (ja, ich war sehr, sehr schreibfaul) stolpere ich über die nächste Kuriosität rund um die Band. Kurios auch deshalb, weil ich die Band eigentlich nur äußerst selten bewusst höre und auch keine starke Meinung zu ihrer Musik habe, weder in die eine noch in die andere Richtung. Aber einen Bogen um deren Klänge, Mythen und Anekdoten zu machen ist eh so oder so unmöglich, wie sich erneut zeigte. Aber ich greife vor.

Die Versuchung war groß, diesen Beitrag „Gut geklaut ist besser als schlecht erfunden, Teil 2“ zu nennen, aber eigentlich geht es nicht um Klauen. Es geht um Sampling. Nur ewiggestrige Puristen würden es heutzutage noch wagen, Sampling grundsätzlich als Ideendiebstahl zu bezeichnen. Nicht wenige der besten und prägendsten Werke zeitgenössischer Musikgenres leben von kreativer Samplingarbeit. Und oft muss es auch buchstäblich nervenaufreibende Arbeit sein, bekannte wie auch irrsinnig obskure Samplequellen in einem neuen Kontext zu positionieren oder sie teilweise bis zur Unkenntlichkeit zu verzerren. Augenscheinlich irrelevante Sekundenbruchteile werden zum tragenden Fundament eines neuen Songs, Gesangspassagen fungieren plötzlich als Percussion, uralte fremdartige Folklore schleicht sich ent-fremdet (sic!) via weltbekannter Pophits in westliche Gehörgänge, alles ist möglich.

Hier noch ein kleines Stück Musik-Trivia, das mittlerweile lange schon kein Geheimnis mehr und vielen Leuten bekannt ist. Ich zeige und erzähle es trotzdem immer wieder gerne. Die britischen Blues-Rocker von Stretch waren von 1974 bis 1979 aktiv und in dieser kurzlebigen Karriere waren sie zwar sehr fleißig und produzierten unter anderem vier Studioalben, ihr einziger wirklicher Erfolg blieb jedoch die Single „Why Did You Do It?“ aus dem Debutalbum „Elastique“. In 2011, also beachtliche 32 Jahre nach der Auflösung, versuchten sie es erneut mit dem bezeichnenden Albumtitel „Unfinished Business“, erneut mit mäßigem Erfolg, trotz einer Neuauflage von „Why Did You Do It?“. In der Zwischenzeit – und davon gab es wie gesagt reichlich – vergriff sich allerdings auch eine weitere Person am Originalmaterial, und zwar kein Geringerer als Gigi D’Agostino. Man beachte in der Originalversion die Gesangspassage ab 2:31. Nicht die ganze Passage, die ersten zwei Sekunden reichen eigentlich schon. Und hier gibt‘s des Rätsels Lösung, falls die Nostalgiebombe nicht schon längst einschlug. Genau sowas meinte ich in der Einleitung mit kreativem Sampling und originellem Quellenmaterial.

Die Story an sich war mir schon lange bekannt, aber die beiden einzelnen Songs waren es noch länger. Und genau darum geht es hier, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen und eine total bekannte Samplequelle nicht schon längst als solche erkannt zu haben. Und vielleicht ist das folgende Stück Musik-Trivia sogar wesentlich bekannter als das von gerade eben und ich stand bloß mein ganzes bisheriges Leben lang mächtig auf der Leitung, jedenfalls kommen wir nun zurück zu Nirvana. 1993 erschien ihr letztes Studioalbum „In Utero“, und mittig eingebettet zwischen mehreren Kulthits findet sich dort auch der Song „Very Ape“. Rotzige zwei Minuten mit nicht minder rotzfrechem Text. Fast exakt ein Jahr später sollte dessen Eingangsriff auf einer der bekanntesten Big Beat Scheiben aller Zeiten gesampled werden:

Im Gegensatz zur ersten Anekdote kann man hier vielleicht nicht von der am kreativsten und cleversten implementierten Samplingarbeit aller Zeiten sprechen. Aber gerade deshalb ist es ein totales Rätsel, wie diese Sache jahrelang unbemerkt an mir vorübergehen konnte, obwohl ich vor allem die dutzenden, teilweise sehr guten Remixe vom The Prodigy Track extrem oft gehört habe. Ich wiederhole die Schlussworte meines letzten Tracks der Woche: Wenn man tief genug gräbt stößt man gewiss auch auf weitere Beispiele. Vielleicht sind der Leserschaft sogar einige bekannt?

Eine Playlist mit 2017er Songs, die mir gefallen haben.

Ein schöner Augusttag nimmt seinen hundsgewöhnlichen Lauf. Könnte es einen besseren Zeitpunkt geben, um sich an den PC zu hocken und eine 100 Einträge umfassende Liste aus 2017 erschienenen Songs in absteigender empfundener Qualität zusammenzustellen? Die Antwort auf diese auffallend spezifische Frage: vielleicht. So oder so habe ich genau das vorhin gemacht. Weil mir halt einfach danach war, bestimmt nicht, um zu teaminternen Jahrescharts beizutragen. Das wäre jetzt doch total unangebracht und unverlangt weil viel zu spät und sowieso.

Weitere Ausführungen zu diesem Unterfangen finden sich unter der Liste, zuerst geht’s aber ans Eingemachte:

JAHRESCHARTS 2017 – JOHANNES SCHNEIDER

  1. Godspeed You! Black Emperor – Anthem for No State
  2. Slowdive – Don’t Know Why
  3. Blanck Mass – Please
  4. Idles – 1049 Gotho
  5. Ulver – Rolling Stone
  6. Forest Swords – Panic
  7. Paul Plut – Grat
  8. Amenra – A Solitary Reign
  9. Cristobal and the Sea – Goat Flokk
  10. Forest Swords – War It
  11. Amnesia Scanner – AS Truth
  12. Idles – Benzocaine
  13. Arca – Desafío
  14. Actress – Blue Window
  15. Fleet Foxes – Cassius, –
  16. Hällas – Repentance
  17. Xiu Xiu – Wondering
  18. (Dolch) – Siren
  19. Forest Swords – Exalter
  20. Propagandhi – Lower Order (A Good Laugh)
  21. Blanck Mass – Silent Treatment
  22. Converge – Under Duress
  23. And So I Watch You From Afar – All I Need Is Space
  24. Saagara – Daydream
  25. Clams Casino – Kali Yuga
  26. Paul Plut – Klatsch
  27. Ulver – Transverberation
  28. Vince Staples – Crabs in a Bucket (Feat. Bon Iver & Kilo Kish)
  29. Protomartyr – My Children
  30. Mount Eerie – Real Death
  31. Broken Social Scene – Vanity Pail Kids
  32. Fever Ray – Red Trails
  33. Cristobal and the Sea – Smadness
  34. Whoredom Rife – Beyond the Skies of God
  35. Amenra – Children of the Eye
  36. James Holden & The Animal Spirits – Pass Through the Fire
  37. Converge – I Can Tell You About Pain
  38. Vince Staples – BagBak
  39. Fleet Foxes – If You Need to, Keep Time on Me
  40. Broken Social Scene – Protest Song
  41. And So I Watch You From Afar – Mullally
  42. Rødhåd – Target Line (feat. Vril)
  43. Ibeyi – Away Away
  44. Exquirla – El grito del padre
  45. Idles – White Privilege
  46. Godspeed You! Black Emperor – Bosses Hang
  47. Hammock – I Would Give My Breath Away
  48. Slowdive – Sugar for the Pill
  49. Hällas – The Golden City of Semyra
  50. Zugezogen Maskulin – Was für eine Zeit
  51. Acress – X22RME
  52. Grave Pleasures – Mind Intruder
  53. James Holden & The Animal Spirits – Thunder Moon Gathering
  54. Ninos Du Brasil – Condenado por un Idioma Desconhecido
  55. Blanck Mass – The Rat
  56. Laurel Halo – Jelly
  57. Full of Hell – Trumpeting Extasy
  58. Japandroids – In a Body Like a Grave
  59. Kendrick Lamar – DNA.
  60. Forest Swords – Raw Language
  61. Jlin – Never Created, Never Destroyed
  62. Oh Sees – Nite Expo
  63. Kirin J. Callinan – S. A. D.
  64. Kairon; IRSE! – Llullaillaco
  65. James Holden & The Animal Spirits – Each Moment Like the First
  66. Laurel Halo – Do U Ever Happen
  67. Yves Tumor – Limerence
  68. King Gizzard and the Lizard Wizard – Rattlesnake
  69. Propagandhi – Adventures in Zoochosis
  70. Cristobal and the Sea – Uma Voz
  71. Protomartyr – The Chuckler
  72. Von Seiten der Gemeinde – Schnåps
  73. Restless Leg Syndrome – Rooted
  74. Idles – Mother
  75. Protomartyr – Here Is the Thing
  76. FLUT – Linz bei Nacht
  77. Yaeji – Drink I’m Sippin On
  78. Ulver – So Falls the World
  79. Paul Plut – Lärche
  80. Hällas – Star Rider
  81. Vince Staples – Party People
  82. Von Seiten der Gemeinde – Provincetown Girl
  83. Slowdive – Slomo
  84. The National – The System Only Dreams in Total Darkness
  85. Wolves in the Throne Room – Born From the Serpent’s Eye
  86. Yaeji – Raingurl
  87. Carbon Based Lifeforms – Accede
  88. Zugezogen Maskulin – Teenage Werwolf
  89. Fever Ray – Plunge
  90. Casper – Keine Angst (feat. Drangsal)
  91. Queens of the Stone Age – The Way You Used to Do
  92. Témé Tan – Ça Va Pas La Tête?
  93. Restless Leg Syndrome – Trippin‘
  94. Zugezogen Maskulin – Der müde Tod
  95. Ninos Du Brasil – A Magia do Rei II
  96. Ride – All I Want
  97. Yung Hurn – Ok Cool
  98. Slowdive – No Longer Making Time
  99. Yaeji – Noonside
  100. Morrissey – I Spent the Day in Bed

 

Auch ich als in letzter Zeit leider sehr schreibfaul gewordener Mensch (legitime Ausreden dafür gibt es tatsächlich, müssen an dieser Stelle aber nicht breitgetreten werden) komme um einige Fußnoten zu dieser Auswahl nicht herum.

Man sieht den Charts meine Alben des Jahres deutlich an. Ich könnte Seiten damit füllen, im Bezug auf den Output von Idles, Forest Swords und Slowdive Superlative und überschwängliche Zuneigungsbekundungen aneinanderzureihen, sind deren Scheiben doch so oft in meinem Player rotiert wie lange nichts mehr. Am liebsten hätte ich aus diesen Alben 90% der Tracks in die Liste geklatscht, aber das wäre ja auch irgendwo fad.

Im Grunde genommen trifft auch für letztes Jahr wieder zu, was ich damals zum vorletzten Jahr schon so ähnlich beschrieben hatte: Da ich privat fast ausschließlich ganze Alben höre mache ich mir relativ wenig Gedanken darüber, welche meiner liebsten Tracks auch für sich alleine ihre volle Wirkung entfalten und welche davon „nur“ ein schönes Puzzleteil sind, das erst eingebettet im Gesamtmotiv seinen vorhergesehenen Zweck erfüllt. Von daher ist das Erstellen solch einer Liste jedes Mal ein spannendes Unterfangen, und erneut fehlen einige meiner liebsten Interpreten des Jahres, weil sie halt keine Hits schreiben.

Zum Beispiel waren Eluviums „Shuffle Drones“ eine extrem interessante Erfahrung. 23 kurze, perfekt ineinander übergehende Drone-Stücke, für die unendliche Zufallswiedergabe konzipiert. Die Songtitel aneinandergefügt sind gleichzeitig quasi die Gebrauchsanleitung:
„Simply put, the suggested manner of listening to this work is to isolate the collection and to randomize the play pattern on infinite repeat — thus creating a shuffling drone orchestration. The intent is to create a body of work specifically designed for and in disruption of modern listening habits and to suggest something peaceful, complex, unique, and ever-changing. Thank You.”
Aber so etwas hat halt in einer Liste der besten Songs keinen Platz.

Ein anderes Highlight – und neben Slowdive mein persönliches Comeback des Jahrzehnts – hat Kompakt-Labelchef Wolfgang Voigt mit seinem Hauptprojekt Gas abgeliefert. „Narkopop“ ist erneut die monolithische Mischung aus Naturaufnahmen, Samples klassischer Musik und stoisch pulsierenden (Ambient) Techno-Strukturen geworden, die schon vor der Jahrtausendwende so perfekt funktionierte. Auch die Schweizer von Schammasch weigern sich, verdauliche und wohlportionierte Songhäppchen zu basteln, haben dafür aber meine EP des Jahres aufgenommen und zeigen auf „The Maldoror Chants: Hermaphrodite“ in einem fließend ineinander übergehenden Soundkontinuum, wie Black Metal, ritueller Tribal Ambient und alle dazwischen liegenden Mischformen und Spielarten 2017 zu klingen haben. Der anscheinend im Internet und Meme-Universum wohnende Neil Cicierega hat im vergangenen Jahr die Messlatte in Sachen Mash-Ups neu adjustiert. Sorry Girl Talk. Aber irgendwie hätte es sich falsch angefühlt, diesen Bastardisierungen des Musikgeschehens Rangplätze auf der Liste zu vergeben. Andere Highlights aus 2017, die sich dem Song-Format entzogen, waren der sphärische Ambient Techno, den Vril mit „Anima Mundi“ auf 2 ausufernde, nicht näher betitelte Tape-Hälften gebannt hat, sowie die tieftraurige akustische Begräbnisprozession, welche das 80-Minuten-Monstrum „Mirror Reaper“ von Bell Witch darstellt.

Umgekehrt haben es auch einige Singles auf die Liste geschafft, deren Alben entweder nicht zünden konnten oder ich nicht einmal kenne, weil ich ja trotzdem hin und wieder bei musikbegeisterten Freunden unterkomme oder hin und wieder auch Radio höre(n muss), primär die „großen“ Indie-Sender des deutschsprachigen Raums, und dort halt doch nicht ausschließlich Blödsinn läuft. Von dem her vielen Dank an die liebe öffentlich-rechtliche Rundfunklandschaft.

Das war ja eigentlich ein kurzweiliges Verfangen. Vielleicht wiederhole ich das nächstes Jahr wieder, vielleicht sogar einige Monate früher. Einfach so. Vielleicht.

Lieber gut geklaut als schlecht erfunden

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 24:
THE DAMNED – LIFE GOES ON (1982)

Lasst uns kurz über eine Situation reden, von der ich mit standfester Überzeugung behaupten möchte, dass sie bestimmt nicht nur mir regelmäßig widerfährt. Irgendwo setzt im Hintergrund dieses eine Bassgitarrenriff ein, das jedem Menschen  der westlichen Welt geläufig sein sollte. Und trotzdem, auch nach gefühlt tausendmaligem Hören, frage ich mich für einen ganz kurzen Moment, bevor sich die ganze Sache sehr schnell aufklärt: „Ist das jetzt Under Pressure oder ‚Ice Ice Baby‘?“ Spielt die Eckkneipe meines Vertrauens jetzt den zeitlosen Rock-Klassiker von Queen und David Bowie oder doch die sieben Jahre jüngere, auf eine seltsame Art ebenfalls zeitlose HipHop-Nummer von Vanilla Ice, in der ein Sample des Basslaufs vom Queen-Song die Basis bildet? Je nach Alter/Generation, Geschmack, musikalischer Sozialisation oder Trash-Schmerzgrenze dürfte man geprimt sein, instinktiv zuerst entweder an das eine oder das andere Lied denken zu müssen.

Schnitt, Szenenwechsel. In meiner WG kann es des Öfteren ein wenig lauter werden, aber eher selten auf musikalische Art. Zumindest war das bis vor kurzem so, aber in letzter Zeit greift ein Mitbewohner wieder vermehrt zur Gitarre. Am häufigsten schallt derzeit das Eingangsriff von NirvanasCome as You Are“ durch die Gänge. Und jedes Mal, wenn ich diese Melodie höre, muss ich immer zuerst an den Song „Eighties“ von Killing Joke denken, welcher dem Nirvana-Song acht Jahre vorausgeht. Die Ähnlichkeit der beiden Gitarrenmelodien entging der Musikwelt damals nicht und löste rund um die Veröffentlichung des Nirvana-Songs einige Kontroversen aus. Sowohl der Fall Queen vs. Vanilla Ice als auch der Fall Nirvana vs. Killing Joke sind interessante und recherchierenswerte Geschichten voller widersprüchlicher Aussagen, offener Fragen und Ambiguitäten, die jeder für sich nachlesen kann und auf die ich jetzt nicht unbedingt im Detail eingehen muss.

Jedenfalls habe ich meinen Mitbewohner auf besagte Ähnlichkeit hingewiesen und er war doch recht erstaunt über dieses nette Stück Musiktrivia. Ich staunte aber ebenfalls nicht schlecht, als ich die ganze Thematik daraufhin nochmal nachlesen wollte und auf etwas stieß, was mir neu war: Noch zwei Jahre älter als der Killing Joke Song ist ein Stück der britischen (Post-)Punker The Damned namens „Life Goes On“, welches wieder mit exakt jener Gitarrenmelodie beginnt. Während solche Debatten über Ähnlichkeiten in Songs öfters auftauchen, kann man hier fast schon nicht mehr von „Ähnlichkeiten“ sprechen. Bandmitglieder von Killing Joke streiten jedoch ab, den Song vorher gekannt zu haben. Unterm Strich habe ich durch diese ganze Geschichte jedenfalls ein Lied kennengelernt, welches sich mit seiner melancholisch-verträumten Ader direkt in mein Ohr und Herz eingenistet hat und innen weiterrotiert, wenn ich die Repeat-Funktion schon längst deaktiviert habe.

Abschließend noch eine weitere Kuriositätenperle obendrauf: Die norwegische Gothic Rock Band Garden of Delight bediente sich 1984 auf „22 Faces“ ebenfalls bei besagter Eingangsmelodie. Somit sind wir schon bei drei (bzw. vier) Songs aus dieser Ära mit demselben Riff angelangt. Und wenn man tief genug gräbt stößt man gewiss auch auf weitere Beispiele. Vielleicht sind der Leserschaft sogar einige bekannt?

Frühjaarsputz

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 20:
A.A.L. (AGAINST ALL LOGIC) – SOME KIND OF GAME (2018)

Es gibt Leute, die in ihren Zwanzigern immer noch einigermaßen planlos durch das Leben streifen, nicht wirklich einem ambitionierten Ziel entgegenstreben oder einfach einem roten Biografiefaden folgen, sondern einfach nur versuchen, den Alltag zu meistern und dabei nicht alles völlig falsch zu machen. Und es gibt Leute wie Nicolas Jaar. Der in New York geborene Sohn chilenischer Eltern ist aktuell knackige 28 Jahre alt und hat im vergangenen Jahrzehnt so einige Nischen alternativer Musik mitgestaltet, unter verschiedenen Pseudonymen und Projekten mehrere Referenzalben unter das Volk gebracht und sich eine treue Fangemeinde erarbeitet, die wohl genauso bunt ist wie sein Output.

Nicolas Jaar

Als seine erste EP veröffentlicht wurde, war Jaar gerade mal 17 Jahre alt, und das drei Jahre später erschienene Debutalbum „Space Is Only Noise“ erntete in allen erdenklichen Fanzirkeln und Magazinen Lob und Anerkennung und erklomm dementsprechend in vielen Jahrestoplisten respektable Topränge. Bereits zu diesem Zeitpunkt war es nicht leicht, die Musik mit schmissigen Genrebezeichnungen und Kunstbegriffen akkurat zu definieren. Unorthodoxe Samplequellen, Querverweise und Kreuzungen mit anderen Genres stehen seit jeher an der Tagesordnung. Auf der Tanzfläche stampft House, in der Lounge pfeifen stilvoll Downtempo und Soul durch die Whiskeygläser, und „Space Is Only Noise“ klemmt irgendwo in der Mitte zwischen den Stühlen fest.

Die Begriffe „Ambient Pop“ oder „Art Pop“ funktionieren bei solchen Sachen auch immer, wenn die Musik beizeiten sehr catchy ist, sich aber sowohl der Radiotauglichkeit als auch einem Fixplatz innnerhalb ausdefinierter Schubladen vehement verwehrt. Auch das 2016 erschienene „Sirens“ ist eine Collage aus diffusen Ambient-Teppichen, kontrastierenden Synth-Punk- und Kraut-Anleihen Marke Suicide, in Unterwasser-Dub-Produktion versteckten Versatzstücken lateinamerikanischer Musik, deren Benennung ich mir gar nicht erst zutraue, et cetera.

Zwischen den beiden Veröffentlichungen schrieb Jaar unter anderem auch noch „Pomegranates“, ein alternativer Soundtrack zum sowjetischen bzw. armenischen Film „Die Farbe des Granatapfels“ aus 1969. Das bekannteste seiner Projekte dürfte allerdings Darkside sein, ein Kollaborationsprojekt mit dem Multi-Instrumentalisten Dave Harrington. Auf „Psychic“ werden Jaars bunte Klangmalereien mit ebenso vielseitigem Gitarrenspiel ergänzt und erhalten eine sehr funkige Note, die den Mitwippfuß ordentlich in die Gänge kommen lässt, nicht selten ist aber auch ein ordentlicher psychedelischer Einschlag spürbar.

In welche waghalsigen Gefilde führt diese Entwicklung? Was erwartet den neugierigen Freund experimentierfreudiger Musik? Na eingängiger, tanzbarer, lebensfroher und frische herausgeputzter Deep House, eh klar. Statt dem Avantgarde-Feuilleton (oder zusätzlich dazu?) wird die Disco erobert. Wie bitte, das ist gegen jegliche Logik? Dann passt’s ja. Unter dem Namen A.A.L. (Against All Logic), einem bis vor kurzem relativ unbekannten Nebenprojekt Jaars, veröffentlichte er vor wenigen Wochen „2012 – 2017“, eine Ansammlung von Tanzflächenhymnen, die es in sich haben. Weiterlesen

Kalte Klänge für kalte Tage

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 17:
ERIC HOLM – STAVE (2014)

Wir haben temperaturtechnisch eine sehr ambivalente Woche hinter uns. Vor allem Mitte der Woche gab es Minusgrade jenseits der 20 trotz Sonnenschein, dann wieder beinahe T-Shirt-Wetter, schneidende Eiseskälte in der Emotionslandschaft jener Singles, die den Valentinstag etwas zu ernst nahmen, dahinschmelzende Herzen bei manch anderen, dahinschmelzender Schnee auf matschigen Gehsteigen, die anschließend erneut zugeschneit werden, dann wieder Sonne. Nach den momentanen paar Tagen angenehmer Schönwetter-Verschnaufpause schreiten wir schon wieder geradewegs der nächsten Kaltfront entgegen. Es wird also höchste Zeit für den passenden Soundtrack dazu.

Es gibt viele Mittel und Wege, wie man mit Musik den frostigen Tagen des Jahres Tribut zollen kann. Gewiss können entsprechende Songtexte innere Bilder von arktischem Schneetreiben hervorrufen, Samples von Schneetreiben oder ähnlichen eisigen Soundkulissen können ebenfalls für Kopfkino sorgen, aber in den meisten Fällen ist es eher die Musik an sich, welche widerspenstige Kälte ausstrahlt. Ganze Instrumente und ihre Klangfarben werden von Hörern als „warm“ oder eben „kalt“ erlebt und bezeichnet. Oft sind es harmonische, konsonante und organisch anmutende Klänge, die als warm beschrieben werden. Die Abwesenheit dieser Eigenschaften wirkt für die meisten Hörer als unterkühlt, auch wenn letzten Endes jeder Mensch Musik anders einschätzt und das musikalische Konsonanzempfinden für verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen ein wenig variiert. Auch Hörgewohnheiten spielen eine Rolle. Jemand, der öfters mit Musikrichtungen wie Noise, Drone oder Metal in Berührung kommt, hat vermutlich weniger Probleme, hinter den Wänden aus Verzerrung, Feedback und Störgeräuschen auch „warme“ Klänge ausfindig zu machen als andere Menschen.

Trotz aller Geschmacksfragen will ich hier stocksteif behaupten, dass dissonante, maschinell-industrielle und sterile Sounds unterkühlt wirken. Urban und entfremdet eben. Eine weitere Assoziationshilfe ist alles, was aus dem hohen Norden stammt. Denn Musiker, die aus kalten Gegenden mit wenigen bis teilweise gar keinen Sonnenstunden stammen, lassen dies sicher in ihre Zunft einfließen und können folglich ja nur dunklere Musik produzieren, oder? Ich weiß ja nicht.

Der Londoner Produzent Eric Holm hat es auf seinem Debutalbum „Andøya“ jedenfalls geschafft, sowohl das Maschinelle als auch das Nordisch-Winterliche zu verbinden, und das auf recht ungewöhnliche und innovative Art und Weise. Sämtliche Geräusche, die auf dem Album zu atmosphärischen und mysteriösen Dark Ambient Soundflächen verwandelt wurden, entstammen einem Kontaktmikrofon, welches Eric Holm an einem Telegrafenmast auf der titelgebenden nord-norwegischen Insel Andøya anheftete. Jene Masten verbinden offenbar eine Reihe alter militärischer Abhörstationen, und auch wenn (oder gerade weil) ich mit der Technik von Kontaktmikrofonen und Funkmasten nicht vertraut bin, erstaunt mich umso mehr, was für Geräusche diesem Prozess zu entnehmen sind und welch vielseitige industrielle Soundskulpturen ein versierter Produzent aus ihnen herauskitzeln kann. Die sechs Tracks auf „Andøya“ folgen alle einem recht linearen Aufbau, führen ein Soundmuster ein, welches im Verlauf an Detailtiefe und Intensität zunimmt und irgendwann wieder abschwillt. Doch jeder einzelne Track beherbergt andere Charakteristiken. Dem voluminösen, bis ins Unendliche widerhallenden Pochen von „Stave“ könnte man am ehesten noch einen organischen Soundursprung zuschreiben, überdimensionierte Klanghölzer oder dergleichen, wenn da nicht das statische Zischen und Rauschen wäre. In anderen Stücken sind es eher die tiefen Sub-Bässe, welche bedrohlich grollen und sich vor dem Hörer aufbäumen. Manchmal fühlt sich ein Track auch sehr elektronisch an, auditive Halluzinationen unter einem Hochspannungsmasten in der einsamen Prärie. Und das ominöse Fiepen des Rausschmeißers „Andøya“ könnten genauso gut ferne, verzerrte Streichinstrumente sein und lässt an klassische Lustmord-Alben denken.

Und auch, wenn das Ergebnis dieses nordischen Soundexperiments sehr gelungen ist und die Auseinandersetzung mit widerspenstigen Klängen generell etwas sehr Lohnendes haben kann, und auch wenn es sehr nett ist, für atmosphärische Musik auch das entsprechende Klima vor der Haustür zu haben, sehne ich jetzt trotzdem stabileren und wärmeren Tagen mit mehr Sonnenstunden entgegen.

 

Ein Stück Einfachheit

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 13:
OH SEES – NITE EXPO (2017):

Das Dasein als Garagenrockband stellt man sich oftmals so vor, wie der von ihnen produzierte Sound klingt: schnörkellos, geradeaus, unverkopft und nicht zuletzt sehr kurzweilig. Und auch, wenn Thee Oh Sees (alternativ auch einfach Oh Sees, The Oh Sees, The Ohsees, OCS, oder wie auch immer Mastermind John Dwyer und seine Mitstreiter gerade genannt werden wollen) sicher noch genug vom bewusst roh und wild gehaltenen Sound in ihrer Musik tragen, so ist die vielbeschäftige Band doch weit vom stereotypischen Vorstadt-Garagenprojekt entfernt.

Zum einen sind die Jungs bei weitem keine Teenager mehr und die Band existiert mittlerweile bereits seit mehr als 20 Jahren. In dieser stattlichen Laufbahn brachte das unermüdliche Kollektiv, wenn man den öfters mal wechselnden Musikerkreis rund um Dwyer so nennen will, sage und schreibe 19 Studioalben heraus. Zum anderen beschreibt „Garage Rock“ höchstens das Fundament und die Soundästhetik der Musik und wird der regelrechten Wundertüte an Genrespielereien und Ideen, die auf jedem ihrer Alben auf die Hörerschaft losgelassen werden, nur ansatzweise gerecht.

Auf dem aktuellen Album „Orc“ finden sich nicht selten schwere  Riffs, die am Metal-Territorium kratzen, Rücken an Rücken mit Synthesizern, welche die Gitarren entweder begleiten oder ihr völlig eigenes Retroding durchziehen. Droniges, zähflüssiges Gitarrengewaber wird von Streichinstrumenten begleitet, das Drummer-Doppelpack (!) entführt das Songgerüst und gibt es erst nach einem mehrminütigen Solopart wieder her, der dumpfe Bass reitet wellenartig auf und ab, bis selbst der Sänger nur noch ein in Delay getränktes Japsen hervorbringt. Oh ja, und Psychedelia! Das Album spart nicht mit diversen Facetten psychedelischer Musik, ob nun zeitgemäße Heavy Psych Jamparts oder auch direkt von krautig-kauzigen Bands der 60er und 70er entliehene Versatzstücke.

Aber trotz aller Verspieltheit, der Kern bleibt. Wenn nicht gerade völliger Virtuoso-Wahnsinn passiert, ist man im Garagensound daheim. Es scheint immer noch hauptsächlich darum zu gehen, Spaß zu haben, nicht lange zu fackeln und seine Ideen als Band zu realisieren. Spaß und Rückbesinnung auf einfachere Zeiten waren laut Pressetext auch Hauptgrund dafür, rund um Halloween ein sehr einfaches und verspieltes Musikvideo zum Song „Nite Expo“ zu veröffentlichen. „Imagination running wild and no thoughts of a heavy world.“

Track schön und gut, aber eigentlich handelt es sich hier eher um das Musikvideo der Woche. Jede Sekunde des von Alex Theodoropulos handgezeichneten Videos hat diesen „so bad it’s good“-Charme uralter Cartoonserien. Es ist irgendwie herrlich absurd, mit anzusehen, wie der Protagonist über die Länge des Songs hinweg einfach nur durch einen schier endlosen Tunnel stapft und mühelos ein plump und simpel animiertes Monster nach dem anderen zerschnetzelt. Und als würde man nicht ohnehin bereits kopfkratzend mit einer Mischung aus Belächeln, Unterhaltung und Verwirrtheit vor dem Bildschirm hocken und sich Gedanken um Sinn und Unsinn dieses farbenfrohen Monsterblutbads machen, wartet das Ende des Videos mit einem Outro auf, wo endgültig bei jedem entweder Fassungslosigkeit oder Gelächter eintreten dürfte.

Unabhängig davon, ob man dieses simple Video jetzt auf seine eigene Art und Weise charmant und unterhaltsam oder eben total bescheuert findet, darf man sich den Song und auch das dazugehörige Album gerne zu Gemüte führen.

Going out with a bang: Ein buchstäbliches Samplefeuerwerk!

Um es in guter alter und höchst kreativer journalistischer Tradition zu sagen: Wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu und Silvester steht vor der Tür. In unseren Breitenkreisen bedeutet das für die meisten Leute, dem über die Weihnachtstage angefressenen Winterspeck zusätzlich noch ordentliche Mengen Alkohol beizumengen, sich Vorsätze für mindestens 365 Tage zu machen, welche höchstens 14 Tage anhalten, und diesen Schritt in das eher kurzlebige neue Leben mit Böllern, Raketen und allen anderen Wundern der Pyrotechnik zu feiern. Man kann zu Feuerwerk stehen, wie man will, und es gibt sicher genug, was man daran scharf kritisieren kann, von Umweltverschmutzung bis hin zu in Panik versetzten Haus- und Wildtieren. Aber schön anzusehen sind sie, darauf lasse ich nichts kommen.

Zusätzlich zum optischen Aspekt sind Feuerwerke aber auch ein akustisches Phänomen. Raketen pfeifen, quietschen, prasseln, knallen, sie explodieren scharf und unmittelbar oder dumpf und als vielfaches Echo widerhallend. Ebenso vielfältig sind die möglichen Assoziationen zu diesem Geräuschtumult, vom nostalgischen Schwelgen an unvergessliche Abende mit den Liebsten bis hin zu Analogien zu Kriegs- und Schlachtenlärm. Die meisten Leute dürften aber eher feierliche Assoziationen zum Thema Feuerwerke haben, und auch die Musikwelt bedient sich dieser Bilder und Stimmungen gerne.

Songs, in deren Songtiteln oder -Texten sich Verweise auf die wohl ästhetischste Art der Geldverbrennung finden, gibt es zur Genüge. Ich persönlich denke sofort an den entsprechenden Song von Animal Collective, oder an die Band Explosions in the Sky, welche als instrumentale Truppe zwar schlecht über Feuerwerke singen können, diese aber stets im Bandnamen mittragen. Die meisten anderen denken wohl als erstes an den Song von Katy Perry, und ich weiß jetzt schon, dass er mich nun den restlichen Tag über als Ohrwurm verfolgen wird. Die Liste könnte man unendlich fortsetzen, und für Interessierte bietet das Internet auch bereits einige Auflistungen von Songs mit „Fireworks“ im Titel. Aber in welchen Songs sind Feuerwerke auch tatsächlich enthalten? Tracks, in denen das Raketengetöse als Sample zu hören ist, sind schon etwas schwerer zu finden, aber nichts desto trotz gibt es einige nette Beispiele und jenen Stücken ist auch dieser Artikel hier gewidmet. Allerdings: Nicht jeder der  gezeigten Tracks schmiegt sich passend in eine feierliche Silvesterplaylist ein und manche Stücke dürften für einige sogar regelrecht ohrenfeindlich sein – wie es für manche Leute eben auch bei echten Knallkörpern der Fall ist.

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Die spätesten Jahrescharts des Universums Teil 2(017) – Die Rückkehr

Wahnsinn ist es definitiv. Ob es dennoch Methode hat und ob sich Shakespeare beim Schreiben von Hamlet solch ein Spätzündertum wie das unsere ausmalen konnte, sei dahingestellt. Zu dieser Extraportion Langsamkeit und Prokrastination passt Faulheit wie die Faust aufs Auge, deshalb übernehme ich direkt die Kernaussage vom Vorjahr: Während seriöse Musikjournalisten allerorten schon an ihren Halbjahresbestenlisten 2017 feilen (wir schreiben seit zwei Tagen schließlich schon Juni!), kommt der Spätzünder-Blog HIT The Bassline JETZT mit den Top-100 für 2016 ums Eck …

An legitime Ausreden glaubt hier schon lange keiner mehr, stattdessen also lieber ein paar Worte zur Musikauswahl, die das längst vergangene Jahr so hergab. Ein Musikjahr, dessen Geschichten und Geschehnisse gefühlt so stark von Verlust geprägt waren wie kaum ein Jahr zuvor. Kaum ein Monat ohne Schläge in die Magengrube in Form von Todesfällen namhafter bis legendärer Akteure des globalen Musikgeschehens, und nicht bloß bei Bowie und Cohen passierte es nur kurze Zeit nach Erscheinen neuen Materials des Künstlers. Ein Umstand, der viele Neuerscheinungen – und auch solche, die sonst vielleicht nicht ganz so viel Beachtung gefunden hätten – in ein völlig eigenes Licht tauchte. Und damit auch ein Umstand, den man unmöglich ausblenden kann, wenn man sich der ohnehin irgendwo seltsamen Aufgabe annimmt, Musik in eine Rangliste zu stopfen.
Für mich persönlich war es ein Jahr voller Gegensätze. Während der Entdeckergeist nicht nachließ und wie jedes Jahr ein paar Schritte mehr in Richtung abstrakter, experimenteller Musik gewagt wurden, habe ich gleichzeitig auch mehr gefälligere, poppigere Sachen gehört als sonst. Ersteres ist in den Charts hier nicht wirklich ersichtlich, da diese Musikrichtungen meist eher nicht auf Songbasis funktionieren, letzteres hat hier aber definitiv Spuren hinterlassen.

In dem Sinne war es für mich auch sehr interessant, zum ersten Mal eine Topliste aus Songs zu erstellen. Ich klaube schon jahrelang meine Favoriten des vergangenen Jahres zusammen, aber eigentlich immer als Albumcharts. Die Herangehensweise beim Zusammenstellen der Lieblingssongs war überraschend anders. Man wird sich erst bewusst, welche Alben echte „Album-Alben“ sind, deren Songs sich erst im Kontext entfalten und für sich alleine nicht viel Aussagekraft besitzen. Deshalb ist von einigen meiner Lieblingsalben kein Stück in der Liste vertreten. Umgekehrt finden sich dort aber auch Lieder aus Alben wieder, die es niemals in meine eigentlichen Bestenlisten schaffen würden.

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