Kaffee, Küche, Kippen, Keller – Korona?

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 33: THE DÜSSELDORF DÜSTERBOYS – KAFFEE AUS DER KÜCHE (2019)

Pandemie, Quarantäne und Ausgangssperre: Darunter geht’s wohl nicht ab, damit sich hier am Blog mal wieder was bewegt und die altehrwürdige Kategorie des „Tracks der Woche“ (der letzte stammt, hüstel, aus dem Oktober 2019) eine so nicht mehr erwartete Rückkehr feiert. Dafür sogar eine dauerhafte? Man darf den Optimismus nicht verlieren!

Und nein, der aktuelle Track der Woche ist definitiv kein Corona-Track – schließlich stammt er schon aus dem Vorjahr. Und bietet textlich und musikalisch weder finstere Dystopien noch trotzige Durchhalteparolen oder leidenschaftliche Solidaritätsaufrufe. Trotzdem passt er irgendwie perfekt in die aktuelle Situation.

Ich hol den Kaffee aus der Küche / Ich hol die Kippen aus dem Schrank /
Ich hol den Wein aus dem Keller / Und hau den Nagel in die Wand.

Genau, das ist auch schon der komplette, so einfache wie vieldeutige Text (der in den Background-Vocals noch einmal in der dritten Person Einzahl gespiegelt wird). Wie er ursprünglich gemeint ist? Kein Ahnung. Vielleicht als Metapher für eine denkbar unglamouröse, prekäre Künstler-/Bohemien-Existenz? Für ärmlichen Hedonismus? Oder aber als Kritik an einer spießbürgerlich-biedermeierlichen „My home is my Castle“-Mentalität samt borniertem Heimwerkerdenken (so ähnlich wie in „Mach es nicht selbst“ von Tocotronic)?

Klar ist wie gesagt: Um Corona geht es hier. Und doch lassen die ultrareduzierten Lyrics und der emotionslose bis latent aggressive Vortrag genau die Bilder aufsteigen, die unseren aus den Fugen geratenen Alltag derzeit prägen: räumliche Beschränkung, Rückzug auf Routinen und die „einfachen Dinge“, sprich auf Konsum jeder Art, nicht zuletzt auch jenen von legalen Rauschmitteln. So dürfte es derzeit vielen ergehen – zumindest jenen, die so privilegiert sind, dass sie nicht täglich in Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen, Supermärkte oder öffentliche Verkehrsmittel eilen müssen, um unseren kollektiven Laden am Laufen zu halten. Von jenen, die ihren Job verloren haben oder zu verlieren drohen, wollen wir hier gar nicht reden.

Jedenfalls ist die Szenerie dieses Songs eng, klein, beschränkt, banal, denkbar weit weg von großen Themen und Gefühlen – und damit sehr passend für den Zustand einer Gesellschaft im Rückzugsmodus.

Musikalisch ist das Ganze hingegen ein verdammter (dabei stilistisch gar nicht so leicht zu schubladisierender) Ohrwurm, wie ihn in Deutschland derzeit kaum jemand besser hinbekommt als die Düsseldorf Düsterboys. Ok, höchstens noch International Music. Denn die Düsterboys Pedro Crescenti und Peter Rubel bilden auch zwei Drittel der letztgenannten Band, die 2018 mit „Die besten Jahre“ eines der, äh, besten Alben des Jahres abgeliefert haben.

Übrigens kommen die Finsterburschen gar nicht aus Düsseldorf, sondern aus Essen. Aber allein die Alliteration ist das Düsseldorf wert – und die musikgeschichtlichen Assoziationen, die im Namen mitschwingen, dürften wohl auch beabsichtigt sein. Schließlich ist Düsseldorf so etwas wie die heimliche Musikhauptstadt Deutschlands – von den Krautrockern Neu! und La Düsseldorf (sic!) über DAF (R.I.P.), Fehlfarben, Der Plan, KFC, Rheingold oder die, äh, Toten Hosen bis hin zur Antilopen Gang.

Im Mai hätten die Düsseldorf Düsterboys übrigens in der wunderbaren Jungen Talstation in Innsbruck auftreten sollen, ein Termin, den wohl nicht nur ich mir bereits dick und fett im Kalender angestrichen habe – und der unter den obwaltenden Umständen wohl kaum halten dürfte. Hoffentlich gilt hier wie bei so vielen anderen Dingen: aufgeschoben, nicht -gehoben.

Weitere Anspieltipps:
– Düsseldorf Düsterboys – Oh Mama, Messwein, Teneriffa, Meine Muse, Nenn mich Musik
– International Music – Für alles, Cool bleiben, Du Hund, Metallmädchen, Dein Daddy ist rich

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