Archiv für den Monat: Dezember 2018

O Tannenbaum, o Douglastanne! Weihnachten in Twin Peaks

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK [EP] DER WOCHE, # 30:
JHEREK BISCHOFF – CHESTNUTS ROASTING ON AN OPEN FIRE WALK WITH ME (2017)

Für manche Menschen (nicht nur für überzeugte Atheisten) soll Weihnachten ja der Horror sein. Andere wiederum verbinden mit dieser Zeit des Jahres die spezielle Magie der Kindheit, die geheimnisvolle Aura, die das große Fest damals umgab und der sie im Erwachsenenleben (mehr oder weniger erfolgreich) nachjagen. Für beide Gruppen könnte dieser Track, präziser: diese EP der Woche von Interesse sein – vorausgesetzt, sie sind Fans von Twin Peaks.

In diesem Fall wird ihnen schon der Titel der EP ein seliges Lächeln aufs Gesicht zaubern und/oder wohlige Schauer den Rücken hinunterjagen: „Chestnuts Roasting on an Open Fire Walk with Me“ hat der kalifornische Musiker, Arrangeur und Komponist Jherek Bischoff sein Werk getauft – was nicht nur einen wunderbaren Teamnamen fürs Pubquiz abgäbe, sondern auch sofort verrät, was Sache ist: Es handelt sich hier – erraten! – um sehr bekannte (mir als Nicht-Amerikaner teilweise auch unbekannte) Weihnachtslieder, die im unverkennbaren Twin-Peaks-Stil interpretiert werden.

Zugegeben, das ist zunächst einmal vor allem die skurrile Fingerübung eines Nerds [auf die mich mein popkulturell umfassend interessierter Kumpel Peter aufmerksam gemacht hat; danke dafür] und wäre früher wohl direkt im Exotica- oder Novelty-Regal gelandet. Auch Bischoff selbst beschreibt den Versuch als „dark“, „moody“ und „totally ridiculous“.

Zugleich ist das Ganze aber sehr liebevoll und detailversessen gemacht, mit offensichtlicher Leidenschaft für die dunkle Magie von Twin Peaks im Allgemeinen und die kongenialen Scores von Angelo Badalamenti im Speziellen. Bischoff ist hier nicht (nur) auf den schnellen Lacher, den billigen Effekt oder den offensichtlichen Strangeness-Faktor aus. Immerhin hat er auch das aufwühlende, verstörende und zutiefst ernsthaft gemeinte Twin-Peaks-Album von Xiu Xiu produziert (einer Band, der Bischoff früher selbst angehörte).

An dessen emotionale Intensität reichen diese Weihnachtslieder natürlich nicht einmal annähernd heran (und wollen es wohl auch gar nicht), aber reizvoll und sympathisch ist das Ergebnis allemal: Vor allem der Bass mit einer Extraportion Twang und Hall und die sphärischen Synthieflächen lassen sofort Bilder von Douglastannen, Kirschkuchen, Sägewerken, roten Vorhängen und narkotisierenden Bodenfliesen durchs Hirn flimmern. Dazu gibt es Schlittenglöckchen und knisterndes Kaminfeuer.

Das bereitet phasenweise richtig Freude – sogar bei einem zu Tode genudelten Schmachtfetzen wie „Happy Xmas (War is Over)“ von John Lennon. Da schimmert (bei mir) zwar noch der Schrecken gymnasialer Englisch- oder Musikstunden durch, doch die schaurig-schöne, dramatische Twin-Peaks-Soundästhetik deckt diesen gnädig zu wie frisch fallender Schnee. Und man könnte sich fast vorstellen, wie dazu im Double R Diner langsam und innig getanzt wird.

Bischoff zeigt keine Angst vor Kitsch und Romantik, was gut zu Twin Peaks passt. Eine der ganz großen Stärken der Serie (und von David Lynch) ist es ja gerade, in vermeintlichem Kitsch Wahrhaftigkeit und Schönheit zu entdecken. (Trotzdem ist man froh, dass Bischoff zumindest „Last Christmas“ dort gelassen hat, wo es hingehört. Weit, weit weg).

Auch das EP-Cover läutet natürlich all jene Weihnachtsglöckchen, die den konditionierten Twin-Peaks-Fan speicheln lassen, von der Wrapped-up-in-plastic-Ästhetik bis zum giftgrünen Schriftbild.

Beim finalen „Silent Night“ fällt die Adaption vielleicht ein bisschen plump aus, dafür bleibt aber die Erkenntnis, dass „Stille Nacht“ (auch in dieser Version) wirklich ein sehr schönes Lied ist. Btw, ob Gruber und Mohr heutzutage wohl Twin-Peaks-Fans wären?

Statt über diese bizarre Frage wirklich nachzudenken, wünsche ich euch, liebe LeserInnen, lieber frohe Weihnachten – und zitiere als Handlungsempfehlung ausnahmsweise mal die VICE: „Listen to it in your family home; avoid ceiling fans.“

Von Kauderwelsch und Zufallsgeneratoren

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE # 29:
THE BOOKS – TAKE TIME (2003)

„Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurecht finden.“ Ein Aphorismus, der sehr häufig Albert Einstein zugeschrieben wird. Klingt ziemlich nach kitschigem Wohnzimmer-Wandtattoo und siehe da: Tatsächlich stößt man bei der Suche nach Quellenangaben auf exakt das. Aber in bestimmten Bereichen des Lebens ist es sicher keine schlechte Idee, mehr Wert auf subjektives Wohlfühlen und „Zurechtfinden“ zu legen als auf reines Verständnis. Musik zum Beispiel.

Das Album „The Lemon of Pink“ von The Books ist bei Erstkontakt sehr wirr. Die Songs – wenn überhaupt als solche identifizierbar – wirken eher, als hätte man Interviewschnipsel, Gesangsfragmente und Folkgefiedel, -gezupfe und gestreiche aus allen Erdenwinkeln durch einen Zufallsgenerator gejagt. Man muss in der Schule kein Statistik-Ass gewesen sein, um zu wissen, dass es bei einer zufälligen Aneinanderreihung von allen möglichen Klangpuzzleteilen zwar nicht unmöglich ist, dass etwas Sinnhaftes und Schönes dabei heraus kommt, aber sehr unwahrscheinlich. Aber nicht alles, was auf dem ersten Blick random wirkt, ist es auch. Und mit ausreichend Geduld und Zeit entfalten sich die Ideen auf dem Album auch einigermaßen und man sieht sowohl die Bäume als auch den Wald. Also nehmen wir uns etwas Zeit.

„Take Time“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie dieser Patchwork-Zugang zu Songwriting gut funktionieren kann und wieso das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist. Hinter dem wiederkehrenden Gelächter und allen anderen  Sprachsamples sind die warmen, akustischen Instrumente der Klebstoff, der alles formschön zusammenhält. Hinzu kommt das titelgebende, selbst eingesungene „take time“, das sich wie ein Mantra wiederholt. Wobei, in diesem Fall eher wie das stoische Ticken einer alten Uhr. Vor allem gegen Songende hört man das stark betonte K und es wird klar, dass diese Tick-Assoziation nicht von ungefähr kommt. Beinahe so, als hätte man den Songtitel konsequent zuende gedacht, entwickelt der Track eine eigene Rhythmik, die sich bis zum im wahrsten Sinne des Wortes taktvollen Timing der Samples durchzieht.

In diese Collage aus Instrumenten und Stimmen, aus Melodien und deren Manipulationen, floss natürlich einiges an Feinschliff und Liebe zum Detail. Und Zeit eben. Wie viel genau ist schwer zu sagen. Wohl nicht zu wenig, sodass ein rundes Ding dabei herauskam, mit Anfang, Ende und allem dazwischen. Aber auch nicht zu viel, denn es wirkt zu keiner Sekunde verkopft und glatt. Das ist sehr wichtig, da die Leichtfüßigkeit ein großer Teil dessen ist, was den Flair des Albums ausmacht. „The Lemon of Pink“ als ganzes Album ist weit davon entfernt, perfekt zu sein, was auch immer das im konkreten Fall überhaupt heißen soll. Das könnte es auch gar nicht, schließlich klingt das Album derart menschlich, und wann ist etwas schon „perfekt“, wenn es menschelt? Gerade weil sich das Album trotz aller Verfremdungen so vertraut anfühlt, gelingt es ihm jedes Mal aufs neue, mir ein Grinsen ins Gesicht zu zaubern. Die menschliche Komponente wird beispielsweise im Outro „PS“ sehr deutlich unterstrichen. Dieser einminütige Rausschmeißer ist im Endeffekt ein Interview, das The Books mit NPR-Radiomoderatorin Terri Gross geführt haben. Nur hört man dabei nichts vom eigentlichen Interview, sondern stattdessen die Ähms und Öhms, die peinliche Stille und die holprigen Füllwörter. Kein Inhalt, nur die übrig bleibende Essenz des Zwischenmenschlichen.

Es ist also kein filigranes Herummanipulieren an ausschließlich fremden Soundquellen. Es ist in keinster Weise ein zweites „Endtroducing“. Wenn überhaupt, dann der leicht tollpatschige, aber vor Neugier überquellende kleine Bruder davon. Außerdem besteht „The Lemon of Pink“ nicht ausschließlich aus Sampling, Paul De Jong und Nick Zammuto singen (und „singen“) viele Stellen des Albums selbst ein. Vor allem letzterer machte sich in der Indieszene auch durch seine Soloalben einen Namen.

Die Samplequellen erscheinen isoliert betrachtet ähnlich willkürlich wie deren Aneinanderreihung auf dem Album. Mal lauscht man dem Vaterunser, dann einer Stewardess nach erfolgreicher Landung in Japan. Im Anschluss teilt uns Albert Einstein seine Meinung über Mahatma Gandhi mit, einige Minuten später sitzen wir in einem Pasolini-Film. Es fühlt sich an, als sei man ein unbeteiligter Beobachter oder gar ein Geist, und würde ziellos um die Gegend oder gar um die Welt geschickt und lauscht dabei allem, auf das man auf dieser Reise stößt. Dabei horcht man auch in die Köpfe der Menschen hinein, entdeckt Absurditäten, Widersprüche, oder glaubt es zumindest. Hin und wieder versteht man nur Bahnhof. Dabei ist auch nicht immer klar, ob es am eigenen Verständnis scheitert oder ob es sich tatsächlich um Kauderwelsch handelt. Aber ist auch komplett egal, schließlich haben wir gelernt: Man muss nicht immer alles verstehen, man muss sich nur darin zurechtfinden. Könnte zu viel Verständnis dessen sogar für Entzauberung und Desillusionierung sorgen? Um Himmels Willen!

Eine Stimme, die alles hinwegschwemmt

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 28:
BESSIE SMITH – MUDDY WATER (A MISSISSIPPI MOAN) (1927) 

Bei manchen MusikerInnen neigt man (nicht erst in Zeiten von Wikipedia) dazu, sich mehr auf ihre Biographie zu konzentrieren als auf ihr Werk – besonders wenn der Lebenslauf so spannend und dramatisch ist wie jener von Bessie Smith (1894-1937).

Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen im tiefen, segregierten US-Süden, beide Eltern früh verstorben, Anfänge als Straßenmusikerin und -tänzerin, Mitglied in einer fahrenden Musiktheater-Gruppe, steiler Aufstieg zur wohl erfolgreichsten Blues-Sängerin der 20er und 30er Jahre, zu einem Star des frühen Radio, zur bestbezahlten afroamerikanischen Unterhaltungskünstlerinnen ihrer Zeit, zur „Empress of the Blues“. So könnte man dieses intensive Leben im Telegrammstil Revue passieren lassen.

Man könnte von Bessie Smiths turbulenter Ehe mit zahlreichen Seitensprüngen beider Partner berichten, von ihren zahlreichen Affären, auch und gerade mit Frauen. Man könnte ihr Werk darauf hin analysieren, wie es schwarze Arbeiterklasse-Identität, weibliches Selbstbewusstsein und sexuelle Selbstbestimmung thematisiert, wie es Armut und soziale Ungleichheit reflektiert. Man könnte es im zeitgeschichtlichen Kontext zwischen Rassentrennung und Showbusiness-Kapitalismus (Stichwort: Platten- und Radioindustrie) beleuchten. Man könnte ihren Tod nach einem entsetzlichen Autounfall in Mississippi im Jahr 1937 in den Fokus rücken – in einem Krankenhaus für Schwarze, da trotz ihrer Berühmtheit offenbar niemand im Entferntesten daran gedacht hätte, Bessie Smith in ein „weißes“ Krankenhaus einzuliefern.

Man könnte darüber schreiben, welche Spuren sie in der Musikgeschichte und Popkultur hinterlassen hat, wie sie Billie Holiday, Janis Joplin und andere große Sängerinnen inspirierte, wie sie J. D. Salinger oder Edward Albee zu Kurzgeschichten bzw. Theaterstücken animierte, wie sie in Songs (etwa von The Band) und Filme („Bessie“ mit Queen Latifah in der Hauptrolle) Eingang fand.

Aber alle biographischen Daten und kulturgeschichtlichen Fakten, mögen sie noch so spektakulär sein, bleiben letztlich sekundär, verblassen vor der schieren Kraft dieser rauen, dunklen Stimme. Besonders eindrucksvoll zu erleben ist das in „Muddy Water“. Wie viele Emotionen, Stimmungen, atmosphärische Nuancen Smith hier in drei Minuten transportiert – Melancholie, Sehnsucht, Stolz, Mut, sexuelle Spannung, Lebenslust – beeindruckt bis heute, selbst wenn die Musik für unsere Ohren zahm, vielleicht sogar fad klingen mag. Im Mittelpunkt steht hier der Gesang, ehrfurchtgebietend und unaufhaltsam wie der Mississippi selbst.

Obwohl Smiths Stimmgewalt sich bestimmt auch langjähriger technischer Schulung und Praxis verdankt, kommt sie doch ohne jene an Hochleistungssport erinnernde Vokalakrobatik aus, die vielen zeitgenössischen Mainstream-„R’n’B“ oder -„Soul“ so unerträglich macht, von der deprimierenden Castingshow-Kraftmeierei ganz abgesehen. Und das ist ganz ohne Kulturpessimismus gemeint!

Weitere Anspieltipps: Wasted Life Blues, Back Water Blues, Downhearted Blues