Es gibt Reis, Baby!

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 32:
DON CHERRY – BROWN RICE (1975)

H.I.T. The Bassline ist nicht tot. Wir riechen nur komisch.

Alle Ausreden sind zwecklos. Die längste (Zwangs?-)Pause in der Geschichte unseres kleinen Blogs spricht für sich. Und gegen uns. Seit dem letzten Beitrag sind unglaubliche drei Monate vergangen, der letzte Track der, äh, Woche liegt NEUN Monate zurück. In einem Zeitraum, in dem andere Menschen Kinder kriegen, kriegen wir also nicht einmal ein paar lausige Beiträge zusammen. Schade, traurig, aber man kann ja zumindest Besserung geloben. Und damit genug der Selbstgeißelung – wir sind ja nicht bei den Flagellanten.

Um den Wiedereinstieg noch fragwürdiger zu machen, habe ich beschlossen, heute über etwas zu schreiben, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe: Ich weiß rein gar nichts über Don Cherry (außer vielleicht, dass er Stiefvater der großartigen Neneh Cherry und Vater von Eagle-Eye „Save Tonight“ Cherry ist/war), ich verstehe denkbar wenig von experimentellem Jazz und finde mich in kaum einer Ära der Popkultur weniger zurecht als in den mittleren 70er-Jahren, also nach Blues-, Hippie- und Psychedelic Rock und vor der Punk- und Post-Punk-Revolution.

Trotzdem: „Brown Rice“ von Don Cherry ist ein Entdeckung, die ich auf jeden Fall mit euch teilen möchte. Ich habe die Nummer zufällig vor ein paar Wochen im Abendprogramm von FM4, ich glaube im „Zimmerservice“, gehört – als Hörerwunsch, zu dem der Moderator sinngemäß anmerkte, dass er wohl nicht wirklich ins Programm von FM4 passe, er ihn jetzt aber trotzdem einfach spielt.

Fünf Minuten später war der Moderator spürbar verblüfft und begeistert – genau wie ich. Was da zu hören war, klang unerwartet, aus der Zeit (aus der Zukunft?) gefallen, kaum einzuordnen. Ich war gefesselt (und nicht im „Shades of Grey“-Sinne).

Don Cherrys Reisgericht schmeckt nach vielerlei Gewürzen gleichzeitig, mit seinem hypnotischen Groove, dem funkigen Wah-Wah-Bass, den Bongos, den kreischenden Bläser-Eruptionen, dem E-Piano, den sphärisch verhallten Uuuh-uuuh-uuhs von Sängerin Verna Gillis und Cherrys rhythmischen, lautmalerischen Lyrics im Flüsterton, düster und verführerisch-geheimnisvoll, zugleich einlullend und unterschwellig bedrohlich. Schließlich man weiß hier nie, was hinter der nächsten Ecke kommt.

(Afro-)futuristisch, kosmisch, transzendental, schamanisch: Die Wörter, die einem hier in den Sinn kommen, sind alles andere als klischeefrei. Ganz anders die Musik, die denkbar weit von schmierigem „Fusion“-Gedudel entfernt ist. Bezeichnend: Der Track ist mir irgendwie auch in die Sammel-Playlist für die Jahrescharts 2019 gerutscht – und klingt im fortgeschrittenen Alter von 44 Jahren moderner und gewagter als vieles, was sich dort so tummelt.

Don Cherry, vor allem als Trompeter bekannt, galt als Pionier des Free Jazz, besonders als Mitglied des berühmten Quartetts von Ornette Coleman. Und er spielte auch mit all den weiteren Größen des Avantgarde-Jazz, bei deren bloßer Nennung dem Jazz-Nerd die Hornbrille in die Teetasse fällt und der Speichelfluss unkontrollierte Ausmaße annimmt: John Coltrane und Sonny Rollins, Archie Shepp, Albert Ayler, Sun Ra, you name ‚em. Aber auch Genre-Fremde wie Lou Reed oder Ian Dury stehen auf der langen Kollabo-Liste.

Cherry wird außerdem stets als einer der Vorreiter, ja sogar Erfinder der Kombination von Jazz und „Weltmusik“ genannt. Zugegebenermaßen ein etwas depperter Ausdruck für die riesigen Klangkosmen außerhalb der europäisch-angloamerikanischen Blase, die ihrerseits ja schon endlos groß ist. Cherry selbst sprach übrigens lieber von „organic music“. Wie auch immer, das ganze „Brown Rice“-Album vibriert vor lauter Einflüssen – afrikanisch, indisch, indonesisch, arabisch, chinesisch, tibetanisch. Das Ergebnis ist allerdings kein Frappucino-tauglicher Soundteppich, sondern, im Gegenteil, fordernd, abstrakt-intellektuell, oft durchdringend, noisig und für nicht Jazz-sozialisierte Hörer wie mich und dich phasenweise ganz schön anstrengend.

Auch sonst geht das Album, heuer wieder einmal als Reissue erschienen und mehr denn je gefeiert, weite Wege: „Malkauns“ klingt elegisch, basiert offenbar auf einem indischen Raga und stellt die indische Langhalslaute Tanpura ins Rampenlicht. „Chenrezig“ ist tibetanisch beeinflusst und bassgetrieben, Cherry spricht hier in fremden Zungen (Tibetanisch?) und streift sogar den Kehlkopf-/Obertongesang. Trompete und Saxophon fließen melodiös oder lärmen atonal. „Degi-Degi“ beendet das Album funky und wiederum mit suggestiven Flüsterlyrics.

Und was bedeutet eigentlich der Song- und Albumtitel „Brown Rice“? Laut Auskennern könnte er (ähnlich wie „Brown Sugar“ der Stones) auf Heroin anspielen, aber angeblich auch auf eine Phase, in der sich Cherry fast nur von Reis ernährt haben soll, um sich selbst daran zu erinnern, wie viele Menschen weltweit hungern müssen. „It speaks to the two extremes of Cherry, that of the spiritual seeker and the junkie jazz musician“, schreibt Pitchfork in seiner Lobeshymne.

Mein Fazit: Ich werde sicher nie ein Jazzkenner. Aber es ist irgendwie tröstlich zu wissen, dass da draußen noch viele andere Welten existieren, so groß, facettenreich und unverständlich wie der Makro- und Mikrokosmos.

PS: Ins Don-Cherry-Album „Orient“ von 1972 hineinzuhören, lohnt sich ebenfalls. Viele, viele bunte Klangfarben.

PPS: Habe gerade gelesen, dass Don Cherry auch den Soundtrack zu Alejandro Jodorowskys berühmt-berüchtigtem Experimentalfilm-Bilderrausch „The Holy Mountain“ beigesteuert hat. Klingt nach einem Trip, auf den man sich einlassen sollte!

Vom zähen Wühlen nach Gold. Die spätesten Jahrescharts der Welt®, Ausgabe 2018 (Michael Domanig)

Ich höre Musik leider viel zu oft, wie ich leider auch viel zu oft esse: im Gehen, zwischendurch, nebenher, ohne mich wirklich darauf konzentrieren zu können, was ich da zu mir nehme. Die Gefahr ist in beiden Fällen dieselbe: Irgendwann schmeckt alles gleich. Oder es schmeckt einem gar nichts mehr (was im Grunde dasselbe ist).

Gut, so weit ist es mit mir beim Musikhören zum Glück noch nicht gekommen – aber es war diesmal doch ein besonders zäher Prozess, um am Ende zu den Top 100 zu gelangen, meinen bisher wohl spätesten auf dem verspätetsten Musikblog der Welt. An die 600 Lieder sind am Ende des großen Aussiebens im „Leider nein“-Kröpfchen gelandet, wobei vieles davon durchaus nicht schlecht war – ich hätte den Charts-Topf sicher auch mit 150 bis 200 Liedern füllen können.

Um wirklich Herausragendes zu finden, war aber das Wühlen durch extrem viel gefällig produziertes Mittelmaß nötig. Und „Top-20-Material“ zu finden (um mal einen furchtbaren Marketing-Ausdruck zu verwenden), war heuer definitiv viel schwieriger als z. B. beim besonders starken 2017er-Jahrgang. Aber: Am Ende war es die ganze Mühe bei chronisch knappem Zeitbudget dann doch wieder wert. Das zeigte sich schon daran, dass ich mich von vielen Songs, die in der Liste nicht mehr Platz fanden, dann doch nur schwer trennen konnte.

Bei den Songs, die letztlich den Cut geschafft haben (um neuerlich eine grässliche Formulierung zu verwenden), ist diesmal nach meinem Eindruck relativ viel introvertierte und introspektive Musik dabei, verträumt, melancholisch und harmonisch, dagegen vergleichsweise wenig Punkiges, Noisiges und Aggressives. Was würde wohl ein Tiefenpsychologe dazu sagen?

Wobei: Insgesamt ist die Vielfalt glaub ich doch wieder erheblich. Und um ein paar Neugierigen vielleicht Lust aufs Reinhören zu machen, gibt es diesmal neben der obligatorischen Playlist auch Ultra-Kurzrezensionen zu jedem Song (Ziel war ein einziger Satz, mehr als fünf Zeilen sind es nie geworden). Viel Spaß!

1.) Courtney Barnett – Nameless, Faceless
„I wanna walk through the park in the dark / Men are scared that women will laugh at them / I wanna walk through the park in the dark / Women are scared that men will kill them“: Mit diesen unmissverständlichen, Margaret Atwood zitierenden Zeilen ist sehr viel darüber gesagt, warum es #MeToo und „die ganzen Genderdebatten“ einfach braucht. Verpackt ist das ganze in mitreißenden alternativen Gitarrenrock, den derzeit keine(r) so hinbekommt wie Courtney Barnett.

2.) Grimes – We Appreciate Power
Süßlicher Kitsch und Heaviness, Dream Pop und Industrial-Noise, zuckerlbunter K-Pop und klassisches Songwriting – wie die kanadische Grenzgängerin Grimes (mit Hilfe von US-Sängerin HANA) das hier zusammenführt und -rührt, ist (um im Kontext des Songs zu bleiben) eine echte Machtdemonstration.

3.) Emily Haines & The Soft Skeleton – Legend of the Wild Horse
Der Songtitel klingt nach üblem Airbrush-Kitsch. Der Song selbst klingt nach einer der betörendsten Melodien des Jahres. (Ok, war streng genommen schon Ende 2017, hat mich erst 2018 erreicht, damit basta!)

4.) David Byrne – I Dance Like This
Der Pokal für den überraschendsten (Stil-)Bruch des Jahres gebührt dem ehemaligen Kopf der Talking Heads – der vollelektronische Roboter-Refrain hat es in sich!

5.) Jonathan Bree – Sleepwalking
Stimmiger könnte der Songtitel nicht sein, denn der entrückten Musik des neuseeländischen Songwriters haftet tatsächlich etwas Traumwandlerisches an („somnambul“ schrieb ein Rezensent des „Rolling Stone“, glaub ich). Ein Crooner von der Schattenseite, eine der Entdeckungen des Jahres.

6.) Soap & Skin – Palindrome
Von vorn nach hinten = von hinten nach vorn: Das Palindrom als rhetorische Kunstfigur trägt das Repetitive und damit potentiell Hypnotische schon in der DNA. Das passt perfekt zur sakralen Musik von Soap & Skin – erst recht auf Lateinisch: „In girum imus nocte et consumimur igni“. Wobei diese Zeilen („Wir irren des nachts umher / und werden vom Feuer verzehrt“) inhaltlich eher diabolisch als himmlisch klingen.

7.) Rico Nasty – Oreo
Da kann sich der Hersteller der schwarzweißen Keksln wirklich freuen: Rico Nastys rotzig-aggressiver In-your-face-Rap steckt in meiner humble opinion selbst Cardi B in die (Louis Vitton)-Tasche.

8.) Lüül – Schwarz war die See
Nur eine banale, recht holprig gereimte Urlaubserinnerung? Ich finde den wehmütigen Refrainm unglaublich anrührend, gerade in seiner fast Schlager-artigen Einfachheit.

9.) Low – Disarray
Rau, hypnotisch, aufs Notwendigste reduziert: Außer den ineinander verwobenen Stimmen von Alan Sparhawk und Mimi Parker und sanft irritierendem elektronischem Schaben braucht es nichts für dieses kleine, atmosphärisch dichte Kunstwerk.

10.) Ebony Bones feat. The Bones Youth Choir – Police and Thieves
Die britische Ausnahmekünstlerin Ebony Thomas überführt den Reggaeklassiker von Junior Murvin, den schon The Clash prägnant coverten, direkt in eine dystopische Gegenwart, mit unterkühltem, düster-minimalistischem Klangdesign und gespenstischem Kinderchor. Und unterstreicht meine alte These, dass man Kindern besonders gerne (und wirkungsvoll) krasse und bedrohliche Zeilen in den Mund legt.

11.) Der Nino aus Wien – Unentschieden gegen Ried
Eine treffsicherere Metapher für die Banalität und Trostlosigkeit des (nicht nur Fußball-)Alltags lässt sich kaum denken. Hat seinen Platz in der Ehrengalerie der besten Sportsongs jetzt schon sicher.

12.) Gaye Su Akyol – İstikrarlı Hayal Hakikattir
Die Türkei mit ihren vielfältigen musikalischen Traditionen, gerade auch im Bereich psychedelischer Pop-Klänge, hat man als Westler viel zu selten auf dem Zettel. Dass die großartige Gaye Su Akyol letztes Jahr sogar in Innsbruck zu Gast war, habe ich auch versäumt! Dafür gibt’s jetzt zumindest einen Spitzenplatz in den Charts ;-).

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Ein Uhrwerk mit Unruh

Konzertbericht: SONAR with DAVID TORN (Support: HARRY TRIENDL), Kulturfabrik Kufstein (KuFa-Bar), 4. Mai 2019:

Prog-Rock?? Das ist eine jener Genrebezeichnungen, die für mich persönlich einen eher zweifelhaften, ja negativen Beigeschmack haben. Mit dem Begriff verbinde ich komplizierte, prätentiöse, stilistisch und inhaltlich überambitionierte bis bombastische Musik, für die man als Zuhörer mindestens einen Konservatoriumsabschluss braucht, um sie begreifen und würdigen zu können – und als Musiker sowieso.

Endloses Solieren, riesige Schlagzeug-, Keyboard- und Synthesizer-Burgen, verschwurbelte Konzeptalben, geschliffenes Kunsthandwerk, all das kommt mir beim Ausdruck „Prog“ in den Sinn. Und ich stelle mir immer vor, wie und warum seinerzeit der dreckige, direkte und bewusst simple Punk fast zwangsläufig als Gegenbewegung entstehen musste. Kurz gesagt: Obwohl ich Säulenheilige des Genres wie Pink Floyd, King Crimson oder Van der Graaf Generator teilweise sehr gerne mag, stehe ich dem Konzept und Begriff des „Progressiven“ insgesamt sehr skeptisch gegenüber.

An diesem Abend in der Bar der Kulturfabrik Kufstein war aber keinerlei Skepsis angebracht – denn ich wusste, dass es hier eine andere Art von progressiver Musik zu hören geben würde: nämlich spannende Experimente und beeindruckende Dynamik statt eitler Virtuosität und hohlem Pomp.

Dafür bürgte schon der Auftakt mit Harry Triendl: Der Multiinstrumentalist aus Telfs, bekannt für seine Arbeit mit „virtuellen“ und leibhaftigen Orchestern, für seine Zyklen, die als
Grenzüberschreitungen zwischen Musik, bildender Kunst, Tanz und Experiment angelegt sind, war diesmal solo zu erleben. Mit Touch-Gitarre und Elektronik sorgte er für mal sphärische, mal vertrackte Ambient-Klänge, die mich bisweilen an Science-Fiction- oder Horror-Film-Soundscapes denken ließen, unterbrochen von ruhigen Passagen, garniert mit knackigen Beats, expressivem Gesang und komplexer Improvisation. Und auch wenn manche Brüche vielleicht etwas hart, vereinzelte Übergänge etwas unsanft ausfielen, war es genau der richtige Start in diesen Abend.


(Foto: Harry Triendl)

Harry Triendl war es übrigens auch, der für den Veranstalter den Kontakt zum Hauptact hergestellt hatte – zur Schweizer Instrumental-Formation Sonar und dem namhaften amerikanischen Gitarristen David Torn.

„Vortex“ heißt das 2018er-Album, das Sonar und Torn (Letzterer bekannt für seine Arbeit mit Kalibern wie David Bowie oder Tori Amos) gemeinsam aufgenommen haben. Das aus dem Lateinischen stammende Wort bedeutet soviel wie „Wirbel“ oder „Strudel“ – und das gibt schon einen guten Eindruck von der Musik, die an diesem Abend zu erleben war.

Denn die war perfekt, um sich richtig tief hineinfallen, gewissermaßen in den Strudel einsaugen zu lassen. „Prog“, wie Sonar ihn verstehen, klingt alles andere als überladen und schwerfällig: Statt auf Bombast oder reine Griffbrettakrobatik setzen sie auf minimalistische, hypnotisch-repetitive Strukturen, auf die Kraft des Grooves, auf Veränderungen und Verschiebungen, die sich langsam, aber umso unwiderstehlicher aufbauen.


(Foto: Michael Domanig)

Das Bild eines Schweizer Uhrwerks ist natürlich ein Klischee – aber eines, das hier einfach zu gut passt, um es nicht zu verwenden. „Mathematische Präzision und doch extrem druckvoll“, fasste es Veranstalter Mike Litzko treffend zusammen. Ich selbst fühlte mich phasenweise z. B. an den mitreißenden „Live-Techno“ der österreichischen Formation Elektro Guzzi erinnert, die ebenfalls fast übermenschliche Präzision mit enormer Wucht verbinden – obwohl sie von ihrem musikalischen Hintergrund her aus einem völlig anderen Eck kommen.

Ein kontrollierter Rausch: Das wäre eine andere, widersprüchlich klingende Beschreibung für den trancehaften „Math Rock“ von Sonar – für die Polyrhythmik des furiosen Drummers Manuel Pasquinelli (der an seinem Drumset rätselhafterweise auch ein leicht verbeultes Becken hängen hatte, das aussah wie vom Tourbus überfahren), für die lyrischen, sparsamen, repetitiven Gitarrenfiguren von Bernhard Wagner und Stephan Thelen und das groovige, funkig-bewegliche Bassspiel des hünenhaften Christian Kuntner. Ich persönlich hätte mir das noch stundenlang anhören können.


(Fotos: Harry Triendl)

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Larger than Live is Life

Konzertbericht: Bilderbuch, Congress Innsbruck – Dogana, 24. April 2019

Unverhofft kommt oft. Bis mir Kollege Dave einen Tag vorher aus heiterem Himmel eine Freikarte (sic!) für das Bilderbuch-Gastspiel im Congress Innsbruck anbot, hatte ich nicht am Radar, dass die selbstbewusstesten Styler des Landes wieder einmal im Landeanflug auf Tirol waren. Und dass es sich hierbei sogar um den Österreich-Auftakt ihrer aktuellen Tournee handelte, war mir natürlich erst recht unbekannt.

Aber da ich Bilderbuch noch nie live gesehen hatte und mir gerade ihr aktuelles Material zusagt, zögerte ich trotz quiztechnischer Verpflichtungen und einer strapaziösen Arbeitswoche natürlich keine Sekunde. Und dabei wusste ich in diesem Moment noch gar nichts von den nicht gerade wohlfeilen Kartenpreisen jenseits der 50 Euro. DaDa – danke Dave!

Bevor die Spannung unerträglich wird, hier gleich der Spoiler: Es war am Ende (und eigentlich schon am Anfang) der erhofft unterhaltsame und in jeder Hinsicht bunte Konzertabend.

Die Stimmung in der prall gefüllten, offenbar aber nicht restlos ausverkauften Dogana war schon vor dem groß inszenierten Einmarsch der Bilderbücher prächtig – obwohl das DJ-Anheizerset (hat man heute wohl so statt einer Vorband) recht austauschbar und bemüht geriet („Hey Innsbruck, wollt ihr tanzen?“ usw., gähn).

Bilderbuch jedenfalls hatten den geräumigen Laden von der ersten Minute an im Griff – und brauchten dazu nicht einmal Musik: Nachdem der Basssound auf der Bühne erst noch angeworfen werden musste, nützte der sonnenbrillentragende Front-Styler Maurice Ernst den verzögerten Start einfach für einen kleinen Innsbruck-Schwank aus seiner Jugend (den er dann selbst erst verzögert zum Abschluss brachte). Diese Anekdote brachte die Bilderbuchkarriere der Band in Kürzestform auf den Punkt: Vor ein paar Jahren, als sie noch im viel kleineren Weekender Club (RIP) gespielt hatten, war Ernst nach dem Konzert zunächst im Stadtcafé (RIP??) und danach in volltrunkenem Zustand auf einer Party in der, erraten!, Dogana gelandet. Also ebendort, wo er an diesem Abend selbst auf einer Mords-Bühne stand. So schnell kann’s gehen!

(Foto: Michael Kristenwww.kristen-images.com)

Schnell ging’s dann auch zurück an den musikalischen Start mit neuen Songs wie „Mr. Supercool“, „Mein Herz bricht“ und dem hymnischen „Memory Card“ – den einige ZuhörerInnen als etwas schleppend empfanden. Ich aber nicht. Man muss ja nicht gleich mit der Hittür ins Haus fallen!

Stichwort Hits: Von denen haben Bilderbuch inzwischen längst einen ganzen Köcher voll – darunter manche, die ich schon komplett vergessen hatte, etwa „Plansch“ aus dem (wenn man das jugendliche Alter der Hauptzielgruppe betrachtet) fernen Jahr 2013. Und sie trafen beim Konzert voll ins Ziel, mit einer bestens austarierten Mischung aus, ähem, Klassikern und frischem Songfutter.

Heftig beklatscht und bejubelt wurde natürlich das ultrabreit gebaute Riffmonster „Maschin“ (mit den herrlich bescheuerten Zeilen „Steig jetzt in mein Auto ein / Sieben Türen, 70 PS“), ebenso der 2017er-Smasher „Bungalow“ (mit den nicht minder grenzgenialen Zeilen „Baby leih mir deinen Lader / Ich brauch mehr Power für mein‘ Akku“). Beide fuhren live sogar noch besser ein als gestreamt (oder, wie man früher gesagt hätte, auf Tonträger).

Das geradezu verboten funkige „Spliff“ – eine meiner BB-Lieblingsnummern – wurde angemessen psychedelisch-halluzinatorisch in die Breite gewalzt, bei „Baba“ gab es die unvermeidlichen Autotune-Exzesse.

Genauso überzeugend gerieten die Nummern der beiden jüngsten, kurz hintereinander veröffentlichten Alben „Mea Culpa“ und „Vernissage My Heart“, auf denen Bilderbuch vielseitiger denn je klingen – und ungleich interessanter als die zuletzt leider in Richtung Schematik und Ö3 gedrifteten Wanda. (Sorry, dieses Blur-versus-Oasis-Duell sollte man nicht dauernd aufwärmen – aber es passt halt doch ziemlich gut). Schön zu hören, dass die Band ihren Weg von der 0815-Indie-Gitarrenband zu einer groovelastigen, farbenfroh schillernden und experimentierfreudigen Formation von hoher zeitgenössischer Relevanz weiter beschreitet.

Der lebensfrohe Instant-Hit „Frisbee“ zündete auch live wie der Blitz, „LED Go“ oder „Taxi Taxi“ („Ich glaube an Speed, ich glaube an Weed / Ich glaub‘ mir wird schlecht“) wussten ebenfalls zu gefallen. Atmosphärisch-hypnotisch gelangen ruhigere Songs wie „Checkpoint (Nie Game Over)“ oder das knapp zehnminütige „Europa 22“, das die Utopie eines „Lebens ohne Grenzen“ feiert.

Apropos: Von dem offenbar stärker erwachten politischen Bewusstsein der Bilderbücher (inklusive der auch marketingtechnisch gelungenen EU-Pässe) war live nicht viel zu bemerken, auch nicht bei den Bühnenansagen. Ein paar beleuchtete Globen, wie sie in den 80er- und 90er-Jahren in vielen Kinderzimmern standen, wiesen auf das augenzwinkernd-gigantomanische Tourmotto „One Earth“ hin, das war’s auch schon wieder mit der Politik. Aber muss ja nicht, gepflegter Eskapismus ist auch okay.

Und der wurde mit Zeichen und Gesten bedient, die für die ganz großen Bühnen gemacht und gedacht sind: Glitterherzen, die vom Bühnenhimmel regneten, Maurice‘sches Stagediving schon bei Song Nummer drei (!), ein überdimensionaler Wasserhahn, aus dem sich psychedelische Farbenspiele ergossen, sogar ein Treppenturm auf der Bühne, den der Sänger wirksam erklimmen konnte – bei Bilderbuch wird anno 2019 geklotzt und nicht gekleckert.

(Foto: Michael Kristenwww.kristen-images.com)
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Lückenschluss mit Power-Pop

Konzertbericht: WE ARE SCIENTISTS, PMK Innsbruck, 16. Februar 2019:

Auch wenn Einzelne das seinerzeit anders gesehen haben: Das Ende des Weekender Clubs hat in Innsbruck bis heute eine unübersehbare und vor allem unüberhörbare Lücke hinterlassen.

Das sage ich nicht nur, weil ich mit dem Weekender persönlich einige sehr schöne Konzerterlebnisse verbinde – spontan fallen mir etwa Die Sterne (fast ein Privatkonzert!), die Raveonettes (mächtige Soundwand), Ezra Furman (entfesselt), Adam Green (ausgelassen), The Notwist (technoid) oder Tu Fawning (magisch) ein -, sondern ganz objektiv: Für den „Alternative Mainstream“ (= zu groß/kommerziell für die PMK, zu klein für den Hafen oder die Olympiahalle, zu jugendlich fürs Treibhaus) gibt es in Innsbruck und ganz Tirol seit dem Ende des Clubs keine richtige Heimat mehr. Vom tollen – und stets bestens besuchten (!) – Musikquiz einmal ganz abgesehen.

Also: Selbst wenn man (wie ich selbst) mit vielen der Konzerte im Weekender nur wenig anfangen konnte, muss man es als Musikliebhaber einfach bedauern, wenn in einer Stadt eine Konzertlocation wegfällt. Allein schon deshalb, weil sich Leute, die sich bisher dort getroffen haben, dann eben nicht mehr treffen.

Dass diese Lücke nach wie vor schmerzt und die Nachfrage nach Konzerten, wie der Weekender sie angeboten hatte, ungebrochen ist/wäre, war gestern Abend in der PMK eindrucksvoll zu erleben: Das Konzert von We Are Scientists, veranstaltet in der (an keine fixe Location gebundenen) Reihe „Weekender presents“, war restlos ausverkauft – obwohl (oder gerade weil) es in der PMK heuer wohl nicht mehr viel poppiger und vergleichsweise „mainstreamiger“ zugehen wird.

Schon bei der Vorgruppe Communipaw aus New Jersey (ein schwer auszusprechender Name, wie selbst Frontmann Brian Bond zugab) war der Saal von der ersten bis zur letzten Reihe gefüllt. Zu hören gab es gefälligen (Indie-)Folkpop mit ebensolchen Vokalharmonien, der im Vormittagsprogramm von FM4 nicht negativ auffallen würde. Nett, aber auch unspektakulär und ohne erkennbare Ecken und Kanten, eine Art „Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass“-Indie, der nicht stört, aber auch nicht hängen bleibt. Vom Publikum gab es freundlichen Applaus für (allzu?) freundliche Musik.

Da war die – von Beginn an heftig bejubelte – Hauptband ein ganz anderes Kaliber: We Are Scientists aus Brooklyn zeigten, wie es richtig geht, mit einer zwingenden Mischung aus harmonieverliebtem Power-Pop (ein sträflich unterschätztes Genre, ich wiederhole mich hier gerne), Pop-Punk und Gitarrenrock. Entscheidend für den Live-Erfolg war, wie meistens bei solcher Musik, dass das Ganze mit sehr viel Energie und, wie unsere nördlichen Nachbarn vielleicht sagen würden, „Schmackes“ gespielt wurde. Während weite Teile des Indie-Gitarrenrocks der Nullerjahre den Test der Zeit schlecht überstanden haben, trifft das hier nicht zu: Zumindest live war das Ergebnis wirklich mitreißend!

Frontmann Keith Murray (Gitarre, Gesang), der mit ergrauter Mähne inzwischen wie der jüngere Pop-Bruder von Lee Ranaldo aussieht, Bassist Chris Cain und Schlagzeuger Keith Carne (der schon bei der Vorband getrommelt hatte, also eine anstrengende Doppelschicht versah) bewiesen, dass das Trio-Format für diese Art von Musik geradezu ideal ist: Denn die gehört tight, kompakt und immer gleich auf den Punkt gespielt – und das machten We Are Scientists an diesem Abend hervorragend. Ein- ähem, Powertrio eben.

Womit ich nicht wirklich gerechnet hatte, war die erkleckliche Zahl an größeren und kleineren Hits, die da in knapp eineinhalb Stunden zusammenkamen . Die meisten davon waren mir gar nicht mehr geläufig oder ich hätte sie nicht den Scientists zugeordnet. Die Palette reichte von „Inaction“ (Well, how am I supposed / to know / what makes this happen?) über „Dumb Luck“ mit seinem feinen Harmoniegesang, „It’s a hit“ (das seinem Namen live alle Ehre machte und deutlich fetziger geriet als die Studioversion) bis hin zu „Chick Lit“ oder „The Great Escape“.

Auch besonders Poppiges wie „I Don’t Bite“ oder „After Hours“ boten die drei so schwungvoll und erfrischend dar, dass es selten allzu seicht wurde. Und wenn doch, dann folgte mit Garantie gleich die nächste Power-Pop-„Wuchtbrumme“ (wie unsere nördlichen Nachbarn vielleicht ebenfalls sagen würden).

Eine positive Überraschung war, dass sich auch Neueres wie das wuchtige „Buckle“ und die jüngsten, (synthie-)poppigen Singles „Your Light Has Changed“ oder „One In, One Out“ sehr gut einfügten (auch wenn das neue Material auf, ähem, Platte nicht durchgehend zündet).

Dazu steuerte Keith Murray einen kurzen Ausflug ins Publikum und routinierte, aber witzige Bühnenansagen bei: Gleich zu Beginn gestand er einem ausgelassenen Fan, der gleich zwei Makava-Flaschen auf einmal schwenkte, „impressive use of both hands“ zu. Und statt dem üblichen Kaschperltheater mit „One more song“/“Zuuu-gaaa-beee“-Rufen erklärten We Are Scientists, lieber gleich „more songs“ spielen zu wollen – darunter als Schlussnummer ihren wohl größten Hit „Nobody Move Nobody Get Hurt“ mit den hedonistischen Zeilen „If you wanna use my body – go for it„, die vom Publikum lauthals mitgesungen wurden.

Apropos Publikum: Dass ich bei einem ausverkauften Konzert trotz größter Anstrengungen nicht in der Lage war, eine überzählige (Frei-)Karte an den Mann oder die Frau zu bringen, war wohl das größte Rätsel dieses unterhaltsamen Abends …

P.S. Schöne Fotos vom Konzert findet man HIER!

Im Schnelldurchlauf durch mein musikalisches 2018

Man könnte sagen, dass wir für unsere unfassbar späten Jahrescharts bekannt wären – wenn wir denn bekannt wären. Und auch dieser Beitrag wird sowohl das eine als auch das andere nicht ändern. Auch Mitte Februar ist eigentlich vergleichsweise sehr spät für ein Jahres-Recap. Aber dieser persönliche Jahresrückblick hat weder den Anspruch, einen neuen Pünktlichkeitsstandard zu etablieren, noch unsere traditionellen, früh- bis hochsommerlichen Vorjahrescharts zu ersetzen. Schließlich geht es in den kollaborativen Charts um die Hits des Jahres, die Singles, die Ohrwürmer, die für sich allein stehenden Songs. Ich bin eher Albummensch, also präsentiere ich mit diesem Egotrip die 20 Alben, die mein persönliches Musikjahr 2018 ausgemacht haben.

Die Beschränkung auf runde 20 Alben ist natürlich total willkürlich. Wer sagt, dass nicht bloß 18 Alben besonders hervorstachen, oder dass es nicht 37 oder gar 51 Alben wert waren, dass man einige Worte über sie verliert? Ebenso willkürlich ist die Beschränkung auf Full-Length Alben, schließlich wurden wir 2018 auch mit einigen großartigen EPs beschenkt, beispielsweise jene von Aphex Twin (!), Protomartyr oder Panda Bear.

Eines der erwähnenswerten Alben, die vom Rasiermesser dieser Willkür erwischt wurden, ist beispielsweise „Dead Magic“ von Anna von Hausswolff. Man hört der schwedischen Vorzeigesängerin und -Organistin die ausgedehnten Tourneen mit Swans deutlich an. Sons of Kemet präsentierten auf „Your Queen is a Reptile“ eine moderne, abwechslungsreiche und auch politische Palette an Afro-Jazz Hymnen. George Thompson alias Black Merlin begab sich für die „Island of the Gods“ Labelreihe erneut auf Reisen. In mehreren Expeditionen nach Papua-Neuguinea nahm er die Klänge des Kosua-Stammes und des ihn umgebenden Dschungels auf und verwandelte die Soundaufnahmen und Eindrücke in ein außergewöhnliches Album. Soldat Hans formen auf „Es Taut“ einzigartige Balladen aus Düsterjazz, Sludge und Post-Irgendwas. Und dann gab es da noch das vielseitige Zweitwerk von Skee Mask, neues Melancholiematerial von Low, die außerweltliche Kollaboration von Actress und dem London Contemporary Orchestra, den folktronisch-neopsychedelischen vertonten Sonnenschein von 공중도둑 (Mid-Air Thief), ein neues Solowerk von Godspeed You! Black Emperors Frontmythos Efrim Menuck, und noch viel viel mehr.

Man kann es womöglich vor den eigentlichen Top 20 bereits herauslesen: 2018 war für mich ein sehr gelungenes Musikjahr. Jetzt aber ohne weitere Umschweife auf ins Getümmel!

 

  1. Warm Drag – s/t

Das grundlegende Soundfundament von Warm Drag schreit nach Garagenband, wobei diese Bezeichnung angesichts der vielen psychedelischen, elektronischen, lärmigen und anderweitig experimentellen Ausschweifungen dann doch nicht so treffend erscheinen mag. Noch kurioser: Es ist nicht nur keine Garagenband, es ist eigentlich gar keine Band im herkömmlichen Sinn. Paul Quattrone, den man auch von Thee Oh Sees und !!! kennt, hat alle Songs mit einem Sampler kreiert, durch den alles Mögliche an Quellenmaterial gejagt und bis zur Unkenntlichkeit manipuliert wurde. Für noch mehr Abwechslung sorgt die laszive bis rotzfreche Chamäleonstimme von Sängerin Vashti Windish.

  1. GAS – Rausch

Ganze 17 Jahre mussten verstreichen, bis 2017 mit „Narkopop“ endlich ein neues GAS-Album erschien. Nun, kaum ein Jahr später, schickt Wolfgang Voigt den Hörer mit „Rausch“ erneut auf eine Reise durch den Nebelwald, sich selbst treu bleibend mit einem leichten Hauch von Nationalromantik und aus weiter Ferne hallenden Bläsern und Streichern. Der Direktvergleich mit dem Vorgänger hinkt jedoch, „Rausch“ ist dringlicher, intensiver, schreitet stoisch und pulsierend immer geradeaus, bei gleichzeitigem Gefühl schwindenden Orientierungssinns. Rausch eben.

  1. Sleep – The Sciences

GAS-Fans mussten also 17 Jahre auf neues Material warten, das letzte ordentliche Sleep-Album ist jedoch geschlagene 20 Jahre her. Umso beeindruckender, dass das Stoner Metal Urgestein es wahrhaftig geschafft hat, den Erwartungshaltungen gerecht zu werden und genau den Monolithen von einem Album abzuliefern, den die Community sich so lange erhofft und gewünscht hat. Auch live nach wie vor eine Wucht!

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Als Funk zu Punk wurde. Wie eine Band namens Death ein neues Genre zur Welt brachte

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK DER WOCHE, # 31:
DEATH – POLITICIANS IN MY EYES (1976)

Zu den schönsten Aspekten der Popkultur zählt, dass sie im Idealfall soziale, kulturelle und ethnische Grenzziehungen zu überwinden vermag. Ja, im Grunde ist das wohl so etwas wie die Definition von „Pop“ an sich.

Unabhängig davon besteht aber kein Zweifel daran, dass der weitaus überwiegende Teil der modernen Populärmusik in „schwarzen“, konkret afroamerikanischen (und afrokaribischen) Musikkulturen wurzelt: Blues, Jazz und Rock ’n‘ Roll, Soul, Funk und R & B, Ska und Reggae mit all ihren Subgenres, aber auch Disco, Techno und House, Hip-Hop sowieso, mit allen jüngeren und jüngsten Strömungen von Trap bis Cloud-Rap – you name it.

Aber dass eine afroamerikanische Band – die ausgerechnet aus einem stark christlich geprägten Haushalt stammte und noch dazu einen so unheilvollen Namen wie Death trug – zu den geistigen Vorläufern des Punk zählte, ist bis heute über Nerd- und Spezialistenkreise hinaus erstaunlich wenig bekannt.

Und doch war es genau so: Die drei Brüder Bobby (Bass, Gesang), David (Gitarre) und Dannis Hackney (Drums), Söhne eines baptistischen Predigers aus Detroit, kamen zwar ursprünglich vom Funk. Doch stark beeinflusst von Bands wie The Who, den Beatles oder Alice Cooper, schlugen sie bald eine völlig neue Richtung ein – die vor allem vom ältesten Bruder David vorgegeben wurde: Ab 1971 nannten sie sich Death und entwickelten einen rauen, harten, direkten, aufs Wesentliche reduzierten Gitarrensound, den in Detroit damals auch Bands wie MC5 oder die Stooges kultivierten. Mit anderen Worten: Das war (Proto-)Punk, zu einer Zeit, als dieser Name noch längst nicht existierte und der entsprechende Sound in New York oder London noch kein wirkliches Thema war.

Bei Death kam zum aggressiven Sound ein unwiderstehlicher, eindeutig der Funk-Vergangenheit geschuldeter Groove hinzu, der sie von anderen (weißen) Proto-Punk-Bands deutlich abhob. Eigentlich eine denkbar explosive, aufregende Mischung, die damals absolut für Furore hätte sorgen können/sollen/müssen.

Doch es lief ganz anders ab: Zwar nahmen Death 1975 ein Album mit sieben Songs auf (geplant waren eigentlich zwölf), doch dieses erschien nie. Die Majorlabels zeigten Death die kalte Schulter, ein Deal mit Columbia soll, so heißt es, vor allem an David Hackneys (proto-punkiger) Weigerung gescheitert sein, den düsteren Bandnamen gegen einen verträglicheren, massenkompatibleren zu tauschen. (Ein Problem, mit dem die Death-Metal-Urväter Death Jahre später nicht zu kämpfen hatten. Im Gegenteil, einen besseren Namen für Genre-definierende Todesmetaller gibt es ja gar nicht).

Auch sonst dürften einige Umstände (übel) mitgespielt haben: Für den Mainstream waren Death wohl einfach ein zu früh dran – und in der schwarzen Community von Detroit müssen sie mit ihrem Sound ohnedies wie Alien gewirkt haben. Fakt ist jedenfalls, dass sich die Band bereits 1977 – ausgerechnet jenem Jahr, in dem sich der Säurekanal namens Punk voll in den Hauptstrom ergoss – schon wieder auflöste. Veröffentlicht hatten die drei zu diesem Zeitpunkt lediglich die 7-inch „Politicians In My Eyes“ mit der B-Seite „Keep on Knocking“, die sie 1976 im Eigenverlag herausgebracht hatten, in einer Auflage von nur 500 Stück.

Die ehemaligen Bandmitglieder gingen danach andere, verschlungene Wege, die von Gospel-Rock bis Reggae und geographisch bis nach New England führten.

Erst Jahrzehnte später wurde das äußerst schmale, aber visionäre Werk der Band wiederentdeckt. Zum einen von den Söhnen Bobby Hackneys, die 2008 die Formation „Rough Francis“ gründeten, mit der sie das Erbe von Death neu belebten. Zum anderen von Alternative-Größen wie Jello Biafra (Dead Kennedys). 2009 brachte das Label Drag City Records dann die 70er-Jahre-Demoaufnahmen erstmals heraus, in Form eines Albums mit dem angemessenen Titel „… For The Whole World To See“. 2009 reformierten Bobby und Dannis Hackney die Band schließlich selbst (mit einem neuen Gitarristen), in der Folge erschienen weiteres historisches Demo- und Sessionmaterial ebenso wie neue Alben.

Für viele, die zuvor nie von Death gehört hatten, war das nach Jahrzehnten endlich veröffentlichte erste Album eine wahre Offenbarung. So beschrieb Jack White gegenüber der New York Times seinen ersten Höreindruck folgendermaßen: „I couldn’t believe what I was hearing. When I was told the history of the band and what year they recorded this music, it just didn’t make sense. Ahead of punk, and ahead of their time.“

Das alles erinnert frappant an die Geschichte der Monks, die heute ebenfalls als stilistische Vorväter des Punk (aber auch von Industrial, hypnotischen Drones etc.) angesehen werden: Sie veröffentlichten sogar bereits Mitte der 60er Jahre ein (heute als Meisterwerk geltendes) Album, das seinerzeit völlig unbeachtet blieb. Und auch sie kamen erst sehr, sehr spät zu gebührender Anerkennung.

Death sind eine Entdeckung von ähnlichem Rang (was Gitarrist David Hackney übrigens nicht mehr miterleben durfte; er starb bereits im Jahr 2000, nachdem er zuvor lange gegen den Alkoholismus gekämpft hatte): Sie sind so etwas wie das Missing Link zwischen Jimi Hendrix oder Chuck Berry und dem Punk, zwischen Punk und Funk/Soul, Punk und Hard Rock, Punk und Psychedelic Rock etc.

Die Annäherung zwischen dem „weißen“ Punk und sogenannten „schwarzen“ Sounds brachte vor allem im Großbritannien der späten 70er, frühen 80er Jahre spektakuläre Ergebnisse hervor (The Clash, The Specials, Madness usw.) – bei Death war diese Brücke schon geschlagen.

Denn Death groovten, waren funky – etwas, was man zum Beispiel von den Sex Pistols und vielen anderen frühen Punkbands wirklich nicht behaupten konnte (womit nichts, aber auch gar nichts gegen die Sex Pistols gesagt werden soll). Und natürlich waren sie im Vergleich ungleich virtuosere Musiker (womit nichts, aber auch gar nichts gegen die Abrechnung des Punk mit hohlem Virtuosentum gesagt werden soll). Und Death klangen vor allem extrem tight.

„Politicians In Their Eyes“ zeigt das besonders gut auf: Proto-Punk-Riffs treffen hier auf einen wuchtigen, fast stoisch-militärischen Groove, fetten Basssound und einen hymnischen Refrain, der fast schon – dare we say it? – Emo(tional Hardcore) vorwegnimmt. Für die reine Punklehre (die es damals logischerweise noch gar nicht gab) ist das natürlich viel zu komplex und ausufernd gespielt, von den harten Brüchen ganz zu schweigen. All das schadet aber – im Gegensatz etwa zu schwerfälligen Prog-Rock-Ungetümen – der ungestümen Wirkung des Songs nicht. Im Gegenteil: Wie etwa später beim komplexen Groove-Punk von Nomeansno tragen die Brüche zur Durchschlagskraft nur noch bei.

Auch sonst gibt es einiges zu entdecken: Die B-Seite „Keep On Knocking“ ist fast genau so zwingend und hymnisch wie „Politicians …“, „Freakin Out“ und „Rock-N-Roll Victim“ wiederum sind purer, stampfender Punk before the word. „You’re A Prisoner“ rockt dramatisch, während „Where Do We Go from Here???“ die Emotionalität von gutem Soul hat. Und „Let The World Turn“ wechselt ansatzlos von psychedelischer Ballade zu hartem, vertracktem Rock. Fazit: Faszinierend und hochenergetisch!

Bis heute sind schwarze Musiker (wenn man schon die Hautfarbe bemühen muss) und harte, gitarrendominierte Musik eine relativ rare Kombination. (Im Zusammenhang mit Death werden oft die – ungleich brachialeren – Hardcore-Afropunks Bad Brains bemüht, Jüngere könnten vielleicht auch an die Horror-Core/Industrial-Hip-Hop-Gruppe Ho99o9 denken oder etwa an die Punkwurzeln von Indie-Heldinnen wie Santigold oder Ebony Bones). Wäre dieser Entwicklungsstrang vielleicht anders verlaufen, wären Death damals so erfolgreich geworden wie ein paar Jahre später, sagen wir, The Clash, Blondie oder die Talking Heads? Wir werden es nie erfahren.

Nie erfahren werde ich wohl auch, wo zum Teufel mein Exemplar des tollen Proto-Punk-Samplers „Sick On You! One Way Spit!“ gelandet ist, auf dem ich Death vor Jahren zum ersten Mal entdeckt habe.

Naja, notfalls kauf ich ihn mir eben ein zweites Mal. Und die offenbar sehr sehenswerte Doku „A Band Called Death“ (2012) könnte ich mir auch noch gleich besorgen.

Das letzte Wort soll aber mal wieder einem YouTube-Kommentator gehören, der über Death meinte:

They’re called Death, because they’re killin‘ it.

Ja, so kann man das auch sagen.

Warten auf den Sommer

HIT The Bassline Has Got You Covered, # 1: Summer Breeze

Es gibt viele totgespielte Klassiker, darunter ist „Johnny B. Goode“ wohl die unangefochtene Nummer eins. Im Original von Chuck Berry, danach über Jahrzehnte von unzähligen Musikern bis heute nachgespielt und im Repertoire praktisch jeder Coverband, kann ich weder Original noch Coverversionen mehr hören.

Doch abseits der (un-)toten Klassiker gibt es auch große Popsongs, die etwas weniger bekannt sind und bei denen es sich absolut lohnt, sich die eine oder andere Coverversion zu Gemüte zu führen. Ein perfektes Beispiel ist für mich „Summer Breeze“, die Nummer 13 auf der Liste der „Best Summer Songs of All Time“ des Rolling Stone. Hierzulande zwar bekannt, aber aus meiner Sicht nicht totgespielt. Hätte man die 1970er in den USA erlebt, wäre man wohl anderer Meinung.

Das Lied wurde 1972 von Seals and Crofts veröffentlicht. Im Original ein Soft-Rock-Song, der sanft dahinplätschert – mit netter Melodie, ein wenig Wehmut und einer schönen Auflösung im Refrain. Nett, könnte aber auf Dauer fad werden. Aber: Der Song erweist sich als gute Basis für griffige Coverversionen.

Mir als erstes bekannt war die Variante von Type O Negative. Das war wohl auch die Version, die ich mir bewusst zu Gemüte geführt habe. Als ich zum ersten mal „Black No. 1“ hörte, war ich fasziniert vom düsteren Sound der Band, auf der einen Seite schwerfällig und hart, auf der anderen Seite irgendwie orchestral und melodiös. Vor allem die Stimme des Frontmanns Peter Steele fasziniert und polarisiert wohl auch. Jedenfalls entdeckte ich nach der Anschaffung des Albums „Bloody Kisses“ der Band darauf noch „Summer Breeze“. Für mich der beste Track: Langsam, aber mit Wucht stampfend und irgendwie lasziv kommt diese Version daher.

Fazit: Aus meiner Sicht besser als das Original, der Song wird in ein völlig anderes Licht gerückt.

Die zweite bemerkenswerte Coverversion von „Summer Breeze“ habe ich durch einen Freund kennengelernt.

„Kennst du Jackie Mittoo, den Keyboarder von Studio One?“
Meine Antwort damals: „Nein, bitte vorstellen!“

Das Studio One ist so etwas wie das Motown von Jamaika. Die Band The Skatalites mit Keyboarder Jackie Mittoo war selbst erfolgreich und stand zugleich als Backing-Band für viele Aufnahmen im Studio, unter anderem auch bei Prince Buster.

Der schunkelnde Rocksteady-Beat projiziert das gleichzeitig wehmütige und euphorische Gefühl des Originals meiner Meinung noch passender. Der leichtfüßige Rhythmus dieser Version wird mit stimmiger Gitarre und Orgel und laid back Gesang abgerundet.
Für mich die definitive Version!

Aber am besten selbst anhören:

Und wer es grad‘ nicht im Ohr hat, hier noch zum Vergleich das Original:

O Tannenbaum, o Douglastanne! Weihnachten in Twin Peaks

HIT THE BASSLINE PRÄSENTIERT: TRACK [EP] DER WOCHE, # 30:
JHEREK BISCHOFF – CHESTNUTS ROASTING ON AN OPEN FIRE WALK WITH ME (2017)

Für manche Menschen (nicht nur für überzeugte Atheisten) soll Weihnachten ja der Horror sein. Andere wiederum verbinden mit dieser Zeit des Jahres die spezielle Magie der Kindheit, die geheimnisvolle Aura, die das große Fest damals umgab und der sie im Erwachsenenleben (mehr oder weniger erfolgreich) nachjagen. Für beide Gruppen könnte dieser Track, präziser: diese EP der Woche von Interesse sein – vorausgesetzt, sie sind Fans von Twin Peaks.

In diesem Fall wird ihnen schon der Titel der EP ein seliges Lächeln aufs Gesicht zaubern und/oder wohlige Schauer den Rücken hinunterjagen: „Chestnuts Roasting on an Open Fire Walk with Me“ hat der kalifornische Musiker, Arrangeur und Komponist Jherek Bischoff sein Werk getauft – was nicht nur einen wunderbaren Teamnamen fürs Pubquiz abgäbe, sondern auch sofort verrät, was Sache ist: Es handelt sich hier – erraten! – um sehr bekannte (mir als Nicht-Amerikaner teilweise auch unbekannte) Weihnachtslieder, die im unverkennbaren Twin-Peaks-Stil interpretiert werden.

Zugegeben, das ist zunächst einmal vor allem die skurrile Fingerübung eines Nerds [auf die mich mein popkulturell umfassend interessierter Kumpel Peter aufmerksam gemacht hat; danke dafür] und wäre früher wohl direkt im Exotica- oder Novelty-Regal gelandet. Auch Bischoff selbst beschreibt den Versuch als „dark“, „moody“ und „totally ridiculous“.

Zugleich ist das Ganze aber sehr liebevoll und detailversessen gemacht, mit offensichtlicher Leidenschaft für die dunkle Magie von Twin Peaks im Allgemeinen und die kongenialen Scores von Angelo Badalamenti im Speziellen. Bischoff ist hier nicht (nur) auf den schnellen Lacher, den billigen Effekt oder den offensichtlichen Strangeness-Faktor aus. Immerhin hat er auch das aufwühlende, verstörende und zutiefst ernsthaft gemeinte Twin-Peaks-Album von Xiu Xiu produziert (einer Band, der Bischoff früher selbst angehörte).

An dessen emotionale Intensität reichen diese Weihnachtslieder natürlich nicht einmal annähernd heran (und wollen es wohl auch gar nicht), aber reizvoll und sympathisch ist das Ergebnis allemal: Vor allem der Bass mit einer Extraportion Twang und Hall und die sphärischen Synthieflächen lassen sofort Bilder von Douglastannen, Kirschkuchen, Sägewerken, roten Vorhängen und narkotisierenden Bodenfliesen durchs Hirn flimmern. Dazu gibt es Schlittenglöckchen und knisterndes Kaminfeuer.

Das bereitet phasenweise richtig Freude – sogar bei einem zu Tode genudelten Schmachtfetzen wie „Happy Xmas (War is Over)“ von John Lennon. Da schimmert (bei mir) zwar noch der Schrecken gymnasialer Englisch- oder Musikstunden durch, doch die schaurig-schöne, dramatische Twin-Peaks-Soundästhetik deckt diesen gnädig zu wie frisch fallender Schnee. Und man könnte sich fast vorstellen, wie dazu im Double R Diner langsam und innig getanzt wird.

Bischoff zeigt keine Angst vor Kitsch und Romantik, was gut zu Twin Peaks passt. Eine der ganz großen Stärken der Serie (und von David Lynch) ist es ja gerade, in vermeintlichem Kitsch Wahrhaftigkeit und Schönheit zu entdecken. (Trotzdem ist man froh, dass Bischoff zumindest „Last Christmas“ dort gelassen hat, wo es hingehört. Weit, weit weg).

Auch das EP-Cover läutet natürlich all jene Weihnachtsglöckchen, die den konditionierten Twin-Peaks-Fan speicheln lassen, von der Wrapped-up-in-plastic-Ästhetik bis zum giftgrünen Schriftbild.

Beim finalen „Silent Night“ fällt die Adaption vielleicht ein bisschen plump aus, dafür bleibt aber die Erkenntnis, dass „Stille Nacht“ (auch in dieser Version) wirklich ein sehr schönes Lied ist. Btw, ob Gruber und Mohr heutzutage wohl Twin-Peaks-Fans wären?

Statt über diese bizarre Frage wirklich nachzudenken, wünsche ich euch, liebe LeserInnen, lieber frohe Weihnachten – und zitiere als Handlungsempfehlung ausnahmsweise mal die VICE: „Listen to it in your family home; avoid ceiling fans.“